Klare Verhältnisse. Über manch Irrwege und falsche Relationen in der Energiewende-Diskussion

13 03 2013

Die politisch heftig umstrittene sog. Energiewende in Deutschland hinterlässt auch ihre Spuren in Österreich. Wie schon zuletzt beschrieben wird die Debatte rund um Kosten und Barrieren des Ausbaus erneuerbarer Energie auch hierzuland genutzt, um Stimmung gegen die Energiewende im Strombereich zu machen.  Und tatsächlich ist es so, dass die Systemintegration der Erneuerbaren in die Stromversorgung einige Fragestellungen mit sich bringt, die zu lösen sind. Darum geht es in diesem Beitrag aber nicht. Sondern es geht um das Kernargument vieler Energiewendegegner, die gegen eine Kostenlawine durch Strom aus Erneuerbaren wettert.

Ein genauerer Blick zeigt, wie sehr mit einseitigen Relationen, falschen Argumenten, aber auch bewusst gesetzen Spins die Debatte beeinflusst wird. Die Diskussion orientiert sich in hohem Maße an Deutschland, wo der tatsächlich deutlich höhere Ökostromzuschlag (EEG-Umlage 5,3 ct/kWh im Jahr 2013) spürbarer ist als z.B. in Österreich. Hier sind die durchschnittlichen Kosten für den Haushalt um zwei Drittel geringer. Dennoch: mehrere Energieversorger (allen voran der Verbund), die sozialpartnerschaftlich organisierten Interessensvertreter wie die IV und die AK wettern gegen den Ökostrom als großes Kostenproblem. Schaut man sich jedoch die Verhältnisse an, sieht man, dass wir ein ganz anderes Energiekostenproblem haben als den Ökostromzuschlag. Ein Blick nach Deutschland:

Anteil der Stromkosten wie vor 20 Jahren

Wie Andreas Löschel, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg und tätig am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW), kürzlich bei einem Vortrag in Wien erläuterte, betrugen die Gesamtausgaben für Elektrizität in Deutschland (inkl Abgaben und EEG-Umlage aber ohne MWSt) im Jahr 2011 63,3 Milliarden Euro.  Dieser Betrag ist nach dem Preisverfall kurz nach der Liberalisierung der Strommärkte zuletzt tatsächlich wieder signifikant gestiegen (2012 Richtung 70 Mrd Euro), aber in Relation zum BIP liegt dieser Anteil auf ungefähr dem gleichen Niveau wie vor 20 Jahren. Löschel sieht übrigens einige Aspekte der sog. Energiewende kritisch, in diesem Punkt verweist er aber richtigerweise auf die Relationen, welche die Kostensituation deutlich weniger dramatisch zeigen als öffentlich kommuniziert wird.

Auf Seite 100 der Stellungnahme der Expertenkommission zum 1. Monitoring-Prozess „Energie der Zukunft“ ist dies graphisch erfasst:

kosten_energiewende_monitoring

Klar, dieser Anteil wird weiter steigen, aber es relativiert sich doch etwas, wenn man ständig das mediale Pauken über das Ökostromdesaster zu hören bekommt. Wir reden von aktuell 2,5% und vielleicht in naher Zukunft von 3% Anteil am BIP. Für den gesamten Strombereich!

Strom ist ein relativ kleiner Faktor bei Haushaltsausgaben

Aufgrund des ungleichen Verhältnisses zwischen Industrie und Haushalten bei der EEG-Umlage (viele Industriezweige haben Ausnahmegenehmigungen) ist es insbesondere vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Energiearmutsdiskussionen wert, einen Blick auf die Kostenstruktur von Haushalten zu werfen.

Der Monitoring-Bericht „Energie der Zukunft“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) in Deutschland hat die Verhältnisse gut aufbereitet:

Der Strompreis ist in den vergangenen Jahren für Industrie- und Gewerbekunden ungefähr gleich geblieben. (siehe Graphik). Bei Haushaltskunden hingehen ist er im selben Zeitraum von ca 20ct/kWh auf durchschnittlich 24 ct/kWh gestiegen. Man sieht also die innere Verhältnismässigkeit der Kostenaufteilung. Der Strompreis für stromintensive Industiekunden ist übrigens in den letzten Jahren sogar leicht gesunken. Insofern könnte man die Warnungen etwa der Arbeiterkammer vor Entwicklungen wie in Deutschland sogar verstehen. Wenn da nicht noch ein anderer maßgeblicher Faktor wäre:

Die Stromkosten machen bei durchschnittlichen Haushalten zwischen ca. 2 Prozent (Ein-Personen-Haushalt) und 3 Prozent (Vier-Personen-Haushalt) am Nettoeinkommen aus.  Bei einkommensschwachen Haushalten liegt der Anteil zwischen 3 und rund 4 Prozent.

Heißt das, dass die Energiekosten irrelevant sind für das Haushaltseinkommen? Nein. Denn bei deutschen Durchschnittsverdienern beträgt der Anteil der Energiekosten am Jahresnettoeinkommen zwischen 7 und 11%. Bei niedrigen Einkommen zwischen 1o und 16%. Man sieht eines wieder mal: der Strom macht den kleinsten Anteil der Energiekosten aus. Die liegen in erster Linie bei der Raumwärme und vor allem bei den Treibstoffkosten. Jeder zweite Haushalt ist in Deutschland übrigens gasversorgt. Hier die zwei dazugehörigen Graphiken, aus denen ich die oben genannten Stromanteile berechnet habe:

energiekostenanteile_durchschnitt

Hier die Graphik mit den einkommensschwachen Haushalten, ebenso aus dem Monitoringbericht der deutschen Bundesregierung.

Wie Spiegel Online kürzlich berichtet, hat sich die Situation für Öl- und Gasheizer deutlich verschärft. Haushalte, die mit Heizöl heizen, hatten 2012 die höchsten Kosten ever.

Die Verhältnisse sind in Österreich übrigens nicht unähnlich. Die Energiekosten steigen. Aber auch hier hat der Strom nur einen geringen Anteil. Und der Ökostrom-Zuschlag ist völlig vernachlässigbar. Die steigenden Kosten werden angetrieben von jenen Bereichen, die von fossiler Energie am meisten abhängig sind. Also Treibstoff und Raumwärme. Angesichts von über 700.000 Ölheizungen, die z.B. völlig unverständlicherweise  im Energiepreismonitoring der Arbeiterkammer nicht erfasst sind, ist völlig klar, worüber man eigentlich diskutieren sollte, wenn man über den Preistreiber Energie spricht.

Es wird Zeit, dem teils irrationalen und weitgehend von Eigentinteressen beflügeltem Lobbyismus gegen die Energiewende im Strombereich etwas entgegen zu setzen. Z.B. klare Verhältnisse, wenn wir über Kosten reden.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass Österreich auch einen Monitoringbericht zur Energiewende bräuchte, der von unabhängigen Fachexperten begleitet wird.





Der Shale Hype: Das Imperium schlägt zurück

29 01 2013

Wer die internationalen Medien zur Entwicklung der Energiemärkte verfolgt, wird signifikante Änderungen in der Schwerpunktsetzung festgestellt haben. Die Debatte rund um die Energiezukunft dreht sich in eine völlig andere Richtung. Schiefergas (Shale Gas) und Schieferöl (Tight Oil) geben nun den Ton an. Auch vor Österreich wird diese Trend nicht Halt machen. In diesem Beitrag geht es nicht nur um hochbrisante inhaltliche Dimension der nicht-konventionellen Gewinnung von Öl und Gas, sondern auch darum, wie sehr sie die medienöffentliche energiepolitische Diskussion beeinflusst und von den Proponenten der Energiewende keineswegs unterschätzt werden darf. Denn justament in Zeiten, wo es um massive Investitionen in die Energieinfrastruktur der Zukunft geht, ist das kein Zufall.

Terry Macalister, seit vielen Jahren beim Guardian verantwortlicher Redakteur für Energie, schrieb in einem Tweet im Dezember 2012:

“In two decades I have never come across such heavy lobbying than for shale gas. What a pity renewables cant get that financial muscle.

Und tatsächlich ist dies kein britisches Spezifikum. Shale ist international das große Energiethema. Erst vor wenigen Tagen – am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos – haben die Ukraine und Shell einen 10Mrd US-D Deal zur Gewinnung von Schiefergas präsentiert, der das Land mit dem drittgrößtem Schiefergaspotenzial in Europa erschließen soll. Die Fragezeichen, die dahinter stehen  – es beginnt ja erst die Exploration – sind nicht mehr öffentliches Thema. Shell Generaldirektor Peter Voser sagt in diesem BBC-Interview, dass man erst nach der Exploration entscheiden könne, ob die Kosten der Gewinnung überhaupt marktkompatibel seien. Ein entscheidender Punkt: denn ua durch unterschiedlichen geologische Voraussetzungen variieren die Kosten der Shale Gas Gewinnung enorm.

Die Rolle des IEA World Energy Outlook

Der World Energy Outlook 2012 der Internationalen Energie Agentur (siehe ua eine Analyse auf Guensblog) hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Zug in diese Richtung abfährt. Die Kernbotschaft wurde in die ganze Welt gespinnt: Die USA werden dank unkonventioneller Öl- und Gasgewinnung “energieunabhängig”! Dass dies bei genauer Betrachtungsweise zwar nur dank des signifikant sinkenden Energieverbrauchs zu bewerkstelligen ist, wurde kaum mehr kommuniziert. Aber dennoch sei auch an dieser Stelle festgehalten: die Trendwende in den USA ist tatsächlich bemerkenswert. Auch wenn noch nicht abschätzbar ist, wie lange diese Entwicklung anhält, so denke ich auch, dass er von Peak Oil Experten unterschätzt wurde. Hier eine Graphik der US Energy Administration zur Shale Gas Entwicklung der vergangenen Jahre:

USShaleGasProd

Die Implikation des Booms sind weitreichend. Kommuniziert werden 600.000 neue Jobs in den USA; mit Ziel 3 Millionen bis 2020. Da Erdgas in den USA billig ist, der Strompreis für die Industrie ebenso, werden energieintensive Branchen in die USA gelockt (die Voest folgt diesem Ruf); insbesondere die chemische Industrie feiert ein US-Revival, was sich auch in Anlage- und Investmentstrategien niederschlägt (siehe Welt Artikel)

Der World Energy Outlook, mit Fatih Birol als Chief Economist als wichtigsten Kommunikator, der nun wochenlang schon mit dieser Botschaft auf Welttour ist, gibt der Öffentlichkeit die Sicherheit, dass sich dieser Trend durchsetzt. Dankenswerterweise vergisst Birol nicht darauf zu erwähnen, dass wir alle Klimaziele verpassen, aber dieser redundanten Botschaft fehlt wohl die mediale Attraktivität.

Die Shale Diskussion in Europa – ist der US Boom transferierbar?

Die Schiefergasdebatte ist schon länger in Europa angekommen; es gibt in einzelnen Staaten (etwa Frankreich) Förderverbote aufgrund von Umweltbedenken (Grundwasserverschmutzung); andere wie Polen wollen bei Non-Conventionals einsteigen. Die Kommission berät heuer gemeinschaftliche Strategien.

