Genau so macht man´s: Präsident 2.0

23 11 2009

Es ist ja lustig. Dass ausgerechnet der Routinier der österreichischen Politik, einer der an Jahren Älteste zeigt, wie man das Web richtig einsetzen kann. Die Idee, die Ankündigung seiner Kandidatur exklusiv auf der Website zu launchen, ist wirklich gut. Über Twitter streut sich kurz davor die Botschaft, dass der Bundespräsident um 10.45 seine Ankündigung per Video auf http://www.heinzfischer.at rauslässt. (Dank an Max Kossatz und Niko Alm für den Hinweis)

Tatsächlich, relativ pünktlich der Release. Eine OTS-Aussendung erst knapp darauf. Kein exklusives Interview in einem Medium, keine Pressekonferenz, sondern nur Web und OTS. Für alle zugänglich – zur gleichen Zeit.

Für manche auch zu schnell, denn orf.at hat um  11.10 immer noch keine Meldung dazu.

Warum das gelungen ist:

  • Weil´s exklusiven Informationszugang über Web vermittelt – kein Filter eines Mediums davor
  • Weil´s professionell produziert ist und zugleich dennoch eine spezifische Heinz Fischer Note trägt
  • Weil´s vermittelt: Heinz Fischer geht auch neue Wege.
  • Weil der Zeitpunkt selbstbestimmt ist. Klar hat jeder damit gerechnet, aber es zeigt gewisse Stärke, wenn man selbst entscheidet, wann man die Kandidatur ankündigt.

An seiner Amtsführung mag man manches kritisieren (hält sich aus vielem raus; konfliktscheu etc.), aber in Sachen Stil muss man sagen: Respekt!





#unsereuni: eine Würdigung und nüchtern betrachtete Szenarien

2 11 2009

Viel wurde in den vergangenen Tagen über #unsereuni bzw. #unibrennt, also die Besetzung des Audimax und anderer universitäter Einrichtungen, geschrieben und diskutiert. Sowohl in Printmedien (mit klassischer Aufteilung zwischen sympathisierendem Standard und in diesem Fall reaktionär angehauchter, kritischer Presse), noch mehr online. Ich verfolge immer wieder Diskussion auch auf dem Livestream, auch das  was Neues. Für alle jene, die das nicht ohnehin laufend verfolgen und entsprechende Empfehlungen als redundant empfinden, verweise will ich dabei insbesondere auf die sehr lesenswerten Blogs von Tom Schaffer, Martin Blumenau; und in Sachen Politics 2.0. sehr empfehlenswerte Beiträge von Jana Herwig auf digiom, Helge, Luca Hammer, Niko Alm und Philipp Sonderegger.  Auch Misiks aktuelle Standard TV Folge beschreibt vieles richtig.

Da diesbezüglich schon so viel richtiges geschrieben wurde, will ich nur einige Beobachtungen und Gedanken aus den vergangenen Tagen auf guensblog reflektieren und auf Basis dessen den nüchternen Versuch unternehmen, Szenarien durchzudenken, wie denn das alles weitergehen könnte.


Ein anderer Maßstab: #unibrennt ist eine Bewegung, keine Kampagne

In den ersten Tagen des Protests dachte ich mir noch, super, dass sich wieder was tut an der Uni, aber was wollen sie denn erreichen? Ihr Anliegen war mir eigentlich noch nicht ganz klar. Hier kommt natürlich die klassische Denke heraus, der man erliegt, wenn man seit vielen Jahren mit Politikkommunikation und Kampagnen zu tun hat: Was ist das Anliegen? Was ist das Ziel? Wer ist der Gegner, wer die Bündnispartner? Welche Instrumente haben wir? Welche Maßnahmen ergreifen wir? Wer ist der Träger des Anliegens? etc.

Der Punkt ist aber, die AudiMax Besetzung ist eben keine klassische, durchgeplante Aktion oder Kampagne einer Interessensvertretung, die was im Sinne ihrer mission erreichen will, sondern sie ist emergent entstanden. Das hat wohl niemand geplant, sondern auf einmal ist der Funke übergesprungen – genährt durch Emotion (Wut, Ärger, auch Frust), dem Zusammentreffen der StudentInnen zu Semesterbeginn in noch verschärfterer unmittelbarer Uni-Situation,  und unterstützt durch das unglaublich organisationsfähige Web 2.0.

Und nicht zu vergessen: Menschen. Akteuren, die nicht sich selbst in den Vordergrund stellen, sondern das Kollektiv und die diversen Anliegen. Das gehört auch zum Besonderen.

Emergenz statt abgebrühtem, politischen Aktivismus

Bewegungen sind nicht planbar, sondern sie entstehen meist emergent. Emergenz heißt übrigens nicht, dass sie völlig zufällig entstehen. Es ist unglaublich wichtig, das die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zusammenkommen.  Dafür kann man wiederum sorgen und Settings schaffen, allerdings idealerweise ohne Erwartungshaltung, was zu passieren hat. Dieser emergente Ursprung ist übrigens zugleich die Stärke des Protests. Nämlich dass es eben keine klassische Organisationsform gibt, wie etwa eine ÖH. Die macht meiner Meinung nach genau das richtige, indem sie sich solidarisiert, einer von vielen Akteuren ist, aber sich nicht in das Zentrum setzt. Eine ganz schwierige Gratwanderung, weil man für die offizielle Politik sehr wohl Ansprechpartner ist und in die klassische Delegationsfalle getrieben wird. Das letzte, was die Studierenden bzw. die BesetzerInnen brauchen, ist zugleich Vereinnahmung. Weder durch die öH noch durch andere politische Kräfte. Genau deshalb wird die Regierung die ÖH als Gegenüber forcieren, um die innere Spaltung der Protestbewegung voranzutreiben. Puhhh, nicht leicht der Umgang damit.

Zum Thema Emergenz sei noch der Klassiker “Emergence” von Steven Johnson empfohlen (Dank für diesen Hinweis vor einigen Jahren an Netzwerkforscher und Philosoph Harald Katzmair)

Trotz dieser Begeisterung steht natürlich immer die Frage im Raum, wie soll das weitergehen? Was steht am Ende?

