Politikkongress 09 in Berlin: #unibrennt ist internationales Vorzeigebeispiel einer politischen Bewegung

26 11 2009

Wie schon in den vergangenen Jahren bin ich auch heuer wieder beim Politikkongress in Berlin, einem der der Szenetreffs für Politikberater und politische Kommunikatoren – mit starkem Bezug zwar zur deutschen Innenpolitik, aber eben nicht nur.

Ein kurzes, schnelles Posting zur diesmal bereichernden Keynote Speech von Prof. Peter Kruse, während diverse Auslandskorrespondenten Erwartungshaltungen an die deutsche Regierung diskutieren (was mich nicht soooo interessiert)

Prof. Peter Kruse ist geschäftsführender Gesellschafter der nextpractice GmbH in Bremen und  Honorarprofessor für Allgemeine und Organisationspsychologie an der Universität Bremen. Der Titel seines Vortrags lautet “Die Magie emotionaler Resonanz: Agenda Setting durch kollektive Akteure”.

Klar, das Web ist Thema und wie es politische Organisation und Kommunikation massiv verändert und verändert hat. Ein paar kurze Streiflichter – subjektiv aus meiner Sicht ausgewählt und kontextualiert (wie alles im Leben)

  • Eh klar: massives und extrem rasches Wachstum der Beteiligungsmedien wie Facebook, Twitter und co. Es wird differenziert zwischen dem ersten Zugangsboom (erinnere “Bin ich drin?” von Boris Becker) zwsichen 98 und 2003 und dem Beteiligungsboom in den vergangenen 3-4 Jahren.
  • Was 1999 im Cluetrain Manifesto proklamiert wurde, wird jetzt Realität
  • Viele deutsche Politiker sind sehr weit weg vom Internet.  siehe
  • Kruse bringt viele Beispiele. Wie Jack Wolfskin,  Obama´s Mobilisierungsspot, das nicht funktionierende Plagiat von Guido Westerwelle etc. Einige wenige Beispiele sind nicht ganz gut gewählt. So meine ich, dass z.B. Susan Boyle kein Produkt der sozialen  Netzwerke ist, sondern des Fernsehens. Aber Kruse hat den absolut entscheidenden Punkt für Politikkommunikation identfiziert:
  • Es geht um die Resonanzfähigkeit und emotionale Anbindung eines Themas. Empathie wird zur Schlüsselkompetenz. (dazu ein ander mal mehr)
  • Politische Bewegungen im Netz sind nicht nur eine Jugendbewegung, sondern greifen über viele Altersrgruppen hinweg.
  • #unibrennt ist DAS Paradebeispiel für eine erfolgreiche politische Bewegung. Kruse hat die Entwicklung nachskizziert, inkl. dem Übergreifen auf Universitäten in ganz Europa. Man kann sagen was man will, die Bewegung ist von Wien ausgegangen und z.B. in Deutschland nicht ohne politischen Erfolg geblieben.
  • Die repräsentative Demokratie und ihre herkömmlichen institutionellen Vertreter stecken in einer Krise. Die Machtmuster ändert sich derzeit. Neue Macht formiert sich. Im und durch das Netz.
  • Trasparenz wird zur faktischen, selbstverständlichen Notwendigkeit, nicht zum Luxus. Taktisches Kommunizieren kann zum Bumerang werden.
  • Partizipation ist DAs große Thema der Zeit
  • Kenntnis der emotionalen Resonanz wird zum entscheidenden Faktor

So weit, so kurz.





Über Widersprüche am Weg aus der Krise unserer Zeit und die Möglichkeit, mehr darüber zu erfahren…

25 11 2009

Die GRÜNEN hatten vergangenen Sonntag beim Zukunftskongress ein Experiment gestartet, das viele richtige Signale beinhaltet. Insbesondere die Öffnung der Partei Richtung InteressentInnen und den Wunsch, sich inhaltlich weiterzuentwickeln. Siehe auch ua. die Blogs von Armin SoykaJohannes Rauch, Uschi Scharzl, Gabi MoserGebi Mair, kritisch im Sudelbuch und die vielen Tweets dazu . Auch die mediale Berichterstattung war breit, wiewohl so ein Format natürlich keine leichten Kernbotschaften für die klassichen Medien bietet.

