Das neue Guensblog – alles unter einem Dach.

20 09 2014

Liebe Leserinnen und Leser!

Guensblog wurde redesigned und ist wie bislang auf www.guensberg.at  zu finden.

Das neue Guensblog läuft jedoch nicht mehr unmittelbar über die Plattform (und den Server) von wordpress.com (also hier), sondern wandert komplett unter das Dach von guensberg.at. Nahezu alle älteren Beiträge wurden in das neue Design aufgenommen.

Wir freuen uns auf weiteren Besuch!

Georg Günsberg

 

Dear reader,

Guensblog has been completely redesigned and can now be found at www.guensberg.at. New posts are no more available via guensberg.wordpress.com but only directly at guensberg.at

The new blog includes most of the older posts. (but not comments which will stay here as a kind of archive)

We´re looking forward to your visit!

Georg Günsberg

 

 

 





Monterey Shale (CA): Wie schnell der Shale Boom zusammenbrechen kann.

26 05 2014

Am Tag nach der EP-Wahl gibt es hier diesmal keine Wahlanalysen oä, sondern einen weiteren Beitrag zum Thema Fracking und Schiefergas/Schieferöl.  (nach Teil 1 und Teil 2)  Anlass sind Vortrag und Teilnahme an der Pressekonferenz des Biomasseverbandes zur heutigen Klimaschutz-Fachtagung, an der ich gemeinsam mit dem IPCC Review Editor Prof. Martin Jänicke, dem Militärstrategen und Berater Gerald Karner sowie Biomasseverbandspräsident Horst Jauschnegg das Podium bilden darf.

Aus diesem Grund sei auch an dieser Stelle der aktuelle Fall des Monterey Shale erläutert, der aktuell nicht nur in Kalifornien, sondern auch in den gesamten Energieandschaft der USA für Aufregung sorgt.

Wie schon kürzlich in Teil 2 der Guensblog Shale Serie erläutert, ist die aktuelle Schieferölförderung von einigen wenigen, aktuell ertragreichen Gebieten abhängig. 74% der gesamten US-Schieferölproduktion kommt aus 2 Feldern . 68% der gesamten US-Schiefergasproduktion kommt aus 3 Feldern. Auch in der für die Industrie, Kapitalmarkt und die Energieversorgung maßgebliche Einschätzung der Reserven sind es die großen Shale Plays, die wirklich relevant sind. Bei Schieferöl bauen die Shale Hopes  neben Bakken (North Dakota), Eagle Ford (Texas) vor allemauf das Monterey Shale in Kalifornien. 13,6 Milliarden (!) Barrel förderbares Öl sollten in den Gesteinsformen zwischen LA und Bakersfield in ca. 3,5 km Tiefe schlummern. Das entspricht einem aktuellen Marktwert von rund 1400 Milliarden Dollar.

Bis letzte Woche!

Denn – aktuell noch weitgehend unbemerkt in deutschsprachigen Medien – hat die US EIA (Energy Information Administration) diese Einschätzung runterrevidiert. Um nicht weniger als 96%!

Statt 13,6, Millarden Barrel gelten jetzt nur mehr 0,6 Milliarden Barrel als mit aktuell zur Verfügung stehenden Technologien förderbar. (siehe Bericht in der LA Times – mit Follow Ups in nahezu allen relevanten US-Zeitungen)

Die Folgen betreffen nicht nur Kalifornien, sondern die gesamte USA, denn die ursprüngliche EIA-Einschätzung bedeutete, dass Monterey Shale zwei Drittel der gesamten Schieferöl-Reserven ausmachen würde. ““It just turned out it’s harder to frack that reserve and get it out of the ground.” wie Adam Sieminski von der EIA in diesem Bloomberg Beitrag erläutert.

Zu dieser dramatisch abweichenden Einschätzung geführt hat, sind Erkenntnisse über die Geologie. Die Fracking-Technologie stößt hier an Grenzen. Laut dem Geologen David Hughes bestehen die Unterschiede zu den aktuell erfolgreichen Shale Plays wie Bakken und Eagle Ford darin, dass das Gestein deutlich dicker und fester ist, die Struktur komplexer und Monterey vergleichsweise jung und weniger ausgedehnt ist und über eine aktive Tektonik verfügt. (San Andreas Graben) Seine genauen Auswertungen sind in dieser Studie zu finden.

Damit erhalten auch die Analysen von David Hughes generell mehr Bedeutung, denn Hughes, ein Wissenschafter, der unter anderen für das Post Carbon Institute tätig ist, hat in seinen Untersuchungen nicht nur auf die kritischen Aspekte von Monterey Shale hingewiesen und sie für überschätzt gehalten. Demnach folgt der Höhepunkt der Schieferöl-Förderung von Bakken möglicherweise bereits 2017. Der aktuelle Förderboom, den niemand abstreiten kann, wäre damit relativ schnell zu Ende.

Aus der Traum? Das Spiel mit Erwartungshaltungen und Strategien.

Nun, das Downgrading von Monterey ist nicht nur für die Energieversorgung relevant. Es geht auch darum, dass die überoptimistische Einschätzung der Ölindustrie und letztlich auch der EIA dazu geführt hat, dass Kalifornien maßgebliche Strategien darauf aufgebaut hat. Die Promotoren des Shale Booms haben ganz Arbeit geleistet und sind nun unter Legitimationsdruck.

Hier ein Chart aus einem Video, das im Wall Street Journal zu finden ist und die prosperierende Zukunft dank Shale Oil verheisst. 2,8 Millionen zusätzliche Jobs bis 2020 werden propagiert:

california

Die Daten stammen aus einer im März 2013 erschienenen Studie der University of Southern California in Zusammenarbeit mit der Western States Petroleum Association (WSPA), erstellt auf Basis von angeblich „konservativ“ geschätzten Prognosen.

Wie verantwortungsvoll ist es, wenn die Öl- und Gasindustrie – angereichert mit gigantischen Summen aus dem Kapitalmarkt – einem Wirtschaftsraum vermittelt, durch entsprechende Ressourcen zu Wachstum, Beschäftigung, Staatseinnahmen und Wohlstand zu kommen, sodass die Augen vieler Entscheidungsträger funkeln?

Nochmals: Minus 96% Ölreserven in Kalifornien!

Worauf baut Europas Strategie?

Und hier die Brücke nach Europa – und damit doch ein wenig zu EP-Wahl, denn eines der brennenden Themen sind aktuell die 2030 Klimaschutz- und Energieziele. Auch Fracking ist Thema. Neben all den relevanten ökologischen Einwänden, stellen sich auch Fragen der strategischen Risikobewertung für die Entwicklung unseres Wirtschaftsraumes. Wir wissen, dass kein Schiefergas/öl-Gebiet dem anderen gleicht. Eine unmittelbare Kopie des US-Weges ist für Europa nicht möglich – wie auch die Internationale Energie Agentur (IEA) feststellt. Zugleich scheint es angesichts von fossilen EU-Nettoenergieimporten im dreistelligen Milliardenbereich (Österreich importierte 2012 fossile Energieträger im Wert von 13 Milliarden Euro) zweckmässig auf Strategien zu setzen, die Europa unabhängiger machen.

