Normalität in Zeiten radikaler Brüche. Vergesst “Business-as-usual”

23 05 2011

Fukushima, Deepwater Horizon, massive Umwälzungen in der arabischen Welt… an dramatischen Anlässen gab es zuletzt keinen Mangel. Die kurzfristige Betroffenheit einer globalen Öffentlichkeit ist all diesen Anlässen gewiß. Meist nur kurzfristig. Gewöhnen wir uns einfach an alles? Wahrscheinlich zwangsläufig. Die emotionale Aufmerksamkeit muss wohl zurückgehen, allein schon aus Selbstschutz. Aber was folgt daraus? Ein paar Gedanken zwischen der großen Welt und der Niederungen hierzuland.

Was den genannten Ereignisse gemeinsam ist, ist der Bezug zur Energiefrage. Kein Wunder, dass der Rohölpreis seit über 2 Monaten kontinuierlich über 100 US-Dollar leigt.
Die Verwundbarkeit unserer Gesellschaft in der Energiefrage ist offensichtlich, und zwar einer Gesellschaft, die weitgehend relativ stabiles Wachstum, hohes Wohlstandsniveau und ein gewisses Maß an Reichtum gewohnt ist bzw. als normal betrachtet. Die diversen Krisen unserer Zeit werden jedoch den Umgang mit dieser Normalität ändern, denn ihre (durchaus vielfältigen) Ursachen gehen möglicherweise an die Quelle von Wohlstand und Wachstum.

Die Krise mit der Krise
Vor einer Woche nahm Erste Bank-Chef Andreas Treichl jene zwei Worte in den Mund, die für ca. eine Woche für eine breite Diskussion gesorgt hat: blöd und feig. Neben der Art des Statements wurde über einen Teil des Inhalts diskutiert, nämlich die tatsächlich diskussionswürdigen Richtlinien bei Kreditvergaben. (Basel III) Treichl wird aber mit noch einem Satz zitiert, der kaum für öffentliche Beachtung gesorgt hat:
Ich sehe jetzt eine riesige Gefahr dadurch, dass meine Branche relativ wenig aus der Krise gelernt hat. Denn die Chancen unfassbar schnell unfassbar viel Geld mit nicht traditionellem Geschäft zu verdienen, sind unheimlich hoch. Ich glaube, dass die nächste Krise nicht über die Immobilien, sondern über die Rohstoffe kommen wird” (Quelle Die Presse/APA)

Was bedeutet eine “nächste Krise” angesicht hoch verschuldeter Staaten und gegenseitiger Abhängigkeit in unserer Finanzgebahrung? Die Folgen der letzten Krise sind immer noch spürbar in unseren Gesellschaftssystem, siehe Budgetpolitik, siehe Griechenland, aber auch Spanien derzeit, wo viele Menschen durchaus berechtigerweise sagen: “Es reicht”.
Eine Verschärfung bzw. Wiederholung von 2008 wird Systeme zum Crash führen, und zwar auch politische Systeme.

In den letzten beiden Blogposts war über die ASPO-Konferenz in Brüssel zu lesen, wo unter anderen Jeff Rubin vor der nächsten globalen Krise gewarnt hat. Prognostizierter Zeitraum: die kommenden 12 Monate. Treichls Aussage hatte zwei Dimensionen. Einerseits: die Ressourenfrage in ihren Fundamentals. Andererseits: die kurzfristige Profitorientierung der Finanzmärkte. Treichl hatte somit eine andere Gewichtung bzw. Botschaft als Rubin. Ich will heute gar nicht bewerten, welche richtig sei oder nicht. Sehr wohl scheint evident, dass die Entwicklung der Rohstoffmärkte, des Ölpreises und der globalen Wirtschaft in einer intensiven Wechselbeziehung stehen. Die Schlußfolgerungen sind teils absurd, man blicke nur in die USA, wo aufgrund er hohen Ölpreise mit all ihren unmittelbaren Auswirkungen auf das tägliche Leben zu einem neuerlichen Change of Politics geführt hat. Es soll wieder vermehrt nach Öl und Gas gebohrt werden, sagt auch Obama.

Vereinfacht gesagt geht sich unser altes, auf billiger Energie aufbauendes Modell in dieser Form kaum mehr aus.
Was folgt aus steigender Nachfrage, sinkendem Angebot und der Abhängigkeit von unkonventionellem Öl? Ein höherer Ölpreis.
Was folgt aus der Atomdebatte nach Fukushima?
Ein höherer Strompreis.

Weitreichende Konsequenzen aus Fukushima
Die Gefahr des öffentlichen Kurzzeitbewusstsein ist, dass schnell vergessen wird. Derzeit können wir jedoch in einigen Bereichen anderes beobachten. Die Katastrophe von Fukushima lässt zentrale Akteure die Nutzung der Kernenergie tatsächlich hinterfragen.
Was in diesen Wochen in Deutschland diskutiert wird, wird tiefe Spuren zeigen. Wer Angela Merkels Interviews der letzten WOchen verfolgt hat, stellt einen deutlichen Wandel in manch ihrer Haltungen fest. (siehe dieses Zeit-Interview) Die Nuklearfrage ist zum Politikum geworden.
Die grünen Erfolge wie etwa in Baden-Würtemberg oder gestern in Bremen tragen ihren Teil dazu bei, weil die anderen Parteien sehen, dass die Menschen ihre politischen Rückschlüsse ziehen, auch an der Wahlurne. Auch bei Technologieunternehmen tut sich was: Siemens überlegt laut Handelsblatt den Ausstieg aus der Atomtechnologie.
Der Ausstieg wird den Bedarf nach neuer, zusätzlicher Energieproduktion weiter erhöhen. Die wird nicht billig sein.
Eine Politik, die wir hierzuland dem Credo “Energie muss billig sein” folgt , ist insofern unehrlich. Aufgrund der Rahmenbedinungugen und Marktentwicklung ist völlig klar, dass Energie im Falle von wirtschaftlichem Wachstum teurer werden muss.