Eine kulturelle Herausforderung, da man als Partei automatisch in eine Verteidungsrolle gedrängt wird, wenn man Offenheit zulässt und damit angreifbarer wird. Man kann auch nach über 20 Jahren nicht so tun als ob so ein Prozess komplett bottom-up funktionieren könnte. Dafür ist die inhaltliche Erwartungshaltung an eine Parteispitze zu hoch. Man erwartet sich von Politikern einfach, dass sie auch ungefähr wissen, wo es lang gehen kann – auch wenn Positionen und Vorschläge veränderbar und weiterentwickelbar sind. Insofern war der Ansatz, zunächst einen Input zu liefern und dennoch die Einladung offen zu gestalten, richtig. Es mischt sich sozusagen Top-Down methodisch mit Bottom-Up. Oft geht es einfach auch nur darum, die richtigen Fragen zu stellen.

Inhaltlich interessant sind vor allem die Widersprüche, denen man sich nahezu zwangsläufig stellen muss. Etwa beim Thema Wirtschaftswachstum. Die Diskussion hat das gut gezeigt. Einerseits ist die Wachstumsphilosophie in unser Denken nahezu internalisiert worden. Es gibt fast keine realpolitische Alternative, wenn wir aktuell Arbeitslosigkeit verhindern wollen.

Andererseits wissen wir, dass Ressourcen endlich sind und unser Ökosystem die jetzige Form des Wachstums nicht verträgt. Siehe fossilen Energieverbrauch – siehe Klimawandel. In ein Modell, das eine Alternative darstellen könnte, traut sich noch kaum jemand. Dass aber systemische Faktoren unseres Wirtschaftens und Lebens diskutiert werden, ist schon mal ein wertvoller Schritt, denn der Weg aus der Krise wird nicht als “more of the same” funktionieren.

Eine nächste Gelegenheit, einer angeregten Diskussion mit renommierten Experten zu folgen und mitzudiskutieren, wird es am 1. Dezember geben, wenn Alexander Van der Bellen zum zweiten mal zu einem  Gespräch “Über den Tellerrand” einlädt. Nicht nur weil ich diese Veranstaltung mitkonzipiert habe, hier die Einladung und eine ausdrücke Empfehlung. Wer weiß, vielleicht dient gerade dieser Abend dazu, einige der Wirkungsweisen unseres Wirtschafts- und Energiesystems noch verständlicher zu machen. Das Aufeinandertreffen eines Wirtschaftsprofessors und Spitzenpolitikers mit einem Energieexperten und einem Ölmarktanalysen, der die Börsen sehr gut kennt, verspricht spannend zu werden.

Denn eines ist der Weg aus der Krise sicher nicht: einfach!

Kommt nach der Weltwirtschaftskrise wieder ein neuer Ölcrash?

Alexander Van der Bellen im Gespräch mit dem Ölmarkt-Analysten
Johannes Benigni
(JBC Energy) und Energieexperten Michael Cerveny (ÖGUT)

Datum: Dienstag, 1. Dezember 2009, 18:30 Uhr, Eintritt frei
Ort: Haus der Musik, Annagasse 4, 1010 Wien

Moderation: Ute Woltron
Im Anschluss Buffet und Getränke.

Bitte melden Sie sich unter event(at)gruene.at an.

Der Höhenflug der Rohölpreise im Jahr 2008 wurde durch die weltweite Wirtschaftskrise vorläufig gestoppt. Aber wie entwickeln sich die Energiepreise, wenn weltweit wieder das Wirtschaftswachstum greift? IEA, McKinsey und weitere renommierten Institute sagen eine massive neue Ölkrise für den Zeitpunkt voraus, ab dem sich die Weltwirtschaft wieder substantiell erholen sollte. Wie sind die Rohstoffmärkte in Zukunft einzuschätzen, insbesondere der Rohölmarkt? Sind jene primär „spekulationsanfällig“ oder ist der Peak Oil schon erreicht? Was bedeutet das Wechselspiel zwischen Energiemärkten und Wirtschaftsentwicklung für die Politik?

