Reflexionen zu Saalfelden 2012: Musik als Teil der eigenen Geschichte

30 08 2012

Nach langer Zeit wieder mal auf Guensblog ein musikbezogenes Posting. Als ich mit Guensblog begonnen hatte, war es meine Absicht, immer wieder über Musik zu schreiben, einfach weil Musik nicht nur eine persönliche Leidenschaft ist, sondern auch eine der netzwerkübergreifenden kulturellen Verbindungsmöglichkeiten zu Menschen und ein Blog ein taugliches Mittel sein kann, auf Ereignisse, Aspekte oder Künstler hinzuweisen, für die sich andere interessieren könnten. Nun, ich hab es dann zugegebenerweise – abgesehen von den Best-Of-Listen rund um den Jahreswechsel – wieder zurückgestellt. Aus Zeitgründen, aber auch weil ich mir ob der Sinnhaftigkeit nicht mehr sicher war.

Der Besuch des 33. Jazzfestival Saalfelden motiviert mich, wieder einige Gedanken zu formulieren und in den Schlund von WordPress zu werfen. Auch weil ich das Gefühl habe, dass im Netz neben Fotos und Videos meist nur printmediale Konzertkritiken zu finden sein werden, die lesenswert (oder auch nicht) sein können, aber die Besucherperspektive eben eine andere ist. Und ich darf mich wirklich Stammbesucher nennen (es war mein sechszehntes mal Saalfelden). Musikkritiken sehen sich meist in der Funktion, einen Gesamtkontext des Darbietungen zu interpretieren und das Festival als Bestandsaufnahme und Trendspotting im Jazz zu sehen. Das kann interessant sein, aber auch völlig überinterpretiert. Denn angesichts der extrem hohen Vielfalt in einer Musik wie Jazz kann ein Festival wie Saalfelden ohnehin nur einen Ausschnitt abbilden. Dass jener selbst vielfältig sein muss, ist Anspruch des Festivals aber auch der BesucherInnen.

Daher ein paar Beobachtungen und Gedanken zu diesem wunderbaren Festival, auf das ich mich jedes Jahr wegen des Programms, der Gegend und Leute weiterfreue. Saalfelden ist zu Recht eines der meistbeachteten internationalen Jazzfestivals. Das Programm ist mehr als beachtlich, das Festival top-organisiert (keine Selbstverständlichkeit) und das Umfeld äußerst sympathisch. Auch die Moderation durch Hannah Becher war heuer ausgezeichnet (was ebenso keine Selbstverständlichkeit hierzuland ist)

Musik als Teil auch der eigenen Geschichte

Wenn man wie ich seit rund 20 Jahren nach Saalfelden fährt, bringt man vor allem eines mit: viele Erinnerungen und Erfahrungen, die Bezugspunkt bleiben. Nehmen wir als Beispiel Henri Texier. Es ist wohl über 15 Jahre her, dass ich ihn gemeinsam mit Aldo Romano und Louis Sclavis im berühmten Zelt in Saalfelden gesehen habe. Ein unvergesslicher Auftritt; “Annobon” gehört ohnehin zu den Alltime Tracks. Erstaunlich, wieviele aus dem Publikum sich an Texiers frühere Auftritte erinnern konnten. Das gehört dazu: man teilt Erinnerungen, reaktiviert sie teilweise und ergänzt sie durch neue Hörerlebnisse! Es ist auch diese Auseinandersetzung mit Kunst und zugleich Kultur, die den Reiz ausmachen.

Seine ausgezeichnete Band Texier 4 (großartig etwa Louis Moutin am Schlagzeug) konnte einen neue Erinnerungspunkt für die Zukunft legen. Danke an zlizla für´s Video posten!

Rück- und Ausblick: Referenz an Vergangenheit und Zukunft

Mit dem Booking der legendären Experimental Band des demnächst 82jährigen Muhal Richard Abrams ist dem Programm-Machern ein besonderer Coup gelungen. Es sind unter anderem wirkliche Big Names, die in Saalfelden auftreten. (vor 3 Jahren war etwa Ornette Coleman Gast in Saalfelden) Aber im Gegensatz zu Ljubisa Tosic vom Standard (“Ein Kongress der Exzentriker“) hat mich der Auftritt mit dem Absolieren der einzelnen Stars selbst zwar nicht angesprochen, aber es ist eine Referenz ein historisch relevante und immer noch lebendige Musiker, die hier erfolgt. Man verbeugt sich ehrfürchtig. Auch das ist wichtig. Ganz anders übrigens der Gig einer anderen Legende. Von Pharaoh Sanders.

(Foto c Saalfelden-Leogang) Dessen Band hatte, geführt vom großartigen Rob Mazurek, dem kollektiven Spiel und rhythmischen Flächen mehr Platz eingeräumt. Ehrlich gesagt interessiert mich das ja mittlerweile mehr als die einzelnen Soli. Es ist interessant, dass just der 72jährige Pharaoh Sanders als nahezu einziger Electronics in seine Band intergriert hatte. Und zwar wirklich integriert und nicht nur als look-alike oder Showelement auf die Bühne gestellt. Ein hervorragendes Abschlusskonzert jedenfalls, bei dem altbekannten Namen neu entdeckt werden konnten.