Das Beispiel Kalifornien zeigt, wie verführerisch der Traum mancher für einen Shale-Boom ist und wie schnell er – auch in Europa – zugleich platzen kann. Ein Risiko, dem sich auch jene energieintensive Unternehmen zu stellen haben, die aktuell massiv in den USA investieren, um von den günstigen Energiepreisen zu profitieren. Das ist verständlich, aber niemand kann aktuell vorhersagen, wie lange der Boom dauern wird. Europas Strategie sollte eine sein, die auf eigenen Stärken, Innovationsfähigkeit und den ambitionierten Zielen aufbaut, angesichts der enormen Herausforderung eines aus den Fugen geratenden Klimas, den Energieverbrauch zu reduzieren und die fossilen Energieträger – insbesondere Öl und Kohle – möglichst rasch durch Erneuerbare zu ersetzen.





Blick über den großen Teich, Teil 2: Shale Economy – Spiel mit falschen Erwartungen

27 03 2014

Etwas später als erhofft folgt nun Teil 2 der Guensblog-Serie zum US Shale Boom. Teil 1 setzt sich vor allem mit der Klimaschutz-Perspektive auseinander und mit der Frage, inwieweit Schiefergas Kohle ersetzt. Im aktuellen Beitrag geht es um einige ökonomische Aspekte in der Bewertung der Schiefergas Entwicklung. Die aktuelle politische Lage rund um die Russland/Ukraine-Krise wird angesichts der enormen Importabhängigkeit vieler europäischer Staaten von Russland die Schiefergas-Debatte in Europa intensivieren. Relevant scheint mir: welche Erwartungshaltungen an die mögliche Shale-Förderung in Europa sind realistisch?

Europa ist abhängig von fossilen Energieimporten. 54% der in Europa genutzen Energie muss importiert werden. Die Kosten dafür steigen deutlich. Nicht, weil die Importmenge in den vergangenen Jahren so dramatisch gestiegen ist, sondern weil die EU-Staaten nach dem enormen Ölpreisanstieg – ich wiederhole mich, aber die möglicherweise wichtigste Veränderung der vergangenen zehn Jahre am Energiemarkt! – jährlich mehr als 500 Milliarden Euro netto für fossile Energieimporte ausgeben. Das sind 200 Milliarden Euro mehr als noch vor wenigen Jahren. Österreich ist übrigens zu rund zwei Drittel von Energieimporten abhängig. Die Kosten dafür liegen bei jährlich netto ca 13 Milliarden Euro. (Brutto – also ohne Einbeziehung des Wertes von Energieexporten – sind es 17 Milliarden Euro gewesen, Stand 2012)

Die Abhängigkeit ist bei Gas, aber noch mehr bei Ölimporten zu spüren. (geredet wird aufgrund der Russland/Ukraine-Krise aber nur über Gas, weil 50% des russischen Erdgas nach Europa durch die Ukraine transportiert wird; deutlich weniger ist es bei Rohöl) 2012 importierte Österreich Gas im Wert von rund 3,5 Milliarden Euro und Rohöl- bzw. Rohölprodukte im Wert von 8,8 Milliarden Euro.  70% der österreichischen Gasimporte kommen dabei aus Russland bzw. – wie der Mineralölbericht ausweist – den GUS-Staaten (bei einer Importquote von 85% ist Österreich damit zu 57% von Russland/GUS-Gas abhängig).

Man hat also guten Grund, über Alternativen nachzudenken. Also z.B. darüber, ob Schiefergas mittels Fracking, eine realistische Option ist. Werfen wir also einen Blick in die USA, wo Shale tatsächlich die Energie-Landschaft massiv verändert hat:

 Shale-Boom = Shale Gas + Light Tight Oil

Ein Blick auf die produzierten Mengen zeigt, dass tatsächlich die vielzitierte Post abgegangen ist.  Hier zwei Graphiken aus der lesenswerten Studie des Geologen David Hughes für das Post Carbon Institute. (Drill, Baby, Drill)

Graphik: Anstieg der US Schiefergas-Mengen zwischen 2000 und Mai 2012

(Quelle: David Hughes, Drill)

http://www.postcarbon.org/drill-baby-drill/

Graphik: Anstieg der nordamerkainsichen Schieferöl-Mengen zwischen 2005 und Anfang 2014  (Quelle: EIA)

Dabei sollte man eine Sache bedenken. Alle reden über Schiefergas. Aber nicht weniger wichtig ist die deutlich erhöhte Ölproduktion aus Shale Feldern. Die Graphik zeigt, dass die USA mittlerweile über 3 Mio Barrel/Tag Light Tight Oil produzieren. Eine beachtliche Menge mit Folgen für den Weltmarkt. Die Menge entspricht über 4 Prozent der Rohölproduktion am Weltmarkt.

Tatsächlich haben die erhöhten Mengen dazu geführt, dass – wie schon in Teil 1 erläutert – die Kluft zwischen Produktion und Verbrauch in den USA zurückgegangen ist. Zur viel zitierten Energieunabhängigkeit wird es zwar nicht reichen, aber die Importkosten konnten dadurch reduziert werden.

Graphik: Entwicklung von US-Gesamtenergieverbrauch und US-Produktion seit 1980 (Daten EIA)

usenergy

Laut dem Buch “Fueling Up” lagen die US-Ausgaben für Energieimporte im Jahr 2012 bei 284 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Im Jahr 2008 lagen sie noch bei 408 Milliarden US-Dollar. (der Höhepunkt bei den Importkosten). Trotz der gestiegenen Eigenproduktion importieren die USA  derzeit ungefähr die gleiche Menge Öl wie vor 20 Jahren. Der Wert dessen ist jedoch sogar inflationsbereinigt drei Mal so hoch wie damals. Eine Reduktion der Importsabhängigkeit ist also für viele ein Gebot der Stunde. Wieder ist aber in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass dies auch der zumindest temporären Energieverbrauchsreduktion zu verdanken ist.

Dennoch ist vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die USA immer noch in beträchtlichem Nettoenergieimporteur sind, das Angebot, verflüssigtes Erdgas nach Europa zu liefern um die Abhängigkeit von Russland zu verringern, kritisch zu sehen. Erstens ist die Option teuer; zweitens um es mit Richard Heinberg zu sagen: “There’s just one tiny problem with all these fervent desires and good intentions. On a net basis, the US has no oil or gas to export.”