Ich erlaube bei mir eine nüchterne Betrachtung quasi “von außen” und sehe  auf die schnelle fünf Szenarien 5 mögliche Szenarien:


1. Man verhandelt und macht Politik von und für Studierende.

Aber was verhandelt man? Da #unibrennt eben keine Kampage, sondern eine Bewegung darstellt, gehen die Anliegenweit über eigene, klassische Klientel-Anliegen hinaus. Einige der Forderungen sind nicht unmittelbar umsetzbar bzw. auch zu hinterfragen, aber das ist gar nicht der Punkt. Sehr wohl wäre relevant, was wäre dann der Erfolg nach Verhandlungen?

Wenn man was rausholen kann, fein. Aber was bietet man? Rückzug für eine paar Millionen mehr für die Unis und eine symbolische aber wohl bald weitgehend wertlose Faymann-Garantieerklärung, dass keine weiteren Studiengebühren kommen. Die Regierung vermittelt in der aktuellen Situation, hier nicht wirklich was anbieten zu können.

2. Die Ministerlücke als Chance

Jede/r, der oder die sich jetzt auf das Wissenschaftsressort einlässt, ist gut beraten, sich VOR Amtsantritt mit VP-Chef und Finanzminister Pröll, Zusicherungen geben zu lassen. Und zwar weitgehende. Oder anders: wer sich ohne Zusicherungen zum Minister machen lässt, ist eigentlich schon verloren und für dieses Amt politisch wohl ungeeignet. Diese Lücke ist für die BesetzerInnen gut nutzbar, denn die eigentlichen Verhandlungen finden möglicherweise durch die Ministerentscheidung statt und nicht danach.

Die Einschätzung ist vielleicht etwas spekulativ, aber unipolitisch scheint mir das nicht ganz irrelevant.

3. Sie sind gekommen, um zu bleiben

#unibrennt hat viel Energie. So wie vielleicht zuletzt in den Tagen kreativer Protestaktionen gegen schwarz-blau. Doch Vorsicht. Die ÖVP hat während Schwarz-blau eines bewiesen. Dass sie sehr gut im Aussitzen ist. Der Widerstand ist damals erschöpft verebbt. Pröll ist zwar nicht Schüssel. Und der Partner ist auch bissl ein anderer. Aber man müsste möglicherweise lange durchhalten (bis zu den Wahlen 2010?) Den aktuellen Energielevel über lange Zeit aufrecht zu erhalten, ist sehr sehr schwer, insbesondere wenn man nicht das eine Anliegen hat, sondern viele. (ich vergleiche hier mit diversen Besetzungen für Umweltanliegen, die aber meist ein sehr konkretes Projekt pro oder meist contra anvisieren)

4. Eskalation

Ermüdung, Erschöpfung,  Wut. Auch wenn es sich manch Reaktionäre wünschen würden, genau für das Eskalationsszenario wirken die Akteure dieser Bewegung zu vernünftigt. Vernunft und Frechheit schließen einander nicht aus. Die BesetzerInnen vermitteln dankenswerterweise, sie machen das für ihre Zukunft und nicht um den revolutionären “Heldentod” (symbolisch gesprochen) im Kampf gegen die staatliche Hoheit zu erleiden. Dieses starke Kollektiv braucht generell keine Helden.

5. Neue Allianzen und ein Zeichen, an dem die Politik nicht mehr vorbei kann

Das Bildungsthema ist zentral und zugleich komplex. Wenn es ausschließlich um die universitäte Forschung und Bildung ginge, wäre die Sache einfacher. Aber es geht um mehr. Neue Allianzen könnten hier möglicherweise ein wirkliches Zeichen hinterlassen. Eben weil es den BesetzerInnen nicht nur um sich selbst und das eigene Klientel geht, sondern um mehr. Bildung muss ins Zentrum der Politik. Nicht trotz sondern gerade wegen der Finanzkrise, die möglicherweise in den kommenden Jahren noch ihre eigentliche Fratze zeigen wird. (“Apokalypselater”)

Die Schülerdemo vor einigen Monaten hat gezeigt, das was geht. Da war auch Wut und Lust am Protest zu spüren. Die Schüler haben´s nur schwerer, weil sie in den Fängen organisierter Interessensvertretung sind und wenige Orte haben, wo unterschiedliche Gruppen zusammenkommen. Vielleicht sind aber grad deshalb die Studierenden ihre Chance?

Pädagogen aus Schule und Kindergarten, die ohnehin grad Anlaß zum Protest haben, könnten sich erheben und mehrere andere Gruppen aus Bildungsinstitutionen. Aber warum nicht auch Eltern, die ein Zeichen setzen wollen? Ein gemeinsames Zeichen, von ähnlicher symbolischer Kraft wie das Lichtermeer damals. Eines, an das man sich viele viele Jahre erinnern wird, und an dem die Politik einfach nicht mehr vorbeikommt um endlich die Bildungspolitik ins Zentrum zu rücken…das könnte so ein Ziel ein. Mehrere Beiträge haben das schon angedeutet, zuletzt etwa Doris Knecht in ihrer Kurier-Kolumne. Die Demo war vorige Woche schon ein sehr gutes Zeichen. Auch wenn es nicht 50.000 TeilnehmerInnen waren, aber mehr als 10.000 alle mal.

Was auch immer passieren wird. Es knistert wieder mal in Österreich. Und das ist in einer oft erstarrten österreichischen Politkultur nur gut so.





Oberflächentauchen – Nachbetrachtung mobilefuturetalk´09

22 10 2009

Gestern nutzte ich die Möglichkeit, beim mobile future talk´09 der mobilkom dabei zu sein, und den Vorträgen und anschließender Diskussion von Facebook-Mitbegründer und Obama-Berater Chris Hughes und Gehirnforscherin und Susanne Greenfield zu lauschen. “The Power of We” lautet das Motto der Veranstaltung, die in den vergangenen Jahren Persönlichkeiten wie Esther Dyson, Al Gore oder Kofi Annan zu Gast hatte. Die riesige, beeindruckende Ankerbrot Fabrikshalle wurde laut Veranstalter erstmals für einen derartigen Event mit rund 800 Gästen  genutzt und das wahrlich nicht schlecht.

Aber kommen wir zum Inhaltlichen. Mit Hughes und Greenfield sind zwei Welten aufeinander getroffen, die unterschiedlicher nicht sein können. Da der 25jährige Facebook Co-founder Chris Hughes. Sehr jung, schon mit 20 erfolgreich, klassisch us-amerikanisch positiv eingestellt, eloquent, sauber gestyled, und auch bei kritischen Fragen nicht abwehrend, sondern souverän darauf eingehend. Schon beeindruckend.

