Wie man Krieg spielt

28 07 2009

“Jetzt ist schon wieder etwas passiert.” Aber nein, nicht der Start eines neuen Brenner-Krimis, sondern wieder mal schweift Martin Graf als 3. Nationalratspräsident mit einer neuen Ansage zur “Südtirol-Frage” aus. Das von ihm gewählte Medium war die “Presse am Sonntag”, die dem Lancieren einer kantigen Ansage des dritten Nationalratspräsidenten verständlicherweise nicht widerstehen konnte (so richtig zufällig gewählt war die Einstiegsfrage “Wie österreichisch ist das heutige Südtirol für Sie?” ja nicht.)

Aber eigentlich ist gar nichts passiert. Die FPÖ ist einfach zum x-ten male nach medien- und kommunikationsstrategischen Gesichtspunkten gezielt vorgegangen und auch das ö1-Abendjournal am Montag danach beginnt mit der Erläuterung, dass Grafs Vorstoss das bestimmende innenpolitische Thema sei.

Damit hat Österreich eine neue Debatte. Die Empörung war ihm gewiss. Die Rücktrittsaufforderung ebenso. More of the same, und politisch dennoch nicht ignorierbar. Oder doch? Ein paar politische und kommunikationsstrategische Gedanken dazu.

Das Spiel mit dem Feuer – nicht immer ein Spiel

Vorweg muss man positiv anmerken, dass es beruhigend ist, in einer Republik zu leben, in der alle maßgeblichen Kräfte fernab der FPÖ, die Forderung Grafs nach einer Volksabstimmung über die Rückkehr Südtirols zu Österreich, entweder zurückweisen oder nicht ernst nehmen. Zugleich ist es so, dass man hinterfragen muss, was für ein Muster dahinter steht. Graf macht mit der Südtirol-Frage eine Kiste auf, die zu Recht verschlossen geblieben ist: Die Frage territorialer Ansprüche und Grenzziehungen Österreichs. Es gibt kaum heiklere Angelegenheiten wenn es um eine der zentralsten des Daseins geht: Krieg & Frieden. Martin Graf bedient mit seiner Konfliktstrategie genau jene Elemente, die kriegerischen Auseinandersetzungen zugrunde liegen können. Den Konsens hinterfragen, polarisieren, nationalistische Gedanken lancieren und stacheln.

Das alles ist kein Problem in der weitgehenden Wohlstandsphase der Jetztzeit. Denn trotz Wirtschaftskrise, steigender Arbeitslosigkeit und sich verschärfender sozialer Probleme kann man konstatieren, dass wir immer noch eine Gesellschaft mit hohem Wohlstand sind. Meine Meinung ist aber, dass dies keine Selbstverständlichkeit für die Zukunft ist. Möglicherweise geht sich das mit dem Wohlstand (insbesondere wie er jetzt verteilt ist) irgendwann nicht aus. Aber was passiert, wenn wir wirklich mal breite, ernsthafte soziale Spannungen haben, noch mehr Menschen nach einem Führer rufen und die politischen Institutionen komplett das Vertrauen verlieren?(siehe Wertewandel-Studie und der ignorante Umgang damit) Dann wird aus dem Spiel möglicherweise ernst. Flächenbrände entstehen ganz schnell.

Niemand dankt für Prävention

Noch sind wir weit entfernt. Es gehört jedoch zu den ungerechtesten Facetten von Politik, dass präventive Maßnahmen meist ungedankt bleiben. Katastrophen und Konflikte geniessen größte Aufmerksamkeit, der Heldentod ebenso und auch der unmittelbare Retter vor einer Katastrophe. Der Pilotenheld vom Hudson River ist verdientermaßen der große Hero, aber all jene, die in anderen Fällen vielleicht frühzeitig schon erkannt haben, dass eine Katastrophe passieren konnte, werden es immer nur zur Randnotiz schaffen.

Die Bedeutung von guter, vorausschauender Diplomatie, Konfliktprävention, Wertschätzung von Minderheiten-Rechte, Investition in Beziehungen etc. wird daher medial immer völlig unter ihrem Wert geschlagen werden; das ist Teil des medialen und wohl auch menschlichen Aufmerksamkeits-Musters.

Stichwort Aufmerksamkeits-Muster:

Agenda Setting und das Öffnen neuer Flanken

Die FPÖ hat damit wieder einmal das gemacht, was sie seit Jahren gut kann: Agenda Setting. Es machen ja ohnehin immer alle mit. Die Formel ist einfach. Man nehme einen polarisierenden Repräsentanten, schnüre ein historisch beladene, konfliktträchtige Debatte mit einer Dissens-Position (je radikaler, desto besser) auf und setzt noch paar markige Sprüche für die Stammklientel rein. (Beispiel aus dem Presseinterview: “Ich lebe unter dem Eindruck, dass man der deutschen Bevölkerung in Europa aus politischen Überlegungen heraus weniger Rechte zugestehen möchte als anderen Völkern” – aha. Das sind also die Sorgen eines 3. Nationalratspräsidenten)

Der Kommunikatoren der FPÖ wissen, dass man mit der Südtirol-Frage österreichweit nicht viel gewinnen kann. Aber man gewinnt was anderes: Aufmerksamkeit und damit auch Ablenkung von einer Sache, die für die FPÖ derzeit sehr unangenehm ist, nämlich die Umkehrung des “Spitzel-Agenda”, die statt zu ihrem kommunikativen Vorteil zu Beginn gerade zu ihrem kommunikativen Nachteil gereicht. Wenn man an Strategie denkt, fallen einem meist diverse Sportarten, Schach oder Krieg ein. Um beim Martialischen zu bleiben: Graf öffnet mit der Südtirol-Frage eine neue Flanke, um die Kräfte des Gegners von der eigenen Schwachstelle abzulenken. Das funktioniert auch – vorerst! So verschafft man sich kurzfristig Luft. Diese Kriegsvergleiche mag ich selbst übrigens auch nicht; aber das ist leider die Denke, in der wir leben.

