Peak Oil oder Peak Demand? Annäherung an das Mysterium Ölpreis.

2 12 2009

Christoph Chorherr hat es in einem Nebensatz gestern abend gut beschrieben. Es gibt Diskussionsgespräche, die sind einfach nicht in österreichischen TV-Formaten zu sehen. Vielleicht ist das deshalb so, weil das intelligente Gespräch als Austausch von Argumenten, bei dem es primär um das Gewinnen oder Verlieren einer Diskussion geht, nicht fernsehformatkompatibel ist.

Der gestrige zweite Teil der “Über den Tellerrand”-Gesprächsreihe war wieder  so ein Gespräch. Er widmete sich der Frage, inwieweit die Weltwirtschaftskrise mit der Entwicklung des Ölpreises zu tun hat. Folgt nach der Wirtschaftskrise ein neuer Ölcrash? Gäste von Alexander Van der Bellen waren diesmal der Ölmarkt-Analyst Johannes Benigni (JBC Energy) und Energieexperte Michael Cerveny (ÖGUT). Moderiert hatte die Journalistin Ute Woltron. (Foto Beate Potzmader/Die Grünen zum Vergrößern klicken)

Wie schon bei der ersten Tellerrand Diskussion war auch diesmal der Ausgangspunkt, dass man die Krise bzw. die Krisen versucht besser zu verstehen, und nicht primär im politischen Schlagabtausch auf die Analyse zu vergessen. Unterschiedlichen Perspektiven sollen zu einem besseren Verständnis zu führen Das, was im politischen Diskurs meist fehlt. Auch das mediale Interesse an so einer Diskussion hielt sich gestern wieder in engen Grenzen.

Ein kleines Abbild der Fragestellungen des gestrigen Abends:

Was bestimmt den Ölpreis? Angebot & Nachfrage oder Finanzinvestoren

Der Ölpreis entsteht an den Börsen. Laut Marktkenner Benigni gibt es seit 2004  eine signifkkante Zunahme der Marktteilnehmer und 3 mal so viel Volumen. Während früher die sog. Oilers den Markt bestimmt haben, sind es seit einigen Jahren auch die Finanzinvestoren. Es gibt also jedenfalls einen wesentlichen Einfluß der Finanzinvestoren am Ölmarkt, der auch den Rise of the oil-price mit bestimmt hat. Auch der Zugang zu Börsen ist prinzipiell leichter geworden, was nicht ohne Konsequenz geblieben ist.

Benigni meint, dass die Ölpreisentwicklung deutlich weniger mit den sogenannten Fundamentals von Angebot & Nachfrage zu tun hat. Eine Sichtweise, die Michael Cerveny von der ÖGUT anders beschreibt. Und zwar dahingehend, dass die enorme Nachfrage nach Öl, ausgehend von einem entsprechend deutlichem Zuwachs in Asien, nicht mehr durch das Angebot abgedeckt werden wird können. Zumindest werden die Kosten dafür deutlich höher.

Prinzipiell wird mit Rohstoffen gehandelt wie mit anderen Sachen auch. In den vergangenen Jahren hat sicher ein Zug Richtung Commodities statt gefunden. Siehe Entwicklung des Goldpreises, aber auch die Entwicklung am Ölmarkt.

Wieviel Öl ist da? Niemand weiß es wirklich.

Es ist nur am ersten Blick absurd, dass eigentlich niemand wirklich genau sagen kann, wieviel Öl noch verfügbar ist. Aber Informationspolitik war immer auch eine Art von Interessenspolitik.

Laut Benigni ist eine Spare Capacity, also verfügbare und ungenutzte Ölmenge von 5,5- 6 Millionen Fass da, die von den OPEC Staaten jederzeit auf den Markt geworfen werden können – auch um 15 US-D. Teurer ist hingegen die Förderung der darüber hinaus gehenden Menge. An jener orientiert sich jedoch der Preis, der daher auch höher ist als noch vor 3-4 Jahren. (derzeit bei rund 75 us-D/Barrel). Die Grenzkosten würden zwischen 60 und 90 Us-D liegen. Benigni meint, es ist massenhaft Öl da, aber die Frage ist, zu welchem Preis.

