“Politikberatung in Österreich” – ein wichtige Neuerscheinung in Zeiten berechtiger Zweifel an der Politikfähigkeit

5 11 2011

Immer wieder kommt es zu diesem oder ähnlichen Dialogen:

Er/Sie zu mir: „Was machst Du eigentlich beruflich
Ich: „Ach, das ist mit Berufsbezeichnungen ist immer so eine Sache. Aber im wesentlichen bin ich Politik- und Strategieberater
Er/Sie zieht Augenbrauen hoch, blickt erstaunt – die Reaktion ist eigentlich selten positiv. Manchmal kommt auch ein „Jessas“ (wenn man sich traut) oder ein kurzes “Aha
Darum Ich rasch ergänzend: „Mein Schwerpunkt liegt inhaltlich bei Energie- und Umweltthemen. Ich sehe mich als Brücke zwischen inhaltlicher Expertise, Zukunftsanliegen, politischen Akteuren und manchmal auch Kommunikation
Er/Sie in deutlich entspannterer Miene: “Aha, Energie und Umwelt- na, das ist ja eh wichtig. Gerade jetzt, nicht wahr?“
puh, nochmals die Kurve gekratzt.

An die unzureichende inhaltliche Erklärung von Berufsbezeichnungen glaube ich übrigens wirklich. Gerade die beratende Branche hat immer wieder erhöhten Erklärungsbedarf. Aber es zeigt auch, dass Politikberatung etwas ist, das viele Fragezeichen hinterlässt und eben kein konkretes Berufsbild darstellt. Die Assoziation ist nicht zuletzt aufgrund des teils dramatischen medialen Bilds von Politik, der Vielzahl an Korruptionsfällen und intransparenten Parteienfinanzierung durchaus nachvollziehbar. Insbesondere in Österreich.
Umso wichtiger ist es, dass jene Akteure, die mit Politikberatung zu tun haben, zeigen, warum diese Form der Leistung wichtig sein kann, welche es inkl. diverser Analysemethoden überhaupt gibt, wo die kritischen Punkte sind und auch ein wissenschaftlich Diskurs darüber sichtbar ist. Denn eine Frage erlaube ich mir auch jenen entgegen zu halten, die das alles für eine weitere unnötige Blase einiger Wichtigtuer halten: „Wenn du die Politik aktuell verfolgst, meinst du tatsächlich, dass ausgerechnet die Politiker jene sind, die keine Beratung gut brauchen können?“ – Na, eben.

Daher ist die Initiative von Feri Thierry sehr zu begrüßen, mit dem Buch „Politikberatung in Österreich. Herausforderungen – Strategien – Perspektiven“ ein neues, hochaktuelles Standardwerk herauszugeben, das die vielfältigen Aspekte dieses Feldes, den seriösen, qualitätsorientierten Zugang vieler ihrer Akteure und aktuelle Fragestellungen nicht nur der österreichischen Politik abdeckt. Die im Braumüller-Verlag erschienene Publikation bietet auf 282 kompakten Seiten 34 relativ kurze aber eben auch kurzweilige Beiträge von Autoren, die teilweise in der Öffentlichkeit sehr gut bekannt sein (Peter Filzmaier, Anton Pelinka, Hubert Sickinger, Peter Hajek, Thomas Hofer) und auch von einigen, die eben nicht medial so präsent sind. Auch das halte ich im Sinne der Transparenz des Bereiches für wichtig. Schließlich arbeiten mehr als tausend professionelle PolitikberaterInnen bereits an den Schnittstellen zwischen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft.

Die Themenpalette des Sammelbands reicht u.a. von einer Einführung in Begrifflichkeiten und Zugänge von Politik, Qualitätskriterien der Beratung, unterschiedliche Formen der Politikberatung, beleuchtet die Bereiche und Akteure der Politikberatung und gibt auch Einblicke in einige internationale Entwicklungen. Man erfährt z.B. über Netzwerkanalyse (Beitrag von Harald Katzmair und Christian Gulas) genauso etwas wie über politische Kampagnen (Stefan Bachleitner).
Auch ich durfte einen Beitrag dazu schreiben und habe einige Aspekte von Politikberatung und Zivilgesellschaft beleuchtet, wobei es hier insbesondere um das Verhältnis von NGOs, Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern bzw. Einflussfaktoren ging. Eine Grundthese des Beitrags lautet, dass durch das geringer werdende Vertrauen in etablierten politischen Institutionen, denen man kaum mehrzutraut, die aktuellen Herausforderungen und entsprechende Reformen zu meistern, der Motor für politische Änderungen stark im dritten Sektor zu finden sein könnte. Jener hat jedoch in der politischen Interessensvertretung und Kommunikation unter anderem damit zu kämpfen, das viele Formen der Artikulation und Mobilisierung abzustumpfen drohen.

Hier eine Beschreibung (+Bestellmöglichkeit) und das Inhaltsverzeichnis zum Buch.

Zum Thema Zivilgesellschaft und neue Medien will an dieser Stelle auch auf das Buch “Soziale Bewegungen und Social Media. Handbuch für den Einsatz von Web 2.0, Wien 2011“, herausgegeben von Thomas Kreiml Thomas und Hans Christian Voigt gerne hinweisen.

Gerade derzeit ist die aktuelle Dynamik neuer Organisationsformen im politischen Prozeß brandaktuell und wichtig.


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One response

21 12 2012
Ulrich Höhberger

Dies ist ein wirklich guter Beitrag zu dem Thema das uns alle doch bewegt.

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