Es wird medial großer Druck aufgebaut. Europa würde Terrain verlieren, wenn es sich den Non-Conventional verschliesst. (siehe FT-Artikel va zur Petrochemie oder Europe must be sold on shale´s merits) Auch in Österreich wird diese Meinung mittlerweile stark vertreten. (siehe ua OÖN “Österreich kann auf Schiefergas nicht verzichten oder Presse Interview mit OMV Roiss und Huijskes “In Österreich ist nicht mal Nachdenken erlaubt)” Es war kein Zufall, dass die OMV den World Energy Outlook 2012 in Wien präsentiert hat, sondern der perfekte Anlass den Shale Boom in Österreich zu platzieren.

Der Spin hat sich tatsächlich in den vergangenen Monaten gedreht. War vor einem Jahr noch von “Energieunabhängigkeit” die Rede, meinte man energieunabängig auf Basis Erneuerbare Energie. Jetzt ist dieser Begriff international vom Shale Boom vereinnahmt worden. Angesichts der gigantischen Summen, die für Energieimporte drauf gehen, kein Wunder, dass großes Thema ist. Wie ProPellets kürzlich aufgezeigt hat, importierte die Europäische Union nach Angaben der DG Energy im Jahr 2005 4.510 Milliarden Barrel Rohöl. im Jahr 2011 waren es durch Einsparungen und den Umstieg auf erneuerbare Energie nur mehr 3.870 Milliarden Barrel. Trotz der gesunkenen Menge stieg in diesem Zeitraum der finanzielle Aufwand der EU für Rohölimporte von 232 Milliarden $ auf 427 Milliarden $, ein Plus von fast 200 Milliarden $. Grund: der gestiegene Preis.

Nun ist die Shale Situation in Europa in vielerlei Hinsicht anders als in den USA. Exxon Mobile ist in Polen mit der Shale Exploration gescheitert (“no demonstrated sustained commercial hydrocarbon flow rates”/siehe FT-Artikel); die Umweltauflagen sind dankenswerterweise höher. Die Besiedelung ist meist dichter – auch in Nähe der vermuteten Shale Vorkommen. Auch die Preiszusammensetzung ist in Europa anders als in den USA. Dies alles ist sowohl in der Strategieentwicklung wie auch in der öffentlichen Debatte zu berücksichtigen. Diese Strategie braucht es auf politischer Ebene, denn was aktuell passiert, ist, dass die fossilen Multis schnell agieren und ihre Reviere sichern. (“We go where the resources are”  Peter Voser/Shell im oben erwähnten BBC Interview) Und angesichts der Tatsache, dass sich die Liste der gewinnstärksten Unternehmen der Welt wie ein Who is Who der Öl- und Gaskonzerne liest, ist klar, wie voll die Kassen gefüllt sind, um weitere Eroberungen abzuschließen. Doch wie schaut unsere Antwort darauf aus?

Was jetzt wichtig wäre:

  1. Don´t simply trust the hype! Dass der US-Shale Boom wie eine Blase zerplatzt (wie manche Experten meinen) glaube ich mittlerweile nicht. Es wird in einigen Regionen auf Teufel-komm-raus gefracked. Die Perspektive einer neuen Industrialisierungswelle ist in den USA zu verheissungsvoll. Aber dieser Weg ist nicht 1:1 transferierbar. Geologische, ökonomische aber auch politische Gründe sprechen dagegen und sind in der Analyse aber auch Berichterstattung zu berücksichtigen. Würde sich jeder industriell intendierte Medienhype schnell realisieren, müssten wir alle schon superflockigen Elektroautos rumkurven. Also: Ball flach halten.
  2. Es gibt Klarheit: Peak Oil wird das Klima nicht retten. Angesichts einer versagenden Klimapolitik war die Hoffnung da, dass die Implikationen des Peak Oil das Problem quasi von selbst lösen. Und tatsächlich ist der Peak Conventional Oil evident, ebenso wie das 4-fache Niveau des Ölpreises im Vergleich zu den Jahren vor 2008.  Aber dennoch: es ist noch genug gebundender Kohlenstoff in der Erde da, mit dem wir das Klima völlig ins Kippen bringen können. Ergo:
  3. Es braucht eine klare Priorität der Politik: Klimaschutz! Nicholas Stern, der im Jahr 2006 den weltberühmten Stern-Report zum Klimaproblem herausgegeben hat, meinte kürzlich sinngemäß: Ich hab mich damals geirrt beim Klimawandel. Es ist noch viel schlimmer als gedacht. Stern erläutert (siehe Guardian), dass wir aktuell Richtung 4Grad C globale Temperaturerwärmung hinarbeiten, was dramatische Konsequenzen mit sich bringt. Die internationalen Instrumente des Klimaschutzes versagen völlig. Der Shale Boom darf jedenfalls nicht losgelöst von der Klimafrage eingeschätzt werden. Wir haben es schlicht mit einem öffentlichen Comeback der Fossilen zu tun. (Real waren sie nie weg)
  4. Kommt es zum alten Konfliktmuster Umwelt gegen Wirtschaft? In gewisser Weise ja: viele der unkonventionellen Fördermethoden gehen mit massiven Umweltauswirkungen (neben dem Klimawandel) einher. Sei es durch den Einsatz von Chemikalien, gigantischem Wasserverbrauch aber auch durch die Erschließung neuer Gebiete – Stichwort Antarktis. Es braucht eine klare Trennlinie und NoGo´s, die Natur- und Umweltschutz voranstellen. An dieser Stelle sei auch auf den sehr gut aufbereiteten Greenpeace Bericht “Point Of No Return” verwiesen.
  5. Dem medialen Zerrbild etwas entgegen setzen: Was kostet welche Energiewende? Schiefergas billig – Erneuerbare teuer. So ist zur Zeit das mediale Abbild. Und es ist falsch. Wie der World Energy Outlook 2012 gezeigt hat, sind 2011 88 Milliarden US-D an öffentlichen Subventionen in Erneuerbare Energie gegangen (+24% im Vgl zu 2010) und 523 Milliarden US-D an öffentlichen Förderungen in fossile Energie (+30% im Vgl zu 2010). Auch die Diskussion zur Energiewende in Deutschland ist stark davon geprägt, dass die Ökostromumlage weitgehend dem Haushalt überantwortet wird. Es braucht Kostentransparenz. Es sind die fossilen Energieträger und eine verschwenderische Energiekultur, die Energiearmut forciert und zu hohen Kosten führt.
  6. Die Energiewende als kulturelles Projekt: Die Energiewende ist  mehr als der einfache Austausch von Energieträgern im selben System. Es geht auch um einen kulturellen Wandel, der den Verbrauch wieder stärker ins Zentrum rückt und der dezentralen Produktion mehr Bedeutung einräumt. Die Energiewende ist nicht von oben verordnet; sie geht von den Menschen selbst aus, die ihrerseites unabhängiger werden wollen und einen Beitrag für eine saubere zukünftige Energieversorgung leisten wollen.  Die vielen BürgerInnen-Beteiligungsprojekte sind ein gutes Beispiel dafür.
  7. Capacity Building: Österreich ist zwar in einer privilegierten Situation, weil die Erneuerbaren nicht nur das Rückgrat der Stromversorgung bilden, sondern auch auf hohe Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen. Dennoch hat man zur Zeit den Eindruck, dass es kaum eine politische wie auch Kommunikationsstrategie gibt, wie man auf internationaler Ebene der enormen Dynamik am Energiemarkt gerecht werden kann. Es ist wichtig, dem aktuellen Medienhype auch kritische Analyse entgegen zu halten. Sei es aus den konventionellen Institutionen heraus oder auch durch neue Akteure.
  8. Es braucht eine Strategie zur enormen Dynamik am Energiemarkt. Shale Hype, Ökostrom Boom, geopolitische Verschiebungen, Klimakrise. Man hat den Eindruck, dass die Politik diesen Trends, die tatsächlch viel Veränderbarkeit mit sich bringen, ohne klare Strategie gegenüber stehen. Dabei haben die Erneuerbaren in den vergangenen Jahren enorm viel erreicht. Auch in Österreich. Die Vorteile der erneuerbaren Energiewende liegen auf der Hand: Klimaschutz, regionale Wertschöpfung, Beschäftigungspotenzial, mehr Unabhängigkeit.Es wird jedoch noch mehr Dynamik kommen. Innovative Speichertechnologien, effizientere Verfahren, Siedlungsentwicklung, neue Marktmodelle – durch eine Fortschreibung der gängigen Konzepte werden wir den Weg in eine nachhaltige Energieversorgung verpassen. Wir müssen schneller und in der Analyse besser werden. Das ist Aufgabe der Politik, aber auch der öffentlich agierenden Institutionen. Sonst haben andere das Heft in der Hand. Mit Eigeninteressen. Die Energiefrage ist aber viel zu wichtig, um sie Eigeninteressen anderer zu überlassen.




Steht die Ökostromgesetz-Demontage bevor? Ein typisches Beispiel österreichscher Interessenspolitik.

31 07 2012

Vorweg, dieses Posting ist schnell und kurzfristig geschrieben; man möge mir einen Mangel an Elaboriertheit und Flüchtigkeitsfehler verzeihen.

Aber dieser Kurier-Artikel “Ökostrom: Laute Kritik an zu hoher Förderung” offenbart Ärgernisse. Schon zuletzt hat sich nach Interviews von Energieregulator Walter Boltz angekündigt, dass etwas im Busch ist. Zur Erinnerung mein damaliger Beitrag zum Argument “Preistreiber Energiewende“.

Es regen sich derzeit – offenbar unmittelbar vor Festlegung neuer Einspeisetarife für Ökostromanlagen – mehrere Stimmen aus E-Wirtschaft und E-Control, die das Fördersystem des Ökostromgesetz massiv kritisieren und neu aufstellen wollen. Es sei zu teuer, man solle auf Investitionsförderungen statt der bewähten Einspeisetarife umsteigen und Verbund-Chef Anzengruber will überhaupt ein Quotensystem für Energieversorger und kein Fördersystem mehr.

Dazu muss wissen: Die dafür verantwortliche Rechtsgrundlage, das aktuelle Ökostromgesetz 2012, ist gerade mal vier Wochen in Kraft! Vier Wochen! Und schon wird dran herumgezerrt. Es ist bemerkenswert, dass manche, die immer nach Investitionssicherheit rufen, wenn es um eigene Interessen geht, sofort und unmittelbar an jenem Gesetz rütteln, dass Ökostromanlagenbetreibern nun mehr Planungssicherheit gibt.

Auf die lange Geschichte des Ökostromgesetzes, das auch mein Leben schon über 13 Jahre lang begleitet (im on-off Modus wie das in wilden Beziehungen eben so ist) , bin ich vor einem Jahr in dieser Analyse zum aktuellen Gesetz eingegangen. Das ÖSG 2012 kann sich als wichtiger Meilenstein der Umwelt- und Energiepolitik herausstellen, da es einen massiven Ausbau von Strom aus erneuerbaren Energieträgern bringen wird. Es schreibt verbindliche Mindestziele vor und beinhaltet weitgehend die Instrumente, die es für die Erreichung braucht. Es ist nicht perfekt, aber ziemlich gut und vor allem deutlich besser als die Ökostromgesetze davor. Es kann aber auch zum Rohrkrepierer werden, wenn wenige Tage nach Inkrafttreten maßgebliche Akteure an dessen Demontage arbeiten. Wenn es so läuft wie zuletzt geplant, werden wir die Ziele in der Windkraft und Photovoltaik aufgrund der günstigen Marktentwicklung sogar übertreffen können. Und das ist gut so! Aber stört einige.

