Nach-Kopenhagen, Teil 2: warum es dennoch Klimakonferenzen braucht

23 12 2009

Etwas später als erhofft, hier ein paar weitere Überlegungen zur Klimakonferenz in Kopenhagen. Teil 1 handelte ua. von den politisch falschen (und zugleich inhaltlich richtigerweise hohen) Erwartungshaltungen an die internationale Staatengemeinschaft, dem ewigen Hoffen auf messianische Erlösung durch Obama und Leadership durch die USA, der Rolle der NGOs, den schwierigen Prozeduren der UNO und warum zu niedrige Ziele mehr Schaden anrichten als gar keine Ziele. Heute will ich mich noch kurz der Bedeutung im Umfeld und den Medien in Österreich widmen.

Zuvor noch ein paar Hinweise. Interessanterweise sind in den vergangenen Tagen einige relevante Punkte auf internationaler Ebene diskutiert werden. Besonders zu empfehlen ist dabei der Guardian Online, aber auch die Zeit. Ein gutes Zeichen, Kopenhagen ist noch nicht vergessen. Man geht nicht einfach weiter auf der Tagesordnung. Folgende Beiträge will ich empfehlen:

  • Mark Lynas im Guardian zur unrühmlichen Rolle Chinas und der Veränderung in internationalen Machtgefüge. Ein Kernsatz: “Copenhagen was much worse than just another bad deal, because it illustrated a profound shift in global geopolitics.
  • Nicht unähnlich diese Analyse und Übersicht von Morten Andersen auf der COP15 Website.
  • Besonders beleuchtet wird die interessante Rolle von Ed Miliband in Kopenhagen – nicht nur aus britischer Sicht. In diesem Artikel ist auch eine sehr gute Auflistung der mE immer noch unterschätzten Schlupflöcher im UN-Klimaregime.
  • Nochmals Ed Miliband zur zuletzt angesprochenen Frage der mühsamen UN-Prozeduren
  • Lesenswert auch dieses Resumee in der Zeit. “Vielleicht ist beim Klimaschutz eine wichtige Voraussetzung für ein globales Miteinander nicht gegeben. Wie Tomasellos Untersuchungen zeigen, beruht die Kooperationsfähigkeit von Menschen auf ihren gemeinsamen lebensweltlichen Erfahrungen, auf die sie sich unausgesprochen beziehen. Dieser Grundstock gemeinsamer Erfahrungen fehlt uns offenbar.
  • Diese Einschätzung von Naomi Klein halte ich ehrlich gesagt für falsch. Obama-Bashing ist jetzt sicher schwer im Kommen und natürlich auch in einigen Bereichen gerechtfertigt (what change?), aber Obama für das kollektive Versagen der Staatengemeinschaft in Kopenagen die Schuld zu geben, entspricht genau der alten World Leadership-Denke.

Kopenhagen hat viel ausgelöst…im Umfeld!
Ein Aspekt, warum meines Erachtens Klimakonferenzen dennoch wichtig sind, hat wenig mit den unmittelbaren politischen Resultat zu tun als mit dem Effekt, der im Umfeld auslöst wird. Es wird auf einen Anlaß hinfokussiert.

Z.B. gibt es eine Reihe von Initiativen und Veranstaltungen, die sich als Anlaß auf die Vertragsstaatenkonferenz beziehen, aber nicht Teil der Verhandlungen sind. Die Dänen waren da – um mal etwas Positives über ihre ROlle zu sagen – extrem engagiert, insb. die Stadt Kopenhagen. Ob die Bright Green Expo, die sehr engagierten Copenhagen Climate Exchange Tage oder das Copenhagen Climate Council mit vielen prominenten Köpfen aus Business und Wissenschaft, die ua dieses Manifest veröffentlicht haben.
Nicht zu vergessen ist das Bündeln vieler zivilgesellschaftlicher Kräfte auf diesen einen Event, wo viel Neues entsteht. Neue Kooperation, neue Projekte, neue Energie.
Das hat alles hat offenbar derzeit zu wenig Einfluß auf die unmittelbaren politischen Ergebnisse, aber dennoch hat es auch für sich stehend politische Energie, die mit dem COP 15-Misserfolg nicht verpufft.

