Der Unterschied zwischen Strategie und Taktik am Beispiel Faymann/Pröll

20 10 2009

Der Unterschied zwischen Strategie und Taktik ist nicht nur in der Kriegsführung, im Schach und diversen (Sport-)spielen von Relevanz, sondern insbesondere auch in der Politik. Ich kann mich an eine Keynote Speech des großen Schachmeisters Gary Kasparow beim Politikkongress vor einigen Jahren in Berlin erinnern, wo er insbesondere darauf hingewiesen hat, dass diese beiden Zugänge nicht ausreichend differenziert werden. Da hatte er völlig recht. Und die österreichische Innenpolitik ist ein gutes Beispiel. Generell kann konstatiert werden: es gibt kaum Strategie, aber sehr sehr viel Taktik, meist gar nur taktisches Geplänkel. Ich gehe sogar einen Schritt weiter: die Konzentration darauf ist einer der Gründe dafür, dass sich viele Menschen angewiedert von der Innenpolitik und der Berichterstattung darüber abwenden.

An den beiden Regierungparteien kann man den Unterschied aktuell gut fest machen.

Einerseits: Werner Faymann und die Bundes-SPÖ (auf die beziehe ich mich; in Wien und im Burgenland schaut die Sache etwas anders aus).

Hier soll´s nicht um Bashing gehen. Sich über den Niedergang der SPÖ herzumachen, ist derzeit leichtes Spiel (ich verweise auch auf ältere Beiträge zur SPÖ auf guensblog),  aber die insbesondere strategische Schwäche ist meiner Meinung nach ein Kernpunkt.  Es dürfte schlicht und ergreifend keine Strategie geben. Also eine Strategie im Sinne eines “längerfristig ausgerichtetes planvolles Anstreben eines Ziels unter Berücksichtigung der verfügbaren Mittel und Ressourcen” (Wikipedia). Es gibt auch keinen Feldherrn, wenn man schon die martialischen Vergleiche heranziehen will. Jemand, wo man Vertrauen haben könnte, der oder die weiß, was er/sie will, geschweige denn den Weg dorthin kennt. Gut, wie hieß das Gusenbauer-Buch: Die Wege entstehen im Gehen.

Taktik ist der Strategie unterzuordnen. Sie bezieht sich auf die Anwendung der einzelnen Elemente (Angriff, Verteidigung, Überraschung, neue Flanken etc.). Aber auch hier geht es um die Erreichung eines konkretes Ziels.

Was ist das Ziel der Bundes-SPÖ und ihres Vorsitzenden? Mit welchen Mitteln will man es erreichen? Wofür brennt dieser Mann eigentlich? Man muss das nicht alles gleich zu Beginn einer Karriere oder eines Funktionsantritts wissen, aber irgendwann wäre das insbesondere in Krisenzeiten gut. Auch weil Vertrauen nicht kurzfristig aufgebaut werden kann.

Während es also keine erkennbare Strategie gibt, versucht man sich in taktischen Spielen. Das aktuelle Beispiel: die Frage, welche ÖsterreicherIn Mitglied der EU-Kommission sein soll. Inhaltlich ist diese Frage weitgehend irrelevant, denn um Qualifikation gings in der Debatte noch nie (den Karas und grüne Vorschläge ausgenommen)

In der Konkurrenz zur ÖVP hatte die SPÖ schon durch das Bekenntnis, es soll ein ÖVP´ler werden, schon verloren. Es war der SPÖ auch einfach nicht wichtig. Und ich seh das jetzt anders als viele Kommentatoren: hätte man es elegant gemacht, wäre das kein Problem gewesen. Warum muss jede Partei immer um einen Posten kämpfen? Inhaltliche Kriterien wären relevant gewesen, aber nicht die Parteizugehörigkeit.

Der Einsatz für Ferrero-Waldern ist in erster Linie eine Provokation an die ÖVP. Pure Taktik, aber null Strategie!

Es ist ein kleines Gefecht, das aber mit der langfristigen Zielerreichung gar nichts zu tun hat. Ein Nebenschauplatz, mit der man nichts gewinnen kann, aber versucht, dass der Konkurrent was verliert. Und wenn am Ende Ferrero-Waldner Kommissarin wird, wird niemand sagen: toll gemacht, Herr Kanzler.

Um wiederum auf Kasparow zurückzugreifen: “Die Frage WARUM macht aus dem Taktiker einen Strategen. Diese Frage muss man sich immer wieder stellen, um die eigene Strategie zu durchschauen, zu entwickeln und zu befolgen. Warum diesen Zug? Was möchte ich erreichen, und was spielt dieser Zug dabei für eine Rolle?”

Ich gestehe, ich kann diese Frage in der Faymann-Taktik nicht beantworten.

Der Konflikt verstärkt einerseits das Bild, das es in Österreich eh nur um die Pöstchen gehe; andererseits lenkt er – auch das ein taktisches Manöver – von der inhaltlichen Auseinandersetzung nach der Pröll-Rede vergangene Woche ab. Ein sehr kurzfristiger Effekt aber, der auch keine Antwort auf das Warum gibt.

Und das Szenario, dass Ferrero-Waldner jetzt doch nicht Kommisarin wird, sondern Molterer, will ich für Faymann gar nicht durchdenken. Welcher Mensch hat ihm das eingeredet??

Damit noch kurz zur ÖVP. Ich halte ihre Performance für überschätzt, aber dennoch strategisch relevant. Sie vermitteln, eine Strategie zu haben. Das Ziel scheint auch klar: Kanzler werden (daher jetzt schon Schattenkanzler sein) und als jene Partei über die Rampe kommen, die am ehesten krisenfest ist. Wer die Unterstreichungen in der Rede Prölls im Download ansieht, erkennt die Werteebene, die angesprochen werden soll. Er holt weit aus, versucht Zielgruppen in mehreren Bereichen anzusprechen. Dass dies nicht unbedingt mit aktuellen politischen Initiativen wie der Fremdenrechts-Novelle im Einklang steht, wird nicht ihm angelastet, sondern der Fachministerin.

