Noch 99 Tage: Die 10. ASPO-International Konferenz in Wien

21 02 2012

In 99 Tagen ist es soweit. In Wien findet dann (vom 30.Mai – 1. Juni im Palais Niederösterreich) die 10.  ASPO International Konferenz in Wien statt.

ASPO, die Association for the Study on Peak Oil & Peak Gas, ist ein internationales Netzwerk nationaler Organisationen, die sich mit dem Peak Oil-Phänomen auseinandersetzen und Auswirkungen bzw. Ursachen der Ölverknappung, die Entwicklung der Energiemärkte und mögliche Zukunftsszenarien analysieren. Gemeinsam mit Michael Cerveny von der ÖGUT, die für die Gesamtorganisation verantwortlich ist, und dem Peak Oil Experten Rembrandt Koppelaar aus den Niederlanden bin auch in die Vorbereitung und Abwicklung der Konferenz intensiv involviert. Von der vergangenen ASPO Konferenz 2011 in Brüssel hatte ich auch hier auf Guensblog berichtet (“What we see is the end of growth“, “ASPO 2011“) Damals wurden wir vom ASPO International Vorstand gebeten, eine Konferenz in Wien auf die Beine zu stellen, was uns dank Zusagen einer Sponsoren erfreulicherweise auch gelungen ist. Die Internationale ASPO Konferenz wird durch die Unterstützung von Land Niederösterreich, des Dachverbandes Energie & Klima der Wirtschaftskammer Österreich, der Stadt Wien, dem Klima- und Energiefonds, Pro Pellets und IG Windkraft ermöglicht. So freuen wir uns auf die Peak Oil Größen wie Colin Campbell, viele Experten der ASPO Community und einige Energieexperten, die nicht unmittelbar mit ASPO zu tun haben. Denn unser Ziel ist die Weiterentwicklung der Diskussion.

Ich werde in den kommenden Wochen immer wieder über Highlights und Prospects der kommenden Konferenz berichten.

Zu Beginn vielleicht nur ein kurzes Streiflicht, warum diese Konferenz so wichtig ist.

Neben dem Klimaschutz und umweltpolitischen Fragen ist die Verfügbarkeit und der Preis von  Energieressourcen die zentrale Frage der strategischen Ausrichtung von Energiepolitik. Und hier hat es in den vergangenen Jahren enorme Dynamik gegeben. Wer hätte vor einigen Jahren noch gedacht, dass der Ölpreis (Brent in USD) seit mittlerweile über einem Jahr kontinuierlich über 100 USD liegt. (außer zB einige der ASPO Experten) Welche Rückwirkung hat das auf das globale Wirtschaftswachstum (und vice versa)?

Die heutige Graphik in der Presse (Daten APA) zeigt, wo wir derzeit – auch in Folge der Irankrise – stehen.

Welche geopolitischen Szenarien gibt es und welche Abhängigkeiten ergeben sich politisch aufgrund der Abhängigkeit vom Import von Öl aus Gas aus Staaten, die oft weit entfernt von demokratischen Systemen sind?

Dies wird auch eine der wichtigen aktuellen Fragestellungen sein, mit denen sich die ASPO Konferenz auseinander setzten wird.

Die Themenpalette ist jedoch breit. Wie im Programm ersichtich ist, geht es unter anderem um

  • Die Zukunft von Energieangebot & Nachfrage
  • Lessons Learned: was hat sich in 10 Jahren ASPO verändert?
  • Die Rolle von nicht-konventionellem Öl- und Gas
  • Schiefergas in Europa
  • Die Verfügbarkeit von fossiler Energie
  • Die geopolitische Perspektive der Öl- und Gasförderung
  • Ökonomische und soziale Folgen der Verknappung fossiler Energie
  • Strategische Alternativen und die Rolle der Erneuerbaren Energieträger
  • Peak Oil & Urban Design. Welche Herausforderungen und Lösungen entstehen für Städte.
  • Mögliche politische Antworten

Die Liste der bestätigen Vortragenden und Diskutanten kann sich sehen lassen. Wir freuen uns insbesondere auf die Verknüpfung internationaler Expertennetzwerke mit Akteuren aus Österreich. Mit einigen hochrangigen Speakern sind wir aktuell noch im Gespräch. Die Liste wird also noch um einige hochrangige Namen ergänzt werden.