Kopenhagen hat viel ausgelöst…auch in österreichischen Medien!
Um´s deutlich vorweg zu sagen: Hätte es nicht die Klimakonferenz in Kopenhagen gegeben, hätte der Klimawandel/Klimaschutz in der Gesamtheit der österreichischen Medien null Bedeutung! Und zwar wirklich Null! Und auch  das ist eine Rolle solcher Konferenzen: Mediale Aufmerksamkeit.
Links (click to enlarge) eine kurze Übersicht darüber, an wievielen Tagen pro Monat der Klimaschutz/Klimawandel ein bestimmendes Thema der innenpolitischen Berichterstattung war. Wir machen regelmäßig Themenauswertungen (Basis sind ZIB 1 und 2 bzw. die österr. Tageszeitungen); ich habe hier den Klimaschutz rausgefiltert. Als bestimmendes Thema gilt es dann, wenn es an einem Tag in mehreren Medien entsprechend Platz einnimmt oder eine Titelstory ist, die auch in anderen Medien aufgenommen wird. Man sieht, dass sich Richtung Dezember einiges getan hat. Bezugspunkt war ab Oktober die Klimakonferenz in Kopenhagen und die schlechte Klimabilanz Österreichs. (u.a im Parlamentsondersitzung der GRÜNEN). Ansonsten fehlt es dem Thema an den klassischen Eigenschaften für innenpolitische Berichterstattung: an (inszeneniertem) Konflikt und Polarisierung, konkreten mediendramaturgisch relevanten Anlässen, die häufigere Berichte stimulieren könnten. Klimaschutz ist schlicht kein politisch gewichtiges Thema. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass abgesehen vom Dezember der Streit darüber, wer Österreichs EU-Kommissar werden soll deutlich mehr Präsenz hat. Nicht ob seiner (unzweifelhaften) Bedeutung, sondern ob des Streits in der Regierung. So sind unerfreulicherweise die Medienmechanismen.

Es braucht also Klimakonferenzen wie in Kopenhagen. Nicht nur ihrer ursprünglichen Bestimmung wegen. Wenn Hans Kronberger meint, Klimakonferenzen abschaffen, übersieht er den Umfeldeffekt. Inflationär braucht es diese Konferenzen nicht, aber zugespitzte Highlights sind wichtig, um die Bedeutung des Themas ins Bewusstsein zu rücken.

Denn der Motor des Klimaschutzes ist nicht ein UN-Abkommen, sondern sind andere Akteure. Städte, Gemeinden, Regionen, Unternehmen, Privatinitiativen- und personen. Dieser Zug rollt dennoch. Noch nicht schnell genug, aber stehen bleiben wird er nicht; auch wenn viele Schienen noch zu legen sind.

Mein Gott, wie metaphorisch. Zeit für ein bisschen Weihnachten 😉





Warum Hopenhagen eine Illusion war und Flopenhagen dennoch wichtig

21 12 2009

Keine Frage: die Ergebnisse von COP 15 in Kopenhagen sind eine Enttäuschung. Es gibt kein Agreement der Vertragsstaaten zur UN-Klimarahmenkonvention (die übrigens immer noch Basis allen Handelns auf internationaler Ebene ist). Die von US-Präsident Barack Obama federführend politisch ausgehandelte, weitgehend unverbindliche Übereinkunft wurde vom Plenum nur zur Kenntnis genommen und beinhaltet auch keine Reduktionsziele bis 2050. So weit, so bekannt.

