Post-Oil City

10 02 2011

Zurzeit ist die Ausstellung “Post-Oil City – Die Geschichte der Zukunft der Stadt” in Wien zu Gast. Nach Stuttgart und Berlin ist Wien die dritte Stadt, die “Post-Oil City” beherbergt. Bis kommenden Montag, 14.2., kann sie noch im Semper-Depot an der Akademie der bildenden Künste Wien besucht werden.
Sie ist es wert. Denn tatsächlich bietet die Ausstellung jede Menge Information über brennende, durchaus komplexe Fragestellungen und mögliche Antworten auf stadtplanerische und ökologische Fragen. Es wird der Bogen gespannt von Entwürfen und Ansätzen aus der Vergangenheit (etwas Buckminster Fuller) zu aktuellen Plänen wie etwa dem vieldiskutierten Masdar-Projekt.

Andere aktuelle Beispiele sind etwa Xeritown, das Konzept Energie-Inkubator Tempelhof, The High Line in New York, und wie so oft das Paradebeispiel für Ecocities Curitiba in Brasilien.
Die Ansätze reichen dabei von utopistisch, fast absurd anmutend wie bei der Skycar City (Winy Maas) bis hin zu aktuell konkret diskutierten und in Umsetzung befindlichen E-Mobilitätskonzepten wie Shai Agassis Better Place. Aber auch die Zusammenhänge wie zum Beispiel zwischen Dichte, Verkehrs-Hubs und Mobilitätsentwicklung werden kurz erklärt. Generell extrem viel Stoff für eine Ausstellung. Insofern kann man im Rahmen so einer Ausstellung nur reinschnuppern.

Bei einer Frage bin ich mir aber nicht sicher: Kann man davon ausgehen, dass die Besucherinnen und Besucher wissen, warum wir von Post-Oil sprechen? Wissen die Menschen tatsächlich schon derart gut Bescheid, warum das Zeitalter des billigen Öls vorbei ist und welchen tief greifenden Strukturwandel der Energieshift mit sich bringt? Die aktuellen Rohölpreise von über US-$ 100 sind ein guter Bezugspunkt für manch Besucher. Aber das ist eher eine zeitlich, günstig gelegene Koinzidenz. Im Mainstream von Lehre und Anwendern ist das meiner Meinung noch nicht etabliert.
Die sehr gut besuchte Eröffnungsveranstaltung, die von Vizebürgermeisterin Vassilakou eröffnet wurde, lockte ein Publikum, das ich bislang kaum bei Energieveranstaltungen gesehen habe. Das ist gut so und spricht für die engagierte Arbeit der Ausstellungsorganisatoren. Ob die Zusammenhänge zwischen Peak-Oil, Rohstoffknappheit, Wachstum, Dichte uvm. schon etabiert sind? Ich weiß es nicht. Aber diese Brücke müssen wir schaffen, denn einige portraitierte Modelle wirken trotz ihrer Umsetzungsfähigkeit eben wie Modelle. An denen wird man viel lernen – aber der Faktor Zeit drängt. Es geht nicht nur darum, artifizielle Mikro-Kosmen zu erschaffen, die man als Spielwiese nutzt, sondern Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung in den Planungsprozess zu integrieren und dabei konkret und zugleich dennoch visionär zu denken. Zu letztgenanntem trägt die Ausstellung maßgeblich bei, insofern empfehle ich einen Besuch sehr.

Wichtig scheint mir auch, dass der Diskurs über die Stadt nach dem Zeitalter billigen Öls mit der Ausstellung nicht beendet ist, sondern nur ein Baustein eines Gesamtdiskures wird. Im Gegensatz zu Deutschland führte die Ausstellung – abgesehen von einzelnen kurzen Artikeln – hierzulande kaum zu einer medialen Auseinandersetzung, was schade ist. Denn auch die Beispiele aus Asien, dem arabischen Raum oder Südamerika sind gute Anlässe über die Nachhaltigkeit der europäischen Stadt zu diskutieren.

Die Post-Oil City hat natürlich auch einige Bezugspunkte zur derzeit von der EU propagierten Smart City. Viele der aktuellen Konzepte sind extrem stark technologiegetrieben. Smart Grids, Smart Energy, Smart Metering etc. Das ist nicht per se schlecht. Aber Technologie allein reicht reicht nicht, denn eine Gesamtenergiebilanz hat auch den unglaublichen Materialaufwand (z.B. der viel zitierten seltenen Erden) der eingesetzt Technologien zu berücksichtigen. Es braucht neben neuer Technologie einen Wandel der Strukturen und der Kultur im Umgang mit Energie. Und genau da übernimmt die Stadt- und Raumplanung eine zentrale Funktion. Insofern ist es auch gut, dass auf baukulturelle Aspekte bei der Ausstellung verwiesen wird. Etwa mit dem Hinweis auf das Mexicali-Projekt des Architekturtheoretikers Christopher Alexander (A Pattern Language) oder dem äthiopischen N.E.S.T-Projekt.

Und wer es nicht hinschafft: die hervorragende ARCH+ Ausgabe 196/197 “Post-Oil City” beinhaltet fast alle Inhalte und ist eine äußerst anregende Lektüre.

Hier noch einige ältere Bezugspunkte auf Guensblog zum Thema:

Peak Oil oder Peak Demand? Annäherung an das Mysterium Ölpreis vom 2.12.2009
“Dichte” – ein umweltpolitisch unterbeleuchteter Aspekt vom 26.2.2010
Es geht um die Mobilität der Zukunft, nicht nur um das Auto der Zukunft vom 18.8.2009
Ecocity 2008: The city is the solution, not the problem vom 9.5.2008
Von der Subprime-Crisis zur Suburb-Crisis. Spannendes zum Verhältnis von Erdöl und Weltwirtschaft. vom 22.6.2009








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