Pflichtlektüre für Politik-Verantwortliche: “Kleinräumige Bevölkerungsprognose für Österreich 2030 und 2050” (1)

9 08 2010

Der Titel klingt vielleicht nicht für alle aufregend. Aber immerhin: Für einen Tag war die besagte Studie sogar in den Tageszeitungen präsent (siehe ua Presse oder Kurier). Zu kurz, um ernstgenommen zu werden. Denn das Land wird sich verändern. Und zwar substantiell und vor allem strukturell.
Die Rede ist von einer Publikation, die meiner Meinung eine Pflichtlektüre sein müsste für jeden, der in Österreich Politik macht. Es handelt sich um keine auf Basis medialer Beobachtungen qualitativ oder aus Interviews abgeleitete “Zukunftsforschung”, sondern um statistische Berechnungen, wie sich Österreich demographisch entwickeln wird. The real stuff.

Die “Kleinräumige Bevölkerungsprognose für Österreich 2010-2030 mit Ausblick bis 2050 („ÖROK-Prognosen“)” der Statistik Austria bietet Einblicke in die Entwicklungen Österreichs, die meiner Meinung von höchster Priorität sein müssten für politische Programme der kommenden Jahre und – um zum Punkt zu kommen – für die Weichenstellungen, die mit dem kommenden Budget getroffen werden.
Denn dieses Budget, das spätestens unmittelbar nach den Landtagswahlen in die heiße, öffentliche Verhandlungsphase tritt, ist nicht irgendein Budget. Es ist DAS Krisen-Budget. Auch wenn sich Wirtschaftsdaten und Arbeitslosenzahlen relativ positiv entwickelt haben, die Kosten der Krise (und die Frage, wer sie zahlt) werden sich jetzt erst in Zahlen nieder schlagen.
Wo hier der Link zur kleinräumigen Bevölkerungsprognose ist?
Es gibt mehrere, und auf einige werde ich noch ausführlicher in Follow-Up-Postings eingehen. Es gibt ganz grundlegende ökologische Fragestellungen (Mobilität, Baukultur), soziale Aspekte (wie organisieren wie Pflege für Hochbetagte und unser Gesundheitssystems bzw. das Pensionssystem; wie unsere soziale Infrastruktur für die besten Bildungsvoraussetzungen), die Diskussion rund um Zuwanderung, Finanzthemen (Budgetsituation der Gemeinden) etc.
Aber hier mal nur einige Graphiken und paar Überschriften.

Der große Suburbanisierungsschub
Nun, die Prognose ist im wesentlichen eine Weiterführung aktueller Entwicklungen, aber in der drastischen Ausformung haut´s einen doch um.
Hier die erwartete Bevölkerungsveränderung bis 2030.

Mit Click auf die Graphik kommt man auf die gelungene Animation auf der Statistik-Austria Website, bei der man man den Jahresverlauf genau verfolgen kann. (leider offenbar bei WordPress nicht integrierbar)


Es gibt deutliche Verschiebungen mit klaren “Gewinnern” und “Verlierern”. Bis 2050 verstärkt sich dieser Trend noch weiter.
Kurz gesagt: die meisten Städte legen substantiell an Bevölkerung zu; noch mehr jedoch deren Umland. Ganz extrem vor allem rund um Wien, wo beispielsweise für Schwechat ein Wachstum bis 2030 von + 27,9% bis 2050 von +47,8% vorhergesagt wird. Auch Gänserndorf-Großenzersdorf-Marchegg, Klosterneuburg-Purkersdorf oder Baden-Ebreichsdorf werden bis 2030 um +über 20% wachsen und rund um die 40% bis 2050. Zugleich verlieren jedoch auch Regionen teils massiv an Bevölkerung. Murau, Mürzzuschlag, Gmünd und auch teils große Gebiete Kärntens verlieren rasant Bevölkerung. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Jetzt kann man sagen, dass ist noch weit weg, aber wer die kommenden Jahre in der Graphik verfolgt, wird sehen, dass dieser Trend schon jetzt einsetzt. Außerdem: wenn wir an Infrastrukturmaßnahmen denken (etwa Bahnprojekte) haben diese ja auch eine entsprechende Vorlaufzeit. Aus meiner Sicht heißt das für den öffentlichen Verkehr z.B. nicht nur, dass er attraktiver werden muss, sondern dass es zu einer regelrechten Revolution in der Mobilität kommen muss, um diese eben umweltschonend und zugleich sozial verträglich zu gestalten. Und Generalverkehrsplan etc. stehen eben jetzt zur Disposition. Es geht um nichts weniger als um die Frage, wo investiert Staat und wo gibt er weniger Geld aus.
Die Verstädterung selbst ist durchaus ein Trend, der ökologisch positiv zu bewerten ist (dichte Strukturen, kürzere Wege etc.), entschieden werden die CO2-Bilanzen letztlich aber dabei, wie Stadt und Umland im Wechselspiel funktionieren. Auch die Organisation der sozialen Infrastruktur (Schule, Kinderbetreuung etc.) ist eng damit verknüpft, denn natürlich hat das alles auch eine Altersperspektive:

