Best of Music 2011

31 12 2011

Wie schon in einigen Jahren zuvor (siehe 2010 und 2008), soll das heurige Jahr ebenso nicht ohne musikalische Best-of-Liste im Sinne eines Rückblicks vorbeiziehen. Quasi knapp vor Ende der Transferzeit noch ein gschwinder Beitrag dazu. Die Verführung war natürlich groß, diesmal keine Listen im Sinne der Tradition von Nick Horby´s “High Fidelity” anzulegen, sondern gleich alles in Ratings zu stopfen. Anlaß für ein Downgrading hätte es auch einige gegeben, aber dann habe ich mir gedacht, dass man sich dem öffentlichen Bedürfnis nach Orientierung und Beurteilung durch derartige Bewertungsmethoden eben nicht beugen muss. Schließlich ist ja auf einer gänzlichen anderen Ebene die weitgehende Unterwerfung politischen Handelns – sowohl auf Ziele wie auch auf Instrumenten und Maßnahmenebene – einem einzigen Instrument des Kapitalmarkts gegebüber, nämlich dem (Tripple A) Rating, auch nicht zielführend. Man darf schon auch erwarten, dass Politik Ziele hat, etwas will und entsprechend Prioritäten setzt. Das wär quasi mein Wunsch für das neue Jahr, nämlich Mehr einer inhaltsgetriebenen Politik zu sehen. Aber die Krise der politischen Instrumente wird bald auf Guensblog mehr Aufmerksamkeit erhalten.
In die Politik will ich aber nicht zu weit abgleiten, sondern gleich mit paar Listen 2011 loslegen.
Warum ich das mache? Weil ich selbst von derlei Listen anderer profitiere. Wäre z.B. auf der Best of List von Stadtbekannt nicht das Album des ehemaligen E.S.T-Musikers Magnus Öström “Thread of Life“ erwähnt gewesen, hätte ich es eben nicht mitbekommen. Und das wäre schade gewesen. Man könnte ja doch noch was verpassen…

Tracks of 2011

Iron by Woodkid Kam erst gegen des Jahres in meine Playlist, und dort quasi von 0 auf 1 wie Udo Huber früher gesagt hätte. Die ganze EP ist sehr hörenswert.
Keep You Close by Deus: Enttäuschendes Album, aber dieser eine Song ist Klasse. Hat eine Band wie Coldplay zb mit dem neuen Release nicht geschafft. Und die hatten früher auch auf schwachen Alben zumindest 1-2 tolle Songs dabei.
The Devils Orchard by Opeth: Der Stilwechsel von Opeth gefällt mir alten Progrocker sehr gut. Auch wenn sie doch einige Fans dadurch verloren haben. Das Drumming bei diesem Song ist großartig.
Your Ex-Love is Dead by Stars: kein neuer Song, aber dank einer Geburtstagfeier, wo ich ihn mitcovern durfte, oft gehört und in meiner Bestenliste reaktiviert.
Sirens by I Like Trains: Erster Halbmarathon. Ca km 15. Das richtige Tempo für´s richtige Tempo. Und schön antreibend, ohne zu viel Gas zu geben.

Album of 2011

21 by Adele: Ich weiß, auf die können sich viele einigen. Aber sie ist einfach verdammt gut!
A Different Kind of Fix by Bombay Bicycle Club: Schon ihr erstes Album war stark; das Folgewerk heuer noch kompletter und insbesondere im Songwriting noch gefestigter. Leider nie live gesehen.
Lupercalia by Patrick Wolf: Entertaining, dramatisch, positiv und kompositorisch auf durchaus hohem Niveau.
Never Stop by The Bad Plus: Wohl das meistgehörte Album von mir. Schon 2010 erschienen. Anstatt wie früher Coverversionen diesmal Eigenkompositionen. Gute Idee!

Beim fünften kann ich mich nicht entscheiden, ob James Blake, der wohl in kaum einer Liste für 2011 fehlt oder Allison Miller, die beim Jazzfest Saalfelden so überzeugt hat, oder doch das gesamte Opeth Album. Jedenfalls nicht die enttäuschenden Death Cab for Cutie oder Snow Patrol Teile.