Ein paar Gegenargumente zu den derzeit meist gehörten Argumente der Ökostrom-Gegner:

Ökostromförderung: Umstellung von Tarif auf Invest wäre Bremsklotz für Ausbau

Im Kurier-Artikel steht geschrieben, dass die E-Control die Ökostrom-Förderung auf eine Investitionsförderung umgestellen wolle. Das mag in einzelnen Bereichen  – bei entsprechender Budgetierung! -  zweckmässig sein. Etwa bei kleinen oder gewerblichen Photovoltaikanlagen, wo es auch sinnvoll ist, dass der Strom idealerweise selber vor Ort genutzt wird und nur der Überschuss eingespeist wird (der dann aber ebenso mit fairen Tarifen vergütet werden sollte – hier wäre ein wichtiger Zukunftshebel!)

Aber die geplanten Investitionen bei der Windkraft, großen PV-Kraftwerken, Biomasse-KWKs, die über mehrere Jahre gerechnet in Summe Milliardeninvestitionen sein werden, anteilig sofort aus öffentlichen Mitteln zu finanzieren, lässt die Kosten für den kurzfristig Fördergeber enorm in die Höhe steigen. Wir reden dann nicht von durchschnittlich 35 Eur/Jahr für den Haushalt, sondern von kurzfristig mehreren hundert Euro pro Haushalt. Die Folge wäre: eine massive Deckelung und ein sehr großer Bremsklotz beim Ökostromausbau.

Dass ausgerechnet die Förderung kleiner PV-Anlagen durch den Klimafonds als Vorzeigebeispiel genannt wird, ist absurd. Da diese Förderung in einigen Bundesländern innerhalb weniger Minuten ausgeschöpft ist und die Nachfrage bei weitem nicht abgedeckt werden kann, sondern viele enttäuschte Erwartungshaltungen investitionsbereiter Betreiber (meist Privatpersonen) zurückbleiben, ist dies definitiv nicht in großem Stile nachahmenswert. Zudem schafft die Investförderung weniger Garantien für einen entsprechend langen Betrieb der Anlagen.

Der irrwitzige österreichische Umgang mit eigenen Zielen
Wie gesagt, das Ökostromgesetz legt für die einzelnen erneuerbaren Energieträger Mindestziele fest. Und zwar nicht prozentuell, sondern in MW, was ich für sehr wichtig halte. An diesen Zielen haben sich die entsprechenden Instrumente zu orientieren, also auch die Tarife. Was ist daran so schwer? Eigentlich nichts. Wie kann es dann sein, dass sofort nach Inkrafttreten des Gesetze, Pläne geschmiedet werden, diese Ziele zu konterkarieren? In diesem Fall durch E-Control Boltz und durch Teile der E-Wirtschaft. So oft höre ich genau aus diesem und dem Industriebereich, was für ein Blödsinn denn die Kyoto-Ziele gewesen seien. Ja, wenn ich als Interessensvertretung gleich die Umsetzung der festgelegten Ziele konterkariere, ist es ja kein Wunder, wenn wir unsere Ziele nie erreichen. Politik ist in diesem Land wirklich ein seltsames Wesen.

Decoding Mellach
Mellach kommt nun häufig als Argument für die böse Energiewende. Diesbezüglich habe ich schon zuletzt argumentiert, dass das Problem für die Wirtschaftlichkeit Mellachs nicht die Erneuerbaren sind, sondern die teureren Gasimporte. Gas wird teurer, insbesondere bei den langfristigen Lieferverträgen. (Russland; der Spotmarkt ist aktuell deutlich günstiger) Willkommen in der Welt fossiler Abhängigkeit.

Da nun aber immer öfter geschrieben wird, dass Mellach dazu diene, als Kompensation für den schwankenden Wind- und Solarstrom einzuspringen und auch im Sinne der Erneuerbaren einen Beitrag darstelle, lege ich hier gerne nach. Das 850MW- Riesenkraftwerk war immer ein riskantes Projekt. Ich erinnere an Aussagen des langjährigen Verbund-Vorstands Michael Pistauer: “Wir haben nie gesagt, dass wir Mellach tatsächlich bauen werden. So wie es jetzt aussieht, rentiert sich das Gaskraftwerk nicht.” (…)  Derzeit liege der Großhandelspreis für Strom bei 32 Cent je Kilowattstunde, um die Investition rentabel zu machen, seien aber 40 Cent notwendig.” [Anm. 01.08.2012: gemeint müssen 3 bzw. 4 Cent/kWh sein] Quelle: Wiener Zeitung, 30.03.2005. Lang lebe das Archiv. Und hier ein Blick auf den Großhandelspreis für Strom in den vergangenen Jahren:

Quelle: E-Control bzw. EXAA

Man sieht, der Spotpreis für Strom ist aktuell immer wieder unter 40,-/MWh. Auch das gehört zum unternehmerischen Risiko.

Klar hat man vor einigen Jahren die Entwicklung der erneuerbaren Energien am Strommarkt unterschätzt, aber es ist nicht so, dass damals niemand einen entsprechenden Trend vorhergesehen hätte.

Es spricht meiner Meinung nach einiges für effiziente Gas-KWK-Anlagen, die Kohle und Öl ersetzen, wie das teilweise im Falle Mellach argumentierbar ist. Aber die aktuelle strategische Argumentation zu Mellach, dass eigentlich die Erneuerbaren am möglichen wirtschaftlichen Misserfolg von Mellach schuld sei, ist irreführend und meiner Meinung nach falsch!

Strategieschwäche der Energiepolitik - Weg mit ideologischen Scheuklappen bei Biomasse
Tatsächlich ist die Frage, wie die Verstromung von Biomasse und Biogas zu bewerten ist, inhaltlich nicht unheikel. Es ist auch Zeit zu sagen, Ja, man hat die Entwicklung vor einigen Jahren anders eingeschätzt, was die Brennstoff- und Logistikkosten (va feste Biomasse) betrifft und Ja, es sind einige Anlagen den Bach runtergegangen. Experten aus der Branche sagen mir, dass es zu massiven Fehlplanungen gekommen sei, die man teilweise korrigieren kann; teilweise auch nicht.

Wo könnte Politik ansetzen? Genau in der Analyse der Fehler, dem Entwickeln von Learnings und den Herausarbeiten einer Strategie, die den Fokus festlegt, wo und wie Biomasse und Biogas in der energetischen Nutzung sinnvoll sein werden. Das inkludiert neben der Stromproduktion auch die Wärmeerzeugung und bei Biogas die Nutzung als Treibstoff. Davon ist all den Argumenten zu den Tarifen wenig zu hören. Ich kann Martin Grafs (E-Control) Argument verstehen, wenn er im Kurier sagt: “”Müssen wir wirklich jede Anlage retten, koste es was es wolle?” Die Frage ist mehr als legitim.

Zu sehen sind jedoch tief verankerte ideologisch geprägte Muster. Spricht man mit der SP-Seite, heisst es “Das ist ja nur eine Bauernförderung der Agrarlobby”. Auf VP-Seite hört man oft unglaubliche Szenarien, wieviel die Biomasse als Energieträger abdecken kann und verweigert sich häufig der Tatsache, dass es Fehleinschätzungen gab.

Die ideologischen Scheuklappen gehören runter, denn der differenzierte Energiemix der Zukunft braucht eine entsprechende Strategie. Das bestehende Ökostromgesetz, das für Biomasse und Biogas übrigens keine übertriebenen Mindestziele festgelegt hat sondern Spielraum lässt, ist dafür eine entsprechende Säule. Eine schleichende Demontage wäre ein herber Rückschlag.

Es heisst jetzt: im Sinne der Energiewende dagegenhalten. Dann erreicht Österreich vielleicht auch mal die eigenen, gesetzlich festgelegten Mindestziele.





Boom or doom? Oder irgendwas dazwischen… Teil 1 der ASPO-Nachlese

6 07 2012

5 Wochen nach der ASPO-International Konferenz in Wien, dem weltweit größten Treffen von Peak Oil ExpertInnen im heurigen Jahr, ist es Zeit für eine Nachlese. Denn in den vergangenen Wochen hat sich die Diskussion um das Maximum der Ölförderung noch einmal verschärft; man könnte sogar konstatieren, sie ist in der Bewertung von Peak Oil und der zukünftig förderbaren Ölmengen in einer entscheidenden Phase.

Neben der medialen Berichterstattung zur Konferenz (einige Beispiele sind hier zu finden) sei voran noch eine Übersicht zu Blogbeiträgen gestellt, die sich mit der Konferenz auseinander gesetzt haben. Erfreulich, dass der kritische Diskurs durchaus weitergeht.

Steht ein neuer Ölboom bevor?

Diverse Berichte und Beiträge vermitteln derzeit, Peak Oil sei eine These gewesen, die sich als unrichtig herausgestellt hätte. Eine Steigerung der Kapazitäten (die auch eine entsprechende Nachfrage abzudecken hätte) sei ohne weiteres möglich sei.

George Monbiot meint im Guardian überhaupt “We were wrong on peak oil. There’s enough to fry us all”. (Eine deutschsprachige Übersetzung gibt es dazu auf www.freitag.de) Er bezieht sich dabei auf einen Bericht “Oil – The Next Revolution” von Leonardo Maugeri, Senior Fellow der Harvard University (John Kennedy School, Belfer Center for Science and International Affairs) und langjährigen ENI-Manager. Demnach sei es kein Problem, die heutige Ölfördermenge von knapp über 90 Millionen Barrel Tagesproduktion auf über 110 Millionen Barrel Tagesproduktion bis 2020 zu steigern. Voraussetzung dafür sei ein Ölpreis von 70 US$ pro Barrel. Es sei nur eine Frage von Technologie und Politik. Aus Sicht Maugeris hätten die Beschränkungen der vergangenen zehn Jahre mehr finanzielle als geologische Gründe gehabt.  Aber die hohen Preise der vergangene paar Jahre hätten die Investitionsbereitschaft erhöht und damit neue Potentiale erschlossen. Neben dem Irak wird insbesondere in den USA ein neuer Ölboom beschrieben, der auf den unkonventionellem Öl, vor allem Schieferöl basiert. Monbiots Schlußfolgerung: “Es befindet sich genügend Öl unter der Erdoberfläche, um uns alle zu frittieren, und es gibt kein Mittel, um Regierungen und Industrie davon abzuhalten, es dort rauszuholen.

…oder ist es nur der neue Spin des fossilen “Technology will fix-it” Mainstreams?

Dem stehen viele kritische Stimmen entgegen. Richard Heinberg schreibt etwa über den Peak Denial. Einige Fakten seien schlicht nicht zu leugnen. Etwa die deutlich gestiegenen Preise für die Ölexploration und Rohöl selbst. Die größten Ölfelder, die immer noch 60% der weltweiten Rohölproduktion ausmachen, sind alt und eine Verringerung ihrer Produktionskapazität unausweichlich. Die neu entdeckten Ölfelder sind bei weitem nicht in der Lage, einen entsprechenden Rückgang zu kompensieren. Eine gute Zusammenfassung über diese Peak Oil Kernargumente bieten die ASPO-Vorträge der ersten Session von Kjell Aleklett und ex-BP Petroleum Ingenieur, Jeremy Gilbert. Siehe links eine der Illustrationen von Olle Qvennerstedt aus dem Aleklett Buch.

