Beispiel Bürgersolarkraftwerk Wien: Die strukturelle und kulturelle Energiewende hat alte Denkmuster zu überwinden.

27 03 2012

Die Energiewende ist in vielerlei Hinsicht ein faszinierendes Phänomen. Nicht nur technologisch, nicht nur was die dynamische Marktentwicklung betrifft, sondern auch in kultureller Hinsicht. Ich möchte dies anhand des manchmal schwierigen Verhältnisses zwischen den kleinen, oft innovativen Initiativen im Energiebereich und den Big Playern, meist den Energieversorgungsunternehmen, erläutern. Denn ich orte ich kulturelle Spannungsverhältnisse, die nicht zweckmässig sind und die es zu überwinden gilt.

Beispiel Bürgersolarkraft

In ganz Österreich wächst seit derzeit die Anzahl der Solar-Bürgerbeteiligungsanlagen. Ob in Vorarlberg, Ober-, Niederösterreich oder Wien: Die Idee, dass sich private Personen an einem sicheren Investment in erneuerbare Energie beteiligen, stößt auf Begeisterung. Neben der hohen Identifikation mit der Solarstromerzeugung (ähnlich funktioniert dies seit vielen Jahren schon in der Windkraft) ist es wohl auch das Misstrauen in übliche Finanzprodukte, welches das Interesse in alternativen Formen zu investieren, steigen lässt. Bei einigen der Beteiligungsprojekten erhält man eine Vergütung in Form von Geld; bei anderen in Form von Sachwerten (seien es GEA-Schuhe, Adamah Obst oder Gutscheine); die dritte Form, nämlich tatsächlich Strom auf seiner Rechnung gutgeschrieben zu bekommen, ist rechtlich sehr herausfordernd.

Nun hat Wien Energie in Kooperation mit der Stadt Wien äußerst erfolgreich das Bürgersolarkraftwerk gelauncht. Innerhalb von unglaublichen 26 Stunden waren die ersten 2.100 Paneele (zu je 950,- Euro) für das erste Kraftwerk mit einer Leistung von 500 kWp verkauft. Rasch wurde reagiert und das zweite Kraftwerk zum Kauf frei gegeben. Jenes war innerhalb einer Woche “sold out”. Die Wienerinnen und Wiener haben also innerhalb kurzer Zeit rund 4 Millionen Euro für die Investition in die PV gesteckt. Weitere Beteiligungsprojekte werden in Wien folgen. Ein schöner Erfolg für die Stadt, die beteiligten Personen und für Wien Energie.

Es regt sich nun jedoch mancherorts Kritik. In mehreren Onlineforen und in einer Presseaussendung bzw. diesem Energie-Bau.at Beitrag wird nun Kritik an der Höhe des Modulpreises laut. Kalkuliert man den Preis pro kWp kommt man auf 3.800 Euro. Vergleiche man dies mit einigen aktuellen Angeboten für PV-Anlagen, sei dies sehr viel.  Auf Rückfrage  in der MA 20/Energieplanung wurde mir jedoch bestätigt, dass dieses Preisniveau nicht unüblich sei und auch bei großen privaten Anlagen zum Teil signifikant über 3000 Euro liegt.

Beim banalen Kostenvergleich werden einige maßgebliche Argumente außer Acht gelassen. Man kann die Kalkulation eines Beteiligungskraftwerk kaum mit einer herkömmlichen Haushalt-Photovoltaikanlage (auch nicht mit einem PV-Kraftwerk) vergleichen. Das Management der Beteiligung über 25 Jahre, die Wartung, Übernahme des Risikos seitens des Betreibers, rechtlichen Fragestellungen etc. gestalten in einer Standardanlage für den privaten Haushalte oder einer großen Freiflächenanlage anders. Zudem ist die Frage wesentlich, ob man ein PV-Kraftwerk mit Einspeisetarif-Finanzierung kalkuliert oder ohne. Und hier ist die ambitionierte, richtige Idee einiger Beteiligungsprojekte, vom ÖMAG Topf angesichts der sehr hohen Nachfrage nach ÖMAG Förderungen, bei gleichzeitiger Unsicherheit, wann man jene in Anspruch nehmen kann, unabhängig zu sein.

Noch viel wichtiger. Das Bestechende an Beteiligungsmodellen ist ja, dass es für den Teilnehmer eigentlich nicht so erheblich ist, ob das Modul etwas mehr oder weniger kostet. Denn die fixe Vergütung durch Anmietung erhält man ja anteilig. Und auch den Kaufpreis kriegt man nach Vertragsende bzw. bei frühzeitigem Ausstieg ab in 5  Jahren voll zurück. Zumindest beim Wiener Modell.

Die Energiewende als kulturelle Frage

Ich denke, es geht wie so oft nicht im Kern um inhaltliche Argumente. It´s all about culture. Wichtiger dürfte sein, dass bei einigen Energiebewegten aufgrund ihrer Geschichte eine grundlegende Skepsis gegenüber der Tatsache vorherrscht, dass nun  auch die großen Energieversorgungsunternehmen bzw. Stromproduzenten und -händler erkannt haben, dass die Zukunft der erneuerbaren Energie gehört. Es ist für ein Unternehmen wie Wien Energie (aber auch vielen anderen in Österreich) ein nicht zu unterschätzender Kulturbruch, ein derartiges Projekt wie ein Beteiligungskraftwerk umzusetzen.

