Normalität in Zeiten radikaler Brüche. Vergesst “Business-as-usual”

23 05 2011

Fukushima, Deepwater Horizon, massive Umwälzungen in der arabischen Welt… an dramatischen Anlässen gab es zuletzt keinen Mangel. Die kurzfristige Betroffenheit einer globalen Öffentlichkeit ist all diesen Anlässen gewiß. Meist nur kurzfristig. Gewöhnen wir uns einfach an alles? Wahrscheinlich zwangsläufig. Die emotionale Aufmerksamkeit muss wohl zurückgehen, allein schon aus Selbstschutz. Aber was folgt daraus? Ein paar Gedanken zwischen der großen Welt und der Niederungen hierzuland.

Was den genannten Ereignisse gemeinsam ist, ist der Bezug zur Energiefrage. Kein Wunder, dass der Rohölpreis seit über 2 Monaten kontinuierlich über 100 US-Dollar leigt.
Die Verwundbarkeit unserer Gesellschaft in der Energiefrage ist offensichtlich, und zwar einer Gesellschaft, die weitgehend relativ stabiles Wachstum, hohes Wohlstandsniveau und ein gewisses Maß an Reichtum gewohnt ist bzw. als normal betrachtet. Die diversen Krisen unserer Zeit werden jedoch den Umgang mit dieser Normalität ändern, denn ihre (durchaus vielfältigen) Ursachen gehen möglicherweise an die Quelle von Wohlstand und Wachstum.

Die Krise mit der Krise
Vor einer Woche nahm Erste Bank-Chef Andreas Treichl jene zwei Worte in den Mund, die für ca. eine Woche für eine breite Diskussion gesorgt hat: blöd und feig. Neben der Art des Statements wurde über einen Teil des Inhalts diskutiert, nämlich die tatsächlich diskussionswürdigen Richtlinien bei Kreditvergaben. (Basel III) Treichl wird aber mit noch einem Satz zitiert, der kaum für öffentliche Beachtung gesorgt hat:
Ich sehe jetzt eine riesige Gefahr dadurch, dass meine Branche relativ wenig aus der Krise gelernt hat. Denn die Chancen unfassbar schnell unfassbar viel Geld mit nicht traditionellem Geschäft zu verdienen, sind unheimlich hoch. Ich glaube, dass die nächste Krise nicht über die Immobilien, sondern über die Rohstoffe kommen wird” (Quelle Die Presse/APA)

Was bedeutet eine “nächste Krise” angesicht hoch verschuldeter Staaten und gegenseitiger Abhängigkeit in unserer Finanzgebahrung? Die Folgen der letzten Krise sind immer noch spürbar in unseren Gesellschaftssystem, siehe Budgetpolitik, siehe Griechenland, aber auch Spanien derzeit, wo viele Menschen durchaus berechtigerweise sagen: “Es reicht”.
Eine Verschärfung bzw. Wiederholung von 2008 wird Systeme zum Crash führen, und zwar auch politische Systeme.

In den letzten beiden Blogposts war über die ASPO-Konferenz in Brüssel zu lesen, wo unter anderen Jeff Rubin vor der nächsten globalen Krise gewarnt hat. Prognostizierter Zeitraum: die kommenden 12 Monate. Treichls Aussage hatte zwei Dimensionen. Einerseits: die Ressourenfrage in ihren Fundamentals. Andererseits: die kurzfristige Profitorientierung der Finanzmärkte. Treichl hatte somit eine andere Gewichtung bzw. Botschaft als Rubin. Ich will heute gar nicht bewerten, welche richtig sei oder nicht. Sehr wohl scheint evident, dass die Entwicklung der Rohstoffmärkte, des Ölpreises und der globalen Wirtschaft in einer intensiven Wechselbeziehung stehen. Die Schlußfolgerungen sind teils absurd, man blicke nur in die USA, wo aufgrund er hohen Ölpreise mit all ihren unmittelbaren Auswirkungen auf das tägliche Leben zu einem neuerlichen Change of Politics geführt hat. Es soll wieder vermehrt nach Öl und Gas gebohrt werden, sagt auch Obama.

Vereinfacht gesagt geht sich unser altes, auf billiger Energie aufbauendes Modell in dieser Form kaum mehr aus.
Was folgt aus steigender Nachfrage, sinkendem Angebot und der Abhängigkeit von unkonventionellem Öl? Ein höherer Ölpreis.
Was folgt aus der Atomdebatte nach Fukushima?
Ein höherer Strompreis.

Weitreichende Konsequenzen aus Fukushima
Die Gefahr des öffentlichen Kurzzeitbewusstsein ist, dass schnell vergessen wird. Derzeit können wir jedoch in einigen Bereichen anderes beobachten. Die Katastrophe von Fukushima lässt zentrale Akteure die Nutzung der Kernenergie tatsächlich hinterfragen.
Was in diesen Wochen in Deutschland diskutiert wird, wird tiefe Spuren zeigen. Wer Angela Merkels Interviews der letzten WOchen verfolgt hat, stellt einen deutlichen Wandel in manch ihrer Haltungen fest. (siehe dieses Zeit-Interview) Die Nuklearfrage ist zum Politikum geworden.
Die grünen Erfolge wie etwa in Baden-Würtemberg oder gestern in Bremen tragen ihren Teil dazu bei, weil die anderen Parteien sehen, dass die Menschen ihre politischen Rückschlüsse ziehen, auch an der Wahlurne. Auch bei Technologieunternehmen tut sich was: Siemens überlegt laut Handelsblatt den Ausstieg aus der Atomtechnologie.
Der Ausstieg wird den Bedarf nach neuer, zusätzlicher Energieproduktion weiter erhöhen. Die wird nicht billig sein.
Eine Politik, die wir hierzuland dem Credo “Energie muss billig sein” folgt , ist insofern unehrlich. Aufgrund der Rahmenbedinungugen und Marktentwicklung ist völlig klar, dass Energie im Falle von wirtschaftlichem Wachstum teurer werden muss.