Jeremy Leggett, Mitglied der UK Industry Taskforce on Peak Oil and Energy Security, argumentiert in einem Guardian Gegenbeitrag zu Monbiot, dass es ein grundsätzliches Missverständnis sei, zu glauben, dass es bei Peak Oil in erster Linie um die Gesamtmenge ginge, die noch in einem Ölfeld zu vermuten sei. Viel mehr ist die Durchflußmenge, die aus den Ölfeldern gewinnbar sei, entscheidend. Wie hoch kann die tägliche förderbare Menge gehalten bzw. erweitert werden? Und zu welchem Preis? Er argumentiert, dass die Akteure im ASPO-Netzwerk selbst ja meist aus der Ölindustrie kommen und nun offener über die Problemlage sprechen könnten. Der Zugang zu gesicherter Information ist im Ölmarkt schwierig und Misstrauen höchst angebracht. Also kein Grund zu Optimismus für die Öl- und Gasindustrie.

Offensichtlich sind übrigens auch die Preisverschiebungen und eine deutlich gestiegene Volatilität. Vor 10 Jahren war die Weltwirtschaft 20-25 US-Dollar pro Barrel Rohöl gewohnt. Jetzt schreiben schon viele Medien von einem beispiellosen Sinkflug, wenn wir mal  unter 90 US-Dollar landen. Vielleicht ist dies aber auch nur ein Beispiel für die Kurzfristigkeit des Markt- und Mediendenkens. Aber dieser Shift ist nicht zu leugnen.

“All numbers are wrong: that much we know…

The question is: how wrong?” Diese ältere Zitat von Colin Campbell zeigt auf welchen unsicheren Boden sich auch Experten bewegen. Insofern geht es auch nicht darum, wer nun recht hätte. Die Welt und damit auch die Information über sie entwickelt sich ständig weiter. Es ist kein Wunder, dass sich die Prognosen auf allen Seiten laufend verschieben. Insofern ist das Duell zwischen Leggett und Monbiot eigentlich nicht derKern. Dennis Meadows hatte bei der ASPO-Konferenz völlig recht, als er sagte, dass jeder zur Bestätigung seiner These immer neue Daten finden könne, aber dass es darum nicht ginge. Es geht nicht mehr darum, vor Peak Oil zu warnen, sondern zu einem besseren Verständnis beizutragen, um Gegenstrategien -und maßnahmen zu entwickeln. Hier das Video der bemerkenswerten Diskussion bei der ASPO-Konferenz zwischen Kjell Aleklett, Jeremy Gilbert, Dennis Meadows und Nebosja Nakicenovic (IIASA, TU-Wien, Global Energy Assessment)

Es ist genug unter der Erde…

Eine realistische Einschätzung der Non-Conventionals ist nicht leicht, weil mit sehr unterschiedlichen Annahmen gerechnet wird. Wer die  Präsentation des schottischen Energieexperten und Oildrum Autoren Euan Mearns sieht, kommt zum Schluß: es ist genug fossiles Material in der Erde, das grundsätzlich für die energetische Nutzung gewinnbar ist.

Aber der fundamentale Wandel ist, dass nicht-konventionelle Quelle wie Ölschiefer, Schiefergas, Teersande etc. ökonomisch aber auch in ihrer geologischen Charakteristik völlig anders zu beurteilen sind als konventionelles Erdöl und Erdgas. Die Gewinnung selbst ist deutlich teurer, die Förderkurve ist unterschiedlich (sie fällt bei Shale Gas teilweise rapide ab nach dem Fördermaximum), der Energy Return On Investment (EROI) ist deutlich schlechter, was bedeutet: Wir werden immer mehr Energie brauchen, um neue Energie zu produzieren.

Der “große Goldrausch” in den USA (siehe den äußerst sehens- und hörenswerten Vortrag von Arthur Berman) aber auch Teilen Europas zu Shalegas, der zur aktuellen Euphorie führt, ist geblendet vom Wunsch nach kurzfristigem Profit. Aber langfristige Versorgungssicherheit ist dadurch noch nicht absehbar. Dass dabei über Umweltinteressen hinweg gefahren wird, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

…aber das Problem liegt oberhalb.

Auf die Frage, ob die Non-Conventionals letztlich ein Gamechanger sein können, meint Mearns: “Peak cheap oil was the game changer. Unconventional oil and gas production is the system response to the new game.”

Daher ist es verantwortungslos, dem Mainstream der Öl- und Gascompanies blind zu folgen. Auf den bestehenden Daten über nicht-konventionelles Öl- und Gas kann aktuell noch keine langfristige Strategie aufgebaut werden. Wie Nebojsa Nakicenovic ausführt, braucht es in der aktuellen Transformationsphase politisch notwendige Langzeitentscheidungen, was bei der enormen Preisvolatität der auf Fossilen aufgebauten Energiemärkte extrem schwierig ist. Es geht nicht um ein bisschen hier und bisschen dort, sondern um echte Transformation. Denn richtigerweise sieht er in erster Linie den Klimawandel als Kernargument, den es zu bekämpfen gilt (was manche im ASPO-Netzwerk anders sehen)

Unser Planet ist kein Spielplatz.

Wie ich schon im Posting vor der ASPO-Konferenz beschrieben habe, ist es Michael Cerveny (ÖGUT) und mir bei der Organisation der Konferenz nicht darum gegangen, auf die  Frage nach dem “WANN kommt Peak Oil” zu fokussieren, sondern viel mehr die Struktur der Energieversorgung noch besser verständlich zu machen, die Unwägbarkeiten und Risiken zu thematisieren, und mögliche  Strategien und Wege zu beschreiben.

Die hohen Öl- und Gaspreise der vergangenen Jahre haben stark zu einem Bewusstseinswandel beigetragen, der letztlich auch den politischen Wunsch bestärkt hat, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern  zu reduzieren. Es braucht ohne Zweifel Strategien, die eine signifikante Reduktion des Ölanteils und letztlich ein nahezu Phase-Out von Öl bewirken. (siehe Nakicenovic) Der Klimawandel ist der wichtigste Grund dafür, aber nicht der einzige. Die Unsicherheiten der Öl- und Gasversorgung mit allen umweltbezogenen Konsequenzen (Fracking etc.) gehören weiterhin dazu genauso wie die geopolitischen Facetten (siehe nächster Teil der ASPO-Nachlese)

Oder wir Richard Heinberg in seinem Beitrag “Peak Denial” so schön geschrieben hat:

The Peak Oil debate is not a sporting event. What matters is not which side wins, but what reality awaits us.”





Preistreiber Energiewende?

26 06 2012

Einer der beiden E-Control Geschäftsführer, Walter Boltz, hat im heutigen Wirtschaftsblatt ein Interview gegeben, indem er der Energiewende für angesagte +25% Strompreis in den nächsten Jahren die Schuld gibt. Da dieses Interview in vielen online Medien übernommen wurde (sehr groß auf orf.at “Energiewende verteuert Strom“, auch news.at “Preistreiber Energiewende”) möchte ich einige Gegen- bzw. Zusatzbetrachungen einbringen.

Nun, in der prinzipiell Aussage, dass Strom teurer werden wird, ist Boltz gar nicht zu widersprechen und auch, dass die Transformation in die erneuerbare Energiezukunft dafür mitverantwortlich sein wird, ist korrekt. Dennoch ist die Argumentation von Boltz sehr einseitig und unpräzise, denn wesentliche Faktoren blieben dabei unberücksichtigt.


Vorweg: die Kosten für Ökostrom sind 2011 gesunken!

Ja, das mag gleich einige überraschen. Aber der Finanzierungsbeitrag aus dem Ökostromgesetz, der sich aus der Differenz der festgelegten Einspeisetarife für Ökostromanlagen und dem Marktpreis ergibt, hat sich 2011 reduziert. Und zwar von 348 Millionen Euro auf 297 Millionen Euro. Der Grund dafür ist in erster Linie der höhere Strommarktpreis gewesen, der eben die Differenz zum Finanzierungsbedarf verringert. Vergleicht man die vergangenen 5 Jahre, sieht man, dass die eingespeiste Mengen relativ konstant geblieben ist, die Schwankungen beim Förderbedarf jedoch unterschiedlich ausfallen. Grund dafür ist wie gesagt die Abhängigkeit vom Marktpreis.

Ökostrom inkl Kleinwasserkraft/Jahr 2007 2008 2009 2010 2011
Marktpreis ct/kWh 5,1 6,4 5,9 4,6 5,3
Unterstützungsvolumen Mio/a 315 252 280 348 297
Ökostrom-Einspeisemenge in TWh 5,7 5,4 5,1 5,9 5,4
Datenquelle: E-Control

Insofern ist es richtig, dass aufgrund der neuen Ökostromgesetzes und des damit einsetzenden Ausbaubooms insbesondere in der Windkraft die Finanzierungskosten steigen werden. Auch die 350 bis 400 Millionen Euro/a in den kommenden Jahren klingen plausibel.

Worauf ich jedoch hinaus will, ist, dass dies nicht so unglaublich viel ist und weit weg von +25% des Gesamtstrompreises.
Nun entspricht die ins Netz eingespeiste Ökostrommenge rund 10% der Gesamtabgabemenge in Österreich (2011 knapp 59.000 GWh)
Wenn ich mir nur zum Vergleich den Marktpreis (5,5 ct/kWh) für 59.000 GWh ansehe, komme ich schon auf eine Summe von jährlich über 3,2 Milliarden Euro. Sorry, aber da beeindrucken mich die Zusatzkosten der Ökostromproduktion, die in den kommenden Jahren einen deutlich höheren Anteil der produzierten Strommenge ausmachen werden, wenig. Sollte der Strompreis steigen, hält sich der Förderbeitrag ohnehin in Grenzen.

Neue Kraftwerke werden mehr kosten – aber welche werden errichtet?

Was Boltz zudem ausblendet, ist, dass es jedenfalls neue Kraftwerke in Österreich geben wird. Auch europaweit ist die Kraftwerksinfrastruktur veraltet. Die Frage ist, welche Kraftwerke werden errichtet werden? In welchen Energieträger wird für die nächsten 30,40, 50 Jahre auf Basis welcher Kostenannahme investiert? Und diesen Vergleich scheut Boltz. Denn es ist Unsinn, die wahrscheinlichste Alternative, nämlich Gaskraftwerke, als kostengünstige Option zu rechnen. Im Vergleich zu den Entwicklungen am Gasmarkt, sind die Erneuerbaren ja ein Hort der Stabilität.

Die Erhöhung der Preise für fossile Energieträger hat deutlich mehr zum Anstieg des Strompreises gesorgt als die Erneuerbaren. Hier nur ein Blick auf die indexierte Entwicklung des durchschnittlichen Erdgasimportpreises (Quelle: E-Control)

Warum kritisiert Boltz nicht angesichts dieser strompreissteigenden Gaspreisentwicklung die Eröffnung des mit 830MW leistungsstärksten Gaskraftwerks Mellach? Wirtschaftlich ist diese KWK-Anlage trotz höchstmoderner Anlagentechnik kaum darstellbar. Nicht, weil Gaskraftwerke generell keine Zukunft haben, aber weil diese enorme Kapazität wirklich schwer argumentierbar ist, wiewohl ein Teil davon die Kohlekraftwerke ersetzen soll. Taktisch interessant war ja, dass bei der Eröffnung von Mellach darauf hingewiesen wurde, dass es das Kraftwerk auch brauche, um die Schwankungen von Wind und PV auszugleichen. Nur zum Vergleich: aktuell sind in der Steiermark 53 MW Windkraft installiert. Positiv gesprochen könnte man es als Ansporn sehen, nun tatsächlich einige hundert MW in der Steiermark zu errichten. Jetzt, wo man schon das kleine Ausgleichskraftwerk errichtet hat…

Notwendiger Infrastrukturausbau

Dass die erneuerbare Energiezukunft insbesondere in ihrer internationalen Dimension mit Investitionen in die Infrastruktur verbunden sein werden, ist klar. Dass es Kraftwerke (etwa Windparks) geben wird, die zusätzliche Netze notwendig machen, ebenso. Die argumentative Strategie von E-Wirtschaft und in diesem Falle Boltz, die gesamten Mehrkosten des Netzausbau nur den Erneuerbaren anzurechnen, ist jedoch zynsich. Seit jeher fordern E-Wirtschaft und insbesondere Netzbetreiber zusätzliche Kapazitäten. Jahrelang lag hier lagen hier Pläne in der Schublade, wurden Forderungspapiere zwar geschrieben, wurde auch für den Netzausbau lobbyiert, aber es kommt wohl manchen nun zupass, dass man Windkraft und Photovoltaik als argumentatives Schutzschild und im Falle Boltz als argumentative Waffe vor sich her tragen kann?

