Was soll das? Nicht nur Barroso muss sich das derzeit fragen.

27 10 2009

Können Sie sich erinnern?

“Die Krise wird härter – Europa wird wichtiger” oder

“Das A-Team für Europa”

Slogans von ÖVP bzw. SPÖ aus dem Wahlkampf. Vermittelt wurde die Bedeutung der EU und warum man die besten Köpfe dafür brauche. Und dann DAS.

Wenn es überhaupt noch eines Beweises bedurfte, warum Europa zwar in Österreich, aber Österreich nicht in Europa gelandet ist, dann war das Schauspiel der vergangenen Tage und Wochen rund um die Nominierung eines Österreichers für die EU-Kommission genau das.

Dazu muss ich voraus schicken, dass ich Johannes Hahn eigentlich für einen durchaus intelligenten, manchmal sogar smarten Typen halte, der viel Allgemeinbildung mitbringt, aber leider dennoch gerade als Mitglied der Bundesregierung eine schlechte Bilanz aufweist. Dies zeigen auch die aktuellen Proteste, die deutlich mehr Energie als alle Studenten-Proteste der vergangenen Jahre mit sich bringen.  (dazu ein ander mal)

Aber die Art und Weise der Bestellung und der Motive dahinter zeigt: es geht um alles Mögliche, aber nicht um Europa. Folgende Grundregeln wurden wieder mal nicht berücksichtigt:

  1. Es geht bei der Bestellung eines österreichischen Mitglieds in der EU-Kommission nicht darum, die Republik Österreich zu vertreten. Wann wird das endlich verstanden?
  2. Es geht auch nicht darum, die Interessen Österreichs zu vertreten. Es geht verdammt nochmal um E U R O P A!
  3. Folglich geht es darum, jemanden in die EU-Komission zu entsenden, der entsprechende Kompetenzen mitbringt. Kompetenzen wie
  • Internationale Politikerfahrung
  • Politikkompetenz
  • Kommunikationskompetenz, z.B. fließende Mehrsprachigkeit (da  weiß ich über Hahn nix, außer dass sein Englisch in der Kommission diese spezifische österreichische Note hinterlassen wird – siehe dieses Youtube Video)
  • Idealerweise kann der Präsident auch gewisse gesellschaftliche Repräsentativität in der Kommission herstellen (z.B. durch einen entsprechenden Frauenanteil) – das alles interessiert die Nationalstaaten aber offenbar überhaupt nicht. Kurzzeitig hat dem Kanzler dieses Argument taktisch gut gepasst. Am End war´s egal.
  • Inhaltliche Kompetenz. Auch wenn man nicht weiß, welches Ressort zugeteilt wird. Genau aus diesem Grund lotet ja Barroso bei Besuchen wie vor rund 10 Tagen Trends aus. Es braucht fachkundige Leute, alles andere ist eigentlich indiskutabel.

Worum ging es in Österreich.

Um parteipolitische Spielchen. Um Taktik, nicht Strategie. Um Eitelkeit, nicht um die Sache. Darum, dass der Schattenkanzler diese Rolle geniesst  und der Kanzler zugleich nicht im Schatten stehen will.  Es ging darum, was kurzfristig gedacht als Erfolg und Niederlage gilt, und wo zugleich beide handelnde Akteure langfristig verlieren, weil es letztlich um mehr geht als das. Verantwortungsvoll handeln, war doch kürzlich so ein Motto (Pröll-Rede)

Wenn Gio Hahn jetzt meint, dass er auch als EU-Kommissar Chef der Wiener ÖVP bleiben wolle, hat er ganz prinzipiell falsch verstanden, worum es geht. Denn – sorry to say – aber ab jetzt bzw. der Angelobung ist er Europa verpflichtet und nicht dem Wahlkampf 2010. Genau DAS sollte nämlich nicht passieren. Dass zwischen Strache und Häupl auch der EU-Kommissar reingepfercht wird.

An dieser Stelle sei auch was Positives gesagt, nämlich, dass sowohl Franz Fischler wie auch Benita Ferrero-Waldner ihren Job so ernst genommen haben, dass sie jeglich unmittelbare Einmischung in die österreichische Innenpolitik vermieden haben. Sie haben die Ämter im wesentlichen von ihrer Herkunft getrennt. Richtig so!