Die Veranstaltung ist Teil 2 einer neuen Gesprächsreihe, in der Alexander Van der Bellen mit renommierten Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik über wesentliche Fragen zur internationalen Entwicklung diskutiert.





COP 15: Apokalypse No Na? Nein, weil das WANN nicht egal ist.

24 11 2009

Wir leben in einer komplexen Welt. No doubt about that! Auch ob dieser Tatsache ist das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Medien nicht frei von Spannungen. So auch heute, als der renommierte Glaziologe Prof. Georg Kaser von der Uni Innsbruck brandaktuelle Untersuchungsergebnisse zum Klimawandel präsentierte.

Kaser ist Teil einer internationalen Forschergruppe bestehend aus 26 WissenschafterInnen, die teilweise an früheren IPCC-Berichten beteiligt waren, und heute in mehreren Teilen der Welt ihren Bericht “Copenhagen Diagnosis” präsentierten. Kaser ist Wissenschafter genug, um die Unsicherheiten von Klimamodellen nicht zu verleugnen, und zugleich ist er dennoch keineswegs einer der sog. Klima-Skeptiker, die den Klimawandel auf Basis des menschgemachten Treibhauseffekts in Abrede stellen. Im Gegenteil: Der Bericht kommt zum Resumée, dass einige Aspekte des Klimawandels früher und stärker eintreten werden bzw. schon eingetreten sind als noch vor wenigen Jahren durch das IPCC (International Panel on Climate Change) vermutet.

Der vollständige Bericht der Wissenschaftergruppe ist auf dieser Website zu finden. Hier nur ein paar Beispiele, damit der Umfang eines Blogbeitrags nicht wieder gesprengt wird.

Die globale Kohlendioxid Emissionen aus fossilem Brennstoff waren im Jahr 2008 fast 40% höher als 1990. Legt man die aktuellen CO2-Daten der vergangenen Jahre über die IPCC Prognosen, zeigt sich, dass die Linie dem schlimmsten Anstiegsszenario folgt. Wir haben also global noch gar nichts erreicht. Trotz Kyoto.

Dieses Szenario des  IPCC hatte übrigens gar nicht mehr im Executive Summary Niederschlag gefunden. Es ist somit nicht Teil der politischen Schlußfolgerungen der IPCC Berichte geworden.

(click to enlarge/alle Graphiken: The Copenhagen Diagnosis, 2009: Updating the World on the Latest Climate Science)

Die Temperaturerwärmung findet bereits statt. Die berühtem 0,6 Grad C globale Durchschnittstemperatur seit 1850 verteilen sich natürlich unterschiedlich. Auch in den vergangenen zehn Jahren hat sich der Erwärmungstrend fortgesetzt, obwohl sich solare Einflüsse vermindert haben und andere Kühlungseffekte temporär eingesetzt  haben. Natürliche, kurzzeitige Schwankungen kommen wie gewohnt vor, aber es gab keine einschneidenden Veränderungen im grundlegenden Erwärmungstrend.

Einige der Modelle werden von den aktuellen Beobachtungen sogar übertroffen. Beispiel das Eis der Arktis. Es schwindet schneller und stärker als nach den Projekten der Klimamodelle zu erwarten war. Der Eisverlust war in den Sommern der Jahre 2007 bis 2009 jeweils um rund 40 Prozent größer als der Mittelwert der IPCC Berechnungen 2007. Bad News auch aus Grönland und von der Antarktis. Sowohl der Grönländische als auch der Antarktische Eisschild verlieren an Masse.

In der Studie sind auch weitere Beispiele erwähnt, die zeigen, dass die globale Temperaturerwärmung weitreichende Folgen hat. In diesem Zusammenhang will ich auch auf die Rolle der Städte verweisen, die kürzlich in diesem WWF Bericht geschildert wurde.

