Vor dem World Energy Outlook 2013: der Shale Boom wird überschätzt, die Kosten des fossilen Booms ignoriert.

8 11 2013

In wenigen Tagen ist es wieder soweit. Die Energiewelt wird ihre Augen nach London richten, wo wie jedes Jahr der World Energy Outlook (WEO2013) der Internationalen Energieagentur präsentiert werden wird. Der WEO ist wesentlicher Gradmesser für Szenarien und Trends der globalen Energieentwicklung und ein maßgeblicher Einflussfaktor in der energiepolitischen Debatte. Doch mehr noch als der überaus lesenswerten Bericht sind die Kernbotschaften der Präsentation im medialen Fokus. (siehe auch meinen Guensblog Kommentar zum WEO2012).  Im vergangenen Jahr hatte die Präsentation des WEO stark dazu beigetragen, den US-Boom durch die nicht-konventionelle Förderung von Öl und Gas zu etablieren. (Stichwort „Saudi America“ und US-Energieunabhängigkeit) Dies hat die Debatte über die Energiezukunft substanziell beeinflusst. Nicht mehr die erneuerbaren Energieträger gelten für viele als Weg zur Energieunabhängigkeit, sondern die Fossilen auf Basis nicht-konventioneller Fördermethoden wie z.B. für Schiefergas oder Schieferöl. (Tight Oil)

Doch die – auch von massivem internationalen Lobbying begleitete – Welle für die neuen fossilen Energiequellen wird möglicherweise nicht halten, was sie der Öffentlichkeit und den Kapitalmärkten verspricht. Eine Veranstaltung des Klima- und Energiefonds und von Erneuerbare Energie Österreich diskutierte kürzlich die Perspektive des kommenden World Energy Outlook vor dem Hintergrund des aktuellen IPCC-Berichts und die Frage, ob der Shale Hype gerechtfertigt ist. Schliesslich trägt er dazu bei, die Erneuerbaren in der öffentlichen Debatte unter Druck zu bringen.

Boom or Bubble?

Ein Jahr nach dem WEO 2012 werden nun auch die kritischen Stimmen wahrnehmbarer. Viele geologische, ökonomische und ökologische Faktoren wurden beim Shale Hype außer Acht gelassen. Einige Schiefergas-Explorationsversuche wurden mangels Erfolg und nicht darstellbarer Profitabilität wieder eingestellt ( z.B. Polen). Mehrere große Unternehmen verzeichneten zuletzt hohe Abschreibungen, weil sich Shale-Projekte als nicht profitabel herausstellten. Sogar Shell-CEO Peter Voser meinte kürzlich (6. Oktober 2013) in der Financial Times, dass noch negative Überraschungen bei Schiefergas- und Schieferöl Explorationen bevorstünden und die Shale Revolution „overhyped“ sei. “Unconventionals did not exactly play out as planned. We expected higher flow rates and therefore more scalability for a company like Shell” wird Voser in der FT zitiert.

Ein wichtiger Grund für die wachsende Skepsis (sogar bei US-Energy Information Agency wird man vorsichtiger) ist die „Depletion Rate“. So geht etwa die Ausbeute im größten Revier, der Bakken Formation, nach einem Jahr um 69% und nach fünf Jahren um 94% zurück. In Barnett, einer weiteren wichtigen Formation, geht die Ausbeute nach 5 Jahren um 50% zurück. D.h. nicht, dass nicht weiter gefördert wird, aber es wirkt sich auf die Profitabilät aus. David Hughes, Geologe und Autor des Reports „Drill Baby Drill“(Post-Carbon Institute) meinte im Mai dieses Jahres nach einer genauen Feldanalyse: „The cheap price bubble in the US will burst within two-to-four years”.  Zu Bakken ist auch dieser Beitrag von Christoph Senz lesenswert.

Steffen Bukold, Keynote-Speaker bei der Veranstaltung, erläuterte, warum Shale Gas in Europa keine relevante Option in naher Zukunft sein wird:

  • Die Mengen in Europa sind zu gering, um die Importabhängigkeit nennenswert abzubauen
  • Weltweit gibt es noch über Jahrzehnte hinweg mehr als genug konventionelles Gas
  • Shale Gas ist in Europa nicht billiger als konventionelles Erdgas
  • Die Gewinnung ist ein industrieller Produktionsprozess; es braucht tausende von Bohrungen – ein großer Unterschied zur konventionellen Öl- und Gasgewinnung
  • Hohe Umweltrisiken (Große Fracjobs benätigen in den USA: 50.000 t Sand; 1 Mio. Tonnen Wasser; 30.000 Tonnen Chemikalien)
  • Klimabelastung durch Methanemissionen

bukold_unconventionals

Die Folie aus dem Vortrag von Steffen Bukold zeigt, dass auch Shale Oil keinen maßgeblichen Anteil an Weltölversorgung beitragen wird. Die konventionell förderbaren Mengen gehen jedoch zurück – im Sinne dessen, dass die Förderrate zurückgehen wird. Um die Steigerbarkeit der Öl-Fördermenge zu erreichen, muss also der gesamte Mix an nicht-konventionellen Öl Methoden herhalten. Das wird jedenfalls teuer und auch riskant im Sinne massiver Umweltzerstörung.

Es wird Zeit über die Kosten fossiler Energie zu reden.

Neben dem wichtigsten Aspekt, der Klimafrage, ist auch eine ökonomische Bewertung der fossilen Energiezukunft notwendig. Während Teile von Politik und Industrie nach billiger Energie rufen, steigen die jährlichen Kosten für fossile Energieimporte um Milliarden. War ein Barrel Öl vor einigen Jahren $25-30 wert, ist der Preis mittlerweile konstant bei rund $100. Die Verfügbarkeit von billigem Öl ist deutlich zurückgegangen.  Die gängigen Szenarien gehen jedoch von einer weiteren Steigerung der Nachfrage aus.

bukold_kostenfossiledeBukold hat in einer Studie für die Grüne Fraktion im Deutschen Bundestag die Kosten der fossilen Energieimporte berechnet und für die Zukunft projeziert. Die Graphik zeigt den enormen Anstieg der Kosten für fossile Energieimporte. 2012 waren es 94 Milliarden Euro. Zehn Jahre davor waren es noch 33 Milliarden Euro. Bei den Regierungsverhanldungen ist dies jedoch kein Thema. Sehr wohl die Kosten für den im Land selbst produzierten Ökostrom. Es ist offensichtlich, dass die Politik hier die fossile Seite ignoriert und im aktuellen Machtkampf der deutschen Energiepolitik die Erneuerbaren gezielt unter Beschuss steht. Ungeachtet notwendiger Adaptionen im deutschen und auch europäischen Strommarkt, ist dies ein Ungleichgewicht in der Debatte, das sich ändern sollte. Wir müssen über die Kostenbelastung durch fossile Energie reden!

Auch Fatih Birol warnt vor überzogenen Shale Erwartungen!

Die Erwartungshaltungen an Shale sind – insbesondere fernab der USA- deutlich übertrieben, eine Transferierbarkeit des US-Shale Booms auf Europa oder China ist aktuell nahezu unmöglich und die Ära billigen Öls ist definitiv vorbei. Sagt das eine der Peak Oil Forscher? ASPO? Nein, das sagte Fatih Birol, Chiefeconomist der IEA und Hauptverantwortlich für den World Energy Outlook, vor wenigen Tagen. Ein Indiz dafür, dass die IEA den Spin, der im vergangenen Jahr aus dem WEO2012 herausgelöst wurde, heuer relativieren wird. Man beachte dieses Interview, das vor wenigen Tagen in Channel NewsAsia gegeben hat. Mögen auch die europäischen Medien diese Differenzierung wahrnehmen:

birol(picture link to ChannelNewsAsia)

Es wird Zeit, den massiven, heftig lobbyierten fossilen Spin der vergangenen Jahre wieder zurechtzurücken.





On the long term… Nachwahlbetrachtung

30 09 2013

Eigentlich wollte ich im Sinne meiner aktuellen Konzentration auf inhaltliche Projekte gar nicht zur Nationalratswahl 2013 bloggen. Aber wie so oft nach Wahlabenden habe ich den Eindruck, dass ein wesentlicher Faktor in Kommentierung & Analyse weitgehend unterschätzt wird: die längerfristige Trendentwicklung. Sie erhält deutlich weniger Aufmerksamkeit als der Vergleich mit den kurzfristigen Wahlprognosen und vielen weitgehend sinnlosen Umfragen vor der Wahl.  Es ist erstaunlich, wie sehr jene doch zur Meßlatte werden (auch durch die Parteien selbst).

