Geht es wirklich um “Climate Crimes”? Eine Kritik zur laufenden Doku

12 02 2013

Aktuell ist im deutschprachigem Raum die Doku „Climate Crimes“ des Umwelt- und Naturschützers Ulrich Eichelmann zu sehen (vergangene Woche auch im ORF/„Kreuz & Quer“). Der Film beleuchtet einige Beispiele  von Umwelt- und Naturzerstörung, die – wie er suggeriert – im Namen des Klimaschutzes erfolgen. „Climate Crimes“ wird teils intensiv diskutiert und hinterlässt manch verstörten Besucher. Das regt zum Nachdenken an, kann aber meiner Meinung auch eine falsche Botschaft hinterlassen.

Ohne mich als Dokumentarfilmkritiker zu sehen, erlaube ich mir wie beim Film Bulb-Fiction einige inhaltliche Anmerkungen. Denn der Film ist inhaltlich im Kern hochinteressant, bringt richtige Fakten und starke, emotionalisierende Bilder, aber meiner Meinung nach kontextualisiert er falsch, indem Klimaschutz pauschal mit Umweltzerstörung gleich setzt. Das ist natürlich eine PR-technisch interessante Botschaft, aber die Pauschalisierung ist angefangen beim Titel mehr als heikel. Denn meiner Meinung ist der Antrieb der meisten genannten Projekt nicht der Klimaschutz, sondern schlicht und ergreifend Profitinteressen in massiv wachsenden Ökonomien und aufstrebenden Industriezweigen. Und das hat viel weniger mit der teils berechtigen Kritik an Green Growth Konzepten zu tun als im Film resumiert wird.

Vorweg zum Film, damit klar ist, worum es geht:

Die “Reise zu den Tatorten der grünen Energie” begibt sich auf folgende Stationen:

  • Brasilien im Amazonas Regenwald, wo der gigantische Belo-Monte-Staudamm (unglaubliche 11.000 MW) am Xingu-Fluss eine Waldfläche größer als der Bodensee überschwemmen soll und damit viele Arten bedroht und 20.000 Menschen zum Umsiedeln zwingt.
  • In die Türkei, wo der Ilisu-Damm durch die Umleitung des Tigris nicht nur eine der ältesten Städte Anatoliens, Hasankeyf, zerstört, sondern südlich im Irak auch zur Austrocknung der mesopotamischen Sümpfe führen wird, die Lebensgrundlage für viele Menschen ist.
  • Nach Deutschland, wo riesige Mais-Anbauflächen Grundlage für die Gewinnung von Biogas sind.
  • Indonesien, wo in Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo, der Regenwald riesigen Palmölplantagen Platz machen muss und die letzten Orang Utans ihren natürlich Lebensraum verlieren.

Um es gleich vorweg zu sagen: jedes der genannten Projekte ist kritikwürdig.  Aber es ist nicht der Klimaschutz, der dafür verantwortlich zu machen ist. Konkreter:

Sind es wirklich Climate Crimes?

Im Standard-Interview erläutert Eichelmann, “warum der derzeitige Klimaschutz Mensch und Natur mehr schadet als der Klimawandel“. Und hier passiert der Fehler, denn die genannten Projekte stehen meiner Meinung nach nicht für den “derzeitigen Klimaschutz”. Der Klimaschutz, der sich ja international politisch eben nicht durchsetzt, sondern dramatischerweise massiv opponiert wird, hat nur bedingt mit der Entstehungsgeschichte der genannten Projekte zu tun, wiewohl er manchmal missbräuchlich als Argument eingesetzt wird. Diese Differenzierung ist aber wichtig. Inhaltlich verweist der Film richtigerweise auf einen relativ hohen Treibhausgas-Impact der Projekte (z.B. durch die Methanfreisetzung der zuvor gefluteten Stauseen und die Abholzung der Regenwälder).

