Die Kultur des politischen Bloggens: gelten die gleichen Maßstäbe wie bei klassischen Medien?

5 07 2010

“Heute war ich im Zuge einer interessanten Veranstaltung im schönen Langenlois. Auf Einladung des Vizebürgermeisters, ein engagierter Mann meiner Partei, diskutierten wir die Verkehrsentwicklung der Region. Sehr herzlich wurde ich von den zahlreichen Gästen in Empfang genommen. Interessante Beiträge der Experten zu den kommenden Herausforderungen wurden dabei diskutiert. Ich sehe: unser Weg, dass wir einen guten Mix zwischen Auto, Bahn, Bus und Radverkehr anstreben, ist der richtige. Ganz nach meinem Motto: Grünes Licht
für alle! Lockere Gespräche bei einem ungewzungenen Glasl Wein lassen den Abend schön ausklingen.”

Soll das der Politiker-Blogbeitrag der Zukunft sein?

Ich will in diesem Posting auf eine aktuelle Debatte auf Blogs und Twitter Bezug nehmen. Mir geht es dabei weniger um den Inhalt als um die Form und die Frage, ob die Kultur des Bloggens nicht auch andere Maßstäße diskursiver Bewertung als bei klassische Medien verlangt. Mich hat das jedenfalls zum Nachdenken angeregt.
Kurz zum Anlaß:
Christoph Chorherr, bekannt als Grünpolitiker, Social Entrepreneur und einer der anerkanntesten Politik-Blogger, stellt in seinem Beitrag “Wer fährt Rad in Wien? Die Gebildeten und die Reichen” einige Graphiken zum Radverkehr auf´s Blog und reißt kurz ein paar Fragen und Thesen an. Eine Graphik zeigt dabei einen höheren Radverkehrsanteil mit steigendem Einkommen. Chorherr fragt:

“Warum ist das so? Auto hat offenbar noch viel mehr mit Status zu tun, als allgemein vermutet wird. So bitter es klingt, aber man muß es so aussprechen. Wer eine gute Bildung hat, oder gut verdient, kann es sich leisten, nicht im Auto sein Ego zu stärken.”

In den Kommentaren zu diesem Beitrag wird das getan, wofür Blogs gut, sinnvoll und gewinnbringend sind: es wird diskutiert, korrigiert, ergänzt, widersprochen. Denn tatsächlich is es fragwürdig, ob nicht viele Variablen in Chorherrs Fragestellung und These unberücksichtig blieben (zentrale Wohnlagen, ÖV-Nutzung, Autonutzung – je nach Einkommensstaffelung, kulturelle Faktoren etc.)
Viel diskutiert wurde jedoch auch eine Blog-Reaktion auf Chorherr von Thomas Knapp: “Warum ich nicht grün wähle” Verkürzt wird Knapp Chorherr Arroganz und Abgehobenheit vor.

Die Grünen sind viel zu oft im schlechtesten Sinne des Wortes akademisch und im schlechtesten Sinne des Wortes bürgerlich. Oft genug auch einfach abgekapselt von den Lebenswelten der Mehrheit, der Nicht-Bobos, der Nicht-Bürger_innen, der Nicht_Akademiker_innen, der Nicht_Student_innen, uä. (…)

Später bringt der Knapp auch noch den Vater von Christoph Chorherr ins Spiel. Jetzt schreibt Thomas Knapp auch, dass die Chorherr Formulierung nicht unmittelbarer Grund für das Nicht-Wählen der GRÜNEN ist. Jedoch Anlaß, sein Bekenntnis öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Das ist natürlich legitim und der Vorwurf der Abgehobenheit der GRÜNEN mehr als diskussionswürdig. (man beachte nur ihre Sprache)

Und hier komm ich zum Punkt: Ich halte es für falsch, einzelne Formulierungen aus Blogs, die eben schnell geschrieben, offener, diskursiver, persönlicher sind, als Beispiel bzw. Maßstab zu nehmen, ob eine Partei wählbar ist oder nicht. Web 2.0 Medien sind idealerweise Diskursmedien. Sie sind eben NICHT OTS-oder PR-Texte, die mehrmals korrekturgelesen wurden etc. Wer sich öffnet, macht sich angreifbarer. Die Opposition Research-Abteilungen der jeweiligen Gegner-Parteien eines Politikers warten ja nur auf Fehler und Angriffspunkte. Wenn jetzt die Blogger auch noch anfangen, old school-mäßig auf New Media zu reagieren, wirds aber schwierig. Und das schärfste Argument von uns WählerInnen ist eben gegenüber einem Politiker, ihn nicht zu wählen.
“Fehler vermeiden” gilt in Österreich oft als oberstes Prinzip einiger Politikkommunikationsberater. Das funktioniert aber mit Blogs nicht. Blogs sollen meiner Meinung eben nicht nur die Hände klassischer Kommunikationsberater, Presseabteilungen etc. gehen. Ihre Ungeschliffenheit ist ihr Reiz. Bei Chorherr hab ich da ohnehin keine Sorge. Aber idealerweise öffnen sich noch ein paar andere Politiker einem echten Web 2.0 Diskurs. Werden sie aber nicht machen, wenn jede Aussage derart auf die Waagschale gelegt wird. Blogs sind dann gut, wenn sie off-mainstream sind, exklusive Information und/oder Aufbereitung bieten, persönliche Zugänge und eben Diskurs. Web 2.0. kann die Intelligenz der beteiligten User nutzen, kann lehrreich sein, zu neuen Erkenntnissen führen. Aber nur wenn man dafür auch eine Kultur der Öffnung, Transparenz, Erkenntisinteresse, Lernfähigkeit etc. mitbringt.
Klar kann man ein Weblog auch wirklich noch als Tagebuch nutzen (siehe oben), aber es ist halt schlicht deutlich uninteressanter.

Nochwas zum Maßstab: Was wäre, wenn ein Werner Faymann mal richtig bloggen würde. Und ehrlich Fragen in den Raum stellen und Thesen aufstellen würde, die nicht in den Kasten klassischer Medien passen. Es wäre übrigens spannend. Er wird es aber nicht tun. Denn er wird Angst haben, potentielle Wähler zu vergraulen. Und zwar: zu Recht! Offenheit heißt Angreifbarkeit heißt Fehleranfälligkeit heißt Kritik. Und in der österreichischen Politikkultur und Medienlandschaft regiert das Negative. Die Kunst der kultivierten Auseinandersetzung und des guten Streitens war hier nie besonders ausgeprägt. Wir brauchen aber die Auseinandersetzung, wenn wir die politische Kultur weiter entwickeln wollen. Das geht aber nur, wenn wir nicht die Maßstäbe der klassischen Politikkommunikation ins Web 2.0 übertragen.

Abschlussbemerkung: Ich hab nicht prinzipizell was dagegeben, wenn Blogger einander ausrichten, wenn sie weshalb wählen oder nicht. Es ist ihre Sache und meist nicht minder lesenswert. Es ist sogar positiv, wenn sich wer – im Sinne der Transparenz – deklariert. Aber dennoch glaube ich, dass es der politischen Kultur abträglich ist, wenn wir in der Blogkultur sofort die “Deshalb wähl ich euch nicht”-Keule ausholen. Die Graphiken zum Radverkehr regen übrigens wirklich zum Nachdenken an.

Nachsatz: auch dieser Beitrag ist ein Diskussionsbeitrag. Vielleicht überseh ich auch etwas in meiner Argumentation? Freu mich also auch über Widerspruch. (natürlich nicht nur 😉