Auf der anderer Seite Susanne Greenfield, Ende 50, renommierte Neurowissenschafterin, Direktorin der Royal Institution of Great Britain,  laut Guardian eine der einflußreichsten Frauen Großbritanniens, wunderbarer britischer Akzent, Hang zum sarkastischen Humor, ebenso lockeres Auftreten auf der Bühne.

mobile.futuretalk2009Während Hughes die Chancen und Möglichkeiten von Facebook und Social Media generell natürlich promotet, warnt Greenfield vor den möglichen Rückwirkungen auf unser Hirn. Auf eine Diskusson der beiden konnte man gespannt sein; aber leider redete man an einigen wesentlichen Fragen vorbei.Kurz zusammengefasst: Wer sich mit Facebook und dem Obama-Wahlkampf auseinander gesetzt hat, hat kaum Neues von Hughes über Social Media erfahren. Aber das war auch nicht der Anspruch. Wesentlich erscheint mir, dass Hughes bei den Online-Wahlkampfaktivitäten zwei Aspekte hervor gehoben hat. Erstens die Nutzung von Social Media als Organisationstool.  Zweitens die Möglichkeiten von Online-Fundraising im Rahmen der Kampagne. Online-Fundraising ist wahrlich nichts Neues, aber nicht nur die Summe (500 Mio US-D ausschließlich online) ist beeindruckend, sondern auch die Tatsache, dass es insbesondere kleine Spenden sind, die das Gros ausgemacht haben.

(Fotos: Mobilkom Austria)

mobile.futuretalk2009Susan Greenfield warnte vor den Folgen von Social Media insbesondere für Kinder und Jugendliche.  Das Gehirn ist sensibel und reagiert stark auf die Außenwelt. Es verändert sich durch Außeneinflüsse. Durchaus beeindruckende Zahlen: Britische Kinder verbringen etwa 900 Stunden pro Jahr in der Schule, 1.300 Stunden mit der Familie, und 2.000 Stunden pro Jahr sitzen sie vor dem Bildschirm. Die Tätigkeiten vor dem Bildschirm verlangen rasche Reaktionen, weil ständig neue Bilder auf dem Screen erscheinen. Das Gehirn gewöhnt sich an die hohe Geschwindigkeit, in der es stimuliert wird, allerdings reduziert sich dadurch die Aufmerksamkeitsspanne. Wie sie im ORF Futurezone Interview erläutert, könnte das auch die Zunahme der Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS) erklären.  Ihre Befürchtung ist weiters, dass insb. Kinder aber auch Erwachsene meinen könnten, dass Social Media Friends, insb. bei großer Anzahl, echte Freundschaften ersetzen könnten. Wichtig ist auch ihre Auseinandersetzung mit Identität. Wer bin ich und wie definiere ich mich. Welche Rolle spielen Facebook und Co dabei.  Leider ist dieses Kapitel etwas zu kurz kommen, wobei Greenfield diesbezüglich ein spannend klingendes Buch publiziert hat.

Schade ist jedoch, dass es zur Untersuchung von Social Media und der Wirkung auf das Hirn eigentlich noch keine Neuro-Forschung gibt. Greenfield hat auf Studien zu Außeneinflüssen und dem Hirn verwiesen, sie hat auch Querverweise zu PC-Spielen, Techno und anderen teilweise stereotypen Generationsbildern verwiesen, aber nicht zur Wirkung von Social Media.

Die Vermischung der unterschiedlichen Einflüsse (Musik, Spiele, Facebook, PC, Social Media) ist eine Schwäche ihrer Ausführungen. Auch eine gewisse konservative Grundhaltung kann konstatiert werden. Leider wurde in der Diskussion der beiden Experten mit mobilkom-Vorstandsvorsitzenden Hannes Ametsreiter, professionell moderiert von Sandra Maischberger, der Kern einiger Fragen ausgelassen, so wichtig angesprochenen Themen wie Privacy, Transparency etc. auch sein mögen.

Wo man tiefer tauchen müsste…

Aber dennoch knüpfen sich an Greenfield einige Fragestellungen, denen wir Aufmerksamkeit schenken sollten.

- Social Media wird meist laufend über den Tag genutzt. Wir alle werden Multitasker. Immer mehr Reize, immer mehr Informationen sind zu verarbeiten. Was heißt das jedoch in unserem Wirken? Was bleibt davon, was hat nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und wird gar nicht bewusst gespeichert?

- Wie umgehen mit der ständigen Ablenkung durch Social Media. Ich gestehe, auch für mich als 36-jährigen ein Thema, aber bei Kindern sind die Reflexionsmechanismen vielleicht noch nicht gar nicht so ausgeprägt, unterstelle ich mal. Die Differenzierung ,welche Information wichtig ist und wirklich Aufmerksamkeit und Konzentration verlangt und welche irrelevant, ist nicht leicht, aber entscheidend.

- Verlieren wir nicht leichter die Fähigkeit, wirklich konzentriert und vertieft in Materien zu arbeiten, weil wir mit viel mehr oberflächlicher Information konfrontiert werden. Die Menge an zuverarbeitender Information ist unglaublich gewachsen. Wer nicht täglich auf Twitter ist, könnte vermeintlich viel versäumen. Aber versäumt man wirklich was?

Wer jetzt sagt, selber schuld, wenn man die Konzentrationsfähigkeit verliert, dann stimmt das. Aber wie gesagt, im Umgang mit Kindern und Jugendlichen ist etwas anderes, weil die Eigenverantwortlichkeit für das eigene Handeln einfach noch teildelegiert wird an zB. die Eltern.

Ich glaub auch, dass diese Diskussion zu ein einem Gut/Böse-Schema führen kann. Wie Ametsreiter richtig gesagt hat, Social Media ist, die Applikationen entwickeln sich weiter und das kann ohnehin niemand verhindern. Aber insbesondere im pädagogischen Bereich halte ich die Auseinandersetzung für wichtig. Es geht um Medienkompetenz, also Kompetenz im Ungang mit Medien – und auch der gehört erlernt.

