Der Krone-Effekt

1 10 2008

Nach ein paar Tagen Blogstille, die weniger mit post-elektoraler Depression als mit den unterschiedlichen Haufen Arbeit am Desktop zu tun haben, beginne ich mit einer kleinen Serie an Einschätzungen zur Wahl.

Ich bin ohnehin der Meinung, dass es falsch ist, gleich am Wahlabend oder dem Tag danach alle Analysen und Erklärungen parat zu haben, weil es meistens nur darum geht, das zu bestätigen, was man “eh schon immer gesagt oder gedacht hat”. Ich gestehe offen, dass ich in einigen Einschätzungen daneben gelegen bin.

Wohltuend hebt sich auch Helge´s Analyse zu den GRÜNEN ab. Er hat in vielen Punkten Recht, insbesondere was die Medieneinschätzung betrifft, aber auch die Kommunikationsarbeit als Partei oder eben Mittlerweile-Zu-sehr-Partei.

Aber kommen wir zu was anderem und zugleich auch wieder nicht: Der gestrige Standard hat die Gfk Daten interessant aufbereitet und auch solche enthalten, die nicht in der Ulram/Plasser Presseaussendung drin waren. Nämlich ua. zum Wahlverhalten der LeserInnen bzw. Nicht-LeserInnen der Kronen Zeitung. Die folgende Graphik auf Basis dieser Daten zeigt,

  • einerseits den jeweiligen Anteil der WählerInnen nach unterschiedlicher Kronen Zeitungsnutzung (z.B. Exklusivleser der Krone machen 17% der Gesamtheit aus),
  • andererseits wie innerhalb dieser Nutzungsgruppen die Personen gewählt haben.

Es zeigt sich, dass die Exkusivleser der Krone überproportional SPÖ wählen (surprise surprise) und die FPÖ.  ÖVP und noch extremer die Grünen sind in der Gruppe weit unter ihren Werten. Nun hat das natürlich nicht nur mit Mediennutzung, sondern auch mit Milieu, Bildung etc. zu tun, aber sieht man sich folgende Zwischenbilanz in der subjektiven Präferenz der Krone-Berichterstattung an, ist klar, wie der Hase läuft. Das BZÖ wird z.B. nicht mehr überdurchschnittlich von Exklusiv-Krone Lesern gewählt, hat aber auch in der Berichterstattung weniger positiven Rückenwind erhalten.

Die letzte Wahlkampfwoche sowie andere Zeitungen sind noch in Auswertung., Dank an Brigitte Naderer für ihre diesbezügliche Arbeit.

Interessant übrigens in der Graphik oben ist die Kategorie Nicht-Leser von Tageszeitungen. Der hohe Wert der GRÜNEN (12%): wächst da eine Generation an InternetNewsern an, die auf das gedruckte Blatt nicht mehr angewiesen ist? Wär spannend zu wissen.

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16 responses

2 10 2008
Martin Griesser

Interessant wär natürlich auch eine Einbeziehung der Nichtwähler.
Die Presse hat übrigens im Vorfeld eine Prognose des Wahlverhaltens von Presselesern veröffentlicht.
herzliche Grüße,
Martin Griesser

2 10 2008
guensberg

ja stimmt. die nichtwähler fehlen hier.
guter punkt auch mit den presselesern, das war eine große ogm umfrage (n=2.400). die werte waren wenige tage vor der wahl:
sp: 22%
vp: 47%
fp: 13%
grü: 8%
bzö: 3%
lif: 3%

erstaunlich übrigens, die werte damals für die regelmäßigen krone-leser:
sp: 38%
vp: 19%
fp: 25%
gr: 3%
bzö_ 10%
fritz: 3%
lif: nicht über 1%
erwartete wahlbeteiligung: 76%

hohe übereinstimmung also mit den gfk daten der wahltagsbefragung.

2 10 2008
biene

ist mir ein bisschen zu platt, herr günsberg. die nichtleser können ja auch radio und tv hören. und warum immer dieser krone fokus? davon lebt der herr dichand doch. so aufgewertet wie in diesem wahlkampf wurde die krone schon lange nicht mehr. der stern der krone sinkt meines erachtens kontinuierlich. das bienchen

3 10 2008
Wahl08: Ein kleiner Rückblick | Wissen belastet

[...] in Österreich zu bestimmen und nicht nur zu beeinflussen. Siehe dazu auch die die Daten von Georg, die zeigen dass die Macht der Krone zwar groß, aber nicht unendlich [...]