Starke regionale Unterschiede in der Altersverteilung

Siehe dazu diese Graphik:
Hier der Anteil der Über 65-Jährigen im Jahr 2009 (je dünkler, desto höher – siehe Legende):

Und hier im Jahr 2030:

Und klar, wir alle werden älter. Das Jahr 2050:


(alle Graphiken aus Kleinräumige Bevölkerungsprognose für Österreich 2010-2030 mit Ausblick bis 2050 („ÖROK-Prognosen“); entnommen der interaktiven Landkarte der Statistik Austria Website
Klar. Wir werden alle im Alter supercool und modern sein und das “Alter” an sich wird sich weiter verändern, aber wenn wir die Bevölkerungskarte und die Alterskarte übereinander gelegt vorstellen, zeigt es doch eine relevante strukturelle Veränderung Österreichs, die nicht ohne Konsequenzen bleiben kann.

Keine Sorge um die Städte. Die werden durch Zuwanderung weiter jung bleiben. Sie werden Motor der Ökologisierung und Technologieentwicklung sein (sehr optimistisch betrachtet). Aber die strukturschwachen Regionen, wo junge Menschen wegziehen, ältere bleiben und teils deutlich älter werden (siehe im Bericht die 85+ Berechnungen)… wie schaut dort das Leben aus.Ist dieser Trend verhinderbar? Wie schaut die soziale Infrastruktur in diesen Regionen aus? Wie ist sie finanzierbar? Wie kann Mobilität gewährleistet werden?

Diese und noch einige Fragen mehr, sollten uns politisch JETZT beschäftigen. Am besten gleich in den heutge beginnenden ORF-Sommergesprächen.
Denn wenn wir die Gesellschaft ökologisch und sozial nachhaltig gestalten wollen, müssen wir strukturell und kulturell Veränderungen herbeiführen. Technologie allein wird uns nicht helfen.





Elektromobilität: Eindrücke von der Vienna Auto Show

18 01 2010

Gestern nutzte ich die Gelegenheit, der Vienna Auto Show einen Besuch abzustatten. Ehrlicherweise war ich noch nie auf einer klassischen Automesse und ich wollte wissen, wie sehr die österreichischen Autohändler auf die Themen Elektromobilität und CO2-Ausstoß eingehen.

Klar ist gleich, dass die Vienna Auto Show mit den wirklich großen internationalen Automessen nicht vergleichbar ist. Dennoch wurde ein repräsentativer Überblick über Neuerscheinungen und Entwicklungen gegeben, der mir für den österreichischen Markt realistisch scheint. In Sachen Elektromobilität heißt das z.B., dass einige Anbieter ihre Elektrokonzepte vorstellen; ein echter Schwerpunkt wie bei internationalen Messen war aber bei der Vienna Auto Show nicht festzustellen. Dies entspricht wohl auch der Strategie der Händler. Einige maßgebliche Produzenten wie Renault setzen vergleichsweise früh auf Elektromobilität; der große bzw. österreichische Kernmarkt liegt aber in den kommenden Jahren definitiv bei konventionellen Antrieben bzw. fossilen Energieträgern. Und der ist für die Händler entscheidend. Der Anteil der Hybridautos ist aber ebenso weiter gestiegen.

Auch dass Kleinwagen derzeit im Trend liegen, war bei der Messe zu sehen. Ehrlich gesagt hab ich bei einigen Modellen jedoch Zweifel, ob den Verbrauchsangaben zu trauen ist. Nicht, dass 4-5 l/100 km unrealistisch sind, aber Tests zeigen, dass dies doch tendentiell idealtypische Werte sind.Vielleicht ist das aber auch nur als Indiz dafür zu werten, dass spritsparend Autofahren auch gelernt sein muss.