 

Boom oder Bubble: die Mär vom billigen Schiefergas

Eines der hartnäckigen Gerüchte, die sich halten, ist, dass Schiefergas günstig sei, was insbesondere mit dem deutlichen Unterschied zwischen US-amerikanischen und europäischem Gas argumentiert wird. Zu den Kosten von Fracking und Schiefergas sei auf diesen sehr interessanten Beitrag von Cornelia Daniel verwiesen, die auch auf die stets lesenswerte Seite des Energieanalysten Steffen Bukold verweist. Bukold verdeutlicht in seinem Global Energy Briefings immer wieder die enormen regionalen Unterschiede innerhalb des US-amerikanischen Gasmarkts hin.

Die enorme Produktionssteigerung aus US-Shale hat dazu beigetragen, dass die Gaspreise relativ gering bleiben. Mehr Angebot bei in den vergangenen Jahren niedrigerer Nachfrage (Krisenjahre nach 2008) sind die simple Ursache. Dazu massive Investments aus dem Kapitalmarkt, die nach dem Finanzcrash neue Zukunftsmärkte aufspüren und eine Öl- und Gasbranche, die zu den finanzstärksten und mächtigsten der Welt gehört.

Unbestritten ist: Der Öl- und Gassektor ist für den Kapitalmarkt nach 2009 noch wichtiger geworden. Zwischen 2009 und 2011 sind 41 Prozent aller gewerblichen Investitionen der USA in den Öl- und Gassektor geflossen. (Quelle: Fueling Up). Auch der britische Aktienindex ist ein Indikator:  Vor etwas mehr als zehn Jahren noch hatten Öl-, Gas- und Kohleunternehmen einen Anteil von rund zehn Prozent. Heute liegt er bei rund einem Drittel. (Quelle: Die Zeit “Bohren bis die Blase platzt“, Carbon Tracker). Hier wird auf Teufel-komm-raus gefracked mit einer klaren Erwartungshaltung: neue Markterschließung, neue Abhängigkeiten und in Zukunft will man auch Rendite sehen. Der Shale-Hype ist die Folge davon. Daher kommt auch der Begriff Bubble. Einerseits gibt es die Carbon Bubble, die platzt, wenn sich die Weltgemeinschaft zur notwendigen Reduktion der CO2-Emissionen verpflichtet und damit viele fossile Investitionen unrentabel macht; andererseits die Shale Bubble:

henryhubDenn hier kommt die nächste Frage: woher kommt die Rendite? Bei den US-Preisen vergangener Jahre ist Schiefergas nicht profitabel. Es ist schwierig, aus den besteheden Untersuchungen standardisierte Werte für den Break-Even rauszufiltern, denn kaum ein Schiefergas-Feld gleicht dem anderen. Manche Quellen sprechen von langfristig 4 $/MMBtu; manche von 7$/MMBtu. (Million British thermal unit) Die Preiskurve der vergangenen beiden Jahre zeigt notwendigerweise auch schon wieder nach oben. Parallel dazu sind laut IHS-Herold Analyse die Investitionen in neue Felder vergangenes Jahr signifikant zurückgegangen (siehe Sueddeutsche). Und strukturell ist relevant zu wissen:

  • 68% der gesamten US-Schiefergasproduktion kommt aus 3 Feldern
  • 74% der gesamten US-Schieferölproduktion kommt aus 2 Feldern  (Quelle: Hughes Präsentation Jänner 2014)

Die sogenannten Low Hanging Fruits werden zuerst abgeschöpft.

Dazu ist auch anzumerken, dass Shale bemerkenswerte Declineraten hat, d.h. es wird gleich zu Beginn der größte Output geschöpft und dann sinken die Förderraten rasch ab. D.h. um die Produktionsmengen aufrecht zu erhalten, wird simpel gesagt, ein Loch nach dem nächsten gebohrt. Die Anzahl der Bohrtürme wird weiter steigen, während die Produktionsraten nicht zwingend mitsteigen werden. Der Input erhöht sich; der Output aber nicht. Wie viele Jahre kann die Party dauern?

Klar ist: die Profitabilität ist bei US Light Tight Oil dank eines Weltmarktpreises rund um 100 US-Dollar/Barrel besser als bei Schiefergas. Man kann gespannt sein, wie sich die Kluft der unterschiedlichen Märkte noch auswirken wird. Der Ölpreis bleibt hoch; aber auch der Gaspreis wird zwangsläufig in den USA steigen müssen.

 

Job- und Wirtschaftswunder Schiefergas?

Der Schiefergas-Boom wird in der politischen Diskussion in Europa oft mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der USA in Zusammenhang gebracht und einer möglichen Re-Industrialisierung, die ihre Grundlage in billigem Gas bildet. Auch hier gilt es kritisch zu analysieren.

priceratiogasJa, die Price Disparity zwischen den unterschiedlichen Regionen bei Erdgas-Preisen ist gegeben. Siehe Graphik links aus dem World Energy Outlook 2013 der IEA. Aber wie oben beschrieben: die Gaspreise steigen aktuell in den USA relativ stark an. (nicht nur witterungsbedingt). 2012 hatten wir auch nach Meinung der IEA den Höhepunkt der Preiskluft zwischen Europa und den USA. Ob die Strategie der USA, mit billigem Gas energieintensive Industriezweige wie die Chemie-, Düngemittel- oder die Stahlindustrie anzuwerben, auch mittelfristig aufgeht, kann hinterfragt werden. Während man fälschlicherweise pauschal von der Industrie oder manchmal auch nur der energieintensiven Industrie spricht, ist genaue Differenzierung notwendig (für die in der politischen Debatte meist kein Platz ist) Der World Energy Outlook verweist auf die Unterschiede in den Anteilen der Energiekosten an den Gesamtkosten.

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Wie die aktuelle hervorragende Studie im Rahmen von Climate Strategies zeigt (Mitwirkende ua London School of Economics, DIW Berlin und auch Prof. Stefan Schleicher vom Wegener Zentrum in Graz) auf Daten aus Deutschland basierend zeigt, sind Energiekosten nicht der entscheidende Faktor für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Für 92 Prozent der Industrie machen die Energiekosten nicht mehr als 1,6 Prozent der Kosten aus. Das bedeutet nicht, dass die anderen acht Prozent irrelevant sind, aber es relativiert sich doch einiges, wenn man die enorme Priorität möglichst unambitionierter Klima- und Energieziele auf der Agenda der Industrielobbys sieht. Oder wie ich mir erlaubt habe, in einem Presse-Kommentar zu fragen: wen vertreten eigentlich die Industrievertreter?

Welchen wirtschaftlichen Effekt hat also der Shale-Boom in den USA: Wieder aus Fueling Up: In jenen Gegenden, wo entsprechende Bohraktivitäten erfolgen, ist natürlich der Bedarf an Dienstleistungen und wirtschaftlichen Gütern gestiegen. Aber der US-weite Aufschwung wird viel mehr durch die verbesserte Gesamtsituation, insbesondere durch erhöhte Konsumausgaben getragen.

