Blick über den großen Teich: wie geht´s dem Shale-Boom? Teil 1: Der Klimaschutz-Effekt.

31 01 2014

Motivation: Häufig ist in der europäischen Energiedebatte zu hören, dass der US-Shale Boom die Grundlage für eine wirtschaftliche Renaissance ist und dabei auch noch einen maßgeblichen Beitrag zum Klimaschutz leistet, weil die die CO2-Emissionen durch den Ersatz von Kohle durch Gas sinken würden. Dieser Beitrag versucht – jetzt wo man nach einigen Jahren des Booms eine erste Zwischenbilanz ziehen kann – einige Pro-Shale Argumente kritisch und sachlich unter die Lupe zu nehmen. Nicht nur die Argumente der Kritiker verfolge ich, sondern insbesondere auch jene der Shale-Promotoren. Drei Beiträge sind vorerst geplant: 1. Zum Klimaschutzaspekt 2. Zu Ökonomischen Effekten in den USA 3. Zu weiteren ökologischen Fragestellungen und europäischen Perspektiven.
Here we go…

Der US-amerikanische Shale Boom ist angesichts der erhöhten Öl- und Gasproduktion tatsächlich eine der bemerkenswertesten Energie-Entwicklungen in den vergangenen Jahren. Der Boom dient auch als Anlass für Akteure aus dem Energiesektor und der energieintensiven Industrie, stark Richtung Shale Optionen für Europa zu pushen und für billigere Energie zu werben. Die sogenannte Reindustrialisierung der USA wird einer möglichen Deindustrialisierung Europas entgegengesetzt. Zudem wird vermittelt, dass Schiefergas die Klimabilanz der USA nachhaltig verbessert, weil die Kohle aus dem Markt gedrängt wird. Zuletzt beschrieb der neue Siemens-Chef Kaeser die USA als Energiewende-Vorbild (siehe Tagesspiegel), ebenso wie in Österreich schon E-Control Vorstand Walter Boltz (siehe USA als besserer Klimaschützer in der Presse) und gerade erst vor wenigen Tagen Standard Redakteur Eric Frey.

Ein konkreter Blick:

Ersetzt Schiefergas die Kohle?
Tatsächlich zeigen die US-amerikanischen Energieverbrauchsdaten einen Rückgang der Kohlenutzung von 2008 bis 2012 (bei gleichzeitigem Anstieg des Kohleexports – insbesondere nach Europa und auch nach Österreich).
Ein Grund dafür ist der in diesem Zeitraum geringer gewordene Preisunterschied zwischen Kohle und Gas in den USA. Dazu hat einerseits die erhöhte Gasproduktion bei zugleicher schwächelnder Energienachfrage (Krisenjahre post 2008) und andererseits ein Anstieg des Kohlepreises geführt.
houser6567Vor wenigen Wochen wurde vom Peterson-Institutes for International Economics das sehr lesenswerte Buch “Fueling Up” präsentiert, in dem sich – übrigens mitfinanziert von Unternehmen aus der Öl- und Gasindustrie und dadurch definitiv nicht dem üblichen Kritikerlager zuzurechnen – die Autoren Trevor Houser und Shashank Mohan intensiv mit den Folgen des neuen Öl- und Gasbooms beschäftigt. Sie erläutern die Entwicklung am Beispiel Stromproduktion folgendermaßen: Zwischen 2000 und 2007 lag der Kohlepreis bei durchschnittlich 1,42 US-$ pro MMBtu (Million British thermal Units), während Erdgas $ 5,81/MMBtu kostete. 2010 und 2011 änderten sich die Preise schon auf $ 2,30 für Kohle, während Gas auf $ 4,90 fiel. Und 2012 lag das Niveau bei durchschnittlich $ 2,41 für Kohle und $3,43 für Gas. Also innerhalb von 5 Jahren änderte sich das Verhältnis von 1:4 auf 1:1,4. 2012 bot den geringsten Spread seit Anfang der 70er Jahre, wie die Autoren erläutern.
Der Anteil der Kohle an der Stromproduktion fiel in diesem Zeitraum von 48 Prozent auf 32,6 Prozent im April 2012, während der Erdgas-Anteil von 21 auf 32,3 Prozent stieg.

