Klare Verhältnisse. Über manch Irrwege und falsche Relationen in der Energiewende-Diskussion

13 03 2013

Die politisch heftig umstrittene sog. Energiewende in Deutschland hinterlässt auch ihre Spuren in Österreich. Wie schon zuletzt beschrieben wird die Debatte rund um Kosten und Barrieren des Ausbaus erneuerbarer Energie auch hierzuland genutzt, um Stimmung gegen die Energiewende im Strombereich zu machen.  Und tatsächlich ist es so, dass die Systemintegration der Erneuerbaren in die Stromversorgung einige Fragestellungen mit sich bringt, die zu lösen sind. Darum geht es in diesem Beitrag aber nicht. Sondern es geht um das Kernargument vieler Energiewendegegner, die gegen eine Kostenlawine durch Strom aus Erneuerbaren wettert.

Ein genauerer Blick zeigt, wie sehr mit einseitigen Relationen, falschen Argumenten, aber auch bewusst gesetzen Spins die Debatte beeinflusst wird. Die Diskussion orientiert sich in hohem Maße an Deutschland, wo der tatsächlich deutlich höhere Ökostromzuschlag (EEG-Umlage 5,3 ct/kWh im Jahr 2013) spürbarer ist als z.B. in Österreich. Hier sind die durchschnittlichen Kosten für den Haushalt um zwei Drittel geringer. Dennoch: mehrere Energieversorger (allen voran der Verbund), die sozialpartnerschaftlich organisierten Interessensvertreter wie die IV und die AK wettern gegen den Ökostrom als großes Kostenproblem. Schaut man sich jedoch die Verhältnisse an, sieht man, dass wir ein ganz anderes Energiekostenproblem haben als den Ökostromzuschlag. Ein Blick nach Deutschland:

Anteil der Stromkosten wie vor 20 Jahren

Wie Andreas Löschel, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg und tätig am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW), kürzlich bei einem Vortrag in Wien erläuterte, betrugen die Gesamtausgaben für Elektrizität in Deutschland (inkl Abgaben und EEG-Umlage aber ohne MWSt) im Jahr 2011 63,3 Milliarden Euro.  Dieser Betrag ist nach dem Preisverfall kurz nach der Liberalisierung der Strommärkte zuletzt tatsächlich wieder signifikant gestiegen (2012 Richtung 70 Mrd Euro), aber in Relation zum BIP liegt dieser Anteil auf ungefähr dem gleichen Niveau wie vor 20 Jahren. Löschel sieht übrigens einige Aspekte der sog. Energiewende kritisch, in diesem Punkt verweist er aber richtigerweise auf die Relationen, welche die Kostensituation deutlich weniger dramatisch zeigen als öffentlich kommuniziert wird.

Auf Seite 100 der Stellungnahme der Expertenkommission zum 1. Monitoring-Prozess „Energie der Zukunft“ ist dies graphisch erfasst:

kosten_energiewende_monitoring

Klar, dieser Anteil wird weiter steigen, aber es relativiert sich doch etwas, wenn man ständig das mediale Pauken über das Ökostromdesaster zu hören bekommt. Wir reden von aktuell 2,5% und vielleicht in naher Zukunft von 3% Anteil am BIP. Für den gesamten Strombereich!

Strom ist ein relativ kleiner Faktor bei Haushaltsausgaben

Aufgrund des ungleichen Verhältnisses zwischen Industrie und Haushalten bei der EEG-Umlage (viele Industriezweige haben Ausnahmegenehmigungen) ist es insbesondere vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Energiearmutsdiskussionen wert, einen Blick auf die Kostenstruktur von Haushalten zu werfen.

Der Monitoring-Bericht „Energie der Zukunft“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) in Deutschland hat die Verhältnisse gut aufbereitet:

Der Strompreis ist in den vergangenen Jahren für Industrie- und Gewerbekunden ungefähr gleich geblieben. (siehe Graphik). Bei Haushaltskunden hingehen ist er im selben Zeitraum von ca 20ct/kWh auf durchschnittlich 24 ct/kWh gestiegen. Man sieht also die innere Verhältnismässigkeit der Kostenaufteilung. Der Strompreis für stromintensive Industiekunden ist übrigens in den letzten Jahren sogar leicht gesunken. Insofern könnte man die Warnungen etwa der Arbeiterkammer vor Entwicklungen wie in Deutschland sogar verstehen. Wenn da nicht noch ein anderer maßgeblicher Faktor wäre:

Die Stromkosten machen bei durchschnittlichen Haushalten zwischen ca. 2 Prozent (Ein-Personen-Haushalt) und 3 Prozent (Vier-Personen-Haushalt) am Nettoeinkommen aus.  Bei einkommensschwachen Haushalten liegt der Anteil zwischen 3 und rund 4 Prozent.

Heißt das, dass die Energiekosten irrelevant sind für das Haushaltseinkommen? Nein. Denn bei deutschen Durchschnittsverdienern beträgt der Anteil der Energiekosten am Jahresnettoeinkommen zwischen 7 und 11%. Bei niedrigen Einkommen zwischen 1o und 16%. Man sieht eines wieder mal: der Strom macht den kleinsten Anteil der Energiekosten aus. Die liegen in erster Linie bei der Raumwärme und vor allem bei den Treibstoffkosten. Jeder zweite Haushalt ist in Deutschland übrigens gasversorgt. Hier die zwei dazugehörigen Graphiken, aus denen ich die oben genannten Stromanteile berechnet habe:

energiekostenanteile_durchschnitt

Hier die Graphik mit den einkommensschwachen Haushalten, ebenso aus dem Monitoringbericht der deutschen Bundesregierung.

Wie Spiegel Online kürzlich berichtet, hat sich die Situation für Öl- und Gasheizer deutlich verschärft. Haushalte, die mit Heizöl heizen, hatten 2012 die höchsten Kosten ever.

Die Verhältnisse sind in Österreich übrigens nicht unähnlich. Die Energiekosten steigen. Aber auch hier hat der Strom nur einen geringen Anteil. Und der Ökostrom-Zuschlag ist völlig vernachlässigbar. Die steigenden Kosten werden angetrieben von jenen Bereichen, die von fossiler Energie am meisten abhängig sind. Also Treibstoff und Raumwärme. Angesichts von über 700.000 Ölheizungen, die z.B. völlig unverständlicherweise  im Energiepreismonitoring der Arbeiterkammer nicht erfasst sind, ist völlig klar, worüber man eigentlich diskutieren sollte, wenn man über den Preistreiber Energie spricht.