Es wäre wichtig, präzise, unabhängige Informationen darüber zu haben, welchen Netzausbau es für welches Szenario genau brauchen wird. Als unabhängig sehe ich dabei aber nicht die Netzbetreiber und auch die E-Control fällt aufgrund einer derart einseitigen politischen Positionierung eher aus. Die Effekte der Dezentralisierung sind in der Analyse übrigens ebenso zu berücksichtigen.

Viel gäbe es noch zu sagen zur kostenminierenden Rolle der Erneuerbaren, aber ein vorläufiges Fazit: ja, die Energiezukunft wird Geld kosten, was unter anderem daran liegt, dass keine Kostenwahrheit in der Energieproduktion gegeben ist und Strom in den vergangenen Jahrzehnten nahezu unglaublich billig gewesen ist. Eine Verteuerung ist unausweichlich. Aber es läuft etwas falsch, wenn in der öffentlichen Debatte nur den Erneuerbaren alle Kosten umgehängt werden, während man fossile Energieträger (und in europäischem Kontext Nuklearenergie) als normalen, kostengünstigen Weg betrachtet. Die Notwendigkeit einer Transformation Richtung Erneuerbare ergibt sich nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern auch daraus, dass das Zeitalter von billigem, konventionellen Öl und Gas vorbei ist. (siehe www.aspo2012.at) Dies sollte endlich strukturell begriffen werden.





Schiefergas in Österreich: eingezwängt zwischen mehreren Zielkonflikten

23 11 2011

Nun ist es also soweit. Mehrere Zeitungen (der KURIER online lieferte den ersten Beitrag) berichten von einem “gewaltigen Gasfeld” in Niederösterreich. Dieses “Gasfeld” ist jedoch kein herkömmliches Erdgasfeld, sondern gewonnen werden soll sog. Schiefergas (Shale Gas wie der internationale Begriff heißt; ich verwende einfach beide). In Poysdorf bei Mistelbach startet ein entsprechendes Pilotprojekt der OMV. Damit kommt eine Debatte nach Österreich, die in vielen anderen Staaten schon seit Jahren intensiv geführt wird. Vor allem in den USA, die an der Spitze der Shale Gas Exploration stehen, aber auch in einigen europäischen Staaten wie Frankreich, Deutschland oder Polen, wo gigantische Vorkommen bestehen sollen. Ich will diesen Beitrag nutzen, um eher nüchtern die mögliche Schiefergas Exploration in Österreich einzuschätzen, wissend, dass noch ein Begriff hinter Shale Gas steht, der Emotionen hervorruft: Fracking. Eine aufwendige Methode, das Gas zu gewinnen, die mit einigen relevanten Umweltrisiken und relativ hohen Kosten verbunden ist.

Die internationale Bedeutung von Shale Gas

Ganz kurz zur Erläuterung. Kaum ein Faktor hat die Prognosen des Erdgasmarktes in den vergangenen Jahren derart beeinflusst wie Shale Gas. Ähnlich wie bei Peak Oil hatten viele Staaten auch schon ihren Peak Gas. Wobei man konkret ergänzen muss, sie hatten ihren Peak Conventional Gas. Der Höhepunkt der neu entdeckten Gasfelder war weltweit bereits in den 60er bzw. 70er Jahren. Ähnlich wie bei Rohöl ging dann die Anzahl bzw. Gesamtkapazität der neuen Erdgasfelder zurück. Dies betrifft auch solche Staaten, die von Erdgas stark abhängig sind, wie etwa der größte Verbraucher, die USA (siehe Graphik) Die enormen Potentiale durch Schiefergas haben jedoch die Prognosen vor einigen völlig durcheinander gewirbelt. (im Link eine  Übersicht über die großen Shale Gas Gebiete in den USA)


Quelle: http://www.cleanbreak.ca/2011/06/13/natural-gas-climate-friend-or-enemy-depends-on-how-much-heat-youre-willing-to-tolerate/

Ähnlich wie bei Öl hängen die Zukunftsprognosen auch bei Erdgas von der Gewinnung von Unconventional Gas ab. Wobei das Unkonventionelle daran nicht das Gas selbst, sondern eben die Förderung ist. Zum Unconventional Gas gehört neben Schiefergas auch Kohleflözgas und sog. Tight-Gas, wo das Gas in Sandstein zu finden ist. In den USA macht Unconventional Gas bereits mindestens 40% der Erdgas-Gesamtproduktion aus. (inkl Kohleflözgas müssten es sogar 50% sein)
In Österreich werden derzeit rund 1,3 Mrd Kubikmeter Erdgas produziert (Ende der 70er Jahre waren es knapp 2 Mrd Kubikmeter) Der Verbrauch liegt in Österreich hingegen bei 8,5 Mrd  Kubikmeter (2008). Man sieht gleich, wie sich die Abhängigkeit Österreichs bei Erdgas ergibt. Daher ist die Überlegung, die Importabhängigkeit zu reduzieren prinzipiell nicht falsch.

Die Kehrseite der unkonventionellen Gasgewinnung: Was ist Fracking?

Das Problem ist, dass all diese unkonventionellen Vorkommen nur sehr aufwendig zu fördern sind. Bleiben wir beim Schiefergas. Es befindet ich in tiefen Gesteinslagen (4.000 – 10.000 m Tiefe) und wird mit Hilfe von künstlichem Druck aufgesprengt, sodass Risse im Gestein entstehen, damit das Gas entweichen kann. Im wesentlichen werden dafür viel Wasser, Sand und Chemikalien verwendet.
Diese Methode nennt man Hydraulic Fracturing (kurz Fracking). Die Schieferplatten sind sehr hart (härter als bei Tight Gas im Sandstein, wo Hydraulic Fracturing auch schon eingesetzt wird), was auch einen enormen Energieinput und eben diese Methode bedarf.
Der Sand und die Chemikalien sind u.a. deshalb notwendig, damit die Risse nicht zufallen bzw. später verstopfen. Das Verfahren ist übrigens gar nicht neu; jedoch hat es sich bislang nicht gelohnt, es in großem Stil für Schiefergas einzusetzen.
Schätzungen sagen, dass pro Bohrloch ca 35 Tonnen Chemikalien (darunter Toluol, Benzol und Xylol) genutzt werden, wovon viele davon toxische Eigenschaften haben. Das sog. Frack-Wasser fällt in die Kategorie Sondermüll. In den USA gab es schon eine Vielzahl an Grundwasserbeeinträchtigungen.
Und hier noch ein relevanter Punkt. Denn es ist nicht so, dass man – wie der Kurier-Titel vermittelt – ein großes Gasfeld hat, in das man eben einfach reinbohrt, sondern es sind sehr sehr viele Bohrungen notwendig. (abhängig von der Flächengröße)
Hier liegt auch eine der wesentlichen Unterschiede zu Tight Gas. Die Gesteinsschichten für Schiefergas erstrecken sich über große Gebiete, sodass auch horizontal angebohrt werden muss. Technisch machbar, aber aufwendig.

Insbesondere die Gefährung des Trinkwasser durch Chemikalien aber auch die lokalen Auswirkungen durch die aufwendigen Bohrungen führten zu Widerstand. In Frankreich hat das Parlament Ende Juni dieses Jahres Fracking verboten; erst vor wenigen Wochen wurden neue Anträge von TOTAL und anderen Unternehmen auf neue Förderstandorte für Schiefergas von Umweltministerin Kosciusko-Morizet nicht genehmigt werden.

Der Film Gasland von Josh Foy hat in den USA diesbezüglich viel zur Bewusstseinbildung beitragen. Berühmt ist die Szene, bei der durch entweichendes Gas in der Wasserleitung Feuer entzündet werden konnte. Empfehlenswert ist übrigens auch diese NANO-Sendung auf 3sat: ?101109_gasrau_nano.rm

Nun, was bedeutet die Schiefergas-Perspektive für Österreich? Vorweg: meine persönlichen Einschätzung ist, dass es noch lange dauern wird, bis es tatsächlich dazu kommt. Denn

  • erstens ist eine gewinnbringende Förderung bei den aktuellen Preisen noch schwer darstellbar;
  • zweitens hat die OMV angekündigt, auf Hydraulic Fracking wie oben geschrieben zu verzichten, sondern Schiefergas umweltfreundlich zu fördern, was aktuell meines Wissens nicht möglich ist;
  • drittens wird die Genehmigung der Förderung im großen Stil nicht konfliktfrei ablaufen.

Was schon wichtig ist, ist die Auseinandersetzung mit der österreichischen Shale Gas Perspektive. Und hier orte ich drei wesentliche Zielkonflikte:

Zielkonflikt 1 Klimaschutz: die schlechte Treibhausbilanz von Schiefergas

  Der Zufall will es, dass das Thema eine Woche vor der nächsten Klimakonferenz hoch kommt. Wenn sich niemand verzählt hat, ist es COP 17. Und zugegeben, von einer substanziellen Annäherung an eine Problemlösung ist man aktuell weit entfernt als.
Auch Österreichs Treibhausgasbilanz ist verheerend. Vom Kyoto-Ziel ist man meilenweit entfernt.

(Foto c © The Ice Bear Project Ltd)

Doch was bedeutet es für die heimische Klimabilanz, wenn Schiefergas in diesen großen Mengen gefördert wird? (präzise quantifiziert wurde ja die förderbare Menge noch nicht, außer “riiiiieeesengroß”)
Bei der ASPO US-Konferenz in Washington hörte ich kürzlich zwei interessante Experten. Robert W. Howarth und Anthony Ingraffea von der Cornell University. Sie analysierten die Schiefergas-Förderung und bilanzierten derenTreibhausrelevanz. Denn: Obwohl Schiefergas auch nur Erdgas ist, hat es aufgrund der Fördermethode deutlich höhere Emissionen, weil viel Methan entweicht. Die Autoren, die ihre Erkenntnisse in der September-Ausgabe von Nature publiziert haben, raten von einer offensiven Shale Gas Strategie ab. Die Umweltrisken seien zu hoch und die Treibhausgasrelevanz deutlich höher als bei anderen fossilen Energieträgern. Im Papier heißt es: <a href=”Methane is a major component of this footprint, and we estimate that 3.6–7.9% of the lifetime production of a shale gas well (compared with 1.7–6% for conventional gas wells) is vented or leaked to the atmosphere from the well head, pipelines and storage facilities.”
The Atlantic hatte schon im April die Daten der Studie von Howarth, Ingraffea, Engleder veröffentlicht. Sie sind für einen 20-Jahres Zyklus berechnet. Sie sind insofern erstaunlich, weil auch der herkömmlichen Erdgasförderung ein entsprechender Anteil entweichendes Methan zugeschrieben wird, was aber auch mit den in den USA verbreiteten Fördermethoden zu tun haben könnte. Bei Shale Gas ist dieser Anteil nochmals signifikant höher. Leider habe ich die Graphik für denn 100-Jahre Periode nicht. Hier ist Kohle deutlich über Erdgas; aber Shale Gas auf vergleichbarem Wert. (mit Kohle)

Ein interessanter Vortrag der beiden Wissenschafter ist auf Youtube zu finden.