Damit ist aber auch klar: Wirklich billig wird Öl in einer Phase des Wirtschaftsmwachstums nicht mehr!

Peak Oil oder Peak Demand?

Seit einigen Jahren ist der sog. Peak Oil in Diskussion, also der Höhepunkt der Ölförderung, der in eine relativ steile Abnahme der Ölförderung mündet – ähnlich einer Glockenkurve. Manche meinen, Peak Oil war schon; andere sehen ihn erst kommen. Das gestrige Podium meinte, der Zeitpunkt ist nicht wo wichtig.

Aber der Druck auf den Preis wird laut Cerveny größer. Einerseits wegen der Investitionshemmnisse, andererseits aufgrund geologischer Faktoren. Die Internationale Energie Agentur sieht weiter einen massiven Zuwachs des Ölbedarfs. Aber sind die prognostizierten aktuell

80 bis 104 Mio Barrel bis 2030 überhaupt machbar? (unabhängig jetzt mal vom ökologischen Aspekt)

Eine Ölfeldanalyse der IEA, die immer eine eher konservative Haltung vertreten hat, hat gezeigt, dass von den 780 bedeutenden Ölfeldern 580 schon ihren Peak hatten. Es gibt einen Rückgang der Ölförderung von 5,1% pro Jahr dieser Felder nur durch ihre “Alterung”: Cerveny verweist auf Analysen, die einen Oilcrunch 2012/2013 sehen, wenn das Wirtschaftswachstum wieder greift.

Dies sind die Ingredientien einer neuer Weltwirtschaftskrise.

Für Benigni ist die Frage des Peak Oil nicht entscheidend. Er sieht einen Peak Demand. Durch den hohen Ölpreis 2008 gibt es einen Schub Richtung Effizienz. Siehe Mobilität in den USA, wo der Verbrauch derart hoch ist, dass es noch Jahre dauern wird bis das europäische Niveau erreicht werden kann, jetzt aber ein Umdenken eingesetzt hat. China wird weiter massiv wachsen, aber das Bewusstsein ist da,die Führerschaft im Bereich Solar und z.B Batterietechnologie zu erreichen. Man will die Fehler der USA nicht wiederholen, zugleich steht China erst am Anfang dieser Wohlstandsentwicklung. (zur Entwicklung CHinas und Indiens siehe auch den aktuellen Hans Rosling TED-Vortrag)


Keine klare Prognose zur Höhe des Ölpreises

Logisch, dass sich niemand ernsthaft über eine längerfristige Prognose traut. Aber für Beratungsunternehmen wie McKinsey und auch die IEA sind 200 us-Dollar+ möglich. Doch was heißt ein Ölpreis von 200 uS-D? Der Benzinpreis würde bei € 1,90 liegen. Heizöl bei €1,60 (derzeit 60-70ct), was bei einem Durchschnittsverrbauch von 200 l rund 2.000,- eur Mehrkosten pro Jahr entspricht. Der Ausstieg aus dem Öl ist somit eine soziale Frage. 2000 eur sind nicht einfach wegsparbar.

Insofern ist eine vorausschauende Energiepolitik, welche die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringert, nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern auch aus sozialen Überlegungen heraus relevant.

Hoher Ölpreis ist definitiv ein Motor für mehr Klimaschutz und Effizienz

Wie Alexander Van der Bellen beschreibt, ist ein Ölpreis von 140 US-D nichts Furchtbares. Nach 20 Jahren Debatte über den Treibhauseffekt hat es erstmals wirklich Bewegung in der Energiepolitik gegeben.  Und zwar durch zwei Anlässe: den Ölpreisschock 2008 und die Russland/Ukraine-Gaskrise. Es braucht einen höheren Ölpreis, um den Wandel von der fossilen Industriegesellschaft Richtung Nachhaltigkeit zu schaffen.