Dass es dennoch auch in Österreich eine Reihe von interessanten Modellprojekten gibt, ist unter anderem im Ökocenter-Blog (BEWAG), auf der saubereautos.at Plattform, im Ökoenergie-Blog (Raiffeisen Leasing) oder regelmäßig in Ökonews zu lesen.

Hier einige Beispiele der präsentierten Fahrzeuge: (click pics to enlarge)

Renault hatte das Kangoo Z.E.Concept als Feature. Löblich, denn obwohl in Österreich erst 2012 am Markt, stand das Modell, das ein wenig an Mac Design erinnerte, im Zentrum der Präsentation. Das Serienmodell Kangoo Express Z.E wird Renault im ersten Halbjahr 2011 als Transporter mit reinem Elektroantrieb produzieren. Der Fokus auf gewerbliche Nutzungen wirkt vielversprechend. Das Konzeptauto verfügt über einen E-Motor mit einer Leistung von umgerechnet 95 PS. Die Reichweites liegt bei 160 km. Lademöglichkeit für die Lithium-Ionen-Batterie soll es in drei Varianten geben. Daheim, in öffentlichen Ladestationen und durch Batterietausch. Ohne Batterie werden die Fahrzeuge gleich viel kosten wie die konventionelle Variante. Und naja, in Sachen Batterieanschaffung hofft man laut Renault Vertreter auf öffentliche Förderungen.
Ärgerlich find ich jedoch, dass bei alternativen Antrieben häufig von Zero Emission die Rede ist. So auch bei Renault. Das ist schlicht falsch und irreführend, denn der Strom wird bekanntlich nicht in der Steckdose produziert. Vom zusätzlichen Aufwand in einer gesamtenergetischen Betrachtung rede ich da noch gar nicht.

Auch Opel hatte was in Sachen Elektromobilität bzw. Hybrid dabei. Der Ampera, der 2011 europaweit angeboten werden soll, wurde quasi hüllenlos präsentiert, sodaß man den Antrieb genauer unter die Lupe nehmen konnte. Interessante Inszenierung. Eigentlich ist der Ampera ein Hybrid, der aber ausschließlich elektrisch fährt. Der eingebaute Verbrennungsmotor dient lediglich zur Aufladung der Batterie, er verlängert so die Reichweite. Den Verbrauch gibt Opel mit 1,6 l/100 km für die ersten 100 km an. Danach geht er jedoch ohne Zwischenladung signifkant in die Höhe. (4,8 l/100km)

Nicht unwitzig auch, dass Opel gleich daneben ein Elektrorad präsentierte. Offenbar ist das diesbezügliche Potential auch bei Automobilherstellern angekommen.

mitsubishi miev vienna auto showMitsubishi hatte den kleinen i-MiEV, am Podium. Der ist schon in Produktion und z.B. in Japan am Markt. In Österreich und anderen europäischen Ländern kommt er im Laufe des Jahres. Der i-MiEV bietet dichtgedrängt Platz für vier Personen und ht eine Reichweite von rund 140 Kilometern. Kein Foto hab ich leider vom Mila EV Elektro-Konzept von Magna. Zu finden gibt´s dazu jedoch was im Ökonews-Bericht von der Messe.

Auch VW hatte was dabei, aber die Strategie schaut anders aus. VW wird mit dem E-Up erst im Jahr 2013 auf den Markt geht. Die konventionelle Up-Variante wird im Zuge der sog. New Small Family Linie jedoch schon 2011 erhältlich sein.  Zur Elektrovariante des 3+1 Sitzers: Lithium-Ionen-Batterie, Reichweite bis zu 130 Kilometer. An einer der künftigen City-Stromsäulen soll laut die Konzept in gut einer Stunde auf bis zu 80 Prozent ihrer Gesamtkapazität nachgeladen werden können. Am herkömmlichen Garagenanschluß dauert das Aufladen nach Herstellerangaben maximal fünf Stunden.