Es geht um die langfristigen (auch strukturell relevanten) Trends, die durch aktuelle Performancefaktoren, Strategieansätze und auch soziodemographische Entwicklungen ergänzt werden und vieles erklären. Manches ist nur “History Repeating”; manches eine nachhaltige Änderung der politischen Landkarte. Zu Recht verweisen etwa die Autoren des Autnes-Forschungsnetzwerks (Austrian National Election Study) auf den zentralen  “ideologischen” Faktor im Wahlverhalten vieler ÖsterreicherInnen. (siehe Presse-Artikel 27.9.2013)

Alle 2013-Daten in den folgenden Graphiken beziehen sich auf die aktuelle Hochrechnung mit Wahlkarten (30.09.2013)

Die fortschreitende Erosion der beiden ehemals großen Lager

Auch wenn SPÖ und ÖVP wieder eine gemeinsame Mandatsmehrheit geschafft haben, der langfristige Erosionstrend bei der Bindung ihrer WählerInnen ist nicht zu leugnen.

nrw_spMeine Einschätzung war, dass die SP im Sinne ihres KernwählerInnen-Wahlkampfes ein etwas besseres Ergebnis erreichen wird. Aber letztlich zeigt sich langfristig eine nahezu herrlich lineare Trendlinie seit 1986. Das Mobilisierungspotenzial der SP ist wohl nicht ausgeschöpft worden. Aber die strategischen Fragestellungen für die SP-SPitze gehen deutlich darüber hinaus. Das heikle Dilemma dabei ist, dass relativ viel des SP-Potenzials in der gemeinsamen Schnittmenge mit der FP liegt.  Jene zu bedienen, bedeutet jedoch, einige andere – vor allem urbane (rot-grün affine) – WählerInnen möglicherweise zu verlieren.

nrw_oevpAuch bei der ÖVP ist die fortschreitende Erosion gut zu erkennen, wiewohl der strategisch kaum nachvollziehbare Wahlkampf den Performancefaktor auch noch ordentlich runtersetzt. Anders gesagt: die VP ist an ihrer aktuellen unteren Kante. Sie kann zwar in einigen Jahren durch veränderte WählerInnen-Struktur noch weiter sinken, aber die aktuellen 24% sind der Rest der Stammklientel. Dafür, dass Österreich ein konservatives Land ist, eigentlich ein Armutszeugnis für die VP. Auffallend in der Graphik ist natürlich der Ausreißer in der Schüssel-Ära, die auch mit der damaligen freiheitlichen Implosion zu erklären ist. Meine Mutmaßung ist, dass viele VP´ler das nicht vergessen haben und sehr konkret Alternativen zu Rot-Schwarz suchen werden. Schüssel und SPindlegger sind jedoch in Format und Außenwirkung nicht unmittelbar vergleichbar.

Ein freiheitliches Wunder? Nur im Kurzzeitgedächtnis.

Klar versucht die FPÖ ihr gestriges Ergebnis als Triumph zu inszenieren. Viele sind auf der anderen Seite  wieder schockiert. Aber das ist nur mit Jugendlichkeit oder Vergeßlichkeit zu erklären.

nrw_fp_bzoeWer die 90er Jahre politisch erlebt hat, wird sich erinnern, dass das alles schon mal da war und Österreich oft rechtskonservativ gewählt hat. Einen Schritt weiter sogar noch: Angesichts der vielen Haider-Stimmen aus 2008, die jetzt am Markt gewesen sind, hätte die FP bei dieser Wahl deutlich mehr Potenzial gehabt. Stronach war hier sicher ein mindernder Faktor, hat aber überraschenderweise die PensionistInnen nicht mobilisieren können. Dass alles schon mal da war, heisst aber nicht, dass es Trendveränderungen geben kann. Nur zur Klarheit ein Blick auf die Graphik: Mit dem WählerInnen-Anteil von 1999 wäre die FP heute stimmenstärkste Partei. Das können SP und VP (aber auch die anderen Parteien) nicht außer Acht lassen. Wirklich Five more years?

Grünes Wachstum und die alte Frage der Erwartungshaltung

nrw_grueneDie GRÜNEN haben sich die Latte mit 15% sehr hoch gelegt. Aus historischer Sicht sogar extrem hoch. Das ist angesichts des inhaltlichen Anspruchs der GRÜNEN und ihres Mobilisierungsversuchs verständlich, aber wer die WählerInnen-Struktur in Österreich kennt, weiß, dass große Sprünge für eine Partei wie die GRÜNEN schwierig sind. Die hohen Umfragen sorgen wie immer für Irritation, aber ihre Bedeutung wird seit Jahren überschätzt; Die These, dass die GRÜNEN ihre Umfragen nicht ins Ziel brächten, halte ich für Blödsinn. insbesondere durch den Umstand, dass mit den NEOs eine neue, stark positionierte Kraft am teils überschneidenden WählerInnen-Markt da war, hat sich die Situation geändert. Das hat Alexander Van der Bellen am Wahlabend richtig analysiert. Apropos Van der Bellen: auch hier haben viele Kommentatoren im Vorfeld der Wahl etwas vergessen. Mit ihm  hatten die GRÜNEN zehn Jahre lang den beliebtesten und meist respektierten Politiker ganz Österreichs als Spitzenkandidaten. Ein enormer Bonus, der das grüne Wachstum wesentlich ermöglicht hat. Eva Glawischnig musste sich durch den Wahlkampf entsprechend hohes Vertrauen erst erarbeiten. Und das ist tatsächlich gelungen, was auch an der positiven Nachwahlberichterstattung zu ihrer Performance zu erkennen ist. Eine bemerkenswerter Umstand ist übrigens auch, dass die GRÜNEN in jenen Bundesländern, wo sie seit heuer mitregieren (Kärnten, Tirol. Salzburg) nun auch bei der NRW überproportional zugelegt haben.

Stichwort NEOs! Wirklich beachtlich, aber auch nicht ganz neu.

nrw_neosDie NEOs haben in kurzer Zeit enormen Zug entwickelt. Das ist wirklich beachtlich; in Sachen Potenzial ist es jedoch nicht völlig verwunderlich. Denn das liberale Potenzial wurde ja schon vom LIF in vergleichbarer Höhe adressiert. Dass es das Bedürfnis nach einer neuen Alternative gibt, war auch angesichts des Erosionsprozesses insbesondere bei der VP spürbar. Die entscheidende Frage war: trauen die möglichen WählerInnen den NEOs die 4% zu? Die Antwort weiß man nun: ja, die Erfolgschance wurde erfolgreich kommuniziert. Stefan Bachleitner hat den NEOs-Wahlkampf in seinem Blogbeitrag sehr gut analysiert. Ein Aspekt noch:  Wie viele neue Parteien sind die NEOs Projektionsfläche für viele unterschiedliche Hoffnungen. Bestehende Diskrepanzen werden in den Positionen leichter überbrückt. Es ist manchmal auch ein Vorteil, nicht alles offenbart zu bekommen – trotz höherer Reichweite meine ich, dass es kein Nachteil war, nicht in den ORF TV-Duellen dabei zu sein.

Auch bei den NEOs noch eine Rückerinnerung. Man erinnere sich an die Gemeinderatswahl 1996 in Wien. Damals war das LIF beim ersten Antreten mit 8% sensationell erfolgreich; überraschenderweise wurden die GRÜNEN überholt. Dass Wolfgang Bachmayr als Promi-Kandidat kurz davor zurückgetreten ist, war kein Nachteil, sondern letztlich ein Vorteil, weil ein potenzieller Polarisierungfaktor nicht dabei war. Die Kernherausforderung für die NEOs wird sein, aus der jetzigen Energie ein langfristig fähiges politisch Projekt zu machen; leicht wird es nicht.

What now?

Wer sich die längerfristigen Trends zu Gemüte zieht, wird erkennen, dass eine weitere rot-schware Regierung, die halt etwas “besser kommunizieren” müsse (Aussagen Josef Cap), den Erosionsprozess der beiden bisherigen Regierungsparteien kaum stoppen wird. Das Sondieren anderer Möglichkeiten insbesondere durch die VP halte ich für realistisch, jedoch ob der handelnden Akteure hochriskant. Vielleicht sollte man auch darüber nachdenken, dass es sich auch bei dieser Wahl um eine Nationalratswahl gehandelt hat und nicht in erster Linie um eine Regierungswahl. Wäre es nicht ein kluger Zug von SP und VP neue Formen der parlamentarischen Kooperation zu probieren? Z.b. bei 1-2 Kernherausforderungen, die ohnehin durch Lagergräben bislang verbockt wurden, wirklich eine andere Herangehensweise zu wagen. Etwa bei Bildung. Oder auch beim Steuersystem. Es muss Signale geben, dass man tatsächlich “anders” regieren will und das heisst auch, den Parlamentarismus neu zu leben bzw. möglicherweise zusätzliche Formate des Dialogs mit BürgerInnen und der Entscheidungsfindung zu entwickeln, um die eine oder andere ganz zentrale Frage der Zukunft lösen zu wollen. DIe erhöhte Diversität im Parlament kann dafür auch eine Chance sein.