Als Anlaß zur Beweisführung nutzt Eichelmann die Klimakonferenz in Cancun und spricht mit einzelnen Teilnehmern. Die sind aber auch nicht repräsentativ für Klimaschutz. Man muss dazu sagen, dass bei diesen Konferenzen mehr als 10.000 TeilnehmerInnen dabei sind, von denen viele als NGOs gewertet werden, die aber nur teilweise zivilgesellschaftliche Organisationen sind. Auch Interessens-Vereinigungen aus dem Businessbereich sind zu Tausenden dabei. Die stehen für Eigeninteressen und Business-Repräsentanz, aber nicht für echte Klimaschutzinteressen. Das ist auch eine Lobbyingveranstaltung. Es wär fair, dies auch nicht anders wirken zu lassen.

Wachstum als “major drive”

Was ist der Treiber für die genannten Projekte?

Es sind wirtschaftliche Interessen und meist der Energiehunger aufstrebender Regionen und Staaten, die neue Energiequellen erschliessen. In Brasilien ganz spezifisch auch durch den enormen Energieverbrauch im Bergbau und insbesondere durch die stark wachsende Aluminiumindustrie. Es wird prognostiziert, dass in den kommenden Jahren der brasilianische Stromverbrauch um mehr als 500 Terawattstunden (Twh) bis 2020 ansteigen wird. Brasilien ist ja nicht ein kleines, unbedeutendes Land, sondern wir reden von der weltweit sechstgrößten Wirtschaftskraft, die enorm hohes Wirtschaftswachstum (meist über 4% jährlich) aufweist, starke  Exportzuwächse verzeichnet und seine Leistungsbilanz in den vergangenen zehn Jahren deutlich verbessert hat. Siehe unter anderem einige beeindruckende Zahlen im Länderprofil “Brasilien” der Wirtschaftskammer.

Es geht um Wachstum für ganz konventionelle Industriezweige und nicht um nette Klimaschutzprojekte. Es geht auch nicht einmal um das im Film angesprochene Green Growth. Es geht nur um economic Growth!

Dass eine Sprecherin von Electrobas wie im Film am Rande des Klimakonferenz in Cancun die brasilianische Wasserkraft Projekt als sauber und grün verkauft, mag sein, aber das ist weder der Kern noch der Antrieb für das Projekt. Oder anders: auch ohne jegliches Klimaschutz-Comittment gäbe es die Riesenstaudamm-Projektpläne.

Nicht viel anders ist es bei Ilisu. Der Stromverbrauch der Türkei steigt um über 7% jährlich. (siehe auch steigender pro Kopf Energievebrauch) Die Kosten für Energieimporte werden ebenso immer höher. Erklärtes Ziel der Projektbetreiber ist mehr Wachstum, Infrastruktur, weniger Energieimporte. Klimaschutz ist weitgehendst kein Thema.

Insofern ist es irreführend, wenn im Film reißerische Textpassagen kommen wie:

Ist das der Preis für den Schutz des Klimas?”, “Todesursache: Klimaschutz.”, “Menschen würden verdursten, in Folge grüner Energie

Dass sich die letzten Minuten der TV-Fassung noch mit Wachstumskritik und den ökologischen Grenzen auseinander setzen, ist OK, aber es ändert nichts am gesamten Klimaschutz-fokussierten Frame des Filmes.

Ähnlich aber doch anders verhält es sich bei den anderen Beispielen. Tatsächlich hat es in Deutschland einen enormen Biogas-Boom gegeben, der jedoch 2012 nach einer Beschränkung für Mais im deutschen EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) deutlich abflachte. (siehe Zahlen der deutschen Biogasvereinigung) Dies wird möglicherweise für die Verarbeitung im Film ein zu aktueller Trend gewesen sein, ist aber wichtig, weil nun verstärkt Kriterien berücksichtigt werden. Weiters wird meiner Erinnerung nach im Film nicht erwähnt, dass der Anteil der energetischen Nutzung im Vergleich zur Futtermittel-Produktion immer noch relativ gering ist. Schauen wir uns die Zahlen des absoluten Boomjahress 2011 an: Die Gesamt-Ackerfläche für Silo- und Körnermais machte deutschlandweit insgesamt 2,5 Mio. Hektar aus. 1,8 Mio. Hektar dienen der Futtermittelgewinnung. Energiemais für die Biogasproduktion macht 2011 ca. 0,7 Mio. Hektar aus. (Quelle: Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe) Wie gesagt, aufgrund der Kritik und der mittlerweile tatsächlich bestehenden Flächenkonkurrenz wurde das Wachstum nun begrenzt.