So, und jetzt zum entscheiden Punkt. Die Prognosen ergeben, dass wir – wenn wir nicht ausreichend und schnell handeln – mit einem massiven Ungleichhewicht äquivalent +6 bis +7 Grad C bis 2100 zu tun haben werden. Der Guardian hatte letzte Woche schon über die +6 Grad bis 2100 berichtet. Aber wichtig ist, was heißt die Prognose der globalen Temperaturerhöhung? Hier geht es nicht darum, sich die +6 oder +7 Grad Erdoberflächentempetaur wie Wärme auf der Haut vorzustellen, sondern wir reden vom energetischen Ungleichgewicht,  das wir unserem Klimasystem zumuten. Dem Klimasystem wird durch Treibhausgase Energie zuführt, die dieses Ungleichgewicht auslöst. Die Projektion entspricht eben einem Äquivalent von +7 Grad C, mit allen den Folgen wie Stürmen und Unwettern, Meeresspiegel-Anhebung, Permafrost Schmelzen, Gletscher etc.

Das Bild des Energiezuführens ist wichtig, denn dadurch ist es auch nicht egal, wann wir die Treibhausgase reduzieren. Je später wir damit beginnen, desto mehr müssen wir reduzieren. Es geht nicht darum, irgendwie bis 2050 um 80 – 90 % zu reduzieren, sondern wir müssen den Gesamttreibhausgaseintrag der kommenden Jahrzehnte massiv verringern. Schauen wir uns die Szenarien und wir wissen:

Leute, zaht´s an in Kopenhagen!

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Kleine nachträgliche Ergänzung. (21:35)

Medienberichte zur Studie sind mittlerweile auch ua. auf Spiegel Online, Standard Online, Zeit.de, orf at etc. verfügbar.





Genau so macht man´s: Präsident 2.0

23 11 2009

Es ist ja lustig. Dass ausgerechnet der Routinier der österreichischen Politik, einer der an Jahren Älteste zeigt, wie man das Web richtig einsetzen kann. Die Idee, die Ankündigung seiner Kandidatur exklusiv auf der Website zu launchen, ist wirklich gut. Über Twitter streut sich kurz davor die Botschaft, dass der Bundespräsident um 10.45 seine Ankündigung per Video auf http://www.heinzfischer.at rauslässt. (Dank an Max Kossatz und Niko Alm für den Hinweis)

Tatsächlich, relativ pünktlich der Release. Eine OTS-Aussendung erst knapp darauf. Kein exklusives Interview in einem Medium, keine Pressekonferenz, sondern nur Web und OTS. Für alle zugänglich – zur gleichen Zeit.

Für manche auch zu schnell, denn orf.at hat um  11.10 immer noch keine Meldung dazu.

Warum das gelungen ist:

  • Weil´s exklusiven Informationszugang über Web vermittelt – kein Filter eines Mediums davor
  • Weil´s professionell produziert ist und zugleich dennoch eine spezifische Heinz Fischer Note trägt
  • Weil´s vermittelt: Heinz Fischer geht auch neue Wege.
  • Weil der Zeitpunkt selbstbestimmt ist. Klar hat jeder damit gerechnet, aber es zeigt gewisse Stärke, wenn man selbst entscheidet, wann man die Kandidatur ankündigt.

An seiner Amtsführung mag man manches kritisieren (hält sich aus vielem raus; konfliktscheu etc.), aber in Sachen Stil muss man sagen: Respekt!





Einen Monat vor COP 15: Was man gerade jetzt über den Klimawandel wissen sollte

8 11 2009

Gestern bin ich der Einladung des Klima- und Energiefonds zur Langen Nacht der Forschung gefolgt, bei der in der Urania  Meinungs- und Motivforscherin Sophie Karmasin, Zukunftsforscher Matthias Horx und Klimawissenschafterin Helga Kromp-Kolb referierten. Horx, immer wieder als Klimaskeptiker öffentlich in Erscheinung getreten (siehe dieses Interview in der Kleinen Zeitung), präsentierte durchaus launig einige Aspekte zu Energiefragen (Auto der Zukunft, Smart Grids) und sein neues Buch. Kromp-Kolb aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel und was jener mit uns Menschen zu tun hat.

