Twitter und das Blasen-Problem. Anmerkungen zur Twitterpolitik-Studie

1 04 2012

Vergangenen Donnerstag wurde im MQ die Studie “Twitterpolitik” präsentiert und diskutiert. Diese wirklich äußerst lesenswerte und auseinandersetzungwürdige Untersuchung (siehe Downloads) von Julian Ausserhofer, Axel Maireder und Axel Kittenberger analysiert die Tweets und Beziehungsnetzwerke der österreichischen politischen Twittersphäre. Gemeinsam mit The Gap wurde vor nahezu vollversammelter Polittwittergemeinschaft im Anschluß an die Präsentation mit zentralen Twitter-Akteuren über Twittergewohnheiten uä diskutiert. Die Diskussion war für mich ehrlich gesagt tendentiell etwas zu entertaining, denn die Studie bietet vieles, worüber man sehr inhaltlich aber auch in Sachen Kommunikationskultur intensiv diskutieren kann.

Gratulation jedenfalls den Autoren, denn die Untersuchung ist sowohl in ihrem Design wie auch in der Aufbereitung und der gebotenen Transparenz auf wirklich gutem Niveau und sehr interessant. Artikel dazu sind unter anderem in The Gap, im Standard, in der Presse, Presse Online (zur Diskussion im MQ), im Kurier oder auf DieStandard.at erschienen. Blogbeiträge dazu sind mir bislang von Alexander Stocker, Denkwerkstatt untergekommen. (bin über Hinweise über weitere Blogbeiträge froh) Ein Inteview dazu gibt es auf jetzt.de der SZ.

Mein Interesse daran hat mehrere Hintergründe: Die Tätigkeit als Politik- und Kommunikationsberater, mein Dasein als Twitter-User, aber auch mein eigener politikwissenschaftlicher Background. Im Jahr 1999 habe ich meine Diplomarbeit zum Thema “Elektronische Demokratie: Die politische Dimension des Internets in der sogenannten Informationsgesellschaft” an der Uni Wien verfasst. (Wie man an diesem Ausschnitt der Literaturliste einer Publikation der Österreichischen Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung erkennt, wird man leicht von Prominenz flankiert 😉

Das war noch einige Jahre vor Twitter, Facebook und den meisten Social Networks. Die Grunderkenntnis war damals, durchaus dem deutschen Politologen Claus Leggewie folgend, dass die neuen Möglichkeiten per se noch nicht die politische Kommunikation und die Demokratie verändern, sehr wohl aber eine Chance für Beteiligung und Partizipation sind, wenn die Mittel der Selbstermächtigung und des mündigen Bürgers ausgeweitet werden. Aber wie gesagt, über 13 Jahre her.

Mich beschäftigt die Frage der Selbstreferentialität der Akteure politischer Kommunikation sehr; ich sehe sie in Österreich als eines der Grundübel im Verhältnis zwischen Medien und Politik. Daher ist auch das Instrument der Netzwerkanalyse für diese Untersuchung tauglich. Die Netzwerkanalyse ist mir aus langjähriger Kooperation mit Harald Katzmair bzw. dem Team von FAS-Research sehr geläufig. Insofern ist die Frage, wie sehr Twitter die Beziehungsnetzwerke erweitert, ändert oder verstärkt, relevant. (hier das Bild der Polittwitter-Netzwerks)

Ist Twitter nur eine Blase in der Blase? Das Problem selbstreferentieller Systeme & Netzwerke

Ein wesentliches Problem politischer Kommunikation ist die teilweise Entkoppelung des Systems der Medienöffentlichkeit von der sozialen Realität vieler BürgerInnen. Das hat weniger mit Reichenweiten oä zu tun, sondern damit, dass immer die selben Muster bedient werden, die andererseits zusehends auf Abstumpfung, Misstrauen und Desinteresse stoßen. Politik und innenpolitische Medien erklären einander Sachverhalte für bedeutsam, ohne dass diese Bedeutsamkeit bei vielen ihrer RezipientInnen geteilt wird. Dazu auch ein Guensblog-Beitrag vor 3 Jahren anlässlich der Wertewandel-Studie. Vor vielen Jahren waren schon beim Politikkongress in Berlin von der “Berliner Blase” die Rede, dem System aus Journalisten, Polit- und Kommunikationsprofis und natürlich Politikern, die einander referentieren, aber den Kontakt zum “außen” verlieren. Die Wiener Blase ist noch ärger wie Strategieberater Lothar Lockl vor einigen Monaten im Club2 richtigerweise ausführte.

Mein persönlicher Eindruck war bislang, dass auf Twitter österreichische Journalisten häufig einander referenzieren. Eine Mischung aus Marktbeobachtung, Meinungsaustausch und manchmal auch Selbstbestätigung. Die Studie bestätigt dies jedoch nur zum Teil. Sehr wohl gibt es seitens der MedienvertreterInnen auch Kontakte auch mit InteressentInnen, ExpertInnen und PolitikerInnen. Eigentlich ist der Austausch sogar rege, die Frage ist jedoch, wie weit dies auch einen Mehrwert generiert und als Input  für die eigene Arbeit gesehen wird.

Die Gefahr, dass ein Medium wie Twitter aufgrund des referentiellen Charakters Bedeutsamkeit vermittelt ohne diese in anderen Realitäten zu haben, sehe ich jedoch weiterhin. Klar sind Politiker und Journalisten auf Twitter meist in die Kategorie der Opinion Leader zu zählen; aber wenn man oft ein Re-check außerhalb macht, merkt man, dass dies nicht selten null Impact hat. Dieser Re-check scheint mir jedoch wichtig, denn sonst ist nicht auszuschließen, dass man Twitter aber auch sich selbst als Akteur selbst überschätzt. Einfach, weil es viel Feedback aus dem System gibt.

Ist hohe Kontaktfrequenz eine geeignete Maßzahl? (Oder: die quatschenden Männer!)

Ein Punkt in der Untersuchung, der mich stört, wo jedoch auch mir selbst keine andere Lösung einfällt, ist die Orientierung an der Interaktionsfrequenz. Die Größe der Bubbles in den Netzwerken entspricht der Häufigkeit an Tweets, die sich auf einen Akteur beziehen. Bleibt die Frage, ist das eine geeignete Maßzahl und  wenn ja, dann um was zu erheben?