Conclusio aus meiner Sicht:

  • Der Ölmarkt ist on the long term schwer zu prognostizieren. Aber billig wird Öl nicht mehr – außer wir schlittern wieder in eine tiefe Rezession. (was bei den aktuellen neuen Blasen auch nicht ganz aususchließen ist)
  • Die Anreize für Finanzinvestoren, ihr Geld in Barrel anzulegen, sind nicht geringer geworden, sondern im Gegenteil. Ein Indiz dafür, dass so etwas wie 2008 definitiv wieder passieren kann. Es gibt teilweise  die Haltung: Ich kaufe Öl, weil das Geld ist möglicherweise eh nix mehr wert.Öl ist  zu einem beliebten Objekt der Begierde von FInanzinvestoren geworden.
  • Ob dieser Preissprung tatsächlich auf die Knappheit zurückzuführen ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Aber fix ist, dass die Ölgewinnung auch unabhängig von den Finanzinvestoren teurer werden wird.
  • Ausgehen muss weiters davon, dass – im Gegensatz zu früher – weiter starke Schwankungen geben wird.
  • Das muss – glaub ich – noch in viele Köpfe, auch in meinen eigenen. Der Schwerpunkt hat sich verschoben. Waren die USA und (schon mit Abstrichen) Europa die entscheidenden Märkte, hat sich der Fokus eindeutig Richtung Asien bewegt. Ob wir wollen oder nicht.
  • Wie schon bei Tellerrand 1 (Woher kam die Krise?): Es ist nicht Aufgabe des Martkes, sondern der Regulatoren zu sagen, was man handeln darf und in welche Bereiche man investieren darf. Der Finanzmarkt wird sich nicht selbst beschränken. Hier sind die Staaten am Zug.
  • Aus ökologischen, wirtschaftspolitischen und sozialen Gründen ist der Transformation unserer Energieversorgung Richtung Effizienz und Erneuerbare höchste Priorität einzuräumen. Wollen wir insbesondere vom Öl unabhängiger werden, führt der Weg eindeutig über sanfte Mobilität und dem Motto “Raus mit den Ölheizungen”.

Interessante Hinweise zum Thema sind ua zu finden:

Vorträge Cerveny:

Vienna Energy Talks

Peak Oil Vortrag

Artikel von Andreas Postner zur Ölpreisentwicklung und Wirtschaftskrise





Nabucco-Day statt Peak Oil-Day?

13 07 2009

Manche wollten ihn gleich als Jubiläumstag sehen. Der  11. Juli soll als Peak Oil Day in die Geschichte eingehen, hatte Richard Heinberg vom Post Carbon Institute ausgegeben. An diesem erreichte der Rohölpreis (Durchschnitt mehrerer Sorten) genau vor einem Jahr mit über 147 US-$  einen Rekordwert. Aus seiner und Sicht vieler anderer Experten war im Juli 2008 Peak Oil erreicht, also der Höhepunkt der Ölförderung; das Maximum dessen, was an täglichem Volumen rauszuholen ist. Verbunden mit Peak Oil und dem – aufgrund der angenommenen steigenden Nachfrage -  steigendem Ölpreis waren und sind massive Rückwirkungen auf die Weltwirtschaft, die nach noch mehr fossiler Energie schreit.

peakoilday

Nun, ich bin angesichts der Unzahl an Whatever-Days kein großer Freund von Jubiläen dieser Art; auch die Petition für eine Peak Oil Day hat noch nicht ausnehmend viel Unterstützung erhalten. Aber die Erinnerung an die Preiskurve vor einem Jahr ist wichtig. Denn wenn das Wirtschaftswachstum wieder greift, wird der Preis wohl in neue Höhen schnellen und somit zum Bremsklotz werden. Das Spiel Wirtschaftswachstum-Ölpreis-Energiekrise ist mittlerweile keine besonders erbauliche Interdependenz in der wachstumsgetriebenen, fossilen Industriegesellschaft.

rohoel6Klar, der Ölpreis ist aufgrund der Rezession seit vergangenem Jahr stark gesunken, in der Zwischenzeit – nach ersten Anzeichen auf Erholung der Konjunktur – wieder gestiegen (auf über 70 US-$) und zuletzt wieder gefallen. (heute bei knapp 60 US-$)

(Graphik: http://www.tecson.de/prohoel.htm )

Wer über Peak-Oil mehr wissen will, dem sei dieser Vortrag von Michael Cerveny von der ÖGUT sehr ans Herz gelegt. Siehe ÖGUT Youtube Channel und diverse Vorträge.

