Schiefergas in Österreich: eingezwängt zwischen mehreren Zielkonflikten

23 11 2011

Nun ist es also soweit. Mehrere Zeitungen (der KURIER online lieferte den ersten Beitrag) berichten von einem “gewaltigen Gasfeld” in Niederösterreich. Dieses “Gasfeld” ist jedoch kein herkömmliches Erdgasfeld, sondern gewonnen werden soll sog. Schiefergas (Shale Gas wie der internationale Begriff heißt; ich verwende einfach beide). In Poysdorf bei Mistelbach startet ein entsprechendes Pilotprojekt der OMV. Damit kommt eine Debatte nach Österreich, die in vielen anderen Staaten schon seit Jahren intensiv geführt wird. Vor allem in den USA, die an der Spitze der Shale Gas Exploration stehen, aber auch in einigen europäischen Staaten wie Frankreich, Deutschland oder Polen, wo gigantische Vorkommen bestehen sollen. Ich will diesen Beitrag nutzen, um eher nüchtern die mögliche Schiefergas Exploration in Österreich einzuschätzen, wissend, dass noch ein Begriff hinter Shale Gas steht, der Emotionen hervorruft: Fracking. Eine aufwendige Methode, das Gas zu gewinnen, die mit einigen relevanten Umweltrisiken und relativ hohen Kosten verbunden ist.

Die internationale Bedeutung von Shale Gas

Ganz kurz zur Erläuterung. Kaum ein Faktor hat die Prognosen des Erdgasmarktes in den vergangenen Jahren derart beeinflusst wie Shale Gas. Ähnlich wie bei Peak Oil hatten viele Staaten auch schon ihren Peak Gas. Wobei man konkret ergänzen muss, sie hatten ihren Peak Conventional Gas. Der Höhepunkt der neu entdeckten Gasfelder war weltweit bereits in den 60er bzw. 70er Jahren. Ähnlich wie bei Rohöl ging dann die Anzahl bzw. Gesamtkapazität der neuen Erdgasfelder zurück. Dies betrifft auch solche Staaten, die von Erdgas stark abhängig sind, wie etwa der größte Verbraucher, die USA (siehe Graphik) Die enormen Potentiale durch Schiefergas haben jedoch die Prognosen vor einigen völlig durcheinander gewirbelt. (im Link eine  Übersicht über die großen Shale Gas Gebiete in den USA)


Quelle: http://www.cleanbreak.ca/2011/06/13/natural-gas-climate-friend-or-enemy-depends-on-how-much-heat-youre-willing-to-tolerate/

Ähnlich wie bei Öl hängen die Zukunftsprognosen auch bei Erdgas von der Gewinnung von Unconventional Gas ab. Wobei das Unkonventionelle daran nicht das Gas selbst, sondern eben die Förderung ist. Zum Unconventional Gas gehört neben Schiefergas auch Kohleflözgas und sog. Tight-Gas, wo das Gas in Sandstein zu finden ist. In den USA macht Unconventional Gas bereits mindestens 40% der Erdgas-Gesamtproduktion aus. (inkl Kohleflözgas müssten es sogar 50% sein)
In Österreich werden derzeit rund 1,3 Mrd Kubikmeter Erdgas produziert (Ende der 70er Jahre waren es knapp 2 Mrd Kubikmeter) Der Verbrauch liegt in Österreich hingegen bei 8,5 Mrd  Kubikmeter (2008). Man sieht gleich, wie sich die Abhängigkeit Österreichs bei Erdgas ergibt. Daher ist die Überlegung, die Importabhängigkeit zu reduzieren prinzipiell nicht falsch.

Die Kehrseite der unkonventionellen Gasgewinnung: Was ist Fracking?