Um Bezugspunkte und Kommunikationsintensität abzuleiten: ja.

Um Bedeutung abzuleiten: eher nein!

In einer Folie der Untersuchung wird sehr gut unterschieden zwischen Q&A und Chat-Mustern in der Interaktion. Das halte ich für wichtig, denn chatähnliche Kommunikation bietet natürlich sehr hohe Interaktionsfrequenz. Und es wird auf Twitter unglaublich viel gequatscht. Oft belangloses Zeug. Ich bin eher ein Freund dessen, dass man nicht überall und ständig seine Spontanmeinung rauslässt, dafür dann idealerweise gehaltvoll (was nicht heißt, dass ich selbst nicht manchmal in Laune bin; und ich unterstelle auch nicht, dass jene die viel tweeten substanzlos sind! Die zentralen Twitter-Akteure wie Michel Reimon, Armin Wolf oder auch Hubert Sickinger beweisen, dass Quantität und Qualität vereinbar sind.)

Richtigerweise schreiben die Studienautoren, dass die Anzahl der Follower keine entscheiden Kenngröße ist. Ich bin mir aber auch nicht sicher, dass im Sinne eines Bedeutungskontextes die Anzahl der Interaktionen die entscheidende Bezugsgröße sein wird.

Und ganz wichtig. Viel diskutiert wurde der Genderaspekt. Es ist wohl ein nicht unübliches Muster, dass der proaktive Meinungsausdruck und das sich Zutrauen, eine Meinung zu Politik häufig auszudrücken, männlich geprägt ist. Daher auch dieses sehr sehr eindeutige Mann-Frau Verhältnis in der Polittwitteria. Es ist nicht in erster Linie auf die Repräsenatitivität von Frauen und Männern  in Politik & Medieninstitutionen zurückzuführen, sondern meiner Meinung nach auch im genderspezifisch unterschiedlichen Kommunikationsverhalten.

Sehr interessant jedenfalls.

Rollen im Netzwerk: Information Broking

Netzwerkanalytisch ist die Untergliederung in unterschiedliche Gruppen interessant. (Politiker – Journalisten – Experten/Aktivisten – Bürger) Vielleicht wird es gut sein, die Kategorien irgendwann noch weiter zu differenzieren. Aber spezifisch interessant sind die Brückenköpfe. Also, wo gibt es Verbindungen zwischen unterschiedlichen Netzwerken. Und das muss man Twitter lassen, es ist viel leichter, zwischen einzelnen Netzwerkgruppen zu interagieren. Hier ist der Ort übrigens, wo Twitter tatsächlich in der Lage ist, die Landschaft zu ändern. Diesbezüglich sehr interessant übrigens die verknüpfende Rolle von @porrporr. Es hat Kontakte in Netzwerkteile rein, wo sonst kaum ein anderer Zugang hat.

Sehr interessant sind die themenbezogenen Auswertungen, z.B. im Bereich Bildung (siehe Graphik) oder Korruption. Hier erkennt man, dass sich jeweils nach Thema sehr unterschiedliche Akteursnetzwerke herauskristallisieren. Logisch könnte man sagen, aber zugleich ist es das eben nicht zwingend. Hier sind viele Akteure zu finden, die nicht aus der herkömmlichen, institutionell orientierten Akteurslandschaft kommen. Unter anderem DAS macht Twitter interessant.

Agenda: Verstärkung der kurzen Aufmerksamkeitszyklen

Was die Untersuchung auch zeigt, ist, wie kurzfristig die Aufmerksamkeit zu gewissen Themen gegeben ist. Das bezieht sich sowohl auf die klassischen Medien, aber auch auf  Twitter. Die Kurzlebigkeit halte ich in der politischen Kommunikation für ein substantielles Problem, denn vieles wird wieder vergessen. Man brauch nur am Jahresende Menschen fragen, an welche politischen Inhalte und Anlässe sie sich rückblickend erinnern können. Es ist sehr sehr wenig. Was kurzfristig in den diversen Blasen für helle Aufregung, manchmal auch für Hysterie sorgt, ist häufig mittelfristig wieder vergessen.

Themenbezogen mehr Langfristigkeit oder Langlebigkeit über stabile Twitterbeziehungen aufzubauen, halte ich für sehr wichtig. Aber zugleich auch für schwierig. Denn langfristig bedeutet übrigens nicht zwingend langatmig (was wiederum oft mit langweilig gleichgesetzt wird) wie es in der Studie meiner Meinung nach irrtümlich in einem Titel heißt.

Ein Satz noch zum Thema kurz vs lang, unabhängig von der Twitterpolitik-Studie. Generell ist der Druck, sich kurzfristig zu Themen und Inhalten Meinung zu bilden, auf Twitter hoch. Oder anders gesagt: im Buhlen um Deutungshoheit ist eine Neigung zum unreflektierten Schnellschuss erkennbar. Jene (die Schnellschüsse) sind mit Vorsicht zu geniessen, denn in selbstreferentiellen Systemen ist die Gefahr groß, sofort abwehrend oder urteilend zu reagieren. Was nicht immer der Entwicklung eigener Position dienlich ist.

Abschließend: Trotz meiner Sichtweise, dass Twitter selbstreferentielle Tendenzen hat, bin ich der Meinung, dass Twitter in der politischen Kommunikation durchaus realen Mehrwert bringt. Als Informationsquelle, im Meinungsaustausch, als Mittel zur politischen Organisation und auch als Entertainment-Faktor. Bei letztgenanntem muss man aber im politischen Kontext vorsichtig sein. Denn wie die Diskussion im MQ gezeigt hat, ist alles sehr schnell unterhaltsam und hihihaha. Schon ok so. Ich hab auch kein Problem damit, wenn Politiker wie Stefan Petzner via Twitter Sympathie rüberbringen, aber in der Verführung des Entertainmentfaktors Politik kann auch die Substanz der politischen Diskurses leicht verloren gehen.