Ob schon alle Elemente einer erfolgsbringenden Strategie der ÖVP vorliegen ist noch nicht absehbar, aber die Eckpfeiler sind da und dank der Wahlerfolge zuletzt auch der Zug zum Tor. Aber Achtung: Wahlen in Wien, Burgenland und der Steiermarkt sind wahrlich kein Heimspiel für die ÖVP. Hier könnten aufgrund kurzfristiger taktischer Entscheidungen ganze Strategien auch wieder ruiniert werden.





Zurück in die 90er Jahre – ein Trend verstärkt sich

21 09 2009

Wie immer empfehle ich auch diesmal nach der Landtagswahl in Vorarlberg, bei der Bewertung des Ergebnisses nicht nur die vorangegangene Wahl als Bezugspunkt heranzuziehen. Blickt man auf die längerfristige Entwicklung der Ergebnisse müsste der Schrecken ausbleiben, den viele gestern mitgenommen haben. “Zurück in die 90er” könnte das Motto lauten. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Umstände, wie das FPÖ-Ergebnis zustande gekommen ist, vernachlässigbar sind. Die Frage stellt sich, wie weit man strukturell und kulturell diesem Trend begegnen kann, aber dieser Frage geht tief. Jetzt einmal ein Blick auf die Ergebnisse seit 1994:

lt_vbg

Vorarlberg ist ja bekanntermaßen ein sehr eigenes Bundesland. Aber es hat sich – trotz der Innovationsfähigkeit vieler Vorarlberger – politkulturell eben nicht so sehr verändert. Die FPÖ ist traditionell stark im Ländle und nähert sich jetzt einfach wieder dem Niveau der Ende 90er Jahre. Die vergangene Wahl war stark von der Krise der FPÖ rund um die schwarzblaue Regierung geprägt. Die FPÖ ist damals überall abgestürzt. Und fängt sich jetzt eben wieder. Möglicherweise ist die Distanzierung von LH Sausgruber das Beste, was ihr wahltaktisch passieren konnte, denn dadurch konnte sie sogar mehr Oppositionsprofil im Wahlkampf spielen, was ja normalerweise nach Jahrzehnten in der Regierung schwierig ist. Das ist auch die wesentliche Erklärung, warum die FPÖ ihre Zugewinne aus den Nichtwählern generieren konnte, deren Anteil in Vorarlberg  seit Abschaffen der Wahlpflicht Anfang der 90er Jahre relativ  hoch ist. Insbesondere war dies bei der vorangegangenen LT-Wahl 2004 der Fall, wo eben vor allem FP-Wähler daheim geblieben waren.

Diesen Effekt konnte man offenbar auch in den umfrage-gestützten  Prognosen nicht entsprechend berücksichtigen, denn die haben die FPÖ deutlich schwächer vorhergesehen. Und die Empörung rund um die antisemitisch geprägten Egger Sager zu Hanno Loewy landet in diesem Segment offenbar nicht, was auch eine wichtige Erkenntnis ist.

In der Graphik sieht man meines Erachtens gut die auffällige Wechselwirkung zwischen Nichtwählern und FPÖ, aber auch zwischen FPÖ und SPÖ. Siehe auch SORA-Wählerstromanalyse.

Dass die ÖVP besser als erwartet abgeschnitten hat, hat sicher mit der gelungen Mobilisierung der eigenen WählerInnenschaft bzw. dem prinzipiell hohen Stammwähleranteil zu tun, aber auch die Abgrenzung zur FPÖ hat grüne Wähler und evtl. den einen oder anderen Sozialdemokraten zur VP gebracht. Den GRÜNEN ist dadurch ein besseres Ergebnis verloren gegangen, wobei das + vor dem Ergebnis angesichts der relativ hohen Niveaus von 2004 durchaus passabel ist.

Ansonsten passiert bei dieser Wahl was immer passiert. Die Frage nach der bundespolitischen Wechselwirkung wird von den Gewinnern als Rückenwind interpretiert, von den Verlierern als landespolitisches Ereignis negiert. Dass dies bei der SPÖ nicht durchgeht, habe ich versucht schon vor einigen Wochen darzustellen. Die aktuelle Krise der SPÖ geht sehr tief und ich bleibe auch bei der Prognose, dass es nach der anzunehmenden OÖ-Niederlage zu Konsequenzen kommen wird. Nicht politisch (Faymann Konsenslinie), sondern personell. Politisch wird es jedoch dennoch heißen, dass die SP das eine oder andere Konfliktfeld mit der VP aufmacht. Die Schulpolitik bietet sich nachgerade an. Laura Rudas deutet das im STANDARD schon an.

Was könnte dies nun für Oberösterreich bedeuten:

- Pühringer könnte der Versuchung widerstehen, nun doch eine Koalition mit der FPÖ auszuschließen, wird dies aber aus machtpolitischen Überlegungen (mehr Optionen zur Koalitionsbildung) nicht tun. Zu gut sind auch seine Werte.

- Die FPÖ wird wohl möglicherweise doch noch einen radikalen Sager platzieren, im Glauben, dies sei en Erfolgsinstrument (was nach Vorarlberg leider nicht negierbar ist)

- Die GRÜNEN bleiben nach der souveränen Leistung in Vorarlberg auf Kurs und werden die machtpolitische Ansage nochmals verstärken (Grün kommt nur bei entsprechender Stärke in die Regierung, sonst FPÖ und/oder SPÖ)

- Erich Haider könnte nervös werden und irgendwo massiv angreifen – möglicherweise gar die eigene Partei?