Zu beantworten ist also die Frage, ob man angesichts der schlechten Treibhausbilanz Österreichs tatsächlich diese zusätzliche Emissionen in Kauf nehmen will?

Zielkonflikt 2 Energieautarkie: das war eigentlich anders gemeint

Energieautarkie ist ein zentrales Motiv für viele energiepolitischen Programme in Österreich. Umweltminister Berlakovich propagiert das Ziel, dass Österreich bis 2050 „energieautark“ sein soll. Zur Zeit liegen wir knapp über 30 Prozent. Auch viele Bundesländer setzen aktuell auf Energieautarkie-Szenarien, wobei das immer nur eine bilanztechnische Frage ist – es geht nicht um technische Autarkie, also der infrastrukturellen Unabhängigkeit vom Rest der Welt. Niederösterreich beschloss vergangene Woche den Energiefahrplan 2030. Bis 2015 will man hier 100% Erneuererbare beim Strom und bis 2020 erreichen und den Anteil der Erneuerbaren am Gesamtenergiebedarf von 30 auf 50% steigern. Burgenland wird bis 2014 100% Erneuerbare im Strombereich haben; bei der Wärme dauert es natürlich auch etwas länger. Für Salzburg präsentierte gestern der für Raumplanung verantwortliche Abteilungsleiter Friedrich Mayr den Plan, ebenso 50% Erneuerbaren Anteil bis 2020 anzuvisieren.

Und hier kommt der Punkt. Energieautarkie ist in Österreich mit dem Gedanken verknüpft den Anteil der Erneuerbaren Richtung 100% zu erhöhen. Wie passt da eine proaktive Schiefergas-Vorgehensweise ins Konzept? Man könnte natürlich argumentieren, dass Energieautarkie nicht zwingend erneuerbar sein muss. Aber war das die Idee? Ich glaube nicht.

Zielkonflikt 3 Wo investitieren: Schiefergas & Nabucco? Too much, guys.

Nun, ehrlicherweise ist das kein unmittelbarer Zielkonflikt, denn im Sinne der oben beschriebenen Ziele ist wahrscheinlich weder das eine noch das andere anstrebenswert. Aber es mag schon einen guten Grund haben, warum die – lange vermuteten Schiefergas-Vorkommen in Niederösterreich – bislang in dieser erahnten Dimension nicht an die große kommunikative Glocke  gehängt wurden. Es ist schlicht schwer zu erklären, dass man einerseits massiv in eigene Schiefergas-Vorkommen investiert, die sich nur rentieren, wenn Gas entsprechend teuer ist, und andererseits 8 Milliarden Eur in die 3300 km lange Pipeline investiert. Logisch, Nabucco dient ohnehin nicht primär dem österreichischen Markt, aber dennoch wird die Argumentation für beide Unterfangen nicht ganz widerspruchsfrei sein.

Eines beweist die aktuelle, am Beginn stehende Diskussion jedenfalls. Derartige Projekte sind nur möglich, wenn der Gaspreis entsprechend hoch ist. Damit ist zu rechnen, denn die konventionellen fossilen Energieträger werden dem steigenden weltweiten Bedarf nich folgen können und damit teurer werden.  Diese Zielekonflikte zu klären, wird entscheidend sein für die Zukunft von Schiefergas bzw. der gesamten Energieversorgung in Österreich. Es geht tatsächlich um strategische Weichenstellungen mit langfristigen Folgen.

Am Ende noch einige Medienhinweise:

Ö1-Beitrag vom 2.11.  Riskanter Rohstoffrausch. Der Streit um das Erdgas aus Schiefergestein

ORF Weltjournal, heute 23.11. zu Schiefergas





Erste Analyse des neuen Ökostromgesetzes – ein großer Schritt in die richtige Richtung

7 07 2011

Heute wurde im Nationalrat das Ökostromgesetz beschlossen. Nach langen, intensiven Verhandlungen zwischen den Regierungsparteien und GRÜNEN konnte eine Einigung erzielt werden. Am Rande war ich in den Prozess eingebunden. Ich will hier kurz einzelne Aspekte des Gesetzes beleuchten und erläutern, warum dieses Gesetz ein maßgeblicher Schritt in die richtige Richtung ist.

Deutliche Erhöhung des Unterstützungsvolumens
Nun, ein Finanzierungsdeckel für Neuanlagen bleibt. Er wird jedoch von aktuell 21 Millionen Euro auf 50 Millionen Euro angehoben. (Stand Entwurf Ende März 30 Millionen; Ministerrat vor ca 3 Wochen 40 Millionen Euro, nun eben 50 Millonen) Was bedeutet diese Summe? Die 50 Millionen beziehen sich auf das sog kontrahierbare Unterstützungsvolumen. Dieses soll die Differenz zwischen Marktpreis (der schwankt) und den verordneten höheren Einspeisetarife für Strom aus Erneuerbaren abdecken. Je nachdem wie hoch der Marktpreis ist, sind entsprechend viele Anlagen jährlich finanzierbar.
Wieviele Anlagen damit finanzierbar sind, wird also jedes Jahr neu auf Basis des Marktpreises berechnet.
Die Summe bedeutet, dass für die Finanzierung von neuen Ökostromanlagen jährlich ein zusätzliches Volumen von 50 Millionen Euro zur Verfügung steht. Wenn also 2012 neue Anlagen mit Fördervolumen von 50 Mio Euro kontrahiert werden, werden die in den Folgejahren (13 bzw. 15 Jahren) weiterhin Fördermittel (Differenz Marktpreis – Einspeisetarif) in Anspruch nehmen. Grob könnte man sagen, 2013 sind es dann insgesamt 100 Mio, 2014 150 Mio usw., die bereit stehen. Selbstverständlich neben den Fördersummen, die auf Basis der gültigen Förderregimes weiterfinanziert werden. (aktuelles jährliches Volumen rund 300 Mio Euro)
Über die Jahre gerechnet ist das umgesetzte Fördervolumen also milliardenschwer.

Dies ist ja das wesentliche Argument der Gegner einer Anhebung des Fördervolumens, denn diese Kosten werden über einen Zuschlag auf der Stromrechnung vom Konsumenten auf allen Ebenen getragen. Wichtig ist jedoch, zu sehen, dass diese Milliarden wiederum nur einen kleinen Anteil der Gesamtstromkosten (ohne Steuern) ausmachen. Jede Schwankung um ein paar cent beim Marktpreis bewegt in ganz Österreich ebenfalls jährlich Milliardensummen. Und wie Stefan Schleicher im heutigen Ö1-Morgenjournal richtig sagt, Energie wird nicht mehr billig sein. Wir müssen ohnehin mit steigenden Strompreisen rechnen. Die Frage ist, wo werden die Mittel, die in Bewegung hingelenkt. Und da ist es wesentlich sinnvoller, kalkulierbare Größen (aber eben Größen) in Richtung Strom aus erneuerbarer Energie zu bewegen.
Dass eine Lösung ohne Förderdeckel, die von vielen Umweltbewegten gewünscht wurde, in der aktuellen Regierungskonstellation nicht möglich ist, ist aber klar. Weder SPÖ (im Hintergrund AK) noch ÖVP (im Hintergrund IV) stimmen einer Lösung zu, die Kosten nicht kalkulerbar erscheinen lässt. Es gibt zwar durch die jährlich neu zu verordnenen Höhe der Einspeisetarife für jeweiligen Neuanlagen noch ein wesentliches Steuerungsinstrument, um Kosten zu minimieren, aber die Konzentration darauf ist politisch derzeit nicht drin.

Abbau der Warteschlange
Die Warteschlange betrifft insbesondere die Windkraft und Photovoltaik und ist deshalb entstanden, weil wir jahrelang einen Förderdeckel in der Höhe von 21 Millionen hatten und aufgrund geringer Einspeisetarife kaum neue Ökostromanlagen errichtet wurden. In der Windkraft ist es z.B. 5 Jahre lang zu einem nahezu völligen Ausbaustopp gekommen. Als dann im letzten Jahr die Einspeisetarife erhöht wurden, kam es zu einem “aufgestauten” Projekt-Boom und auf einmal griff der Förderdeckel ganz schnell zu. Daher ist es gerecht, wenn nun einmalig ein Einspeisetarifvolumen zur Verfügung gestellt wird, mit dem die fix fertig eingereichten, projektierten Anlagen in den kommenden Jahren auch tatsächlich errichtet werden. Hier würde – durchaus positiv überraschend – erreicht, dass anstatt der vorgesehenen 60 Millionen für die Windkraft nun 80 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Damit sollte der vollständige Abbau der Warteschlange bei der Windkraft gewährleistet sein. Für die schon eingereichten Photovoltaik stehen zusätzlich 28 Millionen an Fördervolumen zur Verfügung.
Ein Streitpunkt der letzten Wochen war hierbei, wieweit diese Anlagen Tarifabschläge hinnehmen müssen. Insbesondere die Windkraft hatte Widerstand gegen die geplanten Tarifabschläge von 9,7 auf 9,3 ct/kWh geleistet. Einigung ist nun, dass es für 2012 und 2013 gar keine Abschläge gibt und dann 9,5 ct/kWH gelten. Ich denke, dass damit alle Anlagen, die bislang eingereicht haben, durchkommen sollten.

Fixe Kontingente für einzelne Energieträger

In den bisherigen ENtwürfen zum Ökostromgesetz war die Photovoltaik in gewisser Weise noch auf der Verliererseite. Das vorgesehene fixe Kontingent war mit 3,8 Millionen eher gering. (wohl auch weil keine Zwischenziele vorgesehen waren) Die Anhebung jetzt auf 8 Millionen ist eine, mit der man agieren kann. Zudem gibt es in einem sog. Resttopf (der größte Anteil), auf den vor allem auch Windkraft und Wasserkraftprojekte zugreifen werden, die Möglichkeit Projekte zu finanzieren, die Photovoltaik zur sogenannten Netzparität (18 ct/kWH) einspeisen. Ich nehme an, dass relativ viele Projekte darauf zurückgreifen werden. Insbesondere wenn es hier noch weitere Investitionsanreize gibt. Leider nicht erreicht wurde eine Verlängerung des Förderzeitraums bei der PV auf 20 Jahre, ähnlich wie in Deutschland.