Old Politics & Decoding Leadership: Warum es im Fall Niko Pelinka um mehr als die Person gehen sollte

30 12 2011

Vorweg, dieser Beitrag soll nichts relativieren, was an der heiß und viel diskutierten ORF-Personalie Niko Pelinka zu kritisieren ist. Mich interessiert aber weniger die Person, über dessen Qualifikation ich wenig sagen kann, als die Muster dahinter und warum es um mehr geht als um eine (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) parteipolitisch motivierte Personalentscheidung. Es sind Muster nicht nur österreichischer Politikkultur aber auch von gängigen Leadership- und Karrieremechanismen, die hier zu tragen kommen.

Was ich schon für relevant halte ist, dass die Kritik an der Person Niko Pelinka häufig an diesen Mustern vorbei lenkt. Der Yuppie-artige Karrierist mit gutem Netzwerk und parteipolitischem Instrumentenportfolio zieht manch Aggression auf sich, was angesichts dieser Entscheidung absehbar war. Wichtiger scheint mir jedoch auf die nicht-persönliche Ebene zu fokussieren, weil ich die teils unter- und zugleich übergriffige Ausdrucksform für kontraproduktiv halte. Wutbürger hin, Wutbürger her.

Eine besondere Leseempfehlung sei an dieser Stelle schon zu Beginn Michel Reimons heutigem äußerst intelligenten und elaborierten Kommentar auf derstandard.at “Posten sind Schweine” ausgesprochen. Big one.

Bevor die politische Ebene drankommt, noch zur Brücke Richtung Leadership & Karrieremustern. Überall ist derzeit in den Karriereteilen diverser Zeitungen von New Leadership etc zu lesen. Der smarte, wertegetriebene Chef, der gut führt, kommuniziert etc. und so erfolgreich ist. Die Praxis zeigt auch im Unternehmensbereich ein anderes Bild, wie mir mancherorts von Betroffenen bestätigt wird.
Das kürzlich erschienene Buch (Kindle Edition)”Decoding Leadership Bullshit. Practical Tips to Move Up The Corporate Ladder” von einem Autor, der sich Hal O´Ween nennt, beschreibt auf Basis langjähriger Erfahrung in Organisationen und Unternehmen auf ironische und witzige Art, welche Regeln man zu befolgen hat, um erfolgreich zu sein. Hal O´Ween zeigt auf, dass all das Gerede von New Leadership in keinster Weise dem entspricht, was in Unternehmen abgeht. Auch hier ist der eigentliche Sinn: Machtabsicherung, Blendung, strategische Netzwerke und Statuserhalt bzw. -ausbau. Reimons verteilte Schweine erinnern auch daran. Hier ein paar Zitate aus dem Kindle-Buch:
„Assertiveness is key…competence is not. (…) In a corporation, your competence needs to be about making others believe your activities matter.”
“Get respected…not liked.”
“Status Is the most important vehicle for getting respect.”
“Leadership behavior: seem busy.”
“Leadership behavior: Mix with the right people. Have a realistic assessment of your tribe. Join the right organizations.”
“Values are important…to drive your career!”
“Focus on the short term…”

Nicht gerade jene Inhalte, die man in Mainstream Karrierewegweisern liest. Hal O´Ween führt mit Beispielen süffisant aus, welche Leadership- und Karriereregeln in großen Unternehmen gelten.
Was das mit dem Fall Pelinka zu tun hat? Weil man fragen kann, hat Niko Pelinka wirklich was falsch gemacht? Unter einem Karrieregesichtspunkt: nein. Was soll man ihm da vorwerfen?

Aber hier kommt der nächste Aspekte, denn es geht eben nicht um Niko Pelinka; es geht um Politik und um jene Medienanstalt, die sich öffentlich-rechtlich nennt. Und diese diskrediert sich damit beträchtlich, denn die Pelinka-Bestellung ist sowas von Old Politics, das man die Stirn runzeln muss. Man unterschätzte offenbar jedoch die Dynamik, die ausgelöst wird:

Old Politics vs New Media
Robert Misik hat das in seinem Videoblog schon richtig konstatiert, aber man muss es nochmals wiederholen. Hat da wer ernsthaft an kluges medienstrategisches Timing gedacht, als der ORF am 23.12. um 14:00 die APA-Info rausließ, dass Niko Pelinka neuer Büroleiter von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz werden solle? Old Media-Timing funktioniert nimmer. Twitter, Facebook et al halten sich nicht an Redaktionszeiten. Und das von Peter Kruse in seiner wunderbaren 3min Rede in der Bundestags-Enquete “”Internet und digitale Gesellschaft”” als “kreisende Erregung” bezeichnete Phänomen, dass die sich selbst aufschaukelnde, rasche Empörung via Social Media auch in politischer Aktivität und evtl sogar Machtausübung münden kann, wurde offenbar unterschätzt. Und dass sich was regt, wird jeden Tag bewiesen, insbesondere von ORF-Redakteuren selbst. Siehe diese Petition.

Die Diskreditierung von Vergabeverfahren
Absurder geht´s gar nicht. Am 23.12. wurde bekannt gegeben, dass Niko Pelinka Büroleiter von GD Wrabetz werden soll. Gestern, am 28.12., wurde die vergleichsweise hoch dotierte Stelle – gemeinsam mit einigen anderen – im Amtsblatt ausgeschrieben. Sinn und Idee einer Ausschreibung wird damit völlig diskreditiert. Und das hat Folgewirkung, denn schon jetzt, wenn im öffentlichen Bereich ein Job ausgeschrieben wird, wird nachgefragt: “Ist das eine echte Ausschreibung oder weiß man eh schon wer´s wird?” Viele Menschen nehmen grundsätzlich an, dass Ausschreibungen im öffentlichen Bereich nur pro forma sind. Was oft nicht stimmt. Ich kenne Jobausschreibungen im öffentlichen Bereich, die sind echt & offen; folglich sind auch Bewerbungen ernsthaft und sinnvoll. Aber qualifizierte Bewerber hinterfragen immer häufiger, ob sie sich überhaupt bewerben sollen. Auffällig ist auch, dass es für die genannten ORF-Jobs nur sehr spärliche Beschreibungen und Anforderungsprofile gibt. Bei anderen ORF-Jobs ist dies jedenfalls anders, wie diese offenen Stellen (siehe Link) zeigen.
Durch derartig öffentlich exponierte Jobvergaben schadet man einem Bild öffentlicher Institutionen nachhaltig. Ich glaube nicht, dass sich die Entscheider dessen bewusst sind. Ich finde es übrigens auch ok, wenn persönliche Mitarbeiter (was Pelinka nicht sein dürfte; dafür ist das Gehalt zu hoch) nicht ausgeschrieben werden müssen. Besser als diese Form der Diskreditierung.

