Gebäudeintegrierte Photovoltaik: Barrieren und Chancen am Weg zum Mainstream

21 05 2010

Das ist alles kein Problem – die Technologien sind ja da.” Nicht selten habe ich dieses Argument bei Veranstaltungen, in Medien oder in Gesprächsrunden gehört, als es darum ging, die Energiewende – also den Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energiequellen – zu erklären. Auch der Einstieg in den Film “Die vierte Energierevolution. Energy Autonomy” mit Hermann Scheer ist nicht unähnlich. Scheer ist im Taxi in Los Angeles unterwegs und erläutert, dass all diese Glasfassaden völlig verfehlterweise keine Photovoltaik-Zellen integriert hätten. Prinzipiell stimmt das auch. Es mangelt weder an erneuerbaren Energieformen noch an Technologen zu ihrer energiewirtschaftlichen Nutzung. Und auch ich bin der Meinung, dass es Ziel sein muss, zu 100% von der fossilen Energiewirtschaft auf solare Energie umzusteigen. Aber dennoch: manche unterschätzen die Komplexität und den Aufwand, den es braucht, um neue Technologien in die jeweilige Kultur zu integrieren. Die sog. Energiewende ist letztlich eine Energiekulturrevolution.

Ein Projekt, das diesbezüglich wertvolles geleistet hat, wurde in den vergangenen zwei Jahren zum Thema gebäudeintegrierte Photovoltaik abgewickelt. Es ging um den “Technologietransfer zur Markteinführung multifunktionaler photovoltaischer Solarfassaden” und wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie im Rahmen des Impulsprogramms Nachhaltig Wirtschaften durchgeführt. Die Projektleitung hatte HEI Consulting inne. Ergebnis ist u.a. die informative Service-Website solarfassade.info, die schon seit vergangenem Jahr online ist. Der Projektbericht ist in dieser Projektbeschreibung zu finden.

Wesentliches Ziel des Projekts war es, den Wissensstand jener Personen und Institutionen, die an der Umsetzung künftiger Projekte mit gebäudeintegrierter Photovoltaik (GIPV) beteiligt sein werden, deutlich anzuheben, Interesse an dieser neuen technologischen Lösung zu stimulieren und mittelfristig einen entscheidenden Beitrag zur vermehrten Anwendung von GIPV in Österreich zu leisten. Es geht auch darum, Sicherheit im Einsatz dieser vergleichsweise jungen Technologie zu geben. Meines Erachtens eminent wichtig, weil neuen Technologien tendentiell meist mit Unsicherheit bzw. Skepsis begegnet wird.
Dafür war es jedoch wichtig, zu Beginn des Projektes die Hemmnisse kennen zu lernen, die bislang für potentielle Zielgruppen bei der Anwendung von GIPV relevant waren. In diesem Bereich war ich Teil des Projektteams.

Vorweg: Die gebäudeintegrierte Photovoltaik (GIPV) gilt als eine der solaren Zukunftsanwendungen und ist durch eine enorme dynamische Entwicklung gekennzeichnet. Der weltweite Markt für GIPV wird laut Prognosen von derzeit (2008) 1,1 Milliarden Euro bis 2016 auf rund 5,8 Milliarden Euro ansteigen. Auch Österreich verfügt über ein enormes Flächenpotential; aktuell werden jedoch weniger als 0,001% (ca. 7.000 m²) dieser Flächen für GIPV genutzt.
Der Vorteil liegt nicht nur in der Stromproduktion durch die Fassade, sondern auch durch unterschiedliche Funktionen wie etwa dem Sonnenschutz. Trotz dieser Multifunktionalität und eines internationalen Photovoltaik-Booms konnte sich GIPV am österreichischen Markt noch nicht durchsetzen. Der Marktanteil von GIPV ist noch gering. Die Investitionskosten für eine GIPV-Fassade ist natürlich höher als bei konventionellen Fassaden, jedoch insbesondere bei repräsentativen (meist gewerblichen) Projekten etwa mit Natursteinfassaden absolut wettbewerbsfähig. Aber auch hier hängt die Wirtschaftlichkeit von enorm vielen Faktoren ab.

Wer baukulturell Innovationen forcieren will, braucht nicht nur eine Gruppe als Bündnispartner, etwa Architekten dazu. Es geht darum, vom Auftraggeber bis zum umsetzenden Baugewerbe alle Teile mit der neuen Technologie zu konfrontieren, idealerweise zu überzeugen und das notwendige, teils komplexe Know-How zu vermitteln.

