Ölpreis-Hoch und die Konsequenzen: die Ölheizer in der Energiearmutsfalle?

25 02 2011

Oh, quelle surprise! Der Ölpreis ist seit Tagen also wieder dreistellig unterwegs. Gestern erreichte die für Europa relevante Nordsee-Sorte Brent 119 USD; die für den US-amerikanischen Markt dominierende Sorte WTI lag ebenso zeitweilig über 100 USD. Jetzt soeben liegt er wieder drunter. (Der ansonsten unübliche Preisunterschied zwischen den beiden Sorten wird mir den vollen Lagern in den USA vor allem Cushing erklärt, die den WTI-Preis geringer halten)
Anlaß für das Ölpreis-Hoch sind die Umstürze in Libyen und die generell vermeintlich instabile politische Situation im arabischen bzw. nordafrikanischen Raum. Das spekulative Element in der Ölpreisbildung hat also – wie immer – einen realen Grund.
Und trotz des aktuellen Sprunges ist der Trend schon ein längerfristiger. Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass die 150 USD, die wir 2008 hatten, primär auf der Spekulationsblase augebaut waren. Dahinter stehen Fundamentals, die schlicht auf dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage beruhen und der immer teureren Exploration und Förderung von Ölfeldern. Spekulation im größeren Stil dürfte das Add-On sein, das aber auf irgendeiner Substanz aufbauen muss. Die Korrelationen zwischen Weltwirtschaftswachstum (oder eben Negativwachstum) und Ölpreis sind ja auch kein Zufall.
Hier (Quelle: http://www.tecson.de/prohoel.htm) sieht man die Ölpreisentwicklung der letzten Jahre. Also Rise & Fall 2008, kontinuerlicher Anstieg 2009 und – mit Unterbrechung – 2010; jetzt sind wie wieder im High mit Luft nach oben.
Wo der Punkt ist, bei dem die Weltwirtschaft substantiell aufgrund des hohen Ölpreises ins Stocken gerät, darüber herrscht keine Einigkeit. Sind es 150 USD? Oder 140? Oder doch höher? Oder auch längerfristiger über 100 USD? Eine Wechselwirkung wird jedenfalls bei einem weiteren Anstieg kaum zu vermeiden sein. Denn der Ölpreis zieht andere fossile aber auch – deutlich abgemildert – nicht-fossile Energieträger mit.
Und es zeigt sich wieder mal – wie schon 2008 – offensichtlich: wir sind massiv abhängig vom Öl, das wie Blut durch die Adern unserer Weltwirtschaft fliesst.

Kürzlich präsentierte die ÖGUT einige Berechnungen zu den Konsequenzen eines weiteren Ölpreisanstiegs. Und zwar die Folgen für österreichische Haushalte – auf die Energiekosten bezogen (von Lebensmittelpreisanstieg etc. ist hier also nicht die Rede) Die Untersuchung war auch Teil des interessanten ZERSIEDELT-Projekts)
Dabei werden u.a. die Auswirkungen eines angenommen Rohölpreis von 200 USD (rund 150 Euro) pro Barrel auf verschiedene Haushaltstypen untersucht.
Nun ist schwer zu sagen, ob sich ein derart hoher Ölpreis so lange halten kann, aber die Graphik ist interessant, weil es die massiven Unterschiede zwischen den Energieträgern zeigt. Vor allem Haushalte mit hohem Heizöl- und/oder hohem Treibstoffverbrauch wären mit jährlichen Mehrkosten von rund 5.000 Euro betroffen. Wer die strukturelle Abhängigkeit erkennt (Verhältnis Stadt-Land), müsste eigentlich politisch alle Alarmglocken erklingen lassen.


Quelle: ÖGUT Bild anklicken für mehr Schärfe und Größe.

Dass wir bei der Mobilität ein strukturelles Problem haben, ist klar. Aber am ärgsten dran sind die Ölheizer. Und – man halte sich fest- derer gibt es noch 820.000 in Österreich. Wie schon bei vorangegangenen Beiträgen auf Guensblog gezeigt, jene erhalten massive Anreize, “im Öl” zu bleiben.