Was Jobzahlen betrifft, wird relativ willkürlich mit Zahlen herumgeworfen. Die Chemie-Industrie sieht zusätzlich 400.000 Jobs; Wood MacKenzie 1,4 Millionen Jobs bis 2030 durch Öl- und Gasboom (inkl Alaska). Mc Kinsey das Potentzial von 1 bis 1,7 Millionen bis 2020. IHS sieht gar 3,5 Millionen Jobs bis 2036. Alle Zahlen sind brutto zu verstehen; Netto-Effekte sind kaum mitberücksichtigt.

Bei aller gebotenen Vorsicht, zeigt ein Blick in die aktuelle US-Arbeitsmarktstatistik, dass in der industriellen Produktion vergangenes Jahr 77.000 neue Jobs geschaffen wurden, in der Öl- und Gasindustrie 26.000; zugleich aber in der Gastronomie 306.000.

Das Konzept der Reindustrialisierung durch billige Produktionsfaktoren erinnert an ein Zurück in die 60er und 70er Jahre. Im Gegensatz zu anderen Innovationen im Energiesektor hat der Öl und Gasboom keinen transformativen Effekt. Der Wechsel von Holz auf Kohle ermöglichte neue Arten industrieller Aktivitäten, weil der Energiegehalt der Kohle höher war und der Transport leichter. Die Entwicklung der Elektrizität hatte ebenso transformativen Effekt, weil Strom vielseitiger und flexibler ist. Öl ebenso. Aber der neue unkonventionelle Öl- und Gasboom bietet keine neue oder unterschiedliche Form des Wirtschaftens. Er ist nicht vergleichbar mit dem IT-Boom der 90er Jahre,  der komplett neue Anwendungen und Dienstleistungen ermöglichte. Das fossile Comeback kann hilfreich sein, wenn man das alte auf fossiler Energie aufbauende System noch irgendwie durch die Runden bringen will, aber bringt es auch den Strukturwandel, der zukunftsfähig ist? Nach aktuellem Stand muss man sagen: nein!

Und genau hier ist der Punkt, wo meiner Meinung nach eine europäische Energiewende greifen müsste:

 

Quo vadis, Europa?

Die EU ist also eingeklemmt zwischen der Abhängigkeit von russischem Gas (und auch Öl) und den nicht minder von Eigeninteressen geprägten Angeboten, Europa mit us-amerikanischem LNG (Liquified Natural Gas) zu beglücken bzw. die Schiefergas-Exploration voranzutreiben.

Und hier ist der Punkt: es gibt aktuell keinen Hinweis, dass ein Shale-Boom ähnlich den USA in Europa funktionieren könnte.

Ein Beispiel: Die österreichische RAG bohrt seit 2009 in Polen nach Schiefergas. Wie der Standard schreibt, wird aktuell der Rückzug überlegt. Grund: “wirtschaftlich nicht darstellbar”. Wie gesagt, Schiefergasfelder unterscheiden sich stark von einander . Unterschiedliche Geologie aber auch andere Flächennutzungen, höhere Bevölkerungsdichte, Umweltauflagen und die fehlende industrielle Infrastruktur sind Gründe, warum man die Erwartungshaltung an eine europäische Schiefergas-Gewinnung deutlich runterschrauben muss. Das Risiko, hier auf ein falsches Pferd zu setzen, ist auch ökonomisch hoch.

Wie Cornelia Daniel richtig schriebt, fehlt in Europa eine eigenständige Energiestrategie.  Was mit unterschiedlichen inneren (also nationalen bzw. kommerziellen) Eigeninteressen zu tun, aber auch damit, dass die Klarheit bei den Klima- und Energiezielen verloren gegangen ist. Weshalb der laufende 2030-Prozess umso wichtiger ist.

Mein Wunsch wäre, dass Europa sich der Eigenständigkeit und auch der eigenen Stärke besinnt. Eine Strategie, die darauf aufbaut, möglichst billige Produktionsfaktoren bieten zu können, ist ein Schritt zurück. Europa muss auf Effizienz, Innovation, die besten Köpfe und Klarheit bei idealerweise ambitionierten Zielen setzen. Hier hat Europa seine Stärken entwickelt. Man ist gerade dabei, jene zu verspielen.

 

Zusammenfassend:

  • Der US-Shale Boom trägt dazu bei, die Kosten für den Import fossiler Energie deutlich zu reduzieren. Ein zweiter Schlüssel dafür ist die Verringerung des Energieverbrauchs.
  • Wie lange der Boom anhält, ist schwer vorherzusagen. Es gibt ernst zu nehmende Indizien, dass die Party nach wenigen Jahren wieder vorbei sein wird. Es ist davon auszugehen, dass der US-Gaspreis mittelfristig weiter signifikant steigen wird.
  • Bei den positiven Effekten der US-amerikanischen Wirtschaft spielt das fossile Comeback nur eine untergeordnete Rolle im Vergleich zur allgemeinen Konjukturerholung. Achtung auf die Phase, wenn das Zinsniveau wieder steigt.
  • Die US-amerikanische Weg ist keineswegs auf Europa übertragbar. Europa braucht eine eigenständige Strategie, um die fossile Importabhängigkeit zu reduzieren. Der Ausbau erneuerbarer Energieträger und eine Verringerung des Energieverbrauchs sind die sichereren Investitionen zur Reduktion der fossilen Importabhängigkeit  im Vergleich zu übertriebenen Shale Erwartungen. 




Blick über den großen Teich: wie geht´s dem Shale-Boom? Teil 1: Der Klimaschutz-Effekt.

31 01 2014

Motivation: Häufig ist in der europäischen Energiedebatte zu hören, dass der US-Shale Boom die Grundlage für eine wirtschaftliche Renaissance ist und dabei auch noch einen maßgeblichen Beitrag zum Klimaschutz leistet, weil die die CO2-Emissionen durch den Ersatz von Kohle durch Gas sinken würden. Dieser Beitrag versucht – jetzt wo man nach einigen Jahren des Booms eine erste Zwischenbilanz ziehen kann – einige Pro-Shale Argumente kritisch und sachlich unter die Lupe zu nehmen. Nicht nur die Argumente der Kritiker verfolge ich, sondern insbesondere auch jene der Shale-Promotoren. Drei Beiträge sind vorerst geplant: 1. Zum Klimaschutzaspekt 2. Zu Ökonomischen Effekten in den USA 3. Zu weiteren ökologischen Fragestellungen und europäischen Perspektiven.
Here we go…

Der US-amerikanische Shale Boom ist angesichts der erhöhten Öl- und Gasproduktion tatsächlich eine der bemerkenswertesten Energie-Entwicklungen in den vergangenen Jahren. Der Boom dient auch als Anlass für Akteure aus dem Energiesektor und der energieintensiven Industrie, stark Richtung Shale Optionen für Europa zu pushen und für billigere Energie zu werben. Die sogenannte Reindustrialisierung der USA wird einer möglichen Deindustrialisierung Europas entgegengesetzt. Zudem wird vermittelt, dass Schiefergas die Klimabilanz der USA nachhaltig verbessert, weil die Kohle aus dem Markt gedrängt wird. Zuletzt beschrieb der neue Siemens-Chef Kaeser die USA als Energiewende-Vorbild (siehe Tagesspiegel), ebenso wie in Österreich schon E-Control Vorstand Walter Boltz (siehe USA als besserer Klimaschützer in der Presse) und gerade erst vor wenigen Tagen Standard Redakteur Eric Frey.