Glauben tu ich angesichts der handelnden Akteure in den Regierungsparteien kaum daran.  Aber was More of the same in 5 Jahren bedeutet, sollte auch allen Beteiligten klar sein.





Replik auf den Presse-Gastkommentar von Walter Boltz zu Europas Klima- und Energiepolitik

21 08 2013

Walter Boltz, Vorstandsmitglied der Regulierungsbehörde E-Control, veröffentlichte in der „Presse“ am 17.8. einen Gastkommentar als  Plädoyer für eine Neuausrichtung der europäischen Klima- und Energiepolitik. Runter mit den Förderungen für erneuerbare Energie und weg mit alleinigen Klimaschutzbestrebungen, so sein Credo. Jedoch sind die von Boltz angeführten Argumente zumindest irreführend. Daher der Versuch einer sachlichen Zurechtrückung. Eine gekürzte Version dieses Beitrags wurde dankenswerterweise von der Presse am 22. August ebenso als Gastkommentar veröffentlicht.

Klimahero USA?

Die Euphorie von Boltz über den – dank Schiefergas – „besseren Klimaschützer USA“ ist unangebracht. Die Treibgasemissionen in der Europäischen Union sind seit 1990 um rund 15% gesunken; in den USA jedoch im selben Zeitraum um ca. 15% gestiegen. Erst in den vergangenen fünf Jahren ist eine leichte Trendwende in den USA zu erkennen. Zudem kann nicht außer Acht gelassen werden, dass die Treibhausgas-Emissionen pro Kopf in den USA nahezu doppelt so hoch sind wie in Europa. Von derart hohem Niveau ist es bei vergleichbaren ökonomischen Bedingungen auch leichter hinunter zu steigen.

Hauptverantwortlich für das erwähnte US-Szenario „Energieimportunabhängigkeit“ ist jedoch neben dem Schiefergas-Boom ein anderer Faktor. Wie die von Internationale Energie Agentur (IEA) vorrechnet, wird der prognostizierte Wandel noch mehr der Reduktion des Energieverbrauchs geschuldet sein, die ab 2020 durch die neuen Treibstoff-Effizienzbestimmungen in den USA greifen wird. Dieser Effekt ist nicht das Ergebnis ambitionierter Marktkräfte, sondern Folge von Politik, nämlich Klimapolitik der Obama-Administration. Ein wesentlicher Antrieb für diese Effizienzmaßnahmen waren übrigens die stark  gestiegenen Öl- und Treibstoffpreise.

Alles im Öl? Eine Preisfrage.

Walter Boltz schreibt fälschlicherweise in seinem Beitrag von in den USA „runter prasselnden Öl- und Gaspreisen“. Davon kann zumindest bei Öl keine Rede sein. Auch die größere Spanne zwischen den Roholsorten WTI (US) und Brent in den vergangenen Jahren ändert nichts an der Tatsache, dass der Ölpreis mit rund 100 US-Dollar/Barrel um das 3-4fache über dem Niveau von vor zehn Jahren. Der Hype rund um die nicht-konventionelle Förderung von Öl und Gas hat auch ökonomisch einen schalen Beigeschmack: sie liefert deutlich häufiger als erwartet keine Gewinne ab ist jedoch vollgepumpt mit Milliarden der Ölkonzerne und des Kapitalmarkts, der den Verheißungen der Shale Industrie folgt.  Mehrere große Unternehmen verzeichneten zuletzt hohe Abschreibungen, weil sich Schieferöl Projekte als nicht profitabel herausstellten. Shell war davon – wie die Financial Times kürzlich berichtete – stark betroffen. Folglich ist trotz des deutlich gestiegenen Ölpreises Profitabilität nicht in jenem Maß gegeben ist wie meist angenommen. Dies ist auch ein entscheidender Faktor für die Einschätzung der Ölvorkommen („proven reserves). Die von Boltz genannte mehr als Verdopplung bezieht sich ausschließlich auf sogenannte 1P Öl-Reserven. Diese Angaben sind als Teil des politischen Spiels der Ölkonzerne mehr als zweifelhaft. Mehrere wissenschaftliche Publikationen weisen auf einen signifikanten Rückgang bei sog. 2P Öl-Reserven aus. (proven and probable reserves). Die langfristig mangelnde Profitabilität ist ein Grund dafür. Die Endlichkeit von fossilen Reserven definiert sich nicht dadurch, dass keine Öl- und Gasgewinnung mehr möglich ist, sondern dadurch, dass ihre Gewinnung bei stets wachsender Nachfrage und entsprechender Wirtschaftsleistung ökonomisch nicht mehr darstellbar ist. Wir gelangen an Grenzen, auch wenn diese durch einen höheren Preis leicht verschiebbar sind.

Subventionen für Fossile dominieren den Weltmarkt

Eine Anmerkung zur der von Walter Boltz häufig kritisieren Höhe der Förderung erneuerbarer Energie im Strommarkt. Erstens sollten die Relationen gewahrt werden: Wie der World Energy Outlook 2012 der IEA gezeigt hat, sind 2011 rund 88 Milliarden US-Dollar an öffentlichen Subventionen in Erneuerbare Energie geflossen. Und in fossile Energie?  523 Milliarden US-Dollar!  Übrigens ein Plus von 30% bei den Fossilen im Vergleich zum Vorjahr.

Es ist unbestritten, dass es neue Kraftwerkskapazitäten braucht. Wo investiert wird, ist die entscheidende Frage. Billig wird es jedenfalls nicht. Schon gar nicht, wenn man plant, in Europa Schiefergas lukrativ gewinnen zu können, wie kürzlich eine Studie der TU-Delft konstatierte.  Ist es schon aufgefallen, dass seit 2001 kaum mehr größere Kraftwerke in Österreich errichtet wurden? Wirklich schuld der Energiewende? Oder vielleicht doch der Folge der Liberalisierung selbst? Ohne öffentliche Finanzierungsmechanismen (in Deutschland das EEG; in Österreich das Ökostromgesetz) wären in den vergangenen Jahren kaum neue Stromerzeugungskapazitäten hierzuland ans Netz gegangen. Sie sind eine Notwendigkeit – auch wenn gewisser Adaptionsbedarf im Strommarktdesign nicht zu leugnen ist.  (etwa um die Verdrängung von Gas durch Kohle zu verhindern, was insbesondere wiederum mit dem versagenden Emissionshandel zu tun hat)

Energiepolitische Prioritäten

Folgt man den Ausführungen von Walter Boltz wäre die Anforderung an die europäische Klima- und Energiepolitik, den Klimawandel weitgehend zu ignorieren und sich völlig einem Wettbewerbsfaktor „Billigenergie“ unterzuordnen. Es ist ein Irrglaube, dass der Wettbewerb um „Billigenergie“ der spezifische industriepolitische Vorteil Europas sein wird. Bildung, Innovationsfähigkeit und eine auf eigenen Stärken aufbauende Energiestrategie sind die Zukunft.  Neben der von Boltz zu Recht erwähnten Energieeffizienz, wird die Erneuerbare Energie dabei eine zentrale Rolle des europäischen Weges spielen. Die beiden Ansätze sind letztlich die einzigen leistbaren Mittel, um die Energieimportabhängigkeit Europas zu reduzieren.  Mehr als 1 Milliarde Euro täglich (!) beträgt der Wert der Öl- und Gasimporte der EU-Staaten. Die Energieimportrate liegt EU-weit bei 54% (in Österreich bei 69%). Allein innerhalb von drei Jahren sind die Ausgaben Europas für Energieimporte um mehr als 200 Milliarden Euro jährlich gestiegen. Grund: der höhere Öl- und Gaspreis. Ist das nicht im Gegensatz zur strategisch platzierten Erregung über die Förderung von erneuerbaren Stromerzeugungsanlagen die eigentlich relevante Bedrohung für den Wirtschaftsraum Europa?