Was ist die Konsequenz daraus? Außer, dass wir “Raus aus dem Öl” müssen, sprich die Abhängigkeit von Öl und anderen fossilen Energieträgern reduzieren, was wir ja allgemein formuliert schon lange wissen.
Neue Mobilitätskonzepte braucht das Land. Jene brauchen Zeit bis zur Realisierung, aber daran führt kein Weg vorbei. Das muss politisch klar werden.
Und: in den kommenden Jahren braucht es auch aus sozialen Gründen eine Zielgruppenorientierung Richtung Ölheizer. Die Mineralölindustrie macht das äußerst geschickt, in dem sie Endkunden mit älteren Ölkesseln adressiert und ein attraktives Angebot macht. Die öffentlichen Förderungen für einen Umstieg auf Alternativen sind da; nutzen aber noch zu wenig. Ja sogar in Wien wünschen sich manch Kunden noch neue Ölkessel. Trotz Fernwärme in Reichweite, trotz auch urbaner Möglichkeit, einen Pelletskessel zu installieren. Eigentlich müsste man diese Dummheit verbieten.
Denn hallo: wir reden über mehrere tausend Euro Mehrkosten im Jahr, wenn der Ölpreis weiter rasant steigt. Jene, die jetzt vergleichsweise günstig in einen Ölkessel investieren, werden das später über die Brennstoffkosten wieder abstottern. Nicht sehr investiv gedacht und da es sich oft nicht um einkommensstarke Haushalte handelt, ein Türöffner Richtung Energiearmut.

Politische Konsequenz: von den österreichweit 820.000 muss es gelingen, in den kommenden vier Jahren mehrere hundert tausend zum Umstieg und idealerweise zu Sanierungsmaßnahmen zu bewegen. Jene, die neue Ölkessel haben, kann man wohl vergessen. Aber es gibt die älteren Kessel. Es geht nicht nur um Förderung, sondern auch um (marketingsprech jetzt) Targeting und eine Kultur, wo völlig klar ist, dass mit Öl heizen ziemlich daneben ist.

Weitere Beiträge zum Thema auf Guensblog siehe hier: Tag Peak Oil





Post-Oil City

10 02 2011

Zurzeit ist die Ausstellung “Post-Oil City – Die Geschichte der Zukunft der Stadt” in Wien zu Gast. Nach Stuttgart und Berlin ist Wien die dritte Stadt, die “Post-Oil City” beherbergt. Bis kommenden Montag, 14.2., kann sie noch im Semper-Depot an der Akademie der bildenden Künste Wien besucht werden.
Sie ist es wert. Denn tatsächlich bietet die Ausstellung jede Menge Information über brennende, durchaus komplexe Fragestellungen und mögliche Antworten auf stadtplanerische und ökologische Fragen. Es wird der Bogen gespannt von Entwürfen und Ansätzen aus der Vergangenheit (etwas Buckminster Fuller) zu aktuellen Plänen wie etwa dem vieldiskutierten Masdar-Projekt.

Andere aktuelle Beispiele sind etwa Xeritown, das Konzept Energie-Inkubator Tempelhof, The High Line in New York, und wie so oft das Paradebeispiel für Ecocities Curitiba in Brasilien.
Die Ansätze reichen dabei von utopistisch, fast absurd anmutend wie bei der Skycar City (Winy Maas) bis hin zu aktuell konkret diskutierten und in Umsetzung befindlichen E-Mobilitätskonzepten wie Shai Agassis Better Place. Aber auch die Zusammenhänge wie zum Beispiel zwischen Dichte, Verkehrs-Hubs und Mobilitätsentwicklung werden kurz erklärt. Generell extrem viel Stoff für eine Ausstellung. Insofern kann man im Rahmen so einer Ausstellung nur reinschnuppern.