Dass die Automesse auch für andere Verkehrsmittel gut genutzt werden kann, hat der Railjet bewiesen. Ich finde die Strategie, sich genau dort zu platzieren, eigentlich ganz gut. Und die Menschenschlange vor dem Eingang hat bewiesen, dass Bahnfahren auch für diese Zielgruppe attraktiv in Szene gesetzt werden kann. (Ein eher konventionelles Promo-Video dazu gibt´s hier) Klar, dies wird andere Probleme (Fahrgastservice etc.) der ÖBB nicht lösen – wie etwa dieser heutiger “Reise”-Bericht im Standard offenbart. Aber der gelungene Auftritt im Rahmen der Vienna Auto Show zeigt, welche Potentiale da sind.

Weitere Berichte von der Vienna Auto Show sind auf Standard Online und auf SaubereAutos.at zu finden.





Die ÖBB ist klima:aktiv…und verlagert den Güterverkehr auf die Straße

4 10 2009

Bad Timing kann man da nur sagen.

Als ich am heutigen Sonntag die seltene Gelegenheit hatte, die Tagesillustrierte “Österreich” durchzublättern (ich habe dafür auch gezahlt… jaja, ich bin das) ist mir ein doppelseitiges Inserat der ÖBB aufgefallen, das zudem noch das klima:aktiv Logo des sog. Lebensministeriums trägt.

oebb_inserat (click thumbnail to enlarge)

Mein naiver Optimismus ließ mich denken: Gut, wenn die ÖBB erkennt, dass Klimaschutz ein wesentlicher Aspekt ihres Daseins ist. Auch die erwähnten Maßnahmen sind vernünftig und viele davon entsprechen genau der Rolle, mit der sich die ÖBB in Zukunft positionieren könnte. Als moderner Dienstleister, der sich dem Klimaschutz und seinen Kunden verschreibt. Auch das klima:aktiv Programm des Umweltministerium halte ich für eine durchaus gelungene Sache, die sogar noch mehr Aufmerksamkeit verdient.

Doch dann kam DAS: “ÖBB will Fracht von Schiene auf Straße verlagern“, titelt der morgige Standard einen Artikel. Die in Sachen ÖBB wie immer topinformierte Standard-Redakteurin Luise Ungerböck  berichtet über ein Sanierungskonzept des Beratungsunternehmes Roland Berger, das die Verlagerung des Transports von Stückgut von der Schiene auf die Straße forciert. Ab Jänner 2010 sollen in der Steiermark Güter nicht mehr mit ÖBB-Zügen transportiert werden.Ein eklatanter Widerspruch zur Kommunikation der ÖBB in Sachen Klimaschutz, denn genau im abgebildeten Inserat steht:

“…Hauptansatzpunkte der ÖBB-Klimaschutz-Charta umfassen zum Beispiel die Bereitstellung von “nachhaltiger” Mobilität für Menschen und Güter. Die Mobilitätsdienstleistungen des ÖBB-Konzerns sollen noch stärker auf ihre Energieeffizienz und ihr ökologisches Potenzial optimiert werden.”

Politisch entschieden ist die Sache übrigens noch nicht. (Reaktion Bures ebenfalls im Standard)

Das Thema ist auch nicht neu. Schon seit einigen Jahren ist es immer wieder so, dass Güter, die man mittels ÖBB verfrachten will, keinen einzigen Waggon erleben. Das hat schon meine Nachfrage anlaßbezogen vor einigen Jahren ergeben. Wie auch im Berger-Konzept lautet das wohl nicht ganz falsche Argument: Kostengründe. Es ist schlicht billiger.

Dies zeigt nicht nur, dass die Straße offenbar im Vergleich zur Schiene immer noch zu günstig ist, sondern wirft eine viel prinzipiellere Frage auf:  Welchen Werten folgt ein Unternehmen wie die ÖBB? Welches Leitbild gibt es, von dem man eine Strategie ableiten kann? Ist die richtig argumentierte Klimaschutz-Charta Teil der Strategie oder nur Teil des Marketing? Eine ganz wichtige Frage übrigens für alle Unternehmen, die sich mit Corporate Social Responsibility (CSR) auseinandersetzen.

Die Roland Berger Strategie folgt dem Prinzip der Kosteneffizienz. Das ist legitim, aber das kann nicht einziges Kriterium sein. Es reicht nicht für ein Unternehmen in öffentlicher Hand, das jährlich mit x Milliarden aus Steuergeldern finanziert wird. Es braucht für Unternehmen wie die ÖBB, den ORF aber eigentlich auch eigentlich für die Arbeit der gesamten Verwaltung eine neue Werteorientierung. Ein Bild davon, wo man hin will.