Concerts of 2011

Eigentlich war ich ja auch auf dem von FM4 gewählten Konzert des Jahres von Arcade Fire in Wiesen. Aber mir haben andere besser gefallen bzw. bleiben nachhaltiger in Erinnerung. V.a.:
The Irrepressibles beim Donaufestival am 7.Mai: Die wollte ich immer schon live sehen und es war großartig. Bin sonst kein Freund übertriebener opulenter Inszenierung, aber in diesem Fall sind Musik, Style und Gesamtchoreographie äußerst stimmig. Außerdem sind die wahnsinnig sympathisch.
The Bad Plus feat Joshua Redman beim Jazzfestival Saalfelden am 28. August: Es gibt diese Momente, wo man alles alles rund um sich ausblenden kann. Alles! Das war bei diesem großen Auftritt dieser Superstars des modernen Jazz so.
Efterklang Berlin Volksbühne am 13. März: Alter Däne, Efterklang gehören zu meinen Favoriten der vergangenen Jahre. Hatte sie wenige Tage davor in Wien gesehen. Ein ehrlicherweise nicht besonders stillefähiges Wiener Publikum hatte das leicht beeinträchtigt. Der glückliche Zufall liess Efterklang und mich kurz danach gleichzeitig in Berlin sein. Und Berlin war deutlich fokussierter und in allen Belangen wunderbar. Die Band macht nun eine Auszeit.
Das Video ist zwar nicht von diesem Konzert, aber die Aufnahmequalität passt:

Für mehr Musikkategorien habe ich heuer ehrlich gesagt keine Zeit.

Für einen kurzen Outlook 2012 noch ein paar Hinweise auf Releases, die für Aufmerksamkeit sorgen werden/sollten. Wobei ich international nix mehr erwähne, denn in der Vielfalt interessanter anstehender Neuerscheinungen bin ich mit meinen Erwartungen oft zuletzt daneben gelegen. Daher paar Hinweise aus dem eigenen Lande:
Mit Spannung erwarten kann man das neue Soap & Skin Album “Narrow”, das am 10.2. rauskommen wird.
Durch unzählige Auftritte und auch ihre Songcontest-Bewerbung hat sich die Mary Broadcast Band einen Namen gemacht. Auch hier wird 2012 ein neues Album erscheinen, das erfolgsversprechend klingt.
Das neue und zugleich erste Solo-Album von Eloui “Chasing Atoms” ist ausgezeichnet und sollte noch breiter bekannt werden. Ich denke, von ihr wird man 2012 einiges hören.

So far 2011, more to come…

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Old Politics & Decoding Leadership: Warum es im Fall Niko Pelinka um mehr als die Person gehen sollte

30 12 2011

Vorweg, dieser Beitrag soll nichts relativieren, was an der heiß und viel diskutierten ORF-Personalie Niko Pelinka zu kritisieren ist. Mich interessiert aber weniger die Person, über dessen Qualifikation ich wenig sagen kann, als die Muster dahinter und warum es um mehr geht als um eine (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) parteipolitisch motivierte Personalentscheidung. Es sind Muster nicht nur österreichischer Politikkultur aber auch von gängigen Leadership- und Karrieremechanismen, die hier zu tragen kommen.

Was ich schon für relevant halte ist, dass die Kritik an der Person Niko Pelinka häufig an diesen Mustern vorbei lenkt. Der Yuppie-artige Karrierist mit gutem Netzwerk und parteipolitischem Instrumentenportfolio zieht manch Aggression auf sich, was angesichts dieser Entscheidung absehbar war. Wichtiger scheint mir jedoch auf die nicht-persönliche Ebene zu fokussieren, weil ich die teils unter- und zugleich übergriffige Ausdrucksform für kontraproduktiv halte. Wutbürger hin, Wutbürger her.

Eine besondere Leseempfehlung sei an dieser Stelle schon zu Beginn Michel Reimons heutigem äußerst intelligenten und elaborierten Kommentar auf derstandard.at “Posten sind Schweine” ausgesprochen. Big one.

