ASPO 2011: Wo man kaum über Atomkraft spricht und doch Schlüssel zur Energiewende finden kann

27 04 2011

Derzeit findet in Brüssel die neunte ASPO Konferenz statt. ASPO ist die Association for the Study of Peak Oil & Gas. Schon einmal 2006 besuchte ich in Berlin eine ASPO-Konferenz und wohl kaum jemand außerhalb von ASPO hatte damals einen Ölpreis von bis zu 150 US-Dollar, den rasanten Abfall danach und jetzt kontinuierliche Preise über 100 US-Dollar für darauf folgenden Jahre für möglich gehalten. Manche der ASPO-Expertisen wurden früher als apokalyptisch belächelt, aber tatsächlich ist das Fundament ihrer These, nämlich Peak Oil, mittlerweile auch im Mainstream der wissenschaftlichen Diskussion angekommen. Zeitweilig auch in der Politik, aber die hat meist ein Kurzzeitgedächtnis. Dennoch sind auch bei dieser Konferenz viele unterschiedliche Meinungen, Einschätzungen und Zugänge vertreten, was durchaus positiv ist. Endlich ein Forum, wo nicht alle einer Meinung sind, sondern man evtl. sogar voneinander lernt.
Ich versuche (sofern terminlich möglich), in den kommenden Tagen auf meinem zuletzt sträflich vernachlässigten Guensblog immer wieder paar Eindrücke zu teilen. All dies sind subjektive Eindrücke und Gedanken auf Basis der Präsentationen und Gespräche hier. Also jene Sachen, die mich selbst beschäftigen, wenn ich schon die Gelegenheit habe, mit einigen dieser Topexperten Zeit zu verbringen.

Die Unterschiedlichkeit der Debatten: Atomkraft kaum ein Thema
Während man in Österreich – natürlich ebenso zu Recht – vor allem über Atomkraft diskutiert, ist hier Atom nur am Rande ein Thema. Nicht, weil das Thema nicht ernst genommen wird, aber weil ein Blick auf die Statistiken bei der Energieversorung zeigt, dass Atomkraft weltweit nur einen kleinen Teil der Energiegewinnung (ca 6%) ausmacht. Dass die Atomkraft in einzelnen Staaten natürlich schon ein Thema ist, ist grad hier Belgien oder Frankreich, die extrem nuklearabhängig sind, logisch.
Dies ist nicht nur relevant, um zu verstehen, dass Atomkraft die zentrale Energiekrise der Welt eben nicht lösen kann, sondern auch um die unterschiedliche Gewichtung der Debatte zu sehen. Für die ASPO ist die zentrale Frage, wie es mit der auf Öl, Kohle, Gas aufgebauten Energieversorgung weitergeht, wie sich Angebot und Nachfrage weiterentwickeln, welche Alternativen es gibt und wie Markteinschätzungen aussehen.
Und noch ein Thema wird angesprochen, das ebenso zuletzt aus dem öffentlichen Kurzzeit-Bewusstsein gerückt ist: der Klimawandel. Jean-Pascal van Ypersele, Professor an der Université catholique de Louvain und Vize-Vorsitzender des IPCC (International Panel on Climate Change) gab sehr betrübliche Aussichten über die aktuellen Szenarien. Das 2 Grad Ziel zu erreichen (also jene Erwärmung, die als gerade noch akzeptabel anerkannt wird, was eigentlich schon eine ethisch schwierige Definition ist) wird immer schwieriger sein. Wenn wir die CO2-Konzentration in der Atmosphäre reduzieren wollen, müssen wir die Emissionen entweder sehr bald oder sehr radikal stoppen. “We´re running out of time.”, so seine Botschaft.

Das Peak-Oil Datum ist nicht entscheidend & “All the numbers are wrong”

Colin Campbell, quasi die Peak-Oil Hoheit, hatte es zu Beginn heute gesagt: Alle Einschätzungen der vergangenen Jahren sind genau genommen nicht ganz korrekt gewesen. Auch die eigenen nicht. Schon gar nicht jene der IEA. “All the numbers are wrong. The question is by how much.” Der exakte Zeitpunkt von Peak Oil ist auch nicht entscheidend. Viel wichtiger ist es, das strukturelle Problem zu verstehen. Nämlich der Rückgang des Angebots (bei zugleich steigender Nachfrage). Wie ASPO Präsident Kjell Aleklett sagte: “Depletion is the key factor when it comes to understand peak oil
Hier nur zur Übersicht die Prognosen im World Energy Outlook zur Rohölproduktion 2030:
Woe crude oil production/history of predicitions for 2030
WEO 2004 121 Mb/d
WEO 2006 116 Mb/d
WEO 2008 106 Mb/d
WEO 2010 96 Mb/d
Folgt man der Kurve stehen im WEO 2012 86 Mb/d.

Die große Unbekannte ist “Fields yet to be found” und das “Unconventional Oil”. Hier auch der große Unterschied zwischen Aleklett und Pierre Mauriaud, einem TOTAL-Manager. Mauriaud meinte, man sollte nicht statistischen Prognosen vertrauen, sondern der Geologe und die identifziere enormens Potential. Aleklett hält dagegen, dass wir über “non-conventional” wenig wissen. Jedenfalls, dass die Förderung vergleichsweise teuer ist.

Was kann man mit 10 Milliarden US-Dollar machen?

