Monterey Shale (CA): Wie schnell der Shale Boom zusammenbrechen kann.

26 05 2014

Am Tag nach der EP-Wahl gibt es hier diesmal keine Wahlanalysen oä, sondern einen weiteren Beitrag zum Thema Fracking und Schiefergas/Schieferöl.  (nach Teil 1 und Teil 2)  Anlass sind Vortrag und Teilnahme an der Pressekonferenz des Biomasseverbandes zur heutigen Klimaschutz-Fachtagung, an der ich gemeinsam mit dem IPCC Review Editor Prof. Martin Jänicke, dem Militärstrategen und Berater Gerald Karner sowie Biomasseverbandspräsident Horst Jauschnegg das Podium bilden darf.

Aus diesem Grund sei auch an dieser Stelle der aktuelle Fall des Monterey Shale erläutert, der aktuell nicht nur in Kalifornien, sondern auch in den gesamten Energieandschaft der USA für Aufregung sorgt.

Wie schon kürzlich in Teil 2 der Guensblog Shale Serie erläutert, ist die aktuelle Schieferölförderung von einigen wenigen, aktuell ertragreichen Gebieten abhängig. 74% der gesamten US-Schieferölproduktion kommt aus 2 Feldern . 68% der gesamten US-Schiefergasproduktion kommt aus 3 Feldern. Auch in der für die Industrie, Kapitalmarkt und die Energieversorgung maßgebliche Einschätzung der Reserven sind es die großen Shale Plays, die wirklich relevant sind. Bei Schieferöl bauen die Shale Hopes  neben Bakken (North Dakota), Eagle Ford (Texas) vor allemauf das Monterey Shale in Kalifornien. 13,6 Milliarden (!) Barrel förderbares Öl sollten in den Gesteinsformen zwischen LA und Bakersfield in ca. 3,5 km Tiefe schlummern. Das entspricht einem aktuellen Marktwert von rund 1400 Milliarden Dollar.

Bis letzte Woche!

Denn – aktuell noch weitgehend unbemerkt in deutschsprachigen Medien – hat die US EIA (Energy Information Administration) diese Einschätzung runterrevidiert. Um nicht weniger als 96%!

Statt 13,6, Millarden Barrel gelten jetzt nur mehr 0,6 Milliarden Barrel als mit aktuell zur Verfügung stehenden Technologien förderbar. (siehe Bericht in der LA Times – mit Follow Ups in nahezu allen relevanten US-Zeitungen)

Die Folgen betreffen nicht nur Kalifornien, sondern die gesamte USA, denn die ursprüngliche EIA-Einschätzung bedeutete, dass Monterey Shale zwei Drittel der gesamten Schieferöl-Reserven ausmachen würde. ““It just turned out it’s harder to frack that reserve and get it out of the ground.” wie Adam Sieminski von der EIA in diesem Bloomberg Beitrag erläutert.

Zu dieser dramatisch abweichenden Einschätzung geführt hat, sind Erkenntnisse über die Geologie. Die Fracking-Technologie stößt hier an Grenzen. Laut dem Geologen David Hughes bestehen die Unterschiede zu den aktuell erfolgreichen Shale Plays wie Bakken und Eagle Ford darin, dass das Gestein deutlich dicker und fester ist, die Struktur komplexer und Monterey vergleichsweise jung und weniger ausgedehnt ist und über eine aktive Tektonik verfügt. (San Andreas Graben) Seine genauen Auswertungen sind in dieser Studie zu finden.

Damit erhalten auch die Analysen von David Hughes generell mehr Bedeutung, denn Hughes, ein Wissenschafter, der unter anderen für das Post Carbon Institute tätig ist, hat in seinen Untersuchungen nicht nur auf die kritischen Aspekte von Monterey Shale hingewiesen und sie für überschätzt gehalten. Demnach folgt der Höhepunkt der Schieferöl-Förderung von Bakken möglicherweise bereits 2017. Der aktuelle Förderboom, den niemand abstreiten kann, wäre damit relativ schnell zu Ende.

Aus der Traum? Das Spiel mit Erwartungshaltungen und Strategien.

Nun, das Downgrading von Monterey ist nicht nur für die Energieversorgung relevant. Es geht auch darum, dass die überoptimistische Einschätzung der Ölindustrie und letztlich auch der EIA dazu geführt hat, dass Kalifornien maßgebliche Strategien darauf aufgebaut hat. Die Promotoren des Shale Booms haben ganz Arbeit geleistet und sind nun unter Legitimationsdruck.

Hier ein Chart aus einem Video, das im Wall Street Journal zu finden ist und die prosperierende Zukunft dank Shale Oil verheisst. 2,8 Millionen zusätzliche Jobs bis 2020 werden propagiert:

california

Die Daten stammen aus einer im März 2013 erschienenen Studie der University of Southern California in Zusammenarbeit mit der Western States Petroleum Association (WSPA), erstellt auf Basis von angeblich „konservativ“ geschätzten Prognosen.

Wie verantwortungsvoll ist es, wenn die Öl- und Gasindustrie – angereichert mit gigantischen Summen aus dem Kapitalmarkt – einem Wirtschaftsraum vermittelt, durch entsprechende Ressourcen zu Wachstum, Beschäftigung, Staatseinnahmen und Wohlstand zu kommen, sodass die Augen vieler Entscheidungsträger funkeln?

Nochmals: Minus 96% Ölreserven in Kalifornien!

Worauf baut Europas Strategie?

Und hier die Brücke nach Europa – und damit doch ein wenig zu EP-Wahl, denn eines der brennenden Themen sind aktuell die 2030 Klimaschutz- und Energieziele. Auch Fracking ist Thema. Neben all den relevanten ökologischen Einwänden, stellen sich auch Fragen der strategischen Risikobewertung für die Entwicklung unseres Wirtschaftsraumes. Wir wissen, dass kein Schiefergas/öl-Gebiet dem anderen gleicht. Eine unmittelbare Kopie des US-Weges ist für Europa nicht möglich – wie auch die Internationale Energie Agentur (IEA) feststellt. Zugleich scheint es angesichts von fossilen EU-Nettoenergieimporten im dreistelligen Milliardenbereich (Österreich importierte 2012 fossile Energieträger im Wert von 13 Milliarden Euro) zweckmässig auf Strategien zu setzen, die Europa unabhängiger machen.

Das Beispiel Kalifornien zeigt, wie verführerisch der Traum mancher für einen Shale-Boom ist und wie schnell er – auch in Europa – zugleich platzen kann. Ein Risiko, dem sich auch jene energieintensive Unternehmen zu stellen haben, die aktuell massiv in den USA investieren, um von den günstigen Energiepreisen zu profitieren. Das ist verständlich, aber niemand kann aktuell vorhersagen, wie lange der Boom dauern wird. Europas Strategie sollte eine sein, die auf eigenen Stärken, Innovationsfähigkeit und den ambitionierten Zielen aufbaut, angesichts der enormen Herausforderung eines aus den Fugen geratenden Klimas, den Energieverbrauch zu reduzieren und die fossilen Energieträger – insbesondere Öl und Kohle – möglichst rasch durch Erneuerbare zu ersetzen.


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4 08 2015
kundentests.com

Die interessanten und sehr ausführlichen Artikel sind sehr informativ und lobenswert. Vielen Dank dafür

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