Definierte Mindestziele
Sehr relevant ist, dass es nun einen Ökostrom-Ausbaupfad bis 2020 gibt. Bislang hat es die Ziele nur bis 2015 gegolten und im Mitterlehner-Entwurf Ende März, blieb es auch bei diesen Zielen. Das wurde nun geändert. Und die Ziele für 2020 sind weitgehend ambitioniert. Zusätzlicher 2000 MW bei der Windkraft zwischen 2010 und 2020 entspricht einer VErdreifachung des Status Quo (1000 MW). Auch bei der Photovoltaik wurde das Ziel von 1.000 auf 1.200 MW angehoben. Angesichts von derzeit rund 100 MW installierter PV-Leistung kommt also gewisse Dynamik rein. Im Rahmen der Einigung im Parlament wurde nun auch für die PV ein Zwischenziel für 2015 eingezogen. Mit 500 MW Zubau zwischen 2010 und 2015. Manchen, die der großen Preisverfall bei der Photovoltaik prophezeien, wird das zu wenig sein, aber hier ist auf einen wichtigen Passus im Gesetz zu achten. Nämlich, dass diese Ziele bei entsprechender Marktentwicklung entsprechend nach oben hinaufgesetzt werden können. Die Ziele sind also Mindestziele und sie werden alle zwei Jahre überprüft, um die Erreichung zu gewährleisten.
Hier ist nun eine kleine Neuigkeit im Gesetz enthalten, die ich sehr positiv bewerte. Nämlich, dass die E-Control jährlich nicht nur dem Wirtschaftsministerium, sondern auch dem Nationalrat Bericht zu legen hat. Dies ist eine Chance, die Grundlagen zum weiteren Okostrom-Ausbau auch öffentlicher und transparenter zu behandeln. In den vergangenen Jahren war es durchaus nicht unproblematisch, wie die Höhe der Tarife und der Kosten kalkuliert wurde.

Ein Schritt Richtung Planungssicherheit
Wichtig sind auch noch abwicklungstechnische Details, die insbesondere im Vergleich zum März-Entwurf weg sind. Das betrifft vor allem die Pläne, eine Art Callsystem für die Einreichung vorzuschreiben, das für noch weniger Planungssicherheit gesorgt hätte. Dieser Punkt wurde dankenswerterweise schon mit dem Ministerrats-Entwurf entfernt. Die ursprünglich geplanten automatischen Tarifabschläge bei Überschreiten des jährlichen Kontingents sind nun mit den Schlussverhandlungen rausgeflogen. Gut so, denn so wären Projektplanungen deutlich erschwert gewesen.

Wichtig wird nun sein, auch die einzelnen Instrumente entsprechend zu begleiten, also die Weiterentwicklung der Einspeisetarife. Und allen voran, dass dieses Gesetz auch EU-rechtlich rasch durchgewunken wird.





Normalität in Zeiten radikaler Brüche. Vergesst “Business-as-usual”

23 05 2011

Fukushima, Deepwater Horizon, massive Umwälzungen in der arabischen Welt… an dramatischen Anlässen gab es zuletzt keinen Mangel. Die kurzfristige Betroffenheit einer globalen Öffentlichkeit ist all diesen Anlässen gewiß. Meist nur kurzfristig. Gewöhnen wir uns einfach an alles? Wahrscheinlich zwangsläufig. Die emotionale Aufmerksamkeit muss wohl zurückgehen, allein schon aus Selbstschutz. Aber was folgt daraus? Ein paar Gedanken zwischen der großen Welt und der Niederungen hierzuland.

Was den genannten Ereignisse gemeinsam ist, ist der Bezug zur Energiefrage. Kein Wunder, dass der Rohölpreis seit über 2 Monaten kontinuierlich über 100 US-Dollar leigt.
Die Verwundbarkeit unserer Gesellschaft in der Energiefrage ist offensichtlich, und zwar einer Gesellschaft, die weitgehend relativ stabiles Wachstum, hohes Wohlstandsniveau und ein gewisses Maß an Reichtum gewohnt ist bzw. als normal betrachtet. Die diversen Krisen unserer Zeit werden jedoch den Umgang mit dieser Normalität ändern, denn ihre (durchaus vielfältigen) Ursachen gehen möglicherweise an die Quelle von Wohlstand und Wachstum.

Die Krise mit der Krise
Vor einer Woche nahm Erste Bank-Chef Andreas Treichl jene zwei Worte in den Mund, die für ca. eine Woche für eine breite Diskussion gesorgt hat: blöd und feig. Neben der Art des Statements wurde über einen Teil des Inhalts diskutiert, nämlich die tatsächlich diskussionswürdigen Richtlinien bei Kreditvergaben. (Basel III) Treichl wird aber mit noch einem Satz zitiert, der kaum für öffentliche Beachtung gesorgt hat:
Ich sehe jetzt eine riesige Gefahr dadurch, dass meine Branche relativ wenig aus der Krise gelernt hat. Denn die Chancen unfassbar schnell unfassbar viel Geld mit nicht traditionellem Geschäft zu verdienen, sind unheimlich hoch. Ich glaube, dass die nächste Krise nicht über die Immobilien, sondern über die Rohstoffe kommen wird” (Quelle Die Presse/APA)

Was bedeutet eine “nächste Krise” angesicht hoch verschuldeter Staaten und gegenseitiger Abhängigkeit in unserer Finanzgebahrung? Die Folgen der letzten Krise sind immer noch spürbar in unseren Gesellschaftssystem, siehe Budgetpolitik, siehe Griechenland, aber auch Spanien derzeit, wo viele Menschen durchaus berechtigerweise sagen: “Es reicht”.
Eine Verschärfung bzw. Wiederholung von 2008 wird Systeme zum Crash führen, und zwar auch politische Systeme.

In den letzten beiden Blogposts war über die ASPO-Konferenz in Brüssel zu lesen, wo unter anderen Jeff Rubin vor der nächsten globalen Krise gewarnt hat. Prognostizierter Zeitraum: die kommenden 12 Monate. Treichls Aussage hatte zwei Dimensionen. Einerseits: die Ressourenfrage in ihren Fundamentals. Andererseits: die kurzfristige Profitorientierung der Finanzmärkte. Treichl hatte somit eine andere Gewichtung bzw. Botschaft als Rubin. Ich will heute gar nicht bewerten, welche richtig sei oder nicht. Sehr wohl scheint evident, dass die Entwicklung der Rohstoffmärkte, des Ölpreises und der globalen Wirtschaft in einer intensiven Wechselbeziehung stehen. Die Schlußfolgerungen sind teils absurd, man blicke nur in die USA, wo aufgrund er hohen Ölpreise mit all ihren unmittelbaren Auswirkungen auf das tägliche Leben zu einem neuerlichen Change of Politics geführt hat. Es soll wieder vermehrt nach Öl und Gas gebohrt werden, sagt auch Obama.

Vereinfacht gesagt geht sich unser altes, auf billiger Energie aufbauendes Modell in dieser Form kaum mehr aus.
Was folgt aus steigender Nachfrage, sinkendem Angebot und der Abhängigkeit von unkonventionellem Öl? Ein höherer Ölpreis.
Was folgt aus der Atomdebatte nach Fukushima?
Ein höherer Strompreis.

Weitreichende Konsequenzen aus Fukushima
Die Gefahr des öffentlichen Kurzzeitbewusstsein ist, dass schnell vergessen wird. Derzeit können wir jedoch in einigen Bereichen anderes beobachten. Die Katastrophe von Fukushima lässt zentrale Akteure die Nutzung der Kernenergie tatsächlich hinterfragen.
Was in diesen Wochen in Deutschland diskutiert wird, wird tiefe Spuren zeigen. Wer Angela Merkels Interviews der letzten WOchen verfolgt hat, stellt einen deutlichen Wandel in manch ihrer Haltungen fest. (siehe dieses Zeit-Interview) Die Nuklearfrage ist zum Politikum geworden.
Die grünen Erfolge wie etwa in Baden-Würtemberg oder gestern in Bremen tragen ihren Teil dazu bei, weil die anderen Parteien sehen, dass die Menschen ihre politischen Rückschlüsse ziehen, auch an der Wahlurne. Auch bei Technologieunternehmen tut sich was: Siemens überlegt laut Handelsblatt den Ausstieg aus der Atomtechnologie.
Der Ausstieg wird den Bedarf nach neuer, zusätzlicher Energieproduktion weiter erhöhen. Die wird nicht billig sein.
Eine Politik, die wir hierzuland dem Credo “Energie muss billig sein” folgt , ist insofern unehrlich. Aufgrund der Rahmenbedinungugen und Marktentwicklung ist völlig klar, dass Energie im Falle von wirtschaftlichem Wachstum teurer werden muss.

Vergesst Eure Business-as-usual Szenarien.
Hier kommen wir zu einem Kernpunkt auch der österreichischen Energiepolitik. Ihr liegen jahrzehntelang eingespielte Business-as-usual Szenarien zu Grunde, die insbesondere auf kontinuierliche Preisentwicklungen setzen. Man geht von einem relativ stabilem Strompreis aus, leicht erhöhtem Energie- bzw. Stromverbrauch und rechnet vor, was man für neue Kapazitäten bräuchte. Das alles in relativ linearen Kurven.
Die Volatilität der Ölpreises, die Konsequenzen aus Fukushima, die Notwendigkeiten in der Klimapolitik, der auf Fundamentals aufgebaute Druck auf Ressourcenmärkte… das alles wird dabei nicht berücksichtigt.
Wo sich das wiederspiegelt? Z.B. in allen Energiestrategien oder jetzt im aktuellen Ökostromgesetz. Darauf werde ich im nächsten Posting noch genauer eingehen, aber ganz kurz: Wenn eine Fördermodell auf einem garantierten Einspeisetarif baut, das – grob gesprochen – den Förderbedarf aus der Differenz von Marktpreis und notwendigem Tarif berechnet, ist der Marktpreis unbestrittenerweise ein relevanter Faktor für die Kostenkalkulation. Gehe ich von einem niedrigen Marktpreis aus, ist der Förderbedarf hoch, sind ergo die Kosten höher. Ziehe ich hier bei den Kosten jedes Jahr einen Deckel ein, um die Errichtung neuer Anlagen zu limitieren, projeziert der Gesetzgeber Kosten für die nächsten ca 13. Jahre ohne zu wissen, wie sich der Marktpreis in den kommenden, zur Förderperiode zählenden Jahren entwickelt. Die Grundannahme, der Marktpreis bleibe in Zukunft gering, führt damit zu aktuell geringeren Investitionen. Gescheit? Nein!
Diese Methode hat zum weitgehenden Ausbaustopp für neue Ökostromanlagen geführt. So und hier kommt der Punkt: Die Kalkulation des Förderbedarf ist grundlegend anders, wenn ich einen deutlich stärker steigenden Marktpreise einberechne. 2008 – knapp vor dem Crash – war der Marktpreis z.B. kurzzeitig auf Höhe des Einspeisetarifs für Windkraft. Sowas wird wieder passieren in den kommenden Jahren.
Der Entwurf für das neue Ökostromgesetz baut jedoch auf Annahmen der Ära vor Fukushima, Deepwater Horizon und sonstiger Brücke der Jetztzeit. Fehler!

“Was ist normal?” und die Aufgabe von Politik
Insbesondere wenn sich vieles ändert, gehört es zu den Aufgaben der Politik, steuernd einzugreifen und Prioritäten zu setzen. Dazu gehört auch sowas wie ein Energiebewusstsein. Billige Energie ist z.b. stark in unserer Gesellschaft verhaftet. Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, sie sei im Stress mit der Fliegerei,weil sie dieser Tage für paar Meetings nach Bangkok fliegen müsse und doch gerade erst vom Urlaub auf den Malediven käme. No one to blame. Jedem sei sowohl Urlaub wie auch ein spannendes berufliches Umfeld gegönnt, aber es führt zur Frage: was wird als normal betrachtet in unserer Gesellschaft; und was ist Luxus. Energie bzw Treibstoff muss sehr sehr billig sein, wenn es als normal betrachtet wird, hin und her zu jetten. Ich will´s niemandem verbieten, aber es geht eben um das Bewusstsein. Um so etwas wie Energiekultur. Seid Euch einfach bewusst, dass es Luxus ist und eben nicht normal und wisst es entsprechend zu schätzen.
Denn im Gesamtsystem wird sich das irgendwie alles nimmer so leicht ausgehen.