Das Problem ist, dass all diese unkonventionellen Vorkommen nur sehr aufwendig zu fördern sind. Bleiben wir beim Schiefergas. Es befindet ich in tiefen Gesteinslagen (4.000 – 10.000 m Tiefe) und wird mit Hilfe von künstlichem Druck aufgesprengt, sodass Risse im Gestein entstehen, damit das Gas entweichen kann. Im wesentlichen werden dafür viel Wasser, Sand und Chemikalien verwendet.
Diese Methode nennt man Hydraulic Fracturing (kurz Fracking). Die Schieferplatten sind sehr hart (härter als bei Tight Gas im Sandstein, wo Hydraulic Fracturing auch schon eingesetzt wird), was auch einen enormen Energieinput und eben diese Methode bedarf.
Der Sand und die Chemikalien sind u.a. deshalb notwendig, damit die Risse nicht zufallen bzw. später verstopfen. Das Verfahren ist übrigens gar nicht neu; jedoch hat es sich bislang nicht gelohnt, es in großem Stil für Schiefergas einzusetzen.
Schätzungen sagen, dass pro Bohrloch ca 35 Tonnen Chemikalien (darunter Toluol, Benzol und Xylol) genutzt werden, wovon viele davon toxische Eigenschaften haben. Das sog. Frack-Wasser fällt in die Kategorie Sondermüll. In den USA gab es schon eine Vielzahl an Grundwasserbeeinträchtigungen.
Und hier noch ein relevanter Punkt. Denn es ist nicht so, dass man – wie der Kurier-Titel vermittelt – ein großes Gasfeld hat, in das man eben einfach reinbohrt, sondern es sind sehr sehr viele Bohrungen notwendig. (abhängig von der Flächengröße)
Hier liegt auch eine der wesentlichen Unterschiede zu Tight Gas. Die Gesteinsschichten für Schiefergas erstrecken sich über große Gebiete, sodass auch horizontal angebohrt werden muss. Technisch machbar, aber aufwendig.

Insbesondere die Gefährung des Trinkwasser durch Chemikalien aber auch die lokalen Auswirkungen durch die aufwendigen Bohrungen führten zu Widerstand. In Frankreich hat das Parlament Ende Juni dieses Jahres Fracking verboten; erst vor wenigen Wochen wurden neue Anträge von TOTAL und anderen Unternehmen auf neue Förderstandorte für Schiefergas von Umweltministerin Kosciusko-Morizet nicht genehmigt werden.

Der Film Gasland von Josh Foy hat in den USA diesbezüglich viel zur Bewusstseinbildung beitragen. Berühmt ist die Szene, bei der durch entweichendes Gas in der Wasserleitung Feuer entzündet werden konnte. Empfehlenswert ist übrigens auch diese NANO-Sendung auf 3sat: ?101109_gasrau_nano.rm

Nun, was bedeutet die Schiefergas-Perspektive für Österreich? Vorweg: meine persönlichen Einschätzung ist, dass es noch lange dauern wird, bis es tatsächlich dazu kommt. Denn

  • erstens ist eine gewinnbringende Förderung bei den aktuellen Preisen noch schwer darstellbar;
  • zweitens hat die OMV angekündigt, auf Hydraulic Fracking wie oben geschrieben zu verzichten, sondern Schiefergas umweltfreundlich zu fördern, was aktuell meines Wissens nicht möglich ist;
  • drittens wird die Genehmigung der Förderung im großen Stil nicht konfliktfrei ablaufen.

Was schon wichtig ist, ist die Auseinandersetzung mit der österreichischen Shale Gas Perspektive. Und hier orte ich drei wesentliche Zielkonflikte:

Zielkonflikt 1 Klimaschutz: die schlechte Treibhausbilanz von Schiefergas

  Der Zufall will es, dass das Thema eine Woche vor der nächsten Klimakonferenz hoch kommt. Wenn sich niemand verzählt hat, ist es COP 17. Und zugegeben, von einer substanziellen Annäherung an eine Problemlösung ist man aktuell weit entfernt als.
Auch Österreichs Treibhausgasbilanz ist verheerend. Vom Kyoto-Ziel ist man meilenweit entfernt.

(Foto c © The Ice Bear Project Ltd)

