Noch 99 Tage: Die 10. ASPO-International Konferenz in Wien

21 02 2012

In 99 Tagen ist es soweit. In Wien findet dann (vom 30.Mai – 1. Juni im Palais Niederösterreich) die 10.  ASPO International Konferenz in Wien statt.

ASPO, die Association for the Study on Peak Oil & Peak Gas, ist ein internationales Netzwerk nationaler Organisationen, die sich mit dem Peak Oil-Phänomen auseinandersetzen und Auswirkungen bzw. Ursachen der Ölverknappung, die Entwicklung der Energiemärkte und mögliche Zukunftsszenarien analysieren. Gemeinsam mit Michael Cerveny von der ÖGUT, die für die Gesamtorganisation verantwortlich ist, und dem Peak Oil Experten Rembrandt Koppelaar aus den Niederlanden bin auch in die Vorbereitung und Abwicklung der Konferenz intensiv involviert. Von der vergangenen ASPO Konferenz 2011 in Brüssel hatte ich auch hier auf Guensblog berichtet (“What we see is the end of growth“, “ASPO 2011“) Damals wurden wir vom ASPO International Vorstand gebeten, eine Konferenz in Wien auf die Beine zu stellen, was uns dank Zusagen einer Sponsoren erfreulicherweise auch gelungen ist. Die Internationale ASPO Konferenz wird durch die Unterstützung von Land Niederösterreich, des Dachverbandes Energie & Klima der Wirtschaftskammer Österreich, der Stadt Wien, dem Klima- und Energiefonds, Pro Pellets und IG Windkraft ermöglicht. So freuen wir uns auf die Peak Oil Größen wie Colin Campbell, viele Experten der ASPO Community und einige Energieexperten, die nicht unmittelbar mit ASPO zu tun haben. Denn unser Ziel ist die Weiterentwicklung der Diskussion.

Ich werde in den kommenden Wochen immer wieder über Highlights und Prospects der kommenden Konferenz berichten.

Zu Beginn vielleicht nur ein kurzes Streiflicht, warum diese Konferenz so wichtig ist.

Neben dem Klimaschutz und umweltpolitischen Fragen ist die Verfügbarkeit und der Preis von  Energieressourcen die zentrale Frage der strategischen Ausrichtung von Energiepolitik. Und hier hat es in den vergangenen Jahren enorme Dynamik gegeben. Wer hätte vor einigen Jahren noch gedacht, dass der Ölpreis (Brent in USD) seit mittlerweile über einem Jahr kontinuierlich über 100 USD liegt. (außer zB einige der ASPO Experten) Welche Rückwirkung hat das auf das globale Wirtschaftswachstum (und vice versa)?

Die heutige Graphik in der Presse (Daten APA) zeigt, wo wir derzeit – auch in Folge der Irankrise – stehen.

Welche geopolitischen Szenarien gibt es und welche Abhängigkeiten ergeben sich politisch aufgrund der Abhängigkeit vom Import von Öl aus Gas aus Staaten, die oft weit entfernt von demokratischen Systemen sind?

Dies wird auch eine der wichtigen aktuellen Fragestellungen sein, mit denen sich die ASPO Konferenz auseinander setzten wird.

Die Themenpalette ist jedoch breit. Wie im Programm ersichtich ist, geht es unter anderem um

  • Die Zukunft von Energieangebot & Nachfrage
  • Lessons Learned: was hat sich in 10 Jahren ASPO verändert?
  • Die Rolle von nicht-konventionellem Öl- und Gas
  • Schiefergas in Europa
  • Die Verfügbarkeit von fossiler Energie
  • Die geopolitische Perspektive der Öl- und Gasförderung
  • Ökonomische und soziale Folgen der Verknappung fossiler Energie
  • Strategische Alternativen und die Rolle der Erneuerbaren Energieträger
  • Peak Oil & Urban Design. Welche Herausforderungen und Lösungen entstehen für Städte.
  • Mögliche politische Antworten

Die Liste der bestätigen Vortragenden und Diskutanten kann sich sehen lassen. Wir freuen uns insbesondere auf die Verknüpfung internationaler Expertennetzwerke mit Akteuren aus Österreich. Mit einigen hochrangigen Speakern sind wir aktuell noch im Gespräch. Die Liste wird also noch um einige hochrangige Namen ergänzt werden.

Wer rechtzeitig bucht, kommt noch in den Genuss der vergünstigten Early Bird Registration.

 





Schiefergas in Österreich: eingezwängt zwischen mehreren Zielkonflikten

23 11 2011

Nun ist es also soweit. Mehrere Zeitungen (der KURIER online lieferte den ersten Beitrag) berichten von einem “gewaltigen Gasfeld” in Niederösterreich. Dieses “Gasfeld” ist jedoch kein herkömmliches Erdgasfeld, sondern gewonnen werden soll sog. Schiefergas (Shale Gas wie der internationale Begriff heißt; ich verwende einfach beide). In Poysdorf bei Mistelbach startet ein entsprechendes Pilotprojekt der OMV. Damit kommt eine Debatte nach Österreich, die in vielen anderen Staaten schon seit Jahren intensiv geführt wird. Vor allem in den USA, die an der Spitze der Shale Gas Exploration stehen, aber auch in einigen europäischen Staaten wie Frankreich, Deutschland oder Polen, wo gigantische Vorkommen bestehen sollen. Ich will diesen Beitrag nutzen, um eher nüchtern die mögliche Schiefergas Exploration in Österreich einzuschätzen, wissend, dass noch ein Begriff hinter Shale Gas steht, der Emotionen hervorruft: Fracking. Eine aufwendige Methode, das Gas zu gewinnen, die mit einigen relevanten Umweltrisiken und relativ hohen Kosten verbunden ist.

Die internationale Bedeutung von Shale Gas

Ganz kurz zur Erläuterung. Kaum ein Faktor hat die Prognosen des Erdgasmarktes in den vergangenen Jahren derart beeinflusst wie Shale Gas. Ähnlich wie bei Peak Oil hatten viele Staaten auch schon ihren Peak Gas. Wobei man konkret ergänzen muss, sie hatten ihren Peak Conventional Gas. Der Höhepunkt der neu entdeckten Gasfelder war weltweit bereits in den 60er bzw. 70er Jahren. Ähnlich wie bei Rohöl ging dann die Anzahl bzw. Gesamtkapazität der neuen Erdgasfelder zurück. Dies betrifft auch solche Staaten, die von Erdgas stark abhängig sind, wie etwa der größte Verbraucher, die USA (siehe Graphik) Die enormen Potentiale durch Schiefergas haben jedoch die Prognosen vor einigen völlig durcheinander gewirbelt. (im Link eine  Übersicht über die großen Shale Gas Gebiete in den USA)


Quelle: http://www.cleanbreak.ca/2011/06/13/natural-gas-climate-friend-or-enemy-depends-on-how-much-heat-youre-willing-to-tolerate/

Ähnlich wie bei Öl hängen die Zukunftsprognosen auch bei Erdgas von der Gewinnung von Unconventional Gas ab. Wobei das Unkonventionelle daran nicht das Gas selbst, sondern eben die Förderung ist. Zum Unconventional Gas gehört neben Schiefergas auch Kohleflözgas und sog. Tight-Gas, wo das Gas in Sandstein zu finden ist. In den USA macht Unconventional Gas bereits mindestens 40% der Erdgas-Gesamtproduktion aus. (inkl Kohleflözgas müssten es sogar 50% sein)
In Österreich werden derzeit rund 1,3 Mrd Kubikmeter Erdgas produziert (Ende der 70er Jahre waren es knapp 2 Mrd Kubikmeter) Der Verbrauch liegt in Österreich hingegen bei 8,5 Mrd  Kubikmeter (2008). Man sieht gleich, wie sich die Abhängigkeit Österreichs bei Erdgas ergibt. Daher ist die Überlegung, die Importabhängigkeit zu reduzieren prinzipiell nicht falsch.

Die Kehrseite der unkonventionellen Gasgewinnung: Was ist Fracking?

Das Problem ist, dass all diese unkonventionellen Vorkommen nur sehr aufwendig zu fördern sind. Bleiben wir beim Schiefergas. Es befindet ich in tiefen Gesteinslagen (4.000 – 10.000 m Tiefe) und wird mit Hilfe von künstlichem Druck aufgesprengt, sodass Risse im Gestein entstehen, damit das Gas entweichen kann. Im wesentlichen werden dafür viel Wasser, Sand und Chemikalien verwendet.
Diese Methode nennt man Hydraulic Fracturing (kurz Fracking). Die Schieferplatten sind sehr hart (härter als bei Tight Gas im Sandstein, wo Hydraulic Fracturing auch schon eingesetzt wird), was auch einen enormen Energieinput und eben diese Methode bedarf.
Der Sand und die Chemikalien sind u.a. deshalb notwendig, damit die Risse nicht zufallen bzw. später verstopfen. Das Verfahren ist übrigens gar nicht neu; jedoch hat es sich bislang nicht gelohnt, es in großem Stil für Schiefergas einzusetzen.
Schätzungen sagen, dass pro Bohrloch ca 35 Tonnen Chemikalien (darunter Toluol, Benzol und Xylol) genutzt werden, wovon viele davon toxische Eigenschaften haben. Das sog. Frack-Wasser fällt in die Kategorie Sondermüll. In den USA gab es schon eine Vielzahl an Grundwasserbeeinträchtigungen.
Und hier noch ein relevanter Punkt. Denn es ist nicht so, dass man – wie der Kurier-Titel vermittelt – ein großes Gasfeld hat, in das man eben einfach reinbohrt, sondern es sind sehr sehr viele Bohrungen notwendig. (abhängig von der Flächengröße)
Hier liegt auch eine der wesentlichen Unterschiede zu Tight Gas. Die Gesteinsschichten für Schiefergas erstrecken sich über große Gebiete, sodass auch horizontal angebohrt werden muss. Technisch machbar, aber aufwendig.