Sabine Gretner spricht in ihrem Blog heute die Frage der gesellschaftlichen Entwicklung an, der Entsolidarisierung und ob uns Facebook & Co weiterbringen. Auch wenn ich ihre Bedenken nicht unbedingt in dieser Form teile, aber der Reflexionsraum für unser verändertes soziales Verhalten fehlt weitgehend.  Denn eines ist sicher nicht der Fall: dass alles so wie früher ist, nur durch paar Technologien ergänzt. Unser Kommunikations- und soziales Verhalten ist durchaus massiven Veränderungen unterworfen. Mit gesellschaftlichen Chancen und Gefahren.

Insofern eigentlich positiv, dass man gestern sehr unterschiedliche Zugänge präsentieren und diskutieren ließ.





Öffentlich-rechtliche “Investitionen”: Heinzl in, Golden Handshaker out

6 09 2009

Es ist wirklich absurd. Das Timing mag Zufall sein, aber wenn man es als Ausdruck einer Ära dieses Landes und einer ihrer wichtigsten Medienanstalten nimmt, ist es wiederum kein Zufall, was in den vergangenen Tagen passiert ist.

heinz_presse_inseratDominic Heinzl kommt zurück zum ORF. Soll er. Es ist mir egal. Der Mann ist Profi, versteht was von seinem Job und macht ihn wohl auch sehr gut. Ich hab nix gegen ihn. Die ORF-Spitze freut sich über diesen Transfer als hätte man einen bekannten Kicker aus der deutschen Bundesliga zu einem österreichischen Bundesliga-Mittelständler gebracht. Dafür ist auch Geld da. Für Heinzl selbst, das neue Society-Format, das ja nicht anstatt sondern zusätzlich zu den ORF Seitenblicken programmiert wird, und auch gleich für paar große Inserate (siehe Bild links-oben aus der Presse) in österreichischen Tageszeitungen. Unnötige Inserate übrigens, denn nahezu jede Wochenend-Zeitung hat eine große Geschichte zum Comebacker Heinzl.

Aber was passiert parallel: Große Namen gehen. Einige aus den Ö1-Journalen z.B., dem Flaggschiff der Radionachrichten. Der Standard schreibt am Wochenende. “Werner Löw ist weg, auch die “Journal”-Stimmen Udo Bachmair und Susanne Meissner-Sindelar nehmen den Golden Handshake. Ernest Hauer verabschiedet sich in vorverlegte Pension, Helmut Opletal, und so weiter.” Auch TV-Redakteure (siehe ebenso Standard), durchaus Experten ihres Fachs, wie Eugen Freund, sollen mit dem Golden Handshake (was für ein absurder Begriff) verabschiedet werden. In die Pensi müssen mit 60 bzw 65. ohnehin viele, von denen wohl manche noch gerne einiges im ORF bewirkt hätten.

Das sind nicht irgendwelche Leute für den ORF, sondern vielen von ihnen stehen für was: z.B. für Qualitätsjournalismus. Aber nicht nur: sie sind auch die Stimmen oder Gesichter spezifischer, wichtiger Formate des ORF, die Hörer- bzw. Seherbindung herstellen. Wie kann man als Sender nur darauf erpicht sein, diese Leute loszuwerden?  Sie sind Teil der Identität dieses Senders. Das hat nicht nur mit deren Sachlichkeit, sondern auch mit Emotion zu tun.

Wahrscheinlich bringt es tatsächlich mittelfristig Einsparungen in der Personalkostenstruktur des Senders, ältere Mitarbeiter frühzeitig zu verabschieden. Und es gibt wohl auch immense Unterschiede bei den ORF-Verträgen. Kurzfristig bringt es natürlich Mehrkosten und angesichts demographischer Entwicklungen sind die vorzeitigen Verabschiedungen ohnehin irrational, was aber dem Unternehmen ORF egal sein kann.

Man beachte nur Wrabetz Wortwahl: Nachdem die strukturellen Sparmaßnahmen greifen, ist dies ein deutliches Zeichen dafür, dass nun verstärkt ins Programm investiert wird. Mit Dominic Heinzl ist dem ORF ein Toptransfer gelungen, der für programmliche Blutauffrischung sorgen wird.

Bravo. Spitzenjournalisten raus, Society-Reporter in. Tolle Investition. Dafür würden andere weggespart?

Es ist wohl symptomatisch für die aktuelle Denke eines von politischen Interessen, Visionslosigkeit und mangelnder Mission in Sachen öffentlichen-rechtlichem Bewusstsein geprägten ORF. Die ganz zentrale Aufgabe des Senders als Bildungs- und Informationsinstitution ist nicht nur per se wichtig, sondern spielt eine entscheidende Rolle auch für die Demokratiepolitik in diesem politikkulturell gebeutelten Lande. Diese Rolle nicht ernstzunehmen ist fahrlässig. Und weil es oft in technokratisch ticketen Kulturen vergessen wird: guter Journalismus hängt immer an guten Journalisten. Es ist wie in der Politik und in Unternehmen: es braucht gute Leute. Junge, frische und solche mit Erfahrung.

Auch wenn ich jedes mal – ob der beträchtlichen Summe stöhnend – die ORF-Gebühren zahle, tu ich das eigentlich gerne, wenn ich das Gefühl hab, ich zahle für Ö1, FM4 und gute TV-Information und Reportagen. Aber wenn sich die aktuelle politische Kultur durchsetzt – und so scheint es genau an diesem Wochenende – vergeht einem dieses Comittment, denn das Kernstück der öffentlich-rechtlichen Anstalt mit entsprechendem Auftrag wird ausgeblutet. Siehe auch die Resolution diverser Redakteursversammlungen.Wer mit ORF-lern spricht, weiß, dass es Sparpotentiale und ineffiziente Strukturen gibt – der Golden Handshake setzt leider an der komplett falschen Stelle an.

Oder zusammengefasst: Ich will Udo Bachmair hören, Eugen Freund sehen und nicht noch ein zusätzliches Society-Format.





Twittern von der Tour de France – following Lance Armstrong

3 07 2009

Ich gestehe es vorweg. Ich gehöre zu denjenigen, die Jahr für Jahr es nicht lassen können. Die – obwohl so oft der Naivität überführt – wieder mal reinkippen werden. Die – wiewohl laufend betrogen – sich der Faszination einfach nicht entziehen können. Die – wissend, dass die Spitze unter aller gebotener Wahrscheinlichkeit  dopt – süchtig danach sein werden, im Büro die diversen Live-ticker zu aktivieren und sich fragen, warum es kein TdF-Public Viewing in irgendeinem frankophilen Lokal in Wien gibt.