Von einem kann man nämlich ausgehen: Dass Projekte dieser Art hierzuland –  im Gegensatz zu den großen PV-Investorenprojekten in Deutschland, Spanien oder Italien mit zweistelligen Renditen –  wahrlich keine Cashcows sind. Sie bergen immer noch Risiken, die es zu verantworten gilt.

Vielleicht herrscht auch die irrige Annahme, dass mit dem Einstieg der großen Player die kleinen Projekte nun überrollt werden. Oder gar, dass man irgendwem des Anspruchs an der Energiewende beraubt? Bei allem ehrlichen Verständnis für widerständige Haltung: Das sehe ich in diesem Fall nicht so. Denn es wird beides brauchen, um die Energiewende voranzutreiben. Eine Vielfalt an Ideen und Akteuren, aber auch die großen Hebel zur Umsetzung. Ich sehe es sehr positiv, wenn die Big Player in die Energiewende einsteigen, um derartige Projekte umzusetzen. Es ist Teil des großen Wandels, den die Energiewende mit sich bringen muss. Es ist völlig illusorisch zu glauben, dass die erneuerbare Energiezukunft nur durch kleine, dezentrale Projekte umsetzbar sein wird. Darum bin ich übrigens auch der Meinung, dass der Netzausbau (neben der Frage der Speicherung) eine der zentralen Fragen für den Ausbau der Erneuerbaren sein werden.

Energiewende-Historie: Wie das Burgenland Von 0 auf 100%  Strom aus Erneuerbaren kam!

Zum besseren Verständnis will ich auch noch das burgenländische Beispiel erwähnen. Ich kann mich noch erinnern, wie im Burgenland Mitte der 90er Jahre um die ersten Windkraftwerke gekämpft werden musste.  Auch die Landespolitik war zunächst skeptisch. Ich kann mich auch noch erinnern, wie der damalige Landeshauptmann Stix,  Ulfert Höhne und mich (wir waren damals für den Bundesverband Erneuerbare Energie aktiv) aus seinem Büro schmiss, weil er – trotz vereinbarten Einstunden-Termins für die Diskussion über Einspeisetarfe nicht mehr als wenige Minuten Zeit verschwenden wollte.

(Photo BEWAG) Zurndorfs Bürgermeister Suchy war einer der Pioniere. Und ich erinnere mich, er erntete zu Beginn Widerstand seitens der BEWAG. Die Szene war damals sauer. Es hieß, die großen EVUs seien nur Verhinderer etc. Was wohl ganz zu Beginn auch stimmte. Die Grundskepsis der klassischen EVU´s war da (und ist mancherorts immer noch da). Aber es begann eine Auseinandersetzung mit der Technologie, mit ihren Perspektiven und Chancen. Und es wurde erkannt, dass das Burgenland, das damals – wenn ich mich nicht täusche – nahezu keine eigene Kraftwerkskapazität besaß, mit den Windverhältnissen eine Stärke hatte, die es zu nutzen gilt. Die BEWAG erkannte die Möglichkeiten und wurde aktiver Player, der die Windkraft vorantrieb. Damals, 1998, war von Einspeisetarifen übrigens noch keine Rede. Hier übrigens noch die Aussendung, Windpark Zurndorf: Größtes Windkraftwerk Österreichs offiziell eröffnet. Lang lebe das Archiv. Die damalige Leistung der Anlage: 0,5 MW . Zum Vergleich: vor wenigen Wochen hat die Austrian Wind Power der BEWAG die ersten beiden 7,5 MW Enercon Anlagen in Betrieb genommen. Der Standard liegt aktuell bei rund 3MW pro Anlage. Mittlerweile haben wir dank Ökostromgesetzesnovelle wieder ganz gute Rahmenbedingungen und was ist das Ergebnis:

Das Burgenland wir spätestens im Jahr 2014 100 % der im Burgenland benötigen Strommenge aus erneuerbarer Energie generieren! Von nahezu 0 auf 100 innerhalb von zwei Jahrzehnten! Eine bemerkenswerte, erstaunliche Geschichte, für die auch Hermann Scheer bei seinem letzten Auftritt im Burgenland vor 2,5 Jahren viel Anerkennung zollte.

Und hier stellt sich die Frage: Glaubt irgendwer ernsthaft, dass dies ohne Big Player möglich gewesen wäre?

Die Energiewende braucht eben die Vielfalt der Akteure.  Ohne dem innovationsfördernden Zusammenspiel der unterschiedlichen Player wird es nicht gehen.

Und wie ambitioniert es gehen kann, zeigen die Pläne Dänemarks (siehe Presseartikel): 50% Windanteil bei der Stromproduktion bis 2020. Deutliche Steigerung der Energieeffizienz und Energieverbrauchsrückgang um 12% bis 2020. Ausstieg aus den Fossilen bis 2035.


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