Der Symbolik Inhalt & Emotion geben. Wie Karl-Heinz Kopf eine Änderung der Bundeshymne bewirkte

14 07 2011

Na gut. Vielleicht diesbezüglich zu viel der Ehr´ für Karl-Heinz Kopf. Denn selbstverständlich sind es die frauenpolitischen AkteurInnen gewesen, die seit Jahren für eine Änderung des Hymnentextes gekämpft haben und nun offenbar mit Erfolg belohnt werden. Und insbesondere Maria Rauch-Kallat wird eine Änderung mit Genugtuung verfolgen können.
Doch ist es schon wieder erstaunlich, wie sehr Form Inhalt schlägt. Wie sehr die Codes unserer Kultur (“So etwas macht man nicht”) zu neuen Mehrheiten für ein Anliegen sorgen.

Die Vorgeschichte: der Regelbruch “So geht das nicht!”
Die Vorgeschichte ist noch allen präsent: Vergangenen Freitag, letzter Tag einer anstrengenden dreitägigen Session des Nationalrats, bringt die wenige Tage zuvor wieder angelobte VP-Abgeordnete Rauch-Kallat einen Antrag zur Änderung des Hymnentextes ein. (“Heimat bist du großer Töchter, Söhne”) Sie hatte – wie sie in aktuellen Interviews erläutert – diese Initiative vor Wochen angekündigt und das – huch – obwohl VP-Klubobmann Karl-Heinz Kopf zu ihr meint, man müsse den Antrag klubintern ausführlich diskutieren.
Rauch-Kallats Handeln ist ein interner Regelbruch im VP-Klub. Eigenständige Initiative von Abgeordneten, sogar noch parteiübergreifend, ist unerwünscht. Soweit die bedauernswerte Normalität im Parlamentsalltag. Maria Rauch-Kallat braucht aber darauf keine Rücksicht nehmen, denn sie sieht ihr Mandat ohnehin nur als Kurzzeitauftrag und will salopp gesagt eh nix mehr werden in der ÖVP. Sie wollte den gemeinsamen Antrag mit Grün- und SP-Abgeordneten einbringen und begründen. Die Folge: die Initiative wird vom eigenen Klub sabotiert, in dem viele männliche VP-Mandatare ihr Rederecht in Anspruch nehmen, irgendwelche Themen ansprechen und damit verhindern, dass Rauch-Kallat zu Wort kommen kann. Verantwortlich dafür (operativ eben auch für die RednerInnenliste) ist Klubobmann Karl-Heinz Kopf. Wieweit Vizekanzler in diese Entscheidung eingebunden war, entzieht sich meiner Kenntnis.
Jedenfalls ein würdeloser Akt, der nicht nur die eigene Nationalratsabgeordnete demütigen sollte, sondern auch das demokratiepolitische Verständnis bzw. parlamentarische Unkultur zeigt. “So geht das nicht” ist das klare Signal des VP-Klubobmanns und seiner Helfer an die eigene Kollegin. Oder wie der VP-Abgeordneter Ferry Maier, der sich ob seiner beruflichen Unabhängigkeit auch hin und wieder nix pfeift, mal in der Ära Molterer sagte und kürzlich auch wiederholt. Es gelte offenbar das Prinzip “Hände falten, Goschn halten”

Der Ebenenwechsel. Naja genau: “So geht das nicht!”

Womit Kopf nicht gerechnet hatte, ist die Gegenreaktion. Die heißt nämlich auch: “So geht das nicht””. Würden die männlichen Akteure eine der idealtypisch erforderlichen Schlüsselkompetenzen gesellschaftlichen insbesondere politischen Handelns besitzen, nämlich Empathie, hätten sie gewusst, dass es zu einer Solidaritätsreaktion kommen muss. Es ist völlig klar, dass das würdelos Abdrehen von Rauch-Kallat eines stärkt: Ihr Anliegen. Es ist nämlich inhaltlich extrem schwer zu argumentieren, warum Töchter (neben den erwähnten Söhnen) nicht in der Hymne vorkommen sollen. Die einzige gesellschaftlich anerkannte Gegenfrage ist, ob man denn keine andere Sorge habe. Aber das zählt nicht mehr, wenn der Konflikt auf einer anderen Ebene erzählt wird. Auf der emotionalen Ebene. Wenn der versuchte Akt der Demütigung genau zum Beispiel wird, warum es vielleicht doch wichtig ist, auch in einer Hymne Frauen den gleichen Stellenwert einzuräumen wie Männern.
Der zentrale Punkte: Man hat der Symbolik damit den Inhalt und die Emotion gegeben. Etwas, was vielen Anliegen meist fehlt. Insofern könnte man nicht frei von Zynismus sagen: “Danke, Karl-Heinz Kopf”.
Ohne sein Handeln bzw. jenes der VP-Abgeordneten wäre es dazu zumindest derzeit nicht gekommen.
Somit wird tatsächlich parteiübergreifend (und Klubusance übergehend) etwas erreicht, das viele Jahre diskutiert wurde. Das Anliegen hat wie so oft ein Momentum gebraucht, um umgesetzt zu werden. Und es bedurfte im Anschluß daran strategisch kluges Verhalten, indem die handelnden AkteurInnen der einelnen unterstützenden Fraktionen nicht in erster Linie darauf bedacht waren, ihren eigenen Erfolg zu verkaufen, sondern gemeinsame Sache zu machen. Und damit zum gesamten Erfolg beitragen.
Ob das Männern auch so leicht gelingen wurde, sei einmal dahingestellt.

Empfohlen sei an dieser Stelle auch der heutige Kommentar von Eva Weissenberger in der Kleinen Zeitung: “Heimat bist du großer Heuchler”


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