Jedoch zeigen die ganz aktuellen Daten der EIA, dass dieser Trend möglicherweise gestoppt ist. 2013 ist der Kohleverbrauch auf ähnlichem Niveau wie 2012.

coal_us_consumption

Und auch die preisbezogene Grundlage für den Trend dürfte sich ändern, denn der Erdgaspreis zieht aktuell – weitgehend unbemerkt in Europa – wieder stark an. Das ist teilweise witterungsbedingt (kalter Winter), aber nicht nur. Nach Einschätzung vieler Experten wird die Förderung von Schiefergas auf dem geringen Preisniveau der vergangenen zwei Jahre nicht profitabel sein. (dazu mehr in Teil 2)

gaspreis_usa
Entwicklung der US-Treibhausgasemissionen
2012 lagen die US Treibhausgas-Emissionen – nach gängiger Berechnungsmethode (siehe später) – 12 Prozent unter dem Niveau von 2005. Zum Vergleich: jene der EU-Staaten waren 10 Prozent niedriger als 2005. Im Vergleich zum Kyoto Basisjahr 1990 sieht die Bilanz der EU jedoch deutlich besser aus als jene der USA. Im Gegensatz zu Europa sind die USA-amerikanischen Emissionen immer noch höher als 1990,  obwohl die USA generell einen deutlich höheren pro Kopf Ausstoß verzeichnet.
usenergyInteressant ist die Analyse, warum die Emissionen in den USA in den vergangenen Jahren zurückgegangen sind. Im Vergleich der CO2-Emissionsverringerung mit den ursprünglich angenommenen Szenarien stellt die Studie „Fueling Up“ fest, dass zwei Drittel des Emissionsrückgangs 2012 der deutlich geringeren Wirtschaftsleistung nach 2008 zu verdanken ist. Der Energieverbrauch ist zurückgegangen. (siehe Graphik/Datenquelle EIA) Der Wechsel von Kohle zu Gas hatte zwar einen signifikanten Effekt bei der Stromproduktion, wo er laut Hochrechnung zu 65 Prozent des Emissionsrückgangs zwischen 2005 und 2012 beiträgt. Bemerkenswerte 30 Prozent werden übrigens dem ebenso stark gestiegenen Windkraftanteil zugerechnet. Ein Faktor, der in der europäischen Debatte über den US-Weg häufig vergessen wird.
Aber auch hier zeigt sich. Der Trend wurde 2013 gestoppt. Die Treibhausgasemissionen sind nach aktuellem Berechnungsstand um zwei Prozent gestiegen. Der Grund ist klar: die Konjunktur springt wieder an; der Kohleverbrauch ist nicht weiter gesunken.

emissions-rising2
(Graphik: US Treibhausgasemissionen sind 2013 wieder gestiegen)

Blick in die Zukunft
Bei allen Unwägbarkeiten, die in der Entwicklung von Szenarien bestehen, können sie doch aufschlussreiche Fingerzeige liefern sein. Während in unseren Breiten mancherorts kommuniziert wird, dass der US-amerikanische Weg dank Schiefergas Boom das Klimaproblem gleich mitlöst, sind fundierte US-amerikanische Einschätzungen vorsichtiger. Langfristig sehen etwa die Autoren von “Fueling Up” nur einen bescheidenen Klimaschutz-Effekt, was bei der Präsentation der Studie für einige enttäuschte Reaktionen sorgte. Alle drei Szenarien der Studie gehen von einem Anstieg der Treibhausgasemissonen Richtung 2030 aus. Zwar dürfte das Niveau unter jenem von 2005 bleiben, aber zugleich über jenem von 1990. Dass die Emissionen übrigens nur leicht steigen werden ist insbesondere dem Umstand zu verdanken, dass in den USA Effizienzstandards insbesondere im Transportsektor greifen werden. Ein Umstand, auf den schon die Internationale Energie Agentur verwiesen hat. Eine Folge von – hört hört – entsprechenden Regulativen und des kontinuierlich über 100 US-$ liegenden Öl-Weltmarktpreises.
Der Kern der Aussage ist, dass der Energieverbrauch weiter ansteigen wird, insbesondere wenn Energiepreise niedrig bleiben (was man anzweifeln kann). Es gibt sozusagen auch hier den viel zitierten Reboundeffekt. Die einzige Variante, in der die Autoren eine signifikante Reduktion der Treibgasemissionen errechneten, ist jene in der ein eine CO2-Steuer bzw. ein Preis von 15 US-$ pro Tonne CO2 in den Markt einwirkt. Nicht unähnlich übrigens den Annahmen des World Energy Outlook, nur dass das Preisniveau noch deutlich höher angesetzt wird, um die aus Klimaschutzgründen notwendige Reduktion zu erreichen.
Was das bedeutet, ist aus meiner Sicht klar: will man die Treibhausgase reduzieren, braucht es einen entsprechende Preis für fossile Energie. Die Verfügbarkeitsgrenzen wurden durch den Schiefergasboom temporär ausgedehnt, aber das Konzept Billige Energie ist hauptverantwortlich dafür, dass wir am Klimaschutz scheitern werden.