Jedenfalls wird es mit Durchhalteparolen in der SPÖ in einer Woche nicht getan sei. Die Niederlage wird möglicherweise nicht ganz so schlimm sein wie manche vermuten, aber sie wird schlimm wirken, da sie wieder an der letzten Wahl (+11,3 Prozent von 1997 auf 2003 ) gemessen werden wird.





Der Absturz der SPÖ ist mehr als die Krise einer einzelnen Partei

29 07 2009

Die im heutigen Standard präsentierte Umfrage zur Einschätzung der Regierungsparteien (n=500/CATI-Umfrage/market) zeigt die tiefgehende Krise der SPÖ auf. Und nicht nur das. Die SPÖ ist in gewisser Weise das Symbol für die strukturellen und kulturellen Defizite der österreichischen Politik generell. Sie spürt wohl erst jetzt – durch kurzfristige Wahlerfolge und regionale Stärkefelder wie Wien aufgeschoben – Versäumnisse aus Vergangenheit und Gegenwart.

Ehrlich gesagt verfolge ich zwar Umfragen mit einem derart geringen Sample mit gewisser Skepsis, dennoch sind die Daten so signifikant, dass Rückschlüsse möglich sind. Im Gegensatz zum Titel der Standard-Geschichte (“Umfrage: ÖVP besser organisiert als die SPÖ“) sehe ich die eigentlich bemerkswerten Daten woanders, denn die Organisationsfähigkeit einer Partei kann abgesehen von einem Eindruck durch die Wählerschaft nur bedingt eingeschätzt werden.

1246619329563Während die ÖVP in den meisten Eigenschaften eigentlich sehr positive Werte bei der eigenen Wählerschaft hat (im Gegensatz zur Gesamtheit), sind bei der SPÖ sogar bei den eigenen Wählern die Daten extrem schlecht. Im folgende jene Punkte, die aus meiner Sicht relevant sind, und ehrlicherweise zeigen, dass die Krise der SPÖ kurzfristig nicht bewältigbar ist. Aller Voraussicht wird nach der Oberösterreich-Wahl am 27.9. eine gröbere Neuaufstellung zu erwarten sein (Graphik Standard 29.07.)

  • Nur 55 % der SP-Wähler meinen, dass die Wählerschaft genau wisse, wofür die Partei stehe. (ÖVP 84%). Ebenso 55% halten die Partei für glaubwürdig (ÖVP 85%). Bitte, dieser Wert ist eine Katastrophe. Wenn das de facto nur jeder zweite SP-Wähler behauptet,  gibt es entweder ein massives Politikvermittlungsproblem oder noch schlimmer: es gibt ein tiefgehendes Identitätsproblem. Ich behaupte zweiteres.
  • 35% meinen, dass in der Partei jederzeit jemand bereit sei, die Führung zu übernehmen. Es wird also nicht nur der Führung selbst unterstellt, ein Problem zu haben, sondern man sieht auch niemanden, der das übernehmen könnte. (im Vergleich ÖVP 75%)
  • Nur 43% meinen, dass die Partei in keine Skandale verwickelt sei. Angesichts dessen, dass dies bei der ÖVP 80% sind, ist das ein Indiz für massives Misstrauen. Das ist insbesondere in Zeiten des Vertrauensverlustes in politische Institutionen mehr als problematisch. Und wenn man sich die Skandale des Landes ansieht, ist eigentlich keine überproportionale SP-Lastigkeit im Vergleich zur ÖVP erkennbar. Hier hätte ich in der medialen Rezeption beide gleichauf gesehen. (möglicherweise wirkt die BAWAG noch nach?)
  • Ebenso problematisch ist, dass nur 34% sehen, dass es ausreichend gute Nachwuchskräfte gäbe. (ÖVP 68%). Offenbar greift es nicht, wenn junge Funktionäre wie Laura Rudas entsprechende Präsenz und Bedeutung haben; das Nachwuchsproblem erstreckt sich über weite Teile der Organisation.

Das Problem dabei ist, dass nicht nur die Mobilisierungsfähigkeit einer Partei mit derartigen Werten stark eingeschränkt ist, sondern dass die Krise tief geht und damit auch das generelle Demokratiedefizit erreicht. Parteien haben in der Vermittlung von Politik immer noch die zentralste Rolle. Leider, muss man sagen, aber es ist so. Zugleich sind Parteien, Medien und auch Politikberatung häufig nahezu ausschließlich am kurzfristigen Wahlerfolg als relevanteste Meßgröße orientiert. Das ist verständlich, aber falsch. Oder wie Peter Filzmaier zuletzt in den OÖ-Nachrichten geschrieben hat (via Martin Blumenau´s Post: Der Experte und die De-Nationalisierung) : “Im Sommerloch gibt es keine Wahlen. Das bedeutet insofern eine demokratiepolitische Flaute, weil Österreich die Qualität seiner Demokratie gerne anhand von Wahlergebnissen definiert.” oder auch “Rechte und Linke beschäftigen sich unabhängig vom Wahlkampfgegröle ständig nur mit dem Tagesgeschäft.” Blumenau spricht von Resultats-Fetischismus.

Auch mein gestriges Posting zu Martin Grafs Südtirol-Vorschlag sollte zeigen, dass nahezu alle Akteure im politischen Geschäft eine extrem kurzfristige Perspektive in ihrer Kommunikationsstrategie haben. Immer mehr Menschen entkoppeln sich aber von dieser Art der Politik. Im Freibad diskutiert niemand die Südtirol-Frage, um es etwas banal auszudrücken.

