Oberflächentauchen – Nachbetrachtung mobilefuturetalk´09

22 10 2009

Gestern nutzte ich die Möglichkeit, beim mobile future talk´09 der mobilkom dabei zu sein, und den Vorträgen und anschließender Diskussion von Facebook-Mitbegründer und Obama-Berater Chris Hughes und Gehirnforscherin und Susanne Greenfield zu lauschen. “The Power of We” lautet das Motto der Veranstaltung, die in den vergangenen Jahren Persönlichkeiten wie Esther Dyson, Al Gore oder Kofi Annan zu Gast hatte. Die riesige, beeindruckende Ankerbrot Fabrikshalle wurde laut Veranstalter erstmals für einen derartigen Event mit rund 800 Gästen  genutzt und das wahrlich nicht schlecht.

Aber kommen wir zum Inhaltlichen. Mit Hughes und Greenfield sind zwei Welten aufeinander getroffen, die unterschiedlicher nicht sein können. Da der 25jährige Facebook Co-founder Chris Hughes. Sehr jung, schon mit 20 erfolgreich, klassisch us-amerikanisch positiv eingestellt, eloquent, sauber gestyled, und auch bei kritischen Fragen nicht abwehrend, sondern souverän darauf eingehend. Schon beeindruckend.

Auf der anderer Seite Susanne Greenfield, Ende 50, renommierte Neurowissenschafterin, Direktorin der Royal Institution of Great Britain,  laut Guardian eine der einflußreichsten Frauen Großbritanniens, wunderbarer britischer Akzent, Hang zum sarkastischen Humor, ebenso lockeres Auftreten auf der Bühne.

mobile.futuretalk2009Während Hughes die Chancen und Möglichkeiten von Facebook und Social Media generell natürlich promotet, warnt Greenfield vor den möglichen Rückwirkungen auf unser Hirn. Auf eine Diskusson der beiden konnte man gespannt sein; aber leider redete man an einigen wesentlichen Fragen vorbei.Kurz zusammengefasst: Wer sich mit Facebook und dem Obama-Wahlkampf auseinander gesetzt hat, hat kaum Neues von Hughes über Social Media erfahren. Aber das war auch nicht der Anspruch. Wesentlich erscheint mir, dass Hughes bei den Online-Wahlkampfaktivitäten zwei Aspekte hervor gehoben hat. Erstens die Nutzung von Social Media als Organisationstool.  Zweitens die Möglichkeiten von Online-Fundraising im Rahmen der Kampagne. Online-Fundraising ist wahrlich nichts Neues, aber nicht nur die Summe (500 Mio US-D ausschließlich online) ist beeindruckend, sondern auch die Tatsache, dass es insbesondere kleine Spenden sind, die das Gros ausgemacht haben.

(Fotos: Mobilkom Austria)

mobile.futuretalk2009Susan Greenfield warnte vor den Folgen von Social Media insbesondere für Kinder und Jugendliche.  Das Gehirn ist sensibel und reagiert stark auf die Außenwelt. Es verändert sich durch Außeneinflüsse. Durchaus beeindruckende Zahlen: Britische Kinder verbringen etwa 900 Stunden pro Jahr in der Schule, 1.300 Stunden mit der Familie, und 2.000 Stunden pro Jahr sitzen sie vor dem Bildschirm. Die Tätigkeiten vor dem Bildschirm verlangen rasche Reaktionen, weil ständig neue Bilder auf dem Screen erscheinen. Das Gehirn gewöhnt sich an die hohe Geschwindigkeit, in der es stimuliert wird, allerdings reduziert sich dadurch die Aufmerksamkeitsspanne. Wie sie im ORF Futurezone Interview erläutert, könnte das auch die Zunahme der Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS) erklären.  Ihre Befürchtung ist weiters, dass insb. Kinder aber auch Erwachsene meinen könnten, dass Social Media Friends, insb. bei großer Anzahl, echte Freundschaften ersetzen könnten. Wichtig ist auch ihre Auseinandersetzung mit Identität. Wer bin ich und wie definiere ich mich. Welche Rolle spielen Facebook und Co dabei.  Leider ist dieses Kapitel etwas zu kurz kommen, wobei Greenfield diesbezüglich ein spannend klingendes Buch publiziert hat.