Aber heut wird ohnehin in Österreich etwas anderes gefeiert. Nämlich Nabucco-Day!  Die Regierungschefs  aus Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Türkei unterzeichnen in Ankara ein Regierungsabkommen , das für die nächsten 50 Jahre einen stabilen Vertragsrahmen für das Nabucco-Pipelinesystem schaffen soll. Die 3300 km lange Pipeline soll 31 Mrd m3 Erdgas pro Jahr transportieren. Das Projekt wurde 2002 – maßgeblich von der OMV getragen – gestartet und kostet rund acht Milliarden Euro kosten. Für 2014 ist die Fertigstellung geplant. Während die Transitfragen also nun geklärt sind, ist die Frage, wer denn überhaupt soviel Gas liefern könne, noch spärlich beantwortet. Klar, die OMV versucht mit dem Verweis zu beruhigen, dass Azerbaidjan über entsprechende Kapazitäten verfüge; über den Iran spricht man nur derzeit nicht so gerne. Aber letztlich scheint diese Frage weitgehend ungeklärt, was bei einem derartigen Megaprojekt interessant ist.

Alle Experten sind sich einig, nach Peak Oil kommt Peak Gas. Interessante Unterlagen gibt es dazu von Dr. Werner Zittel von der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH in Deutschland auf der IG Windkraft Website. Seiner profuneden Einschätzung nach können wir Peak Gas im Jahr 2020 erwarten.

Dass Nabucco damit kein energiepolitisch besonders nachhaltiges Investment scheint, ist offensichtlich. Denn es setzt den Schwerpunkt weiter auf die fossile Abhängigkeit. Es lindert zwar jene von Russland ein wenig; aber ob der Iran letztlich der wünschenswerte Partner sein wird, ist zumindest politisch mehr als hinterfragenswürdig.

An vielen anderen Ecken und Enden, wo es um die Investition in die erneuerbare Energiezukunft, fehlt es derzeit an Geld.

Im Konjunkurpaket der Bundesregieurung waren einige Ansätze, z.B. die Sonderförderung zur thermischen Sanierung des Bundes. Doch jene ist für Privathaushalte nach wenigen Wochen ausgelaufen (Budget lediglich 50 Mio €)  – eine Prolongierung ist nicht in Sicht. Laut am Freitag präsentierter Wifo-Studie beträgt der „grüne“, sprich klimarelevante Anteil an den österreichischen Konjunkturpaketen elf Prozent. Allerdings sind auch die thermischen Sanierungsmaßnahmen der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) im Ausmaß von 120 Mill. Euro eingerechnet. Und diese Kalkulation ist mit Vorsicht zu geniessen. Ohne das BIG-Paket liegt der „grüne“ Anteil nur bei rund fünf Prozent. Zum Vergleich: In den USA beträgt der entsprechende Wert zwölf, in Deutschland 13, in Frankreich 21 und in Südkorea 81 Prozent. (Quelle: Salzburger Nachrichten 11.7.)

Keine Frage: diese Jahre sind entscheidend für die energiepolitischen Weichenstellungen. Aber der heutige Tag gibt in Sachen nachhaltiger Energiezukunft wenig Anlaß zum Feiern.





Von der Subprime-Crisis zur Suburb-Crisis. Spannendes zum Verhältnis von Erdöl und Weltwirtschaft.

22 06 2009

Wie zuletzt schon erläutert, glaube ich, dass der Konnex zwischen der Weltwirtschaftskrise und der Energiekrise unterschätzt wird. Ob die Ölpreisentwicklung in den Jahren 2007 und 2008 der eigentliche Motor der Rezession ist, wage ich nicht unmittelbar zu behaupten, es gibt jedoch erstaunliche Zusammenhänge wie dieser lesenswerte Artikel von Andreas Postner darlegt. (via Blog von Johannes Rauch). Auch der Konnex zwischen Subprime-Crises und den Folgen der insbesondere in den USA ausgeprägten Suburbanisierung rund um Ballungszentren ist spannend. Die energiewirtschaftlichen Aspekte von Verkehrswegen bleiben in der Diskussion weitgehend unterbeleuchtet.