Vergesst Eure Business-as-usual Szenarien.
Hier kommen wir zu einem Kernpunkt auch der österreichischen Energiepolitik. Ihr liegen jahrzehntelang eingespielte Business-as-usual Szenarien zu Grunde, die insbesondere auf kontinuierliche Preisentwicklungen setzen. Man geht von einem relativ stabilem Strompreis aus, leicht erhöhtem Energie- bzw. Stromverbrauch und rechnet vor, was man für neue Kapazitäten bräuchte. Das alles in relativ linearen Kurven.
Die Volatilität der Ölpreises, die Konsequenzen aus Fukushima, die Notwendigkeiten in der Klimapolitik, der auf Fundamentals aufgebaute Druck auf Ressourcenmärkte… das alles wird dabei nicht berücksichtigt.
Wo sich das wiederspiegelt? Z.B. in allen Energiestrategien oder jetzt im aktuellen Ökostromgesetz. Darauf werde ich im nächsten Posting noch genauer eingehen, aber ganz kurz: Wenn eine Fördermodell auf einem garantierten Einspeisetarif baut, das – grob gesprochen – den Förderbedarf aus der Differenz von Marktpreis und notwendigem Tarif berechnet, ist der Marktpreis unbestrittenerweise ein relevanter Faktor für die Kostenkalkulation. Gehe ich von einem niedrigen Marktpreis aus, ist der Förderbedarf hoch, sind ergo die Kosten höher. Ziehe ich hier bei den Kosten jedes Jahr einen Deckel ein, um die Errichtung neuer Anlagen zu limitieren, projeziert der Gesetzgeber Kosten für die nächsten ca 13. Jahre ohne zu wissen, wie sich der Marktpreis in den kommenden, zur Förderperiode zählenden Jahren entwickelt. Die Grundannahme, der Marktpreis bleibe in Zukunft gering, führt damit zu aktuell geringeren Investitionen. Gescheit? Nein!
Diese Methode hat zum weitgehenden Ausbaustopp für neue Ökostromanlagen geführt. So und hier kommt der Punkt: Die Kalkulation des Förderbedarf ist grundlegend anders, wenn ich einen deutlich stärker steigenden Marktpreise einberechne. 2008 – knapp vor dem Crash – war der Marktpreis z.B. kurzzeitig auf Höhe des Einspeisetarifs für Windkraft. Sowas wird wieder passieren in den kommenden Jahren.
Der Entwurf für das neue Ökostromgesetz baut jedoch auf Annahmen der Ära vor Fukushima, Deepwater Horizon und sonstiger Brücke der Jetztzeit. Fehler!

“Was ist normal?” und die Aufgabe von Politik
Insbesondere wenn sich vieles ändert, gehört es zu den Aufgaben der Politik, steuernd einzugreifen und Prioritäten zu setzen. Dazu gehört auch sowas wie ein Energiebewusstsein. Billige Energie ist z.b. stark in unserer Gesellschaft verhaftet. Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, sie sei im Stress mit der Fliegerei,weil sie dieser Tage für paar Meetings nach Bangkok fliegen müsse und doch gerade erst vom Urlaub auf den Malediven käme. No one to blame. Jedem sei sowohl Urlaub wie auch ein spannendes berufliches Umfeld gegönnt, aber es führt zur Frage: was wird als normal betrachtet in unserer Gesellschaft; und was ist Luxus. Energie bzw Treibstoff muss sehr sehr billig sein, wenn es als normal betrachtet wird, hin und her zu jetten. Ich will´s niemandem verbieten, aber es geht eben um das Bewusstsein. Um so etwas wie Energiekultur. Seid Euch einfach bewusst, dass es Luxus ist und eben nicht normal und wisst es entsprechend zu schätzen.
Denn im Gesamtsystem wird sich das irgendwie alles nimmer so leicht ausgehen.

Die Aufgabe von Politik? Prioritätensetzung!
Es gilt zu vermitteln, was ist wichtig und warum ist genau das wichtig. Und auch, warum kostet es ggbfalls mehr. Es geht darum, mit den Verheißungen der Vergangenheit aufzuhören. 1 kWh Strom leistet so viel und ist so unglaublich billig am Markt. Eine Einladung zum Energieverschleudern. Das wird´s in dieser Form bald nicht mehr spielen und der Kampf jener, die unter allen Umständen unbedingt ihr Credo einlösen wollen, dass die Liberalisiierung der Strommärkte zu einer Verbilligung geführt hat, sollen bedenken, dass sich das Umfeld geändert hat.
Möglicherweise gibt es eben wichtigeres als das Versprechen aus einer abgelaufenene Dekade einzulösen.
Wie sagte gestern eine Demonstantin in Spanien in der ZIB 1. Es geht nicht um eine der politischen Parteien, es geht um so etwas wie Werte in unserer Gesellschaft. Recht hat sie.





ASPO 2011, Teil II: Peak Cheap Oil oder “What we see is the end of growth”

1 05 2011

Mit Verspätung setze ich den kurzen Bericht über die ASPO-Konferenz in Brüssel fort. (hier Teil 1) Leider war die Zeit limitiert, um just-in-time zu bloggen. Und leider ist es auch nicht möglich, alle relevanten Infos hier zu verarbeiten.

Auch aufgrund der teils widersprüchlichen Einschätzungen, z.B. zur Rolle der Eneuerbaren im Energiemix der Zukunft. Das liegt aber in der Natur der Sache. Wer eine objektive, eindeutige Information zur Zukunft der Energieversorgung erwartet, wird möglicherweise daran scheitern. Und wer Linearität in der zukünftigen Entwicklung erwartet, übrigens noch mehr. Aber dazu demnächst noch ein Nachschlag.

Ich verspreche Teil 3, wenn alle ASPO Präsentationen online sind.

Die Krise & die Krise. Korrelation, aber auch Kausalität?

Was hatte die globale Wirtschaftskrise mit fossiler Energie zu tun? Viel. Sehr viel, sogar wenn man renommierten Ökonomen Glauben schenken darf. Und hier liegt einer der Brüche zwischen ASPO und dem medialen Mainstream bei der Einschätzung der Krise bzw. der Krisenbewältigung. Denn in den gegenwärtigen Konzepten, die den Weg aus der Krise deuten und zur Zeit tatsächlich für Entspannung sorgen, ist von der zu hohen Abhängigkeit von fossiler Energie kaum mehr die Rede. Viel haben mittlerweile vergessen, was vor dem Crash war: massiv gestiegene Ölpreise und hohe Inflation. Und tatsächlich, die Wirtschaft wächst wieder, trotz eines Ölpreises von 120 USD und mehr. Doch Vorsicht. Denn es gibt definitiv eine Korrelation zwischen Ölkrisen und den internationalen Rezessionen. Ob Korrelation gleich Kausalität bedeutet, wird eben unterschiedich gesehen. Oder wie es der angesehene Ökonom Jeff Rubin formuliert: “Every major global recession over the last forty years has had oil´s fingerprints all over it.” Sowohl der OPEC Ölschock wie auch die Krise nach dem Einmarsch des Irak in Kuwait hatte Folgen auf den Preis fossiler Energie und das Wachstum der Wirtschaft. Insb. für die USA. Das Bindeglied zwischen steigendem Ölpreis und der Krise ist die hohe Inflation. Man beachte die aktuellen Preisentwicklungen auch bei Lebensmitteln und die Inflationsrate in China (> 5%) und Indien (> 8%)
Aber die entscheidende Frage ist, welcher Ölpreis ist kritisch für die globale Ökonomie? Gibt es den Punkt, wo es kippt? Sind es 150 US-Dollar? Rubin ist überzeugt, dass die globale Wirtschaft wie wir sie kennen va eine tragende Säule hat. Öl. Oder konkret: billiges Öl. Das wird es aber nicht mehr geben, da die Ölförderung teurer wird, denn konventionelles Rohöl wird den Bedarf nicht mehr decken können. Ob wir den Höhepunkt – also Peak Oil – schon überschritten haben oder er erst kommt, ist dabei zu nicht so entscheidend. Denn die unbekanntere Größe ist das unkonventionelle Öl. Und das ist eben nicht mehr so billig zu haben.