Bei einer Frage bin ich mir aber nicht sicher: Kann man davon ausgehen, dass die Besucherinnen und Besucher wissen, warum wir von Post-Oil sprechen? Wissen die Menschen tatsächlich schon derart gut Bescheid, warum das Zeitalter des billigen Öls vorbei ist und welchen tief greifenden Strukturwandel der Energieshift mit sich bringt? Die aktuellen Rohölpreise von über US-$ 100 sind ein guter Bezugspunkt für manch Besucher. Aber das ist eher eine zeitlich, günstig gelegene Koinzidenz. Im Mainstream von Lehre und Anwendern ist das meiner Meinung noch nicht etabliert.
Die sehr gut besuchte Eröffnungsveranstaltung, die von Vizebürgermeisterin Vassilakou eröffnet wurde, lockte ein Publikum, das ich bislang kaum bei Energieveranstaltungen gesehen habe. Das ist gut so und spricht für die engagierte Arbeit der Ausstellungsorganisatoren. Ob die Zusammenhänge zwischen Peak-Oil, Rohstoffknappheit, Wachstum, Dichte uvm. schon etabiert sind? Ich weiß es nicht. Aber diese Brücke müssen wir schaffen, denn einige portraitierte Modelle wirken trotz ihrer Umsetzungsfähigkeit eben wie Modelle. An denen wird man viel lernen – aber der Faktor Zeit drängt. Es geht nicht nur darum, artifizielle Mikro-Kosmen zu erschaffen, die man als Spielwiese nutzt, sondern Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung in den Planungsprozess zu integrieren und dabei konkret und zugleich dennoch visionär zu denken. Zu letztgenanntem trägt die Ausstellung maßgeblich bei, insofern empfehle ich einen Besuch sehr.

Wichtig scheint mir auch, dass der Diskurs über die Stadt nach dem Zeitalter billigen Öls mit der Ausstellung nicht beendet ist, sondern nur ein Baustein eines Gesamtdiskures wird. Im Gegensatz zu Deutschland führte die Ausstellung – abgesehen von einzelnen kurzen Artikeln – hierzulande kaum zu einer medialen Auseinandersetzung, was schade ist. Denn auch die Beispiele aus Asien, dem arabischen Raum oder Südamerika sind gute Anlässe über die Nachhaltigkeit der europäischen Stadt zu diskutieren.

Die Post-Oil City hat natürlich auch einige Bezugspunkte zur derzeit von der EU propagierten Smart City. Viele der aktuellen Konzepte sind extrem stark technologiegetrieben. Smart Grids, Smart Energy, Smart Metering etc. Das ist nicht per se schlecht. Aber Technologie allein reicht reicht nicht, denn eine Gesamtenergiebilanz hat auch den unglaublichen Materialaufwand (z.B. der viel zitierten seltenen Erden) der eingesetzt Technologien zu berücksichtigen. Es braucht neben neuer Technologie einen Wandel der Strukturen und der Kultur im Umgang mit Energie. Und genau da übernimmt die Stadt- und Raumplanung eine zentrale Funktion. Insofern ist es auch gut, dass auf baukulturelle Aspekte bei der Ausstellung verwiesen wird. Etwa mit dem Hinweis auf das Mexicali-Projekt des Architekturtheoretikers Christopher Alexander (A Pattern Language) oder dem äthiopischen N.E.S.T-Projekt.

Und wer es nicht hinschafft: die hervorragende ARCH+ Ausgabe 196/197 “Post-Oil City” beinhaltet fast alle Inhalte und ist eine äußerst anregende Lektüre.

Hier noch einige ältere Bezugspunkte auf Guensblog zum Thema:

Peak Oil oder Peak Demand? Annäherung an das Mysterium Ölpreis vom 2.12.2009
“Dichte” – ein umweltpolitisch unterbeleuchteter Aspekt vom 26.2.2010
Es geht um die Mobilität der Zukunft, nicht nur um das Auto der Zukunft vom 18.8.2009
Ecocity 2008: The city is the solution, not the problem vom 9.5.2008
Von der Subprime-Crisis zur Suburb-Crisis. Spannendes zum Verhältnis von Erdöl und Weltwirtschaft. vom 22.6.2009