Und hier meine nur provokant klingende Einschätzung: Der Klimagipfel ist – trotz aller Post-COP Bekundungen von Obama, Merkel und den Chinesen – gescheitert und vielleicht ist das genau das beste, was passieren konnte. Ich habe die letzten Tage der Klimakonferenz recht genau verfolgt. Großartigerweise wurden viele Plenary Session und Pressekonferenzen live übertragen. Nachdem ich 1995 und 1997 die Gelegenheit hatte, als NGO-Vertreter und Mitglied der österreichischen Regierungsdelegation COP 1 in Berlin und COP 3 in Kyoto zu erleben, kenne ich die Prozeduren noch relativ gut. Prozeduren und Formalismen, die es auf UN-Ebene braucht, um über 190 Staaten zu organisieren. Doch genau hier liegt das Problem. Ein paar Beobachtungen samt Einschätzungen:

Alles eine Frage der Erwartungshaltung

Ehrlich. Wer dachte, dass die UN-Klimakonferenz bei dieser Auslangslage tatsächlich eine klimapolitische Wende einleitet, war naiv. Ich erlaube mir ja manchmal selbst Naivität, wenn´s um die Rettung des Planeten geht. Aber den Glauben, dass es sowas wie weltpolitisch kollektive Vernunft gibt; den hab ich verloren. Es geht um Interessen, insbesondere in der Frage globaler Gerechtigkeit zwischen “Nord-Süd”. Aber in einer Welt, wo rund 1 Milliarde Menschen an Hunger leiden, obwohl Nahrungsmittel für deutlich mehr als die Weltbevölkerung verfügbar wären, braucht es nicht zu wundern, dass sich auch beim Klimawandel die internationale Solidarität in Grenzen hält.

Wie Christoph Chorherr in seinem Blog richtig schreibt, ist es schlicht eine Unmöglichkeit, dass sich über 190 Staaten – mit teils völlig unterschiedlicher Interessenslagen –  auf ein ambitioniertes, anspruchsvolles, verbindliches Ziel und entsprechende Maßnahmen einigen. Auch die Zeit Online geht auf dieses Argument ein.

Staatschefs aus aller Welt auf der Klimabühne: ein starkes Zeichen und zugleich ein Riesenproblem

Dass die Klimakonferenz in Kopenhagen zu DEM größten Umweltanlaß der letzten Jahre, vielleicht sogar der Geschichte geworden ist, ist beachtlich. Bilder wie jenes links sieht man selten mit umweltrelevantem Bezug. Dem Thema wurde so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie noch zuvor. Das ist einerseits großartig und zugleich ein Problem, denn viele der Staatsoberhäupter benutzen das Plenum als Forum für ihre eigenen Issues. Die meisten erzählen, wie super ihre Klimaaktivitäten sind, Boliviens Morales geiselt den Kapitalismus;Venezuelas Chavez die Exklusion vieler Staaten aus Entscheidungsprozessen und sie alle reden nicht nur in den Plenarsaal, sondern auch zu ihrem eigenen Publikum. Ehrlich gesagt: in Kyoto waren damals weniger Staatschefs und es ist mehr weitergegangen.

Einige Staaten haben die Gelegenheit jedoch genutzt, um im Vorfeld nationale Maßnahmen zu beschliessen. Es gibt – und das ist positiv – einige ambitionierte Pläne nun auf nationaler Ebene. Unrühmlich hier übrigens Österreich. Hier hat´s außer der verheerenden Klimabilanz gar nichts gegeben. Ehrlich gesagt: eine umweltpolitische Schande.  Zum Nachlesen: Andreas Lindinger hat in seinem Blog die Rolle Österreichs in Kopenhagen immer wieder kommentiert.

Es gibt keinen Klima-Messias. Das Warten auf Obama war peinlich – für die anderen!

Hier werden mir viele NGO-Vertreter nicht zustimmen, die Leadership von Obama eingefordert haben. Klar, die USA sind mit China der größte Emittent, in alleiniger Führung beim Pro Kopf Verbrauch. Aber auf politischer Ebene zu erwarten, dass Obama alles löst, ist irreführend und nimmt andere Kräfte aus der Verantwortung. So blöd das klingt…aber unter den gegebenen Umständen hat Obama relativ viel erreicht. Das heikle ist meines Erachtens die Phase vor seinem Auftritt: die Paralyse. Es ist immer so bei großen Klimakonferenzen, dass sich alles auf die letzten Tage zuspitzt, wenn die politische Ebene prominent vertreten ist. Aber weil das schon Teil der Show ist, geht eben nichts weiter. Es ist auch nichts Neues, dass das Konferenzende rausgezögert wird, oder wie damals in Kyoto die Zeit angehalten. Aber unter diesem Druck kommt nur ein Kompromiß raus, der nachgerade zwangsläufig unzureichend sein muss. Oder eine unverbindliche Erklärung. Diese Paralyse gehört durchbrochen, indem die Prozedere oder der Rahmen geändert werden. Auch der dänische Vorsitz hat sich nicht mit Ruhm bekleckert; die alleinige Verantwortung trägt er aber nicht. Alle, die vor allem Dänemark die Schuld geben, blenden die strukturellen und teils kulturellen Schwierigkeiten im Entscheidungsprozess auf UN-Ebene aus.

