Boom or doom? Oder irgendwas dazwischen… Teil 1 der ASPO-Nachlese

6 07 2012

5 Wochen nach der ASPO-International Konferenz in Wien, dem weltweit größten Treffen von Peak Oil ExpertInnen im heurigen Jahr, ist es Zeit für eine Nachlese. Denn in den vergangenen Wochen hat sich die Diskussion um das Maximum der Ölförderung noch einmal verschärft; man könnte sogar konstatieren, sie ist in der Bewertung von Peak Oil und der zukünftig förderbaren Ölmengen in einer entscheidenden Phase.

Neben der medialen Berichterstattung zur Konferenz (einige Beispiele sind hier zu finden) sei voran noch eine Übersicht zu Blogbeiträgen gestellt, die sich mit der Konferenz auseinander gesetzt haben. Erfreulich, dass der kritische Diskurs durchaus weitergeht.

Steht ein neuer Ölboom bevor?

Diverse Berichte und Beiträge vermitteln derzeit, Peak Oil sei eine These gewesen, die sich als unrichtig herausgestellt hätte. Eine Steigerung der Kapazitäten (die auch eine entsprechende Nachfrage abzudecken hätte) sei ohne weiteres möglich sei.

George Monbiot meint im Guardian überhaupt “We were wrong on peak oil. There’s enough to fry us all”. (Eine deutschsprachige Übersetzung gibt es dazu auf www.freitag.de) Er bezieht sich dabei auf einen Bericht “Oil – The Next Revolution” von Leonardo Maugeri, Senior Fellow der Harvard University (John Kennedy School, Belfer Center for Science and International Affairs) und langjährigen ENI-Manager. Demnach sei es kein Problem, die heutige Ölfördermenge von knapp über 90 Millionen Barrel Tagesproduktion auf über 110 Millionen Barrel Tagesproduktion bis 2020 zu steigern. Voraussetzung dafür sei ein Ölpreis von 70 US$ pro Barrel. Es sei nur eine Frage von Technologie und Politik. Aus Sicht Maugeris hätten die Beschränkungen der vergangenen zehn Jahre mehr finanzielle als geologische Gründe gehabt.  Aber die hohen Preise der vergangene paar Jahre hätten die Investitionsbereitschaft erhöht und damit neue Potentiale erschlossen. Neben dem Irak wird insbesondere in den USA ein neuer Ölboom beschrieben, der auf den unkonventionellem Öl, vor allem Schieferöl basiert. Monbiots Schlußfolgerung: “Es befindet sich genügend Öl unter der Erdoberfläche, um uns alle zu frittieren, und es gibt kein Mittel, um Regierungen und Industrie davon abzuhalten, es dort rauszuholen.

…oder ist es nur der neue Spin des fossilen “Technology will fix-it” Mainstreams?

Dem stehen viele kritische Stimmen entgegen. Richard Heinberg schreibt etwa über den Peak Denial. Einige Fakten seien schlicht nicht zu leugnen. Etwa die deutlich gestiegenen Preise für die Ölexploration und Rohöl selbst. Die größten Ölfelder, die immer noch 60% der weltweiten Rohölproduktion ausmachen, sind alt und eine Verringerung ihrer Produktionskapazität unausweichlich. Die neu entdeckten Ölfelder sind bei weitem nicht in der Lage, einen entsprechenden Rückgang zu kompensieren. Eine gute Zusammenfassung über diese Peak Oil Kernargumente bieten die ASPO-Vorträge der ersten Session von Kjell Aleklett und ex-BP Petroleum Ingenieur, Jeremy Gilbert. Siehe links eine der Illustrationen von Olle Qvennerstedt aus dem Aleklett Buch.

Jeremy Leggett, Mitglied der UK Industry Taskforce on Peak Oil and Energy Security, argumentiert in einem Guardian Gegenbeitrag zu Monbiot, dass es ein grundsätzliches Missverständnis sei, zu glauben, dass es bei Peak Oil in erster Linie um die Gesamtmenge ginge, die noch in einem Ölfeld zu vermuten sei. Viel mehr ist die Durchflußmenge, die aus den Ölfeldern gewinnbar sei, entscheidend. Wie hoch kann die tägliche förderbare Menge gehalten bzw. erweitert werden? Und zu welchem Preis? Er argumentiert, dass die Akteure im ASPO-Netzwerk selbst ja meist aus der Ölindustrie kommen und nun offener über die Problemlage sprechen könnten. Der Zugang zu gesicherter Information ist im Ölmarkt schwierig und Misstrauen höchst angebracht. Also kein Grund zu Optimismus für die Öl- und Gasindustrie.

Offensichtlich sind übrigens auch die Preisverschiebungen und eine deutlich gestiegene Volatilität. Vor 10 Jahren war die Weltwirtschaft 20-25 US-Dollar pro Barrel Rohöl gewohnt. Jetzt schreiben schon viele Medien von einem beispiellosen Sinkflug, wenn wir mal  unter 90 US-Dollar landen. Vielleicht ist dies aber auch nur ein Beispiel für die Kurzfristigkeit des Markt- und Mediendenkens. Aber dieser Shift ist nicht zu leugnen.