Generell ist ja zu beobachten, dass die Phase, wo alle Electronics zeigen mussten, wieder vorbei scheint. In Saalfelden dominierten relativ klassische Formationen mit viel Alt-Sax. Das ist nicht schlecht, hätte aber auch auf der großen Bühne etwas mehr Abwechslung vertragen.

Dem Jazzfestival Saalfelden gelingt meist eine sehr gelungene Mischung aus Bewährtem und Neuem. Neben den großen Namen ist der Reiz noch größer bei jenen Künstlern, die man noch nicht so kennt. Und es gibt jedes mal Namen im Programm, die ich zuvor noch nie gehört hatte. Diesmal war es z.B. das portugiesische RED Trio gemeinsam mit dem Saxophonisten John Butcher, das mich bei den Short Cuts im Nexus sehr überzeugt hat. Die Hinweise zu den Labels und Clubs in Lissabon könnten Einfluss auf die zukünftige Urlaubsplanung haben…

Die österreichische Perspektive

(Foto: kr) Mein Patriotismus ist in Kunstsachen nicht besonders ausgeprägt, dennoch bietet die österreichische Jazzszene insbesondere in den letzten Jahren sehr interessante Acts, die sich auch bei internationalen Festivals sehr gut machen. Ehrlich gesagt finde ich drei österreichische Acts (und insgesamt – wenn ich mich nicht verzählt habe – 5 österreichische Musiker) bei Short Cuts und auf der großen Bühne recht wenig. Dabei war mit Christian Muthspiels Neuinterpretation des Werks von John Dowland ein echtes Highlights zu Beginn dabei. Gemeinsam mit dem ehemaligen Vienna Art Orchestra Kollegen Franck Tortiller und Matthieu Michel bzw. der Basslegende Steve Swallow gelang ein neuer Kontext zur Musik des 1626 verstorbenen Komponisten.

Auch das Projekt “Weisse Wände”, das Lyrik und Musik zu einer nicht immer nachvollziehbaren aber dennoch spannenden Geschichte verknüpft, war originell. Neben Karl Ritter, Schauspieler Christian Reiner beeindruckt insbesondere Herbert Pirker am Schlagzeug. Pirker spielt äußerst variantenreich und ist höchst gefragt als Musiker. Wer das Porgy-Programm für September durchblättert wird seinen Namen sechs mal mit jeweils unterschiedlichen Projekten vorfinden.

Dass es einen Mangel an international höchst erfolgreichen österreichische Jazzmusiker gäbe, die man auch in Saalfelden präsentieren könnte, kann man nicht behaupten. Ich denke nur Alexander Machacek, der nicht nur von Gitarristenkollegen wie John Mc Laughlin respektiert wird, sondern eine echte Größe in der Szene ist. Das ist auch meine einzige leise Kritik. Ich verfolge gerne die Acts aus den USA, die diesmal Saalfelden dominiert haben, denke aber, dass auch die europäische Jazzszenen, etwa jene aus Mittel- und Osteuropa, in Zukunft wieder mehr Beachtungen finden könnten. Und eben auch der eine oder andere Österreicher mehr.

Meine Top 6 von Saalfelden 2012 waren in erster Linie europäische Acts:
Christian Muthspiel 4,feat. Steve Swallow
Red Trio & John Butcher
Henri Texier 4
Klima Kalima
Hasse Poulsen
Pharoah & The Underground

Dass Saalfelden auch für Musiker von hoher Bedeutung ist, zeigt dieses Interview in den Salzburger Nachrichten mit Tim Berne. Mittlerweile hat er 20mal in Saalfelden gespielt, zu Beginn brauchte er aber einen ordentlichen Whiskey zur Beruhigung. Er sagt: “Saalfelden ist etwas Besonderes. Es gibt Orte, an denen man weiß, dass immer etwas entsteht. Das hat mit dem Publikum zu tun, aber auch mit den Leuten hinter den Kulissen.”

Das Jazzfestival Saalfelden möge es bitte ewig geben. Es gehört zu den Sachen im Leben, mit denen ich gerne alt werden würde, um mit einer kleinen Liebeserklärung zu schließen. Es ist wichtig für die Musikszene, für die Region und für die Kultur in diesem Land. Der Finanzbedarf wird absehbarerweise steigen. Mögen Subventionsgeber die Bedeutung dieses Festivals nicht nur rhetorisch anerkennen und auch bei der notwendigen Erhöhung der Förderung keine Barrieren aufbauen. Das Jazzfestival hat und schafft enormen Wert. Und das jedes Jahr aus Neue. Dafür sie an dieser Stelle auch einmal gedankt!


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2 responses

27 12 2012
Guensblog Top5 – Music 2012 « g u e n s b l o g

[…] sehr Musik mit der eigenen Geschichte verknüpfbar, habe ich versucht, in einem Posting an Hand des Jazzfestival Saalfelden zu exemplifizieren. Darum geht´s […]

31 07 2014
Guensblog Top5 – Music 2012

[…] sehr Musik mit der eigenen Geschichte verknüpfbar, habe ich versucht, in einem Posting an Hand des Jazzfestival Saalfelden zu exemplifizieren. Darum geht’s […]

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