Es wird Zeit, dem teils irrationalen und weitgehend von Eigentinteressen beflügeltem Lobbyismus gegen die Energiewende im Strombereich etwas entgegen zu setzen. Z.B. klare Verhältnisse, wenn wir über Kosten reden.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass Österreich auch einen Monitoringbericht zur Energiewende bräuchte, der von unabhängigen Fachexperten begleitet wird.





Der Shale Hype: Das Imperium schlägt zurück

29 01 2013

Wer die internationalen Medien zur Entwicklung der Energiemärkte verfolgt, wird signifikante Änderungen in der Schwerpunktsetzung festgestellt haben. Die Debatte rund um die Energiezukunft dreht sich in eine völlig andere Richtung. Schiefergas (Shale Gas) und Schieferöl (Tight Oil) geben nun den Ton an. Auch vor Österreich wird diese Trend nicht Halt machen. In diesem Beitrag geht es nicht nur um hochbrisante inhaltliche Dimension der nicht-konventionellen Gewinnung von Öl und Gas, sondern auch darum, wie sehr sie die medienöffentliche energiepolitische Diskussion beeinflusst und von den Proponenten der Energiewende keineswegs unterschätzt werden darf. Denn justament in Zeiten, wo es um massive Investitionen in die Energieinfrastruktur der Zukunft geht, ist das kein Zufall.

Terry Macalister, seit vielen Jahren beim Guardian verantwortlicher Redakteur für Energie, schrieb in einem Tweet im Dezember 2012:

“In two decades I have never come across such heavy lobbying than for shale gas. What a pity renewables cant get that financial muscle.

Und tatsächlich ist dies kein britisches Spezifikum. Shale ist international das große Energiethema. Erst vor wenigen Tagen – am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos – haben die Ukraine und Shell einen 10Mrd US-D Deal zur Gewinnung von Schiefergas präsentiert, der das Land mit dem drittgrößtem Schiefergaspotenzial in Europa erschließen soll. Die Fragezeichen, die dahinter stehen  – es beginnt ja erst die Exploration – sind nicht mehr öffentliches Thema. Shell Generaldirektor Peter Voser sagt in diesem BBC-Interview, dass man erst nach der Exploration entscheiden könne, ob die Kosten der Gewinnung überhaupt marktkompatibel seien. Ein entscheidender Punkt: denn ua durch unterschiedlichen geologische Voraussetzungen variieren die Kosten der Shale Gas Gewinnung enorm.

Die Rolle des IEA World Energy Outlook

Der World Energy Outlook 2012 der Internationalen Energie Agentur (siehe ua eine Analyse auf Guensblog) hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Zug in diese Richtung abfährt. Die Kernbotschaft wurde in die ganze Welt gespinnt: Die USA werden dank unkonventioneller Öl- und Gasgewinnung “energieunabhängig”! Dass dies bei genauer Betrachtungsweise zwar nur dank des signifikant sinkenden Energieverbrauchs zu bewerkstelligen ist, wurde kaum mehr kommuniziert. Aber dennoch sei auch an dieser Stelle festgehalten: die Trendwende in den USA ist tatsächlich bemerkenswert. Auch wenn noch nicht abschätzbar ist, wie lange diese Entwicklung anhält, so denke ich auch, dass er von Peak Oil Experten unterschätzt wurde. Hier eine Graphik der US Energy Administration zur Shale Gas Entwicklung der vergangenen Jahre:

USShaleGasProd

Die Implikation des Booms sind weitreichend. Kommuniziert werden 600.000 neue Jobs in den USA; mit Ziel 3 Millionen bis 2020. Da Erdgas in den USA billig ist, der Strompreis für die Industrie ebenso, werden energieintensive Branchen in die USA gelockt (die Voest folgt diesem Ruf); insbesondere die chemische Industrie feiert ein US-Revival, was sich auch in Anlage- und Investmentstrategien niederschlägt (siehe Welt Artikel)

Der World Energy Outlook, mit Fatih Birol als Chief Economist als wichtigsten Kommunikator, der nun wochenlang schon mit dieser Botschaft auf Welttour ist, gibt der Öffentlichkeit die Sicherheit, dass sich dieser Trend durchsetzt. Dankenswerterweise vergisst Birol nicht darauf zu erwähnen, dass wir alle Klimaziele verpassen, aber dieser redundanten Botschaft fehlt wohl die mediale Attraktivität.

Die Shale Diskussion in Europa – ist der US Boom transferierbar?

Die Schiefergasdebatte ist schon länger in Europa angekommen; es gibt in einzelnen Staaten (etwa Frankreich) Förderverbote aufgrund von Umweltbedenken (Grundwasserverschmutzung); andere wie Polen wollen bei Non-Conventionals einsteigen. Die Kommission berät heuer gemeinschaftliche Strategien.

Es wird medial großer Druck aufgebaut. Europa würde Terrain verlieren, wenn es sich den Non-Conventional verschliesst. (siehe FT-Artikel va zur Petrochemie oder Europe must be sold on shale´s merits) Auch in Österreich wird diese Meinung mittlerweile stark vertreten. (siehe ua OÖN “Österreich kann auf Schiefergas nicht verzichten oder Presse Interview mit OMV Roiss und Huijskes “In Österreich ist nicht mal Nachdenken erlaubt)” Es war kein Zufall, dass die OMV den World Energy Outlook 2012 in Wien präsentiert hat, sondern der perfekte Anlass den Shale Boom in Österreich zu platzieren.

Der Spin hat sich tatsächlich in den vergangenen Monaten gedreht. War vor einem Jahr noch von “Energieunabhängigkeit” die Rede, meinte man energieunabängig auf Basis Erneuerbare Energie. Jetzt ist dieser Begriff international vom Shale Boom vereinnahmt worden. Angesichts der gigantischen Summen, die für Energieimporte drauf gehen, kein Wunder, dass großes Thema ist. Wie ProPellets kürzlich aufgezeigt hat, importierte die Europäische Union nach Angaben der DG Energy im Jahr 2005 4.510 Milliarden Barrel Rohöl. im Jahr 2011 waren es durch Einsparungen und den Umstieg auf erneuerbare Energie nur mehr 3.870 Milliarden Barrel. Trotz der gesunkenen Menge stieg in diesem Zeitraum der finanzielle Aufwand der EU für Rohölimporte von 232 Milliarden $ auf 427 Milliarden $, ein Plus von fast 200 Milliarden $. Grund: der gestiegene Preis.