Es gilt jedenfalls, die strukturellen Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern auch im Sinne einer langfristigen Wachstums (sofern jene nicht überhaupt wieder hinterfragt werden wird – was ich ja nicht glaube) zu lösen, sonst stehen wir nach der Krise unmittelbar vor der Krise.

peakoil_vbgIm Artikel ist übrigens eine Studie erwähnt, die mir bislang unbekannt war.  “Peak Oil…Die internationale Diskussion und mögliche Auswirkungen auf Vorarlberg”, datiert mit November 2008. Autoren sind Andreas Postner und Willi Sieber vom Österreichischen Ökologieinstitut. Sehr ausführlich wird hier im Auftrag der Vorarlberger Landesregierung auf Ursachen und Folgen der Erdölverknappung eingegangen. Im Sinne was bedeutet die Preisexplosion bei fossilen Energieträgern durch die nicht mehr entsprechend gedeckte Nachfrage nach Öl für das Land? Details dazu alsbald.

Zu finden auf der Website der Vorarlberger Landesregierung.





Ölpreis<50 USD: Alles in Butter statt alles im Öl?

24 11 2008

Wir befinden uns in einer außergewöhnlichen, durchaus dramatischen Phase weltwirtschaftlicher Entwicklungen. Finanzkrise – Wirtschaftskrise – Energiekrise. Die Dependenzen zwischen den drei Krisen sind insbesondere beim Energiethema noch zu wenig beachtet.

Der Ölpreis fällt derzeit radikal und schnell. Derzeit liegt er um die 50 $. Und schon kann gemunkelt werden, dass er aufgrund von Spekulationen bald bei 40$ liegt. Angesichts der entscheidenden Frage, welche Maßnahmen nun konjunkturell angegangen werden, ist die Verführung groß, klassisch-fossil Gas zu geben. Das Ergebnis wird darauf hin aber sein, dass der Ölpreis wieder massiv ansteigt – etwa in zwei Jahren, wenn man erwarten kann, dass das weltweite Wirtschaftswachstum sich wieder erfängt und die Nachfrage nach Öl wieder massiv steigt. Aber wir fahren damit – ganz unabhängig von der Klimafrage – erst recht wieder den gleichen negativen Zyklus, die sich aus der Abhängigkeit von Öl und Gas ergibt.

Dieses kleine Youtube  “Lehrvideo” von Aaron Wissner zeigt sehr vereinfacht aber ganz gut die Preiselastizität bei Öl. Klar, hier finden sich viele Faktoren nicht wieder, etwa der Spekulationsanteil; aber dennoch ist das eine verständliche Grundlage, den aktuellen Preisverfall beim Öl zu  erklären. Klar, einfacher könnte man sagen, die Nachfrage ist halt zurückgegangen. Aber was kommt danach?

Das skurrile ist ja, dass insbesondere jene, die Interesse haben müssten, dass der Ölpreis gering bleibt, auf Alternativen setzen müssten, um die Nachfrage im Lot zu halten. Denn wie gesagt, die Wirtschaftskrise verdeckt nur das eigentliche Problem des fossilien Industriezeitalters bzw. ist Teil dessen. Die Maßnahmen der kommenden Monate werden jedenfalls massiven Impact auf viele unserer aktuellen Probleme haben. Und ist auch ein Zeitfenster für nachhaltige Maßnahmen.





World Energy Outlook … und doch ein kleiner Lichtblick

17 11 2008

Wie gestern berichtet, bietet der vergangene Woche präsentierte World Energy Outlook düstere Aussichten für die Zukunft. Eine kleine positive Überraschung hat er meiner Meinung nach dennoch zu bieten.