Insbesondere die Gefährung des Trinkwasser durch Chemikalien aber auch die lokalen Auswirkungen durch die aufwendigen Bohrungen führten zu Widerstand. In Frankreich hat das Parlament Ende Juni dieses Jahres Fracking verboten; erst vor wenigen Wochen wurden neue Anträge von TOTAL und anderen Unternehmen auf neue Förderstandorte für Schiefergas von Umweltministerin Kosciusko-Morizet nicht genehmigt werden.

Der Film Gasland von Josh Foy hat in den USA diesbezüglich viel zur Bewusstseinbildung beitragen. Berühmt ist die Szene, bei der durch entweichendes Gas in der Wasserleitung Feuer entzündet werden konnte. Empfehlenswert ist übrigens auch diese NANO-Sendung auf 3sat: ?101109_gasrau_nano.rm

Nun, was bedeutet die Schiefergas-Perspektive für Österreich? Vorweg: meine persönlichen Einschätzung ist, dass es noch lange dauern wird, bis es tatsächlich dazu kommt. Denn

  • erstens ist eine gewinnbringende Förderung bei den aktuellen Preisen noch schwer darstellbar;
  • zweitens hat die OMV angekündigt, auf Hydraulic Fracking wie oben geschrieben zu verzichten, sondern Schiefergas umweltfreundlich zu fördern, was aktuell meines Wissens nicht möglich ist;
  • drittens wird die Genehmigung der Förderung im großen Stil nicht konfliktfrei ablaufen.

Was schon wichtig ist, ist die Auseinandersetzung mit der österreichischen Shale Gas Perspektive. Und hier orte ich drei wesentliche Zielkonflikte:

Zielkonflikt 1 Klimaschutz: die schlechte Treibhausbilanz von Schiefergas

  Der Zufall will es, dass das Thema eine Woche vor der nächsten Klimakonferenz hoch kommt. Wenn sich niemand verzählt hat, ist es COP 17. Und zugegeben, von einer substanziellen Annäherung an eine Problemlösung ist man aktuell weit entfernt als.
Auch Österreichs Treibhausgasbilanz ist verheerend. Vom Kyoto-Ziel ist man meilenweit entfernt.

(Foto c © The Ice Bear Project Ltd)

Doch was bedeutet es für die heimische Klimabilanz, wenn Schiefergas in diesen großen Mengen gefördert wird? (präzise quantifiziert wurde ja die förderbare Menge noch nicht, außer “riiiiieeesengroß”)
Bei der ASPO US-Konferenz in Washington hörte ich kürzlich zwei interessante Experten. Robert W. Howarth und Anthony Ingraffea von der Cornell University. Sie analysierten die Schiefergas-Förderung und bilanzierten derenTreibhausrelevanz. Denn: Obwohl Schiefergas auch nur Erdgas ist, hat es aufgrund der Fördermethode deutlich höhere Emissionen, weil viel Methan entweicht. Die Autoren, die ihre Erkenntnisse in der September-Ausgabe von Nature publiziert haben, raten von einer offensiven Shale Gas Strategie ab. Die Umweltrisken seien zu hoch und die Treibhausgasrelevanz deutlich höher als bei anderen fossilen Energieträgern. Im Papier heißt es: <a href=”Methane is a major component of this footprint, and we estimate that 3.6–7.9% of the lifetime production of a shale gas well (compared with 1.7–6% for conventional gas wells) is vented or leaked to the atmosphere from the well head, pipelines and storage facilities.”
The Atlantic hatte schon im April die Daten der Studie von Howarth, Ingraffea, Engleder veröffentlicht. Sie sind für einen 20-Jahres Zyklus berechnet. Sie sind insofern erstaunlich, weil auch der herkömmlichen Erdgasförderung ein entsprechender Anteil entweichendes Methan zugeschrieben wird, was aber auch mit den in den USA verbreiteten Fördermethoden zu tun haben könnte. Bei Shale Gas ist dieser Anteil nochmals signifikant höher. Leider habe ich die Graphik für denn 100-Jahre Periode nicht. Hier ist Kohle deutlich über Erdgas; aber Shale Gas auf vergleichbarem Wert. (mit Kohle)

Ein interessanter Vortrag der beiden Wissenschafter ist auf Youtube zu finden.

Zu beantworten ist also die Frage, ob man angesichts der schlechten Treibhausbilanz Österreichs tatsächlich diese zusätzliche Emissionen in Kauf nehmen will?

Zielkonflikt 2 Energieautarkie: das war eigentlich anders gemeint

Energieautarkie ist ein zentrales Motiv für viele energiepolitischen Programme in Österreich. Umweltminister Berlakovich propagiert das Ziel, dass Österreich bis 2050 „energieautark“ sein soll. Zur Zeit liegen wir knapp über 30 Prozent. Auch viele Bundesländer setzen aktuell auf Energieautarkie-Szenarien, wobei das immer nur eine bilanztechnische Frage ist – es geht nicht um technische Autarkie, also der infrastrukturellen Unabhängigkeit vom Rest der Welt. Niederösterreich beschloss vergangene Woche den Energiefahrplan 2030. Bis 2015 will man hier 100% Erneuererbare beim Strom und bis 2020 erreichen und den Anteil der Erneuerbaren am Gesamtenergiebedarf von 30 auf 50% steigern. Burgenland wird bis 2014 100% Erneuerbare im Strombereich haben; bei der Wärme dauert es natürlich auch etwas länger. Für Salzburg präsentierte gestern der für Raumplanung verantwortliche Abteilungsleiter Friedrich Mayr den Plan, ebenso 50% Erneuerbaren Anteil bis 2020 anzuvisieren.

Und hier kommt der Punkt. Energieautarkie ist in Österreich mit dem Gedanken verknüpft den Anteil der Erneuerbaren Richtung 100% zu erhöhen. Wie passt da eine proaktive Schiefergas-Vorgehensweise ins Konzept? Man könnte natürlich argumentieren, dass Energieautarkie nicht zwingend erneuerbar sein muss. Aber war das die Idee? Ich glaube nicht.

Zielkonflikt 3 Wo investitieren: Schiefergas & Nabucco? Too much, guys.

Nun, ehrlicherweise ist das kein unmittelbarer Zielkonflikt, denn im Sinne der oben beschriebenen Ziele ist wahrscheinlich weder das eine noch das andere anstrebenswert. Aber es mag schon einen guten Grund haben, warum die – lange vermuteten Schiefergas-Vorkommen in Niederösterreich – bislang in dieser erahnten Dimension nicht an die große kommunikative Glocke  gehängt wurden. Es ist schlicht schwer zu erklären, dass man einerseits massiv in eigene Schiefergas-Vorkommen investiert, die sich nur rentieren, wenn Gas entsprechend teuer ist, und andererseits 8 Milliarden Eur in die 3300 km lange Pipeline investiert. Logisch, Nabucco dient ohnehin nicht primär dem österreichischen Markt, aber dennoch wird die Argumentation für beide Unterfangen nicht ganz widerspruchsfrei sein.

Eines beweist die aktuelle, am Beginn stehende Diskussion jedenfalls. Derartige Projekte sind nur möglich, wenn der Gaspreis entsprechend hoch ist. Damit ist zu rechnen, denn die konventionellen fossilen Energieträger werden dem steigenden weltweiten Bedarf nich folgen können und damit teurer werden.  Diese Zielekonflikte zu klären, wird entscheidend sein für die Zukunft von Schiefergas bzw. der gesamten Energieversorgung in Österreich. Es geht tatsächlich um strategische Weichenstellungen mit langfristigen Folgen.

Am Ende noch einige Medienhinweise:

Ö1-Beitrag vom 2.11.  Riskanter Rohstoffrausch. Der Streit um das Erdgas aus Schiefergestein

ORF Weltjournal, heute 23.11. zu Schiefergas





Normalität in Zeiten radikaler Brüche. Vergesst “Business-as-usual”

23 05 2011

Fukushima, Deepwater Horizon, massive Umwälzungen in der arabischen Welt… an dramatischen Anlässen gab es zuletzt keinen Mangel. Die kurzfristige Betroffenheit einer globalen Öffentlichkeit ist all diesen Anlässen gewiß. Meist nur kurzfristig. Gewöhnen wir uns einfach an alles? Wahrscheinlich zwangsläufig. Die emotionale Aufmerksamkeit muss wohl zurückgehen, allein schon aus Selbstschutz. Aber was folgt daraus? Ein paar Gedanken zwischen der großen Welt und der Niederungen hierzuland.