Nun ist die Shale Situation in Europa in vielerlei Hinsicht anders als in den USA. Exxon Mobile ist in Polen mit der Shale Exploration gescheitert (“no demonstrated sustained commercial hydrocarbon flow rates”/siehe FT-Artikel); die Umweltauflagen sind dankenswerterweise höher. Die Besiedelung ist meist dichter – auch in Nähe der vermuteten Shale Vorkommen. Auch die Preiszusammensetzung ist in Europa anders als in den USA. Dies alles ist sowohl in der Strategieentwicklung wie auch in der öffentlichen Debatte zu berücksichtigen. Diese Strategie braucht es auf politischer Ebene, denn was aktuell passiert, ist, dass die fossilen Multis schnell agieren und ihre Reviere sichern. (“We go where the resources are”  Peter Voser/Shell im oben erwähnten BBC Interview) Und angesichts der Tatsache, dass sich die Liste der gewinnstärksten Unternehmen der Welt wie ein Who is Who der Öl- und Gaskonzerne liest, ist klar, wie voll die Kassen gefüllt sind, um weitere Eroberungen abzuschließen. Doch wie schaut unsere Antwort darauf aus?

Was jetzt wichtig wäre:

  1. Don´t simply trust the hype! Dass der US-Shale Boom wie eine Blase zerplatzt (wie manche Experten meinen) glaube ich mittlerweile nicht. Es wird in einigen Regionen auf Teufel-komm-raus gefracked. Die Perspektive einer neuen Industrialisierungswelle ist in den USA zu verheissungsvoll. Aber dieser Weg ist nicht 1:1 transferierbar. Geologische, ökonomische aber auch politische Gründe sprechen dagegen und sind in der Analyse aber auch Berichterstattung zu berücksichtigen. Würde sich jeder industriell intendierte Medienhype schnell realisieren, müssten wir alle schon superflockigen Elektroautos rumkurven. Also: Ball flach halten.
  2. Es gibt Klarheit: Peak Oil wird das Klima nicht retten. Angesichts einer versagenden Klimapolitik war die Hoffnung da, dass die Implikationen des Peak Oil das Problem quasi von selbst lösen. Und tatsächlich ist der Peak Conventional Oil evident, ebenso wie das 4-fache Niveau des Ölpreises im Vergleich zu den Jahren vor 2008.  Aber dennoch: es ist noch genug gebundender Kohlenstoff in der Erde da, mit dem wir das Klima völlig ins Kippen bringen können. Ergo:
  3. Es braucht eine klare Priorität der Politik: Klimaschutz! Nicholas Stern, der im Jahr 2006 den weltberühmten Stern-Report zum Klimaproblem herausgegeben hat, meinte kürzlich sinngemäß: Ich hab mich damals geirrt beim Klimawandel. Es ist noch viel schlimmer als gedacht. Stern erläutert (siehe Guardian), dass wir aktuell Richtung 4Grad C globale Temperaturerwärmung hinarbeiten, was dramatische Konsequenzen mit sich bringt. Die internationalen Instrumente des Klimaschutzes versagen völlig. Der Shale Boom darf jedenfalls nicht losgelöst von der Klimafrage eingeschätzt werden. Wir haben es schlicht mit einem öffentlichen Comeback der Fossilen zu tun. (Real waren sie nie weg)
  4. Kommt es zum alten Konfliktmuster Umwelt gegen Wirtschaft? In gewisser Weise ja: viele der unkonventionellen Fördermethoden gehen mit massiven Umweltauswirkungen (neben dem Klimawandel) einher. Sei es durch den Einsatz von Chemikalien, gigantischem Wasserverbrauch aber auch durch die Erschließung neuer Gebiete – Stichwort Antarktis. Es braucht eine klare Trennlinie und NoGo´s, die Natur- und Umweltschutz voranstellen. An dieser Stelle sei auch auf den sehr gut aufbereiteten Greenpeace Bericht “Point Of No Return” verwiesen.
  5. Dem medialen Zerrbild etwas entgegen setzen: Was kostet welche Energiewende? Schiefergas billig – Erneuerbare teuer. So ist zur Zeit das mediale Abbild. Und es ist falsch. Wie der World Energy Outlook 2012 gezeigt hat, sind 2011 88 Milliarden US-D an öffentlichen Subventionen in Erneuerbare Energie gegangen (+24% im Vgl zu 2010) und 523 Milliarden US-D an öffentlichen Förderungen in fossile Energie (+30% im Vgl zu 2010). Auch die Diskussion zur Energiewende in Deutschland ist stark davon geprägt, dass die Ökostromumlage weitgehend dem Haushalt überantwortet wird. Es braucht Kostentransparenz. Es sind die fossilen Energieträger und eine verschwenderische Energiekultur, die Energiearmut forciert und zu hohen Kosten führt.
  6. Die Energiewende als kulturelles Projekt: Die Energiewende ist  mehr als der einfache Austausch von Energieträgern im selben System. Es geht auch um einen kulturellen Wandel, der den Verbrauch wieder stärker ins Zentrum rückt und der dezentralen Produktion mehr Bedeutung einräumt. Die Energiewende ist nicht von oben verordnet; sie geht von den Menschen selbst aus, die ihrerseites unabhängiger werden wollen und einen Beitrag für eine saubere zukünftige Energieversorgung leisten wollen.  Die vielen BürgerInnen-Beteiligungsprojekte sind ein gutes Beispiel dafür.
  7. Capacity Building: Österreich ist zwar in einer privilegierten Situation, weil die Erneuerbaren nicht nur das Rückgrat der Stromversorgung bilden, sondern auch auf hohe Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen. Dennoch hat man zur Zeit den Eindruck, dass es kaum eine politische wie auch Kommunikationsstrategie gibt, wie man auf internationaler Ebene der enormen Dynamik am Energiemarkt gerecht werden kann. Es ist wichtig, dem aktuellen Medienhype auch kritische Analyse entgegen zu halten. Sei es aus den konventionellen Institutionen heraus oder auch durch neue Akteure.
  8. Es braucht eine Strategie zur enormen Dynamik am Energiemarkt. Shale Hype, Ökostrom Boom, geopolitische Verschiebungen, Klimakrise. Man hat den Eindruck, dass die Politik diesen Trends, die tatsächlch viel Veränderbarkeit mit sich bringen, ohne klare Strategie gegenüber stehen. Dabei haben die Erneuerbaren in den vergangenen Jahren enorm viel erreicht. Auch in Österreich. Die Vorteile der erneuerbaren Energiewende liegen auf der Hand: Klimaschutz, regionale Wertschöpfung, Beschäftigungspotenzial, mehr Unabhängigkeit.Es wird jedoch noch mehr Dynamik kommen. Innovative Speichertechnologien, effizientere Verfahren, Siedlungsentwicklung, neue Marktmodelle – durch eine Fortschreibung der gängigen Konzepte werden wir den Weg in eine nachhaltige Energieversorgung verpassen. Wir müssen schneller und in der Analyse besser werden. Das ist Aufgabe der Politik, aber auch der öffentlich agierenden Institutionen. Sonst haben andere das Heft in der Hand. Mit Eigeninteressen. Die Energiefrage ist aber viel zu wichtig, um sie Eigeninteressen anderer zu überlassen.