Unerwähnt bleibt auch, dass Energiemais nur eine Form der Biogas-Nutzung darstellt. Die z.B.sinnvolle Verwertung landwirtschaftlicher Abfälle (oder sonstiger biogener Abfälle – etwa in Kommunen) zur Produktion von Strom und Wärme bleibt völlig unerwähnt. Diese Form der Pauschalisierung ist kontraproduktiv.

Berechtigt ist die Kritik an der Palmöl-Gewinnung in Indonesien. Aber es ist auch hier anzumerken, dass der größte Teil des Palmöls von der Nahrungsmittelindustrie verbraucht wird. Zu finden ist es als “pflanzliche Öle” in Backwaren, Fertiggerichten (z.B. Pizza, Suppen), Chips, Aufstrichen, Schokoware, Margarine etc. Auch in der chemischen Industrie spielt Palmöl eine wichtige Rolle. Ja, die energetische Nutzung ist zusätzlich hinzukommen und sie ist klimapolitisch kritisch zu sehen. Die Treibhausbilanz ist immer sehr stark von der Art der Flächennutzung abhängig und von der Gesamtenergiebilanz. Das im Film portraitierte Indonesien ist mit rund 23 Millionen Tonnen pro Jahr zum weltweit größten Hersteller von Palmöl geworden. Die Motivation der Regierung:  Motor für wirtschaftliche Entwicklung in ländlichen Gebieten (3 Millionen Beschäftigte), Steigerung der Exportquote (Hauptabnehmer EU und Indien), konkrete Business-Interessen etc.

Kein zentraler Motor: Klimaschutz.

Fossile reiben sich die Hände

Bei aller persönlicher und inhaltlicher Wertschätzung für den ausgewiesenen Experten und Aktivisten Ulrich Eichelmann, scheint mir diese Form der Pauschalierung und des Framings informativ, aber kontraproduktiv. Nicht der Klimaschutz zerstört die Natur, sondern – wie zuletzt im Film angemerkt – das ungebremste Wachstum und Profitinteressen,  wobei wir als westliche Industriewelt der Intention insbesondere in Schwellenländern ja auch schlecht entgegen treten können. Der Konflikt Öko gegen Öko ist nicht das zentrale Gefecht, wiewohl sich schon einige der Klimaskeptiker des Filmes mit Vergnügen annehmen. Siehe etwas das Posting zum Film der Global Warming Policy Foundation oder auch des Blogs NoTricksZone. Jetzt darf man deren Rolle nicht zu ernst nehmen. Aber es ist schon schräg, dass die fossile Industrie nach und nach ihr Schiefergas- und Tight Oil Revier erobert, die mediale Landschaft vereinnahmt (siehe Das Imperium schlägt zurück), ganz spitz ist auf die Ausbeutung des Amazonas (siehe Amazonas Beitrag im Oil & Gas Journal oder die Potenzialkarte in der Welt) und wir führen den Öko vs. Öko-Konflikt. Dass die inhaltlich in “Climate Crimes” aufgeworfenen Fragen relevant sind, ist keine Frage. Dass es eine Grenzziehung geben muss, ebenso:

Antworten auf bestehende Zielkonflikte

Dieser Blogbeitrag soll keinen Wischi-Waschi Kompromiss abbilden, sondern letztlich geht es wie häufig auf Guensblog um ein Plädoyer für Differenzierung. Wie mehrmals erläutert sind viele Umweltfragen höchst komplex. Wer auf einfache Antworten auf komplizierte Probleme hofft, wird scheitern. Es braucht Lösungen und einen Diskurs, der fähig ist, zu differenzieren und das eigentliche Problem benennt. Und das ist nicht der angewandte Klimaschutz, sondern der fehlende Klimaschutz.