Weniger inhaltlich als politisch. Dazu ist vorab zu sagen, dass der jährlich erscheinende Bericht immer wieder mit Kritik konfrontiert war, weil er sagen wir fossilkonservativ war. Die Policy hat über viele Jahre sehr den Angaben über Ölreserven vertraut und den fossilen Weg als alternativenlos gesehen. Erneuerbare wurden als irrelevant geachtet. Nicht, dass sich das jetzt zu 100% geändert hat, aber die politische Aussage ist doch beachtenswert.

Zunächst die Kernaussage: Die Zeit des billigen Öls ist vorbei. Es braucht sechs mal Saudi Arabien der Jetztzeit, um 2030 den Ölhunger zu stillen. Das ist erstens explorativ nicht realistisch, zweitens sehr sehr teuer.

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Quelle: World Energy Outlook 2008, IEA

Die Kernaussagen des Chefökonomen Fatih Birol sind eindeutig wie nie zuvor. Die aktuellen Energietrends sind in keinster Weise nachhaltig, die Ära des billigen Öls ist vorbei, wir brauchen dringend Maßnahmen gegen den Klimawandel. Decarbonisation des Weltenergiesystems lautet das Schlagwort (über die Methoden dafür wird man mit Birol sicher gut streiten können, Stichwort CO2-Sequestrierung)

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eco-move berlin: was bewegt uns morgen?

16 10 2008

Ja klar, die Finanzkrise zieht berechtigerweise die mediale und öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Die Notfallspakete für angeschlagene Banken sind zentrale Schritte gewesen. (wer weiß, vielleicht tragen sie ja auch noch zur Identitätsstiftung Europas bei? internationale Krisen brauchen Kooperationsstrukturen – vielleicht begreifen das auch die Europaskeptiker)

Dadurch werden jedoch auch die anderen großen Krisen unserer Zeit ein wenig verdrängt: z.B. die Energiekrise und der Klimawandel.

Daher Szenenwechsel: Ich bin derzeit in Berlin und nehme ua. am eco-move Kongress (samt Ausstellung) teil, der sich mit Zukunftskonzepten und aktuellen Entwicklungen der Mobilität auseinandersetzt und vom Bundesverband Solare Mobilität veranstaltet wird. Das Motto lautet  “Was bewegt uns morgen?” Im Fokus: die Elektro-Mobilität.

Wer sich mit der Energiefrage länger auseinander setzt, weiß, dass das Elektroauto schon vor ca. zwanzig Jahren großes Thema war. Insbesondere Kalifornien galt als Vorreiter bei emissionsarmen Fahrzeugen – bedingt durch den Clean Air Act und teils rigorosen Maßnahmen und Quoten für emissionsfreie Vehikel. Leider kam es dann durch massives Lobbying der Auto- und Fossilindustrien und – wie ich einschätzen würde – einen generellen politischen Backlash für Ökothemen in der Reagan-Ära zu Rückschritten und einem Einfrieren vieler innovativer Entwicklungen.  Meine Aufenthalte in Kalifornien haben mir das immer wieder gezeigt. Im Elektrobereich hat letztlich aber die Automobilindustrie weltweit viele Pläne auf Eis gelegt.

Werner Zittel, einer der renommiertesten Peak Oil Experten im deutschsprachigen Raum, erläutert im Rahmen von eco-move, dass man sich nicht täuschen lassen darf vom derzeit aktuell gefallenen Ölpreis. Denn erstens liegt der Ölpreis immer noch auf deutlichem höheren Niveau als vor 2-3 Jahren (und all die Jahrzehnte davor). Und der Anstieg um 100% zwischen Juni 2007 und Juni 2008 auf rund 140$ pro Faß ist nicht nur auf eine Spekulationsblase zurückzuführen. Der explodierende Ölpreis blieb übrigens nicht ohne Folgen. So ist der Ölverbrauch der USA 2008 bislang um 10% geringer als im Vorjahr. Zittel meint zu Recht, dass man erstmals die Vorläufer und Folgen des weltweiten Ölfördermaximums spürt, das knapp bevor steht.  Manche meinen, wir hatten schon Peak Oil; andere sagen, er würde erst kommen. Am strukturellen Problem und dem notwendigen strukturellen Wandel ändert das nichts.

