Der Shale Hype: Das Imperium schlägt zurück

29 01 2013

Wer die internationalen Medien zur Entwicklung der Energiemärkte verfolgt, wird signifikante Änderungen in der Schwerpunktsetzung festgestellt haben. Die Debatte rund um die Energiezukunft dreht sich in eine völlig andere Richtung. Schiefergas (Shale Gas) und Schieferöl (Tight Oil) geben nun den Ton an. Auch vor Österreich wird diese Trend nicht Halt machen. In diesem Beitrag geht es nicht nur um hochbrisante inhaltliche Dimension der nicht-konventionellen Gewinnung von Öl und Gas, sondern auch darum, wie sehr sie die medienöffentliche energiepolitische Diskussion beeinflusst und von den Proponenten der Energiewende keineswegs unterschätzt werden darf. Denn justament in Zeiten, wo es um massive Investitionen in die Energieinfrastruktur der Zukunft geht, ist das kein Zufall.

Terry Macalister, seit vielen Jahren beim Guardian verantwortlicher Redakteur für Energie, schrieb in einem Tweet im Dezember 2012:

“In two decades I have never come across such heavy lobbying than for shale gas. What a pity renewables cant get that financial muscle.

Und tatsächlich ist dies kein britisches Spezifikum. Shale ist international das große Energiethema. Erst vor wenigen Tagen – am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos – haben die Ukraine und Shell einen 10Mrd US-D Deal zur Gewinnung von Schiefergas präsentiert, der das Land mit dem drittgrößtem Schiefergaspotenzial in Europa erschließen soll. Die Fragezeichen, die dahinter stehen  – es beginnt ja erst die Exploration – sind nicht mehr öffentliches Thema. Shell Generaldirektor Peter Voser sagt in diesem BBC-Interview, dass man erst nach der Exploration entscheiden könne, ob die Kosten der Gewinnung überhaupt marktkompatibel seien. Ein entscheidender Punkt: denn ua durch unterschiedlichen geologische Voraussetzungen variieren die Kosten der Shale Gas Gewinnung enorm.

Die Rolle des IEA World Energy Outlook

Der World Energy Outlook 2012 der Internationalen Energie Agentur (siehe ua eine Analyse auf Guensblog) hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Zug in diese Richtung abfährt. Die Kernbotschaft wurde in die ganze Welt gespinnt: Die USA werden dank unkonventioneller Öl- und Gasgewinnung “energieunabhängig”! Dass dies bei genauer Betrachtungsweise zwar nur dank des signifikant sinkenden Energieverbrauchs zu bewerkstelligen ist, wurde kaum mehr kommuniziert. Aber dennoch sei auch an dieser Stelle festgehalten: die Trendwende in den USA ist tatsächlich bemerkenswert. Auch wenn noch nicht abschätzbar ist, wie lange diese Entwicklung anhält, so denke ich auch, dass er von Peak Oil Experten unterschätzt wurde. Hier eine Graphik der US Energy Administration zur Shale Gas Entwicklung der vergangenen Jahre:

USShaleGasProd

Die Implikation des Booms sind weitreichend. Kommuniziert werden 600.000 neue Jobs in den USA; mit Ziel 3 Millionen bis 2020. Da Erdgas in den USA billig ist, der Strompreis für die Industrie ebenso, werden energieintensive Branchen in die USA gelockt (die Voest folgt diesem Ruf); insbesondere die chemische Industrie feiert ein US-Revival, was sich auch in Anlage- und Investmentstrategien niederschlägt (siehe Welt Artikel)

Der World Energy Outlook, mit Fatih Birol als Chief Economist als wichtigsten Kommunikator, der nun wochenlang schon mit dieser Botschaft auf Welttour ist, gibt der Öffentlichkeit die Sicherheit, dass sich dieser Trend durchsetzt. Dankenswerterweise vergisst Birol nicht darauf zu erwähnen, dass wir alle Klimaziele verpassen, aber dieser redundanten Botschaft fehlt wohl die mediale Attraktivität.