Klare Verhältnisse. Über manch Irrwege und falsche Relationen in der Energiewende-Diskussion

13 03 2013

Die politisch heftig umstrittene sog. Energiewende in Deutschland hinterlässt auch ihre Spuren in Österreich. Wie schon zuletzt beschrieben wird die Debatte rund um Kosten und Barrieren des Ausbaus erneuerbarer Energie auch hierzuland genutzt, um Stimmung gegen die Energiewende im Strombereich zu machen.  Und tatsächlich ist es so, dass die Systemintegration der Erneuerbaren in die Stromversorgung einige Fragestellungen mit sich bringt, die zu lösen sind. Darum geht es in diesem Beitrag aber nicht. Sondern es geht um das Kernargument vieler Energiewendegegner, die gegen eine Kostenlawine durch Strom aus Erneuerbaren wettert.

Ein genauerer Blick zeigt, wie sehr mit einseitigen Relationen, falschen Argumenten, aber auch bewusst gesetzen Spins die Debatte beeinflusst wird. Die Diskussion orientiert sich in hohem Maße an Deutschland, wo der tatsächlich deutlich höhere Ökostromzuschlag (EEG-Umlage 5,3 ct/kWh im Jahr 2013) spürbarer ist als z.B. in Österreich. Hier sind die durchschnittlichen Kosten für den Haushalt um zwei Drittel geringer. Dennoch: mehrere Energieversorger (allen voran der Verbund), die sozialpartnerschaftlich organisierten Interessensvertreter wie die IV und die AK wettern gegen den Ökostrom als großes Kostenproblem. Schaut man sich jedoch die Verhältnisse an, sieht man, dass wir ein ganz anderes Energiekostenproblem haben als den Ökostromzuschlag. Ein Blick nach Deutschland:

Anteil der Stromkosten wie vor 20 Jahren

Wie Andreas Löschel, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg und tätig am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH (ZEW), kürzlich bei einem Vortrag in Wien erläuterte, betrugen die Gesamtausgaben für Elektrizität in Deutschland (inkl Abgaben und EEG-Umlage aber ohne MWSt) im Jahr 2011 63,3 Milliarden Euro.  Dieser Betrag ist nach dem Preisverfall kurz nach der Liberalisierung der Strommärkte zuletzt tatsächlich wieder signifikant gestiegen (2012 Richtung 70 Mrd Euro), aber in Relation zum BIP liegt dieser Anteil auf ungefähr dem gleichen Niveau wie vor 20 Jahren. Löschel sieht übrigens einige Aspekte der sog. Energiewende kritisch, in diesem Punkt verweist er aber richtigerweise auf die Relationen, welche die Kostensituation deutlich weniger dramatisch zeigen als öffentlich kommuniziert wird.

Auf Seite 100 der Stellungnahme der Expertenkommission zum 1. Monitoring-Prozess „Energie der Zukunft“ ist dies graphisch erfasst:

kosten_energiewende_monitoring

Klar, dieser Anteil wird weiter steigen, aber es relativiert sich doch etwas, wenn man ständig das mediale Pauken über das Ökostromdesaster zu hören bekommt. Wir reden von aktuell 2,5% und vielleicht in naher Zukunft von 3% Anteil am BIP. Für den gesamten Strombereich!

Strom ist ein relativ kleiner Faktor bei Haushaltsausgaben

Aufgrund des ungleichen Verhältnisses zwischen Industrie und Haushalten bei der EEG-Umlage (viele Industriezweige haben Ausnahmegenehmigungen) ist es insbesondere vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Energiearmutsdiskussionen wert, einen Blick auf die Kostenstruktur von Haushalten zu werfen.

Der Monitoring-Bericht „Energie der Zukunft“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) in Deutschland hat die Verhältnisse gut aufbereitet:

Der Strompreis ist in den vergangenen Jahren für Industrie- und Gewerbekunden ungefähr gleich geblieben. (siehe Graphik). Bei Haushaltskunden hingehen ist er im selben Zeitraum von ca 20ct/kWh auf durchschnittlich 24 ct/kWh gestiegen. Man sieht also die innere Verhältnismässigkeit der Kostenaufteilung. Der Strompreis für stromintensive Industiekunden ist übrigens in den letzten Jahren sogar leicht gesunken. Insofern könnte man die Warnungen etwa der Arbeiterkammer vor Entwicklungen wie in Deutschland sogar verstehen. Wenn da nicht noch ein anderer maßgeblicher Faktor wäre:

Die Stromkosten machen bei durchschnittlichen Haushalten zwischen ca. 2 Prozent (Ein-Personen-Haushalt) und 3 Prozent (Vier-Personen-Haushalt) am Nettoeinkommen aus.  Bei einkommensschwachen Haushalten liegt der Anteil zwischen 3 und rund 4 Prozent.

Heißt das, dass die Energiekosten irrelevant sind für das Haushaltseinkommen? Nein. Denn bei deutschen Durchschnittsverdienern beträgt der Anteil der Energiekosten am Jahresnettoeinkommen zwischen 7 und 11%. Bei niedrigen Einkommen zwischen 1o und 16%. Man sieht eines wieder mal: der Strom macht den kleinsten Anteil der Energiekosten aus. Die liegen in erster Linie bei der Raumwärme und vor allem bei den Treibstoffkosten. Jeder zweite Haushalt ist in Deutschland übrigens gasversorgt. Hier die zwei dazugehörigen Graphiken, aus denen ich die oben genannten Stromanteile berechnet habe:

energiekostenanteile_durchschnitt

Hier die Graphik mit den einkommensschwachen Haushalten, ebenso aus dem Monitoringbericht der deutschen Bundesregierung.

Wie Spiegel Online kürzlich berichtet, hat sich die Situation für Öl- und Gasheizer deutlich verschärft. Haushalte, die mit Heizöl heizen, hatten 2012 die höchsten Kosten ever.

Die Verhältnisse sind in Österreich übrigens nicht unähnlich. Die Energiekosten steigen. Aber auch hier hat der Strom nur einen geringen Anteil. Und der Ökostrom-Zuschlag ist völlig vernachlässigbar. Die steigenden Kosten werden angetrieben von jenen Bereichen, die von fossiler Energie am meisten abhängig sind. Also Treibstoff und Raumwärme. Angesichts von über 700.000 Ölheizungen, die z.B. völlig unverständlicherweise  im Energiepreismonitoring der Arbeiterkammer nicht erfasst sind, ist völlig klar, worüber man eigentlich diskutieren sollte, wenn man über den Preistreiber Energie spricht.

Es wird Zeit, dem teils irrationalen und weitgehend von Eigentinteressen beflügeltem Lobbyismus gegen die Energiewende im Strombereich etwas entgegen zu setzen. Z.B. klare Verhältnisse, wenn wir über Kosten reden.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass Österreich auch einen Monitoringbericht zur Energiewende bräuchte, der von unabhängigen Fachexperten begleitet wird.





Geht es wirklich um “Climate Crimes”? Eine Kritik zur laufenden Doku

12 02 2013

Aktuell ist im deutschprachigem Raum die Doku „Climate Crimes“ des Umwelt- und Naturschützers Ulrich Eichelmann zu sehen (vergangene Woche auch im ORF/„Kreuz & Quer“). Der Film beleuchtet einige Beispiele  von Umwelt- und Naturzerstörung, die – wie er suggeriert – im Namen des Klimaschutzes erfolgen. „Climate Crimes“ wird teils intensiv diskutiert und hinterlässt manch verstörten Besucher. Das regt zum Nachdenken an, kann aber meiner Meinung auch eine falsche Botschaft hinterlassen.

Ohne mich als Dokumentarfilmkritiker zu sehen, erlaube ich mir wie beim Film Bulb-Fiction einige inhaltliche Anmerkungen. Denn der Film ist inhaltlich im Kern hochinteressant, bringt richtige Fakten und starke, emotionalisierende Bilder, aber meiner Meinung nach kontextualisiert er falsch, indem Klimaschutz pauschal mit Umweltzerstörung gleich setzt. Das ist natürlich eine PR-technisch interessante Botschaft, aber die Pauschalisierung ist angefangen beim Titel mehr als heikel. Denn meiner Meinung ist der Antrieb der meisten genannten Projekt nicht der Klimaschutz, sondern schlicht und ergreifend Profitinteressen in massiv wachsenden Ökonomien und aufstrebenden Industriezweigen. Und das hat viel weniger mit der teils berechtigen Kritik an Green Growth Konzepten zu tun als im Film resumiert wird.