Wer rechtzeitig bucht, kommt noch in den Genuss der vergünstigten Early Bird Registration.

 





Normalität in Zeiten radikaler Brüche. Vergesst “Business-as-usual”

23 05 2011

Fukushima, Deepwater Horizon, massive Umwälzungen in der arabischen Welt… an dramatischen Anlässen gab es zuletzt keinen Mangel. Die kurzfristige Betroffenheit einer globalen Öffentlichkeit ist all diesen Anlässen gewiß. Meist nur kurzfristig. Gewöhnen wir uns einfach an alles? Wahrscheinlich zwangsläufig. Die emotionale Aufmerksamkeit muss wohl zurückgehen, allein schon aus Selbstschutz. Aber was folgt daraus? Ein paar Gedanken zwischen der großen Welt und der Niederungen hierzuland.

Was den genannten Ereignisse gemeinsam ist, ist der Bezug zur Energiefrage. Kein Wunder, dass der Rohölpreis seit über 2 Monaten kontinuierlich über 100 US-Dollar leigt.
Die Verwundbarkeit unserer Gesellschaft in der Energiefrage ist offensichtlich, und zwar einer Gesellschaft, die weitgehend relativ stabiles Wachstum, hohes Wohlstandsniveau und ein gewisses Maß an Reichtum gewohnt ist bzw. als normal betrachtet. Die diversen Krisen unserer Zeit werden jedoch den Umgang mit dieser Normalität ändern, denn ihre (durchaus vielfältigen) Ursachen gehen möglicherweise an die Quelle von Wohlstand und Wachstum.

Die Krise mit der Krise
Vor einer Woche nahm Erste Bank-Chef Andreas Treichl jene zwei Worte in den Mund, die für ca. eine Woche für eine breite Diskussion gesorgt hat: blöd und feig. Neben der Art des Statements wurde über einen Teil des Inhalts diskutiert, nämlich die tatsächlich diskussionswürdigen Richtlinien bei Kreditvergaben. (Basel III) Treichl wird aber mit noch einem Satz zitiert, der kaum für öffentliche Beachtung gesorgt hat:
Ich sehe jetzt eine riesige Gefahr dadurch, dass meine Branche relativ wenig aus der Krise gelernt hat. Denn die Chancen unfassbar schnell unfassbar viel Geld mit nicht traditionellem Geschäft zu verdienen, sind unheimlich hoch. Ich glaube, dass die nächste Krise nicht über die Immobilien, sondern über die Rohstoffe kommen wird” (Quelle Die Presse/APA)

Was bedeutet eine “nächste Krise” angesicht hoch verschuldeter Staaten und gegenseitiger Abhängigkeit in unserer Finanzgebahrung? Die Folgen der letzten Krise sind immer noch spürbar in unseren Gesellschaftssystem, siehe Budgetpolitik, siehe Griechenland, aber auch Spanien derzeit, wo viele Menschen durchaus berechtigerweise sagen: “Es reicht”.
Eine Verschärfung bzw. Wiederholung von 2008 wird Systeme zum Crash führen, und zwar auch politische Systeme.

In den letzten beiden Blogposts war über die ASPO-Konferenz in Brüssel zu lesen, wo unter anderen Jeff Rubin vor der nächsten globalen Krise gewarnt hat. Prognostizierter Zeitraum: die kommenden 12 Monate. Treichls Aussage hatte zwei Dimensionen. Einerseits: die Ressourenfrage in ihren Fundamentals. Andererseits: die kurzfristige Profitorientierung der Finanzmärkte. Treichl hatte somit eine andere Gewichtung bzw. Botschaft als Rubin. Ich will heute gar nicht bewerten, welche richtig sei oder nicht. Sehr wohl scheint evident, dass die Entwicklung der Rohstoffmärkte, des Ölpreises und der globalen Wirtschaft in einer intensiven Wechselbeziehung stehen. Die Schlußfolgerungen sind teils absurd, man blicke nur in die USA, wo aufgrund er hohen Ölpreise mit all ihren unmittelbaren Auswirkungen auf das tägliche Leben zu einem neuerlichen Change of Politics geführt hat. Es soll wieder vermehrt nach Öl und Gas gebohrt werden, sagt auch Obama.