Die Shale Diskussion in Europa – ist der US Boom transferierbar?

Die Schiefergasdebatte ist schon länger in Europa angekommen; es gibt in einzelnen Staaten (etwa Frankreich) Förderverbote aufgrund von Umweltbedenken (Grundwasserverschmutzung); andere wie Polen wollen bei Non-Conventionals einsteigen. Die Kommission berät heuer gemeinschaftliche Strategien.

Es wird medial großer Druck aufgebaut. Europa würde Terrain verlieren, wenn es sich den Non-Conventional verschliesst. (siehe FT-Artikel va zur Petrochemie oder Europe must be sold on shale´s merits) Auch in Österreich wird diese Meinung mittlerweile stark vertreten. (siehe ua OÖN “Österreich kann auf Schiefergas nicht verzichten oder Presse Interview mit OMV Roiss und Huijskes “In Österreich ist nicht mal Nachdenken erlaubt)” Es war kein Zufall, dass die OMV den World Energy Outlook 2012 in Wien präsentiert hat, sondern der perfekte Anlass den Shale Boom in Österreich zu platzieren.

Der Spin hat sich tatsächlich in den vergangenen Monaten gedreht. War vor einem Jahr noch von “Energieunabhängigkeit” die Rede, meinte man energieunabängig auf Basis Erneuerbare Energie. Jetzt ist dieser Begriff international vom Shale Boom vereinnahmt worden. Angesichts der gigantischen Summen, die für Energieimporte drauf gehen, kein Wunder, dass großes Thema ist. Wie ProPellets kürzlich aufgezeigt hat, importierte die Europäische Union nach Angaben der DG Energy im Jahr 2005 4.510 Milliarden Barrel Rohöl. im Jahr 2011 waren es durch Einsparungen und den Umstieg auf erneuerbare Energie nur mehr 3.870 Milliarden Barrel. Trotz der gesunkenen Menge stieg in diesem Zeitraum der finanzielle Aufwand der EU für Rohölimporte von 232 Milliarden $ auf 427 Milliarden $, ein Plus von fast 200 Milliarden $. Grund: der gestiegene Preis.

Nun ist die Shale Situation in Europa in vielerlei Hinsicht anders als in den USA. Exxon Mobile ist in Polen mit der Shale Exploration gescheitert (“no demonstrated sustained commercial hydrocarbon flow rates”/siehe FT-Artikel); die Umweltauflagen sind dankenswerterweise höher. Die Besiedelung ist meist dichter – auch in Nähe der vermuteten Shale Vorkommen. Auch die Preiszusammensetzung ist in Europa anders als in den USA. Dies alles ist sowohl in der Strategieentwicklung wie auch in der öffentlichen Debatte zu berücksichtigen. Diese Strategie braucht es auf politischer Ebene, denn was aktuell passiert, ist, dass die fossilen Multis schnell agieren und ihre Reviere sichern. (“We go where the resources are”  Peter Voser/Shell im oben erwähnten BBC Interview) Und angesichts der Tatsache, dass sich die Liste der gewinnstärksten Unternehmen der Welt wie ein Who is Who der Öl- und Gaskonzerne liest, ist klar, wie voll die Kassen gefüllt sind, um weitere Eroberungen abzuschließen. Doch wie schaut unsere Antwort darauf aus?