Was die SPÖ aber mit den oben genannten Werten offenbart, ist nicht mit dem Tagesgeschäft zu lösen. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich hier auf Guensblog versucht, das strategische Dilemma der SPÖ zu beschreiben. Aufgerieben zwischen sehr unterschiedlichen Milieus, inhaltlichen Polen und Zielgruppen reicht ein Day-to-Day Vorhanteln nicht . Es hat sich seit damals nichts verbessert, sondern im Gegenteil: Die Sozialdemokratie hat mehr denn je ein grundlegendes Strategiedefizit und eigentlich eine substantielle Identitätskrise. In Zeiten der Wirtschaftskrise und steigender sozialer Spannungen ist das ein Problem. Nicht nur für die SPÖ.

Sie kann kurzfristig nicht gerettet werden, sondern braucht ein längerfristiges Szenario, das zumindest folgende Fragen beantworten musstee:

  • Was sind die 2-3 Leitprojekte und Kernanliegen, die in der Regierung umgesetzt werden? (die sich abzeichende Niederlage bei der Mindestsicherung zeigt, wie wenig geht derzeit)
  • Was sind längerfristige Leitprojekte, die die SPÖ als Zukunftsansage lanciert? (Wahlen gewinnt man nie mit Bilanzen, sondern nur mit dem Blick nach vorne)
  • Was ist die Identität 2010 und sind die Werte der SPÖ, hinter denen sich nahezu alle ihrer Wähler stellen können? Derzeit vermittelt die SPÖ den Eindruck einer wertfreien Politzone.
  • Welche Personen vertreten diese Werte glaubwürdig an der Spitze aber auch in der zweiten Reihe am besten? (Faymann´s Performance ist einer der Hauptgründe für die Profillosigkeit der Partei)
  • Bridging the Gaps: Wie erreichen man die verloren gegangenen, aber noch nicht verlorenen Milieus, um sie für Politik und die SPÖ interessiert zu werden? Insbesondere das Abdriften junger Menschen an die Rechte ist nicht mit netten Aktiönchen zu bewältigen. Der gesamte Apparat muss dafür auf Vordermann gebracht werden.
  • Wie schon an anderer Stelle erwähnt, hier geht es nicht um Politik-PR und schöne Kampagnen; hier geht es um politische Kommunikation und Politikkompetenz. Idealerweise geht es sogar um Politik!

Die Liste ist natürlich noch erweiterbar. Aber in diesen Fragen steckt auch viel mehr als lediglich die aktuelle Orientierungslosigkeit einer einzigen Partei.





knapp daneben…ist manchmal weit am ziel vorbei

23 03 2009

Die aktuelle Inseraten-Auseinandersetzung zwischen Wiener FPÖ und Wiener SPÖ erweckt auch mein Interesse. Max Kossatz stellt auf  Wissen Belastet im heutigen Posting zwei Inserate gegenüber. Ich hab mich gestern schon bei der Lektüre der Kronen Zeitung geärgert. Und zwar über das Inserat der Wiener SPÖ:
knapp_daneben

Ich verstehe nicht, welches Ziel dieses Bild verfolgt. Ok, die Botschaft ist ein Statement gegen HC Strache. Das Bild mit dem Kreuzeck soll wohl die Assoziation Fußball wecken und damit Interesse bei bestimmten Zielgruppen generieren  (?). Möglicherweise ist das ein Hinweis, dass vor allem Jugendliche die Adressaten sind. Man denke nur an die hohe Szenezugehörigkeit Jugendlicher zum Thema “Fußball” (siehe zB. T-Factory)

Aber für wen macht man so ein Inserat?

Option 1:  Für die substantielle Schnittmenge zwischen SP/FP-WählerInnen?

Die werden aber durch dieses Bild von gar nichts überzeugt. Es gibt null inhaltliche Botschaft, was denn an Strache schlecht sei. Und zu glauben, dass man dasden  WählerInnen im gemeinsamen SP/FP-Potential nicht erläutern müsse, ist schlicht falsch. Und wie gesagt, das gemeinsame Potential ist quantitativ nicht unerheblich.

Option 2: Für SP-SympathisantInnen oder Personen aus dem Rot/Grün Potential mit dem Ziel, vorhersehbare Zustimmung (weil gegen Strache)  zu erzielen?

krone_wahlverhaltenDie erreiche ich aber über die Kronen Zeitung kaum. Ich erinnere nur an die Auswertung nach der Nationalratswahl, wen Kronen Zeitung-LeserInnen wählen. Genau hier würde die Kampagne SP-FP WählerInnen erreichen. Insofern ist das Inserat aber falsch platziert, denn – siehe oben – genau dafür biete ich keine Botschaft.

Ich glaube immer noch, dass die Antwort auf die FPÖ eine inhaltliche und zugleich emotionale sein muss. Insbesondere jugendliche WählerInnen, die derzeit stark von der FPÖ vereinnahmt werden , brauchen klare Antworten, die zeigen, dass die FPÖ überhaupt kein substantielles Konzept hat, sondern nur Sündenböcke für soziale Probleme bietet.  Nicht alle davon sind rechtsaußen sozialisiert, sondern werden derzeit – offenbar mangels Alternativen – zur FPÖ verleitet. Es wäre Aufgabe insbesondere der SPÖ, aber auch der anderen Parteien, hier zu antworten.

Ein zweites Beispiel ist das FPÖ-Coverinserat im Bezirksjournal für die “Freiheitlichen Arbeitnehmer”. Die Botschaften sind Förderung der Lehrlingsausbildung, Freifahrt für Berufssschüler, aktives und passives AK-Wahlrecht ab 16 usw… so blöd es klingt: die bieten zielgruppenadäquaten Inhalt.

unter_30Die Daten der WählerInnengruppe der “Unter 30jährigen” hatte bewiesen, wie erschreckend schwach sie SPÖ in diesem Segment geworden ist und dass ihre Jugendkampagnen offenbar ihre Zielgruppen nicht erreichen; zugleich ist die FPÖ genau in diesem Segment stark.

Die Antwort darauf muss Substanz bieten, nicht nur ein weitgehend  inhaltsleeres Motiv.