Die anschließende Diskussion war durchaus nicht frei von Konflikten, was durchaus lobenswert ist, denn nix faderes als Diskussionen, wo sich alle einig sind. Interessant vor allem die Konfliktpunkte zwischen Horx und Kromp-Kolb. Während Horx wie immer den Optimismus und Technikglauben predigt (was nicht falsch ist, aber systemische und strukturelle Aspekte außer Acht lässt), verwies Kromp-Kolb sehr wohl darauf, dass unser Lebensstil, der Konsumismus, Produktionsweisen und z.B. gesellschaftliche Verantwortung relevante Faktoren sind. Auch das Future Evolution House von Horx, das nächstes Jahr fertig sein soll, war Anlaß zur Diskussion, da wesentliche ökologische Aspekte  – auch der Energieverbrauch – nicht angeprochen werden. Wir sind gespannt.

Mein große Hochachtung gilt jedenfalls insbesondere Helga Kromp-Kolb, die Diskussion immer sachlich und dennoch mit klarer Haltung führt, und auch einen Matthias Horx darauf hinweist, wenn er sich allzu billige Lacher aus dem Publikum abholt (wobei gegen ein Hauch Ironie nichts zu sagen ist). Wer die öffentlichen Auftritte von Helga Kromp-Kolb über einen längeren Zeitraum verfolgt, weiß, dass sie immer neue Fakten und Aspekte präsentiert und nie immer nur eine Standardpräsentation runterspult. Sie versteht es, transdisziplinär zu denken und die Erkenntnisse der Klimaforschung mit Fragen der Energieversorgung und des Lebens allgemein zu verknüpfen. Dafür ist ihr wirklich zu danken, denn es gibt nur sehr wenige öffentliche Persönlichkeiten aus der Forschung, die das verständlich schaffen.

Auch im Rahmen des Vienna Energy Talks, einer Präsentationsreihe, die sich primär dem Format Youtube widmet, hat Helga Kromp-Kolb einen rund 10minütigen Vortrag gehalten. Klimaforschung ganz kurz, und dennoch präzise. Inhaltlich lag der Schwerpunkt auf den Bezug zur Energieversorgung. Hier ihr Vortrag. Die 10 Minuten sind – genau einen Monat vor COP 15, der Klimakonferenz in Kopenhagen –  gut investiert:





#unsereuni: eine Würdigung und nüchtern betrachtete Szenarien

2 11 2009

Viel wurde in den vergangenen Tagen über #unsereuni bzw. #unibrennt, also die Besetzung des Audimax und anderer universitäter Einrichtungen, geschrieben und diskutiert. Sowohl in Printmedien (mit klassischer Aufteilung zwischen sympathisierendem Standard und in diesem Fall reaktionär angehauchter, kritischer Presse), noch mehr online. Ich verfolge immer wieder Diskussion auch auf dem Livestream, auch das  was Neues. Für alle jene, die das nicht ohnehin laufend verfolgen und entsprechende Empfehlungen als redundant empfinden, verweise will ich dabei insbesondere auf die sehr lesenswerten Blogs von Tom Schaffer, Martin Blumenau; und in Sachen Politics 2.0. sehr empfehlenswerte Beiträge von Jana Herwig auf digiom, Helge, Luca Hammer, Niko Alm und Philipp Sonderegger.  Auch Misiks aktuelle Standard TV Folge beschreibt vieles richtig.

Da diesbezüglich schon so viel richtiges geschrieben wurde, will ich nur einige Beobachtungen und Gedanken aus den vergangenen Tagen auf guensblog reflektieren und auf Basis dessen den nüchternen Versuch unternehmen, Szenarien durchzudenken, wie denn das alles weitergehen könnte.


Ein anderer Maßstab: #unibrennt ist eine Bewegung, keine Kampagne

In den ersten Tagen des Protests dachte ich mir noch, super, dass sich wieder was tut an der Uni, aber was wollen sie denn erreichen? Ihr Anliegen war mir eigentlich noch nicht ganz klar. Hier kommt natürlich die klassische Denke heraus, der man erliegt, wenn man seit vielen Jahren mit Politikkommunikation und Kampagnen zu tun hat: Was ist das Anliegen? Was ist das Ziel? Wer ist der Gegner, wer die Bündnispartner? Welche Instrumente haben wir? Welche Maßnahmen ergreifen wir? Wer ist der Träger des Anliegens? etc.