Der Mobilitätsbereich ist dabei einer der vielen Schlüssel (für ein Mehrfachschloß namens Energiewende). Und ehrlich gesagt, die strukturellen Schwierigkeiten, die wir aufgrund der Abhängigkeit vom Automobil haben, werden nicht so schnell zu lösen sein. Dafür haben sich unsere Siedlungsräume zu wenig nachhaltig entwickelt (Stichwort Zersiedelung). Die Frage, wie das Auto der Zukunft aussieht, ist daher essentiell. In einigen Bereichen wie Elektrofahrrädern oder Scootern gibt es derzeit schon marktnahe und -taugliche Modelle; beim Auto selbst schaut die Sache noch diffiziler aus.

Ich werde in den kommenden Tagen einige meiner Eindrücke der Konferenz bloggen, hier eine erste ZUsammenfassung:

  • Die Zeit, wo die großen Autoproduzenten Elektromobilität ignorieren konnten, sind vorbei. Dahezu alle Big Player investieren derzeit massiv in Konzeptfahrzeuge; einige schon in serienmäßige Modelle. Der Hybrid wird weiterentwickelt. Großes Thema derzeit ist der Plug-in-Hybrid, bei dem man den Akku zwischenzeitlich an´s Netz hängt und auflädt und er damit noch effizienter wird. Außerdem kündigen sich effiziente Hybride in deutlich mehr Autoklassen als derzeit an.
  • Am Markt sind derzeit Nischenmodelle, etwa Leichtfahrzeuge wie der Twike, der auch vor Ort ausgestellt wurde. Aber es ist kein Zufall, dass bei den großen Automessen, etwa dem derzeitigen Autosalon in Paris, Konzeptfahrzeuge für Serienmodelle präsentiert werden. Das neue herausgekommene Magazin Eco-mobil gibt eine beeindruckende aktuelle Marktübersicht.
  • Infrastruktur, Akku, Reichweite und – wie ich es nennen würde – Design (z.B. das „Tank“konzept) bleiben die zentralen Fragen, an denen intensiv gearbeitet wird. (mehr dazu in einem der kommenden Beiträge)
  • Die Stadt als dichter Raum ist der ideal Raum, um die Elektromobilität voranzutreiben. Insofern ist es völlig richtig, dass der Klimafonds mit der aktuellen Ausschreibung hier einen neuen Schwerpunkt setzt.
  • Generell: ohne staatliche Aktivitäten und Initiativen wird´s nicht gehen. Denn die Verquickung von Infrastruktur, Versorgungsfragen, Technologie, einheitlicher Standards uvm. braucht einen gemeinsamen Rahmen und Anreize. Israel zeigt diesbezüglich, wo´s lang geht.
  • Die CO2-Bilanz der Elektromobilität ist natürlich stark davon abhängig, aus welchen Quellen der Strom produziert wird. Wenn China (was durchaus der Fall ist) auf E-Mobilität setzt, ist das innovativ, aber aufgrund des massiven AUsbaus von Kohlekraftwerken nicht zwingend nachhaltig im Sinne des Klimaschutzes. Daher ist klar: wir sollten primär über Elektromobilität auf Basis erneuerbare Energiequellen reden.
  • Das Thema Netzintegration von Elektrofahrzeugen wird sehr spannend. Hier wird´s auch für die E-Wirtschaft, also in dem Fall die Netzbetreiber interessant, denn die netzintegrierten E-Fahrzeuge können ein idealer Speicher für die schwankende StromProduktion sein. (in Deutschland z.B. mit der Windkraft ein Thema). Es ist Zeit, dass Solarwirtschaft und E-Wirtschaft, die historisch ein eher angespanntes Verhältnis haben, möglicherweise genau hier eine Brücke bauen.
  • Die Elektromobilität ist derzeit DAS Megathema der Szene. Und das ist gut so. Auch für Österreich bieten sich hier Chancen. Einerseits aufgrund des vergleichsweise hohen Anteils Erneuerbarer an der Stromproduktion, andererseits durch konkrete Technologieentwicklung – etwa im Bereich Batterien und Solar.