Daher ist es auch nicht zu verschweigen, dass die sogenannte Energiewende tatsächlich Zielkonflikte mit sich bringt. Der Ausbau der Wasserkraft ist ein Teil davon. Fragen der Flächennutzung ein anderer. Für viele zählen z.B. auch Landschaftsbildfragen dazu. Bei dieser letztgenannten Frage bin ich ehrlich gesagt relativ Hardcore auf Seiten der Erneuerbaren. Grenzziehung muss manchmal auch manchmal Grenzerweiterung.

Daher ist es wichtig, den Weg zu skizzieren, wie der Weg raus aus der fossilen Energienutzung aussieht. Dazu gehört einerseits die deutliche Reduktion des Energieverbrauchs aber auch ein massiver Ausbau erneuerbarer Energie. Dort wo es Interessenskonflikte etwa mit dem Naturschutz gibt, braucht es klare Kriterien, an denen sich die Energiewirtschaft orientieren muss. Ich bin auch nicht der Meinung, dass man in Österreich jedes Fließgewässer zubauen muss, sehe aber sehr wohl noch Potenzial für den weiteren Ausbau.

Viel gäbe es dazu noch zu sagen, aber der Beitrag ist eh schon zu lang.

Letztlich und wiederholt: Die Energiewende ist viel mehr als eine technische Frage. Er ist ein kulturelles Projekt, das auch in unser Konsumverhalten eingreifen wird. Das Schwarzenegger Modell – “Klimaschutz ist nur super, wenn ich mit meinem Pflanzenöl-betriebenem Hummer weiterfahren darf” – wird ebenso scheitern. Denn genau hier greifen die Ressourcengrenzen.

Dieser Diskurs ist zu führen. Aber bitte nicht, indem der Klimaschutz pauschal für etwas verantwortlich gemacht hat, was er nicht zu verantworten hat.

(Eine weitere Auseinandersetzung mit dem Film ist auf klimaretter.info zu lesen.)


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7 responses

13 02 2013
DirkH

Der Öko gegen Öko Konflikt ist logische Folge einer monopolistischen Politischen Region; dem Grün-sein, das alle Parteien Deutschlands umfasst.
Religionskriege; das Abstecken von Claims. Wer ist der Grünste im Land. Wer bekommt Zugang zu den Klimamilliarden. Big Green Business.

23 02 2013
Florian Besser

Herr H, bei Ihrem Schmäh über die “Politische Region; dem Grün-sein, das alle Parteien Deutschlands umfasst” [sic!], haben Sie wohl übersehen, dass es sich um eine Debatte zwischen einem österreichischen Regisseur und einem österreichischen Blogger handelt. Aber Hauptsache über die doofen Ökos lästern.

22 02 2013
Ulrich Eichelmann

Climate Crimes – eine andere Sicht der Dinge

Eines gleich vorweg: ich bin Naturschützer, der sich für den Klimaschutz einsetzt. Aber eben für echten Klimaschutz und nicht für das, was uns da alles als solcher verkauft wird. Der Film heißt deshalb auch Climate Crimes – Umweltverbrechen im Namen des Klimaschutzes. Es geht um Etikettenschwindel, um Betrug.