“What we see is the end of growth”
Generell zeichnet Rubin ein düsteres Bild der Weltwirtschaft, zumindes wenn man in herkömmlichen Kategorien denkt. Er sieht die Eurozone wie sie jetzt existiert als nicht mehr lange haltbar und verweist auf den unglaublich hohen Anteil, den China an US-amerikanischen Staatsleihen hält -über 1 Billion US-Dollar. Die gesamte Auslandsverschuldung der Vereinigten Staaten beläuft sich auf rund 4,5 Billionen US-Dollar. 14,3 Billionen US-Dollar umfassen nach offiziellen Zahlen die Gesamt-Verbindlichkeiten der USA. Man könnte meinen, die USA haben derzeit ein wirklich substantielles Problem. (auch wenn Barack Obama derzeit durchaus amüsante Reden hält – wie hier kürzlich beim White House Correspondents Dinner)

Was passiert, wenn es bei 150 US-Dollar wieder kracht? Wie soll sich das alles ausgehen? Rubin, der Ökonom, kühler Rechner und wahrlich kein Öko ist, skizziert ein Bild, das stark abweicht von herkömmlichen US-Bild. Insbesondere die OECD-Staaten werden ihren Verbrauch reduzieren müssen, denn die aufstrebenden Märkte werden dies nicht tun. „But excuse me, the world doesnt grow with tripple digit oil prices“ Oder wie er pessimistisch meint:
The last recession was an energy shock. We are moving inexorably closer to another oil price induced recession. Possibly in the timeframe of 12 month.
What we see is the end of growth.”

Ist Jeff Rubin also nur einer der sogenannte Doomer? Einer, der sich am potentiellen Untergang ergötzt? Nein, seine Analyse ist eher nüchtern und als langjähriger Chefökonom der CIBC World Markets hat er anderen Background.
Ähnlich wie übrigens auch Erik Townsend, einem Investor, der auf Ölmärkte spezialisiert ist. Seiner Meinung nach hat im Mai 2005 Peak Conventional Oil stattgefunden. Die Welt hängt nun ab vom nicht-konventionellen Öl, das tief aus der Meeresboden oder z.B. aus Teersanden gewonnen wird. Der Unterschied ist die deutlich aufwendigere Gewinnung. Kalkulierte man für konventionelles Öl einen Barrelpreis von 20 USD, ist es bei nicht-konventionellem 70USD.

Game-Changing Event
Townsend beschreibt, wie die Finanzmärkte darauf reagieren. Sie fragen: Peak what? Das Thema ist auch dort nicht im Bewusstsein. Worauf der Markt schon reagiert, ist hingegen der Preis. Townsend wirft z.b. einen Blick auf die Futures. Der Markt erwartet substantiell höhere Preis als früher. Es wird jetzt schon für die Jahren 2012 – 2014 um über 100 US-Dollar/Barrel gekauft.
Townsend beschreibt unterschiedliche Phasen, z.B. ein sog. Krisenfenster zwischen 2012 und 2015. “That´s when reality hit the financial markets. Traders still don´t understand what we´re really facing.” Und zwar insbesondere dann, wenn sich der saudische Mythos von der ständigen Verfügbarkeit großer Mengen Rohöls als falsch erweist. Oder: tja, wenn die politische Situation kippt. Man lese nur die aktuellen Nachrichten.
Wir sind derzeit übrigens in der ACH-Phase. (Anything Could Happen). Möglich ist z.B. “the big sell off”, da die US-Wirtschaft sehr fragil sei. Die Situation im Nahen Osten könnte das Game Changing Event sein.
Seine Analyse, die ebenso stark aus US-Perspektive zu sehen ist: “Energy prices had a lot to do with the crisis. Unaffordable energy breaks the back of an economy.”

Betrübliche Aussichten also, mit denen wir uns auseinander setzen müssen. Nicht nur in der Energiepolitik.

Und zum Abschluss dieses Beitrags noch ein TV-Beitrag, vom australischen Sender ABC, der vor wenigen Tagen ausgestrahlt wurde und ganz gut gemacht ist. Er soll zum Verständnis für Peak Oil beitragen.
Originalquelle: http://www.abc.net.au/catalyst/stories/3201781.htm





ASPO 2011: Wo man kaum über Atomkraft spricht und doch Schlüssel zur Energiewende finden kann

27 04 2011

Derzeit findet in Brüssel die neunte ASPO Konferenz statt. ASPO ist die Association for the Study of Peak Oil & Gas. Schon einmal 2006 besuchte ich in Berlin eine ASPO-Konferenz und wohl kaum jemand außerhalb von ASPO hatte damals einen Ölpreis von bis zu 150 US-Dollar, den rasanten Abfall danach und jetzt kontinuierliche Preise über 100 US-Dollar für darauf folgenden Jahre für möglich gehalten. Manche der ASPO-Expertisen wurden früher als apokalyptisch belächelt, aber tatsächlich ist das Fundament ihrer These, nämlich Peak Oil, mittlerweile auch im Mainstream der wissenschaftlichen Diskussion angekommen. Zeitweilig auch in der Politik, aber die hat meist ein Kurzzeitgedächtnis. Dennoch sind auch bei dieser Konferenz viele unterschiedliche Meinungen, Einschätzungen und Zugänge vertreten, was durchaus positiv ist. Endlich ein Forum, wo nicht alle einer Meinung sind, sondern man evtl. sogar voneinander lernt.
Ich versuche (sofern terminlich möglich), in den kommenden Tagen auf meinem zuletzt sträflich vernachlässigten Guensblog immer wieder paar Eindrücke zu teilen. All dies sind subjektive Eindrücke und Gedanken auf Basis der Präsentationen und Gespräche hier. Also jene Sachen, die mich selbst beschäftigen, wenn ich schon die Gelegenheit habe, mit einigen dieser Topexperten Zeit zu verbringen.