Bevor die politische Ebene drankommt, noch zur Brücke Richtung Leadership & Karrieremustern. Überall ist derzeit in den Karriereteilen diverser Zeitungen von New Leadership etc zu lesen. Der smarte, wertegetriebene Chef, der gut führt, kommuniziert etc. und so erfolgreich ist. Die Praxis zeigt auch im Unternehmensbereich ein anderes Bild, wie mir mancherorts von Betroffenen bestätigt wird.
Das kürzlich erschienene Buch (Kindle Edition)”Decoding Leadership Bullshit. Practical Tips to Move Up The Corporate Ladder” von einem Autor, der sich Hal O´Ween nennt, beschreibt auf Basis langjähriger Erfahrung in Organisationen und Unternehmen auf ironische und witzige Art, welche Regeln man zu befolgen hat, um erfolgreich zu sein. Hal O´Ween zeigt auf, dass all das Gerede von New Leadership in keinster Weise dem entspricht, was in Unternehmen abgeht. Auch hier ist der eigentliche Sinn: Machtabsicherung, Blendung, strategische Netzwerke und Statuserhalt bzw. -ausbau. Reimons verteilte Schweine erinnern auch daran. Hier ein paar Zitate aus dem Kindle-Buch:
„Assertiveness is key…competence is not. (…) In a corporation, your competence needs to be about making others believe your activities matter.”
“Get respected…not liked.”
“Status Is the most important vehicle for getting respect.”
“Leadership behavior: seem busy.”
“Leadership behavior: Mix with the right people. Have a realistic assessment of your tribe. Join the right organizations.”
“Values are important…to drive your career!”
“Focus on the short term…”

Nicht gerade jene Inhalte, die man in Mainstream Karrierewegweisern liest. Hal O´Ween führt mit Beispielen süffisant aus, welche Leadership- und Karriereregeln in großen Unternehmen gelten.
Was das mit dem Fall Pelinka zu tun hat? Weil man fragen kann, hat Niko Pelinka wirklich was falsch gemacht? Unter einem Karrieregesichtspunkt: nein. Was soll man ihm da vorwerfen?

Aber hier kommt der nächste Aspekte, denn es geht eben nicht um Niko Pelinka; es geht um Politik und um jene Medienanstalt, die sich öffentlich-rechtlich nennt. Und diese diskrediert sich damit beträchtlich, denn die Pelinka-Bestellung ist sowas von Old Politics, das man die Stirn runzeln muss. Man unterschätzte offenbar jedoch die Dynamik, die ausgelöst wird:

Old Politics vs New Media
Robert Misik hat das in seinem Videoblog schon richtig konstatiert, aber man muss es nochmals wiederholen. Hat da wer ernsthaft an kluges medienstrategisches Timing gedacht, als der ORF am 23.12. um 14:00 die APA-Info rausließ, dass Niko Pelinka neuer Büroleiter von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz werden solle? Old Media-Timing funktioniert nimmer. Twitter, Facebook et al halten sich nicht an Redaktionszeiten. Und das von Peter Kruse in seiner wunderbaren 3min Rede in der Bundestags-Enquete “”Internet und digitale Gesellschaft”” als “kreisende Erregung” bezeichnete Phänomen, dass die sich selbst aufschaukelnde, rasche Empörung via Social Media auch in politischer Aktivität und evtl sogar Machtausübung münden kann, wurde offenbar unterschätzt. Und dass sich was regt, wird jeden Tag bewiesen, insbesondere von ORF-Redakteuren selbst. Siehe diese Petition.

Die Diskreditierung von Vergabeverfahren
Absurder geht´s gar nicht. Am 23.12. wurde bekannt gegeben, dass Niko Pelinka Büroleiter von GD Wrabetz werden soll. Gestern, am 28.12., wurde die vergleichsweise hoch dotierte Stelle – gemeinsam mit einigen anderen – im Amtsblatt ausgeschrieben. Sinn und Idee einer Ausschreibung wird damit völlig diskreditiert. Und das hat Folgewirkung, denn schon jetzt, wenn im öffentlichen Bereich ein Job ausgeschrieben wird, wird nachgefragt: “Ist das eine echte Ausschreibung oder weiß man eh schon wer´s wird?” Viele Menschen nehmen grundsätzlich an, dass Ausschreibungen im öffentlichen Bereich nur pro forma sind. Was oft nicht stimmt. Ich kenne Jobausschreibungen im öffentlichen Bereich, die sind echt & offen; folglich sind auch Bewerbungen ernsthaft und sinnvoll. Aber qualifizierte Bewerber hinterfragen immer häufiger, ob sie sich überhaupt bewerben sollen. Auffällig ist auch, dass es für die genannten ORF-Jobs nur sehr spärliche Beschreibungen und Anforderungsprofile gibt. Bei anderen ORF-Jobs ist dies jedenfalls anders, wie diese offenen Stellen (siehe Link) zeigen.
Durch derartig öffentlich exponierte Jobvergaben schadet man einem Bild öffentlicher Institutionen nachhaltig. Ich glaube nicht, dass sich die Entscheider dessen bewusst sind. Ich finde es übrigens auch ok, wenn persönliche Mitarbeiter (was Pelinka nicht sein dürfte; dafür ist das Gehalt zu hoch) nicht ausgeschrieben werden müssen. Besser als diese Form der Diskreditierung.