Was jetzt wichtig wäre:

  1. Don´t simply trust the hype! Dass der US-Shale Boom wie eine Blase zerplatzt (wie manche Experten meinen) glaube ich mittlerweile nicht. Es wird in einigen Regionen auf Teufel-komm-raus gefracked. Die Perspektive einer neuen Industrialisierungswelle ist in den USA zu verheissungsvoll. Aber dieser Weg ist nicht 1:1 transferierbar. Geologische, ökonomische aber auch politische Gründe sprechen dagegen und sind in der Analyse aber auch Berichterstattung zu berücksichtigen. Würde sich jeder industriell intendierte Medienhype schnell realisieren, müssten wir alle schon superflockigen Elektroautos rumkurven. Also: Ball flach halten.
  2. Es gibt Klarheit: Peak Oil wird das Klima nicht retten. Angesichts einer versagenden Klimapolitik war die Hoffnung da, dass die Implikationen des Peak Oil das Problem quasi von selbst lösen. Und tatsächlich ist der Peak Conventional Oil evident, ebenso wie das 4-fache Niveau des Ölpreises im Vergleich zu den Jahren vor 2008.  Aber dennoch: es ist noch genug gebundender Kohlenstoff in der Erde da, mit dem wir das Klima völlig ins Kippen bringen können. Ergo:
  3. Es braucht eine klare Priorität der Politik: Klimaschutz! Nicholas Stern, der im Jahr 2006 den weltberühmten Stern-Report zum Klimaproblem herausgegeben hat, meinte kürzlich sinngemäß: Ich hab mich damals geirrt beim Klimawandel. Es ist noch viel schlimmer als gedacht. Stern erläutert (siehe Guardian), dass wir aktuell Richtung 4Grad C globale Temperaturerwärmung hinarbeiten, was dramatische Konsequenzen mit sich bringt. Die internationalen Instrumente des Klimaschutzes versagen völlig. Der Shale Boom darf jedenfalls nicht losgelöst von der Klimafrage eingeschätzt werden. Wir haben es schlicht mit einem öffentlichen Comeback der Fossilen zu tun. (Real waren sie nie weg)
  4. Kommt es zum alten Konfliktmuster Umwelt gegen Wirtschaft? In gewisser Weise ja: viele der unkonventionellen Fördermethoden gehen mit massiven Umweltauswirkungen (neben dem Klimawandel) einher. Sei es durch den Einsatz von Chemikalien, gigantischem Wasserverbrauch aber auch durch die Erschließung neuer Gebiete – Stichwort Antarktis. Es braucht eine klare Trennlinie und NoGo´s, die Natur- und Umweltschutz voranstellen. An dieser Stelle sei auch auf den sehr gut aufbereiteten Greenpeace Bericht “Point Of No Return” verwiesen.
  5. Dem medialen Zerrbild etwas entgegen setzen: Was kostet welche Energiewende? Schiefergas billig – Erneuerbare teuer. So ist zur Zeit das mediale Abbild. Und es ist falsch. Wie der World Energy Outlook 2012 gezeigt hat, sind 2011 88 Milliarden US-D an öffentlichen Subventionen in Erneuerbare Energie gegangen (+24% im Vgl zu 2010) und 523 Milliarden US-D an öffentlichen Förderungen in fossile Energie (+30% im Vgl zu 2010). Auch die Diskussion zur Energiewende in Deutschland ist stark davon geprägt, dass die Ökostromumlage weitgehend dem Haushalt überantwortet wird. Es braucht Kostentransparenz. Es sind die fossilen Energieträger und eine verschwenderische Energiekultur, die Energiearmut forciert und zu hohen Kosten führt.
  6. Die Energiewende als kulturelles Projekt: Die Energiewende ist  mehr als der einfache Austausch von Energieträgern im selben System. Es geht auch um einen kulturellen Wandel, der den Verbrauch wieder stärker ins Zentrum rückt und der dezentralen Produktion mehr Bedeutung einräumt. Die Energiewende ist nicht von oben verordnet; sie geht von den Menschen selbst aus, die ihrerseites unabhängiger werden wollen und einen Beitrag für eine saubere zukünftige Energieversorgung leisten wollen.  Die vielen BürgerInnen-Beteiligungsprojekte sind ein gutes Beispiel dafür.
  7. Capacity Building: Österreich ist zwar in einer privilegierten Situation, weil die Erneuerbaren nicht nur das Rückgrat der Stromversorgung bilden, sondern auch auf hohe Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen. Dennoch hat man zur Zeit den Eindruck, dass es kaum eine politische wie auch Kommunikationsstrategie gibt, wie man auf internationaler Ebene der enormen Dynamik am Energiemarkt gerecht werden kann. Es ist wichtig, dem aktuellen Medienhype auch kritische Analyse entgegen zu halten. Sei es aus den konventionellen Institutionen heraus oder auch durch neue Akteure.
  8. Es braucht eine Strategie zur enormen Dynamik am Energiemarkt. Shale Hype, Ökostrom Boom, geopolitische Verschiebungen, Klimakrise. Man hat den Eindruck, dass die Politik diesen Trends, die tatsächlch viel Veränderbarkeit mit sich bringen, ohne klare Strategie gegenüber stehen. Dabei haben die Erneuerbaren in den vergangenen Jahren enorm viel erreicht. Auch in Österreich. Die Vorteile der erneuerbaren Energiewende liegen auf der Hand: Klimaschutz, regionale Wertschöpfung, Beschäftigungspotenzial, mehr Unabhängigkeit.Es wird jedoch noch mehr Dynamik kommen. Innovative Speichertechnologien, effizientere Verfahren, Siedlungsentwicklung, neue Marktmodelle – durch eine Fortschreibung der gängigen Konzepte werden wir den Weg in eine nachhaltige Energieversorgung verpassen. Wir müssen schneller und in der Analyse besser werden. Das ist Aufgabe der Politik, aber auch der öffentlich agierenden Institutionen. Sonst haben andere das Heft in der Hand. Mit Eigeninteressen. Die Energiefrage ist aber viel zu wichtig, um sie Eigeninteressen anderer zu überlassen.