Auch diesmal war ich wild entschlossen. Nein, ich werde die Tour verweigern, dachte ich mir. Ich lass mich doch nicht wieder verarschen. Schon gar nicht werde ich den Werde- und Bergegang von Lance Armstrong folgen. So der wohl naive Gedankengang.

Wiewohl…naja, eim Giro, das war schon nicht übel von Lance.

Und was passiert dann? Aus völlig anderen Gründen, Motiven und von mehreren Freunden und Kollegen aufgefordert, endlich auch zu zwitschern, registriere ich mich tatsächlich  http://twitter.com/georguensberg

Die gute Nachricht, im Gegensatz zur Annahme in Falter, werde ich nicht gleich süchtig. Mein Bedürfnis, laufend 140 Zeichen Botschaften abzusondern, hält sich in Grenzen.

Aber es passiert was anderes. Ich entdecke die Accounts von Leuten wie Robbie Mc Ewen, Levi Leipheimer, George Hincapie, Allen Davis, Manuel Quinziato und eben… Lance Armstrong. Die großen Stars auf zwei Rädern also!

Nach zwei Tagen Twitter und wenige Stunde vor Start des Einzelzeitfahrens in Monaco ist klar: ich werde wieder in die Tour reinkippen. Und ich werde nicht nur den Ticker aktivieren, sondern auch die Tweets der Radstars am Abend verfolgen. Denn man muss ihnen eines zu gute halten: Twittern können sie. Und da geht´s nicht um die Dopingfrage. Zugleich stimmt das auch wieder nicht, denn misstrauisch wie ich nunmal bin, könnte es ja auch Teil der Kommunikationsstrategie sein, durch die Twitterei den Fans das Gefühl zu vermitteln, hey Leute, wir sind ja ständig präsent, wann sollen wir denn uns die EPO Ampullen reinziehen?

Sei´s drum. Die Tweets sind faszinierend und Lance hat wieder mal die Nase vorn. Er kommuniziert viel über Twitter, auch mit seinen Kollegen. Und promotet dabei seine Stiftung Livestrong. So schaut das dann aus:

twitter_lance

http://twitter.com/lancearmstrong

Er nutzt das Medium real-time, wirkt authentisch, ist ziemlich witzig und kommt mit 140 Zeichen offenbar hervorragend zu Recht. Außerdem integriert Armstrong laufend Fotos und Videos. Etwa hier beim Besuch von Laurent Fignon, ehemaligerTdf-Sieger und derzeit auch im Kampf gegen Krebs. Das liest sich dann so:

  1. French cycling legend Laurent Fignon just stopped by. A fellow survivor who’s truly living strong. http://yfrog.com/0uaq4j about 4 hours ago from Tweetie

Außerdem interagiert er mit anderen Tourteilnehmern wie Levi Leipheimer.

“RT @LeviLeipheimer: Got a few ?’s about our team & everything surrounding us. Don’t worry, we are here to race, this stuff doesn’t faze about 7 hours ago from UberTwitter”

In anderen Worten: Lance Armstrong beherrscht dieses Medium. Er wird sich während der Tour vor Journalisten zieren, aber wir können gespannt sein, wie er mit Twitter umgeht und mit seinen Fans kommuniziert. So wie in diesem Video; der Mann versteh es, Fans an sich zu binden. Der Mann macht das, was Politiker so langsam lernen. Bezug herstellen, Emotionen schüren, witzig sein. Auch dieses Video auf dem Livestrong Portal, auf das er immer wieder verweist, ist ziemlich ok: (embedding klappt leider nicht; daher click auf bild und mann kommt zu livestrong)

video_lance

In paar Stunden geht´s los.  Ich bin wieder dabei. And yes Lance, thanks to Twitter: I´ll follow you again!





Werte im Wandel. Über die Diskrepanz zwischen Politikblase und sozialer Realität

23 06 2009

Vergangene Woche sorgten die Resultate des österreichischen Berichts zur europäischen Wertestudie für Aufsehen. Dieser Standard Artikel hat einige der Ergebnisse zusammengefasst. Z.B. Ein Fünftel der Bevölkerung kann sich sehr oder ziemlich gut vorstellen, “einen starken Führer zu haben, der sich nicht um ein Parlament und um Wahlen kümmern muss“. Die Ergebnisse wurden von den Autoren jedenfalls explizit “als ernsthaftes Krisensignal für die österreichische Demokratie” gedeutet. Und genauso ist es auch.

Gestern hatte ich Gelegenheit, einer Podiumsdiskussion zur Studie beizuwohnen. Es diskutierten unter der Moderation von Standard Chefredakteurin Alexandra Förderl-Schmied,  die Klubobleute der Regierungsparteien Josef Cap und Karlheinz Kopf, Caritas Präsident Franz Küberl, Politikberater Thomas Hofer und Christian Friesl, einer der Studienautoren.

Und es wurde klar: sowohl die Ergebnisse der Studie wie auch die Diskussion sind mehr als besorgniserregend. Ein paar Gedanken dazu:

vertrauensverlustEin wesentliches Ergebnis der Studie ist der massive Vertrauensverlust in die demokratischen Institutionen, insbesondere das Parlament. (ein Auszug der Kategorien siehe links) Eine derartige Vertrauenskrise in eine der Grundsäulen der repräsentativen Demokratie kann nicht einfach nur zur Kenntnis genommen werden. Die geht sehr tief und ist nicht mit dem einen oder anderen verpatzten Wahlkampf zu erklären.