Doch was bedeutet es für die heimische Klimabilanz, wenn Schiefergas in diesen großen Mengen gefördert wird? (präzise quantifiziert wurde ja die förderbare Menge noch nicht, außer “riiiiieeesengroß”)
Bei der ASPO US-Konferenz in Washington hörte ich kürzlich zwei interessante Experten. Robert W. Howarth und Anthony Ingraffea von der Cornell University. Sie analysierten die Schiefergas-Förderung und bilanzierten derenTreibhausrelevanz. Denn: Obwohl Schiefergas auch nur Erdgas ist, hat es aufgrund der Fördermethode deutlich höhere Emissionen, weil viel Methan entweicht. Die Autoren, die ihre Erkenntnisse in der September-Ausgabe von Nature publiziert haben, raten von einer offensiven Shale Gas Strategie ab. Die Umweltrisken seien zu hoch und die Treibhausgasrelevanz deutlich höher als bei anderen fossilen Energieträgern. Im Papier heißt es: <a href=”Methane is a major component of this footprint, and we estimate that 3.6–7.9% of the lifetime production of a shale gas well (compared with 1.7–6% for conventional gas wells) is vented or leaked to the atmosphere from the well head, pipelines and storage facilities.”
The Atlantic hatte schon im April die Daten der Studie von Howarth, Ingraffea, Engleder veröffentlicht. Sie sind für einen 20-Jahres Zyklus berechnet. Sie sind insofern erstaunlich, weil auch der herkömmlichen Erdgasförderung ein entsprechender Anteil entweichendes Methan zugeschrieben wird, was aber auch mit den in den USA verbreiteten Fördermethoden zu tun haben könnte. Bei Shale Gas ist dieser Anteil nochmals signifikant höher. Leider habe ich die Graphik für denn 100-Jahre Periode nicht. Hier ist Kohle deutlich über Erdgas; aber Shale Gas auf vergleichbarem Wert. (mit Kohle)

Ein interessanter Vortrag der beiden Wissenschafter ist auf Youtube zu finden.

Zu beantworten ist also die Frage, ob man angesichts der schlechten Treibhausbilanz Österreichs tatsächlich diese zusätzliche Emissionen in Kauf nehmen will?

Zielkonflikt 2 Energieautarkie: das war eigentlich anders gemeint

Energieautarkie ist ein zentrales Motiv für viele energiepolitischen Programme in Österreich. Umweltminister Berlakovich propagiert das Ziel, dass Österreich bis 2050 „energieautark“ sein soll. Zur Zeit liegen wir knapp über 30 Prozent. Auch viele Bundesländer setzen aktuell auf Energieautarkie-Szenarien, wobei das immer nur eine bilanztechnische Frage ist – es geht nicht um technische Autarkie, also der infrastrukturellen Unabhängigkeit vom Rest der Welt. Niederösterreich beschloss vergangene Woche den Energiefahrplan 2030. Bis 2015 will man hier 100% Erneuererbare beim Strom und bis 2020 erreichen und den Anteil der Erneuerbaren am Gesamtenergiebedarf von 30 auf 50% steigern. Burgenland wird bis 2014 100% Erneuerbare im Strombereich haben; bei der Wärme dauert es natürlich auch etwas länger. Für Salzburg präsentierte gestern der für Raumplanung verantwortliche Abteilungsleiter Friedrich Mayr den Plan, ebenso 50% Erneuerbaren Anteil bis 2020 anzuvisieren.

Und hier kommt der Punkt. Energieautarkie ist in Österreich mit dem Gedanken verknüpft den Anteil der Erneuerbaren Richtung 100% zu erhöhen. Wie passt da eine proaktive Schiefergas-Vorgehensweise ins Konzept? Man könnte natürlich argumentieren, dass Energieautarkie nicht zwingend erneuerbar sein muss. Aber war das die Idee? Ich glaube nicht.

Zielkonflikt 3 Wo investitieren: Schiefergas & Nabucco? Too much, guys.

Nun, ehrlicherweise ist das kein unmittelbarer Zielkonflikt, denn im Sinne der oben beschriebenen Ziele ist wahrscheinlich weder das eine noch das andere anstrebenswert. Aber es mag schon einen guten Grund haben, warum die – lange vermuteten Schiefergas-Vorkommen in Niederösterreich – bislang in dieser erahnten Dimension nicht an die große kommunikative Glocke  gehängt wurden. Es ist schlicht schwer zu erklären, dass man einerseits massiv in eigene Schiefergas-Vorkommen investiert, die sich nur rentieren, wenn Gas entsprechend teuer ist, und andererseits 8 Milliarden Eur in die 3300 km lange Pipeline investiert. Logisch, Nabucco dient ohnehin nicht primär dem österreichischen Markt, aber dennoch wird die Argumentation für beide Unterfangen nicht ganz widerspruchsfrei sein.

Eines beweist die aktuelle, am Beginn stehende Diskussion jedenfalls. Derartige Projekte sind nur möglich, wenn der Gaspreis entsprechend hoch ist. Damit ist zu rechnen, denn die konventionellen fossilen Energieträger werden dem steigenden weltweiten Bedarf nich folgen können und damit teurer werden.  Diese Zielekonflikte zu klären, wird entscheidend sein für die Zukunft von Schiefergas bzw. der gesamten Energieversorgung in Österreich. Es geht tatsächlich um strategische Weichenstellungen mit langfristigen Folgen.