Was dieser Wert sein kann? Na zum Beispiel Nachhaltigkeit.

Hätten wir Nachhaltigkeit ernsthaft als zentrales Leitmotiv und Grundwert, wäre es unmöglich, dass Steuermittel in hochriskanten Toprendite Fonds veranlagt würden, sondern in nachhaltige, ethische Investments.

Hätten wie Nachhaltigkeit als zentrales Leitmotiv, würde der ORF seine Identität über den öffentlichen Auftrag definieren und nicht über kommerziellen Erfolg, weil in der Nachhaltigkeit ist Demokratie eine wesentliche Säule. (wissend, dass der ORF ein nicht einfaches Zwitterdasein leben muss)

Hätten wir Nachhaltigkeit als zentralen Wert, würden ÖBB und das zuständige Ministerium BMVIT, dieses Unternehmen tatsächlich als zentralen Motor im Klimaschutz positionieren, das der Umwelt dient, faire aber nicht privilegierte Arbeitsmöglichkeiten bietet und sich dem Kunden verpflichtet fühlt.

Dieser Wert wäre uns dann als Steuerzahler und ÖBB-Kunden auch tatsächlich etwas wert, oder?





New Sustainable Cities Blogposting on electric cars

26 08 2009

I´ve written a new blogposting on sustainablecities on the electric car and the development of mobility solutions.

The development of electric cars is a chance for sustainable mobility. But only when developers think in systems and not only in technologies. The cities will be the playfield of innovation again.

Here´s the direct link.

Follow-Up next week.





Es geht um die Mobilität der Zukunft, nicht nur um das Auto der Zukunft

18 08 2009

Die Dynamik der vergangenen Monate in Sachen Elektromobilität ist prinzipiell sehr erfreulich. Lange – zu lange – hat die Automobilindustrie die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Elektromotor als moderne Antriebstechnologie unterschätzt. Jetzt könnte man fast den Eindruck gewinnen, alle wollen noch schnell auf den Zug aufspringen.

trendcoverSehr viele Konzeptfahrzeuge wurden zuletzt präsentiert. Der Tesla ziert samt Verbund-Generaldirektor das Trendcover; jede Autobeilage hat regelmäßig Specials zum Elektroauto. Kaum ein Automobilkonzern kann es sich leisten, das Thema zu ignorieren. Eine sehr gute Übersicht über die historische Entwicklung und den Stand der Dinge findet sich hier auf dem Ökoenergie-Blog. Auch für die Stromwirtschaft bietet sich nicht nur ein neuer Markt für den Stromabsatz, sondern in Kombination mit den intelligenten Netzen (Smart Grids) offenbaren sich lange ungeahnte Synergien. Insofern ist auch die Achse zwischen Verbund, Siemens, Magna, KTM , AVL und AIT im Rahmen von Austrian Mobile Power zu begrüssen. Es ist  gut und richtig, wenn sich einige big Player im Land zusammentun. Auch die Plattformen wie e-connected rund um den Klimafonds oder – auf ganz anderer Ebene – der neue Bundesverband Nachhaltige Mobilität zeigen den Wunsch nach Austausch und Organisation.

Strom statt Benzin, so wird vermittelt, lautet das Motto der Zukunft.

Doch halt. Wird es so einfach gehen? Ist es wirklich so, dass wir überall Ladestationen als Tankstellen haben werden und wir das Auto in gleicher Art und Weise  nutzen werden wie jetzt?

Obwohl ich das Geschehen in der Elektromobilität seit Jahren mit positiver Grundhaltung und Optimismus verfolge, glaube ich: nein! Die Debatte greift derzeit zu kurz: nicht um das Auto der Zukunft geht es, sondern um die Mobilität der Zukunft. Und darüber wird zu wenig diskutiert. Daher ein paar Gedanken dazu:

Das Auto der Zukunft muss neu gedacht werden

tesla@grafeneggIch find ihn ja auch cool, den Tesla. (hier ein Bild von der Präsentation im Rahmen des Save the World Kongresses vor einigen Wochen in Grafenegg in Niederösterreich). Er ist ein Türöffner, weil er zeigt, was geht. Design matters!