Vergesst Eure Business-as-usual Szenarien.
Hier kommen wir zu einem Kernpunkt auch der österreichischen Energiepolitik. Ihr liegen jahrzehntelang eingespielte Business-as-usual Szenarien zu Grunde, die insbesondere auf kontinuierliche Preisentwicklungen setzen. Man geht von einem relativ stabilem Strompreis aus, leicht erhöhtem Energie- bzw. Stromverbrauch und rechnet vor, was man für neue Kapazitäten bräuchte. Das alles in relativ linearen Kurven.
Die Volatilität der Ölpreises, die Konsequenzen aus Fukushima, die Notwendigkeiten in der Klimapolitik, der auf Fundamentals aufgebaute Druck auf Ressourcenmärkte… das alles wird dabei nicht berücksichtigt.
Wo sich das wiederspiegelt? Z.B. in allen Energiestrategien oder jetzt im aktuellen Ökostromgesetz. Darauf werde ich im nächsten Posting noch genauer eingehen, aber ganz kurz: Wenn eine Fördermodell auf einem garantierten Einspeisetarif baut, das – grob gesprochen – den Förderbedarf aus der Differenz von Marktpreis und notwendigem Tarif berechnet, ist der Marktpreis unbestrittenerweise ein relevanter Faktor für die Kostenkalkulation. Gehe ich von einem niedrigen Marktpreis aus, ist der Förderbedarf hoch, sind ergo die Kosten höher. Ziehe ich hier bei den Kosten jedes Jahr einen Deckel ein, um die Errichtung neuer Anlagen zu limitieren, projeziert der Gesetzgeber Kosten für die nächsten ca 13. Jahre ohne zu wissen, wie sich der Marktpreis in den kommenden, zur Förderperiode zählenden Jahren entwickelt. Die Grundannahme, der Marktpreis bleibe in Zukunft gering, führt damit zu aktuell geringeren Investitionen. Gescheit? Nein!
Diese Methode hat zum weitgehenden Ausbaustopp für neue Ökostromanlagen geführt. So und hier kommt der Punkt: Die Kalkulation des Förderbedarf ist grundlegend anders, wenn ich einen deutlich stärker steigenden Marktpreise einberechne. 2008 – knapp vor dem Crash – war der Marktpreis z.B. kurzzeitig auf Höhe des Einspeisetarifs für Windkraft. Sowas wird wieder passieren in den kommenden Jahren.
Der Entwurf für das neue Ökostromgesetz baut jedoch auf Annahmen der Ära vor Fukushima, Deepwater Horizon und sonstiger Brücke der Jetztzeit. Fehler!

“Was ist normal?” und die Aufgabe von Politik
Insbesondere wenn sich vieles ändert, gehört es zu den Aufgaben der Politik, steuernd einzugreifen und Prioritäten zu setzen. Dazu gehört auch sowas wie ein Energiebewusstsein. Billige Energie ist z.b. stark in unserer Gesellschaft verhaftet. Kürzlich erzählte mir eine Bekannte, sie sei im Stress mit der Fliegerei,weil sie dieser Tage für paar Meetings nach Bangkok fliegen müsse und doch gerade erst vom Urlaub auf den Malediven käme. No one to blame. Jedem sei sowohl Urlaub wie auch ein spannendes berufliches Umfeld gegönnt, aber es führt zur Frage: was wird als normal betrachtet in unserer Gesellschaft; und was ist Luxus. Energie bzw Treibstoff muss sehr sehr billig sein, wenn es als normal betrachtet wird, hin und her zu jetten. Ich will´s niemandem verbieten, aber es geht eben um das Bewusstsein. Um so etwas wie Energiekultur. Seid Euch einfach bewusst, dass es Luxus ist und eben nicht normal und wisst es entsprechend zu schätzen.
Denn im Gesamtsystem wird sich das irgendwie alles nimmer so leicht ausgehen.

Die Aufgabe von Politik? Prioritätensetzung!
Es gilt zu vermitteln, was ist wichtig und warum ist genau das wichtig. Und auch, warum kostet es ggbfalls mehr. Es geht darum, mit den Verheißungen der Vergangenheit aufzuhören. 1 kWh Strom leistet so viel und ist so unglaublich billig am Markt. Eine Einladung zum Energieverschleudern. Das wird´s in dieser Form bald nicht mehr spielen und der Kampf jener, die unter allen Umständen unbedingt ihr Credo einlösen wollen, dass die Liberalisiierung der Strommärkte zu einer Verbilligung geführt hat, sollen bedenken, dass sich das Umfeld geändert hat.
Möglicherweise gibt es eben wichtigeres als das Versprechen aus einer abgelaufenene Dekade einzulösen.
Wie sagte gestern eine Demonstantin in Spanien in der ZIB 1. Es geht nicht um eine der politischen Parteien, es geht um so etwas wie Werte in unserer Gesellschaft. Recht hat sie.


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One response

23 05 2011
Dyrnberg

Wie die Engländer sagen: Good read. Danke.

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