Was den genannten Ereignisse gemeinsam ist, ist der Bezug zur Energiefrage. Kein Wunder, dass der Rohölpreis seit über 2 Monaten kontinuierlich über 100 US-Dollar leigt.
Die Verwundbarkeit unserer Gesellschaft in der Energiefrage ist offensichtlich, und zwar einer Gesellschaft, die weitgehend relativ stabiles Wachstum, hohes Wohlstandsniveau und ein gewisses Maß an Reichtum gewohnt ist bzw. als normal betrachtet. Die diversen Krisen unserer Zeit werden jedoch den Umgang mit dieser Normalität ändern, denn ihre (durchaus vielfältigen) Ursachen gehen möglicherweise an die Quelle von Wohlstand und Wachstum.

Die Krise mit der Krise
Vor einer Woche nahm Erste Bank-Chef Andreas Treichl jene zwei Worte in den Mund, die für ca. eine Woche für eine breite Diskussion gesorgt hat: blöd und feig. Neben der Art des Statements wurde über einen Teil des Inhalts diskutiert, nämlich die tatsächlich diskussionswürdigen Richtlinien bei Kreditvergaben. (Basel III) Treichl wird aber mit noch einem Satz zitiert, der kaum für öffentliche Beachtung gesorgt hat:
Ich sehe jetzt eine riesige Gefahr dadurch, dass meine Branche relativ wenig aus der Krise gelernt hat. Denn die Chancen unfassbar schnell unfassbar viel Geld mit nicht traditionellem Geschäft zu verdienen, sind unheimlich hoch. Ich glaube, dass die nächste Krise nicht über die Immobilien, sondern über die Rohstoffe kommen wird” (Quelle Die Presse/APA)

Was bedeutet eine “nächste Krise” angesicht hoch verschuldeter Staaten und gegenseitiger Abhängigkeit in unserer Finanzgebahrung? Die Folgen der letzten Krise sind immer noch spürbar in unseren Gesellschaftssystem, siehe Budgetpolitik, siehe Griechenland, aber auch Spanien derzeit, wo viele Menschen durchaus berechtigerweise sagen: “Es reicht”.
Eine Verschärfung bzw. Wiederholung von 2008 wird Systeme zum Crash führen, und zwar auch politische Systeme.

In den letzten beiden Blogposts war über die ASPO-Konferenz in Brüssel zu lesen, wo unter anderen Jeff Rubin vor der nächsten globalen Krise gewarnt hat. Prognostizierter Zeitraum: die kommenden 12 Monate. Treichls Aussage hatte zwei Dimensionen. Einerseits: die Ressourenfrage in ihren Fundamentals. Andererseits: die kurzfristige Profitorientierung der Finanzmärkte. Treichl hatte somit eine andere Gewichtung bzw. Botschaft als Rubin. Ich will heute gar nicht bewerten, welche richtig sei oder nicht. Sehr wohl scheint evident, dass die Entwicklung der Rohstoffmärkte, des Ölpreises und der globalen Wirtschaft in einer intensiven Wechselbeziehung stehen. Die Schlußfolgerungen sind teils absurd, man blicke nur in die USA, wo aufgrund er hohen Ölpreise mit all ihren unmittelbaren Auswirkungen auf das tägliche Leben zu einem neuerlichen Change of Politics geführt hat. Es soll wieder vermehrt nach Öl und Gas gebohrt werden, sagt auch Obama.

Vereinfacht gesagt geht sich unser altes, auf billiger Energie aufbauendes Modell in dieser Form kaum mehr aus.
Was folgt aus steigender Nachfrage, sinkendem Angebot und der Abhängigkeit von unkonventionellem Öl? Ein höherer Ölpreis.
Was folgt aus der Atomdebatte nach Fukushima?
Ein höherer Strompreis.

Weitreichende Konsequenzen aus Fukushima
Die Gefahr des öffentlichen Kurzzeitbewusstsein ist, dass schnell vergessen wird. Derzeit können wir jedoch in einigen Bereichen anderes beobachten. Die Katastrophe von Fukushima lässt zentrale Akteure die Nutzung der Kernenergie tatsächlich hinterfragen.
Was in diesen Wochen in Deutschland diskutiert wird, wird tiefe Spuren zeigen. Wer Angela Merkels Interviews der letzten WOchen verfolgt hat, stellt einen deutlichen Wandel in manch ihrer Haltungen fest. (siehe dieses Zeit-Interview) Die Nuklearfrage ist zum Politikum geworden.
Die grünen Erfolge wie etwa in Baden-Würtemberg oder gestern in Bremen tragen ihren Teil dazu bei, weil die anderen Parteien sehen, dass die Menschen ihre politischen Rückschlüsse ziehen, auch an der Wahlurne. Auch bei Technologieunternehmen tut sich was: Siemens überlegt laut Handelsblatt den Ausstieg aus der Atomtechnologie.
Der Ausstieg wird den Bedarf nach neuer, zusätzlicher Energieproduktion weiter erhöhen. Die wird nicht billig sein.
Eine Politik, die wir hierzuland dem Credo “Energie muss billig sein” folgt , ist insofern unehrlich. Aufgrund der Rahmenbedinungugen und Marktentwicklung ist völlig klar, dass Energie im Falle von wirtschaftlichem Wachstum teurer werden muss.

Vergesst Eure Business-as-usual Szenarien.
Hier kommen wir zu einem Kernpunkt auch der österreichischen Energiepolitik. Ihr liegen jahrzehntelang eingespielte Business-as-usual Szenarien zu Grunde, die insbesondere auf kontinuierliche Preisentwicklungen setzen. Man geht von einem relativ stabilem Strompreis aus, leicht erhöhtem Energie- bzw. Stromverbrauch und rechnet vor, was man für neue Kapazitäten bräuchte. Das alles in relativ linearen Kurven.
Die Volatilität der Ölpreises, die Konsequenzen aus Fukushima, die Notwendigkeiten in der Klimapolitik, der auf Fundamentals aufgebaute Druck auf Ressourcenmärkte… das alles wird dabei nicht berücksichtigt.
Wo sich das wiederspiegelt? Z.B. in allen Energiestrategien oder jetzt im aktuellen Ökostromgesetz. Darauf werde ich im nächsten Posting noch genauer eingehen, aber ganz kurz: Wenn eine Fördermodell auf einem garantierten Einspeisetarif baut, das – grob gesprochen – den Förderbedarf aus der Differenz von Marktpreis und notwendigem Tarif berechnet, ist der Marktpreis unbestrittenerweise ein relevanter Faktor für die Kostenkalkulation. Gehe ich von einem niedrigen Marktpreis aus, ist der Förderbedarf hoch, sind ergo die Kosten höher. Ziehe ich hier bei den Kosten jedes Jahr einen Deckel ein, um die Errichtung neuer Anlagen zu limitieren, projeziert der Gesetzgeber Kosten für die nächsten ca 13. Jahre ohne zu wissen, wie sich der Marktpreis in den kommenden, zur Förderperiode zählenden Jahren entwickelt. Die Grundannahme, der Marktpreis bleibe in Zukunft gering, führt damit zu aktuell geringeren Investitionen. Gescheit? Nein!
Diese Methode hat zum weitgehenden Ausbaustopp für neue Ökostromanlagen geführt. So und hier kommt der Punkt: Die Kalkulation des Förderbedarf ist grundlegend anders, wenn ich einen deutlich stärker steigenden Marktpreise einberechne. 2008 – knapp vor dem Crash – war der Marktpreis z.B. kurzzeitig auf Höhe des Einspeisetarifs für Windkraft. Sowas wird wieder passieren in den kommenden Jahren.
Der Entwurf für das neue Ökostromgesetz baut jedoch auf Annahmen der Ära vor Fukushima, Deepwater Horizon und sonstiger Brücke der Jetztzeit. Fehler!

“Was ist normal?” und die Aufgabe von Politik
Insbesondere wenn sich vieles ändert, gehört es zu den Aufgaben der Politik, steuernd einzugreifen und Prioritäten zu setzen. Dazu gehört auch sowas wie ein Energiebewusstsein. Billige Energie ist z.b. stark in unserer Gesellschaft verhaftet. Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, sie sei im Stress mit der Fliegerei,weil sie dieser Tage für paar Meetings nach Bangkok fliegen müsse und doch gerade erst vom Urlaub auf den Malediven käme. No one to blame. Jedem sei sowohl Urlaub wie auch ein spannendes berufliches Umfeld gegönnt, aber es führt zur Frage: was wird als normal betrachtet in unserer Gesellschaft; und was ist Luxus. Energie bzw Treibstoff muss sehr sehr billig sein, wenn es als normal betrachtet wird, hin und her zu jetten. Ich will´s niemandem verbieten, aber es geht eben um das Bewusstsein. Um so etwas wie Energiekultur. Seid Euch einfach bewusst, dass es Luxus ist und eben nicht normal und wisst es entsprechend zu schätzen.
Denn im Gesamtsystem wird sich das irgendwie alles nimmer so leicht ausgehen.