Ein klares Zeichen: so nicht!

Im Gegensatz zu den üblichen Spielchen (siehe oben) hat es aber etwas Außergewöhnliches gegeben. Früher wurden die von den wesentlichen Staaten in kleinem Kreise ausverhandelten Kompromisse letztlich auch im Plenum durchgewunken. Diesmal nicht. Aus völlig unterschiedlichen Motiven haben Entwicklungsstaaten und Betroffene wie Tuvalu gesagt: “Nein, wir akzeptieren das nicht.” Das zeigt einerseits, wie schwierig ein Agreement zu erreichen ist, zugleich heißt das auch für die Zukunft, dass nicht alles durchgeht, was sich die Big Player ausmachen. Das Signal war laut und ist wohl angekommen.

Es ist nicht nix rausgekommen – aber mit wievielen  “ersten Schritten” kommt man auf die Füße?

Der Gipfel ist gescheitert und dennoch gibt es Orientierungspunkte. Das Ziel einer max 2 Grad C Erwärmung ist damit politisch akkordiert; auch Geld wird fließen. Natürlich unzureichend, aber dennoch. Was kaum auszuhalten ist, ist die Rhetorik des “ersten Schrittes”. Es ist die 15. (!!) Vertragsstaatenkonferenz und Kanzler Faymann spricht von einem “ersten Schritt“, Ban Ki-Moon gar von einem “guten Start“? Wieviele erste Schritte muss man gehen, um auf die Füße zu kommen?

Da ist Obamas Rhetorik nach der Konferenz deutlich realistischer. Die Erwartungshaltung Richtung Mexico 2010 würde ich gedämpft halten, denn die Grundlage ist noch nicht weitgehend genug. Aber vielleicht ist Kopenhagen mit Berlin 1995 zu vergleichen. Eigentlich hätte Berlin verbindliche Reduktionsziele bringen soll, aber de facto war das erst zwei Jahre später in Kyoto möglich.

Ein unambitioniertes Ziel schadet mehr als gar kein Ziel

Auch hier provokant klingend, aber ernst gemeint. Ich bin froh darüber, dass das 50% Treibhausreduktionsziel bis 2050 NICHT in die Erklärung eingeflossen ist, weil es schlicht und einfach nicht ausreichend ist! Es ist ein prinzipielles Problem, dass die Höhe der Zielsetzung entscheidend ist, denn die meisten Regulierungsmechansimen orientieren sich derzeit an Cap & Trade. Man setzt ein Ziel fest, und wer es nicht erreicht, kann es durch Zerifikate erkaufen. Hier gibt es aber viele Schlupflöcher und vor allem: das Ziel wird damit zum Maximalziel und nicht zum Mindestziel. (siehe Kritik am Emissionshandel) 50% bis 2050 sind also zu wenig. Und steht das erst einmal in einer politischen Erklärung, ist es Orientierungspunkt für ganz viele Programme.

Bei 80% beginnt es, Sinn zu machen. Da war Kopenhagen noch nicht so weit. Das Ziel muss eine reale, massive Reduktion der Treibhausgase unter Einbeziehung der Senken sein. Kyoto hat gezeigt, dass trotz verbindlicher Reduktionsziele die Emissionen weiter steigen.