Natürlich könnte man bei all den aufgezeigten Projekten das Klimathema ausblenden. Also Palmölanbau ohne Klimaschutz, Biogas kein Klimaschutz, Wasserkraft kein Klimaschutz. Das wäre eine fatale Fehleinschätzung der Realität. Der Klimaschutz hat maßgeblichen Anteil am boom dieser „grünen Energien,“ er ist der aktuelle Motor dahinter. Deshalb „…kontextualisiert…“ der Film auch nicht falsch, sondern meines Erachtens genau richtig. Der Klimaschutz wird missbraucht, um Natur zu zerstören, Arten auszurotten und Menschen zu vertreiben. Und letztlich ist die Pauschalisierung in dem Zusammenhang legitim, wenn ich sage, dass „der Klimaschutz“ ein Verbrechen ist. Es geht im Film nämlich um den Klimaschutz, der uns als solcher verkauft wird, nicht um den, den wir hoffentlich alle meinen, bzw. uns wünschen. Die Ansicht im Blog, dass der Klimaschutz „.. manchmal missbräuchlich als Argument eingesetzte wird…“ ist gelinde gesagt eine Verzerrung der Realität. Ich war leider auf viel zu vielen Konferenzen in den letzten Jahren und bin schon zu lange im Naturschutzgeschäft, um das nicht mitbekommen zu haben. Ich hab viele Stunden Interviews mit NGO Vertretern, Politikern, Lobbyisten für Climate Crimes aufgenommen. Fast schon wie ein Mantra rufen alle: die erneuerbaren Energien müssen ausgebaut werden. Für´s Klima. Koste es was es wolle … steht häufig ungesagt dahinter. Und genau der Meinung bin ich nicht.

Schaut euch die Werbungen der Firmen, die Reden und Interviews der Politiker, die Marketingstrategien verschiedener Fonds etc. an. Überall versucht man mit dem Klimathema und dem grünen Wachstum Profit zu machen. Das alles zusammen hat letztlich zu einem Klimawandel im Kopf geführt, durch den Naturzerstörung nun hingenommen wird, nach dem Motto: „Es ist ja gut fürs Klima.“

Auch im öffentlichen Diskurs und innerhalb der NGO Szene wird der Klimaschutz tatsächlich häufig als Totschlagargument gebraucht. Hab ich hunderte Male erlebt. Schutz von Flüssen? Aber es geht doch ums Klima! Schutz von Landschaft? Klima! Schutz von Wäldern: Klima! Widerspruch? Hochverrat!

Und das schlimme ist doch, dass beim Klimaschutz nix weitergeht. Es findet eben keine drastische Reduktion der Klimagase statt. Allein in Deutschland sind gerade 13 Kohle- und Gaskraftwerke im Bau oder stehen kurz davor. Von wegen grüne Energie ersetzt konventionelle Kraftwerke.

Echter Klimaschutz würde zu allererst auf die Reduktion des Verbrauchs setzen und zwar drastisch und konsequent. Wir reden aber in 90 % der Fälle über zusätzliche Produktion, also von Wachstum. Das kann nicht gut gehen und tut es ja auch nicht. So wie derzeit die Klimapolitik läuft und wie diese grünen Energien forciert werden tut man nix fürs Klima, man beschleunigt nur die Naturzerstörung, den Artenrückgang und die Vertreibung von Menschen. Climate Crimes eben.

Was wir stattdessen brauchen, sagen im Film die beiden Ökonomen, Niko Paech und Tim Jackson. Natürlich einerseits die Abkehr vom Wachstum. Andererseits und um einiges konkreter: Establish the limits. Grenzen setzen. Und da haben wir beim Natur- und Artenschutz bisher versagt. Wir brauchen für die globale Natur, aber auch für die vor unserer Haustür so etwas wie Flächennutzungsplan, einen Masterplan, der festlegt, wo was gebaut werden darf und wo nicht. Sonst passiert genau das, was jetzt geschieht, Raubbau an der Natur.

Wenn man mir schon nicht glaubt, dann vielleicht Niko Paech? Paech ist einer der bekanntesten Ökonomen Deutschlands und Wachstumskritiker. Der setzt sich in Deutschland für ein generelles Flächenmoratorium ein, d.h. auch für erneuerbare Energien sollen keine unverbauten Flächen mehr geopfert werden, nicht für Wind, nicht für Solar etc. Aus gutem Grund. Auch ihm darf man getrost glauben, dass ihm an einer Energiewende gelegen ist. Aber das, was da gerade abläuft hält er für extrem kontraproduktiv. Ein Beispiel hier http://www.youtube.com/watch?v=_0ipeAByMZ0

Ich denke, ich spreche für viele, wenn ich sage, dass ich sehr wohl für den Umbau des Energiesystems bin, aber das, was da derzeit abläuft, hab ich nicht gewollt und macht auch keinen Sinn. Nach einigen Wochen touren mit dem Film durch Deutschland bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass wir vieles grundsätzlich überdenken müssen. Wir brauchen einen Klimaschutz, der die Natur viel stärker mit einbezieht. Zu häufig wird Naturzerstörung durch Umwelt (Klima-)schutz argumentiert.