Vereinfacht gesagt geht sich unser altes, auf billiger Energie aufbauendes Modell in dieser Form kaum mehr aus.
Was folgt aus steigender Nachfrage, sinkendem Angebot und der Abhängigkeit von unkonventionellem Öl? Ein höherer Ölpreis.
Was folgt aus der Atomdebatte nach Fukushima?
Ein höherer Strompreis.

Weitreichende Konsequenzen aus Fukushima
Die Gefahr des öffentlichen Kurzzeitbewusstsein ist, dass schnell vergessen wird. Derzeit können wir jedoch in einigen Bereichen anderes beobachten. Die Katastrophe von Fukushima lässt zentrale Akteure die Nutzung der Kernenergie tatsächlich hinterfragen.
Was in diesen Wochen in Deutschland diskutiert wird, wird tiefe Spuren zeigen. Wer Angela Merkels Interviews der letzten WOchen verfolgt hat, stellt einen deutlichen Wandel in manch ihrer Haltungen fest. (siehe dieses Zeit-Interview) Die Nuklearfrage ist zum Politikum geworden.
Die grünen Erfolge wie etwa in Baden-Würtemberg oder gestern in Bremen tragen ihren Teil dazu bei, weil die anderen Parteien sehen, dass die Menschen ihre politischen Rückschlüsse ziehen, auch an der Wahlurne. Auch bei Technologieunternehmen tut sich was: Siemens überlegt laut Handelsblatt den Ausstieg aus der Atomtechnologie.
Der Ausstieg wird den Bedarf nach neuer, zusätzlicher Energieproduktion weiter erhöhen. Die wird nicht billig sein.
Eine Politik, die wir hierzuland dem Credo “Energie muss billig sein” folgt , ist insofern unehrlich. Aufgrund der Rahmenbedinungugen und Marktentwicklung ist völlig klar, dass Energie im Falle von wirtschaftlichem Wachstum teurer werden muss.

Vergesst Eure Business-as-usual Szenarien.
Hier kommen wir zu einem Kernpunkt auch der österreichischen Energiepolitik. Ihr liegen jahrzehntelang eingespielte Business-as-usual Szenarien zu Grunde, die insbesondere auf kontinuierliche Preisentwicklungen setzen. Man geht von einem relativ stabilem Strompreis aus, leicht erhöhtem Energie- bzw. Stromverbrauch und rechnet vor, was man für neue Kapazitäten bräuchte. Das alles in relativ linearen Kurven.
Die Volatilität der Ölpreises, die Konsequenzen aus Fukushima, die Notwendigkeiten in der Klimapolitik, der auf Fundamentals aufgebaute Druck auf Ressourcenmärkte… das alles wird dabei nicht berücksichtigt.
Wo sich das wiederspiegelt? Z.B. in allen Energiestrategien oder jetzt im aktuellen Ökostromgesetz. Darauf werde ich im nächsten Posting noch genauer eingehen, aber ganz kurz: Wenn eine Fördermodell auf einem garantierten Einspeisetarif baut, das – grob gesprochen – den Förderbedarf aus der Differenz von Marktpreis und notwendigem Tarif berechnet, ist der Marktpreis unbestrittenerweise ein relevanter Faktor für die Kostenkalkulation. Gehe ich von einem niedrigen Marktpreis aus, ist der Förderbedarf hoch, sind ergo die Kosten höher. Ziehe ich hier bei den Kosten jedes Jahr einen Deckel ein, um die Errichtung neuer Anlagen zu limitieren, projeziert der Gesetzgeber Kosten für die nächsten ca 13. Jahre ohne zu wissen, wie sich der Marktpreis in den kommenden, zur Förderperiode zählenden Jahren entwickelt. Die Grundannahme, der Marktpreis bleibe in Zukunft gering, führt damit zu aktuell geringeren Investitionen. Gescheit? Nein!
Diese Methode hat zum weitgehenden Ausbaustopp für neue Ökostromanlagen geführt. So und hier kommt der Punkt: Die Kalkulation des Förderbedarf ist grundlegend anders, wenn ich einen deutlich stärker steigenden Marktpreise einberechne. 2008 – knapp vor dem Crash – war der Marktpreis z.B. kurzzeitig auf Höhe des Einspeisetarifs für Windkraft. Sowas wird wieder passieren in den kommenden Jahren.
Der Entwurf für das neue Ökostromgesetz baut jedoch auf Annahmen der Ära vor Fukushima, Deepwater Horizon und sonstiger Brücke der Jetztzeit. Fehler!