Die Aufgabe von Politik? Prioritätensetzung!
Es gilt zu vermitteln, was ist wichtig und warum ist genau das wichtig. Und auch, warum kostet es ggbfalls mehr. Es geht darum, mit den Verheißungen der Vergangenheit aufzuhören. 1 kWh Strom leistet so viel und ist so unglaublich billig am Markt. Eine Einladung zum Energieverschleudern. Das wird´s in dieser Form bald nicht mehr spielen und der Kampf jener, die unter allen Umständen unbedingt ihr Credo einlösen wollen, dass die Liberalisiierung der Strommärkte zu einer Verbilligung geführt hat, sollen bedenken, dass sich das Umfeld geändert hat.
Möglicherweise gibt es eben wichtigeres als das Versprechen aus einer abgelaufenene Dekade einzulösen.
Wie sagte gestern eine Demonstantin in Spanien in der ZIB 1. Es geht nicht um eine der politischen Parteien, es geht um so etwas wie Werte in unserer Gesellschaft. Recht hat sie.





ASPO 2011, Teil II: Peak Cheap Oil oder “What we see is the end of growth”

1 05 2011

Mit Verspätung setze ich den kurzen Bericht über die ASPO-Konferenz in Brüssel fort. (hier Teil 1) Leider war die Zeit limitiert, um just-in-time zu bloggen. Und leider ist es auch nicht möglich, alle relevanten Infos hier zu verarbeiten.

Auch aufgrund der teils widersprüchlichen Einschätzungen, z.B. zur Rolle der Eneuerbaren im Energiemix der Zukunft. Das liegt aber in der Natur der Sache. Wer eine objektive, eindeutige Information zur Zukunft der Energieversorgung erwartet, wird möglicherweise daran scheitern. Und wer Linearität in der zukünftigen Entwicklung erwartet, übrigens noch mehr. Aber dazu demnächst noch ein Nachschlag.

Ich verspreche Teil 3, wenn alle ASPO Präsentationen online sind.

Die Krise & die Krise. Korrelation, aber auch Kausalität?

Was hatte die globale Wirtschaftskrise mit fossiler Energie zu tun? Viel. Sehr viel, sogar wenn man renommierten Ökonomen Glauben schenken darf. Und hier liegt einer der Brüche zwischen ASPO und dem medialen Mainstream bei der Einschätzung der Krise bzw. der Krisenbewältigung. Denn in den gegenwärtigen Konzepten, die den Weg aus der Krise deuten und zur Zeit tatsächlich für Entspannung sorgen, ist von der zu hohen Abhängigkeit von fossiler Energie kaum mehr die Rede. Viel haben mittlerweile vergessen, was vor dem Crash war: massiv gestiegene Ölpreise und hohe Inflation. Und tatsächlich, die Wirtschaft wächst wieder, trotz eines Ölpreises von 120 USD und mehr. Doch Vorsicht. Denn es gibt definitiv eine Korrelation zwischen Ölkrisen und den internationalen Rezessionen. Ob Korrelation gleich Kausalität bedeutet, wird eben unterschiedich gesehen. Oder wie es der angesehene Ökonom Jeff Rubin formuliert: “Every major global recession over the last forty years has had oil´s fingerprints all over it.” Sowohl der OPEC Ölschock wie auch die Krise nach dem Einmarsch des Irak in Kuwait hatte Folgen auf den Preis fossiler Energie und das Wachstum der Wirtschaft. Insb. für die USA. Das Bindeglied zwischen steigendem Ölpreis und der Krise ist die hohe Inflation. Man beachte die aktuellen Preisentwicklungen auch bei Lebensmitteln und die Inflationsrate in China (> 5%) und Indien (> 8%)
Aber die entscheidende Frage ist, welcher Ölpreis ist kritisch für die globale Ökonomie? Gibt es den Punkt, wo es kippt? Sind es 150 US-Dollar? Rubin ist überzeugt, dass die globale Wirtschaft wie wir sie kennen va eine tragende Säule hat. Öl. Oder konkret: billiges Öl. Das wird es aber nicht mehr geben, da die Ölförderung teurer wird, denn konventionelles Rohöl wird den Bedarf nicht mehr decken können. Ob wir den Höhepunkt – also Peak Oil – schon überschritten haben oder er erst kommt, ist dabei zu nicht so entscheidend. Denn die unbekanntere Größe ist das unkonventionelle Öl. Und das ist eben nicht mehr so billig zu haben.

“What we see is the end of growth”
Generell zeichnet Rubin ein düsteres Bild der Weltwirtschaft, zumindes wenn man in herkömmlichen Kategorien denkt. Er sieht die Eurozone wie sie jetzt existiert als nicht mehr lange haltbar und verweist auf den unglaublich hohen Anteil, den China an US-amerikanischen Staatsleihen hält -über 1 Billion US-Dollar. Die gesamte Auslandsverschuldung der Vereinigten Staaten beläuft sich auf rund 4,5 Billionen US-Dollar. 14,3 Billionen US-Dollar umfassen nach offiziellen Zahlen die Gesamt-Verbindlichkeiten der USA. Man könnte meinen, die USA haben derzeit ein wirklich substantielles Problem. (auch wenn Barack Obama derzeit durchaus amüsante Reden hält – wie hier kürzlich beim White House Correspondents Dinner)

Was passiert, wenn es bei 150 US-Dollar wieder kracht? Wie soll sich das alles ausgehen? Rubin, der Ökonom, kühler Rechner und wahrlich kein Öko ist, skizziert ein Bild, das stark abweicht von herkömmlichen US-Bild. Insbesondere die OECD-Staaten werden ihren Verbrauch reduzieren müssen, denn die aufstrebenden Märkte werden dies nicht tun. „But excuse me, the world doesnt grow with tripple digit oil prices“ Oder wie er pessimistisch meint:
The last recession was an energy shock. We are moving inexorably closer to another oil price induced recession. Possibly in the timeframe of 12 month.
What we see is the end of growth.”

Ist Jeff Rubin also nur einer der sogenannte Doomer? Einer, der sich am potentiellen Untergang ergötzt? Nein, seine Analyse ist eher nüchtern und als langjähriger Chefökonom der CIBC World Markets hat er anderen Background.
Ähnlich wie übrigens auch Erik Townsend, einem Investor, der auf Ölmärkte spezialisiert ist. Seiner Meinung nach hat im Mai 2005 Peak Conventional Oil stattgefunden. Die Welt hängt nun ab vom nicht-konventionellen Öl, das tief aus der Meeresboden oder z.B. aus Teersanden gewonnen wird. Der Unterschied ist die deutlich aufwendigere Gewinnung. Kalkulierte man für konventionelles Öl einen Barrelpreis von 20 USD, ist es bei nicht-konventionellem 70USD.

Game-Changing Event
Townsend beschreibt, wie die Finanzmärkte darauf reagieren. Sie fragen: Peak what? Das Thema ist auch dort nicht im Bewusstsein. Worauf der Markt schon reagiert, ist hingegen der Preis. Townsend wirft z.b. einen Blick auf die Futures. Der Markt erwartet substantiell höhere Preis als früher. Es wird jetzt schon für die Jahren 2012 – 2014 um über 100 US-Dollar/Barrel gekauft.
Townsend beschreibt unterschiedliche Phasen, z.B. ein sog. Krisenfenster zwischen 2012 und 2015. “That´s when reality hit the financial markets. Traders still don´t understand what we´re really facing.” Und zwar insbesondere dann, wenn sich der saudische Mythos von der ständigen Verfügbarkeit großer Mengen Rohöls als falsch erweist. Oder: tja, wenn die politische Situation kippt. Man lese nur die aktuellen Nachrichten.
Wir sind derzeit übrigens in der ACH-Phase. (Anything Could Happen). Möglich ist z.B. “the big sell off”, da die US-Wirtschaft sehr fragil sei. Die Situation im Nahen Osten könnte das Game Changing Event sein.
Seine Analyse, die ebenso stark aus US-Perspektive zu sehen ist: “Energy prices had a lot to do with the crisis. Unaffordable energy breaks the back of an economy.”

Betrübliche Aussichten also, mit denen wir uns auseinander setzen müssen. Nicht nur in der Energiepolitik.