Personaldeals & verlogene Dementis
Das Muster hat man schon zu oft gesehen. Auch im Dementieren wirkt Pelinka sehr routiniert. Es ist gut ein Jahr her, wo Pelinka schon auf die Frage antworten musste, ob er in die ORF-Geschäftsführung wechsle. In der Presse ist am 2.12.2010 zu lesen:

Pelinka schließt einen Wechsel in den ORF indes klar aus. “Dieses Gerücht ist absoluter Schwachsinn und hat null Grundlage. Es wird nur deshalb gestreut, um das Unternehmen im Gerede zu halten”, so Pelinka. Und auf Nachfragen meinte er: “Ja, ich schließe aus, dass ich in der nächsten Geschäftsführung in den ORF wechsle.”

Die Folge: es wird überhaupt niemandem mehr irgendwas geglaubt. Ein weiterer Grund für den enormen Glaubwürdigkeitsverlust in der Politik.
Noch ein bekanntes Muster ist enthalten. Mehrheiten beschaffen heißt Jobs abdealen.
Die Kultur des Abdealens ist in allen Verhandlungsprozessen natürlich implizit Teil von Lösungen. Jedoch stellt sich die Frage, wie weit es dieser Politikkultur ausschließlich um Personalia geht; oder auch hin und wieder um Inhalt. Wie Reimon richtig ausführt, ist das Junktimieren inhaltlicher Entscheidungen mit Own Benefits gerade auch in der Gemeinde- und Landespolitik üblich. Auch das ORF-Beispiel zeigt allen öffentlich: Inhalt ist irrelevant. Die Folge? Die Abkehr von Politik vieler, die sich dann irgendwann am Wutbürgerstamttisch wieder sehen werden.

Was soll das mit dem Freundeskreis?
Man erwischt sich ja manchmal selbst dabei, sich allzu sehr an Undinge zu gewöhnen. Z.B. die Sache mit den Freundeskreisen. Mit welcher Selbstverständlichkeit in der Medienberichterstattung über den Leiter des “SP-Freundeskreises” und den “VP-Freundeskreis” gesprochen wird, ist erstaunlich. Pelinka plaudert völlig normal – wie in diesem Kurier (FH) Interview im Mai 2010 – über Freundeskreise etc., zB “Es gibt auch genug Beispiele, wo sich Stiftungsräte nicht an die Linie des Freundeskreises halten.” Na toll. Immerhin.
Aber auch hier: der Sinn des Stiftungsrates ist, eben nicht parteiabhängig zu sein und nach parteilichen Kriterien Mehrheiten zu finden. Vielleicht eine naive Vorstellung, aber SPÖ- oder ÖVP- oder sonstiger Parteien Freundeskreise sollten nicht als Normalität einfach hingenommen werden. Noch dazu mit diesem Wort, das schon ein offener Hinweis auf Freunderlwirtschaft sind. Was soll ein Normalo dabei denken? Na, genau was sich offenbar eh bestätigt. Wirkung: verheerend.
Nicht nur dem ORF, dessen wesentliche öffentlich-rechtliche Legitimation in der Parteiunabhängigkeit von Berichterstattung und entsprechenden öffentlich-rechtlichen Inhalten liegt, wird damit massiv Schaden zugefügt. Michael Fleischhacker zieht in der Presse auf Basis einer richtigen Einschätzung einen falschen Rückschluss: weg mit dem ORF. Well done, ORF-Politik.

Auch deshalb ist das Engagement der Redakteure zu begrüßen, denn letztlich geht es eben nicht nur um eine Person, sondern um eine Beschädigung ihrer (der Redakteure) Arbeit. Old Politics führt direkt in die Abkehr von Politik und in den Rechtspopulismus, ungeachtet des Umstands, dass sich jener auch der selben Muster bedient hat, was manch Wählergruppe allzu schnell vergessen hat.
Und genau darüber muss man diskutieren, denn dieses Modell ist nicht ewig prolongierbar.
An dieser Stelle sei zum wiederholten male an die “Werte im Wandel”-Studie (siehe Guensblogpost) erinnert, die den Vertrauensverlust in die öffentlichen Institutionen deutlich belegt.





Grassierender (explodierender?) Unsinn

3 01 2011

Andreas Schwarz schreibt in der insgesamt interessanten Neujahrs-Wochenendausgabe des KURIER über “Bevölkerungs- und andere Bomben, die nie explodierten“. Er setzt sich dabei mit der spannenden Frage auseinander, was eigentlich aus einigen alarmistischen Zukunftsprognosen geworden ist. Online fällt das beim KURIER in die Kategorie “Analyse”. Ich halte diese Auseinandersetzung für gut, weil auch mir viele Beiträge rund um Megatrends und Prognosen kritikwürdig scheinen. Jedoch ist die Verführung für Schwarz wohl zu groß gewesen, den zynischen Unterton bei einigen Prognosen mit sachlich völligem Unsinn zu vermischen. Da er dies meiner Erinnerung nach beim Thema Waldsterben (und auch beim Klimawandel) nicht zum ersten mal macht, und die Argumentation auch von anderen übernommen wird, will ich kurz darauf auf Guensblog eingehen.
Andreas Schwarz schreibt:

“Das Waldsterben, ein Jahrzehnt lang der Renner der damals jungen Umweltbewegung, hat nicht stattgefunden (außer in tschechischen Kohleregionen) – und zwar erwiesenermaßen nicht aufgrund der Gegenmaßnahmen wie FCKW-freier Sprays, weil die hätten laut Prognosen nichts aufhalten können.”