Die Rolle der NGOs und der Zivilgesellschaft

Ich finde, auch hier braucht es ein Nachdenken. Positiv ist: es wurden viele Zeichen gesetzt, Menschen organisiert, die Wut artikuliert, Druck gemacht. Damit kann man viel im post-Copenhagen Prozess weiterarbeiten. Nicht nur auf multilateraler Ebene, sondern auch in den jeweiligen Staaten und Regionen.

Aber ehrlich gesagt halte ich eine gewisse Form des Aktionismus für inflationär. Welche Erwartungshaltung gibt es, wenn zum x-ten mal Menschen im Eisbären-Kostüm oder als Bäume durchs Konferenzzentrum irren? Mir ist schon klar: es geht um´s Bild und auch Kreativität ist mehr als gefragt. Aber es geht auch ums Überleben. Welche Rolle geben sich NGOs? Das Ziel lobbyistischer Aktivitäten ist es, die Konferenz innen zu beeinflussen und außerhalb Widerstand bzw. Aktivität zu organisieren. Es geht um die mediale Öffentlichkeit einer Instanz, die in fundierter weise Lob und Tadel über Vertragsstaaten aussprechen kann und damit Druck erzeugt. Ich weiß, dass insbesondre die Akteure des Climate Action Network extrem kompetent sind, mit den Regierungsdelegationen gut vernetzt sind und geschickt agieren.

Was die Polizei aufgeführt hat in Kopenhagen, war aber für Dänemark höchst peinlich. Dass der Zugang für x tausende NGO-Vertreter an den letzten Tagen jedoch limitiert wird, verstehe ich. Auch wenn hier sehr rigide vorgegangen wurde. Immerhin Thom Yorke von Radiohead ist als Pressevertreter ins Konferenzgelände gekommen 😉

So, ich sehe, das Posting wird zu lang. Morgen noch Teil 2 mit einer kleinen medialen Analyse und der Frage, wer eigentlich der Motor des Klimaschutzes ist…







COP 15: Wie mit dem Basisjahr getrickst wird

7 12 2009

Die Welt blickt zwei Wochen lang nach Kopenhagen. Heute hat die viel Aufmerksamkeit erregende 15. Vertragsstaatenkonferenz zur UN-Klimarahmenkonvention (COP15) begonnen. Alle Zeitungen sind voll mit Berichten dazu. Die Erwartungshaltungen sind hoch. Die Stimmung wieder leicht positiv. Ich persönlich bleibe eher skeptisch.

Wie notwendig ein radikaler Wechsel ist, haben kürzlich veröffentlichte Berichte gezeigt. Immerhin sind auch große Staaten nun mit nationalen Klimaschutzzielen ausgerückt. Ein erster Fortschritt. Die EU hat mit ihren 20 bzw. 30% bis 2020 frühzeitig eine Art Benchmark gesetzt. (die Entwicklung in der EU – siehe Graphik links) Barack Obama spricht von  Minus 17 Prozent bei den Treibhausgasen ebenfalls bis 2020. Peking will bis 2020 die Menge der Treibhausgase, die pro erwirtschafteter Einheit des Bruttosozialprodukts ausgestoßen wird, gegenüber dem Jahr 2005 um 40 bis 45 Prozent senken. Beim prognostizierten Wachstum Chinas heißt das natürlich, dass es zu einem weiteren Anstieg der Treibhausgasemissionen kommt. Auch Indien ist mit einem Ziel ausgerückt, das sich auf die Treibhausintensität und das BIP bezieht. Beiden ist auch meiner Meinung nach ein limitierter Anstieg der Emissionen zuzustehen.

An den Vorschlägen zeigt sich, dass mit völlig unterschiedlichen Berechnungsmethoden rumgetrickst wird. Am liebsten mit dem Basisjahr.

Obama´s 17 Prozent bis 2020 klingen auf den ersten Blick gut. Aber sie beziehen sich auf 2005. Und nicht auf 1990, das Basisjahr für das Kyoto-Abkommen. Nimmt man jenes als Grundlage entspricht die Reduktion der Treibhausgase im US-Vorschlag nur 3,4 Prozent.