Und zum Abschluss dieses Beitrags noch ein TV-Beitrag, vom australischen Sender ABC, der vor wenigen Tagen ausgestrahlt wurde und ganz gut gemacht ist. Er soll zum Verständnis für Peak Oil beitragen.
Originalquelle: http://www.abc.net.au/catalyst/stories/3201781.htm





ASPO 2011: Wo man kaum über Atomkraft spricht und doch Schlüssel zur Energiewende finden kann

27 04 2011

Derzeit findet in Brüssel die neunte ASPO Konferenz statt. ASPO ist die Association for the Study of Peak Oil & Gas. Schon einmal 2006 besuchte ich in Berlin eine ASPO-Konferenz und wohl kaum jemand außerhalb von ASPO hatte damals einen Ölpreis von bis zu 150 US-Dollar, den rasanten Abfall danach und jetzt kontinuierliche Preise über 100 US-Dollar für darauf folgenden Jahre für möglich gehalten. Manche der ASPO-Expertisen wurden früher als apokalyptisch belächelt, aber tatsächlich ist das Fundament ihrer These, nämlich Peak Oil, mittlerweile auch im Mainstream der wissenschaftlichen Diskussion angekommen. Zeitweilig auch in der Politik, aber die hat meist ein Kurzzeitgedächtnis. Dennoch sind auch bei dieser Konferenz viele unterschiedliche Meinungen, Einschätzungen und Zugänge vertreten, was durchaus positiv ist. Endlich ein Forum, wo nicht alle einer Meinung sind, sondern man evtl. sogar voneinander lernt.
Ich versuche (sofern terminlich möglich), in den kommenden Tagen auf meinem zuletzt sträflich vernachlässigten Guensblog immer wieder paar Eindrücke zu teilen. All dies sind subjektive Eindrücke und Gedanken auf Basis der Präsentationen und Gespräche hier. Also jene Sachen, die mich selbst beschäftigen, wenn ich schon die Gelegenheit habe, mit einigen dieser Topexperten Zeit zu verbringen.

Die Unterschiedlichkeit der Debatten: Atomkraft kaum ein Thema
Während man in Österreich – natürlich ebenso zu Recht – vor allem über Atomkraft diskutiert, ist hier Atom nur am Rande ein Thema. Nicht, weil das Thema nicht ernst genommen wird, aber weil ein Blick auf die Statistiken bei der Energieversorung zeigt, dass Atomkraft weltweit nur einen kleinen Teil der Energiegewinnung (ca 6%) ausmacht. Dass die Atomkraft in einzelnen Staaten natürlich schon ein Thema ist, ist grad hier Belgien oder Frankreich, die extrem nuklearabhängig sind, logisch.
Dies ist nicht nur relevant, um zu verstehen, dass Atomkraft die zentrale Energiekrise der Welt eben nicht lösen kann, sondern auch um die unterschiedliche Gewichtung der Debatte zu sehen. Für die ASPO ist die zentrale Frage, wie es mit der auf Öl, Kohle, Gas aufgebauten Energieversorgung weitergeht, wie sich Angebot und Nachfrage weiterentwickeln, welche Alternativen es gibt und wie Markteinschätzungen aussehen.
Und noch ein Thema wird angesprochen, das ebenso zuletzt aus dem öffentlichen Kurzzeit-Bewusstsein gerückt ist: der Klimawandel. Jean-Pascal van Ypersele, Professor an der Université catholique de Louvain und Vize-Vorsitzender des IPCC (International Panel on Climate Change) gab sehr betrübliche Aussichten über die aktuellen Szenarien. Das 2 Grad Ziel zu erreichen (also jene Erwärmung, die als gerade noch akzeptabel anerkannt wird, was eigentlich schon eine ethisch schwierige Definition ist) wird immer schwieriger sein. Wenn wir die CO2-Konzentration in der Atmosphäre reduzieren wollen, müssen wir die Emissionen entweder sehr bald oder sehr radikal stoppen. “We´re running out of time.”, so seine Botschaft.

Das Peak-Oil Datum ist nicht entscheidend & “All the numbers are wrong”

Colin Campbell, quasi die Peak-Oil Hoheit, hatte es zu Beginn heute gesagt: Alle Einschätzungen der vergangenen Jahren sind genau genommen nicht ganz korrekt gewesen. Auch die eigenen nicht. Schon gar nicht jene der IEA. “All the numbers are wrong. The question is by how much.” Der exakte Zeitpunkt von Peak Oil ist auch nicht entscheidend. Viel wichtiger ist es, das strukturelle Problem zu verstehen. Nämlich der Rückgang des Angebots (bei zugleich steigender Nachfrage). Wie ASPO Präsident Kjell Aleklett sagte: “Depletion is the key factor when it comes to understand peak oil
Hier nur zur Übersicht die Prognosen im World Energy Outlook zur Rohölproduktion 2030:
Woe crude oil production/history of predicitions for 2030
WEO 2004 121 Mb/d
WEO 2006 116 Mb/d
WEO 2008 106 Mb/d
WEO 2010 96 Mb/d
Folgt man der Kurve stehen im WEO 2012 86 Mb/d.

Die große Unbekannte ist “Fields yet to be found” und das “Unconventional Oil”. Hier auch der große Unterschied zwischen Aleklett und Pierre Mauriaud, einem TOTAL-Manager. Mauriaud meinte, man sollte nicht statistischen Prognosen vertrauen, sondern der Geologe und die identifziere enormens Potential. Aleklett hält dagegen, dass wir über “non-conventional” wenig wissen. Jedenfalls, dass die Förderung vergleichsweise teuer ist.

Was kann man mit 10 Milliarden US-Dollar machen?

Ja, da kann man viel machen. Ich will gar nicht dran denken, was im Bereich Erneuerbare damit geht. Oder man macht es wie die Ölindustrie und steckt 10 Milliarden US-Dollar in jeweils ein Projekt, also in die Erschließung eines (!) Deep Offshore Ölfelds. Diese Zahl nannte zumindest Jean-Marie Masset, ehemaliger TOTAL Geowissenschafter. Das erstaunliche dabei ist, dass (abhängig von vielen Faktoren wie Größe des Feldes) der Break-Even bei einem Preis von 20-70 US-D erreicht werden kann. Man sieht, was für unglaubliche Summen der Ölindustrie zur Verfügung stehen. Denn dennoch macht das aktuelle Potential der Offshore Flächen nur 5% der Gesamtkapazität (Öl/Gas) aus. Das größte Potential liegt im Golf von Mexico. Aja, Golf von Mexico. War da nicht was? Vom Deepwater Horizon-Disaster, das erst kürzlich Jahrestag beging, redet die Industrie offenbar kaum noch. Ja, es gäbe verstärkt Sicherheitsmaßnahmen und die Umwelt werde verstärkt berücksichtigt. Allerdings muss man auch dazu anmerken, dass nach Deepwater Horizon die Förderung aufgrund der Maßnahmen der US-amerikanischen Regierung zurück gegangen ist. Ein wohl temporäres Phänomen, denn die Projektionen für 2015 zeigen: es wird mit Vollgas bei der Offshore Ölförderung gerechnet.

Peak Oil & Erneuerbare: Szenarien & und der Preis als zentraler Schlüssel zur Energiewende (aber welcher Preis?)

In einer Session zu Renewables wurde von Yvonne Deng von Ecofys eine Studie im Auftrag des WWF präsentiert, die weltweit eine Energieversorgung mit 100% Erneuerbare ENergie im Jahr 2050 für möglich hält und Maßnahmen dazu aufzeigt. Die Studie steht als Kurzfassung oder als Langfassung als DOwnload bereit. Die technische Machbarkeit sei jedenfalls gegeben; Energieeffizienz & Erneuerbare sind der Weg. Aber mein Gefühl lässt mich nicht los, dass Studien dieser Art irgendwie ein Paralleluniversum darstellen. Sie sind als Vision gut brauchbar, aber sehen aus wie entkoppelt von der aktuellen Dynamik auf den Märkten. Aviel Verbruggen von der Universiät Antwerpen modellierte die unterschiedlichen Beeinflussungsfaktoren für Erneuerbare. Seine Schlußfolgerung teile ich: “The price is the major drive.” Wobei wir zwischen Marktpreis und Taxes differenzieren müssen. Jørgen Henningsen, Consultant beim European Policy Centre und viele Jahre ein zentraler Akteur in der DG Environment und dann DG Energy der Europäischen Kommission, zeigte sich enttäuscht von den völlig unambitionierten Zielen der Europäischen Union, insb. in Sachen Klimaschutz und sprach von einem negativen Effekt des Emissionshandelssystems, weil durch Überallokation und zu schwache Ziele der Preis für ein CO2-Zertifikat zu gering bleibt. Es gibt keinen Innovationsimpuls durch den europäischen Emissionshandel.
Und dann noch eine meiner Meinung nach ganz zentrale Frage. Ist der hohe Ölpreis wünschenswert im Sinne der Erneuerbaren. Ist Peak Oil gut für sie? Mein Bauch und Kopf sagte: Na Logo, eh klar. Die Experten am Podium weitgehend: NEIN! Und zwar weil der hohe Ölpreis in erster Linie Geld von ölkonsumierenden Staaten in ölproduzierende Staaten transferiere und damit die Ölwirtschaft erst Recht Geld als Investitionskapital erhalten würde. Außerdem wären ärmere Länder noch schlimmer dran. Jedoch (so mein Gegenargument): Höherer Energiepreise stellen sehr wohl einen Anreiz zum Umstieg dar und durch einen höheren Marktpreis würde auch – jedenfalls aufgrund von Mehrwert- bzw. Umsatzsteuer (sofern nicht befreit) – mehr Geld beim Staat hängen bleiben, das jener wiederum investieren könnte. Die Diskussion am Pausengang zeigte jedoch auch die sehr unterschiedlichen Steuersysteme, die ja in vielen Staaten teils extrem geringe Steuern auf Energieträger vorsehen und oft gar keine Endverbrauchsabhängigkeit gegeben ist.