Am Ende noch einige Medienhinweise:

Ö1-Beitrag vom 2.11.  Riskanter Rohstoffrausch. Der Streit um das Erdgas aus Schiefergestein

ORF Weltjournal, heute 23.11. zu Schiefergas





“Politikberatung in Österreich” – ein wichtige Neuerscheinung in Zeiten berechtiger Zweifel an der Politikfähigkeit

5 11 2011

Immer wieder kommt es zu diesem oder ähnlichen Dialogen:

Er/Sie zu mir: „Was machst Du eigentlich beruflich
Ich: „Ach, das ist mit Berufsbezeichnungen ist immer so eine Sache. Aber im wesentlichen bin ich Politik- und Strategieberater
Er/Sie zieht Augenbrauen hoch, blickt erstaunt – die Reaktion ist eigentlich selten positiv. Manchmal kommt auch ein „Jessas“ (wenn man sich traut) oder ein kurzes “Aha
Darum Ich rasch ergänzend: „Mein Schwerpunkt liegt inhaltlich bei Energie- und Umweltthemen. Ich sehe mich als Brücke zwischen inhaltlicher Expertise, Zukunftsanliegen, politischen Akteuren und manchmal auch Kommunikation
Er/Sie in deutlich entspannterer Miene: “Aha, Energie und Umwelt- na, das ist ja eh wichtig. Gerade jetzt, nicht wahr?“
puh, nochmals die Kurve gekratzt.

An die unzureichende inhaltliche Erklärung von Berufsbezeichnungen glaube ich übrigens wirklich. Gerade die beratende Branche hat immer wieder erhöhten Erklärungsbedarf. Aber es zeigt auch, dass Politikberatung etwas ist, das viele Fragezeichen hinterlässt und eben kein konkretes Berufsbild darstellt. Die Assoziation ist nicht zuletzt aufgrund des teils dramatischen medialen Bilds von Politik, der Vielzahl an Korruptionsfällen und intransparenten Parteienfinanzierung durchaus nachvollziehbar. Insbesondere in Österreich.
Umso wichtiger ist es, dass jene Akteure, die mit Politikberatung zu tun haben, zeigen, warum diese Form der Leistung wichtig sein kann, welche es inkl. diverser Analysemethoden überhaupt gibt, wo die kritischen Punkte sind und auch ein wissenschaftlich Diskurs darüber sichtbar ist. Denn eine Frage erlaube ich mir auch jenen entgegen zu halten, die das alles für eine weitere unnötige Blase einiger Wichtigtuer halten: „Wenn du die Politik aktuell verfolgst, meinst du tatsächlich, dass ausgerechnet die Politiker jene sind, die keine Beratung gut brauchen können?“ – Na, eben.

Daher ist die Initiative von Feri Thierry sehr zu begrüßen, mit dem Buch „Politikberatung in Österreich. Herausforderungen – Strategien – Perspektiven“ ein neues, hochaktuelles Standardwerk herauszugeben, das die vielfältigen Aspekte dieses Feldes, den seriösen, qualitätsorientierten Zugang vieler ihrer Akteure und aktuelle Fragestellungen nicht nur der österreichischen Politik abdeckt. Die im Braumüller-Verlag erschienene Publikation bietet auf 282 kompakten Seiten 34 relativ kurze aber eben auch kurzweilige Beiträge von Autoren, die teilweise in der Öffentlichkeit sehr gut bekannt sein (Peter Filzmaier, Anton Pelinka, Hubert Sickinger, Peter Hajek, Thomas Hofer) und auch von einigen, die eben nicht medial so präsent sind. Auch das halte ich im Sinne der Transparenz des Bereiches für wichtig. Schließlich arbeiten mehr als tausend professionelle PolitikberaterInnen bereits an den Schnittstellen zwischen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft.