Hier liegen gleich mehrere Fehler drinnen. Er vermischt die Themen, nämlich das sog. Ozonlochs (dessen Hauptverursacher FCKW gewesen sind, die unter anderem in Sprays verwendet wurden, aber z.B. auch als Kältemittel in Kühlschränken) und das Waldsterben. Für das in den 70er und 80er Jahren stark diskutierte Waldsterben gilt jedoch Schwefeldioxid (SO2) neben einigen anderen versauernd wirkenden Luftschadstoffen als hauptverantwortlich. Das war damals auch schon so. FCKW (Fluorchlorkohlenwasserstoffe) hatten gar nichts damit zu tun, außer der Tatsache, dass beide Themen parallel stattfindenden Umweltdebatten waren. Somit kommen wir zum zweiten inhaltlichen Fehler, der häufiger in Medien vorkommt: Warum das “Waldsterben” nicht stattgefunden hat, hat einen wesentlichen Grund.
Die SO2-Emissionen wurden in Österreich seit Anfang der 80er Jahre um rund 90% reduziert. Ich hab in der Kürze leider nur die Graphik des Umweltbundesamts seit 1990 gefunden. Aber auch da ist ein massiver Rückgang der SO2-Emissionen erkennbar. Verantwortlich dafür waren unterschiedlichste Maßnahmen, die insbesondere zur Entschwefelung in der Industrie geführt haben. Der Schwefelanteil in Mineralölprodukten und Treibstoffen wurde in weiterer Folge ebenso reduziert. Hier sieht man noch die drastische Reduktion in den 80er Jahren am Beispiel Oberösterreich.

Umweltthemen sind komplexe Themen. Jene “über die Rampe” zu kriegen ist nicht leicht. Die Verführung ist groß, in der Reduktion auch falsche Zusammenhänge darzustellen. Auf beiden Seiten, denn Korrelation ist nicht gleichbedeutend mit Kausalität, aber natürlich ein Hinweis auf eine mögliche Ursache-Wirkung Beziehung. Meist gibt es mehrere Faktoren, zwischen denen auch noch Wechselwirkungen und Interdependenzen wirken. Das macht´s nicht leichter. Von Qualitätsjournalismus erwarte ich mir dennoch eben die Fähigkeit, die grundlegenden Zusammenhänge zu verstehen und idealerweise auch verständlich zu transportieren. Ja, auch beim Waldsterben kann man darüber diskutieren, ob man die Regenerationsfähigkeit des Waldes bei der Darstellung von Szenarien vor 30 Jahren unterschätzt hatte. Wir wissen es nicht, da wir dankenswerterweise den Hauptverursacher reduziert haben und es dankenswerterweise (!) nicht darauf ankommen liessen. Wesentlich ist aber: Falsch war die Warnung damals nicht, denn es gab zuvor wenig öffentliches Bewusstsein für die extrem hohe Bedeutung des Waldes und der Schädigungen. Und dass die massive Reduktion von Schwefeldioxid durch konkrete Maßnahmen, die ja ohne alarmierende Warnung wohl in dieser Form nicht angegangen worden wären, einen maßgeblichen Beitrag zur Verbesserung der Waldsituation geleistet hat, ist unumstritten.

Die zweite Möglichkeit eines inhaltlichen Zusammenhangs zwischen FCKW und Waldsterben wäre noch gegeben, wenn Schwarz meint, dass das Ozonloch den Klimawandel anheizt und jener ebenso ein Stressfaktor für viele Pflanzenarten und Wälder ist. Da er jedoch eher Klimaskeptiker ist, ist dieser Denkzusammenhang auszuschließen. So steht im gleichen Artikel:

“Aber weil der Alarm-Journalismus und die Lust am Untergang nicht zu bremsen sind, haben Prognosen weiter Hochsaison, je düsterer und apokalyptischer, desto lieber. Im Moment ist es die drohende Klimakatastrophe, die Endzeitpropheten und eine ganze Industrie viel Geld machen lässt – unbeschadet von Wissenschaftlern und Skeptikern, die die Prognosen in ihre Bestandteile zerlegen – und dafür wild gescholten werden.”

Auch hier ist zu befürchten, dass es keine genaue Auseinandersetzung mit dem Inhalt gegeben hat. Ich erinnere mich noch an eine Pressekonferenz im vergangenen Jahr, wo die anwesenden Journalisten lange diskutieren mussten, um sich dem gebotenen Inhalt auch nur annähern zu können. (siehe Blogbeitrag Apokalypse No Na von damals)
Das Argument, dass man mit dem Klimawandel Geld machen könne, ist ein nicht nachweisbares Killerargument, denn mehr Geld liegt immer noch bei den Verursachern. Ich kann immer über Interessen und Lobbyismus spekulieren, da die Erfahrung zeigt, dass die Menschen dafür sehr zugänglich sind. Es ist aber billig und eben wieder undifferenziert.
Darum sie mal pauschaliert gesagt: Euer und unser verdammter Job ist es, Materien besser zu verstehen, sie verständlich zu machen und ggbfalls auch öffentliche Interessen zu artikulieren und dort wo es um (übrigens auch legitime) private Interessen geht, eben jene transparent zu machen.

Übrigens: wir haben ein Problem mit der Luftqualität – siehe Feinstaub.(ORF-Meldung bzw. Ursprungsquelle VCÖ)





Die gleiche Miene unseres Bürgermeisters

16 09 2010

Ein kleines Suchbild-Rätsel: was an den folgenden beiden Bildern ist gleich?

Hier das Bild vom Jobs-Plakat der SPÖ

Und hier ein Bild aus dem Folder Lebensqualität:

An der Fähigkeit, in unterschiedlichen Situationen immer gleich zu schauen…an der müssen manche noch arbeiten.
Nicht unser Bürgermeister. Der schaut nämlich extra gleich – unabhängig davon, ob am Gipfel über der Stadt Wien oder vor einem (übrigens im Vergleich zum Bauwerk davor irgendwie trotz Distanzperspektive recht mikrig wirkenden) Baukran und mit Menschen, die Baupläne zeigen. Lediglich das Licht ist ganz ein bissl anders gesetzt.

Oder muss man an der Authentizität der Fotos zweifeln? Oder gar an den Photoshoppern der Kampagne?
Nein, das kann eigentllich nicht sein.





Die Kultur des politischen Bloggens: gelten die gleichen Maßstäbe wie bei klassischen Medien?