In diesen Fragen liegt ein enorm wichtiger Schlüssel für die Transformation des Energiesystems.

Morgne geht´s weiter, ua. mit Jeff Rubin.

(Bilder/Fotos werden nachträglich eingearbeitet…)





Kosten oder Investition? Die entscheidende Frage zur “Photovoltaik in Österreich”

29 11 2010

Vergangene Woche hatte ich die Gelegenheit, eine Veranstaltung zur “Photovoltaik als Chance für Österreich” im Rahmen der Energiegespräche-Reihe zu moderieren. Leider komme ich erst jetzt dazu, einige meiner Eindrücke auf Guensblog zu schildern. Hierbei handelt es sich um eine subjektive Zusammenfassung der Diskussion. Und jahrelange Erfahrung zeigt, dass die Photovoltaik noch mehr als andere Themen mit Leidenschaft und polarisierend diskutiert wird. Im Gegensatz zu vergangenen Veranstaltungen war mein Eindruck aber, dass die Phase des reinen Lamentierens über die schlechten Rahmenbedingungen einem gewissen Maß an Selbstbewusstsein der Branche gewichen ist. Die internationalen Marktentwicklung hat auch in Österreich Spuren hinterlassen.

Alle Vorträge sind übrigens auf der Website des Technischen Museums bzw. der Energy Economics Group an der TU-Wien als Audiofiles und/oder PDF zum Download bereit.

Ich will nur einige der nennenswerten Punkten der Vorträge & Diskussion erwähnen:

  • Seit über 20 Jahren diskutieren wir die Photovoltaik, ihre Perspektive und politische Forderungen. Man kann festhalten, dass diese Technologie nun nicht mehr Zukunftsmusik ist, sondern in der Gegenwart angekommen ist. Hubert Fechner hat den Vergleich gebracht, dass 1992 68MW weltweit installiert wuerden. Heuer werden es wohl ca 17.000 MW sein.
    Wie die Folie von Reinhard Haas zeigt, ist Deutschland als Markt sehr dominant und das, obwohl im Rahmen des Erneuerbare Energien Gesetz der Fördertarif für PV degressiv angelegt ist. Seine These ist übrigens, dass eben genau das ein Anreiz ist, damit investiert wird.
  • Der Vergleich mit Deutschland wird in Österreich immer wieder herangezogen. Nur ein paar Zahlen zur Marktentwicklung. Die war in Österreich 2009 im Vergleich zum Vorjahr gar nicht so schlecht. Laut Markstatistik 2009 waren im Vorjahr insgesamt 52,6 MWpeak in A installiert. (davon letztes Jahr rund 20 MWp – vier mal so viel wie 2008) Mit den 3,9 Gigawatt die in Bayern mittlerweile am Netz sind (allein 1,5 GW letztes Jahr), kann man das natürlich nicht vergleichen. Wäre die Leistung der 2010 installierten deutschen PV-Anlagen in Tirol und Salzburg installiert worden, wäre die Jahres-Stromversorgung in diesen beiden Bundesländern gedeckt. Theoretisch. Aber nur als Modell: 9 Gigawatt würden in Ö 10.000 GWh/a produzieren. Der Stromverbrauch liegt in Salzburg bei ca. 4.000 GWh und in Tirol bei ca. 6.000 GWh. (Beispiel Fechner)
  • Österreichs produzierende Photovoltaik Unternehmen sind am Weltmarkt erfolgreich und sehen enorme Chancen. Österreich hat bereits heute ab der Solarzelle alle Teile der Photovoltaik Wertschöpfungskette im Land. Unternehmen sind unter anderem Blue Chip-Energy, Cellstrom, Energetica, Ertex-Solar, Fronius, Isovoltaic, Kioto Photovoltaics oder Hilber Solar. Im Bereich der Photovoltaik-Module liegt die Exportquote bei 91 Prozent. Die spezifischen Kosten bei netzgekoppelten PV-Anlagen konnten übrigens gegenüber dem Vorjahr um 14 Prozent gesenkt werden. Das Potential für Wachstum & Beschäftigung ist enorm. Was es jedoch braucht, ist ein Heimmarkt mit klar kalkulierbaren Rahmenbedingungen. Und zwar Rahmenbedingungen, die unterstützend wirken.
  • Was von der Branche gefordert wird, sind klare energiepolitische Rahmenbedingungen und Ziele, ein innovationsförderndes Umfeld, qualifizierte Arbeitskräfte und ein Heimmarkt. In einem Business-as-usual Szenario liegt der Anteil der PV an der Stromproduktion deutlich unter 1% im Jahr 2020. Die Photovoltaik Roadmap 2020 zeigt jedoch Wege, diesen Anteil massiv zu erhöhen (5 oder 8% Szeanrio)  und hat die Kosten errechnet. Die kumulierte Gesamtbelastung für alle Strom-Endkonsumenten liegt zwischen 130 und 489 Mio € im Zeitraum 2010 bis 2020. Dies bei einem Gesamtumsatz aufgrund der zu installierenden PV-Anlagen von 7,6 (im 5% Szenario) bzw.12,2 Milliarden im 8% Szenario. Insofern ist es naheliegend von Investitionen statt von Kosten zu reden.

Ebenso lang wie die Photovoltaik selbst wird auch die angestrebte Kostenreduktion und Annäherung an den Marktpreis diskutiert. Die lange diskutierte Kostensenkung dürfte vor einigen Jahren tatsächlich eingesetzt haben. Je nachdem wie sehr der Strompreis weitersteigt, wird die sogenannte Netzparität in wenigen Jahren erreicht sein. (siehe Kurve) Netzparität heißt, dass der von Endverbraucher durch PV selbst produzierte Strom dieselben Kosten je kWh verursacht wie der Bezug von einem Anbieter. (Endkundenpreis) Das heißt aber nicht, dass man einfach paar Jahre zuwarten kann, nach dem Motto “Der Weltmarkt wird´s schon richten”. Irgendwann ist man nämlich als Markt nicht nur nicht vorne dabei, sondern hat den Zug verpasst.

  • Klarerweise ist in so einer Diskussion die am Podium durch Cristina Kramer (statt dem erkrankten Stephan Schwarzer) vertretene Wirtschaftskammer Österreich in einer schwierigen Position. Innerhalb der Kammer gibt es unterschiedliche Interessen, die einerseits von der wachsenden PV-Branche noch mehr jedoch von der vor Kosten warnenden Industrie geprägt ist. Entsprechend gibt es von der WKÖ ein Comittment  zur Photovoltaik, aber große Zurückhaltung, wenn es um die Ziele für Erneuerbare Energie und Instrumente geht. Konsens gibt es jedoch auf zwei Ebenen. Erstens zur Analyse der Energiestrategie, wo sich auch laut WKÖ die Regierung bisher zu keiner systematischen und integralen Umsetzung der im März 2010 präsentierten Strategie entschlossen hat. Zweitens in der Forderung nach einem Ende der Stop & Go-Förderpolitik und dem Wunsch nach klaren Rahmenbedingungen. Die Kritik mehrere Experten, dass das 34% Ziel (Anteil erneuerbare Energie am Energieverbrauch bis 2020 ) angesichts der mitterweile erreichten knapp 30% nicht gerade ambitioniert ist, ist jedoch durchaus nachvollziehbar.

Was die Kosten betrifft, wird zu Recht darauf hingewiesen, dass sich selbstverständlich auch die anderen, weitgehend abgeschriebenen Kraftwerke wie die Großwasserkraftwerke im Preis niedergeschlagen hatten und von bezahlt wurden, nämlich ebenso vom Konsumenten. Die Folie von Reinhard Haas zeigt die Entwicklung der Stromproduktion in Österreich inkl Import und Exportquote. Das Umlagesystem, das den Ökostromzuschlag auf der Rechnung ausweist bzw. jedes mal AK und IV hochrechnen lässt, wieviel denn nun für die Ökostromanlagen “zusätzlich” zu zahlen seien, schafft nicht mehr Transparenz, sondern einseitige Argumentationshilfe. Vielleicht ist es in der aktuellen Form auch zu hinterfragen. Denn viele Preis- bzw Kosteneffekte bzw. Rückwirkungen mit dem Markt (Windfall Profits CO2-Zertifikate – siehe Haas Vortrag) sind nicht berücksichtigt und auch kaum unmittelbar berücksichtigbar.