Mit ihm weckt man Interesse und öffnet die Sinne des Homo Motoricus meist männlicher Prägung. Noch besser gefallen mir aber die norwegischen Think Fahrzeuge, wie unten am Bild einer aus der Vlotte. Er spricht mich nicht nur von der Ästethik her an, sondern er kommt dem näher, was das Elektromobil realistischerweise in den kommenden Jahren sein wird: ein leichtes, kompaktes Fahrzeug. Hervorragend geeignet für kurze und mittlere Strecken und Ballungsräume (nicht zwingend nur die Stadt)

vlotte@grafenegg

Was derzeit manche in der Automobilindustrie vermitteln, ist, dass Elektrofahrzeuge die fossilen Fahrzeuge 1:1 ersetzen werden. Nicht, dass dies technisch unmöglich sein wird, aber die Kosten- und Ressourcenfrage (Batterie, Rohstoffe,..), die noch fehlende Infrastruktur bzw. das Netz, und auch der kulturelle Wandel brauchen mehr Zeit als manche derzeit glauben. Es ist weiters aus energie- und klimapolitischer Sicht nicht egal, woher der Strom kommt. Auch wenn das Stromaufkommen durch die Elektromoblität nicht eklatant steigen dürfte (siehe PWC Studie im Auftrag des Klimafonds), sollte die Strategie an Strom aus zusätzlichen erneuerbare Energiequellen orientiert sein. In Österreich klingt das machbar; aber international?

Das Auto der Zukunft darf daher nicht so wie das Auto der Vergangenheit gedacht werden. Es geht um die Nutzung, nicht um den Erwerb und Besitz des Autos. Klar, schlechte Nachrichten für den Kfz-Handel, aber die Entwicklungen ändern sich nunmal in einer Gesellschaft. Und genau das wird in Krisenzeiten cachiert, wobei genau jetzt das Fenster für echte Veränderungen offen ist.

Neue, integrierte  Angebote: Mobilität statt nur Vehikel verkaufen

Wilfried Sihn, Österreich-Chef der Fraunhofer Forschungsgesellschaft, argumentierte im Kurier vor einigen Tagen völlig richtig: “Verkauft wird in Zukunft nicht das Auto, sondern die Mobilität. Wenn ich also als Autokunde in der Stadt bin, erwerbe ich mir eine Mitfahrgelegenheit oder ein Elektroauto, für längere Strecken aufs Land nehme ich mir an diesem Tag ein Benzinauto. Ich kaufe mir also nicht ein Fahrzeug, sondern die Nutzungsmöglichkeiten. Das sind aber natürlich noch Zukunftsmodelle”

Klar, Carsharing gibt´s schon lange, wurde aber nie wirklich breitenwirksam. Die Kultur des eigenen Autobesitzes ist auch bei Stadtmenschen weit ausgeprägt. Aber gerade wenn jetzt Geld für neue Modelle in die Hand genommen wird, dann bitte nicht nur für die Entwicklung des Autos. Das macht die ganze Welt derzeit. Ein Fahrzeug ist etwas, das in erster Linie einer konkreten Nutzung dient. Und diese Nutzungen sind sehr unterschiedlich. Transporte, Wochenendausflüge, Familienkutsche, kurze Wege, Pendeln von/aus der Stadt…die Vielfalt ist groß. Warum nicht auch das Angebot für den einzelnen vervielfältigen?

Ein Auto zu besitzen, kostet viel Geld. Und wer glaubt, dass ein Elektroauto in der Anschaffung substantiell weniger kosten wird, irrt. Die “Treibstoff”kosten werden tatsächlich sinken. Dass der Besitz eines Autos Normalität geworden ist, ist einerseits zu akzeptieren, andererseits ist die ökonomische Bilanz meist eine Katastrophe. Die Kosten für Mobilität sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Und steigen weiter. Laut Verkehrsclub Österreich wurden im Jahr 1970 noch zehn Prozent des Haushaltseinkommens für Mobilität ausgegeben, hingegen werden es im Jahr 2020 bereits 25 Prozent sein. (siehe VCÖ) Eine derartige Verteilung (neben dem dominanten Teil “Wohnkosten”) ist völlig sinnentfremdet.

Neue Modelle und neue Akteure für die Mobilität der Zukunft

Wo entsteht Innovation? Meist nicht in der zentralen Planungsabteilung, sondern durch Trial & Error in periphären Strukturen (nicht örtlich, sondern organisationstechnisch gemeint). Daher ist genau jetzt die Zeit, neue Sachen auszuprobieren und  entstehen zu lassen.