Es scheint mir hoch an der Zeit, dass wir die Klimadebatte neu führen, dass wir uns mal ernsthaft überlegen, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist und was wir anders machen sollten. Ein „weiter so, nur mehr davon“ kann es doch nicht sein. Das zu verkennen, wäre fatal. Nicht nur für uns und die Umwelt, sondern auch für den Klimaschutz.

Zu den einzelnen Themen des Films:

Die Wasserkraft möchte ich mit einem Zitat der Wasserkraftlobby beginnen: „The outlook for the hydro energy sector appears bright on the backdrop of the strong governments support all over the world. The key drivers of the growth in installed capacity are the favorable government policies for the clean sources of energy and concerned over global warming.” (Global Data, Water&Dams 2010).

Nie zuvor hat es einen derart großen Ausbauboom gegeben wie jetzt. Wie es auch im Film beschrieben ist, wurden in den 1990er Jahre kaum neue Staudämme gebaut. Warum? Weil überall der Widerstand groß war und selbst die Weltbank erkannte, das die Dämme zu häufig nicht halten, was sie versprechen. Deshalb stoppte die auch die Finanzierung großer Wasserkraftwerke. Das hat sich völlig geändert. Der ehemalige Weltbank Chef Robert Zoellik änderte die Politik. Wegen des Klimawandels sei Gefahr in Verzug, die Wasserkraft solle deshalb verstärkt ausgebaut werden – so Zoellik. Seitdem fließt das Geld wieder in den Bau von Staudämmen. 2010 wurden weltweit 110 Mrd US $ investiert, 2011 waren es noch einmal mehr (zum Vergleich: 2010 flossen weltweit 19 Mrd $ in den Ausbau der Solarenergie).

Beispiele gibt es zuhauf, nicht nur in Brasilien und der Türkei. Am Balkan zwischen Slowenien und Albanien sind 570 Dämme geplant und selbst Österreich plant 60 weitere Staudämme, und das, obwohl ohnehin schon das meiste verbaut ist. „Das hat doch nichts mit Klimaschutz zu tun, da geht es doch nur um alte Wirtschaftsinteressen,“ rufen wir seit Jahren. Aber in der Öffentlichkeit spielt die Politik und die Wirtschaft die Klimakarte auch bei uns aus. Seht euch nur die Werbungen von Andritz, Verbund, EVN, TIWAG an. Wasserkraft wird per se als Klimaretter verkauft und genau das erleichtert den Bau neuer Dämme, auch die von Belo Monte und Ilisu.

Belo Monte und Ilisu stehen im Film stellvertretend für abertausende andere Staudammprojekte, die vielleicht nicht so bekannt und eindrücklich sind.
Wir haben die beiden Projekte und deren zu erwartenden Folgen auch deshalb ausführlicher beschrieben, weil vielen Menschen nicht klar ist, was an der Wasserkraft so schlecht ist. Anders als beim Regenwaldzerstörung für Biosprit oder beim Maisanbau oder Wind, geschieht bei der Wasserkraft das meiste unter Wasser und ist deshalb nicht so offensichtlich.