  • Interessant ist die Auseinandersetzung mit dem Fördersystem. Reinhard Haas definierte Krierien für ein gut funktionierendes Fördersystem. Die Maximierung der Zahlungsbereitschaft, die Berücksichtigung von „Technologischem Lernen“ über dynamische Förderkomponente. Überhöhte Förderungen schaden der Akzeptanz und der Effektivität der PV-Verbreitung! Von Effizienz kann dann kaum die Rede sein. Es gibt international erprobte Förder-Strategien, die funktionieren und aus gesellschaftlicher Sicht optimale Lösungen liefern! Der breite Konsens am Podium war: “Die österreichische ist nicht dabei …” (Zitat Haas)




Hermann Scheer 1944-2010

15 10 2010

Die Energiewende hat einen ihrer wichtigsten Antreiber, Kämpfer und Umsetzer verloren. Hermann Scheer ist gestern in Berlin verstorben. Mit seinen leidenschaftlichen Reden, vielen Ideen und Aktionen, politischen Meilensteinen wie dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz war er ein ganz wichtiger Energie-Pionier der vergangenen Jahrzehnte.
Hermann Scheer war Mitglied des Deutschen Bundestages, Präsident von EUROSOLAR, Vorsitzender des Weltrates für Erneuerbare Energien (World Council for Renewable Energy, WCRE) und Träger des Alternativen Nobelpreises. Sein Kampf für die Energiewende ging über Partei- und Landesgrenzen hinaus. Erst vor wenigen Tagen ist sein neues Buch “Der energ-ethische Imperativ” erschienen. Eines von vielen Büchern, die oft Quelle der Inspiration und Information waren.
Viele Reden habe ich von ihm gehört; oft war er in Österreich zu Gast. Etwa vor einem Jahr in Eisenstadt beim BEWAG Energie-Forum, heuer im Gartenbaukino in Wien zur Präsentation des Filmes “Die vierte Revolution. Energy Autonomy” und erst vor wenigen Wochen in Graz beim grünen Bundeskongress.
Die Rede dort, die ich damals nur am livestream verfolgt hab, war ein Beispiel für seine Leidenschaft, Überzeugungskraft und rhetorische Stärke. Daher heute im Gedenken Hermann Scheer die Clips dieser Rede (in vier Teilen). Mögen seine Worte und Taten noch lange wirken:





Raus aus dem Öl? In Österreich ist das Gegenteil der Fall

9 06 2010

“BP boykottieren!” fordern derzeit viele. Ich teile die Empörung über diese in Geldmitteln nicht darstellbare oder aufwiegbare Schweinerei am Golf von Mexico. Aber nur ein leicht geschärfter Blick zeigt, dass es nicht nur um einen Big Player wie BP geht, sondern die einzige Antwort auf diese Tragödie lautet: Raus aus der Öl-Abhängigkeit! Ich halte daher bei aller Wut nichts von Boykott-Aufrufen eines Unternehmens. Sondern es geht darum, sich von diesen klebrigen Fesseln zu befreien. Es geht darum, strukturell Wege zu beschreiten, die uns von dieser Form der Energieversorgung, also den fossilen Energieträgern, loslösen. Wissend, dass das nicht in paar Tagen geht.
Die bittere Erkenntnis dieses Blogpost ist: in Österreich ist in vielen Bereichen das Gegenteil der Fall! Aktueller Anlaß: die Marktentwicklung bei Einzelöfen 2009.

Wir kürzlich Der Standard in seiner übrigens sehr lesenswerten, neuen Beilage Ökostandard beschrieben hat, ist das Zeitalter von “Easy Oil” vorbei. Die Ölförderung wird immer aufwendiger und teurer. Und es steht noch ein wichtiger Satz von ÖGUT-Energieexperten Michael Cerveny drinnen, wenn er sich auf die aktuell bekannten Daten des Deep Horizon Oil Spills bezieht: “Wir sind BP. Österreich verbraucht im Jahresschnitt zweieinhalbmal so viel Öl fürs Heizen, elfmal so viel an Treibstoffen.”

Ein guter Anlaß also, einen Blick auf einige aktuelle Zahlen zu werfen. Die soeben erschienene Marktstatistik “Innovative Energietechnologien in Österreich Marktentwicklung 2009″ (BMVIT) bietet sehr gutes Material. Neben einigen erfreulichen Entwicklungen (wie dem deutlichen Plus bei der Photovoltaik), gibt es auch Bad News.

Pellets & Wärmepumpe: leichtes Minus 2009 …
(click to enlarge. Alle Graphiken BMVIT 2010: Innovative Energietechnologien in Österreich Marktentwicklung 2009) Nach einem kontinuierlich hohem Wachstum des Markts für Biomassekessel zwischen 2000 und 2006 gab es 2007 einen Einbruch von über 60%. Ursache dafür war die Verknappung am Pelletsmarkt und entsprechende Unsicherheit von InteressentInnen.
Im Jahr 2008 konnte der Pelletsmarkt wieder relativ schnell Vertrauen gewinnen und das Niveau von 2006 erreichen. Aber was passierte 2009? “Im Jahr 2009 kam es neuerlich zu einem Rückgang des Verkaufs um 24%. Ursache dieses letzten Rückganges war allerdings das geringe Heizölpreisniveau und eine neue Investitionsförderung der österreichischen Mineralölindustrie für neue Ölkessel.”, heißt es im BMVIT-Bericht. Eine wichtige Anmerkung, denn der Pelletspreis ist stabil geblieben.
Dennoch: Wurden im Jahr 2008 11.101 Pelletskessel verkauft, waren es 2009 8.446.

Ein Blick auf die Wärmepumpe, die in den vergangenen Jahren einen starken Boom erlebt hatte und die ebenso in unmittelbarer Konkurrenz zum Öl-Einzelofen steht:

Der gesamte Wärmepumpen-Inlandsmarkt hat sich bezüglich der verkauften Stückzahlen aller Kategorien und Leistungsklassen (Heizungs-, Brauchwasser- und Wohnraumlüftungswärmepumpen) vom Jahr 2008 mit 18.641 Anlagen auf das Jahr 2009 mit 17.997 Anlagen um 3,8% verringert. Der Marktrückgang war dabei vor allem im zweiten Halbjahr 2009 zu beobachten. Die Daten sind zwar insgesamt nicht schlecht, aber dennoch gibt es erstmals Stagnation (was zu einem geringen Anteil auch mit krisenbedingt generell verringerter Neubau-Aktivität zu tun hat). Aber: zum Vergleich

… vs. Ölheizungen 2009 + 84%

Im Vergleich zu 2008 stieg der Verkauf von Ölheizungskesseln 2009 laut Angaben des Institut für die wirtschaftliche Ölheizung um 84 % an. Besonders auffallend war der Anstieg im dritten Quartal mit plus 182 %. Diese Zahlen gehen aus einer Erhebung der Kessellieferanten Österreichs hervor.
Das große Plus geht einher mit einer neuen Förder-Kampagne der Ölindustrie einher. Seit Mitte 2009 erhält man bei bei Erneuerung einer alten Ölheizung und der Umstellung auf neue Ölbrennwertgeräte einen einmaligen Zuschuss bis zu 3.000,- Euro. Innerhalb eines Jahres wurden knapp 11.000 neue Ölheizungen direkt gefördert. (also mehr als Pelletskessel insgesamt verkauft wurden)
Jetzt hat der 2009 im Vergleich zum Vorjahr geringere Ölpreis ebenso dazu beigetragen. Allerdings ist das sehr kurzsichtig. Denn on the long term wird Öl wieder teuer, was sich schon heuer wieder bestätigt.

Es ist keine Frage, dass die Umstellung von einem alten Ölkessel auf eine neue Ölheizung im unmittelbaren Vergleich Effizienzsteigerung und Emissionsreduktionen bringt. Aber im Vergleich zu erneuerbaren Energieträgern eben deutlich weniger. Und vor allem: die jetzige Umstellung manifestiert die strukturelle Abhängigkeit vom Öl für viele Jahre, eigentlich Jahrzehnte!

Das bittere daran ist: durch das Plus bei der Ölheizung (die Zeiträume sind nahezu deckungsgleich) ist auch das leichte Minus bei Pellets und Wärmepumpe erklärbar. Es gibt hier definitiv einen Zusammenhang. Und das, obwohl im Brennstoffvergleich Pellets kontinuierlich stabiler und günstiger sind. (siehe Graphik) – die Wärmepumpe ebenso.

Die Wege und Technologien um auf erneuerbare Energien umzusteigen, sind da. Insbesondere im Raumwärmebereich, und ganz spezifisch bei Einzelöfen. Wenn die Maßnahmen der Ölindustrie derart greifen, braucht es Gegenmaßnahmen. Die Branche (Pellets) hat bereits reagiert, aber es braucht auch eine klare politische Strategie, die ein Ziel verfolgt, die in allen aktuellen Spardiskussionen gar nicht vorkommt: wir müssen raus aus der Ölabhängigkeit!





“Dichte” – ein umweltpolitisch unterbeleuchteter Aspekt

26 02 2010

Diesen Beitrag habe ich – in leicht abgewandelter Form – ursprünglich auf der Plattform Sustainable Cities veröffenticht. Es ist sowohl in englisch wie auch auf dänisch erschienen.