Die Unterschiedlichkeit der Debatten: Atomkraft kaum ein Thema
Während man in Österreich – natürlich ebenso zu Recht – vor allem über Atomkraft diskutiert, ist hier Atom nur am Rande ein Thema. Nicht, weil das Thema nicht ernst genommen wird, aber weil ein Blick auf die Statistiken bei der Energieversorung zeigt, dass Atomkraft weltweit nur einen kleinen Teil der Energiegewinnung (ca 6%) ausmacht. Dass die Atomkraft in einzelnen Staaten natürlich schon ein Thema ist, ist grad hier Belgien oder Frankreich, die extrem nuklearabhängig sind, logisch.
Dies ist nicht nur relevant, um zu verstehen, dass Atomkraft die zentrale Energiekrise der Welt eben nicht lösen kann, sondern auch um die unterschiedliche Gewichtung der Debatte zu sehen. Für die ASPO ist die zentrale Frage, wie es mit der auf Öl, Kohle, Gas aufgebauten Energieversorgung weitergeht, wie sich Angebot und Nachfrage weiterentwickeln, welche Alternativen es gibt und wie Markteinschätzungen aussehen.
Und noch ein Thema wird angesprochen, das ebenso zuletzt aus dem öffentlichen Kurzzeit-Bewusstsein gerückt ist: der Klimawandel. Jean-Pascal van Ypersele, Professor an der Université catholique de Louvain und Vize-Vorsitzender des IPCC (International Panel on Climate Change) gab sehr betrübliche Aussichten über die aktuellen Szenarien. Das 2 Grad Ziel zu erreichen (also jene Erwärmung, die als gerade noch akzeptabel anerkannt wird, was eigentlich schon eine ethisch schwierige Definition ist) wird immer schwieriger sein. Wenn wir die CO2-Konzentration in der Atmosphäre reduzieren wollen, müssen wir die Emissionen entweder sehr bald oder sehr radikal stoppen. “We´re running out of time.”, so seine Botschaft.

Das Peak-Oil Datum ist nicht entscheidend & “All the numbers are wrong”

Colin Campbell, quasi die Peak-Oil Hoheit, hatte es zu Beginn heute gesagt: Alle Einschätzungen der vergangenen Jahren sind genau genommen nicht ganz korrekt gewesen. Auch die eigenen nicht. Schon gar nicht jene der IEA. “All the numbers are wrong. The question is by how much.” Der exakte Zeitpunkt von Peak Oil ist auch nicht entscheidend. Viel wichtiger ist es, das strukturelle Problem zu verstehen. Nämlich der Rückgang des Angebots (bei zugleich steigender Nachfrage). Wie ASPO Präsident Kjell Aleklett sagte: “Depletion is the key factor when it comes to understand peak oil
Hier nur zur Übersicht die Prognosen im World Energy Outlook zur Rohölproduktion 2030:
Woe crude oil production/history of predicitions for 2030
WEO 2004 121 Mb/d
WEO 2006 116 Mb/d
WEO 2008 106 Mb/d
WEO 2010 96 Mb/d
Folgt man der Kurve stehen im WEO 2012 86 Mb/d.

Die große Unbekannte ist “Fields yet to be found” und das “Unconventional Oil”. Hier auch der große Unterschied zwischen Aleklett und Pierre Mauriaud, einem TOTAL-Manager. Mauriaud meinte, man sollte nicht statistischen Prognosen vertrauen, sondern der Geologe und die identifziere enormens Potential. Aleklett hält dagegen, dass wir über “non-conventional” wenig wissen. Jedenfalls, dass die Förderung vergleichsweise teuer ist.

Was kann man mit 10 Milliarden US-Dollar machen?

Ja, da kann man viel machen. Ich will gar nicht dran denken, was im Bereich Erneuerbare damit geht. Oder man macht es wie die Ölindustrie und steckt 10 Milliarden US-Dollar in jeweils ein Projekt, also in die Erschließung eines (!) Deep Offshore Ölfelds. Diese Zahl nannte zumindest Jean-Marie Masset, ehemaliger TOTAL Geowissenschafter. Das erstaunliche dabei ist, dass (abhängig von vielen Faktoren wie Größe des Feldes) der Break-Even bei einem Preis von 20-70 US-D erreicht werden kann. Man sieht, was für unglaubliche Summen der Ölindustrie zur Verfügung stehen. Denn dennoch macht das aktuelle Potential der Offshore Flächen nur 5% der Gesamtkapazität (Öl/Gas) aus. Das größte Potential liegt im Golf von Mexico. Aja, Golf von Mexico. War da nicht was? Vom Deepwater Horizon-Disaster, das erst kürzlich Jahrestag beging, redet die Industrie offenbar kaum noch. Ja, es gäbe verstärkt Sicherheitsmaßnahmen und die Umwelt werde verstärkt berücksichtigt. Allerdings muss man auch dazu anmerken, dass nach Deepwater Horizon die Förderung aufgrund der Maßnahmen der US-amerikanischen Regierung zurück gegangen ist. Ein wohl temporäres Phänomen, denn die Projektionen für 2015 zeigen: es wird mit Vollgas bei der Offshore Ölförderung gerechnet.

Peak Oil & Erneuerbare: Szenarien & und der Preis als zentraler Schlüssel zur Energiewende (aber welcher Preis?)

In einer Session zu Renewables wurde von Yvonne Deng von Ecofys eine Studie im Auftrag des WWF präsentiert, die weltweit eine Energieversorgung mit 100% Erneuerbare ENergie im Jahr 2050 für möglich hält und Maßnahmen dazu aufzeigt. Die Studie steht als Kurzfassung oder als Langfassung als DOwnload bereit. Die technische Machbarkeit sei jedenfalls gegeben; Energieeffizienz & Erneuerbare sind der Weg. Aber mein Gefühl lässt mich nicht los, dass Studien dieser Art irgendwie ein Paralleluniversum darstellen. Sie sind als Vision gut brauchbar, aber sehen aus wie entkoppelt von der aktuellen Dynamik auf den Märkten. Aviel Verbruggen von der Universiät Antwerpen modellierte die unterschiedlichen Beeinflussungsfaktoren für Erneuerbare. Seine Schlußfolgerung teile ich: “The price is the major drive.” Wobei wir zwischen Marktpreis und Taxes differenzieren müssen. Jørgen Henningsen, Consultant beim European Policy Centre und viele Jahre ein zentraler Akteur in der DG Environment und dann DG Energy der Europäischen Kommission, zeigte sich enttäuscht von den völlig unambitionierten Zielen der Europäischen Union, insb. in Sachen Klimaschutz und sprach von einem negativen Effekt des Emissionshandelssystems, weil durch Überallokation und zu schwache Ziele der Preis für ein CO2-Zertifikat zu gering bleibt. Es gibt keinen Innovationsimpuls durch den europäischen Emissionshandel.
Und dann noch eine meiner Meinung nach ganz zentrale Frage. Ist der hohe Ölpreis wünschenswert im Sinne der Erneuerbaren. Ist Peak Oil gut für sie? Mein Bauch und Kopf sagte: Na Logo, eh klar. Die Experten am Podium weitgehend: NEIN! Und zwar weil der hohe Ölpreis in erster Linie Geld von ölkonsumierenden Staaten in ölproduzierende Staaten transferiere und damit die Ölwirtschaft erst Recht Geld als Investitionskapital erhalten würde. Außerdem wären ärmere Länder noch schlimmer dran. Jedoch (so mein Gegenargument): Höherer Energiepreise stellen sehr wohl einen Anreiz zum Umstieg dar und durch einen höheren Marktpreis würde auch – jedenfalls aufgrund von Mehrwert- bzw. Umsatzsteuer (sofern nicht befreit) – mehr Geld beim Staat hängen bleiben, das jener wiederum investieren könnte. Die Diskussion am Pausengang zeigte jedoch auch die sehr unterschiedlichen Steuersysteme, die ja in vielen Staaten teils extrem geringe Steuern auf Energieträger vorsehen und oft gar keine Endverbrauchsabhängigkeit gegeben ist.