Ähnlich verhält es sich beim Biogas. Na klar gibt es in Deutschland mehr Futtermais, als Energiemais, der wird ja auch schon viel länger genutzt. ABER: der Motor für den irren Ausbau in den letzten Jahren war Biogas. Um 200.000 Hektar ist die Energiemaisfläche zuletzt pro Jahr angewachsen! Und die Energiemaisflächen nehmen weiter zu, wenn auch nicht ganz so stark wie zuvor. Immer noch werden täglich Wiesen umgebrochen, um letztlich Biogas zu gewinnen. Und wieder: Biogas auf Maisbasis nutzt dem Klimaschutz nix, garnix. Dazu kann man sich auch gerne die aktuelle Leopoldina-Studie ansehen. Die kommt zu gleichem Ergebnis. http://www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/?publication%5Bpublication%5D=433

Welche Folgen der Biogasboom hat, kann man sich im Film ansehen oder man fährt z.B. nach Norddeutschland oder Bayern und sieht sich das selber an. Wirklich alles sehr beeindruckend.

Biogas auf Abfallbasis wäre wünschenswert, spielt aber bei der Gesamterzeugung von Biogas keine Rolle. Deshalb ist das auch nicht im Film erwähnt.

Für sehr gewagt halte ich die im Blog geäußerte Ansicht über die Palmölplantagen auf Borneo: Klimaschutz sei nicht der Treiber für den aktuellen Ausbau der Plantagen, heißt es da. Das widerspricht allen Fakten und meinen Erfahrungen vor Ort. Wozu sonst ist Palmöl bei uns in jedem Liter Diesel? Doch wohl nur, damit die Klimabilanz des Verkehrs verbessert wird. Und diese Nachfrage hat natürlich Auswirkungen in den Erzeugerländern, sprich, der Druck auf die Fläche steigt. Palmöl ist bei uns in viel zu vielen Lebensmitteln, Kosmetika etc. Aber der Markt ist einigermaßen gesättigt. Jetzt kommt Biosprit daher und der lässt die Kassen klingeln und die Natur verschwinden.

Ich finde, die Klimapolitik ist gescheitert, bzw. ist am besten Wege dorthin. Dabei wäre es so schön gewesen: die grüne Technik rettet uns, den Artenvielfalt, die Weltwirtschaft, die Erde überhaupt. Es tut mir Leid, dass ich diese einfachen Antworten bezweifle und bekämpfe. Aber die Zivilgesellschaft hat geradezu die Pflicht, den mainstream zu hinterfragen, auch wenn dieser aus den „eigenen Reihen“ kommt. Das ist oft nicht angenehm. Dafür wir müssen ja auch nicht gewählt werden.

Klimaschutz ohne die Natur mit einzubeziehen ist absurd. Doch genau das läuft gerade. Darauf soll der Film eben auch aufmerksam machen. Und wie die bisherigen Diskussionen in Deutschland zeigen, tut er das auch. Vielen davon spricht der Film aus der Seele oder wie es Hubert Weiger, Chef der größten deutschen Umweltorganisation BUND nach der Vorführung in Berlin formulierte: „Der Film war überfällig.“

Abschließend noch ein Zitat des Ökonomen Niko Paech zu dem Thema:
„Was derzeit im Namen nicht nur des Klimaschutzes, sondern auch des grünen Wachstums vonstatten geht, würde ich als eine Art Amoklauf gegen die Natur und damit auch gegen den letzten Rest an ökologischer Vernunft bezeichnen.“

Dem ist aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen.

22 02 2013
Climate Crimes – die andere Sicht der Dinge | Eichelmann's Blog

[…] Die Reaktion auf den Film Climate Crimes waren in der Regel äußerst positiv, doch natürlich gibt es auch Kritik. Alles andere wäre auch merkwürdig bei einem derart wichtigen Thema. Vor allem auf Seiten der Klimaschützer wird der Film mit einigem Unbehagen gesehen und kontrovers diskutiert. Deshalb hab ich hier meine Ansichten etwas ausführlicher niedergeschrieben. Die folgenden Ausführungen beziehen sich konkret auf den blog von Georg Günsberg, https://guensberg.wordpress.com/2013/02/12/geht-es-wirklich-um-climate-crimes-eine-kritik-zur-laufend… […]

22 02 2013
Gerald Bäck

Staudämme sind schlecht, Schiefergas ganz ganz schlecht, Windkraft schlecht und hässlich und Atomkraft hat den Satan im Unbeliebtheitsranking ersetzt. Ich frage mich ja, mit welchem Strom die beiden Autoren Ihre Beiträge in ihre MacBooks getippt haben?