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7 responses

29 01 2013
Thomas Eitzenberger

Genau deswegen muss es möglich sein solche Tendenzen zu unterbinden und genau das fordert die europäische BürgerInneninitiative “Stoppen wir den Ökozid in Europa”. Bitte unetrschreibt damti wir mit den STimmen von EINER MILLION BürgerInnen die EU Kommission unter Druck setzen können

4 02 2013
Anita Malli

Danke für diese wirklich ausführliche Zusammenfassung. Musste nach einem Gespräch vor einigen Wochen mit Erstaunen feststellen, dass Schiefergas tatsächlich in der breiten Masse angekommen ist und zwar nicht als absolutes no-go, sondern als ersnt zu nehmende Möglichkeit zukünftiger Energieversorgung.

6 02 2013
Ulfert Höhne

Danke! Zum Kernbegriff kulturelles Projekt Energiewende. Frankreichs Umweltministerin Delphine Betho begründet die ab 1.Juli geltende Einschränkung für nächtliche Beleuchtung von Fassaden, Geschäften und (leerer) Bürogebäuden etc. mit zwei Zielen:
1. Einsparung von 2 TWh el. und
2. “un changement culturel” fort von der Symbollogik des beständig mehr Verbrauchs um mehr zu produzieren, hin zur “logique de sobriété énergétique”, der (neuen) Energiesachlichkeit.
http://www.afp.fr/fr/node/808221

12 02 2013
Geht es wirklich um “Climate Crimes”? Eine Kritik zur laufenden Doku « g u e n s b l o g

[…] und nach ihr Schiefergas- und Tight Oil Revier erobert, die mediale Landschaft vereinnahmt (siehe Das Imperium schlägt zurück), ganz spitz ist auf die Ausbeutung des Amazonas (siehe Amazonas Beitrag im Oil & Gas Journal […]

13 03 2013
Klare Verhältnisse. Über manch Irrwege und falsche Relationen in der Energiewende-Diskussion | g u e n s b l o g

[…] sog. Energiewende in Deutschland hinterlässt auch ihre Spuren in Österreich. Wie schon zuletzt beschrieben wird die Debatte rund um Kosten und Barrieren des Ausbaus erneuerbarer Energie auch hierzuland […]

8 07 2014
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