Warum sind einige (übrigens nicht alle) der Ergebnisse gerade jetzt so bedrohlich: Weil die Wirtschaftskrise eigentlich noch gar nicht richtig angekommen ist (Küberl), die sozialen Auswirkungen noch nicht mal greifen, und dennoch viele Menschen den Hang zu Autorität ausdrücken, die politischen Institutionen weiter signifikant an Vertrauen verlieren und der Ausländerhass steigt. Die Daten stammen übrigens aus dem Jahr 2008. Wie wird das erst sein, wenn noch 100.000 Arbeitslose und weitere soziale Spannungen dazukommen? Die politischen Akteure der Institutionen unterschätzen völlig, welch Nährboden für extremistische, insbesondere rechtsextreme Entwicklungen sich hier auftut. Oder schärfer formuliert. Vor 1938 gab es 1929.  Ich würde noch nicht so weit gehen wie Martin Blumenau in seinem lesenswerten Posting . Aber die Richtung seiner Argumentation, dass Österreich am Weg in eine autoritäte Zukunft sei, stimmt. (Ein Teilwiderspruch zu Blumenau ist auf ZurPolitik.com zu lesen)

Auf derartige Entwicklungen wird sehr abgebrüht reagiert. Und es bestätigt sich wieder mal: Wir leben in einer Politikblase, die dabei ist, jeglichen Kontakt zu vielen sozialen Realitäten zu verlieren. Eine Welt, die sich mit Leitartikeln, einzelnen Aussagen von Akteuren unserer Polit-Landschaft und jetzt gerade den Aussagen des Krone-Chefredakteurs auseinandersetzt, aber kaum mehr Wege und Mittel findet, einen vertrauensbildenden Diskurs über die Themen der Jetztzeit und Zukunft zu führen. Und gerade weil wir bei Jugendlichen das Erstarken der Rechten beobachten können.  Handwerklich gelingt das leider gerade der FPÖ, hier ein Angebot zu machen. Eines ohne wirklich inhaltlicher Substanz, aber mit Wirkung.

Es ist aber nicht ihre Stärke, sondern die Schwäche der anderen politischen Kräfte, insbesondere der Etablierten, die dies ermöglicht.

Auch die innenpolitische Berichterstattung ist mit ihren Aufmerksamkeits-Kriterien Part of the Show. Es interessiert im wesentlichen der innenpolitische Konflikt, der aber nicht zwingend als Ausdruck inhaltlicher Streitkultur ist, sondern jener, der die altbekannten Konfliktrituale bietet. Ob jetzt “Kuschelkurs” oder “Nur Streiten” die Ausrichtung ist, dürfte die Kernfrage mancher Medienmenschen sein.  Kurzfristig interessant, nachhaltig destruktiv. Oder anders: Wenn Claudia Schmied die Eckpunkte ihres Schulprogramms präsentiert ist das bestenfalls zwei Tage ein Thema. Wenn es einen Konflikt mit der Lehrergewerkschaft rund um die 2 Stunden mehr Unterrichtszeit, ist das über drei Monate Thema Nr. 1. Aber wo bleibt die Substanz der innenpolitischen Auseinandersetzung.

So verliert sich dann auch gestern die Podiumsdiskussion  – insbesondere seitens der Parteienvertreter – weitgehend in Ausführungen rund um taktische Manöver der Parteien, themenleere Wahlkämpfe, schlechte Plakate etc.  Am Kern geht das aber vorbei.

Wo ist der Kern? Es braucht politische Auseinandersetzung auf allen Ebenen. Auseinandersetzung nicht nur im Sinne von Streit (richtig und kultiviert streiten soll gelernt werden), sondern in Form politischer Bildung, Partizipation, Verständlichkeit politischer Inhalte und insbesondere neuer Diskursformen. Nicht nur online, aber auch.

Die Diskrepanz zwischen innenpolitischen Eigenleben (Blase) und sozialer Realität seh ich nicht als populistisches “Die Politker sind so abgehoben und richten sich alles selbst”, sondern an der Entkopplung von Diskursformen. Je bildungsferner die soziale Gruppe, desto weniger politische Auseinandersetzung. Nichts neues, aber es ist Aufgabe von Politik aber auch Zivilgesellschaft den Diskurs zu suchen und Angebot zu machen. In Betrieben, in der Schule (!), im Gemeindebau, auf der Straße, im Netz, im Verkehrssystem (da wirds dann emotional ;) etc. Das betrifft insbesondere aber nicht nur die ehemaligen Großparteien, aber auch die GRÜNEN sowie die politischen Institutionen des Landes. Es geht nicht um Polit-PR, sondern um Empowerment. Um die Befähigung der Menschen zur Politikkompetenz einerseits. Und die Befähigung der politischen Akteure zur Kommunikationskompetenz. Das wär eine der Aufgaben nach so einem Studienergebnis. Zum diskutieren gibt´s in Zeiten von Wirtschaftskrise, Energiekrise und Klimakrise eigentlich genug.

Obama hat uns da einiges vorgezeigt. Und by the way: sein Wahlkampf war sehr werteorientiert (Gerechtigkeit, Gleichheit, ja auch ökologische Nachhaltigkeit). Denn darüber wird hierzuland kaum mehr diskutiert: Welche Werte verfolgen wir eigentlich in der Gestaltung der Zukunft dieses Landes?





Faszinierend! Der Electoral Explorer der NY Times

8 05 2009

Ein ganz wunderbares Instrument für US-Wahlanalysen ist auf der Website der NY Times zu finden. Der Electoral Explorer, der eine Reihe von statistischen Daten US-amerikanischer Counties mit den Wahlergebnissen matched. Mit einem Schieberegler kann man die einzelnen Parameter verfolgen; die Übergange sind exzellent dargestellt, sodass auch differenzierte Analysen möglich sind.

electoral_explorer

Ein paar Eindrücke auf die schnelle:

  • Ganz signifikant und relevant: je höher die Bevölkerungsdichte, also städtischer das Gebiet, desto besser schneiden die Demokraten ab. Dies war schon bei den letzten Wahlen zu beobachten. Meines Erachtens wird das Stadt/Land Gefälle bei uns immer noch in der Wahlanalyse unterschätzt.
  • Klar: Je höher der Anteil der “black population”, desto eindeutiger das Ergebnis für Barack Obama. Ähnlich – wenn auch in etwas geringerem Verhältnis ist es bei der “hispanic population”
  • Durchwachsen ist das Ergebnis bei den unterschiedlichen Anteilen katholischer Wähler. Hier gibt es regionale Unterschiede. Sehr grob könnte man sagen, bei vergleichsweise sehr geringem und sehr hohem katholischen Anteil ist jeweils McCain stärker gewesen; im mittleren Bereich jedoch Obama.
  • Deutlich klarer ist der Trend natürlich bei den Southern Baptists. Je höher der Anteil, desto klarer die Präferenz für die Republikaner.
  • povertyIn den von Armut stark betroffenen Counties gibt es klare Präferenz für die Demokraten. Interessanterweise sehr ausgeglichen ist der Anteil bei den unterschiedlichen Einkommensstufen. Im obersten Segment also Counties mit hohem Prozentsatz von Spitzenverdienern ist Obama etwas stärker, aber insgesamt gibt es vergleichs wenig Unterschiede, abgesehen von sehr unterschiedlichen Zahlen in einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen.
  • hoher_anteil65plusAuch altersmässig interessant. In jenen Wahlkreisen mit einem hohem Anteil der 65+ Generaton, ist Mc Cain stärker, jedoch nicht so deutlich, wie ich es vermutet hätte.