5 07 2010

“Heute war ich im Zuge einer interessanten Veranstaltung im schönen Langenlois. Auf Einladung des Vizebürgermeisters, ein engagierter Mann meiner Partei, diskutierten wir die Verkehrsentwicklung der Region. Sehr herzlich wurde ich von den zahlreichen Gästen in Empfang genommen. Interessante Beiträge der Experten zu den kommenden Herausforderungen wurden dabei diskutiert. Ich sehe: unser Weg, dass wir einen guten Mix zwischen Auto, Bahn, Bus und Radverkehr anstreben, ist der richtige. Ganz nach meinem Motto: Grünes Licht
für alle! Lockere Gespräche bei einem ungewzungenen Glasl Wein lassen den Abend schön ausklingen.”

Soll das der Politiker-Blogbeitrag der Zukunft sein?

Ich will in diesem Posting auf eine aktuelle Debatte auf Blogs und Twitter Bezug nehmen. Mir geht es dabei weniger um den Inhalt als um die Form und die Frage, ob die Kultur des Bloggens nicht auch andere Maßstäße diskursiver Bewertung als bei klassische Medien verlangt. Mich hat das jedenfalls zum Nachdenken angeregt.
Kurz zum Anlaß:
Christoph Chorherr, bekannt als Grünpolitiker, Social Entrepreneur und einer der anerkanntesten Politik-Blogger, stellt in seinem Beitrag “Wer fährt Rad in Wien? Die Gebildeten und die Reichen” einige Graphiken zum Radverkehr auf´s Blog und reißt kurz ein paar Fragen und Thesen an. Eine Graphik zeigt dabei einen höheren Radverkehrsanteil mit steigendem Einkommen. Chorherr fragt:

“Warum ist das so? Auto hat offenbar noch viel mehr mit Status zu tun, als allgemein vermutet wird. So bitter es klingt, aber man muß es so aussprechen. Wer eine gute Bildung hat, oder gut verdient, kann es sich leisten, nicht im Auto sein Ego zu stärken.”

In den Kommentaren zu diesem Beitrag wird das getan, wofür Blogs gut, sinnvoll und gewinnbringend sind: es wird diskutiert, korrigiert, ergänzt, widersprochen. Denn tatsächlich is es fragwürdig, ob nicht viele Variablen in Chorherrs Fragestellung und These unberücksichtig blieben (zentrale Wohnlagen, ÖV-Nutzung, Autonutzung – je nach Einkommensstaffelung, kulturelle Faktoren etc.)
Viel diskutiert wurde jedoch auch eine Blog-Reaktion auf Chorherr von Thomas Knapp: “Warum ich nicht grün wähle” Verkürzt wird Knapp Chorherr Arroganz und Abgehobenheit vor.

Die Grünen sind viel zu oft im schlechtesten Sinne des Wortes akademisch und im schlechtesten Sinne des Wortes bürgerlich. Oft genug auch einfach abgekapselt von den Lebenswelten der Mehrheit, der Nicht-Bobos, der Nicht-Bürger_innen, der Nicht_Akademiker_innen, der Nicht_Student_innen, uä. (…)

Später bringt der Knapp auch noch den Vater von Christoph Chorherr ins Spiel. Jetzt schreibt Thomas Knapp auch, dass die Chorherr Formulierung nicht unmittelbarer Grund für das Nicht-Wählen der GRÜNEN ist. Jedoch Anlaß, sein Bekenntnis öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Das ist natürlich legitim und der Vorwurf der Abgehobenheit der GRÜNEN mehr als diskussionswürdig. (man beachte nur ihre Sprache)

Und hier komm ich zum Punkt: Ich halte es für falsch, einzelne Formulierungen aus Blogs, die eben schnell geschrieben, offener, diskursiver, persönlicher sind, als Beispiel bzw. Maßstab zu nehmen, ob eine Partei wählbar ist oder nicht. Web 2.0 Medien sind idealerweise Diskursmedien. Sie sind eben NICHT OTS-oder PR-Texte, die mehrmals korrekturgelesen wurden etc. Wer sich öffnet, macht sich angreifbarer. Die Opposition Research-Abteilungen der jeweiligen Gegner-Parteien eines Politikers warten ja nur auf Fehler und Angriffspunkte. Wenn jetzt die Blogger auch noch anfangen, old school-mäßig auf New Media zu reagieren, wirds aber schwierig. Und das schärfste Argument von uns WählerInnen ist eben gegenüber einem Politiker, ihn nicht zu wählen.
“Fehler vermeiden” gilt in Österreich oft als oberstes Prinzip einiger Politikkommunikationsberater. Das funktioniert aber mit Blogs nicht. Blogs sollen meiner Meinung eben nicht nur die Hände klassischer Kommunikationsberater, Presseabteilungen etc. gehen. Ihre Ungeschliffenheit ist ihr Reiz. Bei Chorherr hab ich da ohnehin keine Sorge. Aber idealerweise öffnen sich noch ein paar andere Politiker einem echten Web 2.0 Diskurs. Werden sie aber nicht machen, wenn jede Aussage derart auf die Waagschale gelegt wird. Blogs sind dann gut, wenn sie off-mainstream sind, exklusive Information und/oder Aufbereitung bieten, persönliche Zugänge und eben Diskurs. Web 2.0. kann die Intelligenz der beteiligten User nutzen, kann lehrreich sein, zu neuen Erkenntnissen führen. Aber nur wenn man dafür auch eine Kultur der Öffnung, Transparenz, Erkenntisinteresse, Lernfähigkeit etc. mitbringt.
Klar kann man ein Weblog auch wirklich noch als Tagebuch nutzen (siehe oben), aber es ist halt schlicht deutlich uninteressanter.

Nochwas zum Maßstab: Was wäre, wenn ein Werner Faymann mal richtig bloggen würde. Und ehrlich Fragen in den Raum stellen und Thesen aufstellen würde, die nicht in den Kasten klassischer Medien passen. Es wäre übrigens spannend. Er wird es aber nicht tun. Denn er wird Angst haben, potentielle Wähler zu vergraulen. Und zwar: zu Recht! Offenheit heißt Angreifbarkeit heißt Fehleranfälligkeit heißt Kritik. Und in der österreichischen Politikkultur und Medienlandschaft regiert das Negative. Die Kunst der kultivierten Auseinandersetzung und des guten Streitens war hier nie besonders ausgeprägt. Wir brauchen aber die Auseinandersetzung, wenn wir die politische Kultur weiter entwickeln wollen. Das geht aber nur, wenn wir nicht die Maßstäbe der klassischen Politikkommunikation ins Web 2.0 übertragen.