Was neue Modelle auslösen können, beweist Shai Agassi mit dem Better Place Projekt. Toll, was er bewirkt, aber ob das wirklich das sich durchsetzende Modell sein wird, kann derzeit noch kein Mensch sagen.

Wir brauchen daher nicht nur die Achse aus Technologieunternehmen, E-Wirtschaft und Automobilbranche, sondern Player, um die es derzeit noch recht ruhig in Sachen Elektromobilität ist. Z.B.

  • Kommunale Verkehrsbetriebe, die sich als integrierte Mobilitätsdienstleister verstehen und dabei eine Vielfalt an Möglichkeiten offerieren, auch die Elektromobilität.
  • Taxi-Unternehmen und Autoverleiher, die über Infrastruktur verfügen und damit auch einfache Lademöglichkeiten.
  • Bauträger, die in Wohnprojekten nicht nur Wohnraum anbieten, sondern z.B auch Mobilitätsnutzungen (warum nicht bei größeren Bauprojekten gleich die Mobilität als Angebot mitverkaufen? Ich biete nicht ein Auto, sondern viele Nutzungsformen inkl Stromtankestelle am Siedlungsgelände)
  • Große Unternehmen, die in ihrem eigenen Bereich auf Elektromobilität bauen und ebenfalls über Infrastruktur verfügen. Das Elekto-Dienstfahrzeug ist leichter zu versorgen als die Privatkutsche, die immer woanders steht.
  • Die ÖBB, die über nachgerade ungeahnte Möglichkeiten verfügt, wenn sie denn nicht ständig andere Sorgen hätte.
  • und viele viele mehr. Als Teil einer Projektentwicklungsgruppe in diesem Bereich diskutieren wir viele Konzepte und es stellt sich heraus, dass sich die Kernfrage nicht primär um das Auto dreht, sondern um die Infrastruktur. Aber diese ist vorhanden. Und zwar nicht an der klassischen Tankstelle.

Die Modellregionen wie die Vlotte in Vorarlberg, jene von Austrian Mobile Power und anderen Projekten werden viele Learnings bringen, aber dabei soll es nicht bleiben. Mutige Unternehmen und Projekte braucht das Land, die jetzt Neues probieren.

Und es braucht auch eine mutige Politik. Eine Politik, die auch ihre Verantwortung in der Stadt- und Regionalentwicklung wahrnimmt und dabei nicht primär für die fossile Automobilität einzelner plant, sondern den Ansprüchen und Bedürfnissen der Zukunft versucht, gerecht zu werden. Das wäre dann einer jener Ansätze, wo der Begriff Nachhaltigkeit nicht nur als Worthülse verwendet werden könnte. Auch das gehört zentral für die Mobilität der Zukunft mitgedacht.

More to come…





Radverkehr: Copenhagenize it

25 06 2009

Inspiriert von Christoph Chorherrs gestriger “Grundsatzrede” im Wiener Gemeinderat zum Radverkehr kann man immer nur auf das Beispiel Kopenhagen verweisen.

Erst kürzlich hatte ich die Gelegenheit, die Fahrradkultur dieser Stadt zu erleben. Meine Gesprächspartner haben bestätigt, wie dieser Weg möglich war: Ua.

  • durch massiven Ausbau hochqualitativer Infrastruktur
  • Einstiegsangebote wie das Gratis-Verleihsystem (klappt nun auch in Wien sehr gut; dass man dafür einen kleinen Beitrag zahlen muss, find ich ok)
  • durch Akteure, die den Radverkehr promoten und leben
  • durch eine Politik, die sich traut und veränderungswillig ist
  • dadurch, dass Radfahren als sicher empfunden wird, was auch mit der Kultur der Autofahrer zu tun hat
  • durch die Innovationsfähigkeit der Akteure
  • und ja auch durch eine grundsätzlich dagewesene kulturelle Verankerung

Ja, es geht um Kultur. Und dieses Video von Thorsen Dreyer zeigt dies sehr gut. Quelle ist das übrigens außerordentlich empfehlenswerte Copenhagenize.com Blog, das immer wieder spannende Updates und Ideen liefert. Der Kernsatz ist mittendrin: Bicycling is mainstream! Interessant ürbigens, dass dieses Video auch von öffentlichen Stellen und dem Tourismusverband gefördert wird. Radfahren ist Teil der Identität dieser Stadt.