Georg, Du argumentierst gerade so als könne Klimaschutz schon per Definition keine negativen Auswirkungen haben und alles was solche negativen Auswirkungen hat, ist dann eben kein Klimaschutz mehr. Das erinnert mich an die Argumentation, die behauptet immer wenn im Namen einer Ideologie Menschenrechte verletzt werden, dann hat das natürlich nichts mehr mit der Ideologie zu tun.

Seit Brent Spa ist doch bekannt, das selbst große Umweltschutzorginsationen vor eigennützigen Maßnahmen nicht zurück schrecken, warum sollten das nicht andere auch tun?

23 02 2013
guensberg

@Gerald. Eigentlich dachte ich, dass meine Beiträge genau NICHT mit diesen Schwarz&Weiß Vereinfachungen argumentierne, sondern eben versuchen zu differenzieren. Insofern fühl ich mich unverstanden oder ungelesen. Differenzierung ist in einer eben nicht einfachen Welt unerlässlich. Ich habe zb nie gegen WIndkraft argumentiert, sondern immer PRO und eben geschrieben, dass ich Landschaftsbildargumente nicht teile. Auch beim Schiefergas lehne ich es nicht pauschal ab, sondern meine, dass die darin gesteckten Erwartungen zu hoch sind und es eine Strategie dafür braucht. Und die heisst, dass man eben Kriterien braucht, wo man Schiefergas fördert und wo nicht. Und auch die Frage berücksichtigt, in welche Bereiche man hininvestiert und wo nicht. Im Weinviertel spricht viel dagegen. Im kohleabhängigen Polen hab ich VErständnis, wiewohl die Exploration dort unerfolgreich war bislang. Auch Staudämme sind nicht per se schlecht oder gut. Aber wenn man den Impact nicht jeweils präzise einberechnet und damit auch den Grad der Zerstörung nicht mitdenkt, ist es völlig widersinnig. Nicht nur beim Klimaschutz, sondern doch irgendwie generell im Leben. Oder? Das ist es, was wir übrigens mal Nachhaltigkeit nannten.

Selbstverständlich hat Klimaschutz Auswirkungen, die auch als negativ empfunden werden. Z.B: jeden Tag billig Fleisch essen und Klimaschutz? Geht nicht zusammen. Windkraft ja, aber nicht bei mir? Geht nicht zusammen. Klimaschutz ja, aber meine Ölheizung bleibt? Geht nicht zusammen. Die Grenzlinien müssen wir definieren. Da sehe ich diese Diskussion als Beitrag dazu.

23 02 2013
Florian Besser

Es gibt wohl nur einzigen Menschen in Österreich, der sich als Naturschützer ausgibt und der behauptet Belo Monte wäre ein Klimaschutz-Projekt: Ulrich Eichelmann.

Herr Eichelmann, wenn Sie einen Film über Greenwashing und Konzernverbrechen machen wollen, warum benennen Sie es nicht so?! Warum verwenden Sie den Begriff “Klimaschutz” ganz im Sinne der Konzern-Werbung?! Warum diskreditiern Sie jedes wirkliche Engagement für naturverträglichen Klimaschutz, indem Sie sagen: “Klimaschutz ist ein Verbrechen”? Die Klima-Skeptiker haben ihre Freude.

Umwelt- und Entwicklungs-NGOs, Grüne und andere engagierte Klimaschützer kämpfen seit Jahren gegen Giga-Staudämme und Agro-Öl. Der WWF hat für ein seine halbherzige und letztendlich wohl eher kontraproduktive Kooperation mit Soja- und Palmöl-Konzernen schwere Kritik “aus den eigenen Reihen” einstecken müssen. Eben weil es KEIN Klimaschutz ist. Die einzigen, die das behaupten, sind Agro-Öl-Konzerne und deren Interessenvertreter (in Österreich z.B. der Bauernbund und Landwirtschaftsminister Berlakovich) – und jetzt Herr Eichelmann.

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