Die Graphiken mit dem wunderbaren Schieberegler sind übrigens auch unabhängig von der Rot- oder Blaufärbung faszinierend.

Das und viel mehr ist wie auf der NY Times Election Results  Website zu verfolgen.

Dank an Alex Ostleitner für den Facebook-Link.





Krone Campaigning gegen das Wifo

20 04 2009

Die Krone hat ein neues Lieblingsthema. Der Kampf gegen Vermögenssteuern. Eine interessante Sache, da ja eigentlich die deutliche Mehrheit der Krone Leserinnen und Leser aller Voraussicht nach nicht zu jenen gehören sollte, die Vermögenssteuern zahlen müssten. Aber die Meinungsbildung in der Kronen Zeitung folgte nie ganz eindeutig logischen Motiven.

Politisch heißt das, dass es ganz schwer sein wird, Vermögenssteuern in Österreich durchzusetzen, denn insbesondere die Faymann-SPÖ wird nur sehr unwahrscheinlich gegen die Krone derartige Maßnahmen durchsetzen. Josef Pröll hingegen – Gegner von Vermögenssteuern – erhält durchaus positive Resonanz in der Krone (im Gegensatz zu seinen Vorgängern -wir erinnern uns)

Wieder mal bedenklich sind jedoch die die Methoden mit denen die Krone Politik macht. Insbesondere die harte ganzseitige Attacke gegen das Wirtschaftsforschungsinstitut vergangenen Sonntag war unsauber. Hier werden zwei Exponenten (Margit Schratzenstaller-Altzinger, Markus Marterbauer), die in unterschiedlichem Kontext für eine Vermögenssteuer plädiert haben, herausgegriffen und als linke wissenschaftliche Anhängsel von Parteien hingestellt. Ein paar Zitate:

Seitdem Franz Voves forsch vorwärts stürmend seinen Platz in der Geschichte der Neuen Ökonomischen Politik sucht, fragt so mancher, woher der Genosse Landeshauptmann (…) das Unterfutter ihrer Retro-Ideologie beziehen? (..)  Da führt beispielsweise eine Frau Schratzenstaller, die für die weit links angesiedelte Rosa-Luxemburg-Stiftung Grundsatzpapiere geschrieben hat, das große Wort. Oder macht sich ein Herr Marterbauer breit, der seit langem mit wenig beachteten Publikationen (“Wem gehört der Wohlstand?”) Anhänger sucht – und nun in Franz Voves (und Gabi Burgstaller?) Verehrer gefunden hat . . . (…) Plausibel der Verdacht, bei den Grünen könnten ebenso Mitarbeiter des Wirtschaftsforschungsinstituts, kurz WIFO als flockiges Akronym, zu Gange sein. (…)

Das ist gezielt schädigend für den Ruf der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des gemeinnützigen, unabhängigen Instituts und untergräbt ihre wissenschaftliche Kompetenz. Selbstverständlich dienen derartige Attacken zur quasi Ruhigstellung der Experten, denn jene werden mit öffentlichen Aussagen noch vorsichtiger sein, da ihnen ab jetzt immer die unterstellte Parteilichkeit entgegen gehalten werden könnte. Artikel dieser Art haben diskreditierenden Charakter.

Dabei ist es selbstverständlich, dass ein Wirtschaftsforschungsinstitut Aufträge von Parteien und Interessensvertretungen erfüllt; jetzt wird jedem in Österreich ja schnell unterstellt, der Auftraggeber bestimmt das Ergebnis, aber genau hier hat sich das Wifo immer erfolgreich gegen den Verdacht der Gefälligkeitsgutachen gestellt.

“Nix neues”, dass die Krone zu diesen Mitteln greift, könnte man meinen, aber dennoch sollte dies nicht unwidersprochen bleiben.





Warum Web 2.0. nicht nur was für Jugendkampagnen ist…

30 01 2009

“Mutter hat dich als FreundIn auf Facebook hinzugefügt.
Wir benötigen deine Bestätigung, dass du Mutter kennst, damit ihr Freunde auf Facebook sein könnt.
Mutter sagt, “…ach mein Kleiner, endlich weiß ich, was du den ganzen Tag  so treibst…”
Um die Freundschaftsanfrage zu bestätigen, klicke auf den untenstehenden Link:
… Danke, Das Facebook-Team”

Wer hätte das für möglich gehalten? Die Elterngenerationen erobern Facebook. Gut, die Meldung oben ist ein Fake und mir selbst nicht passiert, aber jetzt, wo die Social Webplattformen immer stärker Mainstream werden, gilt es zu hinterfragen, ob Web 2.0. wirklich ausschließlich für “jugendliche” Zielgruppen geeignet sind. Denn oft höre ich, “ja und für die Jugend, da mach´ma was im Internet” – und für den Rest nicht?

Kürzlich war ich in einer Expertenrunde für ein Kampagnenbrainstorming im Umweltbereich eingeladen. Natürlich kamen wir – wie derzeit alle politischen
Kommunikationsmenschen – auf die Sogwirkung der Obamakampagne zu sprechen. All roads lead to Obama, könnte man meinen.
Kommunikations- und Werbeexperte Harald Betke (lesens- bzw. sehenswert übrigens auch sein Blog) liess in einem Nebensatz etwas fallen, was mich noch weiter
beschäftigte. Er meinte sinngemäß, dass es ein Irrtum sei, dass das Internet nur die Jugend erreiche. Rein quantitativ sei die Gruppe der 55+ stärker im Web vertreten als Jugendliche, was schlicht und einfach mit der Gruppengröße zu tun hat.