Boom or doom? Oder irgendwas dazwischen… Teil 1 der ASPO-Nachlese

6 07 2012

5 Wochen nach der ASPO-International Konferenz in Wien, dem weltweit größten Treffen von Peak Oil ExpertInnen im heurigen Jahr, ist es Zeit für eine Nachlese. Denn in den vergangenen Wochen hat sich die Diskussion um das Maximum der Ölförderung noch einmal verschärft; man könnte sogar konstatieren, sie ist in der Bewertung von Peak Oil und der zukünftig förderbaren Ölmengen in einer entscheidenden Phase.

Neben der medialen Berichterstattung zur Konferenz (einige Beispiele sind hier zu finden) sei voran noch eine Übersicht zu Blogbeiträgen gestellt, die sich mit der Konferenz auseinander gesetzt haben. Erfreulich, dass der kritische Diskurs durchaus weitergeht.

Steht ein neuer Ölboom bevor?

Diverse Berichte und Beiträge vermitteln derzeit, Peak Oil sei eine These gewesen, die sich als unrichtig herausgestellt hätte. Eine Steigerung der Kapazitäten (die auch eine entsprechende Nachfrage abzudecken hätte) sei ohne weiteres möglich sei.

George Monbiot meint im Guardian überhaupt “We were wrong on peak oil. There’s enough to fry us all”. (Eine deutschsprachige Übersetzung gibt es dazu auf www.freitag.de) Er bezieht sich dabei auf einen Bericht “Oil – The Next Revolution” von Leonardo Maugeri, Senior Fellow der Harvard University (John Kennedy School, Belfer Center for Science and International Affairs) und langjährigen ENI-Manager. Demnach sei es kein Problem, die heutige Ölfördermenge von knapp über 90 Millionen Barrel Tagesproduktion auf über 110 Millionen Barrel Tagesproduktion bis 2020 zu steigern. Voraussetzung dafür sei ein Ölpreis von 70 US$ pro Barrel. Es sei nur eine Frage von Technologie und Politik. Aus Sicht Maugeris hätten die Beschränkungen der vergangenen zehn Jahre mehr finanzielle als geologische Gründe gehabt.  Aber die hohen Preise der vergangene paar Jahre hätten die Investitionsbereitschaft erhöht und damit neue Potentiale erschlossen. Neben dem Irak wird insbesondere in den USA ein neuer Ölboom beschrieben, der auf den unkonventionellem Öl, vor allem Schieferöl basiert. Monbiots Schlußfolgerung: “Es befindet sich genügend Öl unter der Erdoberfläche, um uns alle zu frittieren, und es gibt kein Mittel, um Regierungen und Industrie davon abzuhalten, es dort rauszuholen.

…oder ist es nur der neue Spin des fossilen “Technology will fix-it” Mainstreams?

Dem stehen viele kritische Stimmen entgegen. Richard Heinberg schreibt etwa über den Peak Denial. Einige Fakten seien schlicht nicht zu leugnen. Etwa die deutlich gestiegenen Preise für die Ölexploration und Rohöl selbst. Die größten Ölfelder, die immer noch 60% der weltweiten Rohölproduktion ausmachen, sind alt und eine Verringerung ihrer Produktionskapazität unausweichlich. Die neu entdeckten Ölfelder sind bei weitem nicht in der Lage, einen entsprechenden Rückgang zu kompensieren. Eine gute Zusammenfassung über diese Peak Oil Kernargumente bieten die ASPO-Vorträge der ersten Session von Kjell Aleklett und ex-BP Petroleum Ingenieur, Jeremy Gilbert. Siehe links eine der Illustrationen von Olle Qvennerstedt aus dem Aleklett Buch.

Jeremy Leggett, Mitglied der UK Industry Taskforce on Peak Oil and Energy Security, argumentiert in einem Guardian Gegenbeitrag zu Monbiot, dass es ein grundsätzliches Missverständnis sei, zu glauben, dass es bei Peak Oil in erster Linie um die Gesamtmenge ginge, die noch in einem Ölfeld zu vermuten sei. Viel mehr ist die Durchflußmenge, die aus den Ölfeldern gewinnbar sei, entscheidend. Wie hoch kann die tägliche förderbare Menge gehalten bzw. erweitert werden? Und zu welchem Preis? Er argumentiert, dass die Akteure im ASPO-Netzwerk selbst ja meist aus der Ölindustrie kommen und nun offener über die Problemlage sprechen könnten. Der Zugang zu gesicherter Information ist im Ölmarkt schwierig und Misstrauen höchst angebracht. Also kein Grund zu Optimismus für die Öl- und Gasindustrie.

Offensichtlich sind übrigens auch die Preisverschiebungen und eine deutlich gestiegene Volatilität. Vor 10 Jahren war die Weltwirtschaft 20-25 US-Dollar pro Barrel Rohöl gewohnt. Jetzt schreiben schon viele Medien von einem beispiellosen Sinkflug, wenn wir mal  unter 90 US-Dollar landen. Vielleicht ist dies aber auch nur ein Beispiel für die Kurzfristigkeit des Markt- und Mediendenkens. Aber dieser Shift ist nicht zu leugnen.

“All numbers are wrong: that much we know…

The question is: how wrong?” Diese ältere Zitat von Colin Campbell zeigt auf welchen unsicheren Boden sich auch Experten bewegen. Insofern geht es auch nicht darum, wer nun recht hätte. Die Welt und damit auch die Information über sie entwickelt sich ständig weiter. Es ist kein Wunder, dass sich die Prognosen auf allen Seiten laufend verschieben. Insofern ist das Duell zwischen Leggett und Monbiot eigentlich nicht derKern. Dennis Meadows hatte bei der ASPO-Konferenz völlig recht, als er sagte, dass jeder zur Bestätigung seiner These immer neue Daten finden könne, aber dass es darum nicht ginge. Es geht nicht mehr darum, vor Peak Oil zu warnen, sondern zu einem besseren Verständnis beizutragen, um Gegenstrategien -und maßnahmen zu entwickeln. Hier das Video der bemerkenswerten Diskussion bei der ASPO-Konferenz zwischen Kjell Aleklett, Jeremy Gilbert, Dennis Meadows und Nebosja Nakicenovic (IIASA, TU-Wien, Global Energy Assessment)

Es ist genug unter der Erde…

Eine realistische Einschätzung der Non-Conventionals ist nicht leicht, weil mit sehr unterschiedlichen Annahmen gerechnet wird. Wer die  Präsentation des schottischen Energieexperten und Oildrum Autoren Euan Mearns sieht, kommt zum Schluß: es ist genug fossiles Material in der Erde, das grundsätzlich für die energetische Nutzung gewinnbar ist.