Somit warten wir wieder auf die neuen Studien, in denen die ach so “besorgniserregende” Erkenntis aufscheinen wird, dass die Österreicher so europaskeptisch sind. Wenn man jedoch die Mechanismen der österreichischen Innenpolitik auf Europa übertragen will, dann kann nix anderes rauskommen. Wieder ein Beispiel dafür, dass der inhaltliche Diskurs zb über die Frage, was will man mit Europa, völlig auf der Strecke bleibt – so wie in der zentralen Bildungspolitik, in der Energiepolitik und anderen Zukunftsbereichen. Und genau deshalb ist es gut, wenn Studentinnen und Studenten für ihre Anliegen, die weit über die eigene Klientel hinausgehen, kräftig besetzen und protestieren. Denn sie zeigen damit, es geht tatsächlich um was derzeit.

Nicht, dass die Art der Nominierung tatsächlich an der Europaskepsis was ändern würde, aber diese Entkopplung von Inhalt und Entscheidungsfindung ist destruktiv und somit ein Mosaikstein mehr, der die EU zum Feindbild macht.

Das beunruhigende an dieser Sache ist, dass auch Deutschland diesmal ähnlich agiert hat. Zwar ohne Parteienstreit, aber wenn man die deutschen Zeitungen liest, aus ebenso taktischen, vielleicht sogar strategischen Überlegungen. Auch hier geht es primär um nationale Interessen, wenn Günther Oettinger nominiert wird.  “Was soll das?” – mit diesem Ausruf wird EU-Kommissionschef José Manuel Barroso zitiert, nachdem er am Samstag von der Nominierung Oettingers erfahren hatte und mit deutschen Europapolitikern telefonierte. So berichtet jedenfalls der Spiegel von der Nominierung. Kein gutes Zeichen.

Lesenswert in diesem Zusammenhang auch das derzeit laufend sehr gehaltvolle FM4 Blog von Martin Blumenau. Er beschreibt die Nominierung bezeichnenderweise als “mieses Improtheater” und argumentiert stichhaltig, dass der Österreichs Bundesregierung Europa nicht wichtig genug ist und nicht der bestmögliche Kandidat, nicht die Leistung für die Nominierung entschied, sondern die Parteiraison.

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Der grüne Zukunftskongress: ein Experiment zur politischen Kultur

23 10 2009

Braucht Österreich neun Bundesländer? Wird das fossile Auto in die Wüste geschickt? Wozu gibt es Banken und wer hält die Zügel des Finanzmarktes in der Hand? Wird my home my kraftwerk? Warum ist das tägliche Schnitzel ein Problem?

Einige Fragen zur Zukunft, die einer Antwort harren: Wo?

Heute starten die GRÜNEN ein neues, schon länger angekündigtes Projekt. Den Zukunftskongress.

Er wird am 22. November in Wien stattfinden und ist eine Einladung an alle, die neue Ideen entwickeln bzw. diskutieren wollen. Alle Informationen dazu sind hier zu finden. Inhaltlicher Ausgangspunkt sind die heute von Eva Glawischnig und Maria Vassilakou vorgestellten 30 Thesen. Da ich an der Erstellung dieser Thesen als Berater unmittelbar beteiligt war, ein paar Anmerkungen auch auf Guensblog dazu.

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Die Thesen sind auf Basis grüninterner Vorschläge entwickelt worden. Sie verstehen sich nicht als das neue grüne Programm, sondern als Diskussionsinput. Sie erfinden die Welt nicht neu, aber werfen Fragen auf und wollen alle Interessenten einladen, selber Ideen und Vorschläge einzubringen. Man kann auf der Website auch einzelne Thesen bewerten, kommentieren, Vorschläge machen. Ziel der Diskussion ist es, neue Ideen und Antworten  zur Bewältigung der Krise zu entwickeln, oder eigentlich der Krisen (plural): denn schon die erste These beschreibt den systemischen Aspekt. Wir haben nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern zugleich eine Energie-, Klimakrise und eine Reihe von sozialen und demokratiepolitischen Implikationen. Daher liegt auch ein inhaltlicher Schwerpunkt bei konkreten Investitionen in nachhaltige Wirtschaft, Bildung, Integration – alles unter dem Aspekt sozialer Gerechtigkeit. Es ist Platz für strukturelle und systemrelevante Aspekte, etwa dem Hinterfragen der neun Bundesländer oder der Aufgabe von Staat und Banken.