Ein konkreter Blick:

Ersetzt Schiefergas die Kohle?
Tatsächlich zeigen die US-amerikanischen Energieverbrauchsdaten einen Rückgang der Kohlenutzung von 2008 bis 2012 (bei gleichzeitigem Anstieg des Kohleexports – insbesondere nach Europa und auch nach Österreich).
Ein Grund dafür ist der in diesem Zeitraum geringer gewordene Preisunterschied zwischen Kohle und Gas in den USA. Dazu hat einerseits die erhöhte Gasproduktion bei zugleicher schwächelnder Energienachfrage (Krisenjahre post 2008) und andererseits ein Anstieg des Kohlepreises geführt.
houser6567Vor wenigen Wochen wurde vom Peterson-Institutes for International Economics das sehr lesenswerte Buch “Fueling Up” präsentiert, in dem sich – übrigens mitfinanziert von Unternehmen aus der Öl- und Gasindustrie und dadurch definitiv nicht dem üblichen Kritikerlager zuzurechnen – die Autoren Trevor Houser und Shashank Mohan intensiv mit den Folgen des neuen Öl- und Gasbooms beschäftigt. Sie erläutern die Entwicklung am Beispiel Stromproduktion folgendermaßen: Zwischen 2000 und 2007 lag der Kohlepreis bei durchschnittlich 1,42 US-$ pro MMBtu (Million British thermal Units), während Erdgas $ 5,81/MMBtu kostete. 2010 und 2011 änderten sich die Preise schon auf $ 2,30 für Kohle, während Gas auf $ 4,90 fiel. Und 2012 lag das Niveau bei durchschnittlich $ 2,41 für Kohle und $3,43 für Gas. Also innerhalb von 5 Jahren änderte sich das Verhältnis von 1:4 auf 1:1,4. 2012 bot den geringsten Spread seit Anfang der 70er Jahre, wie die Autoren erläutern.
Der Anteil der Kohle an der Stromproduktion fiel in diesem Zeitraum von 48 Prozent auf 32,6 Prozent im April 2012, während der Erdgas-Anteil von 21 auf 32,3 Prozent stieg.

Jedoch zeigen die ganz aktuellen Daten der EIA, dass dieser Trend möglicherweise gestoppt ist. 2013 ist der Kohleverbrauch auf ähnlichem Niveau wie 2012.

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Und auch die preisbezogene Grundlage für den Trend dürfte sich ändern, denn der Erdgaspreis zieht aktuell – weitgehend unbemerkt in Europa – wieder stark an. Das ist teilweise witterungsbedingt (kalter Winter), aber nicht nur. Nach Einschätzung vieler Experten wird die Förderung von Schiefergas auf dem geringen Preisniveau der vergangenen zwei Jahre nicht profitabel sein. (dazu mehr in Teil 2)

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Entwicklung der US-Treibhausgasemissionen
2012 lagen die US Treibhausgas-Emissionen – nach gängiger Berechnungsmethode (siehe später) – 12 Prozent unter dem Niveau von 2005. Zum Vergleich: jene der EU-Staaten waren 10 Prozent niedriger als 2005. Im Vergleich zum Kyoto Basisjahr 1990 sieht die Bilanz der EU jedoch deutlich besser aus als jene der USA. Im Gegensatz zu Europa sind die USA-amerikanischen Emissionen immer noch höher als 1990,  obwohl die USA generell einen deutlich höheren pro Kopf Ausstoß verzeichnet.
usenergyInteressant ist die Analyse, warum die Emissionen in den USA in den vergangenen Jahren zurückgegangen sind. Im Vergleich der CO2-Emissionsverringerung mit den ursprünglich angenommenen Szenarien stellt die Studie „Fueling Up“ fest, dass zwei Drittel des Emissionsrückgangs 2012 der deutlich geringeren Wirtschaftsleistung nach 2008 zu verdanken ist. Der Energieverbrauch ist zurückgegangen. (siehe Graphik/Datenquelle EIA) Der Wechsel von Kohle zu Gas hatte zwar einen signifikanten Effekt bei der Stromproduktion, wo er laut Hochrechnung zu 65 Prozent des Emissionsrückgangs zwischen 2005 und 2012 beiträgt. Bemerkenswerte 30 Prozent werden übrigens dem ebenso stark gestiegenen Windkraftanteil zugerechnet. Ein Faktor, der in der europäischen Debatte über den US-Weg häufig vergessen wird.
Aber auch hier zeigt sich. Der Trend wurde 2013 gestoppt. Die Treibhausgasemissionen sind nach aktuellem Berechnungsstand um zwei Prozent gestiegen. Der Grund ist klar: die Konjunktur springt wieder an; der Kohleverbrauch ist nicht weiter gesunken.

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(Graphik: US Treibhausgasemissionen sind 2013 wieder gestiegen)

Blick in die Zukunft
Bei allen Unwägbarkeiten, die in der Entwicklung von Szenarien bestehen, können sie doch aufschlussreiche Fingerzeige liefern sein. Während in unseren Breiten mancherorts kommuniziert wird, dass der US-amerikanische Weg dank Schiefergas Boom das Klimaproblem gleich mitlöst, sind fundierte US-amerikanische Einschätzungen vorsichtiger. Langfristig sehen etwa die Autoren von “Fueling Up” nur einen bescheidenen Klimaschutz-Effekt, was bei der Präsentation der Studie für einige enttäuschte Reaktionen sorgte. Alle drei Szenarien der Studie gehen von einem Anstieg der Treibhausgasemissonen Richtung 2030 aus. Zwar dürfte das Niveau unter jenem von 2005 bleiben, aber zugleich über jenem von 1990. Dass die Emissionen übrigens nur leicht steigen werden ist insbesondere dem Umstand zu verdanken, dass in den USA Effizienzstandards insbesondere im Transportsektor greifen werden. Ein Umstand, auf den schon die Internationale Energie Agentur verwiesen hat. Eine Folge von – hört hört – entsprechenden Regulativen und des kontinuierlich über 100 US-$ liegenden Öl-Weltmarktpreises.
Der Kern der Aussage ist, dass der Energieverbrauch weiter ansteigen wird, insbesondere wenn Energiepreise niedrig bleiben (was man anzweifeln kann). Es gibt sozusagen auch hier den viel zitierten Reboundeffekt. Die einzige Variante, in der die Autoren eine signifikante Reduktion der Treibgasemissionen errechneten, ist jene in der ein eine CO2-Steuer bzw. ein Preis von 15 US-$ pro Tonne CO2 in den Markt einwirkt. Nicht unähnlich übrigens den Annahmen des World Energy Outlook, nur dass das Preisniveau noch deutlich höher angesetzt wird, um die aus Klimaschutzgründen notwendige Reduktion zu erreichen.
Was das bedeutet, ist aus meiner Sicht klar: will man die Treibhausgase reduzieren, braucht es einen entsprechende Preis für fossile Energie. Die Verfügbarkeitsgrenzen wurden durch den Schiefergasboom temporär ausgedehnt, aber das Konzept Billige Energie ist hauptverantwortlich dafür, dass wir am Klimaschutz scheitern werden.