Abschlussbemerkung: Ich hab nicht prinzipizell was dagegeben, wenn Blogger einander ausrichten, wenn sie weshalb wählen oder nicht. Es ist ihre Sache und meist nicht minder lesenswert. Es ist sogar positiv, wenn sich wer – im Sinne der Transparenz – deklariert. Aber dennoch glaube ich, dass es der politischen Kultur abträglich ist, wenn wir in der Blogkultur sofort die “Deshalb wähl ich euch nicht”-Keule ausholen. Die Graphiken zum Radverkehr regen übrigens wirklich zum Nachdenken an.

Nachsatz: auch dieser Beitrag ist ein Diskussionsbeitrag. Vielleicht überseh ich auch etwas in meiner Argumentation? Freu mich also auch über Widerspruch. (natürlich nicht nur 😉





Energierevolution ante portas: zur Energieforschungsstrategie

24 02 2010

Seit einer Woche gibt es eine neue Plattform zur Diskussion der Energieforschungsstrategie. Bis 10.März kann man online ein Expertenpapier kommentieren, Meinungen einbringen etc. Eine sehr gute Idee, wie ich meine.
Die Energieforschungsstrategie wurde vom BMVIT und dem Rat für Forschung und Technologieentwicklung initiiert und folgt dem Energie2050-Prozess. Die E2050 Website ist ein Quell äußerst spannender Information. Die Energieforschungsstrategie ist auch verknüpft mit der Energiestrategie der Bundesregierung, die seit ca. einem Jahr entwickelt wird und wo bald konkrete Ergebnisse zu erwarten sind. Leider gibt es dazu recht wenig öffentliche Information, in welche Richtung die Sache geht. Aber es besteht Hoffnung, dass man neue Wege beschreitet (siehe mediale Andeutungen von BM Mitterlehner zur CO2-Steuer)

Wer das Expertenpapier liest, merkt gleich, dass hier viel Kompetenz und Erfahrung enthalten ist. Ich will – nach einem relativ schnell Durcharbeiten der und 60 Seiten – einige Punkte aufgreifen, die mir wichtig und diskussionswürdig erscheinen. Am ersten Blick ist nämlich vieles konsensfähig, was möglicherweise nicht grad die Diskussion stimuliert.
Daher ein subjektiver Versuch der Verdichtung. Vorab sei gesagt, dass das Papier wohl alle wesentlichen Strukturen, Instrumente und Maßnahmen genau erfasst und beschreibt. Es ist auch innerhalb dieses Rahmens durchaus konsistent.

Wir brauchen eine Energierevolution.

So steht es im Expertenpapier und das ist gut so. Anlaß sind u.a. die Rohstoff- und Kostenfrage (Peak Oil ua.) und der Klimawandel. Dieses Bekenntnis ist in dieser Deutlichkeit mehr als erfreulich. Doch kommt das auch bei den politischen Entscheidungsträgern an? Die Energieforschungsstrategie könnte ein Impuls in die Richtung sein.

Mehr Budget notwendiges braucht gute Argumente in Sparpaket-Zeiten

Es wird deutlich, wie gering die Energieforschungsausgaben in Österreich sind. Knapp über 30 Millionen Euro werden für 2007 angeführt, wobei noch ein kleiner Teil in die Kernenergie fließt. (click to enlarge) Abgesehen von einem Ausreißer 2006 ist dieser Anteil in den vergangenen Jahren konstant geblieben. Es wird im Papier auch offensichtlich, wie gering der Anteil im Vergleich zu anderen Staaten ist. Die Aufstockung der Mittel wird im Papier gefordert, aber die Frage bleibt, ob der Ruf angesichts der kommenden Sparpakete gehört wird. Hier wäre eine Argumentation, warum inbesondere Energieforschung eine Investition darstellt, hilfreich.

Das Tal des Todes

Sehr richtig erkannt wird die Tatsache, dass entwickelte Technologien auf ihrem Weg zur Marktdurchdringung immer noch verhungern können, was übrigens gar nicht selten der Fall ist. Hier braucht es eine gute Verschränkung mit den bestehenden Förderinstrumenten.

Auch eine Frage der Kultur

Damit zusammenhängend: Mehrmals werden gesellschaftliche-strukturelle Punkte angesprochen, was mir spezifisch wichtig scheint. Zum einen umfasst Innovation auch soziale Innovation und nicht nur Technologie. Zum anderen ist die kulturelle Verankerung einer Technologie genau das, woran neue Energietechnologien scheitern können. Besonders die Mobilitätsfrage ist hier bedeutend. Forschung heißt nicht nur, innovative Elektromobilitäts-Technologien zu forcieren, sondern auch das Mobilitätssystem selbst und kulturelle Aspekte zu erforschen und in die Technologieentwicklung zu integrieren. Hier passiert zwar einiges, aber in der Energieforschungsstrategie könnte das noch expliziter ausgeführt werden. Richigerweise wird im Papier das eine oder andere mal auf Gemeinden verwiesen.

Auf inhaltlicher Seite wird neben dem energieeffizienten Gebäude auf die Siedlungsstrukturen verwiesen. Völlig richtig! Ein Hinweis auf Baukultur wäre ebenso gut. Es geht meiner Meinung nach um die Verknüpfung von Struktur & Kultur. (siehe Initiativen wie Landluft) Auch hier ist ein Forschungsanteil enthalten.

Was noch fehlt zur Strategie…

Abschließend zum Kern und zugleich einem Resumée: das Expertenpapier ist inhahtlich sehr gut und verdient einen genauen Blick. Aber ist es schon eine Strategie? Angesichts der geringen Mittel stellt sich die Frage, wo in Zukunft Mittel hinfließen und wo nicht. Es sind z.B fünf Forschungsfelder zusammengefasst und danach gibt es eine Auflistung und Beschreibung aller Schlüsselfelder. Die reicht von Solarwärme über fossile Kraftwerke bis hin zur Kernspaltung. Eine Strategie sollte vor allem:

  1. den Fokus legen, wo der Schwerpunkt in Zukunft liegen wird. Wo wollen wir hin?
  2. innerhalb dessen auch inhaltliche Ziele setzen. Ein Beispiel: Dass man an der Wärmepumpe weiter forschen will, ist gut und richtig. Aber das Ziel muss auch klar sein: zB. Jahresarbeitszahlen erhöhen – und zwar unter unterschiedichsten Bedinungen.
  3. Klarheit darüber schaffen, wo Mittel auch NICHT mehr hinfliessen sollen.
  4. auch bei den Entscheidungsträgern verankert werden, die ebenso einem klaren Ziel folgen. Hoffentlich trägt die Energiestrategie dazu bei.