Vorweg zum Film, damit klar ist, worum es geht:

Die “Reise zu den Tatorten der grünen Energie” begibt sich auf folgende Stationen:

  • Brasilien im Amazonas Regenwald, wo der gigantische Belo-Monte-Staudamm (unglaubliche 11.000 MW) am Xingu-Fluss eine Waldfläche größer als der Bodensee überschwemmen soll und damit viele Arten bedroht und 20.000 Menschen zum Umsiedeln zwingt.
  • In die Türkei, wo der Ilisu-Damm durch die Umleitung des Tigris nicht nur eine der ältesten Städte Anatoliens, Hasankeyf, zerstört, sondern südlich im Irak auch zur Austrocknung der mesopotamischen Sümpfe führen wird, die Lebensgrundlage für viele Menschen ist.
  • Nach Deutschland, wo riesige Mais-Anbauflächen Grundlage für die Gewinnung von Biogas sind.
  • Indonesien, wo in Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo, der Regenwald riesigen Palmölplantagen Platz machen muss und die letzten Orang Utans ihren natürlich Lebensraum verlieren.

Um es gleich vorweg zu sagen: jedes der genannten Projekte ist kritikwürdig.  Aber es ist nicht der Klimaschutz, der dafür verantwortlich zu machen ist. Konkreter:

Sind es wirklich Climate Crimes?

Im Standard-Interview erläutert Eichelmann, “warum der derzeitige Klimaschutz Mensch und Natur mehr schadet als der Klimawandel“. Und hier passiert der Fehler, denn die genannten Projekte stehen meiner Meinung nach nicht für den “derzeitigen Klimaschutz”. Der Klimaschutz, der sich ja international politisch eben nicht durchsetzt, sondern dramatischerweise massiv opponiert wird, hat nur bedingt mit der Entstehungsgeschichte der genannten Projekte zu tun, wiewohl er manchmal missbräuchlich als Argument eingesetzt wird. Diese Differenzierung ist aber wichtig. Inhaltlich verweist der Film richtigerweise auf einen relativ hohen Treibhausgas-Impact der Projekte (z.B. durch die Methanfreisetzung der zuvor gefluteten Stauseen und die Abholzung der Regenwälder).

Als Anlaß zur Beweisführung nutzt Eichelmann die Klimakonferenz in Cancun und spricht mit einzelnen Teilnehmern. Die sind aber auch nicht repräsentativ für Klimaschutz. Man muss dazu sagen, dass bei diesen Konferenzen mehr als 10.000 TeilnehmerInnen dabei sind, von denen viele als NGOs gewertet werden, die aber nur teilweise zivilgesellschaftliche Organisationen sind. Auch Interessens-Vereinigungen aus dem Businessbereich sind zu Tausenden dabei. Die stehen für Eigeninteressen und Business-Repräsentanz, aber nicht für echte Klimaschutzinteressen. Das ist auch eine Lobbyingveranstaltung. Es wär fair, dies auch nicht anders wirken zu lassen.

Wachstum als “major drive”

Was ist der Treiber für die genannten Projekte?

Es sind wirtschaftliche Interessen und meist der Energiehunger aufstrebender Regionen und Staaten, die neue Energiequellen erschliessen. In Brasilien ganz spezifisch auch durch den enormen Energieverbrauch im Bergbau und insbesondere durch die stark wachsende Aluminiumindustrie. Es wird prognostiziert, dass in den kommenden Jahren der brasilianische Stromverbrauch um mehr als 500 Terawattstunden (Twh) bis 2020 ansteigen wird. Brasilien ist ja nicht ein kleines, unbedeutendes Land, sondern wir reden von der weltweit sechstgrößten Wirtschaftskraft, die enorm hohes Wirtschaftswachstum (meist über 4% jährlich) aufweist, starke  Exportzuwächse verzeichnet und seine Leistungsbilanz in den vergangenen zehn Jahren deutlich verbessert hat. Siehe unter anderem einige beeindruckende Zahlen im Länderprofil “Brasilien” der Wirtschaftskammer.

Es geht um Wachstum für ganz konventionelle Industriezweige und nicht um nette Klimaschutzprojekte. Es geht auch nicht einmal um das im Film angesprochene Green Growth. Es geht nur um economic Growth!

Dass eine Sprecherin von Electrobas wie im Film am Rande des Klimakonferenz in Cancun die brasilianische Wasserkraft Projekt als sauber und grün verkauft, mag sein, aber das ist weder der Kern noch der Antrieb für das Projekt. Oder anders: auch ohne jegliches Klimaschutz-Comittment gäbe es die Riesenstaudamm-Projektpläne.

Nicht viel anders ist es bei Ilisu. Der Stromverbrauch der Türkei steigt um über 7% jährlich. (siehe auch steigender pro Kopf Energievebrauch) Die Kosten für Energieimporte werden ebenso immer höher. Erklärtes Ziel der Projektbetreiber ist mehr Wachstum, Infrastruktur, weniger Energieimporte. Klimaschutz ist weitgehendst kein Thema.

Insofern ist es irreführend, wenn im Film reißerische Textpassagen kommen wie:

Ist das der Preis für den Schutz des Klimas?”, “Todesursache: Klimaschutz.”, “Menschen würden verdursten, in Folge grüner Energie

Dass sich die letzten Minuten der TV-Fassung noch mit Wachstumskritik und den ökologischen Grenzen auseinander setzen, ist OK, aber es ändert nichts am gesamten Klimaschutz-fokussierten Frame des Filmes.

Ähnlich aber doch anders verhält es sich bei den anderen Beispielen. Tatsächlich hat es in Deutschland einen enormen Biogas-Boom gegeben, der jedoch 2012 nach einer Beschränkung für Mais im deutschen EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) deutlich abflachte. (siehe Zahlen der deutschen Biogasvereinigung) Dies wird möglicherweise für die Verarbeitung im Film ein zu aktueller Trend gewesen sein, ist aber wichtig, weil nun verstärkt Kriterien berücksichtigt werden. Weiters wird meiner Erinnerung nach im Film nicht erwähnt, dass der Anteil der energetischen Nutzung im Vergleich zur Futtermittel-Produktion immer noch relativ gering ist. Schauen wir uns die Zahlen des absoluten Boomjahress 2011 an: Die Gesamt-Ackerfläche für Silo- und Körnermais machte deutschlandweit insgesamt 2,5 Mio. Hektar aus. 1,8 Mio. Hektar dienen der Futtermittelgewinnung. Energiemais für die Biogasproduktion macht 2011 ca. 0,7 Mio. Hektar aus. (Quelle: Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe) Wie gesagt, aufgrund der Kritik und der mittlerweile tatsächlich bestehenden Flächenkonkurrenz wurde das Wachstum nun begrenzt.

Unerwähnt bleibt auch, dass Energiemais nur eine Form der Biogas-Nutzung darstellt. Die z.B.sinnvolle Verwertung landwirtschaftlicher Abfälle (oder sonstiger biogener Abfälle – etwa in Kommunen) zur Produktion von Strom und Wärme bleibt völlig unerwähnt. Diese Form der Pauschalisierung ist kontraproduktiv.

Berechtigt ist die Kritik an der Palmöl-Gewinnung in Indonesien. Aber es ist auch hier anzumerken, dass der größte Teil des Palmöls von der Nahrungsmittelindustrie verbraucht wird. Zu finden ist es als “pflanzliche Öle” in Backwaren, Fertiggerichten (z.B. Pizza, Suppen), Chips, Aufstrichen, Schokoware, Margarine etc. Auch in der chemischen Industrie spielt Palmöl eine wichtige Rolle. Ja, die energetische Nutzung ist zusätzlich hinzukommen und sie ist klimapolitisch kritisch zu sehen. Die Treibhausbilanz ist immer sehr stark von der Art der Flächennutzung abhängig und von der Gesamtenergiebilanz. Das im Film portraitierte Indonesien ist mit rund 23 Millionen Tonnen pro Jahr zum weltweit größten Hersteller von Palmöl geworden. Die Motivation der Regierung:  Motor für wirtschaftliche Entwicklung in ländlichen Gebieten (3 Millionen Beschäftigte), Steigerung der Exportquote (Hauptabnehmer EU und Indien), konkrete Business-Interessen etc.

Kein zentraler Motor: Klimaschutz.