Personaldeals & verlogene Dementis
Das Muster hat man schon zu oft gesehen. Auch im Dementieren wirkt Pelinka sehr routiniert. Es ist gut ein Jahr her, wo Pelinka schon auf die Frage antworten musste, ob er in die ORF-Geschäftsführung wechsle. In der Presse ist am 2.12.2010 zu lesen:

Pelinka schließt einen Wechsel in den ORF indes klar aus. “Dieses Gerücht ist absoluter Schwachsinn und hat null Grundlage. Es wird nur deshalb gestreut, um das Unternehmen im Gerede zu halten”, so Pelinka. Und auf Nachfragen meinte er: “Ja, ich schließe aus, dass ich in der nächsten Geschäftsführung in den ORF wechsle.”

Die Folge: es wird überhaupt niemandem mehr irgendwas geglaubt. Ein weiterer Grund für den enormen Glaubwürdigkeitsverlust in der Politik.
Noch ein bekanntes Muster ist enthalten. Mehrheiten beschaffen heißt Jobs abdealen.
Die Kultur des Abdealens ist in allen Verhandlungsprozessen natürlich implizit Teil von Lösungen. Jedoch stellt sich die Frage, wie weit es dieser Politikkultur ausschließlich um Personalia geht; oder auch hin und wieder um Inhalt. Wie Reimon richtig ausführt, ist das Junktimieren inhaltlicher Entscheidungen mit Own Benefits gerade auch in der Gemeinde- und Landespolitik üblich. Auch das ORF-Beispiel zeigt allen öffentlich: Inhalt ist irrelevant. Die Folge? Die Abkehr von Politik vieler, die sich dann irgendwann am Wutbürgerstamttisch wieder sehen werden.

Was soll das mit dem Freundeskreis?
Man erwischt sich ja manchmal selbst dabei, sich allzu sehr an Undinge zu gewöhnen. Z.B. die Sache mit den Freundeskreisen. Mit welcher Selbstverständlichkeit in der Medienberichterstattung über den Leiter des “SP-Freundeskreises” und den “VP-Freundeskreis” gesprochen wird, ist erstaunlich. Pelinka plaudert völlig normal – wie in diesem Kurier (FH) Interview im Mai 2010 – über Freundeskreise etc., zB “Es gibt auch genug Beispiele, wo sich Stiftungsräte nicht an die Linie des Freundeskreises halten.” Na toll. Immerhin.
Aber auch hier: der Sinn des Stiftungsrates ist, eben nicht parteiabhängig zu sein und nach parteilichen Kriterien Mehrheiten zu finden. Vielleicht eine naive Vorstellung, aber SPÖ- oder ÖVP- oder sonstiger Parteien Freundeskreise sollten nicht als Normalität einfach hingenommen werden. Noch dazu mit diesem Wort, das schon ein offener Hinweis auf Freunderlwirtschaft sind. Was soll ein Normalo dabei denken? Na, genau was sich offenbar eh bestätigt. Wirkung: verheerend.
Nicht nur dem ORF, dessen wesentliche öffentlich-rechtliche Legitimation in der Parteiunabhängigkeit von Berichterstattung und entsprechenden öffentlich-rechtlichen Inhalten liegt, wird damit massiv Schaden zugefügt. Michael Fleischhacker zieht in der Presse auf Basis einer richtigen Einschätzung einen falschen Rückschluss: weg mit dem ORF. Well done, ORF-Politik.

Auch deshalb ist das Engagement der Redakteure zu begrüßen, denn letztlich geht es eben nicht nur um eine Person, sondern um eine Beschädigung ihrer (der Redakteure) Arbeit. Old Politics führt direkt in die Abkehr von Politik und in den Rechtspopulismus, ungeachtet des Umstands, dass sich jener auch der selben Muster bedient hat, was manch Wählergruppe allzu schnell vergessen hat.
Und genau darüber muss man diskutieren, denn dieses Modell ist nicht ewig prolongierbar.
An dieser Stelle sei zum wiederholten male an die “Werte im Wandel”-Studie (siehe Guensblogpost) erinnert, die den Vertrauensverlust in die öffentlichen Institutionen deutlich belegt.