“Was ist normal?” und die Aufgabe von Politik
Insbesondere wenn sich vieles ändert, gehört es zu den Aufgaben der Politik, steuernd einzugreifen und Prioritäten zu setzen. Dazu gehört auch sowas wie ein Energiebewusstsein. Billige Energie ist z.b. stark in unserer Gesellschaft verhaftet. Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, sie sei im Stress mit der Fliegerei,weil sie dieser Tage für paar Meetings nach Bangkok fliegen müsse und doch gerade erst vom Urlaub auf den Malediven käme. No one to blame. Jedem sei sowohl Urlaub wie auch ein spannendes berufliches Umfeld gegönnt, aber es führt zur Frage: was wird als normal betrachtet in unserer Gesellschaft; und was ist Luxus. Energie bzw Treibstoff muss sehr sehr billig sein, wenn es als normal betrachtet wird, hin und her zu jetten. Ich will´s niemandem verbieten, aber es geht eben um das Bewusstsein. Um so etwas wie Energiekultur. Seid Euch einfach bewusst, dass es Luxus ist und eben nicht normal und wisst es entsprechend zu schätzen.
Denn im Gesamtsystem wird sich das irgendwie alles nimmer so leicht ausgehen.

Die Aufgabe von Politik? Prioritätensetzung!
Es gilt zu vermitteln, was ist wichtig und warum ist genau das wichtig. Und auch, warum kostet es ggbfalls mehr. Es geht darum, mit den Verheißungen der Vergangenheit aufzuhören. 1 kWh Strom leistet so viel und ist so unglaublich billig am Markt. Eine Einladung zum Energieverschleudern. Das wird´s in dieser Form bald nicht mehr spielen und der Kampf jener, die unter allen Umständen unbedingt ihr Credo einlösen wollen, dass die Liberalisiierung der Strommärkte zu einer Verbilligung geführt hat, sollen bedenken, dass sich das Umfeld geändert hat.
Möglicherweise gibt es eben wichtigeres als das Versprechen aus einer abgelaufenene Dekade einzulösen.
Wie sagte gestern eine Demonstantin in Spanien in der ZIB 1. Es geht nicht um eine der politischen Parteien, es geht um so etwas wie Werte in unserer Gesellschaft. Recht hat sie.





ASPO 2011, Teil II: Peak Cheap Oil oder “What we see is the end of growth”

1 05 2011

Mit Verspätung setze ich den kurzen Bericht über die ASPO-Konferenz in Brüssel fort. (hier Teil 1) Leider war die Zeit limitiert, um just-in-time zu bloggen. Und leider ist es auch nicht möglich, alle relevanten Infos hier zu verarbeiten.

Auch aufgrund der teils widersprüchlichen Einschätzungen, z.B. zur Rolle der Eneuerbaren im Energiemix der Zukunft. Das liegt aber in der Natur der Sache. Wer eine objektive, eindeutige Information zur Zukunft der Energieversorgung erwartet, wird möglicherweise daran scheitern. Und wer Linearität in der zukünftigen Entwicklung erwartet, übrigens noch mehr. Aber dazu demnächst noch ein Nachschlag.

Ich verspreche Teil 3, wenn alle ASPO Präsentationen online sind.

Die Krise & die Krise. Korrelation, aber auch Kausalität?