Schade ist jedoch, dass es zur Untersuchung von Social Media und der Wirkung auf das Hirn eigentlich noch keine Neuro-Forschung gibt. Greenfield hat auf Studien zu Außeneinflüssen und dem Hirn verwiesen, sie hat auch Querverweise zu PC-Spielen, Techno und anderen teilweise stereotypen Generationsbildern verwiesen, aber nicht zur Wirkung von Social Media.

Die Vermischung der unterschiedlichen Einflüsse (Musik, Spiele, Facebook, PC, Social Media) ist eine Schwäche ihrer Ausführungen. Auch eine gewisse konservative Grundhaltung kann konstatiert werden. Leider wurde in der Diskussion der beiden Experten mit mobilkom-Vorstandsvorsitzenden Hannes Ametsreiter, professionell moderiert von Sandra Maischberger, der Kern einiger Fragen ausgelassen, so wichtig angesprochenen Themen wie Privacy, Transparency etc. auch sein mögen.

Wo man tiefer tauchen müsste…

Aber dennoch knüpfen sich an Greenfield einige Fragestellungen, denen wir Aufmerksamkeit schenken sollten.

– Social Media wird meist laufend über den Tag genutzt. Wir alle werden Multitasker. Immer mehr Reize, immer mehr Informationen sind zu verarbeiten. Was heißt das jedoch in unserem Wirken? Was bleibt davon, was hat nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und wird gar nicht bewusst gespeichert?

– Wie umgehen mit der ständigen Ablenkung durch Social Media. Ich gestehe, auch für mich als 36-jährigen ein Thema, aber bei Kindern sind die Reflexionsmechanismen vielleicht noch nicht gar nicht so ausgeprägt, unterstelle ich mal. Die Differenzierung ,welche Information wichtig ist und wirklich Aufmerksamkeit und Konzentration verlangt und welche irrelevant, ist nicht leicht, aber entscheidend.

– Verlieren wir nicht leichter die Fähigkeit, wirklich konzentriert und vertieft in Materien zu arbeiten, weil wir mit viel mehr oberflächlicher Information konfrontiert werden. Die Menge an zuverarbeitender Information ist unglaublich gewachsen. Wer nicht täglich auf Twitter ist, könnte vermeintlich viel versäumen. Aber versäumt man wirklich was?

Wer jetzt sagt, selber schuld, wenn man die Konzentrationsfähigkeit verliert, dann stimmt das. Aber wie gesagt, im Umgang mit Kindern und Jugendlichen ist etwas anderes, weil die Eigenverantwortlichkeit für das eigene Handeln einfach noch teildelegiert wird an zB. die Eltern.

Ich glaub auch, dass diese Diskussion zu ein einem Gut/Böse-Schema führen kann. Wie Ametsreiter richtig gesagt hat, Social Media ist, die Applikationen entwickeln sich weiter und das kann ohnehin niemand verhindern. Aber insbesondere im pädagogischen Bereich halte ich die Auseinandersetzung für wichtig. Es geht um Medienkompetenz, also Kompetenz im Ungang mit Medien – und auch der gehört erlernt.

Sabine Gretner spricht in ihrem Blog heute die Frage der gesellschaftlichen Entwicklung an, der Entsolidarisierung und ob uns Facebook & Co weiterbringen. Auch wenn ich ihre Bedenken nicht unbedingt in dieser Form teile, aber der Reflexionsraum für unser verändertes soziales Verhalten fehlt weitgehend.  Denn eines ist sicher nicht der Fall: dass alles so wie früher ist, nur durch paar Technologien ergänzt. Unser Kommunikations- und soziales Verhalten ist durchaus massiven Veränderungen unterworfen. Mit gesellschaftlichen Chancen und Gefahren.

Insofern eigentlich positiv, dass man gestern sehr unterschiedliche Zugänge präsentieren und diskutieren ließ.


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