Einige dieser Punkte sind wohl jetzt noch zu früh,weil inhaltliche Ziele dann in den Programm definiert werden, aber Fokussierungsbedarf sehe ich.

Beiträge und Kommentare sind nicht nur hier, sondern insbesondere auch auf Energieforschungsstrategie.at willkommen. Ich werde meine und noch etwas mehr ebenso dort posten…





Nachhaltigkeit in Österreichs Politik: Fremdwort & Phrase

25 01 2010

Ein heutiger Artikel von Martin Stuhlpfarrer in “Die Presse” sorgt für Irritation. Er titelt: “Rechnungshofbericht: Drei Länder als Umweltsünder”
Dabei geht es um einen – wie immer – vertraulichen Rohbericht, der die Implementierung von Nachhaltigkeitsstrategien überprüft. Ein lobenswertes Unterfangen, denn wie Stuhlpfarrer richtig schreibt, wird der Begriff “Nachhaltigkeit” gerne von Politikern als Phrase für alles Mögliche verwendet. Das reicht von Umweltthemen über nachhaltiger Budgetpolitik (unabhängig davon, was mit dem Geld finanziert wird) bis hin zu allen möglichen teils sinnentleerten Formulierungen, die sich zwecks Attributzuweisung ebenso der “Nachhaltigkeit” bemächtigen.

Überprüft wurden drei Bundesländer: Wien, Oberösterreich, Kärnten. Und zwar nur diese Bundesländer.
Richtigerweise wird festgestellt, dass es in allen drei Bundesländern eine halb- bis gar nicht herzige Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien gibt. Jedoch passieren hier meines Erachtens im Artikel oder im Rohbericht ein paar Missverständnisse, die genau das Problem darstellen:

“Drei Länder als Umweltsünder”. Die Formel Nachhaltigkeit=Umwelt ist falsch
Nachhaltigkeit ist aber nicht nur eine ökologische Frage. Die drei Bundesländer sind durch die genannten Sachverhalte nicht spezifisch als Umweltsünder zu sehen. Klar hat Nachhaltigkeit auch mit Umwelt zu tun, aber Öko ist neben Sozial und Demokatie eine von drei Säulen. Die drei spezifisch als Umweltsünder zu bezeichnen, ist schlicht falsch.

Die drei Länder sind nicht schlimmer als die anderen
Der Artikel (insb. der Titel) suggiert, die drei Länder wären besonders schlecht im Vergleich zu anderen Bundesländern. Die anderen dürften aber nicht Gegenstand des Rohberichts sein. Insbesondere bei der genannten Treibhausreduktion zeigen die Zahlen der vergangenen Jahre in der Entwicklung keinen signikanten Unterschied zwischen den Bundesländern. Im Text wird zwar richtiger weise gesagt, dass sich die Klimadaten österreichweit nicht verbessern, aber wie gesagt: der Gesamtspin ist, dass die drei Länder spezifisch schlecht seien. (siehe die aktuellen Daten aus 2006)
Und da der Wiener VP-Klubobmann Matthias Tschirf als einziger Politiker zitiert wird, womit man nicht viel spekulieren muss, wo der Quell der Information zu finden ist, geht es dabei spezifisch um die Stadt Wien.
Dabei ist die Kritik an Kärnten deutlich schärfer.
Oberösterreich tut man meines Erachtens ein wenig unrecht mit der umweltpolitischen Kritik. Auch hier greift Nachhaltigkeit ebenso nicht quer durch alle Politikmaterien (siehe Verkehr); in den klassischen Umweltbereichen ist in den vergangenen Jahren aber viel passiert, was sich derzeit noch kaum in der Klimabilanz auswirken wird (Bundesländer-Daten gibt es aktuell nur bis zum Jahr 2006) Im Energiebereich gibt es z.B. ein sehr genaues Monitoring der einzelnen Maßnahmen.

Damit kommen wie zum Kern. Der Rohbericht geht natürlich prinzipiell in die richtige Richtung, weil er aufdeckt, dass Nachhaltigkeit ein leere Hülse ist. Aber das hat eigentlich nicht in erster Linie mit diesen Bundesländern zu tun, sondern gilt wohl für Gesamtösterreich: Nachhaltigkeit als Wert, als eine Art Prinzip, das quer durch alle Politikbereiche greift, wird noch in keinster Weise ernst genommen. Dabei gibt es Nachhaltigkeitsstrategien, -prozesse etc. Doch zwischen Deklaration und ernsthafter Implementierung klafft die berühmte Lücke.
Ich hab schon vor einigen Monaten in Zusammenhang mit der ÖBB auf Nachhaltigkeit als Wert verwiesen. Welchen Werten ist ein öffentliches Unternehmen, eine Gebietskörperschaft etc. verpfichtet? Wäre es nicht an der Zeit, Managerboni in öffentichen Unternehmen an Nachhaltigkeitskriterien statt an Einsparungs bzw. Jahresbilanzzielen zu binden. Würde man Nachhaltigkeit ernst nehmen, wären riskante Finanzspekulationen öffentlicher Institutionen nie und nimmer passiert, da langfristige Effekte und Risiken automatisch mitberücksichtigt werden würden. Nachhaltigkeit ist ein Fremdwort hierzuland. Und das hat nichts mit “drei Bundesländern als Umweltsünder” zu tun, sondern damit, dass Politik im Kern zur wertfreien Zone wird.

Und da es doch ambitionierte Initiativen zum Diskurs nachhaltiger Fragestellungen gibt, zum Schluß noch ein Veranstaltungshinweis. Die Konferenz “Wachstum im Wandel” stellt sich kommenden Donnerstag und Freitag genau einer Kernfrage: welches Wachstum ist nachhaltig?