In diesen Fragen liegt ein enorm wichtiger Schlüssel für die Transformation des Energiesystems.

Morgne geht´s weiter, ua. mit Jeff Rubin.

(Bilder/Fotos werden nachträglich eingearbeitet…)





Raus aus dem Öl? In Österreich ist das Gegenteil der Fall

9 06 2010

“BP boykottieren!” fordern derzeit viele. Ich teile die Empörung über diese in Geldmitteln nicht darstellbare oder aufwiegbare Schweinerei am Golf von Mexico. Aber nur ein leicht geschärfter Blick zeigt, dass es nicht nur um einen Big Player wie BP geht, sondern die einzige Antwort auf diese Tragödie lautet: Raus aus der Öl-Abhängigkeit! Ich halte daher bei aller Wut nichts von Boykott-Aufrufen eines Unternehmens. Sondern es geht darum, sich von diesen klebrigen Fesseln zu befreien. Es geht darum, strukturell Wege zu beschreiten, die uns von dieser Form der Energieversorgung, also den fossilen Energieträgern, loslösen. Wissend, dass das nicht in paar Tagen geht.
Die bittere Erkenntnis dieses Blogpost ist: in Österreich ist in vielen Bereichen das Gegenteil der Fall! Aktueller Anlaß: die Marktentwicklung bei Einzelöfen 2009.

Wir kürzlich Der Standard in seiner übrigens sehr lesenswerten, neuen Beilage Ökostandard beschrieben hat, ist das Zeitalter von “Easy Oil” vorbei. Die Ölförderung wird immer aufwendiger und teurer. Und es steht noch ein wichtiger Satz von ÖGUT-Energieexperten Michael Cerveny drinnen, wenn er sich auf die aktuell bekannten Daten des Deep Horizon Oil Spills bezieht: “Wir sind BP. Österreich verbraucht im Jahresschnitt zweieinhalbmal so viel Öl fürs Heizen, elfmal so viel an Treibstoffen.”

Ein guter Anlaß also, einen Blick auf einige aktuelle Zahlen zu werfen. Die soeben erschienene Marktstatistik “Innovative Energietechnologien in Österreich Marktentwicklung 2009″ (BMVIT) bietet sehr gutes Material. Neben einigen erfreulichen Entwicklungen (wie dem deutlichen Plus bei der Photovoltaik), gibt es auch Bad News.

Pellets & Wärmepumpe: leichtes Minus 2009 …
(click to enlarge. Alle Graphiken BMVIT 2010: Innovative Energietechnologien in Österreich Marktentwicklung 2009) Nach einem kontinuierlich hohem Wachstum des Markts für Biomassekessel zwischen 2000 und 2006 gab es 2007 einen Einbruch von über 60%. Ursache dafür war die Verknappung am Pelletsmarkt und entsprechende Unsicherheit von InteressentInnen.
Im Jahr 2008 konnte der Pelletsmarkt wieder relativ schnell Vertrauen gewinnen und das Niveau von 2006 erreichen. Aber was passierte 2009? “Im Jahr 2009 kam es neuerlich zu einem Rückgang des Verkaufs um 24%. Ursache dieses letzten Rückganges war allerdings das geringe Heizölpreisniveau und eine neue Investitionsförderung der österreichischen Mineralölindustrie für neue Ölkessel.”, heißt es im BMVIT-Bericht. Eine wichtige Anmerkung, denn der Pelletspreis ist stabil geblieben.
Dennoch: Wurden im Jahr 2008 11.101 Pelletskessel verkauft, waren es 2009 8.446.

Ein Blick auf die Wärmepumpe, die in den vergangenen Jahren einen starken Boom erlebt hatte und die ebenso in unmittelbarer Konkurrenz zum Öl-Einzelofen steht:

Der gesamte Wärmepumpen-Inlandsmarkt hat sich bezüglich der verkauften Stückzahlen aller Kategorien und Leistungsklassen (Heizungs-, Brauchwasser- und Wohnraumlüftungswärmepumpen) vom Jahr 2008 mit 18.641 Anlagen auf das Jahr 2009 mit 17.997 Anlagen um 3,8% verringert. Der Marktrückgang war dabei vor allem im zweiten Halbjahr 2009 zu beobachten. Die Daten sind zwar insgesamt nicht schlecht, aber dennoch gibt es erstmals Stagnation (was zu einem geringen Anteil auch mit krisenbedingt generell verringerter Neubau-Aktivität zu tun hat). Aber: zum Vergleich

… vs. Ölheizungen 2009 + 84%

Im Vergleich zu 2008 stieg der Verkauf von Ölheizungskesseln 2009 laut Angaben des Institut für die wirtschaftliche Ölheizung um 84 % an. Besonders auffallend war der Anstieg im dritten Quartal mit plus 182 %. Diese Zahlen gehen aus einer Erhebung der Kessellieferanten Österreichs hervor.
Das große Plus geht einher mit einer neuen Förder-Kampagne der Ölindustrie einher. Seit Mitte 2009 erhält man bei bei Erneuerung einer alten Ölheizung und der Umstellung auf neue Ölbrennwertgeräte einen einmaligen Zuschuss bis zu 3.000,- Euro. Innerhalb eines Jahres wurden knapp 11.000 neue Ölheizungen direkt gefördert. (also mehr als Pelletskessel insgesamt verkauft wurden)
Jetzt hat der 2009 im Vergleich zum Vorjahr geringere Ölpreis ebenso dazu beigetragen. Allerdings ist das sehr kurzsichtig. Denn on the long term wird Öl wieder teuer, was sich schon heuer wieder bestätigt.

Es ist keine Frage, dass die Umstellung von einem alten Ölkessel auf eine neue Ölheizung im unmittelbaren Vergleich Effizienzsteigerung und Emissionsreduktionen bringt. Aber im Vergleich zu erneuerbaren Energieträgern eben deutlich weniger. Und vor allem: die jetzige Umstellung manifestiert die strukturelle Abhängigkeit vom Öl für viele Jahre, eigentlich Jahrzehnte!