Daher war es wichtig, in Erfahrung zu bringen, wo die Akteure die Barrieren sehen. Im Rahmen des Projekts wurde mit Online-Befragungsmethoden und Experteninterviews wertvolle Eindrücke und Meinungen eingeholt haben.
Es sind eine Vielzahl an Bedenken geäußert worden, insb. was die Wirtschaftlichkeit bzw. Kosten, Konstruktionsfragen oderr die Netzeinspeisung betrifft. Zugleich werden der Technologie gute Perspektiven eingeräumt. Als Kernproblem stellt sich aber raus, dass die einzelnen Schnittstellen bei Bauprojekten schlicht zu wenig wissen. Und genau diese Komplexität wird oft unterschätzt. Der in die Baukultur greifende Wandel braucht viel Zeit und Anstrengungen, weil das Wissen darüber eben auf alle Ebenen verankert werden muss. Es gibt kaum mühsameres als Schnittstellenprobleme bei Bauprojekten. Und das Interesse ist nicht auf allen Ebenen entsprechend hoch (Anmerkung: sonst würde man in Österreich häufig anders bauen)

Projekte und Websites wie Solarfassade.info können dazu beitragen, dass dieses Wissen sickert und Fragen beantwortet werden können. Der Stimulus, sich damit auseinander zu setzen, muss aber noch von woanders kommen. Von der Politik durch längerfristig kalkulierbare Förderungsinstrumente, durch das Wissen um steigende Energiepreise, welche die Kalkulationsgrundlagen massiv beeinflussen, durch Promotoren (also vertrauenswürdige öffentliche Akteure, die eine Technologie promoten), weitere Best-Practice Beispiele und umfangreiche Informationsaktivitäten auf allen (!) Ebenen.
Es passiert auf Expertenebene und zur Wissensvermittlung eigentlich recht viel in Österreich (siehe z.B. Nachhaltig Wirtschaften) Aber bis komplexe, prozess- und nicht nur produktorientierte Innovation Mainstream wird, braucht es auch Zeit und viele Faktoren, die mitspielen.

Hier auch noch ein Beispiel (oben zu sehen, die Fassade des Power Tower der Energie AG in Linz). Das Hotel Stadthalle in Wien, das generell zum ökologischen Vorzeigeprojekt geworden ist. (siehe auch Standard-Artikel)


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4 responses

21 05 2010
fatmike182

Guter Beitrag (stelle mir öfters die selbe Frage, ohne aber über wirkliches Hintergrundwissen zu verfügen…)!

Bei Privaten gibt es wohl auch noch ein weiteres Gegenargument: das Stadtbild. Erst vor wenigen Wochen wurde ein Bekannter von mir mit diesem Subjektivargument des Beamten abgespeist.

Wie siehts mit den Ausreden der Modul-Haltbarkeit (Austausch alle 3 Jahre?) & der Entsorgung aus?

24 05 2010
guensberg

Das ist interessant, was Du über das Stadtbild-Argument der Beamtenschaft schreibst. Quasi Abspeisung statt Einspeisung…
Insbesondere bei der gebäudeintegrierten PV versteh ich das ja überhaupt nicht. (bei herkömmlichen Dachanlagen aber auch nicht ehrlich gesagt)
Was die Haltbarkeit betrifft, ist mein Wissensstand, dass die meisten Modulhersteller eine Garantie von 20-25 Jahren abgeben. Meistens wird von einer Lebensdauer von über 30 Jahren ausgegangen. Allerdings muss man ehrlicher weise dazu sagen, dass hier konkrete Erfahrungen noch ausstehen, weil ja die Technologie noch vergleichweise jung ist.
Austausch alle drei Jahre halte ich für eher absurd. Nicht auszuschließen, dass hier wer mit Billigprodukten schlechte Erfahrungen gemacht hat. Aber tatsächlich ist es so, dass die Frage der Haltbarkeit von Modulen im Rahmen des Projekts immer wieder als mögliche Barriere genannt wurde. Insb. von jenen, die noch keine Erfahrungen damit haben.

Etwas kürzer sind jedoch übrigens die Garantiezeiten für die Wechselrichter, die ja Bestandteil einer PV-Anlage sind. Jene liegt mW meist bei 5 Jahren.
In Sachen Entsorgung weiß ich selber grad aktuell nicht Bescheid, müsste ich selber nachrecherchieren.

24 06 2010
photovoltaik

Zu den Kommentaren zur Garantie,
selbst wenn 10 % aller Module in 10 Jahren ausfallen, ein Austausch dürfte bei dieser Preisentwicklung kaum oder nur geringe Kosten verursachen.

Gruß

Frank

24 07 2012
Gebäudeintegrative Fotovoltaik – ein Markt mit Zukunft » Land der Erfinder - Das Blogzine über Erfindungen, Ideen und Innovationen aus Österreich

[…] dem Wissenschafter eine exzellente Analyse der wirtschaftlichen und technischen Bedingungen für die integrierte Fotovoltaik gelungen. Johann Koinegg weiß wie effiziente gebäudeintegrative Fotovoltaik aussieht, Quelle: […]

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