3 10 2008
guensberg

@ biene: klar, ein bissl mut zur plattheit braucht´s.
übrigens: rückschlüsse hab ich daraus nicht gezogen, aber die hohe übereinstimmung zwischen “parteipräferenz der krone berichterstattung” und “parteipräferenz ihrer leser” ist augenscheinlich. sie kann im fall spö aber zweierlei heißen:
1: die spö hat der krone platz 1zu verdanken (weil sie gleichzeitig die vp runtergetragen hat)
2: die spö ist trotz massivem krone backing nicht über ca 29% hinausgekommen.
wahrscheinlich ist beides richtig und zugleich ein beweis, dass die krone eben nicht allmächtig ist.
denn ja: die ständige bedeutungszuweisung der krone in der politischen kommunikation macht auch mir bauchweh. vor dem faymann/gusi brief war das kein thema mehr. zugleich war der sp-positionswechsel in sachen eu-vertrag eine der markantesten politischen entscheidungen der letzten zeit und im verhältnis medien-politik international bemerkenswert. das kann man nicht unberücksichtigt lassen. und darum der spezifische krone-bezug.
lg g.

3 10 2008
ichwarsnicht.at

also dann: ich war´s nicht!

:)

3 10 2008
nathilion

Einziges Problem:

Fessel Gfk Umfragen sind halt nicht wirklcih ernst zu nehmen…

3 10 2008
wombat

Noch ist es aber nicht so weit, dass der Dichand die Krone trägt…
…womöglich hat die Faymann-Lobhudelei die SP etwas gepusht…aber im Endeffekt wählen durch soziale Merkmale unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Parteien UND lesen unterschiedliche Zeitungen(der zusammenhang zwischen sozialer Lage und Medienpräferenz ist noch weit stärker als zwischen sozialer Lage und Parteienpräferenz).
Dass die Krone durch spezifische Lobhudelei das Wahlverhalten verändern kann glaub ich nicht. Die Wählergruppen, die früher nicht Grün gewählt haben werden durch ein halbes Jahr positive Berichterstattung in der Krone sicherlich nicht grün wählen und ArbeiterInnen die seit einem Jahrzehnt Rot wählen hätten auch bei einer negativen Krone-Berichterstattung nicht plötzlich was anderes gewählt.
Die Werte des BZÖ sind sehr wohl üerdurchschnittlich, wenn man bedenkt dass die Bienenzüchter einen Großteil ihrer Stimmen aus Kärnten und anderen, eher ländlichen Bundesländern(Steiermark, Westösterreich.OÖ ist ein Ausreisser) bekommen hat, wo die KroneleserInnnen eher nicht zuhause sind. Von den KroneleserInnen dort hat also offenbar ein weit überdurchschnittlicher Teil das BZÖ gewählt, Berichterstattung und LeserInnenbriefbashing hin oder her.
Bei der letzten Wahl konnte man auch gut den Herrn HP Martin beobachten, der, obwohl von der Krone massiv gepusht trotzdem nur in Vorarlberg ein gescheites Ergebnis verbuchen konnte.
Interessant wär in dem Zusammenhang eine Statistik zum Wahlverhalten von z.B. MindestpensionistInnen die Krone lesen und solchen die z.B. “Kleine Zeitung” am Frühstückstisch haben.
Dass die GrünwählerInnen sich so groß im Internet informieren glaub ich eher nicht, das werden sehr viele Junge sein, die (noch) keine Tageszeitung lesen.

3 10 2008
nathilion

Übrigens: Die Mehrheit der Presse-Leser wählt Schwarz und das ganz eindeutig (haben sie sogar selbst auf der Titelseite gezeigt..)

Und jetzt?