Jugend wählt blau! Bedauerlich, aber nicht neu.

3 10 2008

Viel wird derzeit darüber diskutiert, wie es passieren kann, dass so viele Jugendliche bei der Nationalratswahl FPÖ gewählt haben. Sowohl die SORA-Wahlanalyse wie auch Gfk haben die FPÖ bei den Werten der “Unter 30-jährigen” vorne. Für viele ist das ein Schock. Ua.  Standard Online und die aktuelle Ausgabe der Zeit halte ich für lesenswert.

WIe immer, empfehle ich jedoch einen Blick auf die längerfristigen Entwicklungen der Stimmenanteile. Die Erkenntnis daraus: So neu ist das nicht! Schon bei Haider´s über 20% Ergebnissen in der 90er Jahren war das so. Damals hatte die FPÖ in dieser Altersgruppe 35%. Neu ist hingegen, dass BZÖ und FPÖ gemeinsam noch mehr rausholen.

Für Vollansicht Graphik anklicken! (Quelle: Gfk Wahltagsbefragungen: Daten 86-06: Plasser/Ulram: Wechselwahlen. Analysen zur Nationalratswahl 2006; Daten 2008: Presse 30.9.)

Ein mehr als betrübliches Signal ist das Ergebnis hingegen für SPÖ und Grüne.

  • Für die SPÖ, weil sie einen deutlichen Schwerpunkt auf den Jugendwahlkampf mit Laura Rudas an der Spitze gesetzt hat. Hier ist es nicht gelungen, die Zielgruppe zu überzeugen. Offenbar war es viel leichter, in der Opposition bei der letzten Wahl zu punkten.
  • Für die GRÜNEN, weil sie in dieser Gruppe zuletzt signifikant bessere Werte hatte (bei der letzten Wahl über 20%) als in allen anderen Altersgruppen. Und diesmal hat sie anteilsmäßig deutlich mehr bei unter 30-Jährigen verloren als in den anderen Alterskategorien. Ein Zeichen dafür, dass die GRÜNEN neue Wege, Kommunikationskanäle und auch Personen brauchen, um die Zielgruppe zu erreichen. Ein Nachdenken muss insbesondere darüber einsetzen, wie man diese Altersgruppe in Milieus erreicht, die nicht von vornherein grün-affin sind. Also nicht nur Alternatives und Indies.




Der Krone-Effekt

1 10 2008

Nach ein paar Tagen Blogstille, die weniger mit post-elektoraler Depression als mit den unterschiedlichen Haufen Arbeit am Desktop zu tun haben, beginne ich mit einer kleinen Serie an Einschätzungen zur Wahl.

Ich bin ohnehin der Meinung, dass es falsch ist, gleich am Wahlabend oder dem Tag danach alle Analysen und Erklärungen parat zu haben, weil es meistens nur darum geht, das zu bestätigen, was man “eh schon immer gesagt oder gedacht hat”. Ich gestehe offen, dass ich in einigen Einschätzungen daneben gelegen bin.

Wohltuend hebt sich auch Helge´s Analyse zu den GRÜNEN ab. Er hat in vielen Punkten Recht, insbesondere was die Medieneinschätzung betrifft, aber auch die Kommunikationsarbeit als Partei oder eben Mittlerweile-Zu-sehr-Partei.

Aber kommen wir zu was anderem und zugleich auch wieder nicht: Der gestrige Standard hat die Gfk Daten interessant aufbereitet und auch solche enthalten, die nicht in der Ulram/Plasser Presseaussendung drin waren. Nämlich ua. zum Wahlverhalten der LeserInnen bzw. Nicht-LeserInnen der Kronen Zeitung. Die folgende Graphik auf Basis dieser Daten zeigt,

  • einerseits den jeweiligen Anteil der WählerInnen nach unterschiedlicher Kronen Zeitungsnutzung (z.B. Exklusivleser der Krone machen 17% der Gesamtheit aus),
  • andererseits wie innerhalb dieser Nutzungsgruppen die Personen gewählt haben.

Es zeigt sich, dass die Exkusivleser der Krone überproportional SPÖ wählen (surprise surprise) und die FPÖ.  ÖVP und noch extremer die Grünen sind in der Gruppe weit unter ihren Werten. Nun hat das natürlich nicht nur mit Mediennutzung, sondern auch mit Milieu, Bildung etc. zu tun, aber sieht man sich folgende Zwischenbilanz in der subjektiven Präferenz der Krone-Berichterstattung an, ist klar, wie der Hase läuft. Das BZÖ wird z.B. nicht mehr überdurchschnittlich von Exklusiv-Krone Lesern gewählt, hat aber auch in der Berichterstattung weniger positiven Rückenwind erhalten.

Die letzte Wahlkampfwoche sowie andere Zeitungen sind noch in Auswertung., Dank an Brigitte Naderer für ihre diesbezügliche Arbeit.

Interessant übrigens in der Graphik oben ist die Kategorie Nicht-Leser von Tageszeitungen. Der hohe Wert der GRÜNEN (12%): wächst da eine Generation an InternetNewsern an, die auf das gedruckte Blatt nicht mehr angewiesen ist? Wär spannend zu wissen.

more to come…





Wahlwetten – Trends aus drei Wochen Betmonitoring

26 09 2008

Rund drei Wochen hab ich mir nun nahezu jeden Tag die Quoten der einzelnen Wettanbieter in Österreich angesehen, um einen Stimmungsbarometer aus Sicht der Buchmacher zu erhalten. Nicht, dass dies treffsicherer ist als Umfragen; jedoch fliessen Eindrücke aus Konfrontationen, Berichterstattung etc. teilweise stärker ein. Meines Erachtens ist dies ähnlich zu den Wettbörsen. Und gar nicht uninteressant. Seit meinem ersten Eintrag dazu hat sich doch einiges getan – nicht nur in der Qualität der Excel Graphiken ;)

Zeit also für ein kurzes Resumée.