Höhere Treibhausgasemissonen durch Leakage
Kurz zu einem Aspekt, der möglicherweise ebenso unterschätzt wird und Gegestand von mittlerweile einer Reihe von Analysen mit unterschiedlichen Ergebnissen ist. Denn nicht einberechnet in die Treibhausgasbilanzen ist, dass die Schiefergasförderung möglicherweise mit deutlich höheren Methanemissionen einhergeht. Methan ist für 9% der Gesamttreibhausgasemsisionen der USA verantwortlich) Laut US-Umweltagentur EPA trägt die Produktion, Umwandlung und der Transport von Erdgas 25% der US-Amerikanischen Methanemissionen bei. Der Verlust durch Leakage wird mit 1,5% Leakage angenommen.
Wie auch der deutsche Energieexperte Werner Zittel (Ludwig Bölkow Systemtechnik) kürzlich als Gast des Klima- und Energiefonds und des EEÖ in Wien ausführte, ist diese Annahme deutlich optimistischer als Studien etwa der Cornell University. Mehrere Quellen gehen von durchschnittlich über 3% Leakage aus. Siehe auch diesen Nature Artikel. Insofern sind jedoch die oben dargestellten Emissionsdaten mit Vorsicht zu genießen. Entweicht mehr Methan durch die ausgedehnte Schiefergas-Förderung, zeigt die Kurve wieder stärker nach oben.

Die Autoren von “Fueling Up” schliessen aus ihren Analysen:„On balance, the oil and gas boom is neither the environmental saviour that industry proponents claim nor the existential threat that many in the environmental community see.”

Meine Rückschlüsse daraus:

  • Ein Rückgang der US-Treibhausemissionen kann zwischen 2008 und 2012 konstatiert werden. Gestiegene Methanemissionen aus der Schiefergas-Förderung sind  dabei jedoch ein Unsicherheitsfaktor.
  • Haupttreiber des Emissionsrückgangs war die Wirtschaftskrise, die den Energieverbrauch drosselte. Seit 2013 zeigt die Emissionskurve leider wieder nach oben.
  • Schiefergas löst das Klimaproblem nicht. Es kann unter Voraussetzungen wie in den USA ein temporäre Alternative zur Kohle sein, wird aber nicht wirken, wenn nicht unabhängig davon regulative oder preissteigende Maßnahmen für die CO2-Schleuder Kohle ergriffen werden.
  • Jede Strategie, die darauf abzielt, fossile Energie möglichst billig anzubieten, wird letztlich zu einem Anstieg des Energieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen führen – auch wenn das die Lobbies einzelner Branchen nicht gerne hören.

Teil 2 folgt demnächst.





Guensblog Top 5 – Musik 2013

30 12 2013

Heuer ohne große einführende Erläuterungen. Wie schon 2008, 2010, 2011 und 2012 dient mir selbst die Liste als Art Rückschau und vielleicht dem einen oder der anderen LeserIn als mögliche Quelle für Versäumtes und ggbfalls Nachzuholendes. Bin jedenfalls wie immer für Hinweise dankbar. Ich weiß, die Liste ist stilistisch recht breit, aber so ist eben mein Zugang. Selten gab es dafür so wenig Übereinstimmung mit den Rankings diverser Medien. (wiewohl da schon einige Hinweise auf mir Entgangenes dabei sind)

2013 war kein besonders gutes Jahr was Neuerscheinungen betrifft. Ganz anders jedoch was Konzerterfahrungen betrifft. Hier war die Reduktion auf 5 denkwürdige Highlights wirklich schwierig.
Schamlos bediene ich mich wieder einiger Youtube-Videos. Dank an allen Bereitstellern.

Best Song 2013

Gregory Porter: No Love Dying
. Quasi die Stimme des Jahres.



The Bad Plus – Seven Minute Mind
. Das Album ist bereits 2012 erschienen. Herrliche rhythmische Wechsel, wunderbare Linien. Großartige Band.


Villagers – Waves
Die irischen Vllagers sind sowas wie die Band des Jahres.
Editors: Sugar. Das Album ist meiner Meinung nach schwach, aber der Song bietet mehr als nur Pathos.
Bat For Lashes – Laura: Auch schon aus 2012, aber bei mir eben erst 2013 etabliert. Dass der Song auch auf großer Bühne funktioniert, ist erstaunlich. Einige nette Coverversionen kursieren im Netz. (etwa von Amanda Palmer)

Best Album 2013

Villagers: Awayland


Olafur Arnalds: For Now I´m Winter. Schon wieder. Island!
Magnus Östrom: Searching for Jupiter. Dieeeeeeeese Schweden (c Hans Huber, 1997) Aktuelles Album des Schlagzeugers der unvergessenen E.S.T.
Sweet William Van Ghost: For God and Christoph Marek. In vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Musikalisch, textlich und durch die rare Live-Präsenz des Künstlers.
Das Comeback der alten Helden. Black Sabbath haben nicht nur nach 43 Jahrn mit “13 ” die UK-Album-Charts erklommen, sondern auch tatsächlich ein wirklich starkes Album in fast Originalbesetzung hingelegt. Manchmal wird mal belächelt, wenn man Deep Purple erwähnt. Aber “Now What?!” ist ein gelungenes Album. (Platz 1 Albumcharts DE)

Top Concerts 2013

Amanda Palmer – Porgy & Bess, 14.11.
Hatte zwei mal heuer das Vergnügen, AFP zu sehen. Das Solokonzert im Zuge des Bluebird wird für wohl alle Besucher als denkwürdigst in Erinnerung bleiben. Nicht nur wegen ihrer musikalischen Performance, sondern auch ihre Erzählungen schaffen einen Kontext, der viele BesucherInnen sehr spezifisch adressiert. Es bleibt jedesmal was hängen.
Diesmal kein Konzertvideo, sondern ein dänisches Interview samt Backstage-Eindrücken.

Efterklang – Stockholm Arts & Music Festival, 14.8.
Die Dänen gehören seit einigen Jahren zu meinen Favoriten. Wirkten zuletzt schon etwas überspielt, aber Stockholm hatte wieder Klasse. Außerdem tolles Festival.
The Bad Plus, Porgy & Bess, 20.5.
siehe oben.
The Irrepressibles, Brut, 16.3.
Scott Matthew – Porgy & Bess, 1.11.
Blendend gelaunt, großartig begleitet und sehr stimmungsvoll.

