Die Macht der Stereotypen – zur medialen Rezeption der Wiener Grünen

2 09 2010

Jetzt ist schon wieder was passiert.
Es scheint bei den GRÜNEN turbulent zuzugehen. Der Wechsel von Stefan Schennach zur Wienes SPÖ ist natürlich eines der medialen Top-Themen seit gestern. Ziemlich zeitgleich mit dem Ende der Fußball-Transferzeit wurde sozusagen noch ein echter Knaller gemeldet. Jetzt braucht man gar nicht darüber zu diskutieren, ob das für die Grünen, insbesondere in Wien, schadhaft ist. Der Schaden ist zumindest öffentlich da und wird von den Meinungsforschern und Politikwissenschaftern eilig attestiert (wie im heutigen Ö1-Morgenjournal durch Wolfgang Bachmayer und Fritz Plasser – auf welcher Basis deren Urteil wie z.B. “Katastrophale Auflösungserscheinungen” erfolgt, ist jedoch unklar bzw. pure Vermutung).

Grünes Chaos – ein Stereotyp, das tief verankert ist
Die Berichterstattung und Kommentierung baut im wesentlichen auf einem Stereotyp auf, das ganz stark verankert ist, wenn es um die GRÜNEN geht. Chaostruppe, Streit, Partei nicht im Griff. Helge Fahrnberger hat das vor einigen Wochen schon in einem Posting auf seinem Blog gut beschrieben.
Das manifeste Chaos-Stereotyp ist auch dahin gehend interessant, weil Print-Kommentatoren in den vergangenen Jahren – im wesentlichen während der Van der Bellen-Ära – moniert hatten, es gäbe keine neuen Köpfe, zuviel Mainstream, die GRÜNEN seien ach-so-etabliert geworden. Auch dieses Bild (“fade Grüne”) hatte sich zeitweilig recht stark verankert – das alte Stereotyp des grünen Chaos ist jedoch noch stärker und schlägt im Zweifelsfall alles.
Ich will die Probleme der GRÜNEN nicht kleinreden und es geht auch nicht um Medien-Lamento, aber es fragt sich, ob die Relationen hier stimmen. Franz-Joseph plädiert in seinem Blog z.B. für einen entspannteren Zugang.

Um Inhalt geht´s nicht!
Gäbe es dieses alte, stereotype Chaos-Motiv der GRÜNEN nicht, das von den politischen Mitbewerbern weidlich genutzt wird, wäre der mediale Effekt jedenfalls deutlich geringer.
Die Gründung einer eigenen Liste für die Bezirkswahl im 6ten einiger – sorry – öffentlich ziemlich unbekannter, wiewohl langjähriger Bezirksräte ist unter anderen Umständen kaum mehr als eine Kurzmeldung wert.
Schmerzvoller natürlich für die GRÜNEN ist die eigenständige Kandidatur des regierenden Bezirksvorstehers in der Josefstadt, Heribert Rahdjian, der zugleich aber für die Landtags- und Gemeinderatswahl eine grüne Wahlempfehlung ausgesprochen hat. Inhaltliche Differenzen zwischen den GRÜNEN und Echt Grün wurden übrigens von keiner Seite angeführt. Es ging ausschließlich um Personal-Entscheidungen.
Ebenso wenig inhaltlich begründet ist der Wechsel von Stefan Schennach.

Es stellt aber in der heutigen Berichterstattung kein einziger die Frage nach dem Inhalt. Es interessiert offenbar niemandem, wenn Schennach meint, die SPÖ biete ihm neue europapolitische und internationale Perspektiven. Ja, welche sind denn das? Geht es um sein Engagement als Vorsitzender der Euromediterranen Parlamentarischen Versammlung (EMPA), wo ist da ein unterschiedlicher Bezug zwischen SP und Grünen? Aber: gibt es z.B. Einhelligkeit in der europapolitischen Linie, die die SPÖ unter Faymann im Wahlkampf eingeschlagen hatte – Stichwort Krone-Brief? Wie wird Schennach abstimmen, wenn neue Fremdenrechts- und Asylpakete durch Nationalrat und Bundesrat müssen? Hat er seine Position diesbezüglich geändert? Jetzt bin ein großer Freund dessen, dass es freiere Mandate gibt und die Parteiorientierung in er Ausübung des Mandats reduziert wird, aber sie ist (leider!) nicht Teil der aktuellen politischen Kultur.

