Unheimlich…unheimlich schön: Leucocyte von e.s.t.

18 09 2008

Es ist nicht leicht. Kann man sich ein unabhängiges Urteil über eine CD bilden, wenn man weiß, dass der zentrale Akteur einer Band kürzlich tragisch verunglückt ist und dass einen dieser Umstand sehr traurig macht?

Vielleicht nicht – und doch muss man alle Bezeichnungen als Vermächtnis Album, das post mortem erscheint, mal bei Seite lassen. Auch wenn Titel wie Ad Mortem oder Ad Infinitum das schwer machen und angesichts der Tragik mehr als unheimlich wirken.

Denn Leucocyte von e.s.t. ist eine der wunderbarsten Aufnahmen, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. e.s.t. hatte schon davor Großes herausgebracht. Das fading maid preludium vom Album Tuesday Wonderland gehört z.B. zu meinen persönlichen Alltime-Highlights der jüngeren Jazzgeschichte. (ja, da ist es wohl wieder, das alltime – die Unendlichkeit – es geht also nicht, das mal beiseite lassen…)

Das neue Album ist ein kleiner Bruch gewesen, aber ein wundersamer zugleich. Dieses als Improvisation in Australien aufgenommene Meisterstück strotzt vor Energie; aufregenden Sounds (viel Elektronik wie wir sie auch von anderen Skandinaviern Marke Eivind Aarset kennen), komplexen rhythmischen Geflechten und oft auch einfachen Motiven, die nur schwer aus dem Kopf gehen. Manchmal – wie im kurzen Stück Ajar – ist es auch der einfache, klare Ton in Svenssons Klavierspiel, der den Raum erfüllt.

Das Werk ist schlicht ganz, ganz groß. Unabhängig vom Ableben Esbjorn Svenssons. (ein lesenswerter Nachruf ist in der Zeit erschienen)  Das Video auf der Website von e.s.t. ist übrigens ebenso sehenswert. Es zeigt die Dynamik und den neuen Sound von e.s.t. auch auf visuell eindrucksvolle Art. Die Musik von e.s.t. sprengt Genre-Grenzen ohne den Jazz an sich revolutionieren zu müssen. Sie ist eigenständig, und doch Traditionen-verwurzelt; höchste Improvisationskunst und zugleich kollektive Stärke zugleich.

Und ja, die Tatsache, e.s.t. nie live gesehen zu haben, zeigt, dass man derartige Gelegenheiten im Leben nicht versäumen sollte, denn sie könnten sich unerwarteterweise nicht wiederholen. Selber schuld, kann man sagen. Aber darum geht´s ja nicht.

Was bleibt ist die Musik, und die bleibt für immer.


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