Kein Zufall, dass so oft Porgy & Bess angegeben ist. Das Programm heuer war sensationell. Das Porgy macht die Stadt seit 20 Jahren zu einem noch besseren Ort. Danke dafür!

Sonst noch länger in Erinnerung:
Die unglaublichen Grooves von Drummer Luke Flowers beim Cinematic Orchestra Auftritt im Burgtheater.
Die außergewöhnlichen Klangforum-Konzerte 2013 im Wiener Konzerthaus.
Die schottische Band Glasvegas in Edinburgh.(kein Konferenz- ohne Konzertbesuch) Ob die dortigen Bekanntschaften in ewige Freundschaft, Schlägereien vor dem Club oder beides gleichzeitig übergehen, war mir zeitweise nicht klar. Die Crowd war jedenfalls sehr begeisterungsfähig.
Und neu am Radar: die estnische Band I Wear* Experiment, die ich nur dank der Credits auf der Weihnachtskarte des estnischen Präsidenten erkundet habe. Eine Premiere. Twitter sei Dank!





Buchpräsentation: “Der geplünderte Planet” (mit Ugo Bardi)

9 12 2013

Kommenden Mittwoch, am 11.12.2013, findet in Wien die Präsentation von Ugo Bardis Buch “Der geplünderte Planet. Die Zukunft des Menschen im Zeitalter schwindender Ressourcen” statt. Die Veranstaltung im Rahmen von Wachstum im Wandel  wird Anlaß sein, Einblick in den Status Quo der Entwicklung kritischer Rohstoffe zu erhalten und gemeinsam mit dem Buchautor und den Ökonomen Sigrid Stagl (Professorin für Umwelt- und Regionalwirtschaft, Wirtschaftsuniversität Wien) und Kurt Bayer  (langjähriger Boarddirector der Weltbank und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung) darüber zu diskutieren, wie der Umgang mit limitierten Ressourcen in einem gleichzeitig völlig wachstumsgetriebenen Wirtschaftssystem aussehen könnte.

Alle Details zur Veranstaltung sind auf der Wachstum im Wandel Seite zu finden. (hier auch englischsprachig; die Veranstaltung wird in englischer Sprache stattfinden) In Kooperation mit der ÖGUT organisieren wir diese Veranstaltung.

Ugo-Bardi_Der-geplünderte-Planet1-182x300Das Buch, das zugleich 33. Bericht an den Club of Rome ist, kann sehr empfohlen werden. Ugo Bardi, Professor für physikalische Chemie an der Universität in Florenz, zeigt gemeinsam mit 15 weiteren renommierter Experten die Zusammenhänge von Ressourcen, Umwelt, Wirtschaft und Politik auf. Ausgehend von der Geschichte des Bergbaus erhält man ein Update über viele Rohstoffe, die zentral für unser wirtschaftliches Handeln sind.  Bardi verweist bereits in seiner Einleitung auf die viel zitierten Limits to Growth vor über 40 Jahren. Es sei eines der großen Missverständnisse im öffentlichen Umgang mit Limits to Growth, dass viele der besagten  Rohstoffe einfach ausgehen würden. Die ökoligischen aber auch ökonomischen (und teils auch politischen) Implikationen von schlicht steigender Nachfrage bei zugleich kritischer Verfügbarkeit sind die zentrale Message. Ein wesentlicher Faktor dabei ist der Preis. Neue Technologien werden uns nur teilweise helfen können, das Dilemma eines wachstumsgetriebenen Wirtschaftssystems bei limitierten Ressourcen zu lösen. Teurer wird es jedenfalls. Ob Seltene Erden, Kupfer, Zink, Nickel, natürlich Erdöl und viele mehr – ihr Fördermaximum könnte bald erreicht sein. (Phosphor ist ebenfalls ein gutes Beispiel. siehe auch den Beitag aus dem HEUREKA Wissenschaftsmagazin)

All das ist nicht nur aus ökologischen Gründen hochbrisant, sondern auch unser Wirtschaften wird nachhaltig von der Rohstoffentwicklung beeinflusst. Doch lauten die Prioritäten derzeit andere. Billiger müsse unserer Standort laut Industriellenvereinigung werden; quantitatives Wachstum scheint die zentrale Strategie aller europäischen Regierungen zu sein. Differenziert wird kaum, welche Bereiche wachsen sollen und welche kontraproduktiv seien. Die enormen Risiken dieser Strategie werden weitgehend ausgeblendet. Politisch teilsweise verständlich, denn aktuell bedeutet schwachses Wachstum mehr Arbeitslose.

Letztendlich schauen die Szenarien dann folgendermaßen aus: Der World Energy Outlook 2013 der Internationalen Energie Agentur ist dafür ein gutes Beispiel. Er geht in den zentralen Szenarien von einem globalen jährlichen 3,6 Prozent BIP Wachstum ist. Klingt vielleicht für manche harmlos, bedeutet aber letztlich eine nahezu Verdopplung des Gesamt-BIP innerhalb von gut 20 Jahren (exponentielles Wachstum). Dieses Wachstumsszenario basiert zu über drei Viertel auf fossiler Energie, dessen Verbrauch ebenso mitsteigen wird.

weoenergydemand(Quelle World Energy Outlook 2013)

Ein weiteres Szenario, das kürzlich bei einem Vortrag vom Stefan Giljum von der Forschungsgruppe „Sustainable Resource Use“ an der Wirtschaftsuniversität Wien im Rahmen der Reihe „Mut zur Nachhaltigkeit“ gezeigt und kritisch betrachtet wurde: der globale Ressourcenverbrauch der vergangenen 30 Jahre und die Projektion in die Zukunft. Siehe auch dieses lesenswerte orf.at Interview mit Giljum.

materialscenarioQuelle ist der äußerst interessante und gut aufbereitete Bericht “Greening economies around the world? (ua. SERI)

Weiterwachsen lautet das Motto. Die Treiber dafür sind insbesondere die Nicht-OECD Staaten. Etwaige Preiseffekte aufgrund limitierter Verfügbarkeit bei steigender Nachfrage sind hier übrigens nicht berücksichtigt. Wie generell Ressourcenknappheit keine Auswirkungen auf die Szenarien und entsprechende Politiken haben dürfte. Was zur simplen Frage ungeachtet aller zentralen ökologischen Fragestellungen führt: wie soll sich das alles ausgehen? Martin Kugler beschrieb zuletzt in der Presse einige aktuelle Forschungsarbeiten, die zeigen, dass sich das angestrebte Wirtschaftswachstum  nicht auf umweltschonende Weise erreichen lässt.

Technologie allein wird dieses Problem nicht lösen. Der Ruf nach billigerer Energie schon gar nicht. Den Kopf in den Sand zu stecken, bringt aber auch nix, denn sogar dieser wird zum hochbegehrten Rohstoff des Bausektors.