Der Punkt ist aber, die AudiMax Besetzung ist eben keine klassische, durchgeplante Aktion oder Kampagne einer Interessensvertretung, die was im Sinne ihrer mission erreichen will, sondern sie ist emergent entstanden. Das hat wohl niemand geplant, sondern auf einmal ist der Funke übergesprungen – genährt durch Emotion (Wut, Ärger, auch Frust), dem Zusammentreffen der StudentInnen zu Semesterbeginn in noch verschärfterer unmittelbarer Uni-Situation,  und unterstützt durch das unglaublich organisationsfähige Web 2.0.

Und nicht zu vergessen: Menschen. Akteuren, die nicht sich selbst in den Vordergrund stellen, sondern das Kollektiv und die diversen Anliegen. Das gehört auch zum Besonderen.

Emergenz statt abgebrühtem, politischen Aktivismus

Bewegungen sind nicht planbar, sondern sie entstehen meist emergent. Emergenz heißt übrigens nicht, dass sie völlig zufällig entstehen. Es ist unglaublich wichtig, das die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zusammenkommen.  Dafür kann man wiederum sorgen und Settings schaffen, allerdings idealerweise ohne Erwartungshaltung, was zu passieren hat. Dieser emergente Ursprung ist übrigens zugleich die Stärke des Protests. Nämlich dass es eben keine klassische Organisationsform gibt, wie etwa eine ÖH. Die macht meiner Meinung nach genau das richtige, indem sie sich solidarisiert, einer von vielen Akteuren ist, aber sich nicht in das Zentrum setzt. Eine ganz schwierige Gratwanderung, weil man für die offizielle Politik sehr wohl Ansprechpartner ist und in die klassische Delegationsfalle getrieben wird. Das letzte, was die Studierenden bzw. die BesetzerInnen brauchen, ist zugleich Vereinnahmung. Weder durch die öH noch durch andere politische Kräfte. Genau deshalb wird die Regierung die ÖH als Gegenüber forcieren, um die innere Spaltung der Protestbewegung voranzutreiben. Puhhh, nicht leicht der Umgang damit.

Zum Thema Emergenz sei noch der Klassiker “Emergence” von Steven Johnson empfohlen (Dank für diesen Hinweis vor einigen Jahren an Netzwerkforscher und Philosoph Harald Katzmair)

Trotz dieser Begeisterung steht natürlich immer die Frage im Raum, wie soll das weitergehen? Was steht am Ende?

Ich erlaube bei mir eine nüchterne Betrachtung quasi “von außen” und sehe  auf die schnelle fünf Szenarien 5 mögliche Szenarien:


1. Man verhandelt und macht Politik von und für Studierende.

Aber was verhandelt man? Da #unibrennt eben keine Kampage, sondern eine Bewegung darstellt, gehen die Anliegenweit über eigene, klassische Klientel-Anliegen hinaus. Einige der Forderungen sind nicht unmittelbar umsetzbar bzw. auch zu hinterfragen, aber das ist gar nicht der Punkt. Sehr wohl wäre relevant, was wäre dann der Erfolg nach Verhandlungen?

Wenn man was rausholen kann, fein. Aber was bietet man? Rückzug für eine paar Millionen mehr für die Unis und eine symbolische aber wohl bald weitgehend wertlose Faymann-Garantieerklärung, dass keine weiteren Studiengebühren kommen. Die Regierung vermittelt in der aktuellen Situation, hier nicht wirklich was anbieten zu können.

2. Die Ministerlücke als Chance

Jede/r, der oder die sich jetzt auf das Wissenschaftsressort einlässt, ist gut beraten, sich VOR Amtsantritt mit VP-Chef und Finanzminister Pröll, Zusicherungen geben zu lassen. Und zwar weitgehende. Oder anders: wer sich ohne Zusicherungen zum Minister machen lässt, ist eigentlich schon verloren und für dieses Amt politisch wohl ungeeignet. Diese Lücke ist für die BesetzerInnen gut nutzbar, denn die eigentlichen Verhandlungen finden möglicherweise durch die Ministerentscheidung statt und nicht danach.