Was hatte die globale Wirtschaftskrise mit fossiler Energie zu tun? Viel. Sehr viel, sogar wenn man renommierten Ökonomen Glauben schenken darf. Und hier liegt einer der Brüche zwischen ASPO und dem medialen Mainstream bei der Einschätzung der Krise bzw. der Krisenbewältigung. Denn in den gegenwärtigen Konzepten, die den Weg aus der Krise deuten und zur Zeit tatsächlich für Entspannung sorgen, ist von der zu hohen Abhängigkeit von fossiler Energie kaum mehr die Rede. Viel haben mittlerweile vergessen, was vor dem Crash war: massiv gestiegene Ölpreise und hohe Inflation. Und tatsächlich, die Wirtschaft wächst wieder, trotz eines Ölpreises von 120 USD und mehr. Doch Vorsicht. Denn es gibt definitiv eine Korrelation zwischen Ölkrisen und den internationalen Rezessionen. Ob Korrelation gleich Kausalität bedeutet, wird eben unterschiedich gesehen. Oder wie es der angesehene Ökonom Jeff Rubin formuliert: “Every major global recession over the last forty years has had oil´s fingerprints all over it.” Sowohl der OPEC Ölschock wie auch die Krise nach dem Einmarsch des Irak in Kuwait hatte Folgen auf den Preis fossiler Energie und das Wachstum der Wirtschaft. Insb. für die USA. Das Bindeglied zwischen steigendem Ölpreis und der Krise ist die hohe Inflation. Man beachte die aktuellen Preisentwicklungen auch bei Lebensmitteln und die Inflationsrate in China (> 5%) und Indien (> 8%)
Aber die entscheidende Frage ist, welcher Ölpreis ist kritisch für die globale Ökonomie? Gibt es den Punkt, wo es kippt? Sind es 150 US-Dollar? Rubin ist überzeugt, dass die globale Wirtschaft wie wir sie kennen va eine tragende Säule hat. Öl. Oder konkret: billiges Öl. Das wird es aber nicht mehr geben, da die Ölförderung teurer wird, denn konventionelles Rohöl wird den Bedarf nicht mehr decken können. Ob wir den Höhepunkt – also Peak Oil – schon überschritten haben oder er erst kommt, ist dabei zu nicht so entscheidend. Denn die unbekanntere Größe ist das unkonventionelle Öl. Und das ist eben nicht mehr so billig zu haben.

“What we see is the end of growth”
Generell zeichnet Rubin ein düsteres Bild der Weltwirtschaft, zumindes wenn man in herkömmlichen Kategorien denkt. Er sieht die Eurozone wie sie jetzt existiert als nicht mehr lange haltbar und verweist auf den unglaublich hohen Anteil, den China an US-amerikanischen Staatsleihen hält -über 1 Billion US-Dollar. Die gesamte Auslandsverschuldung der Vereinigten Staaten beläuft sich auf rund 4,5 Billionen US-Dollar. 14,3 Billionen US-Dollar umfassen nach offiziellen Zahlen die Gesamt-Verbindlichkeiten der USA. Man könnte meinen, die USA haben derzeit ein wirklich substantielles Problem. (auch wenn Barack Obama derzeit durchaus amüsante Reden hält – wie hier kürzlich beim White House Correspondents Dinner)

Was passiert, wenn es bei 150 US-Dollar wieder kracht? Wie soll sich das alles ausgehen? Rubin, der Ökonom, kühler Rechner und wahrlich kein Öko ist, skizziert ein Bild, das stark abweicht von herkömmlichen US-Bild. Insbesondere die OECD-Staaten werden ihren Verbrauch reduzieren müssen, denn die aufstrebenden Märkte werden dies nicht tun. „But excuse me, the world doesnt grow with tripple digit oil prices“ Oder wie er pessimistisch meint:
The last recession was an energy shock. We are moving inexorably closer to another oil price induced recession. Possibly in the timeframe of 12 month.
What we see is the end of growth.”