Quo vadis Automobilindustrie?

29 10 2008

Die Automobilindustrie ist natürlich einer der ersten betroffenen, “realwirtschaftlichen” Bereiche der Finanzkrise. Der Konsument wird vorsichtiger, Umsätze sinken, Arbeitsplätze wackeln.  Während das Klimaproblem zu keinerlei maßgeblichen Änderung in der Automobilwirtschaft geführt hat, ist nun die Frage, was Energiekrise und Finanzkrise für Folgen mit sich bringen. Es wird wohl nicht änderbar sein, dass es jetzt zu einem Einbruch kommt. Aber möglicherweise kann man die drei Krisen unserer Jetztzeit, also den Kollaps im Finanzsystem (ein Kollaps ist noch nicht das Ende),  die Klimakrise und die Energiekrise nutzen. Auch für die Frage der Subventionen stellt sich die Frage, wohin? Wo lohnt es sich, zu investieren?

Leider hat es die Automobilindustrie nahezu tutto completto verschlafen, in den letzten 10-15 Jahren neue Konzepte der Automobilität zu entwickeln. Ein verheerender Fehler, der nur durch Interessenskonstellationen und Blindheit erklärt werden kann.  Es heißt oft, die Politik denke nie länger als bis zur nächsten Wahl; aber ist es in der “Wirtschaft” wirklich anders?

Aber von der Vergangenheit in die Zukunft – jede Krise ist eine Chance. Und die heißt Innovationsentwicklung, neue Modelle, neue Achsen.

– Innovationsentwicklung: Wie zuletzt berichtet, hatte ich kürzlich die Gelegenheit, in Berlin den Eco-move Kongress zu besuchen. Mittlerweile hat auch der Pariser Autosalon stattgefunden und es zeigt sich der Trend ganz klar: die Big Player entwickeln endlich (wieder!!) Richtung Elektromobilität. Chevrolet Volt, der fesche Nissan Nuvu (hier ein schöner Bericht der Oekonews), Peugeot, Ligier, der Mini E und viele viele mehr – sind Beispiele, dass der Weg zu neuen Antrieben führt. Jene werden neue (Infra-)strukturen brauchen, neue Standards. Sarkozy hat schon 400 Mio EUR für den Infrastrukturausbau in der Elektromobilität angekündigt. Hier sind Investitionen angesagt (und ich weiß – Dilemma: weil Frankreicht Nuklearenergie)

– Neue Modelle: richtigerweise würden Ökologen gleich einwenden, dass das Automobil strukturell ein Problem ist (Stichworte: Grenzen des Wachstums, Ressourcencverbrauch). Ja, daher braucht es neue Mobilitätsmodelle. Von Carsharing, über Verleihstationen über sinnvolle EInbindung in Gesamtverkehrskonzepte. Warum soll das kein Thema für die Branche sein? Der strukturelle Shift wird aber auch mehr als ein paar Jahre dauern.

– Neue Achsen: Automobilindustrie – E-Wirtschaft – Solarwirtschaft. Lange haben die miteinander nix zu tun gehabt. Die Elektromobilität erfordert hier, wenn sie sinnvoll gestaltet ist, neue Kooperationsachsen. Einerseits um neue Innovationen zu ermöglichen, andererseits um zu Standards zu kommen. Die Big Player haben sich ehrlich gesagt nicht als große Öko-Innovatoren ausgezeichnet; vielleicht kommen die Innovationen aber über Kooperationen. Hier gilt es Barrieren abzubauen. In Österreich wird darüber leider kaum diskutiert

Wie am BEWAG Ökocenter Blog richtig erläutert wird, sind in naher Zukunft insbesondere lokale, regionale und städtische Konzepte verheißungsvoll. Denn es wird noch Jahre dauern bis wir standardisierte Infrastruktur zur Verfügung haben.

Aber auch hier gilt es, von aktuellen Fahrzeugen zu z.B. Stadtautos zu kommen, die in Sachen Design, Funktionalität und Effizienz in einer anderen Liga spielen. Der Weg dorthin ist wohl nicht mehr aufzuhalten; aber genau sind jetzt Investitionen in Modelle, Technologie und soziale Innovation als Antwort auf die drei großen Krisen unserer Zeit gefragt.