Fossile reiben sich die Hände

Bei aller persönlicher und inhaltlicher Wertschätzung für den ausgewiesenen Experten und Aktivisten Ulrich Eichelmann, scheint mir diese Form der Pauschalierung und des Framings informativ, aber kontraproduktiv. Nicht der Klimaschutz zerstört die Natur, sondern – wie zuletzt im Film angemerkt – das ungebremste Wachstum und Profitinteressen,  wobei wir als westliche Industriewelt der Intention insbesondere in Schwellenländern ja auch schlecht entgegen treten können. Der Konflikt Öko gegen Öko ist nicht das zentrale Gefecht, wiewohl sich schon einige der Klimaskeptiker des Filmes mit Vergnügen annehmen. Siehe etwas das Posting zum Film der Global Warming Policy Foundation oder auch des Blogs NoTricksZone. Jetzt darf man deren Rolle nicht zu ernst nehmen. Aber es ist schon schräg, dass die fossile Industrie nach und nach ihr Schiefergas- und Tight Oil Revier erobert, die mediale Landschaft vereinnahmt (siehe Das Imperium schlägt zurück), ganz spitz ist auf die Ausbeutung des Amazonas (siehe Amazonas Beitrag im Oil & Gas Journal oder die Potenzialkarte in der Welt) und wir führen den Öko vs. Öko-Konflikt. Dass die inhaltlich in “Climate Crimes” aufgeworfenen Fragen relevant sind, ist keine Frage. Dass es eine Grenzziehung geben muss, ebenso:

Antworten auf bestehende Zielkonflikte

Dieser Blogbeitrag soll keinen Wischi-Waschi Kompromiss abbilden, sondern letztlich geht es wie häufig auf Guensblog um ein Plädoyer für Differenzierung. Wie mehrmals erläutert sind viele Umweltfragen höchst komplex. Wer auf einfache Antworten auf komplizierte Probleme hofft, wird scheitern. Es braucht Lösungen und einen Diskurs, der fähig ist, zu differenzieren und das eigentliche Problem benennt. Und das ist nicht der angewandte Klimaschutz, sondern der fehlende Klimaschutz.

Daher ist es auch nicht zu verschweigen, dass die sogenannte Energiewende tatsächlich Zielkonflikte mit sich bringt. Der Ausbau der Wasserkraft ist ein Teil davon. Fragen der Flächennutzung ein anderer. Für viele zählen z.B. auch Landschaftsbildfragen dazu. Bei dieser letztgenannten Frage bin ich ehrlich gesagt relativ Hardcore auf Seiten der Erneuerbaren. Grenzziehung muss manchmal auch manchmal Grenzerweiterung.

Daher ist es wichtig, den Weg zu skizzieren, wie der Weg raus aus der fossilen Energienutzung aussieht. Dazu gehört einerseits die deutliche Reduktion des Energieverbrauchs aber auch ein massiver Ausbau erneuerbarer Energie. Dort wo es Interessenskonflikte etwa mit dem Naturschutz gibt, braucht es klare Kriterien, an denen sich die Energiewirtschaft orientieren muss. Ich bin auch nicht der Meinung, dass man in Österreich jedes Fließgewässer zubauen muss, sehe aber sehr wohl noch Potenzial für den weiteren Ausbau.

Viel gäbe es dazu noch zu sagen, aber der Beitrag ist eh schon zu lang.

Letztlich und wiederholt: Die Energiewende ist viel mehr als eine technische Frage. Er ist ein kulturelles Projekt, das auch in unser Konsumverhalten eingreifen wird. Das Schwarzenegger Modell – “Klimaschutz ist nur super, wenn ich mit meinem Pflanzenöl-betriebenem Hummer weiterfahren darf” – wird ebenso scheitern. Denn genau hier greifen die Ressourcengrenzen.

Dieser Diskurs ist zu führen. Aber bitte nicht, indem der Klimaschutz pauschal für etwas verantwortlich gemacht hat, was er nicht zu verantworten hat.

(Eine weitere Auseinandersetzung mit dem Film ist auf klimaretter.info zu lesen.)





Der Shale Hype: Das Imperium schlägt zurück

29 01 2013

Wer die internationalen Medien zur Entwicklung der Energiemärkte verfolgt, wird signifikante Änderungen in der Schwerpunktsetzung festgestellt haben. Die Debatte rund um die Energiezukunft dreht sich in eine völlig andere Richtung. Schiefergas (Shale Gas) und Schieferöl (Tight Oil) geben nun den Ton an. Auch vor Österreich wird diese Trend nicht Halt machen. In diesem Beitrag geht es nicht nur um hochbrisante inhaltliche Dimension der nicht-konventionellen Gewinnung von Öl und Gas, sondern auch darum, wie sehr sie die medienöffentliche energiepolitische Diskussion beeinflusst und von den Proponenten der Energiewende keineswegs unterschätzt werden darf. Denn justament in Zeiten, wo es um massive Investitionen in die Energieinfrastruktur der Zukunft geht, ist das kein Zufall.

Terry Macalister, seit vielen Jahren beim Guardian verantwortlicher Redakteur für Energie, schrieb in einem Tweet im Dezember 2012:

“In two decades I have never come across such heavy lobbying than for shale gas. What a pity renewables cant get that financial muscle.

Und tatsächlich ist dies kein britisches Spezifikum. Shale ist international das große Energiethema. Erst vor wenigen Tagen – am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos – haben die Ukraine und Shell einen 10Mrd US-D Deal zur Gewinnung von Schiefergas präsentiert, der das Land mit dem drittgrößtem Schiefergaspotenzial in Europa erschließen soll. Die Fragezeichen, die dahinter stehen  – es beginnt ja erst die Exploration – sind nicht mehr öffentliches Thema. Shell Generaldirektor Peter Voser sagt in diesem BBC-Interview, dass man erst nach der Exploration entscheiden könne, ob die Kosten der Gewinnung überhaupt marktkompatibel seien. Ein entscheidender Punkt: denn ua durch unterschiedlichen geologische Voraussetzungen variieren die Kosten der Shale Gas Gewinnung enorm.

Die Rolle des IEA World Energy Outlook

Der World Energy Outlook 2012 der Internationalen Energie Agentur (siehe ua eine Analyse auf Guensblog) hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Zug in diese Richtung abfährt. Die Kernbotschaft wurde in die ganze Welt gespinnt: Die USA werden dank unkonventioneller Öl- und Gasgewinnung “energieunabhängig”! Dass dies bei genauer Betrachtungsweise zwar nur dank des signifikant sinkenden Energieverbrauchs zu bewerkstelligen ist, wurde kaum mehr kommuniziert. Aber dennoch sei auch an dieser Stelle festgehalten: die Trendwende in den USA ist tatsächlich bemerkenswert. Auch wenn noch nicht abschätzbar ist, wie lange diese Entwicklung anhält, so denke ich auch, dass er von Peak Oil Experten unterschätzt wurde. Hier eine Graphik der US Energy Administration zur Shale Gas Entwicklung der vergangenen Jahre:

USShaleGasProd

Die Implikation des Booms sind weitreichend. Kommuniziert werden 600.000 neue Jobs in den USA; mit Ziel 3 Millionen bis 2020. Da Erdgas in den USA billig ist, der Strompreis für die Industrie ebenso, werden energieintensive Branchen in die USA gelockt (die Voest folgt diesem Ruf); insbesondere die chemische Industrie feiert ein US-Revival, was sich auch in Anlage- und Investmentstrategien niederschlägt (siehe Welt Artikel)

Der World Energy Outlook, mit Fatih Birol als Chief Economist als wichtigsten Kommunikator, der nun wochenlang schon mit dieser Botschaft auf Welttour ist, gibt der Öffentlichkeit die Sicherheit, dass sich dieser Trend durchsetzt. Dankenswerterweise vergisst Birol nicht darauf zu erwähnen, dass wir alle Klimaziele verpassen, aber dieser redundanten Botschaft fehlt wohl die mediale Attraktivität.

Die Shale Diskussion in Europa – ist der US Boom transferierbar?

Die Schiefergasdebatte ist schon länger in Europa angekommen; es gibt in einzelnen Staaten (etwa Frankreich) Förderverbote aufgrund von Umweltbedenken (Grundwasserverschmutzung); andere wie Polen wollen bei Non-Conventionals einsteigen. Die Kommission berät heuer gemeinschaftliche Strategien.

Es wird medial großer Druck aufgebaut. Europa würde Terrain verlieren, wenn es sich den Non-Conventional verschliesst. (siehe FT-Artikel va zur Petrochemie oder Europe must be sold on shale´s merits) Auch in Österreich wird diese Meinung mittlerweile stark vertreten. (siehe ua OÖN “Österreich kann auf Schiefergas nicht verzichten oder Presse Interview mit OMV Roiss und Huijskes “In Österreich ist nicht mal Nachdenken erlaubt)” Es war kein Zufall, dass die OMV den World Energy Outlook 2012 in Wien präsentiert hat, sondern der perfekte Anlass den Shale Boom in Österreich zu platzieren.