Die Einschätzung ist vielleicht etwas spekulativ, aber unipolitisch scheint mir das nicht ganz irrelevant.

3. Sie sind gekommen, um zu bleiben

#unibrennt hat viel Energie. So wie vielleicht zuletzt in den Tagen kreativer Protestaktionen gegen schwarz-blau. Doch Vorsicht. Die ÖVP hat während Schwarz-blau eines bewiesen. Dass sie sehr gut im Aussitzen ist. Der Widerstand ist damals erschöpft verebbt. Pröll ist zwar nicht Schüssel. Und der Partner ist auch bissl ein anderer. Aber man müsste möglicherweise lange durchhalten (bis zu den Wahlen 2010?) Den aktuellen Energielevel über lange Zeit aufrecht zu erhalten, ist sehr sehr schwer, insbesondere wenn man nicht das eine Anliegen hat, sondern viele. (ich vergleiche hier mit diversen Besetzungen für Umweltanliegen, die aber meist ein sehr konkretes Projekt pro oder meist contra anvisieren)

4. Eskalation

Ermüdung, Erschöpfung,  Wut. Auch wenn es sich manch Reaktionäre wünschen würden, genau für das Eskalationsszenario wirken die Akteure dieser Bewegung zu vernünftigt. Vernunft und Frechheit schließen einander nicht aus. Die BesetzerInnen vermitteln dankenswerterweise, sie machen das für ihre Zukunft und nicht um den revolutionären “Heldentod” (symbolisch gesprochen) im Kampf gegen die staatliche Hoheit zu erleiden. Dieses starke Kollektiv braucht generell keine Helden.

5. Neue Allianzen und ein Zeichen, an dem die Politik nicht mehr vorbei kann

Das Bildungsthema ist zentral und zugleich komplex. Wenn es ausschließlich um die universitäte Forschung und Bildung ginge, wäre die Sache einfacher. Aber es geht um mehr. Neue Allianzen könnten hier möglicherweise ein wirkliches Zeichen hinterlassen. Eben weil es den BesetzerInnen nicht nur um sich selbst und das eigene Klientel geht, sondern um mehr. Bildung muss ins Zentrum der Politik. Nicht trotz sondern gerade wegen der Finanzkrise, die möglicherweise in den kommenden Jahren noch ihre eigentliche Fratze zeigen wird. (“Apokalypselater”)

Die Schülerdemo vor einigen Monaten hat gezeigt, das was geht. Da war auch Wut und Lust am Protest zu spüren. Die Schüler haben´s nur schwerer, weil sie in den Fängen organisierter Interessensvertretung sind und wenige Orte haben, wo unterschiedliche Gruppen zusammenkommen. Vielleicht sind aber grad deshalb die Studierenden ihre Chance?

Pädagogen aus Schule und Kindergarten, die ohnehin grad Anlaß zum Protest haben, könnten sich erheben und mehrere andere Gruppen aus Bildungsinstitutionen. Aber warum nicht auch Eltern, die ein Zeichen setzen wollen? Ein gemeinsames Zeichen, von ähnlicher symbolischer Kraft wie das Lichtermeer damals. Eines, an das man sich viele viele Jahre erinnern wird, und an dem die Politik einfach nicht mehr vorbeikommt um endlich die Bildungspolitik ins Zentrum zu rücken…das könnte so ein Ziel ein. Mehrere Beiträge haben das schon angedeutet, zuletzt etwa Doris Knecht in ihrer Kurier-Kolumne. Die Demo war vorige Woche schon ein sehr gutes Zeichen. Auch wenn es nicht 50.000 TeilnehmerInnen waren, aber mehr als 10.000 alle mal.

Was auch immer passieren wird. Es knistert wieder mal in Österreich. Und das ist in einer oft erstarrten österreichischen Politkultur nur gut so.