The rise of SPÖ and fall of ÖVP

Das ist doch sehr eindeutig. Jedenfalls klarer als bei den Umfragen. Auch in den letzten Tagen wurde nochmals der Trends verstärkt, dass die SPÖ nun klarer Favorit ist, stimmenstärkste Partei zu werden. Die ÖVP ist zum Außenseiter geworden. Verstärkt hat dies eindeutig die Performance von Wilhelm Molterer bei den TV-Konfrontationen. Dieser Trend ist bei allen Wettbüros gleich; auch wenn die Quoten Unterschiede aufweisen.

Unterschiedliche Einschätzung Wahlbeteiligung

Diese Wette ist in den vergangenen Tagen bei bet-at-home und schon länger bei Bwin hinzugekommen. Interessant, dass die Einschätzungen doch sehr variieren. Während bei bet-at-home die Quoten massiv zurecht gestutzt wurden, im Sinne die Wahlbeteiligung wird unter 80% liegen (hier kann man nur unter bzw. über 80% wetten), ist bei bwin die Quote auf “über 80%” gesunken. Jedoch auf deutlich höherem Niveau. Hier muss man jedoch genauer setzen, da vier Intervalle angeboten werden. Meines Erachtens war bet-at-home zu Beginn doch zu optimistisch, was die Wahlbeteiligung betrifft.

Der Absturz des nunmehrigen Außenseiter Fritz Dinkhauser…

Wer weiß, vielleicht täuschen sich ja alle und die Liste Fritz sorgt für eine Überraschung. Vorstellen kann ich mir das aber nicht. Dinkhauser´s Kurve ist eindeutig. Wurde vor drei Wochen noch mit seinem Einzug spekuliert, ists er jetzt totaler Außenseiter. Und zwar bei allen Wettbüros. Das hat wohl nicht nur mit seiner geringen Präsenz rund um die TV-Konfrontationen sein.

… und der Aufstieg von Jörg Haider

Aus Sicht der Buchmacher ist der Wahlkampf von Jörg Haiders BZÖ gut gelaufen. Die Quoten haben sich im Verlauf der vergangenen Wochen enorm entwickelt. Die Meßgrößen wurden immer wieder adaptiert. War zu Beginn noch die Frage, ob das BZÖ 5% erreicht, muss man jetzt teilweise auf 9% over/under wetten. Bei Admiral z.b. konnte man am am 7.9. noch setzen, dass das BZÖ bei einer Quote von 1:1,95 über  6,9% kommt; mittlerweile gibt es eine ausgeglichene Quote von 1:1,8, dafür dass es 8,9% erreicht,

Die 5% Wette gibt es noch bei bet-at-home, ist jedoch unattraktiv, da man für das Überschreiten der Grenze nur 1:1,2 erhält. Sollte das BZÖ drunter bleiben, gibts 1:3,6 (am 7.9. waren es noch 1:2,7)


Weniger Bewegung bei FPÖ und Grün

Wenig Bewegung gab es hingegen bei den Grünen, wo es nur marginale Änderungen der weitgehend ausgeglichenen Quoten zwischen 1,8 und 1,9 dafür gab es, dass die Grünen 11% (Admiral) oder 12% unter- oder überschreiten (bwin und bet-at-home). Die FPÖ wird zwischen 18 und 19% gewettet. Auch hier weniger Verschiebungen in den letzten Wochen.

Ach, schwankend Lif

Das Liberale Forum war ein wenig flatterhaft aus Sicht der Buchmacher. Die Affäre und um mittlerweile ex-Vorsitzenden Alexander Zach hat sich doch ausgewirkt in der EInschätzung der Wettbüros. Über einen längeren Zeitraum betrachtet werden die Chances des Lif als intakt gesehen; jedoch wie gesagt mit einem Dämpfer gegen Ende.

Aja, und falls wer Außenseiter-Wetten mag: Wer darauf setzt, dass Wolfang Schüssel nochmals Kanzler wird, kriegt für 10,- Eur 300,- retour. Da kann man fast schon auf Alfred Gusenbauer setzen. Der hat eine Quote von 1:200 bei bet-at-home :)

Alle Quotenangaben ohne Gewähr. Die aktuellen Quoten sind auf den Websites von Admiral, Bwin und Bet-at-home zu finden.





Warum die Grünen noch eine Chance haben…

22 09 2008

In vielen Gesprächen und Kommentaren hört und liest man derzeit, dass die Chancen der Grünen schwinden, bei der kommenden Nationalratswahl zuzulegen. Platz 3 wird ihnen nicht mehr zugetraut. Auch die Umfragen sehen die FPÖ weit vor den GRÜNEN.

Ich glaube, dass die GRÜNEN sehr wohl noch Chancen auf einen Erfolg haben. 3 Gründe und ein Bild dafür:

1. Das Parteienspektrum: Die meisten fischen im anderen Teich

Die Grundthese, die ich schon in den letzten Beiträgen zur Wahl kurz angesprochen habe, lautet, dass sich nahezu alle Parteien um die potentiellen FP-WählerInnen kümmern wollen.

  • Die SPÖ, indem sie die Krone Achse geschmiedet hat, seitdem intensiv pflegt und ihre EU-Position entsprechend angepasst hat.
  • Die ÖVP, die seit 2002 glaubt, ohne FP-PotentialwählerInnen keine Wahlen gewinnen zu können, daher wird Deutschkurse vor Zuwanderung plakatiert etc.
  • Das mit Haider als Spitzenkandidat stärker werdende BZÖ, das ohnehin auf diese WählerInnen abzielt.
  • Und natürlich die Strache-FPÖ selbst.

Es gibt natürlich viele WählerInnensegmente, aber ganz grob kann man sie als Abgrenzung in zwei Bereiche differenzieren.