Der Spin hat sich tatsächlich in den vergangenen Monaten gedreht. War vor einem Jahr noch von “Energieunabhängigkeit” die Rede, meinte man energieunabängig auf Basis Erneuerbare Energie. Jetzt ist dieser Begriff international vom Shale Boom vereinnahmt worden. Angesichts der gigantischen Summen, die für Energieimporte drauf gehen, kein Wunder, dass großes Thema ist. Wie ProPellets kürzlich aufgezeigt hat, importierte die Europäische Union nach Angaben der DG Energy im Jahr 2005 4.510 Milliarden Barrel Rohöl. im Jahr 2011 waren es durch Einsparungen und den Umstieg auf erneuerbare Energie nur mehr 3.870 Milliarden Barrel. Trotz der gesunkenen Menge stieg in diesem Zeitraum der finanzielle Aufwand der EU für Rohölimporte von 232 Milliarden $ auf 427 Milliarden $, ein Plus von fast 200 Milliarden $. Grund: der gestiegene Preis.

Nun ist die Shale Situation in Europa in vielerlei Hinsicht anders als in den USA. Exxon Mobile ist in Polen mit der Shale Exploration gescheitert (“no demonstrated sustained commercial hydrocarbon flow rates”/siehe FT-Artikel); die Umweltauflagen sind dankenswerterweise höher. Die Besiedelung ist meist dichter – auch in Nähe der vermuteten Shale Vorkommen. Auch die Preiszusammensetzung ist in Europa anders als in den USA. Dies alles ist sowohl in der Strategieentwicklung wie auch in der öffentlichen Debatte zu berücksichtigen. Diese Strategie braucht es auf politischer Ebene, denn was aktuell passiert, ist, dass die fossilen Multis schnell agieren und ihre Reviere sichern. (“We go where the resources are”  Peter Voser/Shell im oben erwähnten BBC Interview) Und angesichts der Tatsache, dass sich die Liste der gewinnstärksten Unternehmen der Welt wie ein Who is Who der Öl- und Gaskonzerne liest, ist klar, wie voll die Kassen gefüllt sind, um weitere Eroberungen abzuschließen. Doch wie schaut unsere Antwort darauf aus?

Was jetzt wichtig wäre:

  1. Don´t simply trust the hype! Dass der US-Shale Boom wie eine Blase zerplatzt (wie manche Experten meinen) glaube ich mittlerweile nicht. Es wird in einigen Regionen auf Teufel-komm-raus gefracked. Die Perspektive einer neuen Industrialisierungswelle ist in den USA zu verheissungsvoll. Aber dieser Weg ist nicht 1:1 transferierbar. Geologische, ökonomische aber auch politische Gründe sprechen dagegen und sind in der Analyse aber auch Berichterstattung zu berücksichtigen. Würde sich jeder industriell intendierte Medienhype schnell realisieren, müssten wir alle schon superflockigen Elektroautos rumkurven. Also: Ball flach halten.
  2. Es gibt Klarheit: Peak Oil wird das Klima nicht retten. Angesichts einer versagenden Klimapolitik war die Hoffnung da, dass die Implikationen des Peak Oil das Problem quasi von selbst lösen. Und tatsächlich ist der Peak Conventional Oil evident, ebenso wie das 4-fache Niveau des Ölpreises im Vergleich zu den Jahren vor 2008.  Aber dennoch: es ist noch genug gebundender Kohlenstoff in der Erde da, mit dem wir das Klima völlig ins Kippen bringen können. Ergo:
  3. Es braucht eine klare Priorität der Politik: Klimaschutz! Nicholas Stern, der im Jahr 2006 den weltberühmten Stern-Report zum Klimaproblem herausgegeben hat, meinte kürzlich sinngemäß: Ich hab mich damals geirrt beim Klimawandel. Es ist noch viel schlimmer als gedacht. Stern erläutert (siehe Guardian), dass wir aktuell Richtung 4Grad C globale Temperaturerwärmung hinarbeiten, was dramatische Konsequenzen mit sich bringt. Die internationalen Instrumente des Klimaschutzes versagen völlig. Der Shale Boom darf jedenfalls nicht losgelöst von der Klimafrage eingeschätzt werden. Wir haben es schlicht mit einem öffentlichen Comeback der Fossilen zu tun. (Real waren sie nie weg)
  4. Kommt es zum alten Konfliktmuster Umwelt gegen Wirtschaft? In gewisser Weise ja: viele der unkonventionellen Fördermethoden gehen mit massiven Umweltauswirkungen (neben dem Klimawandel) einher. Sei es durch den Einsatz von Chemikalien, gigantischem Wasserverbrauch aber auch durch die Erschließung neuer Gebiete – Stichwort Antarktis. Es braucht eine klare Trennlinie und NoGo´s, die Natur- und Umweltschutz voranstellen. An dieser Stelle sei auch auf den sehr gut aufbereiteten Greenpeace Bericht “Point Of No Return” verwiesen.
  5. Dem medialen Zerrbild etwas entgegen setzen: Was kostet welche Energiewende? Schiefergas billig – Erneuerbare teuer. So ist zur Zeit das mediale Abbild. Und es ist falsch. Wie der World Energy Outlook 2012 gezeigt hat, sind 2011 88 Milliarden US-D an öffentlichen Subventionen in Erneuerbare Energie gegangen (+24% im Vgl zu 2010) und 523 Milliarden US-D an öffentlichen Förderungen in fossile Energie (+30% im Vgl zu 2010). Auch die Diskussion zur Energiewende in Deutschland ist stark davon geprägt, dass die Ökostromumlage weitgehend dem Haushalt überantwortet wird. Es braucht Kostentransparenz. Es sind die fossilen Energieträger und eine verschwenderische Energiekultur, die Energiearmut forciert und zu hohen Kosten führt.
  6. Die Energiewende als kulturelles Projekt: Die Energiewende ist  mehr als der einfache Austausch von Energieträgern im selben System. Es geht auch um einen kulturellen Wandel, der den Verbrauch wieder stärker ins Zentrum rückt und der dezentralen Produktion mehr Bedeutung einräumt. Die Energiewende ist nicht von oben verordnet; sie geht von den Menschen selbst aus, die ihrerseites unabhängiger werden wollen und einen Beitrag für eine saubere zukünftige Energieversorgung leisten wollen.  Die vielen BürgerInnen-Beteiligungsprojekte sind ein gutes Beispiel dafür.
  7. Capacity Building: Österreich ist zwar in einer privilegierten Situation, weil die Erneuerbaren nicht nur das Rückgrat der Stromversorgung bilden, sondern auch auf hohe Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen. Dennoch hat man zur Zeit den Eindruck, dass es kaum eine politische wie auch Kommunikationsstrategie gibt, wie man auf internationaler Ebene der enormen Dynamik am Energiemarkt gerecht werden kann. Es ist wichtig, dem aktuellen Medienhype auch kritische Analyse entgegen zu halten. Sei es aus den konventionellen Institutionen heraus oder auch durch neue Akteure.
  8. Es braucht eine Strategie zur enormen Dynamik am Energiemarkt. Shale Hype, Ökostrom Boom, geopolitische Verschiebungen, Klimakrise. Man hat den Eindruck, dass die Politik diesen Trends, die tatsächlch viel Veränderbarkeit mit sich bringen, ohne klare Strategie gegenüber stehen. Dabei haben die Erneuerbaren in den vergangenen Jahren enorm viel erreicht. Auch in Österreich. Die Vorteile der erneuerbaren Energiewende liegen auf der Hand: Klimaschutz, regionale Wertschöpfung, Beschäftigungspotenzial, mehr Unabhängigkeit.Es wird jedoch noch mehr Dynamik kommen. Innovative Speichertechnologien, effizientere Verfahren, Siedlungsentwicklung, neue Marktmodelle – durch eine Fortschreibung der gängigen Konzepte werden wir den Weg in eine nachhaltige Energieversorgung verpassen. Wir müssen schneller und in der Analyse besser werden. Das ist Aufgabe der Politik, aber auch der öffentlich agierenden Institutionen. Sonst haben andere das Heft in der Hand. Mit Eigeninteressen. Die Energiefrage ist aber viel zu wichtig, um sie Eigeninteressen anderer zu überlassen.




Guensblog Top5 – Music 2012

27 12 2012

Wenige Tage vor Neujahr: Die Jahresrückblicke sind meist schon abgespult; die Listen und Rankings geniessen Hochkonjunktur. Der New Yorker hat soeben sowas die Liste der Listen aller Zeiten veröffentlicht. Jene von Guensblog finden sich natürlich nicht auf einer Liste wieder, auf der es die Wine Spectators Top 100 auf Platz 84 und Rolling Stones´Top 500 Alben aller Zeiten auf Platz 81 schaffen. Nicht mal die zehn Geboten haben´s unter die Top 3 geschafft.