Ich sehe das Projekt als Zeichen der Öffnung der GRÜNEN. Innovation entsteht selten ausschließlich aus dem Innen heraus, sondern indem Innen und Außen zusammengeführt werden – schlag nach in der Innovationsforschung. Genau da setzen der Zukunftskongress mit seinen Thesen an. Insofern sind die Thesen auch bewusst weder vollständig noch zu Ende argumentiert. Wer offen diskutieren will, kann nicht mit dem Anspruch fix-fertiger Lösungen in den Diskurs gehen. Mit dem Zukunftskongress in rund vier Wochen wird der Prozess übrigens nicht beendet sein, sondern er wird weiter gehen. Es ist eigentlich erst ein Startpunkt.

Auf den weiteren Verlauf kann man gespannt sein.





Erstmals in Wien: Athlete

23 10 2009

Dieser nachgerade unglaubliche Konzertherbst führte erstmals auch die britische Band Athlete nach Wien. Ort des Geschehens war das passabel gefüllte Flex. Athlete hat mit Tourist aber auch Vehicles & Animals zwei exzellente Indie-Pop/Rock Alben herausgegeben, die bei mir vor einigen Jahren rauf und runter gespielt wurden. Man muss sich fragen, warum aus dieser Band niemals sowas wie Coldplay oder Snow Patrol geworden ist. Vielleicht fehlen ihnen da und dort die Kanten? Oder auch sowas wie Charisma? Der Gig war jedenfalls gut. Ihr Songwriting ist sehr klassisch, liefert großartige Bridges, bei manchen Nummern gibts gute Spannungsbögen mit Steigerungen am Ende (gestern zB. bei “24 hours” – starke Version), die Musiker sind alle sehr souverän, die Stimme hat auch was. Am besten gefiel mir ja der linke Fuß des Drummers. Der weiß nämlich sehr genau, wann und wie er ihn anheben muss, um die Hihat zu öffnen. Nicht zuletzt das verleiht den Nummern live mehr Dynamik als auf Scheibe.

Wer weiß, vielleicht fehlt auch nur der eine große Song zum internationalen Durchbruch. Das Potential wär eigentlich da.

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Oberflächentauchen – Nachbetrachtung mobilefuturetalk´09

22 10 2009

Gestern nutzte ich die Möglichkeit, beim mobile future talk´09 der mobilkom dabei zu sein, und den Vorträgen und anschließender Diskussion von Facebook-Mitbegründer und Obama-Berater Chris Hughes und Gehirnforscherin und Susanne Greenfield zu lauschen. “The Power of We” lautet das Motto der Veranstaltung, die in den vergangenen Jahren Persönlichkeiten wie Esther Dyson, Al Gore oder Kofi Annan zu Gast hatte. Die riesige, beeindruckende Ankerbrot Fabrikshalle wurde laut Veranstalter erstmals für einen derartigen Event mit rund 800 Gästen  genutzt und das wahrlich nicht schlecht.

Aber kommen wir zum Inhaltlichen. Mit Hughes und Greenfield sind zwei Welten aufeinander getroffen, die unterschiedlicher nicht sein können. Da der 25jährige Facebook Co-founder Chris Hughes. Sehr jung, schon mit 20 erfolgreich, klassisch us-amerikanisch positiv eingestellt, eloquent, sauber gestyled, und auch bei kritischen Fragen nicht abwehrend, sondern souverän darauf eingehend. Schon beeindruckend.

Auf der anderer Seite Susanne Greenfield, Ende 50, renommierte Neurowissenschafterin, Direktorin der Royal Institution of Great Britain,  laut Guardian eine der einflußreichsten Frauen Großbritanniens, wunderbarer britischer Akzent, Hang zum sarkastischen Humor, ebenso lockeres Auftreten auf der Bühne.

mobile.futuretalk2009Während Hughes die Chancen und Möglichkeiten von Facebook und Social Media generell natürlich promotet, warnt Greenfield vor den möglichen Rückwirkungen auf unser Hirn. Auf eine Diskusson der beiden konnte man gespannt sein; aber leider redete man an einigen wesentlichen Fragen vorbei.Kurz zusammengefasst: Wer sich mit Facebook und dem Obama-Wahlkampf auseinander gesetzt hat, hat kaum Neues von Hughes über Social Media erfahren. Aber das war auch nicht der Anspruch. Wesentlich erscheint mir, dass Hughes bei den Online-Wahlkampfaktivitäten zwei Aspekte hervor gehoben hat. Erstens die Nutzung von Social Media als Organisationstool.  Zweitens die Möglichkeiten von Online-Fundraising im Rahmen der Kampagne. Online-Fundraising ist wahrlich nichts Neues, aber nicht nur die Summe (500 Mio US-D ausschließlich online) ist beeindruckend, sondern auch die Tatsache, dass es insbesondere kleine Spenden sind, die das Gros ausgemacht haben.