  • WählerInnen, die sich vorstellen können, die FPÖ zu wählen (FP-Potential), und
  • WählerInnen, die sich vorstellen können, die GRÜNEN zu wählen (Grün-Potential)

Hier gibt es nahezu keine Überschneidungen. So schaut derzeit meines Erachtens der Wahlkampf aus:

(Anklicken zum vergrößern; vielen Dank an Jutta für die Illustration)

Klar, alle Parteien haben in unterschiedlichem Ausmaß StammwählerInnen (insb. SPÖ und ÖVP), nach denen man nicht extra fischen muss (die aber dennoch mobilisiert werden müssen)

Da sich SPÖ und ÖVP auf den rechten Teich konzentrieren, müsste sich für die Angler im bildbezogen linken Teich mehr Möglichkeiten für den Stimmenfang bieten. Denn auf die Köder für rechts beißen die Fische im anderen Teich meist nicht an – ganz im Gegenteil. Und ob die Botschaften derart differenziert werden können? Da hab ich meine Zweifel.

2. Der verunsicherte Wähler und die Wahlbeteiligung

These 2 ist, dass viele WählerInnen maximal verunsichert sind. Der Grad der Unentschlossenen ist hoch wie selten zuvor. Und viele Menschen sind ang´fressen auf die Politik – und gehen vielleicht gar nicht zur Wahl. Genau deshalb entscheidet die Mobilisierungsfähigkeit der Parteien.

Generell gilt: Je geringer die Wahlbeteiligung, desto höher der Anteil der GRÜNEN und Liberalen am Stimmenanteil, da deren WählerInnenschaft tendentiell eher schon zu einer Wahl geht als das klassisch rot-blaue Soziomilieu.

Demokratiepolitisch ist das zwar nicht gut, aber meines Erachtens gibt es da eine Korrelation.

3. Platz 1 dürfte entschieden sein.

Nicht nur bei den Wettquoten wird klar. Wenn es nicht noch ein großes Momentum für die ÖVP gibt, in dem sich die Stimmung dreht, wird die SPÖ Erster. Es könnte sich daher die Richtungsentscheidung auf Platz 3 konzentrieren. Und da kämpfen Grüne gegen Blaue.  Bei der letzten Wahl war das ein entscheidendes Mobilisierungsargument für grüne WählerInnen. Meist leiden die GRÜNEN darunter, dass sie im Rennen um Platz 1 nicht mehr vorkommen. Es entscheiden die kommenden Tage, welches Rennen wichtiger ist.

Klar, möglicherweise liegt das alles völlig daneben. Denn letztlich wird entscheiden, wer zur Wahl hingeht. Aber genau aus diesem Grund seh ich die aktuellen Umfragewerte mit Skepsis. Mehr als allgemeiner Trend ist da nicht rauszulesen. Und wie sagte Josef Broukal schon einmal bei einer Hochrechnung: Meine Damen und Herren, eines kann ich jetzt schon sagen, es bleibt kein Stein auf dem anderen…





Wahl 08: Die Wettquote als Stimmungsbarometer?

14 09 2008

Die Wochen vor einer Wahl bieten Hochkonjunktur für mehr oder minder seriöse Instrumente, die uns helfen sollen, die Stimmung im Land zu erfassen und das Ergebnis vorherzusehen. Es gibt massenhaft Umfragen (eine gute Übersicht hat www.neuwal.com); interessanter finde ich fast die Wahlbörsen (siehe jene von Standard Online).

Ich verfolge seit einigen Tagen einen anderen möglichen Indikator: Wettbüros. Mir sind drei Anbieter (Admiral, bwin, Bet-at-home) aufgefallen, die in Österreich Wetten auf den Ausgang der NR-Wahl anbieten. Mit teils interessanten Unterschieden.

Klar, Buchmacher orientieren sich auch an der veröffentlichten Meinung und Umfragen, aber für Politjunkies gibt es sicher einige interessante Wettoptionen. Ich werde bis zur Wahl weiterhin die Quoten verfolgen und immer wieder auf interessante Bewegungen aufmerksam machen. Kommen wir gleich zur vergangenen Woche (alle Angaben ohne Gewähr):

Zur Erläuterung: Wettbüros formulieren unterschiedliche Wetten und Quoten von 1:x. Bei einiger Quote von 1,5 erhält man z.B für € 100 – im Falle eines Gewinns – € 150 retour (Reingewinn also € 50,-). Je geringer also die Quote, desto eher wird angenommen, dass ein Ereignis eintritt.

Trend 1: SP legt zu; VP verliert

Vor einer Woche noch galt das Rennen als sehr ausgeglichen; jetzt heißt der Favorit für die Wettbüros SPÖ. Bei der Frage, ob die SPÖ oder öVP vorne liegen werden, gibt es seit einigen Tagen eine geringere Quote für den SP-Sieg. Bei allen Anbietern hat sich was bewegt, Admiral bietet diese Wette mW erst seit Samstag an.

(alle Graphiken www.guensberg.at; Daten ohne Gewähr)

Trend 2: Wachsende Skepsis bei Dinkhauser

Hier werden sehr unterschiedliche Wetten angeboten; die Vergleichbarkeit ist nur tw. gegeben. Jedenfalls wird der Liste FRITZ immer weniger zugetraut, dass sie den Einzug schafft. Bei Bet-at-home erhält man z.B. nur mehr € 20,- Gewinn (Stand 13.9.), wenn man € 100,- darauf setzt, dass er unter 5% macht. Ich persönlich finde, dass eine Quote von 1:1,72 dafür, dass Dinkhauser nicht mehr als 3,5% macht, immer noch attraktiv. (von einem Wettstandpunkt aus)

Trend 3: Wettbüros unterschätzten wohl das LIF

Es war wirklich erstaunlich. Vor einer Woche konnte man noch recht hohe Quoten dafür setzen, dass das LIF z.B. über 2% macht. Aus meiner Sicht haben die Buchmacher das LIF zu schwach eingeschätzt. Seit paar Tagen hat sich das geändert und stabilisiert. Admiral hat das so gelöst, dass nicht die Quote, sondern die Wette geändert wurde, also statt über 2%, wettet man jetzt auf über 3% (bei einer derzeit ausgeglichenen Quote von 1:1,8)

Trend 4: dem BZÖ wird mehr zugetraut

Durchaus Bewegung gab es auch beim BZÖ. Wohl aufgrund der TV-Konfrontationen wird dem BZÖ mehr zugetraut. Wer € 100,- darauf setzen würde, dass das BZÖ weniger als 5% macht, hat vor einiger Woche noch eine Quote von 2,7 erhalten; nun liegt sie bei 3,6.