Höhere Treibhausgasemissonen durch Leakage
Kurz zu einem Aspekt, der möglicherweise ebenso unterschätzt wird und Gegestand von mittlerweile einer Reihe von Analysen mit unterschiedlichen Ergebnissen ist. Denn nicht einberechnet in die Treibhausgasbilanzen ist, dass die Schiefergasförderung möglicherweise mit deutlich höheren Methanemissionen einhergeht. Methan ist für 9% der Gesamttreibhausgasemsisionen der USA verantwortlich) Laut US-Umweltagentur EPA trägt die Produktion, Umwandlung und der Transport von Erdgas 25% der US-Amerikanischen Methanemissionen bei. Der Verlust durch Leakage wird mit 1,5% Leakage angenommen.
Wie auch der deutsche Energieexperte Werner Zittel (Ludwig Bölkow Systemtechnik) kürzlich als Gast des Klima- und Energiefonds und des EEÖ in Wien ausführte, ist diese Annahme deutlich optimistischer als Studien etwa der Cornell University. Mehrere Quellen gehen von durchschnittlich über 3% Leakage aus. Siehe auch diesen Nature Artikel. Insofern sind jedoch die oben dargestellten Emissionsdaten mit Vorsicht zu genießen. Entweicht mehr Methan durch die ausgedehnte Schiefergas-Förderung, zeigt die Kurve wieder stärker nach oben.

Die Autoren von “Fueling Up” schliessen aus ihren Analysen:„On balance, the oil and gas boom is neither the environmental saviour that industry proponents claim nor the existential threat that many in the environmental community see.”

Meine Rückschlüsse daraus:

  • Ein Rückgang der US-Treibhausemissionen kann zwischen 2008 und 2012 konstatiert werden. Gestiegene Methanemissionen aus der Schiefergas-Förderung sind  dabei jedoch ein Unsicherheitsfaktor.
  • Haupttreiber des Emissionsrückgangs war die Wirtschaftskrise, die den Energieverbrauch drosselte. Seit 2013 zeigt die Emissionskurve leider wieder nach oben.
  • Schiefergas löst das Klimaproblem nicht. Es kann unter Voraussetzungen wie in den USA ein temporäre Alternative zur Kohle sein, wird aber nicht wirken, wenn nicht unabhängig davon regulative oder preissteigende Maßnahmen für die CO2-Schleuder Kohle ergriffen werden.
  • Jede Strategie, die darauf abzielt, fossile Energie möglichst billig anzubieten, wird letztlich zu einem Anstieg des Energieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen führen – auch wenn das die Lobbies einzelner Branchen nicht gerne hören.

Teil 2 folgt demnächst.


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5 responses

20 02 2014
Florian Deters

Wann erscheint der zweite Teil?

24 03 2014
Piotr Bu

Warte auch schon mit Sehnsucht auf Teil 2

27 03 2014
guensberg

Vielen Dank für´s Interesse. Und sorry for delay. Hat etwas länger gedauert als geplant, dafür sind einige Daten aktualisisiert. https://guensberg.wordpress.com/2014/03/27/blick-uber-den-grosen-teich-teil-2-shale-economy-spiel-mit-falschen-erwartungen/

26 05 2014
Monterey Shale (CA): Wie schnell der Shale Boom zusammenbrechen kann. | g u e n s b l o g

[…] oä, sondern einen weiteren Beitrag zum Thema Fracking und Schiefergas/Schieferöl.  (nach Teil 1 und Teil 2)  Anlass sind Vortrag und Teilnahme an der Pressekonferenz des Biomasseverbandes zur […]

27 06 2014
Monterey Shale (CA): Wie schnell der Shale Boom zusammenbrechen kann

[…] oä, sondern einen weiteren Beitrag zum Thema Fracking und Schiefergas/Schieferöl.  (nach Teil 1 und Teil 2)  Anlass sind Vortrag und Teilnahme an der Pressekonferenz des Biomasseverbandes zur […]

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