(Fotos: Mobilkom Austria)

mobile.futuretalk2009Susan Greenfield warnte vor den Folgen von Social Media insbesondere für Kinder und Jugendliche.  Das Gehirn ist sensibel und reagiert stark auf die Außenwelt. Es verändert sich durch Außeneinflüsse. Durchaus beeindruckende Zahlen: Britische Kinder verbringen etwa 900 Stunden pro Jahr in der Schule, 1.300 Stunden mit der Familie, und 2.000 Stunden pro Jahr sitzen sie vor dem Bildschirm. Die Tätigkeiten vor dem Bildschirm verlangen rasche Reaktionen, weil ständig neue Bilder auf dem Screen erscheinen. Das Gehirn gewöhnt sich an die hohe Geschwindigkeit, in der es stimuliert wird, allerdings reduziert sich dadurch die Aufmerksamkeitsspanne. Wie sie im ORF Futurezone Interview erläutert, könnte das auch die Zunahme der Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS) erklären.  Ihre Befürchtung ist weiters, dass insb. Kinder aber auch Erwachsene meinen könnten, dass Social Media Friends, insb. bei großer Anzahl, echte Freundschaften ersetzen könnten. Wichtig ist auch ihre Auseinandersetzung mit Identität. Wer bin ich und wie definiere ich mich. Welche Rolle spielen Facebook und Co dabei.  Leider ist dieses Kapitel etwas zu kurz kommen, wobei Greenfield diesbezüglich ein spannend klingendes Buch publiziert hat.

Schade ist jedoch, dass es zur Untersuchung von Social Media und der Wirkung auf das Hirn eigentlich noch keine Neuro-Forschung gibt. Greenfield hat auf Studien zu Außeneinflüssen und dem Hirn verwiesen, sie hat auch Querverweise zu PC-Spielen, Techno und anderen teilweise stereotypen Generationsbildern verwiesen, aber nicht zur Wirkung von Social Media.

Die Vermischung der unterschiedlichen Einflüsse (Musik, Spiele, Facebook, PC, Social Media) ist eine Schwäche ihrer Ausführungen. Auch eine gewisse konservative Grundhaltung kann konstatiert werden. Leider wurde in der Diskussion der beiden Experten mit mobilkom-Vorstandsvorsitzenden Hannes Ametsreiter, professionell moderiert von Sandra Maischberger, der Kern einiger Fragen ausgelassen, so wichtig angesprochenen Themen wie Privacy, Transparency etc. auch sein mögen.

Wo man tiefer tauchen müsste…

Aber dennoch knüpfen sich an Greenfield einige Fragestellungen, denen wir Aufmerksamkeit schenken sollten.

– Social Media wird meist laufend über den Tag genutzt. Wir alle werden Multitasker. Immer mehr Reize, immer mehr Informationen sind zu verarbeiten. Was heißt das jedoch in unserem Wirken? Was bleibt davon, was hat nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und wird gar nicht bewusst gespeichert?

– Wie umgehen mit der ständigen Ablenkung durch Social Media. Ich gestehe, auch für mich als 36-jährigen ein Thema, aber bei Kindern sind die Reflexionsmechanismen vielleicht noch nicht gar nicht so ausgeprägt, unterstelle ich mal. Die Differenzierung ,welche Information wichtig ist und wirklich Aufmerksamkeit und Konzentration verlangt und welche irrelevant, ist nicht leicht, aber entscheidend.

– Verlieren wir nicht leichter die Fähigkeit, wirklich konzentriert und vertieft in Materien zu arbeiten, weil wir mit viel mehr oberflächlicher Information konfrontiert werden. Die Menge an zuverarbeitender Information ist unglaublich gewachsen. Wer nicht täglich auf Twitter ist, könnte vermeintlich viel versäumen. Aber versäumt man wirklich was?