Ist Jeff Rubin also nur einer der sogenannte Doomer? Einer, der sich am potentiellen Untergang ergötzt? Nein, seine Analyse ist eher nüchtern und als langjähriger Chefökonom der CIBC World Markets hat er anderen Background.
Ähnlich wie übrigens auch Erik Townsend, einem Investor, der auf Ölmärkte spezialisiert ist. Seiner Meinung nach hat im Mai 2005 Peak Conventional Oil stattgefunden. Die Welt hängt nun ab vom nicht-konventionellen Öl, das tief aus der Meeresboden oder z.B. aus Teersanden gewonnen wird. Der Unterschied ist die deutlich aufwendigere Gewinnung. Kalkulierte man für konventionelles Öl einen Barrelpreis von 20 USD, ist es bei nicht-konventionellem 70USD.

Game-Changing Event
Townsend beschreibt, wie die Finanzmärkte darauf reagieren. Sie fragen: Peak what? Das Thema ist auch dort nicht im Bewusstsein. Worauf der Markt schon reagiert, ist hingegen der Preis. Townsend wirft z.b. einen Blick auf die Futures. Der Markt erwartet substantiell höhere Preis als früher. Es wird jetzt schon für die Jahren 2012 – 2014 um über 100 US-Dollar/Barrel gekauft.
Townsend beschreibt unterschiedliche Phasen, z.B. ein sog. Krisenfenster zwischen 2012 und 2015. “That´s when reality hit the financial markets. Traders still don´t understand what we´re really facing.” Und zwar insbesondere dann, wenn sich der saudische Mythos von der ständigen Verfügbarkeit großer Mengen Rohöls als falsch erweist. Oder: tja, wenn die politische Situation kippt. Man lese nur die aktuellen Nachrichten.
Wir sind derzeit übrigens in der ACH-Phase. (Anything Could Happen). Möglich ist z.B. “the big sell off”, da die US-Wirtschaft sehr fragil sei. Die Situation im Nahen Osten könnte das Game Changing Event sein.
Seine Analyse, die ebenso stark aus US-Perspektive zu sehen ist: “Energy prices had a lot to do with the crisis. Unaffordable energy breaks the back of an economy.”

Betrübliche Aussichten also, mit denen wir uns auseinander setzen müssen. Nicht nur in der Energiepolitik.

Und zum Abschluss dieses Beitrags noch ein TV-Beitrag, vom australischen Sender ABC, der vor wenigen Tagen ausgestrahlt wurde und ganz gut gemacht ist. Er soll zum Verständnis für Peak Oil beitragen.
Originalquelle: http://www.abc.net.au/catalyst/stories/3201781.htm





ASPO 2011: Wo man kaum über Atomkraft spricht und doch Schlüssel zur Energiewende finden kann

27 04 2011

Derzeit findet in Brüssel die neunte ASPO Konferenz statt. ASPO ist die Association for the Study of Peak Oil & Gas. Schon einmal 2006 besuchte ich in Berlin eine ASPO-Konferenz und wohl kaum jemand außerhalb von ASPO hatte damals einen Ölpreis von bis zu 150 US-Dollar, den rasanten Abfall danach und jetzt kontinuierliche Preise über 100 US-Dollar für darauf folgenden Jahre für möglich gehalten. Manche der ASPO-Expertisen wurden früher als apokalyptisch belächelt, aber tatsächlich ist das Fundament ihrer These, nämlich Peak Oil, mittlerweile auch im Mainstream der wissenschaftlichen Diskussion angekommen. Zeitweilig auch in der Politik, aber die hat meist ein Kurzzeitgedächtnis. Dennoch sind auch bei dieser Konferenz viele unterschiedliche Meinungen, Einschätzungen und Zugänge vertreten, was durchaus positiv ist. Endlich ein Forum, wo nicht alle einer Meinung sind, sondern man evtl. sogar voneinander lernt.
Ich versuche (sofern terminlich möglich), in den kommenden Tagen auf meinem zuletzt sträflich vernachlässigten Guensblog immer wieder paar Eindrücke zu teilen. All dies sind subjektive Eindrücke und Gedanken auf Basis der Präsentationen und Gespräche hier. Also jene Sachen, die mich selbst beschäftigen, wenn ich schon die Gelegenheit habe, mit einigen dieser Topexperten Zeit zu verbringen.