Aber der fundamentale Wandel ist, dass nicht-konventionelle Quelle wie Ölschiefer, Schiefergas, Teersande etc. ökonomisch aber auch in ihrer geologischen Charakteristik völlig anders zu beurteilen sind als konventionelles Erdöl und Erdgas. Die Gewinnung selbst ist deutlich teurer, die Förderkurve ist unterschiedlich (sie fällt bei Shale Gas teilweise rapide ab nach dem Fördermaximum), der Energy Return On Investment (EROI) ist deutlich schlechter, was bedeutet: Wir werden immer mehr Energie brauchen, um neue Energie zu produzieren.

Der “große Goldrausch” in den USA (siehe den äußerst sehens- und hörenswerten Vortrag von Arthur Berman) aber auch Teilen Europas zu Shalegas, der zur aktuellen Euphorie führt, ist geblendet vom Wunsch nach kurzfristigem Profit. Aber langfristige Versorgungssicherheit ist dadurch noch nicht absehbar. Dass dabei über Umweltinteressen hinweg gefahren wird, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

…aber das Problem liegt oberhalb.

Auf die Frage, ob die Non-Conventionals letztlich ein Gamechanger sein können, meint Mearns: “Peak cheap oil was the game changer. Unconventional oil and gas production is the system response to the new game.”

Daher ist es verantwortungslos, dem Mainstream der Öl- und Gascompanies blind zu folgen. Auf den bestehenden Daten über nicht-konventionelles Öl- und Gas kann aktuell noch keine langfristige Strategie aufgebaut werden. Wie Nebojsa Nakicenovic ausführt, braucht es in der aktuellen Transformationsphase politisch notwendige Langzeitentscheidungen, was bei der enormen Preisvolatität der auf Fossilen aufgebauten Energiemärkte extrem schwierig ist. Es geht nicht um ein bisschen hier und bisschen dort, sondern um echte Transformation. Denn richtigerweise sieht er in erster Linie den Klimawandel als Kernargument, den es zu bekämpfen gilt (was manche im ASPO-Netzwerk anders sehen)

Unser Planet ist kein Spielplatz.

Wie ich schon im Posting vor der ASPO-Konferenz beschrieben habe, ist es Michael Cerveny (ÖGUT) und mir bei der Organisation der Konferenz nicht darum gegangen, auf die  Frage nach dem “WANN kommt Peak Oil” zu fokussieren, sondern viel mehr die Struktur der Energieversorgung noch besser verständlich zu machen, die Unwägbarkeiten und Risiken zu thematisieren, und mögliche  Strategien und Wege zu beschreiben.

Die hohen Öl- und Gaspreise der vergangenen Jahre haben stark zu einem Bewusstseinswandel beigetragen, der letztlich auch den politischen Wunsch bestärkt hat, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern  zu reduzieren. Es braucht ohne Zweifel Strategien, die eine signifikante Reduktion des Ölanteils und letztlich ein nahezu Phase-Out von Öl bewirken. (siehe Nakicenovic) Der Klimawandel ist der wichtigste Grund dafür, aber nicht der einzige. Die Unsicherheiten der Öl- und Gasversorgung mit allen umweltbezogenen Konsequenzen (Fracking etc.) gehören weiterhin dazu genauso wie die geopolitischen Facetten (siehe nächster Teil der ASPO-Nachlese)

Oder wir Richard Heinberg in seinem Beitrag “Peak Denial” so schön geschrieben hat:

The Peak Oil debate is not a sporting event. What matters is not which side wins, but what reality awaits us.”





Die geopolitische Dimension von Peak Oil und Ressourcenknappheit – ASPO Konferenzvorschau (Teil 2)

27 05 2012

Leider komme ich aktuell nicht in jenem Ausmaß zum bloggen wie erhofft. Es sind nur mehr wenige Stunden bis zum Beginn der ASPO-Konferenz in Wien. Nach einer ersten Übersicht, warum die “Lessons Learned” gerade in der  Peak Oil-Diskussion so relevant sind, widme ich den heutigen Beitrag kurz der geopolitischen Perspektive.

Wer die internationalen Nachrichten verfolgt, wird in Konfliktfällen häufig direkt oder indirekt auf Ressourcenfragen aufmerksam. Ob im Nahen Osten, im Sudan, aktuell im südchinesischen Meer (siehe ARD-Bericht), im wieder aufkeimenden Konflikt rund um die Falkland-Inseln (siehe Spiegel Bericht). Sehr oft steht der Streit um Ansprüche an Ressourcen und insbesondere Öl und Gas im Zentrum. Siehe etwa auch die Folgewirkung auf nervöse Märkte und Öffentlichkeit im Rahmen der Auseinandersetzungen in Libyen oder mit dem Iran (Straße von Hormus)

Es wäre wohl reduzierend, wenn man jeden internationalen Konflikt auf Energiefragen runterbrechen würde, aber ein Zusammenhang ist offensichtlich. Daher widmet sich die ASPO auch ausführlich der internationalen Politik und zentralen Fragestellungen rund um Energiesicherheit und geopolitische Aspekte. Die Above-Ground Faktoren werden schlicht immer wichtiger in der Analyse.

Die Abhängigkeit von Importen bei Öl und Gas führt auch zur politischen Abhängigkeit. Die Rohölimporte Österreichs beliefen sich im Jahr 2010 auf etwa 6,8 Mio. Tonnen, wobei Österreichs wichtigste Rohöllieferanten im genannten Jahr Kasachstan (1,8 Mio. t), Libyen (1,6 Mio. t) und Russland (0,7 Mio. t) waren. In den Jahren 2008 und 2009 war noch der Irak an zweiter Stelle. Nicht viel anders is das Bild bei Erdgas. 80% Prozent des österreichischen Gasbedarfs wird importiert, davon der überwiegende Teil aus Russland.