Die Themenpalette des Sammelbands reicht u.a. von einer Einführung in Begrifflichkeiten und Zugänge von Politik, Qualitätskriterien der Beratung, unterschiedliche Formen der Politikberatung, beleuchtet die Bereiche und Akteure der Politikberatung und gibt auch Einblicke in einige internationale Entwicklungen. Man erfährt z.B. über Netzwerkanalyse (Beitrag von Harald Katzmair und Christian Gulas) genauso etwas wie über politische Kampagnen (Stefan Bachleitner).
Auch ich durfte einen Beitrag dazu schreiben und habe einige Aspekte von Politikberatung und Zivilgesellschaft beleuchtet, wobei es hier insbesondere um das Verhältnis von NGOs, Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern bzw. Einflussfaktoren ging. Eine Grundthese des Beitrags lautet, dass durch das geringer werdende Vertrauen in etablierten politischen Institutionen, denen man kaum mehrzutraut, die aktuellen Herausforderungen und entsprechende Reformen zu meistern, der Motor für politische Änderungen stark im dritten Sektor zu finden sein könnte. Jener hat jedoch in der politischen Interessensvertretung und Kommunikation unter anderem damit zu kämpfen, das viele Formen der Artikulation und Mobilisierung abzustumpfen drohen.

Hier eine Beschreibung (+Bestellmöglichkeit) und das Inhaltsverzeichnis zum Buch.

Zum Thema Zivilgesellschaft und neue Medien will an dieser Stelle auch auf das Buch “Soziale Bewegungen und Social Media. Handbuch für den Einsatz von Web 2.0, Wien 2011“, herausgegeben von Thomas Kreiml Thomas und Hans Christian Voigt gerne hinweisen.

Gerade derzeit ist die aktuelle Dynamik neuer Organisationsformen im politischen Prozeß brandaktuell und wichtig.





Urbanized – eine neue Doku als Wegweiser in Sachen Urban Design

1 11 2011

Ein New-York Aufenthalt hat mir Gelegenheit gegeben, das Opening Screening mit Gary Hustwit zu seiner neuen Doku, Urbanized, zu besuchen. Urbanized beschäftigt sich mit den Kernfragen nachhaltiger Stadtentwicklung und ist Teil 3 einer losen Trilogie des Filmemachers, die sich mit Design in völlig unterschiedlichen Kontexten auseinander setzt. Die vorangegangenen Filme waren Objectified, mit Schwerpunkt Industrial Design, und Helvetica, eine Doku über Typographie und Graphikdesign.

Der Film wird in diesen Wochen in mehreren Städten ausgehend von London und New York vorgestellt. Den Versuch, den Film auch nach Österreich zu holen, wird es geben. Auch Hustwit hat diesbezüglich schon Interesse bekundet. Der Film ist meiner Meinung nach ein äußerst gelungenes, motivierendes, dichtes und kurzweilies Werk über Urban Design & Nachhaltikgeit.
Die Doku bietet großartige Bilder, kurzweilige und verständliche Interviewsequenzen mit sehr gut ausgewählten Gesprächspartnern und konkrete Beispiele, die insbesondere Best-Practice-Beispiele und Geschichten aus vielen Teilen der Welt zeigen.

Hier vorab der Trailer, bevor ich – ich glaube es ein erster deutsprachige Review zum Film überhaupt – einige Anmerkungen ergänze.

Der Film baut nicht auf einer klassischen Struktur – zuerst zeige ich das Problem, dann die Lösung – auf, sondern arbeitet sofort mit Beispielen, angereichert mit einigen Definitionen zu Beginn über Urban Design. Es gibt meiner Meinung nach starke Anlehnungen an das Urban Age-Programm der London School for Economics (LSE) und der Alfred Herrhausen Stiftung der Deutschen Bank, die mit den beiden Endless-Cities Publikationen Standardwerke der Entwicklung der Urbanisierung vorgelegt haben. Urbanized referenziert zeitlos wichtig Persönlichkeiten wie Jane Jacobs, und spricht mit einigen der Big Names wie der brasilianischen Architekturlegende Oscar Niemeyer (in einer kritischen Auseinandersetzung mit Brasilia,) Norman Foster, Bruce Katz, Rem Koolhaas und greift auf erfolgreiche Beispiele wie unter anderem die politischen Erfolge von Enrique Peñalosa in Bogota (leider hat er vergangenes Wochenende die Bürgermeisterwahl in Bogota nicht gewinnen können) oder den chilenischen Architekten Alejandro Aravena, der Häuser für insbesondere einkommensschwache Gruppen errichtet, die sehr günstig angeboten werden können, und durch flexible Gestaltungsmöglichkeiten erweiterbar sind. Oder wie Chorherr in seinem soeben erschienen Buch “Verändert” schreibt, bauen wir wieder Häuser und nicht nur jeweils vereinheitliche Appartments, Büros, Wohnungen ohne flexible Spielräume.
Witzig auch das energiekulturelle Beispiel aus Brighton, The Tidy Street Projekt (siehe Guardian Portrait). Hierbei erhob eine Community-Initative den Energieverbrauch der einzelnen Haushalte eines relativ überschaubauren Straßenzugs und sprayt kontuierlich über einen längeren Zeitraum die Entwicklung des Energieverbrauchs auf: genau… die Fahrbahn.
Im Gegensatz zu den Erfolgen eines Penalosa, der unter anderem durch neue Radverbingungen und eine Neudefinition des öffentlichen Raumes in Bogota nicht nur umwelt- sondern auch sozial relevante Impulse setzen konnte, ist The Tidy Street Projekt natürlich nur ein Mini-Projekterl. Aber allein die Szene wie Penalosa mit dem Fahrrad auf einem Fahrradweg unterwegs ist und ständig in Kontakt mit den Menschen ist, zeigt, wie sehr es auch um Kommunikation geht, wenn wir über Mobilität reden.