Ebenso verständlich ist, dass China nach der enormen Wachstumsphase, die noch lange nicht abgeschlossen ist, 2005 als Grundlage herannzieht, als die Emissionen deutlich höher waren als 1990. Das Spiel ist durchschaubar: jene Staaten bzw. Regionen, die ihre Emissionen reduzieren oder stabilisieren konnten, wollten 1990 als Basisjahr. (EU, Japan) Jene, die einen Anstieg hatten, wollen das höhere Emissionsniveau als Grundlage. Ein verständliches Argument für ein späteres Basisjahr ist, dass sich in den vergangenen 20 Jahren einiges getan hat auf diesem Planeten – politisch, wirtschaft etc. – man braucht nur an die Konsequenzen von 1989 denken. Für eine differenzierte Herangehensweise gibt  es jedoch die unterschiedlichen Emissionsziele, auch Burden Sharing genannt. Dafür braucht es eine Änderung des Basisjahrs nicht.

Allein die Einigung auf ein Basisjahr wird nicht leicht in Kopenhagen zu erreichen sein. Möglich ist, dass man zwischen Industriestaaten, Schwellenländern und Entwicklungsstaaten (die Staatengruppierung ist im Annex der Klimarahmenkonventionen geregelt) auch beim Basisjahr differenziert, was aber keinesegs anstrebenswert ist, denn die Vergleichbarkeit ist weiter wichtig.

Wenn wir etwas aus den Warnungen der Klimaforscher in der vergangenen Wochen gelernt haben, dann ist es die Erkenntnis, dass es eben nicht egal ist, WANN die Treibhausgase reduziert werden. Je später wir reduzieren, desto mehr müssen wir runter mit den Emissionen. Insofern ist es nur fair und angemessen, wenn 1990 als Basisjahr herangezogen wird und die Aktivitäten der letzten 20 Jahre miteinbezogen werden.

Die Treibhauskonzentrationen in der Atmosphäre werden sich nicht durch Tricks beschönigen lassen. An ihnen lässt sich der Erfolg nämlich messen, und nicht nur berechnen.





Peak Oil oder Peak Demand? Annäherung an das Mysterium Ölpreis.

2 12 2009

Christoph Chorherr hat es in einem Nebensatz gestern abend gut beschrieben. Es gibt Diskussionsgespräche, die sind einfach nicht in österreichischen TV-Formaten zu sehen. Vielleicht ist das deshalb so, weil das intelligente Gespräch als Austausch von Argumenten, bei dem es nicht primär um das Gewinnen oder Verlieren einer Diskussion geht, kaum fernsehformatkompatibel ist.

Der gestrige zweite Teil der “Über den Tellerrand”-Gesprächsreihe war wieder  so ein Gespräch. Er widmete sich der Frage, inwieweit die Weltwirtschaftskrise mit der Entwicklung des Ölpreises zu tun hat. Folgt nach der Wirtschaftskrise ein neuer Ölcrash? Gäste von Alexander Van der Bellen waren diesmal der Ölmarkt-Analyst Johannes Benigni (JBC Energy) und Energieexperte Michael Cerveny (ÖGUT). Moderiert hatte die Journalistin Ute Woltron. (Foto Beate Potzmader/Die Grünen zum Vergrößern klicken)

Wie schon bei der ersten Tellerrand Diskussion war auch diesmal der Ausgangspunkt, dass man die Krise bzw. die Krisen versucht besser zu verstehen, und nicht primär im politischen Schlagabtausch auf die Analyse zu vergessen. Unterschiedlichen Perspektiven sollen zu einem besseren Verständnis führen. Eine Herangehensweise, die im politischen Diskurs meist fehlt. Auch das mediale Interesse an so einer Diskussion hielt sich gestern wieder in engen Grenzen.

Ein kleines Abbild der Fragestellungen des gestrigen Abends:

Was bestimmt den Ölpreis? Angebot & Nachfrage oder Finanzinvestoren

Der Ölpreis entsteht an den Börsen. Laut Marktkenner Benigni gibt es seit 2004 eine signifkkante Zunahme der Marktteilnehmer und 3 mal so viel Volumen. Während früher die sog. Oilers den Markt bestimmt haben, sind es seit einigen Jahren auch die Finanzinvestoren. Es gibt also jedenfalls einen wesentlichen Einfluß der Finanzinvestoren am Ölmarkt, der auch den Rise-of-the oil-price mit bestimmt hat. Auch der Zugang zu Börsen ist prinzipiell leichter geworden, was nicht ohne Konsequenz geblieben ist.