Wer jetzt sagt, selber schuld, wenn man die Konzentrationsfähigkeit verliert, dann stimmt das. Aber wie gesagt, im Umgang mit Kindern und Jugendlichen ist etwas anderes, weil die Eigenverantwortlichkeit für das eigene Handeln einfach noch teildelegiert wird an zB. die Eltern.

Ich glaub auch, dass diese Diskussion zu ein einem Gut/Böse-Schema führen kann. Wie Ametsreiter richtig gesagt hat, Social Media ist, die Applikationen entwickeln sich weiter und das kann ohnehin niemand verhindern. Aber insbesondere im pädagogischen Bereich halte ich die Auseinandersetzung für wichtig. Es geht um Medienkompetenz, also Kompetenz im Ungang mit Medien – und auch der gehört erlernt.

Sabine Gretner spricht in ihrem Blog heute die Frage der gesellschaftlichen Entwicklung an, der Entsolidarisierung und ob uns Facebook & Co weiterbringen. Auch wenn ich ihre Bedenken nicht unbedingt in dieser Form teile, aber der Reflexionsraum für unser verändertes soziales Verhalten fehlt weitgehend.  Denn eines ist sicher nicht der Fall: dass alles so wie früher ist, nur durch paar Technologien ergänzt. Unser Kommunikations- und soziales Verhalten ist durchaus massiven Veränderungen unterworfen. Mit gesellschaftlichen Chancen und Gefahren.

Insofern eigentlich positiv, dass man gestern sehr unterschiedliche Zugänge präsentieren und diskutieren ließ.





Der Unterschied zwischen Strategie und Taktik am Beispiel Faymann/Pröll

20 10 2009

Der Unterschied zwischen Strategie und Taktik ist nicht nur in der Kriegsführung, im Schach und diversen (Sport-)spielen von Relevanz, sondern insbesondere auch in der Politik. Ich kann mich an eine Keynote Speech des großen Schachmeisters Gary Kasparow beim Politikkongress vor einigen Jahren in Berlin erinnern, wo er insbesondere darauf hingewiesen hat, dass diese beiden Zugänge nicht ausreichend differenziert werden. Da hatte er völlig recht. Und die österreichische Innenpolitik ist ein gutes Beispiel. Generell kann konstatiert werden: es gibt kaum Strategie, aber sehr sehr viel Taktik, meist gar nur taktisches Geplänkel. Ich gehe sogar einen Schritt weiter: die Konzentration darauf ist einer der Gründe dafür, dass sich viele Menschen angewiedert von der Innenpolitik und der Berichterstattung darüber abwenden.

An den beiden Regierungparteien kann man den Unterschied aktuell gut fest machen.

Einerseits: Werner Faymann und die Bundes-SPÖ (auf die beziehe ich mich; in Wien und im Burgenland schaut die Sache etwas anders aus).

Hier soll´s nicht um Bashing gehen. Sich über den Niedergang der SPÖ herzumachen, ist derzeit leichtes Spiel (ich verweise auch auf ältere Beiträge zur SPÖ auf guensblog),  aber die insbesondere strategische Schwäche ist meiner Meinung nach ein Kernpunkt.  Es dürfte schlicht und ergreifend keine Strategie geben. Also eine Strategie im Sinne eines “längerfristig ausgerichtetes planvolles Anstreben eines Ziels unter Berücksichtigung der verfügbaren Mittel und Ressourcen” (Wikipedia). Es gibt auch keinen Feldherrn, wenn man schon die martialischen Vergleiche heranziehen will. Jemand, wo man Vertrauen haben könnte, der oder die weiß, was er/sie will, geschweige denn den Weg dorthin kennt. Gut, wie hieß das Gusenbauer-Buch: Die Wege entstehen im Gehen.

Taktik ist der Strategie unterzuordnen. Sie bezieht sich auf die Anwendung der einzelnen Elemente (Angriff, Verteidigung, Überraschung, neue Flanken etc.). Aber auch hier geht es um die Erreichung eines konkretes Ziels.

Was ist das Ziel der Bundes-SPÖ und ihres Vorsitzenden? Mit welchen Mitteln will man es erreichen? Wofür brennt dieser Mann eigentlich? Man muss das nicht alles gleich zu Beginn einer Karriere oder eines Funktionsantritts wissen, aber irgendwann wäre das insbesondere in Krisenzeiten gut. Auch weil Vertrauen nicht kurzfristig aufgebaut werden kann.