Also bleibt die Frage, wie die Alternative aussieht?

Möge uns der 11.12.  einige Hinweise liefern.
to be continued…





WEO 2013 or The Art of Reframing the Energy Challenge (part 1)

15 11 2013

Preface: this blogpost has been written in collaboration with Austrian energy experts Michael Cerveny and Andreas Veigl. Thanks for their substantial contributions!

A few days ago the new World Energy Outlook has been released by the International Energy Agency (IEA). For many experts, consultants, stakeholders it is like an annual “bible” providing tons of informations, scenarios, graphics, and analysis on a high level. And indeed it is worth reading. But even more important than the 700+ pager itself are the summaries and the presentations to press. There is intense media coverage of the report and statements by IEA chief economist Fatih Birol. The question of media focus is decisive for the energy debate in many countries. Vienna again had the privilege to host a presentation of the World Energy Outlook only one day after the worldwide release in London. Again OMV invited to magnificent Hofburg for the WEO presentation and a panel discussion with Birol, OMV CEO Gerhard Roiss and Fabrizio Barbaso, who represents the EU-Commission. A webcast of the event can be watched online.

Why is that important? As the WEO provides so many different information the question is what do decision makers and stakeholders take with them? In 2012 the public message was clear: shale revolution, Saudi America, new geopolitical situation, enormous importance of China. It left traces in the public energy debate. Everybody believed the shale boom, substantial critics were overheard for a long time.

So what message can be picked this year? WEO2013 provides a variety of possibilities.

weo_carbonIn Fatih Birol´s presentation it became very obvious that the challenge of tackling climate change is substantial and – according to the “New Policy Scenario” (the central one of the WEO) – we are now on track to a global warming of 3,6 degree C. A real disaster remembering the messages of the recently published IPCC-report. In his chart Birol very clearly pointed out that after 2035 we have nearly burned up our carbon budget to keep the 2 degree C target. Until 2035 a further increase of energy demand and fossil energy supply is projected with only a weak decrease of the fossil energy share.  (82 percent now to 74 percent in 2035) The increase will primarily come from non-OECD countries. (source: World Energy Outlook: Presentation to press)

So what have the main stories been in European media?

Has it been the climate disaster we are facing? Has it been the message that the shale revolution looks like a temporary phenomenon as Birol stated too? No, a new disaster has been identified. Some examples:

Guardian: US’s cheap energy pricing out UK industry

Neue Zürcher Zeitung claims Europe to become the loser on energy markets “Europa ist der Verlierer am Energiemarkt

Der Spiegel focuses on shale gas, price and competitiveness: “Fracking verschafft US-Industrie Vorteile gegenüber Europa

Sueddeutsche Zeitung “Quellen der Angst“ (mentioning at least some critical aspects on this sort of industrial panic)

See also FAZ here (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/welt-energiebericht-amerika-wird-groesster-erdoelproduzent-der-welt-12660919.html) or Austrian “Die Presse” and “Kurier” and many others.

So the focus has been lead from climate change to competitiveness powered by this chart taken from the presentation to press. It shows a scenario for the development of market shares for energy intense goods between 2011 and 2035:

share_energyintenseindustry(source: World Energy Outlook: Presentation to press)

The inability to understand the implications of exponential growth

The media attendance to WEO2013 highlights the relation between energy and competitiveness. Disparities in energy prices between countries and regions, especially for natural gas and electricity, have widened significantly and will – according to the IEA – not vanish completely in the next two decades. Especially the fact that the US-industry enjoys gas and electricity prices that are two to three times lower than in Europe has fueled the “hype” for “cheap” shale gas around the world. Industry leaders in Europe are pushing governments clearly into the direction of making fracking possible and of reducing the “market-distorting” subsidies for renewables. Fatih Birol himself stated several times that he is not optimistic that the US shale boom can be transferred to Europe and China. (eg this interview a few days ago)

The slide above is a major reference for industry representatives like Georg Kapsch, who is President of the Federation of Austrian Industries. In his opening speech in Hofburg he interpreted it as “a nightmare for us” to lose one third of our energy intensive industries exports till 2035.

BUT!

Is Europe’s energy-intensive industry[1] really going to lose one third of its exports according to the IEA’s World Energy Outlook? Does it lose anything?

No, not at all! Austrian energy experts Michael Cerveny and Andreas Veigl allowed themselves to calculate the growth based on the data in the WEO: Having a closer look at the growth rates in this scenario Europe’s exports of energy-intensive goods will grow by 2.2 percent per year!

annualgrowthrates
How did they calculate this figure? On page 33 the IEA reveals the underlying assumptions for their scenario. The growth rate for world GDP is assumed with 3.6 % per year (from the base year 2011) through to 2035. As the IEA does not reveal which growth rate for the exports of the energy-intensive industry they assumed,  above mentioned annual growth rate of 3.6 % for world GDP has been taken into account. (a plausibel assumption in our view) The graph shows the result of applying the IEA’s assumption of exponential growth to the export volume.
Within the 24 years period between 2011 and 2035 the global volume of exports of energy-intensive goods grows by a staggering 134 %. As usual the implications of (exponential) growth over a longer period are ignored by most people.
exportmarketintensivegoods
Europe’s loss of ten percent-POINTS of the market-SHARE does not mean that the European exports are set to shrink. In fact they are going to grow by more than two percent per year. As even higher growth rates for other countries or regions (e.g. 5.2 to 6.6 % per year for China, India and Middle East) are predicted by the IEA the logical result is the loss of Europe’s market SHARE. By the way, China’s natural gas and electricity price levels are and will be in the same range as those in Europe. So there might be other reasons for the “low” growth rates of Europe’s export industry than just the price of energy.

Talking about disaster… and the industrial spin.

So the interpretation of the WEO2013 chart is really misleading as it indicates that the European energy-intensive industry is about  to shrink.  Despite scepticism that the assumed growth rates in the WEO scenario will be possible (talking about “Limits to Growth”) the WEO2013 data is not a substantial reason to panic for European industry. Expect possibly one: the fact that if the IEA-scenario will come true, our climate will collapse and this might be the real disaster of our and coming generations. But that is not part of a spin succesfully placed by industry represenatives.

Postface: This blog post is an invitation for further discussion. Do not hesitate to comment (and criticize) our assumptions and interpretations.

Another interesting blog post on the WEO2013 has been written by Andreas Lindinger.

A different German language FactSheet on the messages of WEO2013 can be found here: Klima- und Energiefonds


[0] Wikipedia:  Framing in the social sciences refers to a set of concepts and theoretical perspectives on how individuals, groups, and societies organize, perceive, and communicate about reality. Framing is commonly used in media studies, sociology, psychology, and political science.

[1] The energy-intensive industry employs almost 10 % of all industry jobs and comprises the following industries: Chemicals, Aluminium, Cement, Iron and steel, Pulp and paper, Glass, Refining