Die Unterschiedlichkeit der Debatten: Atomkraft kaum ein Thema
Während man in Österreich – natürlich ebenso zu Recht – vor allem über Atomkraft diskutiert, ist hier Atom nur am Rande ein Thema. Nicht, weil das Thema nicht ernst genommen wird, aber weil ein Blick auf die Statistiken bei der Energieversorung zeigt, dass Atomkraft weltweit nur einen kleinen Teil der Energiegewinnung (ca 6%) ausmacht. Dass die Atomkraft in einzelnen Staaten natürlich schon ein Thema ist, ist grad hier Belgien oder Frankreich, die extrem nuklearabhängig sind, logisch.
Dies ist nicht nur relevant, um zu verstehen, dass Atomkraft die zentrale Energiekrise der Welt eben nicht lösen kann, sondern auch um die unterschiedliche Gewichtung der Debatte zu sehen. Für die ASPO ist die zentrale Frage, wie es mit der auf Öl, Kohle, Gas aufgebauten Energieversorgung weitergeht, wie sich Angebot und Nachfrage weiterentwickeln, welche Alternativen es gibt und wie Markteinschätzungen aussehen.
Und noch ein Thema wird angesprochen, das ebenso zuletzt aus dem öffentlichen Kurzzeit-Bewusstsein gerückt ist: der Klimawandel. Jean-Pascal van Ypersele, Professor an der Université catholique de Louvain und Vize-Vorsitzender des IPCC (International Panel on Climate Change) gab sehr betrübliche Aussichten über die aktuellen Szenarien. Das 2 Grad Ziel zu erreichen (also jene Erwärmung, die als gerade noch akzeptabel anerkannt wird, was eigentlich schon eine ethisch schwierige Definition ist) wird immer schwieriger sein. Wenn wir die CO2-Konzentration in der Atmosphäre reduzieren wollen, müssen wir die Emissionen entweder sehr bald oder sehr radikal stoppen. “We´re running out of time.”, so seine Botschaft.

Das Peak-Oil Datum ist nicht entscheidend & “All the numbers are wrong”

Colin Campbell, quasi die Peak-Oil Hoheit, hatte es zu Beginn heute gesagt: Alle Einschätzungen der vergangenen Jahren sind genau genommen nicht ganz korrekt gewesen. Auch die eigenen nicht. Schon gar nicht jene der IEA. “All the numbers are wrong. The question is by how much.” Der exakte Zeitpunkt von Peak Oil ist auch nicht entscheidend. Viel wichtiger ist es, das strukturelle Problem zu verstehen. Nämlich der Rückgang des Angebots (bei zugleich steigender Nachfrage). Wie ASPO Präsident Kjell Aleklett sagte: “Depletion is the key factor when it comes to understand peak oil
Hier nur zur Übersicht die Prognosen im World Energy Outlook zur Rohölproduktion 2030:
Woe crude oil production/history of predicitions for 2030
WEO 2004 121 Mb/d
WEO 2006 116 Mb/d
WEO 2008 106 Mb/d
WEO 2010 96 Mb/d
Folgt man der Kurve stehen im WEO 2012 86 Mb/d.

Die große Unbekannte ist “Fields yet to be found” und das “Unconventional Oil”. Hier auch der große Unterschied zwischen Aleklett und Pierre Mauriaud, einem TOTAL-Manager. Mauriaud meinte, man sollte nicht statistischen Prognosen vertrauen, sondern der Geologe und die identifziere enormens Potential. Aleklett hält dagegen, dass wir über “non-conventional” wenig wissen. Jedenfalls, dass die Förderung vergleichsweise teuer ist.

Was kann man mit 10 Milliarden US-Dollar machen?