Ein schönes Beispiel ist auch die mittlerweile berühmte High Line in New York City.

Die High Line ist einer seit vielen Jahren nicht mehr genutzt Hochbahntrasse im Westen von Manhatten, die dank einer Community-Initiative einzelner Bürger erhalten wurde, und mittlerweile über 2,3km begrünt wurde, eine durchgängige Fußgängerverbindung geschaffen hat und öffentlichen Verweil-Raum ohne Konsumationszwang ermöglicht. Dabei entstehen völlig neue Blicke auf die Stadt, was auch Touristen zu Hauf anlockt. Kein Zufall, dass entlang der High Line mittlerweile jede Menge moderner Wohnbau entsteht. Die Nähe zu den Wohnungen ist zwar fragwürdig, denn sich von tausende Besucher (viele davon Touristen) täglich ins Wohnzimmer schauen zu lassen, ist vielleicht nicht nur anstrebenswert.

Dem Film gelingt es, viele unterschiedliche, durchaus komplexe Themen in nicht einmal 90 Minuten so zu behandeln, dass der Zuseher durch eine klare Struktur, gut erzählte Geschichten und großartige Einstellungen wirklich was mitnehmen kann. Er schafft Bewusstsein für die Bedeutung der Städte, mit all den unterschiedlichen Ausformungen wie den Informal Settlements in Megacities wie Mumbai oder der nahezu überall zentralen Frage urbaner Mobilität.

Der einzige Punkt, der mir fehlt, ist der unmittelbare Bezug zur Energiefrage. Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass die Dominanz des Autos einer der maßgeblichsten Einflussfaktoren für die Stadtplanung der letzten Jahrzehnte gewesen ist. Jene war aber nur deshalb möglich, weil das fossil-industrielle Zeitalter auf einem Faktor aufbaute: billige Energie. In erster Linie Erdöl. Als die Ölpreise knapp vor der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 (möglicherweise kein Zufall) so rasant stiegen, hat relativ schnell ein Reurbanisierungsaschub im den weitgehend zersiedelten USA gegeben. Klar, die Mortgage Krise und der Schuldendruck der Haushalten waren auch ein relevanter Faktor. Aber dennoch: der als normal angesehen Lebensstil, jede Strecke mit dem Auto zurückzulegen und motorisiert individuell hin und her zu commuten geht sich als Standardmodell nur aus, wenn der Treibstoff billig ist. Und diese Zeiten sind ehrlich gesagt vorbei. Meiner Meinung nach eine Chance für Städtebau.
Urbanized hat jedenfalls die richtigen, zeitgemäßen Botschaften, ist inspirierend und zeigt eines: Partizipation und Engagement im kommunalen Bereich (vielleicht nicht nur GEGEN ein Projekt wie hierzustadt, sondern auch mal FÜR eine neue Idee), aber auch eine verantwortungsvolle Politik (und entsprechende Politiker) sind die Grundsäulen, um Nachhaltigkeit im Urban Design zu ermöglichen.
Sonst wird sich das alles in einer Welt, in der mehr als 50% der rund 7 Milliarden Menschen in Städten leben (Tendenz weiter stark steigend), schlicht nicht ausgehen.

Dazu passend noch folgende Links, die nicht in den Text integriert wurden:
Twitter Account von Gary Hustwit (über 130.000 Follower)
Guardian Review zu Urbanized
NY Times Review zu Urbanized
In diesem Artikel von Ute Woltron im Presse Spectrum von Juni 2011 gibt es mehrere Referenzpunkte, die auch im Film angesprochen werden. (Urban Age, Penalosa, Mumbai etc.)