Ich glaube nicht, dass die GRÜNEN gut beraten sind, sich auf diesen Diskurs einzulassen, denn Nachhakeln hilft niemandem. Es verstärkt nur das Streit-Bild. Rausreißen kann man die Situation kurzfristig auch nicht. Aber es bleibt schon ein schaler Beigeschmack, dass Inhalt medial völlig egal zu sein scheint, hingegen ganz schnell auf Denk- und Begriffsmuster zurückgegriffen wird, die weitgehend unreflektiert medial transportiert werden. Nun, die medialen Muster wird man nicht ändern, aber dennoch braucht es öffentlich vermittelbare Ansätze. (auch über nicht-mediale Kanäle)

Der Verunsicherung vieler (mancher?) WählerInnen können die GRÜNEN in den kommenden Wochen nur durch Sicherheit und Klarheit ihrerseits begegnen. Sicherheit in dem, was sie inhaltlich für die Stadt wollen. Klarheit in der Unterscheidung zu den anderen Parteien und dennoch im strategisch klar formulierten Gestaltungsanspruch bzw. dem Angebot an WählerInnen. Denn letztendlich wird es immer noch darum gehen. Alexander Van der Bellen – auch ein Faktor, der potentiellen GrünwählerInnen Sicherheit gibt – beschreibt z.B. Eckpfeiler seiner Linie in einem heutigen Kommentar für die Wiener Zeitung.


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6 responses

2 09 2010
Martin Schimak

Der Inhalt politischer Debatte ist in Ö mE vor allem deshalb nicht mehr relevant, weil niemand mehr reale Maßnahmen erwartet. Aus dieser meiner Sicht bringt es auch nichts, Medienschelte zu betreiben, die Medien in ihrer Gesamtheit bilden letztlich nur das ab, was von sehr vielen instinktiv so empfunden wird: Politik nur noch als Maskerade auf unser aller Kosten, inhaltlich letztlich irrelevant, abgesehen eben von Steuererhöhungen oder Leistungskürzungen, wenn die Finanzdecke zur Systemerhaltung nicht mehr ausreicht.

Die Grünen werden scheitern, bzw. Teil eines erstarrten Systems bleiben, solange sie die Ursachen für die Erstarrung nicht analysieren, verstehen, benennen und ihre Behebung zum erstwichtigsten Thema für Ö auf allen Ebenen erklären. Sie müssen verstehen, dass Energiewende, Armutsbekämpfung, Bildung immens wichtig wären, ja. Aber dem vorgelagert ist, ob man sich noch in einem System bewegt, dass die Bearbeitung inhaltlicher Themen realpolitisch zulässt. Man könnte es zusammenfassen als grosse Demokratiereform. Nur erstaunlich mutige und überraschende Reformvorschläge zur Verflüssigung unserer Demokratie könnten vielleicht noch jenes Interesse wecken, das heute deshalb fehlt, weil wir alle “wissen”: es wird sich sowieso nix ändern. Wozu also überhaupt hinhören. Zutiefst menschlich – und verständlich.

Lg.

2 09 2010
gewöhnlich_ungewöhnlich

ich hab schon – weniger elaboriert, aber mit ähnlicher stoßrichtung – vor einer woche ähnliches gebloggt (http://querschrift.wordpress.com/2010/08/26/wie-gefahrlich-sind-die-wiener-grunen/). ich glaub mittlerweile, dass man aus dem dilemma nur rauskommt, wenn man sich von den schleusenwärterInnen der alten medien loseist und direkte kommunikation mit den wählerInnen anstelle von inseratekauf und anderem schmafuh setzt.

lg
Paul Aigner

2 09 2010
Günter Strobl

Man kann das mit einem Satz zusammenfassen:

Die Grünen haben ein seit Jahren schwelendes Imageproblem.

Nicht mehr und nicht weniger. Eine weitegehende Analyse gerne mal z.B. in einem Sidetalk. Nur ein Tipp noch dazu: Man könnte sich die Grünen mal im Lichte des Dramadreiecks ansehen …
Gruß aus Graz
Günter

2 09 2010
Nachdenken bringt‘s | martins linksblog

[…] Wirklich lesenswert zu dieser Thematik gebloggt haben Georg Günsberg und Franz Joseph. Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Demokratie, Grüne, Medien, Wien und […]

2 09 2010
3 09 2010
guensberg

@ Martin Schimak: deiner Analyse stimme ich zu, ich glaube jedoch, dass es als Partei nachgerade unmöglich ist, sich den aktuellen (!) Gesetzmäßigkeiten der Medienlandschaft weitgehend zu entziehen. Auch die klassischen Medien sind immer noch ein relevanter Teil der Rezeption vieler WählerInnen. Medienschelte halte ich prinzipiell schon für notwendig, wiewohl es nicht um Schuld oder gar alleinige Schuld geht. Sehr wohl aber um Verantwortung – eben im Sinne der Demokratieentwicklung.
@ Paul Aigner: danke für den Link! Direktkontakt ist sicher ein Schlüssel, zugleich aber extrem aufwendig. Das Ideal ist eine stimmige Kommunikation zwischen (möglich viel und qualitativem) Direktkontakt und Medien.
@ Günter Strobl: ein Imageproblem gibt es sicher; zugleich aber auch sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen von innen wie außen, denen nicht leicht durch Image zu begegnen ist.
@ Martin Margulies und Miki Kunrath: danke für die Empfehlungen. Martins Beitrag geht ja durchaus in eine ähnliche richtung und ist sehr lesenswert:
http://martinmargulies.wordpress.com/2010/09/02/nachdenken-bringt%E2%80%98s/

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