Ja, da kann man viel machen. Ich will gar nicht dran denken, was im Bereich Erneuerbare damit geht. Oder man macht es wie die Ölindustrie und steckt 10 Milliarden US-Dollar in jeweils ein Projekt, also in die Erschließung eines (!) Deep Offshore Ölfelds. Diese Zahl nannte zumindest Jean-Marie Masset, ehemaliger TOTAL Geowissenschafter. Das erstaunliche dabei ist, dass (abhängig von vielen Faktoren wie Größe des Feldes) der Break-Even bei einem Preis von 20-70 US-D erreicht werden kann. Man sieht, was für unglaubliche Summen der Ölindustrie zur Verfügung stehen. Denn dennoch macht das aktuelle Potential der Offshore Flächen nur 5% der Gesamtkapazität (Öl/Gas) aus. Das größte Potential liegt im Golf von Mexico. Aja, Golf von Mexico. War da nicht was? Vom Deepwater Horizon-Disaster, das erst kürzlich Jahrestag beging, redet die Industrie offenbar kaum noch. Ja, es gäbe verstärkt Sicherheitsmaßnahmen und die Umwelt werde verstärkt berücksichtigt. Allerdings muss man auch dazu anmerken, dass nach Deepwater Horizon die Förderung aufgrund der Maßnahmen der US-amerikanischen Regierung zurück gegangen ist. Ein wohl temporäres Phänomen, denn die Projektionen für 2015 zeigen: es wird mit Vollgas bei der Offshore Ölförderung gerechnet.

Peak Oil & Erneuerbare: Szenarien & und der Preis als zentraler Schlüssel zur Energiewende (aber welcher Preis?)

In einer Session zu Renewables wurde von Yvonne Deng von Ecofys eine Studie im Auftrag des WWF präsentiert, die weltweit eine Energieversorgung mit 100% Erneuerbare ENergie im Jahr 2050 für möglich hält und Maßnahmen dazu aufzeigt. Die Studie steht als Kurzfassung oder als Langfassung als DOwnload bereit. Die technische Machbarkeit sei jedenfalls gegeben; Energieeffizienz & Erneuerbare sind der Weg. Aber mein Gefühl lässt mich nicht los, dass Studien dieser Art irgendwie ein Paralleluniversum darstellen. Sie sind als Vision gut brauchbar, aber sehen aus wie entkoppelt von der aktuellen Dynamik auf den Märkten. Aviel Verbruggen von der Universiät Antwerpen modellierte die unterschiedlichen Beeinflussungsfaktoren für Erneuerbare. Seine Schlußfolgerung teile ich: “The price is the major drive.” Wobei wir zwischen Marktpreis und Taxes differenzieren müssen. Jørgen Henningsen, Consultant beim European Policy Centre und viele Jahre ein zentraler Akteur in der DG Environment und dann DG Energy der Europäischen Kommission, zeigte sich enttäuscht von den völlig unambitionierten Zielen der Europäischen Union, insb. in Sachen Klimaschutz und sprach von einem negativen Effekt des Emissionshandelssystems, weil durch Überallokation und zu schwache Ziele der Preis für ein CO2-Zertifikat zu gering bleibt. Es gibt keinen Innovationsimpuls durch den europäischen Emissionshandel.
Und dann noch eine meiner Meinung nach ganz zentrale Frage. Ist der hohe Ölpreis wünschenswert im Sinne der Erneuerbaren. Ist Peak Oil gut für sie? Mein Bauch und Kopf sagte: Na Logo, eh klar. Die Experten am Podium weitgehend: NEIN! Und zwar weil der hohe Ölpreis in erster Linie Geld von ölkonsumierenden Staaten in ölproduzierende Staaten transferiere und damit die Ölwirtschaft erst Recht Geld als Investitionskapital erhalten würde. Außerdem wären ärmere Länder noch schlimmer dran. Jedoch (so mein Gegenargument): Höherer Energiepreise stellen sehr wohl einen Anreiz zum Umstieg dar und durch einen höheren Marktpreis würde auch – jedenfalls aufgrund von Mehrwert- bzw. Umsatzsteuer (sofern nicht befreit) – mehr Geld beim Staat hängen bleiben, das jener wiederum investieren könnte. Die Diskussion am Pausengang zeigte jedoch auch die sehr unterschiedlichen Steuersysteme, die ja in vielen Staaten teils extrem geringe Steuern auf Energieträger vorsehen und oft gar keine Endverbrauchsabhängigkeit gegeben ist.

In diesen Fragen liegt ein enorm wichtiger Schlüssel für die Transformation des Energiesystems.

Morgne geht´s weiter, ua. mit Jeff Rubin.

(Bilder/Fotos werden nachträglich eingearbeitet…)


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3 responses

1 05 2011
ASPO 2011, Teil II: Peak Cheap Oil oder “What we see is the end growth” « g u e n s b l o g

[…] Verspätung setze ich den kurzen Bericht über die ASPO-Konferenz in Brüssel fort. (hier Teil 1) Leider war die Zeit limitiert, um just-in-time zu bloggen. Und leider ist es auch nicht möglich, […]

2 05 2011
Rückblick: ASPO-Tagung in Brüssel | peak-oil.com

[…] Teil 1: ASPO 2011: Wo man kaum über Atomkraft spricht und doch Schlüssel zur Energiewende finden k… […]

21 02 2012
Noch 99 Tage: Die 10. ASPO-International Konferenz in Wien « g u e n s b l o g

[…] hatte ich auch hier auf Guensblog berichtet (“What we see is the end of growth“, “ASPO 2011“) Damals wurden wir vom ASPO International Vorstand gebeten, eine Konferenz in Wien auf die […]

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