Es geht um einen Begriff, der für Stadtplaner und Architekten selbstverständlich von zentraler Bedeutung ist; bei politischen Entscheidungsträgern jedoch kaum registriert wird. Es geht um Dichte und damit um Strukturen.
Vielleicht hilft die (noch lange nicht ausgestandene) Krise, sich mehr mit Dichte auseinander zu setzen. Ausgangspunkt der Überlegungen war die Wachstum im Wandel-Konferenz vor einigen Wochen in Wien. Die Wachstumsfrage ist derzeit allgegenwärtig. Sei es bei prominent besetzt Fachveranstaltungen wie jener des Lebensministeriums oder beim Zukunftskongress der GRÜNEN vergangenen November. Sehr empfehlen will ich die einzelnen Präsentationen der Wachstum im Wandel-Konferenz, die nun auch als Download zur Verfügung stehen. Es lohnt sich, sich durch die vielen Vorträge durchzuarbeiten, um zum Zentrum vieler ökonomischer und ökologischer Fragen zu kommen. Welches Wachstum ist nachhaltig?
Auf eine Folie will ich spezifisch hinweisen. Nina Eisenmenger vom Institut für Soziale Ökologie (IFF, Universität Klagenfurt) hat in einer hervorragenden Präsentation über Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum u.a. den Aspekt der Bevölkerungsdichte angesprochen.

Man sieht, dass in Staaten mit hoher Bevölkerungsdichte der Ressourcenverbrauch signifkant geringer ist als in jenen mit geringer Dichte. Und zwar nicht nur bei den fossilen Energieträgern. Das betrifft sowohl den Vergleich innerhalb der Industriestaaten wie auch innerhalb der Entwicklungsstaaten.
Natürlich ist der Vergleich zwischen Staaten nicht 1:1 auf die Spezifika einzelner Regionen übertragbar. Aber die Korrelation ist offensichtlich und nur logisch. Man denke nur an den Mobilitätsbereich und die Abhängigkeit vom Auto am Land bzw. im städtischen Umland, das teilweise über kaum bzw. keine entsprechende öffentliche Verkehrsanbindung verfügen (von der häufig fehlenden sozialen Infrastruktur ganz zu schweigen)

Insofern ist es erfreulich, wenn im Expertenpapier der Energieforschungsstrategie auf das Thema Siedlungsstrukturen hingewiesen wird.
Die steigenden Kosten für fossile Energie und verschiedenste in der Industrie verwendeten Erze und Mineralien werden weiter steigen. Die Märkte sind unter Druck. Die Antwort darauf kann nur sein, nachhaltige Siedungsstrukturen (Raumplanung) und lebenswerte Städte zu schaffen. Auch Lebensstil-Fragen hängen eng an der Frage der Strukturen. In den USA wird zB darüber diskutiert, ob die Lebenskultur des Einfamilienhauser in suburbanisierten Siedlungen.

Dass Dichte sehr wohl ein politischer Faktor sein kann, hat das <a href=”Ecodensity program“>Eco-Density Programm in Vancouver gezeigt. Dichte & die lebenswerte Stadt sind als zentraler Wert etabliert wurden und auch – durchaus konfliktär – diskutiert worden. Ein guter Weg auch den Carbon Footprint zu thematisicher, der in nordamerikanischen Städten meist deutlich über europäischen Staaten liegt. (siehe auch <a href=”here“>Vancouver Case aus SustainableCities)





Energierevolution ante portas: zur Energieforschungsstrategie

24 02 2010

Seit einer Woche gibt es eine neue Plattform zur Diskussion der Energieforschungsstrategie. Bis 10.März kann man online ein Expertenpapier kommentieren, Meinungen einbringen etc. Eine sehr gute Idee, wie ich meine.
Die Energieforschungsstrategie wurde vom BMVIT und dem Rat für Forschung und Technologieentwicklung initiiert und folgt dem Energie2050-Prozess. Die E2050 Website ist ein Quell äußerst spannender Information. Die Energieforschungsstrategie ist auch verknüpft mit der Energiestrategie der Bundesregierung, die seit ca. einem Jahr entwickelt wird und wo bald konkrete Ergebnisse zu erwarten sind. Leider gibt es dazu recht wenig öffentliche Information, in welche Richtung die Sache geht. Aber es besteht Hoffnung, dass man neue Wege beschreitet (siehe mediale Andeutungen von BM Mitterlehner zur CO2-Steuer)

Wer das Expertenpapier liest, merkt gleich, dass hier viel Kompetenz und Erfahrung enthalten ist. Ich will – nach einem relativ schnell Durcharbeiten der und 60 Seiten – einige Punkte aufgreifen, die mir wichtig und diskussionswürdig erscheinen. Am ersten Blick ist nämlich vieles konsensfähig, was möglicherweise nicht grad die Diskussion stimuliert.
Daher ein subjektiver Versuch der Verdichtung. Vorab sei gesagt, dass das Papier wohl alle wesentlichen Strukturen, Instrumente und Maßnahmen genau erfasst und beschreibt. Es ist auch innerhalb dieses Rahmens durchaus konsistent.

Wir brauchen eine Energierevolution.

So steht es im Expertenpapier und das ist gut so. Anlaß sind u.a. die Rohstoff- und Kostenfrage (Peak Oil ua.) und der Klimawandel. Dieses Bekenntnis ist in dieser Deutlichkeit mehr als erfreulich. Doch kommt das auch bei den politischen Entscheidungsträgern an? Die Energieforschungsstrategie könnte ein Impuls in die Richtung sein.

Mehr Budget notwendiges braucht gute Argumente in Sparpaket-Zeiten

Es wird deutlich, wie gering die Energieforschungsausgaben in Österreich sind. Knapp über 30 Millionen Euro werden für 2007 angeführt, wobei noch ein kleiner Teil in die Kernenergie fließt. (click to enlarge) Abgesehen von einem Ausreißer 2006 ist dieser Anteil in den vergangenen Jahren konstant geblieben. Es wird im Papier auch offensichtlich, wie gering der Anteil im Vergleich zu anderen Staaten ist. Die Aufstockung der Mittel wird im Papier gefordert, aber die Frage bleibt, ob der Ruf angesichts der kommenden Sparpakete gehört wird. Hier wäre eine Argumentation, warum inbesondere Energieforschung eine Investition darstellt, hilfreich.

Das Tal des Todes

Sehr richtig erkannt wird die Tatsache, dass entwickelte Technologien auf ihrem Weg zur Marktdurchdringung immer noch verhungern können, was übrigens gar nicht selten der Fall ist. Hier braucht es eine gute Verschränkung mit den bestehenden Förderinstrumenten.

Auch eine Frage der Kultur

Damit zusammenhängend: Mehrmals werden gesellschaftliche-strukturelle Punkte angesprochen, was mir spezifisch wichtig scheint. Zum einen umfasst Innovation auch soziale Innovation und nicht nur Technologie. Zum anderen ist die kulturelle Verankerung einer Technologie genau das, woran neue Energietechnologien scheitern können. Besonders die Mobilitätsfrage ist hier bedeutend. Forschung heißt nicht nur, innovative Elektromobilitäts-Technologien zu forcieren, sondern auch das Mobilitätssystem selbst und kulturelle Aspekte zu erforschen und in die Technologieentwicklung zu integrieren. Hier passiert zwar einiges, aber in der Energieforschungsstrategie könnte das noch expliziter ausgeführt werden. Richigerweise wird im Papier das eine oder andere mal auf Gemeinden verwiesen.

Auf inhaltlicher Seite wird neben dem energieeffizienten Gebäude auf die Siedlungsstrukturen verwiesen. Völlig richtig! Ein Hinweis auf Baukultur wäre ebenso gut. Es geht meiner Meinung nach um die Verknüpfung von Struktur & Kultur. (siehe Initiativen wie Landluft) Auch hier ist ein Forschungsanteil enthalten.

Was noch fehlt zur Strategie…

Abschließend zum Kern und zugleich einem Resumée: das Expertenpapier ist inhahtlich sehr gut und verdient einen genauen Blick. Aber ist es schon eine Strategie? Angesichts der geringen Mittel stellt sich die Frage, wo in Zukunft Mittel hinfließen und wo nicht. Es sind z.B fünf Forschungsfelder zusammengefasst und danach gibt es eine Auflistung und Beschreibung aller Schlüsselfelder. Die reicht von Solarwärme über fossile Kraftwerke bis hin zur Kernspaltung. Eine Strategie sollte vor allem:

  1. den Fokus legen, wo der Schwerpunkt in Zukunft liegen wird. Wo wollen wir hin?
  2. innerhalb dessen auch inhaltliche Ziele setzen. Ein Beispiel: Dass man an der Wärmepumpe weiter forschen will, ist gut und richtig. Aber das Ziel muss auch klar sein: zB. Jahresarbeitszahlen erhöhen – und zwar unter unterschiedichsten Bedinungen.
  3. Klarheit darüber schaffen, wo Mittel auch NICHT mehr hinfliessen sollen.
  4. auch bei den Entscheidungsträgern verankert werden, die ebenso einem klaren Ziel folgen. Hoffentlich trägt die Energiestrategie dazu bei.

Einige dieser Punkte sind wohl jetzt noch zu früh,weil inhaltliche Ziele dann in den Programm definiert werden, aber Fokussierungsbedarf sehe ich.

Beiträge und Kommentare sind nicht nur hier, sondern insbesondere auch auf Energieforschungsstrategie.at willkommen. Ich werde meine und noch etwas mehr ebenso dort posten…








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