Öffentlich-rechtliche “Investitionen”: Heinzl in, Golden Handshaker out

6 09 2009

Es ist wirklich absurd. Das Timing mag Zufall sein, aber wenn man es als Ausdruck einer Ära dieses Landes und einer ihrer wichtigsten Medienanstalten nimmt, ist es wiederum kein Zufall, was in den vergangenen Tagen passiert ist.

heinz_presse_inseratDominic Heinzl kommt zurück zum ORF. Soll er. Es ist mir egal. Der Mann ist Profi, versteht was von seinem Job und macht ihn wohl auch sehr gut. Ich hab nix gegen ihn. Die ORF-Spitze freut sich über diesen Transfer als hätte man einen bekannten Kicker aus der deutschen Bundesliga zu einem österreichischen Bundesliga-Mittelständler gebracht. Dafür ist auch Geld da. Für Heinzl selbst, das neue Society-Format, das ja nicht anstatt sondern zusätzlich zu den ORF Seitenblicken programmiert wird, und auch gleich für paar große Inserate (siehe Bild links-oben aus der Presse) in österreichischen Tageszeitungen. Unnötige Inserate übrigens, denn nahezu jede Wochenend-Zeitung hat eine große Geschichte zum Comebacker Heinzl.

Aber was passiert parallel: Große Namen gehen. Einige aus den Ö1-Journalen z.B., dem Flaggschiff der Radionachrichten. Der Standard schreibt am Wochenende. “Werner Löw ist weg, auch die “Journal”-Stimmen Udo Bachmair und Susanne Meissner-Sindelar nehmen den Golden Handshake. Ernest Hauer verabschiedet sich in vorverlegte Pension, Helmut Opletal, und so weiter.” Auch TV-Redakteure (siehe ebenso Standard), durchaus Experten ihres Fachs, wie Eugen Freund, sollen mit dem Golden Handshake (was für ein absurder Begriff) verabschiedet werden. In die Pensi müssen mit 60 bzw 65. ohnehin viele, von denen wohl manche noch gerne einiges im ORF bewirkt hätten.

Das sind nicht irgendwelche Leute für den ORF, sondern vielen von ihnen stehen für was: z.B. für Qualitätsjournalismus. Aber nicht nur: sie sind auch die Stimmen oder Gesichter spezifischer, wichtiger Formate des ORF, die Hörer- bzw. Seherbindung herstellen. Wie kann man als Sender nur darauf erpicht sein, diese Leute loszuwerden?  Sie sind Teil der Identität dieses Senders. Das hat nicht nur mit deren Sachlichkeit, sondern auch mit Emotion zu tun.

Wahrscheinlich bringt es tatsächlich mittelfristig Einsparungen in der Personalkostenstruktur des Senders, ältere Mitarbeiter frühzeitig zu verabschieden. Und es gibt wohl auch immense Unterschiede bei den ORF-Verträgen. Kurzfristig bringt es natürlich Mehrkosten und angesichts demographischer Entwicklungen sind die vorzeitigen Verabschiedungen ohnehin irrational, was aber dem Unternehmen ORF egal sein kann.

Man beachte nur Wrabetz Wortwahl: Nachdem die strukturellen Sparmaßnahmen greifen, ist dies ein deutliches Zeichen dafür, dass nun verstärkt ins Programm investiert wird. Mit Dominic Heinzl ist dem ORF ein Toptransfer gelungen, der für programmliche Blutauffrischung sorgen wird.

Bravo. Spitzenjournalisten raus, Society-Reporter in. Tolle Investition. Dafür würden andere weggespart?