Während es also keine erkennbare Strategie gibt, versucht man sich in taktischen Spielen. Das aktuelle Beispiel: die Frage, welche ÖsterreicherIn Mitglied der EU-Kommission sein soll. Inhaltlich ist diese Frage weitgehend irrelevant, denn um Qualifikation gings in der Debatte noch nie (den Karas und grüne Vorschläge ausgenommen)

In der Konkurrenz zur ÖVP hatte die SPÖ schon durch das Bekenntnis, es soll ein ÖVP´ler werden, schon verloren. Es war der SPÖ auch einfach nicht wichtig. Und ich seh das jetzt anders als viele Kommentatoren: hätte man es elegant gemacht, wäre das kein Problem gewesen. Warum muss jede Partei immer um einen Posten kämpfen? Inhaltliche Kriterien wären relevant gewesen, aber nicht die Parteizugehörigkeit.

Der Einsatz für Ferrero-Waldern ist in erster Linie eine Provokation an die ÖVP. Pure Taktik, aber null Strategie!

Es ist ein kleines Gefecht, das aber mit der langfristigen Zielerreichung gar nichts zu tun hat. Ein Nebenschauplatz, mit der man nichts gewinnen kann, aber versucht, dass der Konkurrent was verliert. Und wenn am Ende Ferrero-Waldner Kommissarin wird, wird niemand sagen: toll gemacht, Herr Kanzler.

Um wiederum auf Kasparow zurückzugreifen: “Die Frage WARUM macht aus dem Taktiker einen Strategen. Diese Frage muss man sich immer wieder stellen, um die eigene Strategie zu durchschauen, zu entwickeln und zu befolgen. Warum diesen Zug? Was möchte ich erreichen, und was spielt dieser Zug dabei für eine Rolle?”

Ich gestehe, ich kann diese Frage in der Faymann-Taktik nicht beantworten.

Der Konflikt verstärkt einerseits das Bild, das es in Österreich eh nur um die Pöstchen gehe; andererseits lenkt er – auch das ein taktisches Manöver – von der inhaltlichen Auseinandersetzung nach der Pröll-Rede vergangene Woche ab. Ein sehr kurzfristiger Effekt aber, der auch keine Antwort auf das Warum gibt.

Und das Szenario, dass Ferrero-Waldner jetzt doch nicht Kommisarin wird, sondern Molterer, will ich für Faymann gar nicht durchdenken. Welcher Mensch hat ihm das eingeredet??

Damit noch kurz zur ÖVP. Ich halte ihre Performance für überschätzt, aber dennoch strategisch relevant. Sie vermitteln, eine Strategie zu haben. Das Ziel scheint auch klar: Kanzler werden (daher jetzt schon Schattenkanzler sein) und als jene Partei über die Rampe kommen, die am ehesten krisenfest ist. Wer die Unterstreichungen in der Rede Prölls im Download ansieht, erkennt die Werteebene, die angesprochen werden soll. Er holt weit aus, versucht Zielgruppen in mehreren Bereichen anzusprechen. Dass dies nicht unbedingt mit aktuellen politischen Initiativen wie der Fremdenrechts-Novelle im Einklang steht, wird nicht ihm angelastet, sondern der Fachministerin.

Ob schon alle Elemente einer erfolgsbringenden Strategie der ÖVP vorliegen ist noch nicht absehbar, aber die Eckpfeiler sind da und dank der Wahlerfolge zuletzt auch der Zug zum Tor. Aber Achtung: Wahlen in Wien, Burgenland und der Steiermarkt sind wahrlich kein Heimspiel für die ÖVP. Hier könnten aufgrund kurzfristiger taktischer Entscheidungen ganze Strategien auch wieder ruiniert werden.





Die ÖBB ist klima:aktiv…und verlagert den Güterverkehr auf die Straße

4 10 2009

Bad Timing kann man da nur sagen.