Benigni meint, dass die Ölpreisentwicklung deutlich weniger mit den sogenannten Fundamentals von Angebot & Nachfrage zu tun hat. Eine Sichtweise, die Michael Cerveny von der ÖGUT anders beschreibt. Und zwar dahingehend, dass die enorme Nachfrage nach Öl, ausgehend von einem entsprechend deutlichem Zuwachs in Asien, nicht mehr durch das Angebot abgedeckt werden wird können. Zumindest werden die Kosten dafür deutlich höher.

Prinzipiell wird mit Rohstoffen gehandelt wie mit anderen Sachen auch. In den vergangenen Jahren hat sicher ein Zug Richtung Commodities statt gefunden. Siehe Entwicklung des Goldpreises, aber auch die Entwicklung am Ölmarkt.

Wieviel Öl ist da? Niemand weiß es wirklich.

Es ist nur am ersten Blick absurd, dass eigentlich niemand wirklich genau sagen kann, wieviel Öl noch verfügbar ist. Aber Informationspolitik war immer auch eine Art von Interessenspolitik.

Laut Benigni ist eine Spare Capacity, also verfügbare und ungenutzte Ölmenge von 5,5- 6 Millionen Fass da, die von den OPEC Staaten jederzeit auf den Markt geworfen werden können – auch um 15 US-D. Teurer ist hingegen die Förderung der darüber hinaus gehenden Menge. An jener orientiert sich jedoch der Preis, der daher auch höher ist als noch vor 3-4 Jahren. (derzeit bei rund 75 us-D/Barrel). Die Grenzkosten würden zwischen 60 und 90 Us-D liegen. Benigni meint, es ist massenhaft Öl da, aber die Frage ist, zu welchem Preis.

Damit ist aber auch klar: Wirklich billig wird Öl in einer Phase des Wirtschaftsmwachstums nicht mehr!

Peak Oil oder Peak Demand?

Seit einigen Jahren ist der sog. Peak Oil in Diskussion, also der Höhepunkt der Ölförderung, der in eine relativ steile Abnahme der Ölförderung mündet – ähnlich einer Glockenkurve. Manche meinen, Peak Oil war schon; andere sehen ihn erst kommen. Das gestrige Podium meinte, der Zeitpunkt ist nicht wo wichtig.

Aber der Druck auf den Preis wird laut Cerveny größer. Einerseits wegen der Investitionshemmnisse, andererseits aufgrund geologischer Faktoren. Die Internationale Energie Agentur sieht weiter einen massiven Zuwachs des Ölbedarfs. Aber sind die prognostizierten aktuell 80 bis 104 Mio Barrel bis 2030 überhaupt machbar? (unabhängig jetzt mal vom ökologischen Aspekt)

Eine Ölfeldanalyse der IEA, die immer eine eher konservative Haltung vertreten hat, hat gezeigt, dass von den 780 bedeutenden Ölfeldern 580 schon ihren Peak hatten. Es gibt einen Rückgang der Ölförderung von 5,1% pro Jahr dieser Felder nur durch ihre “Alterung”: Cerveny verweist auf Analysen, die einen Oilcrunch 2012/2013 sehen, wenn das Wirtschaftswachstum wieder greift.

Dies sind die Ingredientien einer neuer Weltwirtschaftskrise.