Das bittere daran ist: durch das Plus bei der Ölheizung (die Zeiträume sind nahezu deckungsgleich) ist auch das leichte Minus bei Pellets und Wärmepumpe erklärbar. Es gibt hier definitiv einen Zusammenhang. Und das, obwohl im Brennstoffvergleich Pellets kontinuierlich stabiler und günstiger sind. (siehe Graphik) – die Wärmepumpe ebenso.

Die Wege und Technologien um auf erneuerbare Energien umzusteigen, sind da. Insbesondere im Raumwärmebereich, und ganz spezifisch bei Einzelöfen. Wenn die Maßnahmen der Ölindustrie derart greifen, braucht es Gegenmaßnahmen. Die Branche (Pellets) hat bereits reagiert, aber es braucht auch eine klare politische Strategie, die ein Ziel verfolgt, die in allen aktuellen Spardiskussionen gar nicht vorkommt: wir müssen raus aus der Ölabhängigkeit!





Peak Oil oder Peak Demand? Annäherung an das Mysterium Ölpreis.

2 12 2009

Christoph Chorherr hat es in einem Nebensatz gestern abend gut beschrieben. Es gibt Diskussionsgespräche, die sind einfach nicht in österreichischen TV-Formaten zu sehen. Vielleicht ist das deshalb so, weil das intelligente Gespräch als Austausch von Argumenten, bei dem es nicht primär um das Gewinnen oder Verlieren einer Diskussion geht, kaum fernsehformatkompatibel ist.

Der gestrige zweite Teil der “Über den Tellerrand”-Gesprächsreihe war wieder  so ein Gespräch. Er widmete sich der Frage, inwieweit die Weltwirtschaftskrise mit der Entwicklung des Ölpreises zu tun hat. Folgt nach der Wirtschaftskrise ein neuer Ölcrash? Gäste von Alexander Van der Bellen waren diesmal der Ölmarkt-Analyst Johannes Benigni (JBC Energy) und Energieexperte Michael Cerveny (ÖGUT). Moderiert hatte die Journalistin Ute Woltron. (Foto Beate Potzmader/Die Grünen zum Vergrößern klicken)

Wie schon bei der ersten Tellerrand Diskussion war auch diesmal der Ausgangspunkt, dass man die Krise bzw. die Krisen versucht besser zu verstehen, und nicht primär im politischen Schlagabtausch auf die Analyse zu vergessen. Unterschiedlichen Perspektiven sollen zu einem besseren Verständnis führen. Eine Herangehensweise, die im politischen Diskurs meist fehlt. Auch das mediale Interesse an so einer Diskussion hielt sich gestern wieder in engen Grenzen.

Ein kleines Abbild der Fragestellungen des gestrigen Abends:

Was bestimmt den Ölpreis? Angebot & Nachfrage oder Finanzinvestoren

Der Ölpreis entsteht an den Börsen. Laut Marktkenner Benigni gibt es seit 2004 eine signifkkante Zunahme der Marktteilnehmer und 3 mal so viel Volumen. Während früher die sog. Oilers den Markt bestimmt haben, sind es seit einigen Jahren auch die Finanzinvestoren. Es gibt also jedenfalls einen wesentlichen Einfluß der Finanzinvestoren am Ölmarkt, der auch den Rise-of-the oil-price mit bestimmt hat. Auch der Zugang zu Börsen ist prinzipiell leichter geworden, was nicht ohne Konsequenz geblieben ist.

Benigni meint, dass die Ölpreisentwicklung deutlich weniger mit den sogenannten Fundamentals von Angebot & Nachfrage zu tun hat. Eine Sichtweise, die Michael Cerveny von der ÖGUT anders beschreibt. Und zwar dahingehend, dass die enorme Nachfrage nach Öl, ausgehend von einem entsprechend deutlichem Zuwachs in Asien, nicht mehr durch das Angebot abgedeckt werden wird können. Zumindest werden die Kosten dafür deutlich höher.

Prinzipiell wird mit Rohstoffen gehandelt wie mit anderen Sachen auch. In den vergangenen Jahren hat sicher ein Zug Richtung Commodities statt gefunden. Siehe Entwicklung des Goldpreises, aber auch die Entwicklung am Ölmarkt.

Wieviel Öl ist da? Niemand weiß es wirklich.

Es ist nur am ersten Blick absurd, dass eigentlich niemand wirklich genau sagen kann, wieviel Öl noch verfügbar ist. Aber Informationspolitik war immer auch eine Art von Interessenspolitik.

Laut Benigni ist eine Spare Capacity, also verfügbare und ungenutzte Ölmenge von 5,5- 6 Millionen Fass da, die von den OPEC Staaten jederzeit auf den Markt geworfen werden können – auch um 15 US-D. Teurer ist hingegen die Förderung der darüber hinaus gehenden Menge. An jener orientiert sich jedoch der Preis, der daher auch höher ist als noch vor 3-4 Jahren. (derzeit bei rund 75 us-D/Barrel). Die Grenzkosten würden zwischen 60 und 90 Us-D liegen. Benigni meint, es ist massenhaft Öl da, aber die Frage ist, zu welchem Preis.

Damit ist aber auch klar: Wirklich billig wird Öl in einer Phase des Wirtschaftsmwachstums nicht mehr!

Peak Oil oder Peak Demand?

Seit einigen Jahren ist der sog. Peak Oil in Diskussion, also der Höhepunkt der Ölförderung, der in eine relativ steile Abnahme der Ölförderung mündet – ähnlich einer Glockenkurve. Manche meinen, Peak Oil war schon; andere sehen ihn erst kommen. Das gestrige Podium meinte, der Zeitpunkt ist nicht wo wichtig.

Aber der Druck auf den Preis wird laut Cerveny größer. Einerseits wegen der Investitionshemmnisse, andererseits aufgrund geologischer Faktoren. Die Internationale Energie Agentur sieht weiter einen massiven Zuwachs des Ölbedarfs. Aber sind die prognostizierten aktuell 80 bis 104 Mio Barrel bis 2030 überhaupt machbar? (unabhängig jetzt mal vom ökologischen Aspekt)

Eine Ölfeldanalyse der IEA, die immer eine eher konservative Haltung vertreten hat, hat gezeigt, dass von den 780 bedeutenden Ölfeldern 580 schon ihren Peak hatten. Es gibt einen Rückgang der Ölförderung von 5,1% pro Jahr dieser Felder nur durch ihre “Alterung”: Cerveny verweist auf Analysen, die einen Oilcrunch 2012/2013 sehen, wenn das Wirtschaftswachstum wieder greift.

Dies sind die Ingredientien einer neuer Weltwirtschaftskrise.