Es ist daher eine große Ehre, dass mit Michael Klare einer der renommiertesten Experten zum Themenkomplex “Internationale Konflikte” und Ressourcen zur ASPO-Konferenz nach Wien kommen wird. Klare hat kürzlich das Buch “The Race for What´s Left. The Global Scramble for the World’s Last Resources” veröffentlicht. (hier ein Beitrag auf Huffington Post zum Buch) Er ist Five-College Professor zu Friedens- und Sicherheitspolitik und unter anderem auch Korrespondent für sicherheitspolitische Fragen von “The Nation”.  In seinem Buch gibt er einen sehr guten Überblick über die Verquickung von Ressourcenfragen mit den aktuellen Konfliktherden. Es zeigt deutlich, wie zentral die Frage des Zugangs zu Energieressourcen und entsprechendem Vermögen für viele Staaten ist und dass entsprechend keine Wege und Mittel gescheut werden, den Zugang sicherzustellen oder zu erhalten. Bedingt bzw beschleunigt wird dies eben dadurch, das Öl und Gas nicht mehr in jenem Maße bzw zu jedem Preis verfügbar ist wie früher.

Zur Frage der Energiesicherheit Erneuerbarer Energieträger (mit ebenso einer spezifischen geopolitischen Einschätzung) wird Karen Smith-Stegen sprechen. Sie ist Professorin für Erneuerbare Energie und Umweltpolitik an der  Jacobs University und am Bremer Energie Institut.

Weitere Experten am Podium sind Karin Kneissl, Jörn Richert und Daniele Ganser (ASPO Schweiz)

Karin Kneissl ist in Österreich als Nahost-Expertin bekannt und publiziert seit vielen Jahren auch zu Energiethemen, siehe u.a. “Der Energiepoker“  Wie eng die großen Infrastrukturprojekte im Energiebereich mit höchst brisanten, politischen Fragen verknüpft sind, ist auch am Nabucco-Projekt zu sehen, worüber Karin Kneissl kürzlich diesen lesenswerten Kommentar in der Presse geschrieben hat.

Vor zwei Jahren hat die Bundeswehr Studie “Peak Oil – sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen” für enormes Aufsehen gesorgt. Auch hier werden die unterschiedlichsten Facetten im Verhältnis Ressourcen/Energie und Sicherheitspolitik, internationale Konflikte analysiert. Jörn Richert vom Zentrum für Transformation der Bundeswehr, Dezernat Zukunftsanalyse, wird ein Redner am Podium sein, der die Studie und Folgeaktivitäten bestens kennt.

Die Diskussion soll zu einem noch besseren Verständnis der komplexen internationalen Zusammenhänge beitragen und auch einen anderen Blickwinkel auf das Weltgeschehen ermöglichen. Letztlich ist dieses Verständnis auch wesentlich für Fragen der Energiesicherheit und eine entsprechende strategische Ausrichtung, die nicht nur durch sicherheitspolitische, sondern auch durch energiepolitische Entscheidungen getragen werden muss.





ASPO 2011: Wo man kaum über Atomkraft spricht und doch Schlüssel zur Energiewende finden kann

27 04 2011

Derzeit findet in Brüssel die neunte ASPO Konferenz statt. ASPO ist die Association for the Study of Peak Oil & Gas. Schon einmal 2006 besuchte ich in Berlin eine ASPO-Konferenz und wohl kaum jemand außerhalb von ASPO hatte damals einen Ölpreis von bis zu 150 US-Dollar, den rasanten Abfall danach und jetzt kontinuierliche Preise über 100 US-Dollar für darauf folgenden Jahre für möglich gehalten. Manche der ASPO-Expertisen wurden früher als apokalyptisch belächelt, aber tatsächlich ist das Fundament ihrer These, nämlich Peak Oil, mittlerweile auch im Mainstream der wissenschaftlichen Diskussion angekommen. Zeitweilig auch in der Politik, aber die hat meist ein Kurzzeitgedächtnis. Dennoch sind auch bei dieser Konferenz viele unterschiedliche Meinungen, Einschätzungen und Zugänge vertreten, was durchaus positiv ist. Endlich ein Forum, wo nicht alle einer Meinung sind, sondern man evtl. sogar voneinander lernt.
Ich versuche (sofern terminlich möglich), in den kommenden Tagen auf meinem zuletzt sträflich vernachlässigten Guensblog immer wieder paar Eindrücke zu teilen. All dies sind subjektive Eindrücke und Gedanken auf Basis der Präsentationen und Gespräche hier. Also jene Sachen, die mich selbst beschäftigen, wenn ich schon die Gelegenheit habe, mit einigen dieser Topexperten Zeit zu verbringen.

Die Unterschiedlichkeit der Debatten: Atomkraft kaum ein Thema
Während man in Österreich – natürlich ebenso zu Recht – vor allem über Atomkraft diskutiert, ist hier Atom nur am Rande ein Thema. Nicht, weil das Thema nicht ernst genommen wird, aber weil ein Blick auf die Statistiken bei der Energieversorung zeigt, dass Atomkraft weltweit nur einen kleinen Teil der Energiegewinnung (ca 6%) ausmacht. Dass die Atomkraft in einzelnen Staaten natürlich schon ein Thema ist, ist grad hier Belgien oder Frankreich, die extrem nuklearabhängig sind, logisch.
Dies ist nicht nur relevant, um zu verstehen, dass Atomkraft die zentrale Energiekrise der Welt eben nicht lösen kann, sondern auch um die unterschiedliche Gewichtung der Debatte zu sehen. Für die ASPO ist die zentrale Frage, wie es mit der auf Öl, Kohle, Gas aufgebauten Energieversorgung weitergeht, wie sich Angebot und Nachfrage weiterentwickeln, welche Alternativen es gibt und wie Markteinschätzungen aussehen.
Und noch ein Thema wird angesprochen, das ebenso zuletzt aus dem öffentlichen Kurzzeit-Bewusstsein gerückt ist: der Klimawandel. Jean-Pascal van Ypersele, Professor an der Université catholique de Louvain und Vize-Vorsitzender des IPCC (International Panel on Climate Change) gab sehr betrübliche Aussichten über die aktuellen Szenarien. Das 2 Grad Ziel zu erreichen (also jene Erwärmung, die als gerade noch akzeptabel anerkannt wird, was eigentlich schon eine ethisch schwierige Definition ist) wird immer schwieriger sein. Wenn wir die CO2-Konzentration in der Atmosphäre reduzieren wollen, müssen wir die Emissionen entweder sehr bald oder sehr radikal stoppen. “We´re running out of time.”, so seine Botschaft.