.

Recht konstant halten sich die Wettquoten bei den GRÜNEN, wobei man z.B. bei Admiral derzeit eine Quote von 1,8 kriegt, wenn die GRÜNEN 11% erreichen.

Ach ja, nur damit´s nicht falsch ankommt: Natürlich ist Politik nicht primär ein Wettobjekt; und taktisch wählen hat generell meist keinen Sinn, schon gar nicht für seine platzierten Wetten. Aber das sollte ohnehin klar sein.

Dennoch wird´s interessant sein, die weiteren Trends zu verfolgen.





Politik und die Kunst, Diskrepanzen zu überwinden…Teil 1, die SPÖ

23 07 2008

Es ist ja wirklich nicht ganz leicht für Wahlstrategen und Spitzenkandidaten, die mutmaßlichen halt. (Jene sind ja erst als solche zu nennen, wenn von ihrer Partei dazu gewählt. Aber gut, darum geht´s jetzt nicht.)

Nahezu alle antretenden Parteien (abgesehen von denen weit rechts am Rand, also FPÖ und BZÖ) haben ihre jeweiliges ganz spezifisches Dilemma zu überwinden. Nämlich WählerInnen-Potentiale in teils sehr unterschiedlichen Gruppierungen zu finden. Schauen wir uns den strategisch relevanten DF an (Maßzahl der zu überwindenden Diskrepanz im WählerInnenpotential; maximal = 10):

Heute die SPÖ.

SPÖ: hier liegt der DF derzeit ca bei 9, also im tiefroten Bereich

Warum?

Einerseits hat die SPÖ viele KernwählerInnen, die dem klassischen ArbeiterInnenmilieu (Mehrheit männlich) zuzuordnen ist. Hier gibt es durchaus eine große Schnittmenge mit der FPÖ. Die Krone hat als nahezu singulär verwendetes Leitmedium viel nachgeholfen. Wohl einer der Gründe warum die SP ihre Linie in Sachen Volksabstimmung zum EU-Reformvertrag geändert hat und die Achse Faymann-Dichand so zentral wird. Mit Faymann kam ein diesbezüglicher Schwerpunktwechsel. Ob diese WählerInnen auch zur Wahl gehen oder nicht ein Teil davon nicht dennoch FPÖ wählt, kann jedoch noch nicht abgeschätzt werden. Auch für eine Beurteilung der Person Faymann in diesem Bereich ist es zu früh.

Andererseits: Es gibt insbesondere im urbanen Bereich (Schwerpunkt Wien) viele SPÖ WählerInnen, die sich was anderes erwarten, politisch wie inhaltlich. Hier sind StudentInnen, unterschiedliche Berufsgruppen, generell ein deutlich höhere sozio-kulturelle Diversität zu finden. Hier geht es auch um gesellschaftliche Liberalität, Kreativität und Innovationsfähigkeit.

Das Problem ist, dass es Widersprüche gibt, wenn man beide (sehr sehr grob umfassten) Zielgruppen erreichen will. z.B. die Rechte gleichgeschlechtlich Liebender. Für das FP-nahe Milieu ein abschreckendes Thema; für die urbanen SP-Sympathisanten durchaus ein Anliegen. Ähnlich auch die Integrationsfrage. Die einen haben tendentiell eine Negativeinstellung zur Zuwanderung und schimpfen über “die Ausländer”; die anderen sehen das deutlich offener und wollen eine offensive Integrationspolitik bzw. sind für weitere Zuwanderung.

Es gibt mehrere Strategien, mit diesem Dilemma umzugehen. Eine wäre die Themen zu ignorieren, welche die eigene WählerInnenschaft spaltet. Die Gefahr dabei: jene sind es zugleich, die oft vom politischen Gegner thematisiert werden und: bleiben dann noch Mobilisierungsthemen übrig? Genau jene fehlen der SPÖ z.b. noch.

Natürlich hängt es davon ab, welche Person für die jeweilige Partei ins Rennen geht. Erfolgreich im Diskrepanzen überwinden waren zb. Zilk und sogar noch mehr Häupl. Einerseits der Burgermasta, der im Fiakerstyle fast immer volksnah den Spritzer in der Hand hält, andererseits der Stadtchef, der auch das intellektuelle Gespräch führen kann. Diese Rolle hat zwar zuletzt etwas gelitten, und die Marke Häupl würde wohl im Westen des Landes nicht so gut funktionieren. Aber: beide Rollen in einer Person sind immer authentisch gewesen und damit ein Geheimnis seines Erfolgs.

Aber noch schwieriger hat es Faymann. Denn er deckt derzeit weder die eine noch die andere Rolle ab. Den Boulevard versucht er zu erobern, was taktisch verständlich ist. Aber wie gesagt hier steckt er im Dilemma, denn mit der neuen EU-Linie wurden viele potentielle SP-WählerInnen vergrault und 10 Wochen sind sehr sehr knapp, um den DF durch Vermittlung eines mobilisierenden Kernanliegens zu reduzieren.