“All numbers are wrong: that much we know…

The question is: how wrong?” Diese ältere Zitat von Colin Campbell zeigt auf welchen unsicheren Boden sich auch Experten bewegen. Insofern geht es auch nicht darum, wer nun recht hätte. Die Welt und damit auch die Information über sie entwickelt sich ständig weiter. Es ist kein Wunder, dass sich die Prognosen auf allen Seiten laufend verschieben. Insofern ist das Duell zwischen Leggett und Monbiot eigentlich nicht derKern. Dennis Meadows hatte bei der ASPO-Konferenz völlig recht, als er sagte, dass jeder zur Bestätigung seiner These immer neue Daten finden könne, aber dass es darum nicht ginge. Es geht nicht mehr darum, vor Peak Oil zu warnen, sondern zu einem besseren Verständnis beizutragen, um Gegenstrategien -und maßnahmen zu entwickeln. Hier das Video der bemerkenswerten Diskussion bei der ASPO-Konferenz zwischen Kjell Aleklett, Jeremy Gilbert, Dennis Meadows und Nebosja Nakicenovic (IIASA, TU-Wien, Global Energy Assessment)

Es ist genug unter der Erde…

Eine realistische Einschätzung der Non-Conventionals ist nicht leicht, weil mit sehr unterschiedlichen Annahmen gerechnet wird. Wer die  Präsentation des schottischen Energieexperten und Oildrum Autoren Euan Mearns sieht, kommt zum Schluß: es ist genug fossiles Material in der Erde, das grundsätzlich für die energetische Nutzung gewinnbar ist.

Aber der fundamentale Wandel ist, dass nicht-konventionelle Quelle wie Ölschiefer, Schiefergas, Teersande etc. ökonomisch aber auch in ihrer geologischen Charakteristik völlig anders zu beurteilen sind als konventionelles Erdöl und Erdgas. Die Gewinnung selbst ist deutlich teurer, die Förderkurve ist unterschiedlich (sie fällt bei Shale Gas teilweise rapide ab nach dem Fördermaximum), der Energy Return On Investment (EROI) ist deutlich schlechter, was bedeutet: Wir werden immer mehr Energie brauchen, um neue Energie zu produzieren.

Der “große Goldrausch” in den USA (siehe den äußerst sehens- und hörenswerten Vortrag von Arthur Berman) aber auch Teilen Europas zu Shalegas, der zur aktuellen Euphorie führt, ist geblendet vom Wunsch nach kurzfristigem Profit. Aber langfristige Versorgungssicherheit ist dadurch noch nicht absehbar. Dass dabei über Umweltinteressen hinweg gefahren wird, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

…aber das Problem liegt oberhalb.

Auf die Frage, ob die Non-Conventionals letztlich ein Gamechanger sein können, meint Mearns: “Peak cheap oil was the game changer. Unconventional oil and gas production is the system response to the new game.”

Daher ist es verantwortungslos, dem Mainstream der Öl- und Gascompanies blind zu folgen. Auf den bestehenden Daten über nicht-konventionelles Öl- und Gas kann aktuell noch keine langfristige Strategie aufgebaut werden. Wie Nebojsa Nakicenovic ausführt, braucht es in der aktuellen Transformationsphase politisch notwendige Langzeitentscheidungen, was bei der enormen Preisvolatität der auf Fossilen aufgebauten Energiemärkte extrem schwierig ist. Es geht nicht um ein bisschen hier und bisschen dort, sondern um echte Transformation. Denn richtigerweise sieht er in erster Linie den Klimawandel als Kernargument, den es zu bekämpfen gilt (was manche im ASPO-Netzwerk anders sehen)

Unser Planet ist kein Spielplatz.

Wie ich schon im Posting vor der ASPO-Konferenz beschrieben habe, ist es Michael Cerveny (ÖGUT) und mir bei der Organisation der Konferenz nicht darum gegangen, auf die  Frage nach dem “WANN kommt Peak Oil” zu fokussieren, sondern viel mehr die Struktur der Energieversorgung noch besser verständlich zu machen, die Unwägbarkeiten und Risiken zu thematisieren, und mögliche  Strategien und Wege zu beschreiben.

Die hohen Öl- und Gaspreise der vergangenen Jahre haben stark zu einem Bewusstseinswandel beigetragen, der letztlich auch den politischen Wunsch bestärkt hat, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern  zu reduzieren. Es braucht ohne Zweifel Strategien, die eine signifikante Reduktion des Ölanteils und letztlich ein nahezu Phase-Out von Öl bewirken. (siehe Nakicenovic) Der Klimawandel ist der wichtigste Grund dafür, aber nicht der einzige. Die Unsicherheiten der Öl- und Gasversorgung mit allen umweltbezogenen Konsequenzen (Fracking etc.) gehören weiterhin dazu genauso wie die geopolitischen Facetten (siehe nächster Teil der ASPO-Nachlese)

Oder wir Richard Heinberg in seinem Beitrag “Peak Denial” so schön geschrieben hat:

The Peak Oil debate is not a sporting event. What matters is not which side wins, but what reality awaits us.”


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