Das Peak-Oil Datum ist nicht entscheidend & “All the numbers are wrong”

Colin Campbell, quasi die Peak-Oil Hoheit, hatte es zu Beginn heute gesagt: Alle Einschätzungen der vergangenen Jahren sind genau genommen nicht ganz korrekt gewesen. Auch die eigenen nicht. Schon gar nicht jene der IEA. “All the numbers are wrong. The question is by how much.” Der exakte Zeitpunkt von Peak Oil ist auch nicht entscheidend. Viel wichtiger ist es, das strukturelle Problem zu verstehen. Nämlich der Rückgang des Angebots (bei zugleich steigender Nachfrage). Wie ASPO Präsident Kjell Aleklett sagte: “Depletion is the key factor when it comes to understand peak oil
Hier nur zur Übersicht die Prognosen im World Energy Outlook zur Rohölproduktion 2030:
Woe crude oil production/history of predicitions for 2030
WEO 2004 121 Mb/d
WEO 2006 116 Mb/d
WEO 2008 106 Mb/d
WEO 2010 96 Mb/d
Folgt man der Kurve stehen im WEO 2012 86 Mb/d.

Die große Unbekannte ist “Fields yet to be found” und das “Unconventional Oil”. Hier auch der große Unterschied zwischen Aleklett und Pierre Mauriaud, einem TOTAL-Manager. Mauriaud meinte, man sollte nicht statistischen Prognosen vertrauen, sondern der Geologe und die identifziere enormens Potential. Aleklett hält dagegen, dass wir über “non-conventional” wenig wissen. Jedenfalls, dass die Förderung vergleichsweise teuer ist.

Was kann man mit 10 Milliarden US-Dollar machen?

Ja, da kann man viel machen. Ich will gar nicht dran denken, was im Bereich Erneuerbare damit geht. Oder man macht es wie die Ölindustrie und steckt 10 Milliarden US-Dollar in jeweils ein Projekt, also in die Erschließung eines (!) Deep Offshore Ölfelds. Diese Zahl nannte zumindest Jean-Marie Masset, ehemaliger TOTAL Geowissenschafter. Das erstaunliche dabei ist, dass (abhängig von vielen Faktoren wie Größe des Feldes) der Break-Even bei einem Preis von 20-70 US-D erreicht werden kann. Man sieht, was für unglaubliche Summen der Ölindustrie zur Verfügung stehen. Denn dennoch macht das aktuelle Potential der Offshore Flächen nur 5% der Gesamtkapazität (Öl/Gas) aus. Das größte Potential liegt im Golf von Mexico. Aja, Golf von Mexico. War da nicht was? Vom Deepwater Horizon-Disaster, das erst kürzlich Jahrestag beging, redet die Industrie offenbar kaum noch. Ja, es gäbe verstärkt Sicherheitsmaßnahmen und die Umwelt werde verstärkt berücksichtigt. Allerdings muss man auch dazu anmerken, dass nach Deepwater Horizon die Förderung aufgrund der Maßnahmen der US-amerikanischen Regierung zurück gegangen ist. Ein wohl temporäres Phänomen, denn die Projektionen für 2015 zeigen: es wird mit Vollgas bei der Offshore Ölförderung gerechnet.

Peak Oil & Erneuerbare: Szenarien & und der Preis als zentraler Schlüssel zur Energiewende (aber welcher Preis?)

In einer Session zu Renewables wurde von Yvonne Deng von Ecofys eine Studie im Auftrag des WWF präsentiert, die weltweit eine Energieversorgung mit 100% Erneuerbare ENergie im Jahr 2050 für möglich hält und Maßnahmen dazu aufzeigt. Die Studie steht als Kurzfassung oder als Langfassung als DOwnload bereit. Die technische Machbarkeit sei jedenfalls gegeben; Energieeffizienz & Erneuerbare sind der Weg. Aber mein Gefühl lässt mich nicht los, dass Studien dieser Art irgendwie ein Paralleluniversum darstellen. Sie sind als Vision gut brauchbar, aber sehen aus wie entkoppelt von der aktuellen Dynamik auf den Märkten. Aviel Verbruggen von der Universiät Antwerpen modellierte die unterschiedlichen Beeinflussungsfaktoren für Erneuerbare. Seine Schlußfolgerung teile ich: “The price is the major drive.” Wobei wir zwischen Marktpreis und Taxes differenzieren müssen. Jørgen Henningsen, Consultant beim European Policy Centre und viele Jahre ein zentraler Akteur in der DG Environment und dann DG Energy der Europäischen Kommission, zeigte sich enttäuscht von den völlig unambitionierten Zielen der Europäischen Union, insb. in Sachen Klimaschutz und sprach von einem negativen Effekt des Emissionshandelssystems, weil durch Überallokation und zu schwache Ziele der Preis für ein CO2-Zertifikat zu gering bleibt. Es gibt keinen Innovationsimpuls durch den europäischen Emissionshandel.
Und dann noch eine meiner Meinung nach ganz zentrale Frage. Ist der hohe Ölpreis wünschenswert im Sinne der Erneuerbaren. Ist Peak Oil gut für sie? Mein Bauch und Kopf sagte: Na Logo, eh klar. Die Experten am Podium weitgehend: NEIN! Und zwar weil der hohe Ölpreis in erster Linie Geld von ölkonsumierenden Staaten in ölproduzierende Staaten transferiere und damit die Ölwirtschaft erst Recht Geld als Investitionskapital erhalten würde. Außerdem wären ärmere Länder noch schlimmer dran. Jedoch (so mein Gegenargument): Höherer Energiepreise stellen sehr wohl einen Anreiz zum Umstieg dar und durch einen höheren Marktpreis würde auch – jedenfalls aufgrund von Mehrwert- bzw. Umsatzsteuer (sofern nicht befreit) – mehr Geld beim Staat hängen bleiben, das jener wiederum investieren könnte. Die Diskussion am Pausengang zeigte jedoch auch die sehr unterschiedlichen Steuersysteme, die ja in vielen Staaten teils extrem geringe Steuern auf Energieträger vorsehen und oft gar keine Endverbrauchsabhängigkeit gegeben ist.

In diesen Fragen liegt ein enorm wichtiger Schlüssel für die Transformation des Energiesystems.

Morgne geht´s weiter, ua. mit Jeff Rubin.