Jetzt ist vor wenigen Tagen via Blogpiloten die Meldung über eine Pew Internet Studie reingekommen, in der die Nutzung von Social Networking Sites durch Erwachsene in den USA untersucht worden ist.
Demnach hat sich die Zahl der erwachsenen Internetnutzer, die ein Profil bei einem der Social Networks pflegen von 2005 bis 2008 mehr als vervierfacht – von
8 Prozent auf jetzt 35 Prozent.  18-24 Jährige sind weitergin am stärksten vertreten , was wenig überraschend ist. Ein Blick in die Studie zeigt jedoch, dass sich die Nutzung von Web 2.0 bei weitem nicht nur auf diese Gruppe beschränkt.

“Young people are much more likely than older adults to use social networks.

  • 75% of online adults 18-24 have a profile on a social network site
  • 57% of online adults 25-34 have a profile on a social network
  • 30% of online adults 35-44 have one
  • 19% of online 45 to 54 year olds have a profile
  • 10% of online 55 to 64 year olds have a profile
  • 7% of online adults 65 and older have a profile”

Klar, die Studie erfasst ausschließlich Personen, die schon online sind (was aber mittlerweile doch eine Mehrheit ist) und die USA ist nicht ganz mit Europa vergleichbar. Facebook, MySpace etc. haben hier sicher früher den Mainstream erfasst. Ebenso eindeutig ersichtlich ist, dass die Kurve pro Altersgruppe signifikant fällt, aber dennoch:  jeder fünfte Onlinenutzer zwischen 40 und 54 und fast jeder Dritte zwischen 35 und 44 hat ein Social Networking Profil. Das ist viel!
Meine Schlußfolgerung: Da diese Gruppen quantitativ eindeutig größer sind als die Jugendgruppen, wäre es falsch, strategische Kampagnenaktivitäten im Web 2.0 ausschließlich auf Jugendzielgruppen zu beschränken. Außer natürlich, es geht prinzipiell bei der Kampagne nur um jene. Aber die 3 Millionen Obama Freunde auf Facebook und 15 Millionen auf allen Plattformen waren auch nicht alle Teenager.

Vielleicht ist der Schlüssel ja ein anderer, nämlich dass die Zielgruppendefinition nach Altersklassen nur bedingt hilfreich ist – es geht viel mehr um soziokulturelle Aspekte,  Milieus und Medienaffinitäten.

Dass rein quantitativ die jungen Altersgruppen in Österreich noch kleiner sind als ältere zeigt ein Blick auf die aktuelle Bevölkerungspyramide Österreichs der Statistik Austria:
023106

Oder es ist eine andere Binsenweisheit, nämlich: Wir werden halt auch nicht jünger…





Obama und wir

20 01 2009

Irgendwie kann er einem schon leid tun. Die Erwartungshaltungen, die alle Richtung Barack Obama strömen, sind derartig vielfältig und hoch, dass wohl kein Mensch der Welt dem gerecht werden kann. Erwartungshaltungsmanagement wird – wie so oft in der Politik – an der Tagesordnung stehen. Bin schon sehr gespannt, wie es Obama heute anlegt. Und bin mir sicher, dass viele Kommentare und Schlagzeilen in den kommenden Tage lauten werden: “The party´s over”.

Sehr interessant ja das Interview im heutigen Standard Online mit Rhetoriktrainer Stefan Gössler, der die Sprachmusters in den Reden Baracks Obamas analysiert hat. Und der Mann schaut genau:

“Was an Obama so neu ist, ist seine Gabe, verschiedene Kommunikationsmuster zu kombinieren wie kein anderer vor ihm. Wenn man sich seine Reden genauer ansieht, findet man sofort eine Anapher (Wortwiederholung am Satzanfang, Anm.) gefolgt von einer Brevitas (eine plötzliche Verkürzung, Anm.). Und so eine Verkürzung wirkt wie ein Katapult, das die Botschaft nach Hause bringt. Diese Kombination verstärkt die Aussage und bringt die Botschaft viel besser ans Publikum. “

Man kann viel lernen von Obama – von seiner Sprache, seinen Methoden, auch den vermittelten Werten und dem Kampagnenmanagement. Thomas Hofer schreibt heute im Standard richtigerweise  (leider nicht online) , dass ein blindes Kopieren von Obama jedoch peinlich werden kann. Die deutschsprachigen Abwandlungen auf “Ja, wir können´s” holpern sehr. Der hessische SPD Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel ist ein gutes Beispiel. Er wollte auch mit derartigen Sprüchen den Karren aus dem Dreck ziehen, aber da braucht´s eben mehr als paar Obama-angelehnte Sprüche und Youtube Videos.

Dennoch ua. über

  • Sprache,
  • der klaren Vermittlung von Botschaften & Werten,
  • Teilhabe an einer Kampagne,
  • Aktivisten & Freiwilligen-Management,
  • Empowerment,
  • neuen Kommunikationsstrukturen fernab des klassischen Parteien-Bottom-Up,
  • authentischen Politikerpersönlichkeiten
  • die Tag-nach-der-Wahl-Strategie
  • und den Einsatz von Web 2.0 Anwendungen

müssen die Parteien nachdenken. Insbesondere in Sachen Web gibt es derzeit nahezu keine öffentliche Diskussion darüber, welche Bedeutung es einnehmen kann. Und das, obwohl auch wir ein Superwahljahr haben. In Deutschland, wo die Politikkommunikation ebenso desaströs weit weg von US-amerikanischen Verhältnissen ist, wird zumindest ansatzweise diskutiert. Dennoch hab ich den Eindruck, dass Deutschland keinen Schritt weiter ist als Österreich.

Man kann insbesondere gespannt sein, wie sehr die Europawahl im Juni  eine gemeinsame (also über nationale Grenzen hinausgehende) Webstrategie der jeweiligen Parteien bringt. Eine Riesenherausforderung, weil die Voraussetzungen in den einzelnen Mitgliedsstaaten total unterschiedlich sind. Aber es wär ein wichtiges Projekt: Denn nachdem die klassischen Medien daran scheitern, eine europäische Öffentlichkeit zu schaffen, wäre das Web eigentlich prädestiniert dafür – wissend, dass dies vorerst nur einige Zielgruppen erreicht. Aber es wäre ein Beginn. Nicht einer Obama Look-alike-Campaign, sondern eines identitätsstiftenden Projekts mit konkreten, wichtigem Anlaß: der Wahl zum Europäischen Parlament.