Kurzlebigkeit der Nachricht & die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Erst vor wenigen Tagen war im ARD-Radio (hr2-Kultur) ein hörenswerter Beitrag über einige Muster der Medienlandschaft zu hören. “Das Gebabbel von heute – die Fakten von morgen: Die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Es geht darum, wie etwas zur Nachricht wird, obwohl es eigentlich keine ist. Meines Erachtens hat das auch etwas mit Themenkonjunkturen zu tun. Zwischen “Draufbleiben” auf einer Geschichte gibt es auch noch den Bedarf nach etwas Neuem. Das Verhältnis zwischen Innovation und Redundanz ist eines der spannendes Themen der Themenentwicklung bzw. des Medienmachens. (mehr dazu ein ander mal). Von der Ökonomie der Aufmerksamkeit ist in der Kommunikationsforschung oft zu lesen. Klarerweise verstärkt  und ändert auch die Internetkommunikation unser Nutzungsverhalten. Interessant z.B. dieser Artikel “Wie der Rhythmus der Nachrichten entsteht” im  Spiegel Online zum Verlauf von Meldungen in Blogs und Medien anhand von Zitaten (leider ein kleines methodisches Manko für wirkliche Rückschlüsse). Offensichtlich wird jedenfalls die unglaubliche Kurzlebigkeit von Nachrichten und Meldungen. Keine Überraschung, aber seien wir uns dann auch bewusst, dass die Südttiroldiskussion in wenigen Tagen wieder vom Tisch ist. Das Thema sollte für einen zyklischen Verlauf kein Potential haben, sondern nur für einen kurzfristigen News-Peak.

Ist Martin Graf ein schlechter Österreicher?

Wie kann man nun mit der FPÖ -Strategie umgehen. Ignorieren wär richtig, geht aber aus politischen Gründen nicht. Die Empörungsreaktion greift nicht immer, weil sie in sehr kurzen Abständen repetitiv ist.

Aber man kann sich die Frage stellen, ob ein führender Repräsentant des Staates diesem Land eigentlich wirklich dient, wenn er Äußerungen wie zur Südtirol-Frage macht. Viele Menschen sind in Österreich in schwierigen Situationen; das Land hat zunehmende Probleme und was macht der hohe Staatsrepräsentant? Er versucht das Land noch weiter zu spalten. Damit schwächt er es aber auch. Österreich und Europa müssen sich auf die eigentlichen Probleme konzentrieren, derer es genug gibt. Neue zu erfinden dient nicht den Menschen in diesem Land, sondern nur dem Eigeninteresse.  Gute oder schlechte Ausländer, gute und schlechte Österreicher – das kennen wir aus der FP-Argumentation. Vielleicht muss man die umdrehen. Muss sich jemand, der das Land schwächen will, indem er den politischen Konflikt zum Eigennutze bedient, nicht auch die Frage stellen lassen, selbst ein “schlechter Österreicher” zu sein? Muss er sich vor seinen eigenen Wählern nicht der eigenen Rhetorik stellen?

Auch die Vorarlberger Freiheitlichen werden sich im Wahlkampf möglicherweise noch die Frage gefallen lassen, was das Engagement des 3. NR-Präsidenten für das “gewaltlose Selbstbestimmungsrecht der Völker” und folgende Aussage bedeutet. “Wenn sich dadurch Grenzverschiebungen ergeben, weil es die Bevölkerung will, dann sehe ich in Zeiten wie diesen keine Veranlassung, dem nicht nachzukommen.” Nur zur Information: in Vorarlberg ergeben Umfragen immer wieder, dass jeder Zweite, vielleicht gar eine knappe Mehrheit, eigentlich zur Schweiz gehören will. (siehe Tagesanzeiger Artikel aus 2008)

Vielleicht diskutieren wir ja kommende Woche – ausgelöst von Grafs “Selbstbestimmungsrecht” statt der Südtirol-Frage die Vorarlberg-Frage, schließlich sind dort ja die Freiheitlichen auch in der Regierung und im  September Landtagswahlen. Martin Graf will nicht nur Grenzen überschreiten, er will sie ja gleich neu ziehen.

Man kann diesen Krieg spielen, aber ehrlich gesagt: eigentlich haben wir genug andere Sorgen auf diesem Planeten.

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3 responses

28 07 2009
Wolfgang

Das was mich ja eigentlich vom Hocker gehaun hat, war die Reaktion des Südtiroler Landeshauptmanns (Landesfürsten? Kaiser?) in der ZIB2 gestern. Entweder bin ich solche Offenheit im Vergleich zu unseren Politikern nicht mehr gewohnt oder der nimmt sich ordentlich viel raus. Zu sehen auch auf ORF on demand, hier der direkte Link: http://ondemand.orf.at/news/playlist.php?id=zib2&day=2009-07-27&fname=zib2200_2009_07_27.wmv&offset=00:08:59.72

Liebe Grüße,

Wolfgang

28 07 2009
guensberg

danke, wolfgang. habs gestern nicht gesehen. absurde argumentation eigentlich, zu sagen, dass wenn die parteien zeit vor einer abstimmung hätten, würde es schon pro österreich ausgehen. derzeit aber noch nicht.

29 07 2009
Der Absturz der SPÖ ist mehr als die Krise einer einzelnen Partei « g u e n s b l o g

[...] mein gestriges Posting zu Martin Grafs Südtirol-Vorschlag sollte zeigen, dass nahezu alle Akteure im politischen Geschäft eine extrem kurzfristige [...]

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