(Bilder/Fotos werden nachträglich eingearbeitet…)





Raus aus dem Öl? In Österreich ist das Gegenteil der Fall

9 06 2010

“BP boykottieren!” fordern derzeit viele. Ich teile die Empörung über diese in Geldmitteln nicht darstellbare oder aufwiegbare Schweinerei am Golf von Mexico. Aber nur ein leicht geschärfter Blick zeigt, dass es nicht nur um einen Big Player wie BP geht, sondern die einzige Antwort auf diese Tragödie lautet: Raus aus der Öl-Abhängigkeit! Ich halte daher bei aller Wut nichts von Boykott-Aufrufen eines Unternehmens. Sondern es geht darum, sich von diesen klebrigen Fesseln zu befreien. Es geht darum, strukturell Wege zu beschreiten, die uns von dieser Form der Energieversorgung, also den fossilen Energieträgern, loslösen. Wissend, dass das nicht in paar Tagen geht.
Die bittere Erkenntnis dieses Blogpost ist: in Österreich ist in vielen Bereichen das Gegenteil der Fall! Aktueller Anlaß: die Marktentwicklung bei Einzelöfen 2009.

Wir kürzlich Der Standard in seiner übrigens sehr lesenswerten, neuen Beilage Ökostandard beschrieben hat, ist das Zeitalter von “Easy Oil” vorbei. Die Ölförderung wird immer aufwendiger und teurer. Und es steht noch ein wichtiger Satz von ÖGUT-Energieexperten Michael Cerveny drinnen, wenn er sich auf die aktuell bekannten Daten des Deep Horizon Oil Spills bezieht: “Wir sind BP. Österreich verbraucht im Jahresschnitt zweieinhalbmal so viel Öl fürs Heizen, elfmal so viel an Treibstoffen.”

Ein guter Anlaß also, einen Blick auf einige aktuelle Zahlen zu werfen. Die soeben erschienene Marktstatistik “Innovative Energietechnologien in Österreich Marktentwicklung 2009″ (BMVIT) bietet sehr gutes Material. Neben einigen erfreulichen Entwicklungen (wie dem deutlichen Plus bei der Photovoltaik), gibt es auch Bad News.

Pellets & Wärmepumpe: leichtes Minus 2009 …
(click to enlarge. Alle Graphiken BMVIT 2010: Innovative Energietechnologien in Österreich Marktentwicklung 2009) Nach einem kontinuierlich hohem Wachstum des Markts für Biomassekessel zwischen 2000 und 2006 gab es 2007 einen Einbruch von über 60%. Ursache dafür war die Verknappung am Pelletsmarkt und entsprechende Unsicherheit von InteressentInnen.
Im Jahr 2008 konnte der Pelletsmarkt wieder relativ schnell Vertrauen gewinnen und das Niveau von 2006 erreichen. Aber was passierte 2009? “Im Jahr 2009 kam es neuerlich zu einem Rückgang des Verkaufs um 24%. Ursache dieses letzten Rückganges war allerdings das geringe Heizölpreisniveau und eine neue Investitionsförderung der österreichischen Mineralölindustrie für neue Ölkessel.”, heißt es im BMVIT-Bericht. Eine wichtige Anmerkung, denn der Pelletspreis ist stabil geblieben.
Dennoch: Wurden im Jahr 2008 11.101 Pelletskessel verkauft, waren es 2009 8.446.

Ein Blick auf die Wärmepumpe, die in den vergangenen Jahren einen starken Boom erlebt hatte und die ebenso in unmittelbarer Konkurrenz zum Öl-Einzelofen steht:

Der gesamte Wärmepumpen-Inlandsmarkt hat sich bezüglich der verkauften Stückzahlen aller Kategorien und Leistungsklassen (Heizungs-, Brauchwasser- und Wohnraumlüftungswärmepumpen) vom Jahr 2008 mit 18.641 Anlagen auf das Jahr 2009 mit 17.997 Anlagen um 3,8% verringert. Der Marktrückgang war dabei vor allem im zweiten Halbjahr 2009 zu beobachten. Die Daten sind zwar insgesamt nicht schlecht, aber dennoch gibt es erstmals Stagnation (was zu einem geringen Anteil auch mit krisenbedingt generell verringerter Neubau-Aktivität zu tun hat). Aber: zum Vergleich

… vs. Ölheizungen 2009 + 84%

Im Vergleich zu 2008 stieg der Verkauf von Ölheizungskesseln 2009 laut Angaben des Institut für die wirtschaftliche Ölheizung um 84 % an. Besonders auffallend war der Anstieg im dritten Quartal mit plus 182 %. Diese Zahlen gehen aus einer Erhebung der Kessellieferanten Österreichs hervor.
Das große Plus geht einher mit einer neuen Förder-Kampagne der Ölindustrie einher. Seit Mitte 2009 erhält man bei bei Erneuerung einer alten Ölheizung und der Umstellung auf neue Ölbrennwertgeräte einen einmaligen Zuschuss bis zu 3.000,- Euro. Innerhalb eines Jahres wurden knapp 11.000 neue Ölheizungen direkt gefördert. (also mehr als Pelletskessel insgesamt verkauft wurden)
Jetzt hat der 2009 im Vergleich zum Vorjahr geringere Ölpreis ebenso dazu beigetragen. Allerdings ist das sehr kurzsichtig. Denn on the long term wird Öl wieder teuer, was sich schon heuer wieder bestätigt.

Es ist keine Frage, dass die Umstellung von einem alten Ölkessel auf eine neue Ölheizung im unmittelbaren Vergleich Effizienzsteigerung und Emissionsreduktionen bringt. Aber im Vergleich zu erneuerbaren Energieträgern eben deutlich weniger. Und vor allem: die jetzige Umstellung manifestiert die strukturelle Abhängigkeit vom Öl für viele Jahre, eigentlich Jahrzehnte!

Das bittere daran ist: durch das Plus bei der Ölheizung (die Zeiträume sind nahezu deckungsgleich) ist auch das leichte Minus bei Pellets und Wärmepumpe erklärbar. Es gibt hier definitiv einen Zusammenhang. Und das, obwohl im Brennstoffvergleich Pellets kontinuierlich stabiler und günstiger sind. (siehe Graphik) – die Wärmepumpe ebenso.

Die Wege und Technologien um auf erneuerbare Energien umzusteigen, sind da. Insbesondere im Raumwärmebereich, und ganz spezifisch bei Einzelöfen. Wenn die Maßnahmen der Ölindustrie derart greifen, braucht es Gegenmaßnahmen. Die Branche (Pellets) hat bereits reagiert, aber es braucht auch eine klare politische Strategie, die ein Ziel verfolgt, die in allen aktuellen Spardiskussionen gar nicht vorkommt: wir müssen raus aus der Ölabhängigkeit!








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