Sei´s drum. Ich werde heuer zwei resumierende Postings machen, einerseits den alljährliche Musikrückblick und andererseits im nächsten Beitrag ein inhaltliches Resumée über das abgelaufene Jahr mit einigen Social Media Top 5 (ein neues Unterfangen)

Ich lese gerne die Musik-Listen diverser Medien und Blogs, stelle aber fest, dass es immer weniger Übereinstimmung mit meinen Präferenzen gibt.  Das macht gar nichts, denn mit der Zeit ist es gut, sein eigenes Referenzsystem zu basteln und dennoch jene anderer Quellen zu nutzen, um auf Unentdecktes, Nicht-Berücksichtigtes oder gar Neues zu kommen. Dies ist eigentlich der wichtigste Zweck der jährlichen Top 5. Falls es wen  interessiert, die aggregierte Version (samt Spotify Playlist) und eine Übersicht diverser Musiklisten hat giga.de veröffentlicht. Auch inspirierend jedes Jahr die Jahresliste  von metacritic.com.

2008, 2010 und 2011 hat es schon Guenblog-Listen gegeben. Es ist interessant, die alten Beiträge nochmals zu lesen. 2011 war rückblickend betrachtet kein gutes Musikjahr. Hingegen gab es 2008 in der “Best “Wow! Never Heard Before – Artist” 2008” Kategorie mit Efterklang eine Band, deren Werk mich tatsächlich kontunierlich weiter begleitet hat. Wie sehr Musik mit der eigenen Geschichte verknüpfbar, habe ich versucht, in einem Posting an Hand des Jazzfestival Saalfelden zu exemplifizieren. Darum geht´s irgendwie.

So then, here we go:

Top 5 Tracks of 2012

Extrem schwierige Selektion in einem starken Musikjahr mit guten Neuerscheinungen. Alle genannten Top 5 Listen sind übrigens nicht gereiht.

Heave von The Maccabees: Ein Highlight eines ausgezeichneten Albums der britischen Band, die ich davor noch nicht am Radar hatte.

Point Of No Return von Tina Dico: Diese Dänen – sie schaffens häufig auf diese Liste. Außergewöhnliche, kraftvolle Stimme, die grad bei ruhigen Nummen wie Point Of No Return bestens zur Geltung kommt. (Youtube Link zu einer Akkustik Aufnahme in Kopenhagen)

Dreams Today von Efterklang: Schon wieder Dänen. Während ich – wohl ob der Erinnerungen an famose frühere Konzerte – heuer vom etwas zu glatten Gig leicht enttäuscht war, sind einige der neuen Nummern von Piramida nicht nur aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte stark. Dreams Today beginnt mit den Geräuschen von Laufschritten über einen Steg, die den Rhythmus der Nummer vorgeben.

Violently von Archive: Auch hier eine schwierige Entscheidung zwischen drei Nummern des neuen Albums. Letztlich ist es Violently, weil sie die unterschiedlichen Qualitäten der Band vereint. Auch dank der neuen, zusätzlichen Sängerin Holly Martin (Archive haben als Kollektiv vier Sänger/Innen).

Rowboats von Regina Spektor: Der Song ist schlicht exzellent geschrieben, gespielt und programmiert.

 

Top 5 Albums of 2012

Rhythm and Repose von Glen Hansard: Eigentlich das erste Solo-Album des irischen Sängers. Die Frames, deren Frontman Hansard gewesen ist, waren früher schon Favoriten von mir. Das neue Album unter eigenem Namen samt  Band ist erste Klasse. Hier ein Mitschnitt auf Youtube eines Konzerts in Bremen:

Given To The Wild von The Maccabees: siehe oben

Thread Of Life von Magnus Öström. Das Album des ehemaligen E.S.T Schlagzeugers, ist schon 2011 erschienen, hat sich aber erst 2012 bei mir eingespielt. Viele Sounds erinnern an die  E.S.T. Ära, die leider nach dem tragischen Tod von Esbjorn Svensson viel zu früh beendet werden musste. Dennoch ist Thread of Life ein hocheigenständiges Werk, das für die Zukunft noch einiges erwarten lässt. Apropos E.S.T.: Mit 301 ist heuer ein ebenso großartiges Nachlasswerk veröffentlicht worden, das bislang unveröffentlichtes Material einer Session rund um Leucocyte zu Tage bringt.

Theatre is Evil von Amanda Palmer & The Grand Theft Orchtestra. Cool war Amanda Palmer bislang  schon, aber mit dem Album zeigt sie insbesondere dank der neu zusammengestellten Band mehr Facetten, gutes Songwriting und breit aufgestellte Instrumentierung. Dank Kickstarter Projekt ist auch die crowdfunded Finanzierung des Albums denkwürdig.

FAT von Alexander Machacek, Raphael Preuschl und Herbert Pirker. Es ist schlicht eine Freude, zu sehen, wie sich drei österreichische Musiker, deren Schaffen man seit Jahren verfolgt, musikalisch weiterentwickeln. Machacek hat von LA aus die Gitarristengazetten erobert, Preuschl und insbesondere  Pirker sind nicht nur im Porgy regelmässig in unterschiedlichsten Konstellation auf der Bühne zu sehen. Großartige Scheibe mit extrem komplexen aber dennoch geniessbaren Tracks. Das vielleicht nicht völlig durchchoreographierte Promo-Video, lässt einen reinschnuppern:

 

Top 5 Concerts of 2012

Amanda Palmer and the Grand Theft Orchestra. 5. November 2011, Arena Wien.
Trotz schwerer Bronchitis von AFP ein auch dank einiger Sonderperformances von Mitmusikern außergewöhnliches Konzert. Die Improvisationsfähigkeit und exzessive Interaktion mit dem Publikum wird auch bei diesem Video des Konzerts in Paris augenscheinlich. Die Umstände waren ähnlich jenen in Wien.

Tina Dico, 17. Oktober 2012, WUK Wien.

Nicht nur weil Wegbegleiter Helgi Jonsson ein klasser Kerl ist. Starker Live-Auftritt.

Clara Luzia & Band, 4. August 2012, More Ohr Less, Lunz am See

Für mich eine kleine Überraschung, weil ich Clara Luzia zwar bislang OK fand, aber so richtig überzeugt war ich noch nicht. Der Abend hat meine diesbezügliche Wahrnehmung verändert. Die Band hat sich enorm weiter entwickelt. Das Ambiente auf der beschaulichen Seebühne hat ebenso zur idyllischen Gesamtstimmung beigetragen. Starke neue Platte auch!

Christian Muthspiel 4 feat. Steve Swallow, 23. August, Jazzfestival Saalfelden

Eine hochspannende Annäherung an die Renaissance Musik von John Dowland. Siehe Guensblog Beitrag zu Saalfelden 2012.

Archive, 26. November 2012, WUK Wien.

Es ist manchmal knapp am Abdriften in kaum erträglichen Schnulz bei dieser Band, aber sie kratzen jedes mal die Kurve und fetzen dann kraftvoll, elektronisch gestützt und mit viel Druck raus. Ein Mitschnitt von drei neuen Nummern, aufgenommen in Paris, verdeutlicht diese Dynamik

 

Top 5 – New Discoveries of 2012

RED Trio: Die portugiesische Improvisations-Jazzszene war mir bislang eher unbekannt. Dank Saalfelden gibt es nun einen Anker.

Giantree: Wieder was aus Österreich. Starkes Album, das auch live standhält. Communicate ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür.

Jherek Bischoff: Der Bassist von Amanda Palmers Grand Theft Orchestra zeigte im Vorprogramm des Arena-Konzerts seine Fähigkeiten als Komponist und Arrangeur. Sein Album “Composed” mit einigen prominenten Gästen wäre auch auf der Alben-Liste gelandet. Für mich sowas wie DIE Entdeckung des Jahres. Hier ein Eindruck:

Kasar: Hier gilt das gleiche wie bei Jherek Bischoff. Eher zufällig bei einem Konzert auf ihn gestossen. Bei Pianist Arnold Kasar war es gleich zwei mal, in Lunz und im Porgy. Ausgezeichnetes Album “Put A Light On Me”. Hier “En Automne” als Beispiel:

Ramona Falls : Brent Knopf war viele Jahre Teil von Menomena, die auf der Best of Liste 2010 zu finden sind. Nun kümmert er sich nur mehr um sein eigenes Projekt, Ramona Falls, und ehrlicherweise überzeugt mich dieses Album deutlich mehr als die neue Menomena Scheibe.

Also, irgendwen  habe ich sicher vergessen. Wenn´s ganz arg ist, wird das noch ergänzt 😉