Für Benigni ist die Frage des Peak Oil nicht entscheidend. Er sieht einen Peak Demand. Durch den hohen Ölpreis 2008 gibt es einen Schub Richtung Effizienz. Siehe Mobilität in den USA, wo der Verbrauch derart hoch ist, dass es noch Jahre dauern wird bis das europäische Niveau erreicht werden kann, jetzt aber ein Umdenken eingesetzt hat. China wird weiter massiv wachsen, aber das Bewusstsein ist da,die Führerschaft im Bereich Solar und z.B Batterietechnologie zu erreichen. Man will die Fehler der USA nicht wiederholen, zugleich steht China erst am Anfang dieser Wohlstandsentwicklung. (zur Entwicklung CHinas und Indiens siehe auch den aktuellen Hans Rosling TED-Vortrag)


Keine klare Prognose zur Höhe des Ölpreises

Logisch, dass sich niemand ernsthaft über eine längerfristige Prognose traut. Aber für Beratungsunternehmen wie McKinsey und auch die IEA sind 200 us-Dollar+ möglich. Doch was heißt ein Ölpreis von 200 uS-D? Der Benzinpreis würde bei € 1,90 liegen. Heizöl bei €1,60 (derzeit 60-70ct), was bei einem Durchschnittsverrbauch von 200 l rund 2.000,- eur Mehrkosten pro Jahr entspricht. Der Ausstieg aus dem Öl ist somit auch eine soziale Frage. 2000 eur sind nicht einfach wegsparbar.

Insofern ist eine vorausschauende Energiepolitik, welche die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringert, nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern auch aus sozialen Überlegungen heraus relevant.

Hoher Ölpreis ist definitiv ein Motor für mehr Klimaschutz und Effizienz

Wie Alexander Van der Bellen beschreibt, ist ein Ölpreis von 140 US-D nichts Furchtbares. Nach 20 Jahren Debatte über den Treibhauseffekt hat es erstmals wirklich Bewegung in der Energiepolitik gegeben. Und zwar durch zwei Anlässe: den Ölpreisschock 2008 und die Russland/Ukraine-Gaskrise. Es braucht einen höheren Ölpreis, um den Wandel von der fossilen Industriegesellschaft Richtung Nachhaltigkeit zu schaffen.

Conclusio aus meiner Sicht:

  • Der Ölmarkt ist on the long term schwer zu prognostizieren. Aber billig wird Öl nicht mehr – außer wir schlittern wieder in eine tiefe Rezession. (was bei den aktuellen neuen Blasen auch nicht ganz aususchließen ist)
  • Die Anreize für Finanzinvestoren, ihr Geld in Barrel anzulegen, sind nicht geringer geworden, sondern im Gegenteil. Ein Indiz dafür, dass so etwas wie 2008 definitiv wieder passieren kann. Es gibt teilweise  die Haltung: Ich kaufe Öl, weil das Geld ist möglicherweise eh nix mehr wert. Öl ist zu einem beliebten Objekt der Begierde von Finanzinvestoren geworden.
  • Ob dieser Preissprung tatsächlich auf die Knappheit zurückzuführen ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Aber fix ist, dass die Ölgewinnung auch unabhängig von den Finanzinvestoren teurer werden wird.
  • Ausgehen muss weiters davon, dass – im Gegensatz zu früher – weiter starke Schwankungen geben wird.
  • Das muss – glaub ich – noch in viele Köpfe, auch in meinen eigenen. Der Schwerpunkt hat sich verschoben. Waren die USA und (schon mit Abstrichen) Europa die entscheidenden Märkte, hat sich der Fokus eindeutig Richtung Asien bewegt. Ob wir wollen oder nicht.
  • Wie schon bei Tellerrand 1 (Woher kam die Krise?): Es ist nicht Aufgabe des Martkes, sondern der Regulatoren zu sagen, was man handeln darf und in welche Bereiche man investieren darf. Der Finanzmarkt wird sich nicht selbst beschränken. Hier sind die Staaten am Zug.
  • Aus ökologischen, wirtschaftspolitischen und sozialen Gründen ist der Transformation unserer Energieversorgung Richtung Effizienz und Erneuerbare höchste Priorität einzuräumen. Wollen wir insbesondere vom Öl unabhängiger werden, führt der Weg eindeutig über sanfte Mobilität und dem Motto “Raus mit den Ölheizungen”.

Interessante Hinweise zum Thema sind ua zu finden:

Vorträge Cerveny:

Vienna Energy Talks

Peak Oil Vortrag

Artikel von Andreas Postner zur Ölpreisentwicklung und Wirtschaftskrise