Ja, da kann man viel machen. Ich will gar nicht dran denken, was im Bereich Erneuerbare damit geht. Oder man macht es wie die Ölindustrie und steckt 10 Milliarden US-Dollar in jeweils ein Projekt, also in die Erschließung eines (!) Deep Offshore Ölfelds. Diese Zahl nannte zumindest Jean-Marie Masset, ehemaliger TOTAL Geowissenschafter. Das erstaunliche dabei ist, dass (abhängig von vielen Faktoren wie Größe des Feldes) der Break-Even bei einem Preis von 20-70 US-D erreicht werden kann. Man sieht, was für unglaubliche Summen der Ölindustrie zur Verfügung stehen. Denn dennoch macht das aktuelle Potential der Offshore Flächen nur 5% der Gesamtkapazität (Öl/Gas) aus. Das größte Potential liegt im Golf von Mexico. Aja, Golf von Mexico. War da nicht was? Vom Deepwater Horizon-Disaster, das erst kürzlich Jahrestag beging, redet die Industrie offenbar kaum noch. Ja, es gäbe verstärkt Sicherheitsmaßnahmen und die Umwelt werde verstärkt berücksichtigt. Allerdings muss man auch dazu anmerken, dass nach Deepwater Horizon die Förderung aufgrund der Maßnahmen der US-amerikanischen Regierung zurück gegangen ist. Ein wohl temporäres Phänomen, denn die Projektionen für 2015 zeigen: es wird mit Vollgas bei der Offshore Ölförderung gerechnet.

Peak Oil & Erneuerbare: Szenarien & und der Preis als zentraler Schlüssel zur Energiewende (aber welcher Preis?)

In einer Session zu Renewables wurde von Yvonne Deng von Ecofys eine Studie im Auftrag des WWF präsentiert, die weltweit eine Energieversorgung mit 100% Erneuerbare ENergie im Jahr 2050 für möglich hält und Maßnahmen dazu aufzeigt. Die Studie steht als Kurzfassung oder als Langfassung als DOwnload bereit. Die technische Machbarkeit sei jedenfalls gegeben; Energieeffizienz & Erneuerbare sind der Weg. Aber mein Gefühl lässt mich nicht los, dass Studien dieser Art irgendwie ein Paralleluniversum darstellen. Sie sind als Vision gut brauchbar, aber sehen aus wie entkoppelt von der aktuellen Dynamik auf den Märkten. Aviel Verbruggen von der Universiät Antwerpen modellierte die unterschiedlichen Beeinflussungsfaktoren für Erneuerbare. Seine Schlußfolgerung teile ich: “The price is the major drive.” Wobei wir zwischen Marktpreis und Taxes differenzieren müssen. Jørgen Henningsen, Consultant beim European Policy Centre und viele Jahre ein zentraler Akteur in der DG Environment und dann DG Energy der Europäischen Kommission, zeigte sich enttäuscht von den völlig unambitionierten Zielen der Europäischen Union, insb. in Sachen Klimaschutz und sprach von einem negativen Effekt des Emissionshandelssystems, weil durch Überallokation und zu schwache Ziele der Preis für ein CO2-Zertifikat zu gering bleibt. Es gibt keinen Innovationsimpuls durch den europäischen Emissionshandel.
Und dann noch eine meiner Meinung nach ganz zentrale Frage. Ist der hohe Ölpreis wünschenswert im Sinne der Erneuerbaren. Ist Peak Oil gut für sie? Mein Bauch und Kopf sagte: Na Logo, eh klar. Die Experten am Podium weitgehend: NEIN! Und zwar weil der hohe Ölpreis in erster Linie Geld von ölkonsumierenden Staaten in ölproduzierende Staaten transferiere und damit die Ölwirtschaft erst Recht Geld als Investitionskapital erhalten würde. Außerdem wären ärmere Länder noch schlimmer dran. Jedoch (so mein Gegenargument): Höherer Energiepreise stellen sehr wohl einen Anreiz zum Umstieg dar und durch einen höheren Marktpreis würde auch – jedenfalls aufgrund von Mehrwert- bzw. Umsatzsteuer (sofern nicht befreit) – mehr Geld beim Staat hängen bleiben, das jener wiederum investieren könnte. Die Diskussion am Pausengang zeigte jedoch auch die sehr unterschiedlichen Steuersysteme, die ja in vielen Staaten teils extrem geringe Steuern auf Energieträger vorsehen und oft gar keine Endverbrauchsabhängigkeit gegeben ist.

In diesen Fragen liegt ein enorm wichtiger Schlüssel für die Transformation des Energiesystems.

Morgne geht´s weiter, ua. mit Jeff Rubin.

(Bilder/Fotos werden nachträglich eingearbeitet…)








Follow

Get every new post delivered to your Inbox.