Für Benigni ist die Frage des Peak Oil nicht entscheidend. Er sieht einen Peak Demand. Durch den hohen Ölpreis 2008 gibt es einen Schub Richtung Effizienz. Siehe Mobilität in den USA, wo der Verbrauch derart hoch ist, dass es noch Jahre dauern wird bis das europäische Niveau erreicht werden kann, jetzt aber ein Umdenken eingesetzt hat. China wird weiter massiv wachsen, aber das Bewusstsein ist da,die Führerschaft im Bereich Solar und z.B Batterietechnologie zu erreichen. Man will die Fehler der USA nicht wiederholen, zugleich steht China erst am Anfang dieser Wohlstandsentwicklung. (zur Entwicklung CHinas und Indiens siehe auch den aktuellen Hans Rosling TED-Vortrag)


Keine klare Prognose zur Höhe des Ölpreises

Logisch, dass sich niemand ernsthaft über eine längerfristige Prognose traut. Aber für Beratungsunternehmen wie McKinsey und auch die IEA sind 200 us-Dollar+ möglich. Doch was heißt ein Ölpreis von 200 uS-D? Der Benzinpreis würde bei € 1,90 liegen. Heizöl bei €1,60 (derzeit 60-70ct), was bei einem Durchschnittsverrbauch von 200 l rund 2.000,- eur Mehrkosten pro Jahr entspricht. Der Ausstieg aus dem Öl ist somit auch eine soziale Frage. 2000 eur sind nicht einfach wegsparbar.

Insofern ist eine vorausschauende Energiepolitik, welche die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringert, nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern auch aus sozialen Überlegungen heraus relevant.

Hoher Ölpreis ist definitiv ein Motor für mehr Klimaschutz und Effizienz

Wie Alexander Van der Bellen beschreibt, ist ein Ölpreis von 140 US-D nichts Furchtbares. Nach 20 Jahren Debatte über den Treibhauseffekt hat es erstmals wirklich Bewegung in der Energiepolitik gegeben. Und zwar durch zwei Anlässe: den Ölpreisschock 2008 und die Russland/Ukraine-Gaskrise. Es braucht einen höheren Ölpreis, um den Wandel von der fossilen Industriegesellschaft Richtung Nachhaltigkeit zu schaffen.

Conclusio aus meiner Sicht:

  • Der Ölmarkt ist on the long term schwer zu prognostizieren. Aber billig wird Öl nicht mehr – außer wir schlittern wieder in eine tiefe Rezession. (was bei den aktuellen neuen Blasen auch nicht ganz aususchließen ist)
  • Die Anreize für Finanzinvestoren, ihr Geld in Barrel anzulegen, sind nicht geringer geworden, sondern im Gegenteil. Ein Indiz dafür, dass so etwas wie 2008 definitiv wieder passieren kann. Es gibt teilweise  die Haltung: Ich kaufe Öl, weil das Geld ist möglicherweise eh nix mehr wert. Öl ist zu einem beliebten Objekt der Begierde von Finanzinvestoren geworden.
  • Ob dieser Preissprung tatsächlich auf die Knappheit zurückzuführen ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Aber fix ist, dass die Ölgewinnung auch unabhängig von den Finanzinvestoren teurer werden wird.
  • Ausgehen muss weiters davon, dass – im Gegensatz zu früher – weiter starke Schwankungen geben wird.
  • Das muss – glaub ich – noch in viele Köpfe, auch in meinen eigenen. Der Schwerpunkt hat sich verschoben. Waren die USA und (schon mit Abstrichen) Europa die entscheidenden Märkte, hat sich der Fokus eindeutig Richtung Asien bewegt. Ob wir wollen oder nicht.
  • Wie schon bei Tellerrand 1 (Woher kam die Krise?): Es ist nicht Aufgabe des Martkes, sondern der Regulatoren zu sagen, was man handeln darf und in welche Bereiche man investieren darf. Der Finanzmarkt wird sich nicht selbst beschränken. Hier sind die Staaten am Zug.
  • Aus ökologischen, wirtschaftspolitischen und sozialen Gründen ist der Transformation unserer Energieversorgung Richtung Effizienz und Erneuerbare höchste Priorität einzuräumen. Wollen wir insbesondere vom Öl unabhängiger werden, führt der Weg eindeutig über sanfte Mobilität und dem Motto “Raus mit den Ölheizungen”.

Interessante Hinweise zum Thema sind ua zu finden:

Vorträge Cerveny:

Vienna Energy Talks

Peak Oil Vortrag

Artikel von Andreas Postner zur Ölpreisentwicklung und Wirtschaftskrise





Die vergessene Energiekrise

11 06 2009

Wirtschaftskrise, die Wahlen zum europäischen Parlament, Chronikales – das waren die bestimmenden Themen der vergangenen Monate. Alles zu Recht. Was dabei völlig aus den Augen verloren gegangen ist, ist der wieder stark steigende Ölpreis. Und das obwohl die Weltwirtschaft – abgesehen von einzelnen positiven Signalen  – weiterhin noch nicht richtig in die Gänge gekommen ist.

rohoel5Hier die Tecson Chart (click to enlarge) zur aktuellen Rohölpreisentwicklung. Innerhalb weniger Monate klettert er wieder  von unter 40 auf über 70 US-Dollar.

Damit erreicht der Ölpreis heute am 11. Juni ein 8-Monatshoch. Das ist insofern interessant, da die Nachfrage gering bleibt. Die International Energy Agency (IEA) hatte Mitte Mai ihre aktuelle Ölverbrauch-Prognose veröffentlicht und erwartet für 2009 einen Rückgang auf 83,2 Million Barrel pro Tag. Die Nachfrage sinkt damit gegenüber dem Vorjahr gleich um drei Prozent. Jedoch erhellen sich die Wirtschaftsprognosen in den USA langsam, und Öl dürfte auch als Spekulationsobjekt wieder interessant werden. Dennoch: strukturell stecken da ganz andere Probleme dahinter, die leider öffentlich und noch mehr politisch ins Hintertreffen geraten: die weiterschwelende, möglicherweise bald wieder explodierende Ölkrise.

Die IEA hatte jedoch mit einer anderen Prognose international für Aufsehen gesorgt. Am 20.  Mai berichtete das Wall Street Journal darüber.  In Folge der Rezession sind die Investitionen in die Ölförderung um 170 Milliarden Dollar zurückgegangen, was einem Äquivalent von rund 2 Millionen Barrel/Tag der zukünftigen Ölversorgung entspricht. Die Preise sind aufgrund der geringen Nachfrage gesunken. Jedoch wird sich das radikal ändern, wenn die Weltwirtschaft wieder in die Gänge kommt. Die Nachfrage nach Öl und Gas wird durch das Angebot kaum abdeckbar sein und noch stärker als in den Jahren 2007 und 2008 wird der Ölpreis in die Höhe schnellen. Analysten gehen davon aus, dass Ölpreise von 100-150 US-Dollar wieder Normalität werden. Auch 200 bis 300 US-Dollar sind bei rapidem Wachstum absolut möglich.