4 10 2008
carnica

Medienanalyse hin und Wählerstromanalyse her
Die Grünen sind somit eine Partei wie jede andere. Es geht nicht mehr, wie früher, darum bestimmte Interessen zu vertreten sondern viel stärker als früher darum ausreichend Stimmenanteil zu ergattern. Genau das machen alle anderen auch. Da entsteht ein Einheitsbrei der niemanden nützt. Fragt man die Leute was sie über Grün wissen, dann kriegst die Antwort “Umweltschutz hat eh jede Partei dabei” und “die wollen alle Ausländer zu uns bringen”.
Ich denk es sollten nicht schwarze Mauern eingerissen werden oder unbedingt eine Regierungsbeteiligung angestrebt werden, sondern wie früher, als vdb die Grünen nach oben brachte wieder eine absolute Souveränität mit Themen erreicht werden. Völlig unabhängig was Medien sagen was andere Parteien machen ob Opposition oder Regierung. Der Wähler wird es danken in dem er versteht für was Grün steht.

4 10 2008
Ciano

Die vielen schönen Worte und Graphiken kann man auch unter “no-na” subsumieren.

Die meisten Kroneleser wählen SPÖ und FPÖ, damit hätten wir natürlich nicht gerechnet.

Die Aussagekraft ist leider gleich null, wenn man keine Vergleichsdaten mit den letzten Wahlen hat. Die FPÖ ist in der Krone noch nie schlecht weggekommen; die SPÖ hingegen ist in den letzten 10 bis 15 Jahren ganz klar verrissen und nicht gepusht worden, lag bei den Wahlen aber immer deutlich besser als dieses mal.

Die Mobilisierungsfähigkeit der Krone wäre ja ein interessantes Thema. Den könnte man gerade an der Berichterstattung über die SPÖ sehr gut ablesen – wenn man den Vergleichsdaten präsentieren würde.

5 10 2008
Die „Krone” als Königsmacher « Stefan Niggemeier

[...] im Blog von Georg Guensberg, aus dem ich die Statistik oben habe; dort sind auch noch mehr Zahlen darüber, wie einseitig die „Krone” im Wahlkampf „berichtete” [...]

5 10 2008
medienschelte.at » Meta: Die KRONE als Wahlhelfer

[...] detailiertere Auseinandersetzung mit dem Thema findet sich in diesem Posting von Georg Günsberg, das auch als Inspiration für Niggemeiers Eintrag gedient [...]

5 10 2008
biene

herr günsberg, wenn sie das aktuelle “live” (das magazin von “heute”) genau lesen, finden sie etwas nicht unwesentliches für ihren krone fokus. hans dichand zeigt einmal mehr, dass er mittlerweile zu einem senilen alten mann geworden ist. das bienchen ps: bitte erlauben sie mir eine anmerkung, auf ihrem blog passiert zu wenig – sie können nicht nur alle heilgen tage mal was schreiben.

6 10 2008
guensberg

hello,

@ biene: gesehen hab ich das “live” nicht, aber es wurde mehrmals in anderen medien zitiert. tja, und das mit “meinem” krone fokus ist wie gesagt gar nicht so meine intention. was die blogfrequenz betrifft, kann ich nur “aber hallo” sagen. im schnitt jeden zweiten tag was raufzustellen, ist schon ok. schliesslich hab noch ganz ein bissl andere sache zu tun. danke jedenfalls für das interesse.

@ ciano: klar ist das eine “no na” erkenntnis. es kann ja auch nicht jeder zusammenhang eine überraschung liefern. die vergleichsdaten liegen mir leider nicht vor. fänd ich auch spannend. eine anmerkung nur: während schwarz-blau wurde die fpö doch anders behandelt in der krone; und “10-15 jahre” spö verriß in der krone, teile ich auch nicht ganz. aber sie wurde halt nicht derart hofiert wie bei dieser wahl.

mit wäre der rückschlüsse, dass sich die krone anbiederung nicht rentiert hat, ohnehin am liebsten.

@ wombat: find ich interessant. ich fürchte, dass jedes sample, dass soziale oder demographische faktoren enthält (mindestpensionistin) und zusätzlich das medienverhalten (krone leser z.B.) zu klein sein wird für wertvolle information. außer es gäbe mal eine studie nur zu diesem thema.

danke für die comments!
g.

12 10 2008
Die Kronen Zeitung - nodh’s Weblog

[...] ebenso wie ich über die Kronen Zeitung denkt, kann sich mit den Statistiken der Leserbriefe, den Ergebnissen der Nationalratswahl 2008 und der arte-Dokumentation sicher gut [...]

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