Die Aufgabe von Politik? Prioritätensetzung!
Es gilt zu vermitteln, was ist wichtig und warum ist genau das wichtig. Und auch, warum kostet es ggbfalls mehr. Es geht darum, mit den Verheißungen der Vergangenheit aufzuhören. 1 kWh Strom leistet so viel und ist so unglaublich billig am Markt. Eine Einladung zum Energieverschleudern. Das wird´s in dieser Form bald nicht mehr spielen und der Kampf jener, die unter allen Umständen unbedingt ihr Credo einlösen wollen, dass die Liberalisiierung der Strommärkte zu einer Verbilligung geführt hat, sollen bedenken, dass sich das Umfeld geändert hat.
Möglicherweise gibt es eben wichtigeres als das Versprechen aus einer abgelaufenene Dekade einzulösen.
Wie sagte gestern eine Demonstantin in Spanien in der ZIB 1. Es geht nicht um eine der politischen Parteien, es geht um so etwas wie Werte in unserer Gesellschaft. Recht hat sie.





Kosten oder Investition? Die entscheidende Frage zur “Photovoltaik in Österreich”

29 11 2010

Vergangene Woche hatte ich die Gelegenheit, eine Veranstaltung zur “Photovoltaik als Chance für Österreich” im Rahmen der Energiegespräche-Reihe zu moderieren. Leider komme ich erst jetzt dazu, einige meiner Eindrücke auf Guensblog zu schildern. Hierbei handelt es sich um eine subjektive Zusammenfassung der Diskussion. Und jahrelange Erfahrung zeigt, dass die Photovoltaik noch mehr als andere Themen mit Leidenschaft und polarisierend diskutiert wird. Im Gegensatz zu vergangenen Veranstaltungen war mein Eindruck aber, dass die Phase des reinen Lamentierens über die schlechten Rahmenbedingungen einem gewissen Maß an Selbstbewusstsein der Branche gewichen ist. Die internationalen Marktentwicklung hat auch in Österreich Spuren hinterlassen.

Alle Vorträge sind übrigens auf der Website des Technischen Museums bzw. der Energy Economics Group an der TU-Wien als Audiofiles und/oder PDF zum Download bereit.

Ich will nur einige der nennenswerten Punkten der Vorträge & Diskussion erwähnen:

  • Seit über 20 Jahren diskutieren wir die Photovoltaik, ihre Perspektive und politische Forderungen. Man kann festhalten, dass diese Technologie nun nicht mehr Zukunftsmusik ist, sondern in der Gegenwart angekommen ist. Hubert Fechner hat den Vergleich gebracht, dass 1992 68MW weltweit installiert wuerden. Heuer werden es wohl ca 17.000 MW sein.
    Wie die Folie von Reinhard Haas zeigt, ist Deutschland als Markt sehr dominant und das, obwohl im Rahmen des Erneuerbare Energien Gesetz der Fördertarif für PV degressiv angelegt ist. Seine These ist übrigens, dass eben genau das ein Anreiz ist, damit investiert wird.
  • Der Vergleich mit Deutschland wird in Österreich immer wieder herangezogen. Nur ein paar Zahlen zur Marktentwicklung. Die war in Österreich 2009 im Vergleich zum Vorjahr gar nicht so schlecht. Laut Markstatistik 2009 waren im Vorjahr insgesamt 52,6 MWpeak in A installiert. (davon letztes Jahr rund 20 MWp – vier mal so viel wie 2008) Mit den 3,9 Gigawatt die in Bayern mittlerweile am Netz sind (allein 1,5 GW letztes Jahr), kann man das natürlich nicht vergleichen. Wäre die Leistung der 2010 installierten deutschen PV-Anlagen in Tirol und Salzburg installiert worden, wäre die Jahres-Stromversorgung in diesen beiden Bundesländern gedeckt. Theoretisch. Aber nur als Modell: 9 Gigawatt würden in Ö 10.000 GWh/a produzieren. Der Stromverbrauch liegt in Salzburg bei ca. 4.000 GWh und in Tirol bei ca. 6.000 GWh. (Beispiel Fechner)
  • Österreichs produzierende Photovoltaik Unternehmen sind am Weltmarkt erfolgreich und sehen enorme Chancen. Österreich hat bereits heute ab der Solarzelle alle Teile der Photovoltaik Wertschöpfungskette im Land. Unternehmen sind unter anderem Blue Chip-Energy, Cellstrom, Energetica, Ertex-Solar, Fronius, Isovoltaic, Kioto Photovoltaics oder Hilber Solar. Im Bereich der Photovoltaik-Module liegt die Exportquote bei 91 Prozent. Die spezifischen Kosten bei netzgekoppelten PV-Anlagen konnten übrigens gegenüber dem Vorjahr um 14 Prozent gesenkt werden. Das Potential für Wachstum & Beschäftigung ist enorm. Was es jedoch braucht, ist ein Heimmarkt mit klar kalkulierbaren Rahmenbedingungen. Und zwar Rahmenbedingungen, die unterstützend wirken.
  • Was von der Branche gefordert wird, sind klare energiepolitische Rahmenbedingungen und Ziele, ein innovationsförderndes Umfeld, qualifizierte Arbeitskräfte und ein Heimmarkt. In einem Business-as-usual Szenario liegt der Anteil der PV an der Stromproduktion deutlich unter 1% im Jahr 2020. Die Photovoltaik Roadmap 2020 zeigt jedoch Wege, diesen Anteil massiv zu erhöhen (5 oder 8% Szeanrio)  und hat die Kosten errechnet. Die kumulierte Gesamtbelastung für alle Strom-Endkonsumenten liegt zwischen 130 und 489 Mio € im Zeitraum 2010 bis 2020. Dies bei einem Gesamtumsatz aufgrund der zu installierenden PV-Anlagen von 7,6 (im 5% Szenario) bzw.12,2 Milliarden im 8% Szenario. Insofern ist es naheliegend von Investitionen statt von Kosten zu reden.

Ebenso lang wie die Photovoltaik selbst wird auch die angestrebte Kostenreduktion und Annäherung an den Marktpreis diskutiert. Die lange diskutierte Kostensenkung dürfte vor einigen Jahren tatsächlich eingesetzt haben. Je nachdem wie sehr der Strompreis weitersteigt, wird die sogenannte Netzparität in wenigen Jahren erreicht sein. (siehe Kurve) Netzparität heißt, dass der von Endverbraucher durch PV selbst produzierte Strom dieselben Kosten je kWh verursacht wie der Bezug von einem Anbieter. (Endkundenpreis) Das heißt aber nicht, dass man einfach paar Jahre zuwarten kann, nach dem Motto “Der Weltmarkt wird´s schon richten”. Irgendwann ist man nämlich als Markt nicht nur nicht vorne dabei, sondern hat den Zug verpasst.

  • Klarerweise ist in so einer Diskussion die am Podium durch Cristina Kramer (statt dem erkrankten Stephan Schwarzer) vertretene Wirtschaftskammer Österreich in einer schwierigen Position. Innerhalb der Kammer gibt es unterschiedliche Interessen, die einerseits von der wachsenden PV-Branche noch mehr jedoch von der vor Kosten warnenden Industrie geprägt ist. Entsprechend gibt es von der WKÖ ein Comittment  zur Photovoltaik, aber große Zurückhaltung, wenn es um die Ziele für Erneuerbare Energie und Instrumente geht. Konsens gibt es jedoch auf zwei Ebenen. Erstens zur Analyse der Energiestrategie, wo sich auch laut WKÖ die Regierung bisher zu keiner systematischen und integralen Umsetzung der im März 2010 präsentierten Strategie entschlossen hat. Zweitens in der Forderung nach einem Ende der Stop & Go-Förderpolitik und dem Wunsch nach klaren Rahmenbedingungen. Die Kritik mehrere Experten, dass das 34% Ziel (Anteil erneuerbare Energie am Energieverbrauch bis 2020 ) angesichts der mitterweile erreichten knapp 30% nicht gerade ambitioniert ist, ist jedoch durchaus nachvollziehbar.

Was die Kosten betrifft, wird zu Recht darauf hingewiesen, dass sich selbstverständlich auch die anderen, weitgehend abgeschriebenen Kraftwerke wie die Großwasserkraftwerke im Preis niedergeschlagen hatten und von bezahlt wurden, nämlich ebenso vom Konsumenten. Die Folie von Reinhard Haas zeigt die Entwicklung der Stromproduktion in Österreich inkl Import und Exportquote. Das Umlagesystem, das den Ökostromzuschlag auf der Rechnung ausweist bzw. jedes mal AK und IV hochrechnen lässt, wieviel denn nun für die Ökostromanlagen “zusätzlich” zu zahlen seien, schafft nicht mehr Transparenz, sondern einseitige Argumentationshilfe. Vielleicht ist es in der aktuellen Form auch zu hinterfragen. Denn viele Preis- bzw Kosteneffekte bzw. Rückwirkungen mit dem Markt (Windfall Profits CO2-Zertifikate – siehe Haas Vortrag) sind nicht berücksichtigt und auch kaum unmittelbar berücksichtigbar.

  • Interessant ist die Auseinandersetzung mit dem Fördersystem. Reinhard Haas definierte Krierien für ein gut funktionierendes Fördersystem. Die Maximierung der Zahlungsbereitschaft, die Berücksichtigung von „Technologischem Lernen“ über dynamische Förderkomponente. Überhöhte Förderungen schaden der Akzeptanz und der Effektivität der PV-Verbreitung! Von Effizienz kann dann kaum die Rede sein. Es gibt international erprobte Förder-Strategien, die funktionieren und aus gesellschaftlicher Sicht optimale Lösungen liefern! Der breite Konsens am Podium war: “Die österreichische ist nicht dabei …” (Zitat Haas)




Klima-Handel im Reality-Check

27 11 2010

Der STANDARD hat dieses Wochenende hat eine Schwerpunktausgabe zur Klimakonferenz in Cancun herausgegeben. Gut aufbereitet, inhaltlich vielfältig und durchaus spannend. Die Beiträge sind auch online abrufbar, aber haben nicht das eigene Design wie in der Wochenend-Ausgabe.

Ich wurde eingeladen, einen Artikel zu den Flexiblen Mechanismen im Kyoto-Protokoll zu schreiben. Vor 13 Jahren war ich als NGO-Vertreter Mitglied der österreichischen Regierungsdelegation und konnte hautnah die Verhandlungen in Kyoto verfolgen. Eine extrem interessante und spannende Zeit. Wo es damals schon seitens der Umwelt-NGOs Bedenken hab, waren die Flexiblen Mechanismen. Also jene Instrumente, mit denen Industriestaaten ihren Treibhausgasreduktionsverpflichtungen durch Investitionen im Ausland nachkommen können. Von möglichen Loopholes (Schlupflöchern) war und ist die Rede.
Ich hab mir daher angesehen, wie der Stand der Dinge in Österreich ist, welche Projekte im Laufen sind, wieviel bereits “am Konto” und zu welchem Preis. Die großen Fragen bleiben: werden mit den Mitteln zusätzliche Maßnahmen finanziert und wer verdient dabei wirklich?
Zum Themenbereich wäre noch viel zu sagen und zu schreiben, aber nicht immer ist dafür Platz…

Hier gehts zum Artikel: Klima-Handel im Reality-Check.








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