Die Folge dessen: das Wachstum wird erst Recht wieder gehemmt. Oder anders: Nach der Krise  ist vor der Krise!

Der Rückschluss daraus. Angesichts der Wirtschaftskrise wurde viel über Konjunkturpakete, Verschrottungsprämien und Investitionsprogramme in Wirtschaft & Beschäftigung geredet. Doch es ist nicht egal, wo investiert werden soll. Ähnlich Obams´s Stimulus Programm braucht es auch in Europa und Österreich spürbare und gezielte Investitionen in die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern. Denn produzieren wir unsere Energie nicht verstärkt selbst und erneuerbar, werden die Kosten in einigen Jahren erst recht wieder enorm sein; die Österreicher hatten 2007 schon mehr als 9 Milliarden Euro (Quelle Biomasseverband) für Energieimporte zahlen müssen.

Daher ist genau jetzt die Zeit für Investitionen in Erneuerbare Energie  und Energieeffizienz und damit Beschäftigung und zukunftsfähiges Wirtschaften. Apropos: die Fördermittel des Bundes für thermische Sanierung werden in wenigen Wochen ausgeschöpft sind. Kein Wunder: beim 50 Mio Budget, das für private Haushalte bereit gestellt wird, dürfte ein Null am Ende gefehlt haben.





Der Ölpreiss-Minusschock als DIE Gelegenheit für massive Entlastung + höhere Energiesteuern

25 11 2008

Natürlich. Jede Regierung, die jetzt mit dem Plan rausrücken würde, Energiesteuern zu forcieren, würde sich der öffentlichen Geißelung freigeben. Leider ist das so und daher wird das die neue österreichische Regierung auch nicht lancieren. Zugleich wäre es ökonomisch das Grundvernünftigste. Und zwar GENAU jetzt. Von mir aus auch nur befristet. Im gestrigen Herdentrieb war Interessantes darüber zu lesen.  Dieter Wermuth scrheibt völlig richtig. “Die niedrigen Ölpreise sind die Gelegenheit!”

Dem britischen Beispiel folgend denkt Brüssel nun zur Nachfrage­steige­rung über vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer nach. Maßnahmen zur Nachfragesteigerung sind sehr vernünftig und notwendig. In Deutschland werden sogar Konsumgutscheine für (einheimische) Produkte diskutiert. (das Bundesfinanzministerium dementiert jedoch derartige Pläne)

Ob die für die Staatseinnahmen extrem teure – wenn wirkungsvolle -  Senkung der Mehrwehrsteuer wirklich sozial das geeignete Mittel zur Entlastung ist, lässt Zweifel aufkommen. Einkommensseitige Maßnahmen scheinen mir da sinnvoller. Und da könnten die Steuerreformpläne der Regierung deutlich weiter gehen als sie im Regierungsübereinkommen beschrieben sind. Etwa die weitere Anhebung des Steuerfreibetrages, signifikante Senkung der weiteren Einkommenssteuersätze etc. Von allem ein bissl was, ist meist nicht genug spürbar. Daher braucht´s mehr.

Für mehr braucht es aber einnahmenseitig Spielraum. Und das oft gehörte Argument, dass man ja für die Rettung der Banken auch Mittel locker machen konnte, greift einmal, vielleicht zweimal, aber nicht zehn mal.

Nein, jetzt wäre es an der Zeit, angesichts des durch die Rezession bedingte Ölpreisrückgangs, gezielt den Faktor fossile Energie zu besteuern. Temporär, aber spürbar. Denn der Konsum von Öl und Gas ist teils  notwendig, aber volkswirtschaftlich kaum nützlich. Rund 9 Mrd Eur fliessen laut Ökostromverbänden durch die Österreichs Energieimporte ins Ausland ab. Bedingt durch inländischen Konsum. Dankenswerterweise bleibt dabei ein Teil beim Finanzminister hängen.

rohoel_brent crude_1jahr

Quelle:http://www.godmode-trader.de

Der Ölpreis ist innerhalb eines Jahres massiv gefallen (siehe Chart oben) und wird das Niveau des heuriges Frühjahres wohl erst wieder in zwei Jahren erreichen, wenn sich das Wirtschaftswachstum erfängt. Der Gaspreis wird in einer ähnlichen Kurve mitziehen, wenn auch nicht in jenem Ausmaß. Die Energiepreise werden auch wieder fallen. Warum nicht diese Zeit nutzen, einen Teil dieser Preissenkung durch eine steuerliche Erhöhung abzufangen, die einerseits in ökosoziale Entlastungsmaßnahmen (Heizkesseltauschprogramm, Energieeffizienzgutscheine bzw. Dienstleistungen etc ) aber auch die massive, spürbare steuerliche Entlastung des Faktors Arbeit oder auch z.B. in eine deutliche Erhöhung der Mindestpensionen geht.

Derartige Maßnahmen können verteilungspolitisch gerecht sein, und damit meine ich nicht nur die Verteilung von fossil zu erneuerbar. Wobei die auch eine echte Investition darstellt.





World Energy Outlook … und doch ein kleiner Lichtblick

17 11 2008

Wie gestern berichtet, bietet der vergangene Woche präsentierte World Energy Outlook düstere Aussichten für die Zukunft. Eine kleine positive Überraschung hat er meiner Meinung nach dennoch zu bieten.

Weniger inhaltlich als politisch. Dazu ist vorab zu sagen, dass der jährlich erscheinende Bericht immer wieder mit Kritik konfrontiert war, weil er sagen wir fossilkonservativ war. Die Policy hat über viele Jahre sehr den Angaben über Ölreserven vertraut und den fossilen Weg als alternativenlos gesehen. Erneuerbare wurden als irrelevant geachtet. Nicht, dass sich das jetzt zu 100% geändert hat, aber die politische Aussage ist doch beachtenswert.

Zunächst die Kernaussage: Die Zeit des billigen Öls ist vorbei. Es braucht sechs mal Saudi Arabien der Jetztzeit, um 2030 den Ölhunger zu stillen. Das ist erstens explorativ nicht realistisch, zweitens sehr sehr teuer.

weo08_oilproduktion_referen

Quelle: World Energy Outlook 2008, IEA

Die Kernaussagen des Chefökonomen Fatih Birol sind eindeutig wie nie zuvor. Die aktuellen Energietrends sind in keinster Weise nachhaltig, die Ära des billigen Öls ist vorbei, wir brauchen dringend Maßnahmen gegen den Klimawandel. Decarbonisation des Weltenergiesystems lautet das Schlagwort (über die Methoden dafür wird man mit Birol sicher gut streiten können, Stichwort CO2-Sequestrierung)

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