Es ist wohl symptomatisch für die aktuelle Denke eines von politischen Interessen, Visionslosigkeit und mangelnder Mission in Sachen öffentlichen-rechtlichem Bewusstsein geprägten ORF. Die ganz zentrale Aufgabe des Senders als Bildungs- und Informationsinstitution ist nicht nur per se wichtig, sondern spielt eine entscheidende Rolle auch für die Demokratiepolitik in diesem politikkulturell gebeutelten Lande. Diese Rolle nicht ernstzunehmen ist fahrlässig. Und weil es oft in technokratisch ticketen Kulturen vergessen wird: guter Journalismus hängt immer an guten Journalisten. Es ist wie in der Politik und in Unternehmen: es braucht gute Leute. Junge, frische und solche mit Erfahrung.

Auch wenn ich jedes mal – ob der beträchtlichen Summe stöhnend – die ORF-Gebühren zahle, tu ich das eigentlich gerne, wenn ich das Gefühl hab, ich zahle für Ö1, FM4 und gute TV-Information und Reportagen. Aber wenn sich die aktuelle politische Kultur durchsetzt – und so scheint es genau an diesem Wochenende – vergeht einem dieses Comittment, denn das Kernstück der öffentlich-rechtlichen Anstalt mit entsprechendem Auftrag wird ausgeblutet. Siehe auch die Resolution diverser Redakteursversammlungen.Wer mit ORF-lern spricht, weiß, dass es Sparpotentiale und ineffiziente Strukturen gibt – der Golden Handshake setzt leider an der komplett falschen Stelle an.

Oder zusammengefasst: Ich will Udo Bachmair hören, Eugen Freund sehen und nicht noch ein zusätzliches Society-Format.


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5 responses

6 09 2009
Doris

Da kann ich dir nur beipflichten! Ich bin auch ORF-Fan, dank Bachmair, Freund und Co.!

6 09 2009
birgithebein

Sogar Sven Gächter hat sich im neuen Leitartikel von dir inspirieren lassen🙂

6 09 2009
Walter Gröbchen

Wenn Heinzl eine brauchbare Waffe in einer beispiellosen zukünftigen Reichweiten-/Werbeeinnahmen-Schlacht ist, dann wird er dem ORF in seiner gesamten Breite nützen (ähnlich Ö3, das gnadenlos die “Cash Cow” spielt und spielen muß). Das Prpblem ist aber, daß es den ORF mehr und mehr zerreisst mit dem Spagat, den er tagtäglich zwischen Qualität, Non-Mainstream und “Kulturauftrag” einerseits, Reichweiten, Werbeindustrie und zunehmendem Kokurrenzdruck andererseits hinlegen muß. Die Politik (und wenn sich die als zu entscheidungsschwach und unfähiog erweist, die Öffentlichkeit) muß sich entscheiden: ein öffentlich-rechtlicher Kommerz-Funk, das macht keinen Sinn. Was man wirklich nicht unterschätzen sollte: die moralische und faktische Legitimation für die ORF-Zwangsgebühren…

7 09 2009
guensberg

@ birgit. danke für den hinweis. ich gestehe, das profil noch nicht gesehen zu haben.
@ walter gröbchen. stimmt schon. wenn heinzl letztlich mehr geld bringt, ist er tatsächlich eine investition. mich stören allerdings die jubelmeldungen angesichts der zielsetzungen, wirklich gute journalisten irgendwie loszubekommen. den spagat wird man derzeit nicht auflösen können, aber die frage ist, wo ist der kern der anstalt.

7 09 2009
Franz

Das Ziel kann sich der ORF, wenn er demokratisch legitimiert sein will, nicht ausschließlich selbst setzen – dazu ist die Politik da. Und die lässt die Anstalt bewusst in einem unbewältigbaren Schwebezustand “hängen”, im wahrsten Sinn des Wortes. Bevor es nicht klare Worte gibt, können wir hier nur “dahinwurschteln” mit den Vorgaben, die derzeit da sind: will heißen, öffentlich-rechtlich UND privat agieren, damit etwas Geld in die Kasse kommt. Mal abgesehen davon, dass die Vorenthaltung der vielzitierten 60 Millionen Euro (die der Telekom paradoxerweise abgegolten werden, dem ORF nicht) ein ganz klares Knebelungs-Statement der Politik ist.

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