Als ich am heutigen Sonntag die seltene Gelegenheit hatte, die Tagesillustrierte “Österreich” durchzublättern (ich habe dafür auch gezahlt… jaja, ich bin das) ist mir ein doppelseitiges Inserat der ÖBB aufgefallen, das zudem noch das klima:aktiv Logo des sog. Lebensministeriums trägt.

oebb_inserat (click thumbnail to enlarge)

Mein naiver Optimismus ließ mich denken: Gut, wenn die ÖBB erkennt, dass Klimaschutz ein wesentlicher Aspekt ihres Daseins ist. Auch die erwähnten Maßnahmen sind vernünftig und viele davon entsprechen genau der Rolle, mit der sich die ÖBB in Zukunft positionieren könnte. Als moderner Dienstleister, der sich dem Klimaschutz und seinen Kunden verschreibt. Auch das klima:aktiv Programm des Umweltministerium halte ich für eine durchaus gelungene Sache, die sogar noch mehr Aufmerksamkeit verdient.

Doch dann kam DAS: “ÖBB will Fracht von Schiene auf Straße verlagern“, titelt der morgige Standard einen Artikel. Die in Sachen ÖBB wie immer topinformierte Standard-Redakteurin Luise Ungerböck  berichtet über ein Sanierungskonzept des Beratungsunternehmes Roland Berger, das die Verlagerung des Transports von Stückgut von der Schiene auf die Straße forciert. Ab Jänner 2010 sollen in der Steiermark Güter nicht mehr mit ÖBB-Zügen transportiert werden.Ein eklatanter Widerspruch zur Kommunikation der ÖBB in Sachen Klimaschutz, denn genau im abgebildeten Inserat steht:

“…Hauptansatzpunkte der ÖBB-Klimaschutz-Charta umfassen zum Beispiel die Bereitstellung von “nachhaltiger” Mobilität für Menschen und Güter. Die Mobilitätsdienstleistungen des ÖBB-Konzerns sollen noch stärker auf ihre Energieeffizienz und ihr ökologisches Potenzial optimiert werden.”

Politisch entschieden ist die Sache übrigens noch nicht. (Reaktion Bures ebenfalls im Standard)

Das Thema ist auch nicht neu. Schon seit einigen Jahren ist es immer wieder so, dass Güter, die man mittels ÖBB verfrachten will, keinen einzigen Waggon erleben. Das hat schon meine Nachfrage anlaßbezogen vor einigen Jahren ergeben. Wie auch im Berger-Konzept lautet das wohl nicht ganz falsche Argument: Kostengründe. Es ist schlicht billiger.

Dies zeigt nicht nur, dass die Straße offenbar im Vergleich zur Schiene immer noch zu günstig ist, sondern wirft eine viel prinzipiellere Frage auf:  Welchen Werten folgt ein Unternehmen wie die ÖBB? Welches Leitbild gibt es, von dem man eine Strategie ableiten kann? Ist die richtig argumentierte Klimaschutz-Charta Teil der Strategie oder nur Teil des Marketing? Eine ganz wichtige Frage übrigens für alle Unternehmen, die sich mit Corporate Social Responsibility (CSR) auseinandersetzen.

Die Roland Berger Strategie folgt dem Prinzip der Kosteneffizienz. Das ist legitim, aber das kann nicht einziges Kriterium sein. Es reicht nicht für ein Unternehmen in öffentlicher Hand, das jährlich mit x Milliarden aus Steuergeldern finanziert wird. Es braucht für Unternehmen wie die ÖBB, den ORF aber eigentlich auch eigentlich für die Arbeit der gesamten Verwaltung eine neue Werteorientierung. Ein Bild davon, wo man hin will.

Was dieser Wert sein kann? Na zum Beispiel Nachhaltigkeit.

Hätten wir Nachhaltigkeit ernsthaft als zentrales Leitmotiv und Grundwert, wäre es unmöglich, dass Steuermittel in hochriskanten Toprendite Fonds veranlagt würden, sondern in nachhaltige, ethische Investments.

Hätten wie Nachhaltigkeit als zentrales Leitmotiv, würde der ORF seine Identität über den öffentlichen Auftrag definieren und nicht über kommerziellen Erfolg, weil in der Nachhaltigkeit ist Demokratie eine wesentliche Säule. (wissend, dass der ORF ein nicht einfaches Zwitterdasein leben muss)

Hätten wir Nachhaltigkeit als zentralen Wert, würden ÖBB und das zuständige Ministerium BMVIT, dieses Unternehmen tatsächlich als zentralen Motor im Klimaschutz positionieren, das der Umwelt dient, faire aber nicht privilegierte Arbeitsmöglichkeiten bietet und sich dem Kunden verpflichtet fühlt.

Dieser Wert wäre uns dann als Steuerzahler und ÖBB-Kunden auch tatsächlich etwas wert, oder?