Blick über den großen Teich, Teil 2: Shale Economy – Spiel mit falschen Erwartungen

27 03 2014

Etwas später als erhofft folgt nun Teil 2 der Guensblog-Serie zum US Shale Boom. Teil 1 setzt sich vor allem mit der Klimaschutz-Perspektive auseinander und mit der Frage, inwieweit Schiefergas Kohle ersetzt. Im aktuellen Beitrag geht es um einige ökonomische Aspekte in der Bewertung der Schiefergas Entwicklung. Die aktuelle politische Lage rund um die Russland/Ukraine-Krise wird angesichts der enormen Importabhängigkeit vieler europäischer Staaten von Russland die Schiefergas-Debatte in Europa intensivieren. Relevant scheint mir: welche Erwartungshaltungen an die mögliche Shale-Förderung in Europa sind realistisch?

Europa ist abhängig von fossilen Energieimporten. 54% der in Europa genutzen Energie muss importiert werden. Die Kosten dafür steigen deutlich. Nicht, weil die Importmenge in den vergangenen Jahren so dramatisch gestiegen ist, sondern weil die EU-Staaten nach dem enormen Ölpreisanstieg – ich wiederhole mich, aber die möglicherweise wichtigste Veränderung der vergangenen zehn Jahre am Energiemarkt! – jährlich mehr als 500 Milliarden Euro netto für fossile Energieimporte ausgeben. Das sind 200 Milliarden Euro mehr als noch vor wenigen Jahren. Österreich ist übrigens zu rund zwei Drittel von Energieimporten abhängig. Die Kosten dafür liegen bei jährlich netto ca 13 Milliarden Euro. (Brutto – also ohne Einbeziehung des Wertes von Energieexporten – sind es 17 Milliarden Euro gewesen, Stand 2012)

Die Abhängigkeit ist bei Gas, aber noch mehr bei Ölimporten zu spüren. (geredet wird aufgrund der Russland/Ukraine-Krise aber nur über Gas, weil 50% des russischen Erdgas nach Europa durch die Ukraine transportiert wird; deutlich weniger ist es bei Rohöl) 2012 importierte Österreich Gas im Wert von rund 3,5 Milliarden Euro und Rohöl- bzw. Rohölprodukte im Wert von 8,8 Milliarden Euro.  70% der österreichischen Gasimporte kommen dabei aus Russland bzw. – wie der Mineralölbericht ausweist – den GUS-Staaten (bei einer Importquote von 85% ist Österreich damit zu 57% von Russland/GUS-Gas abhängig).

Man hat also guten Grund, über Alternativen nachzudenken. Also z.B. darüber, ob Schiefergas mittels Fracking, eine realistische Option ist. Werfen wir also einen Blick in die USA, wo Shale tatsächlich die Energie-Landschaft massiv verändert hat:

 Shale-Boom = Shale Gas + Light Tight Oil

Ein Blick auf die produzierten Mengen zeigt, dass tatsächlich die vielzitierte Post abgegangen ist.  Hier zwei Graphiken aus der lesenswerten Studie des Geologen David Hughes für das Post Carbon Institute. (Drill, Baby, Drill)

Graphik: Anstieg der US Schiefergas-Mengen zwischen 2000 und Mai 2012

(Quelle: David Hughes, Drill)

http://www.postcarbon.org/drill-baby-drill/

Graphik: Anstieg der nordamerkainsichen Schieferöl-Mengen zwischen 2005 und Anfang 2014  (Quelle: EIA)

Dabei sollte man eine Sache bedenken. Alle reden über Schiefergas. Aber nicht weniger wichtig ist die deutlich erhöhte Ölproduktion aus Shale Feldern. Die Graphik zeigt, dass die USA mittlerweile über 3 Mio Barrel/Tag Light Tight Oil produzieren. Eine beachtliche Menge mit Folgen für den Weltmarkt. Die Menge entspricht über 4 Prozent der Rohölproduktion am Weltmarkt.

Tatsächlich haben die erhöhten Mengen dazu geführt, dass – wie schon in Teil 1 erläutert – die Kluft zwischen Produktion und Verbrauch in den USA zurückgegangen ist. Zur viel zitierten Energieunabhängigkeit wird es zwar nicht reichen, aber die Importkosten konnten dadurch reduziert werden.

Graphik: Entwicklung von US-Gesamtenergieverbrauch und US-Produktion seit 1980 (Daten EIA)

usenergy

Laut dem Buch “Fueling Up” lagen die US-Ausgaben für Energieimporte im Jahr 2012 bei 284 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Im Jahr 2008 lagen sie noch bei 408 Milliarden US-Dollar. (der Höhepunkt bei den Importkosten). Trotz der gestiegenen Eigenproduktion importieren die USA  derzeit ungefähr die gleiche Menge Öl wie vor 20 Jahren. Der Wert dessen ist jedoch sogar inflationsbereinigt drei Mal so hoch wie damals. Eine Reduktion der Importsabhängigkeit ist also für viele ein Gebot der Stunde. Wieder ist aber in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass dies auch der zumindest temporären Energieverbrauchsreduktion zu verdanken ist.

Dennoch ist vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die USA immer noch in beträchtlichem Nettoenergieimporteur sind, das Angebot, verflüssigtes Erdgas nach Europa zu liefern um die Abhängigkeit von Russland zu verringern, kritisch zu sehen. Erstens ist die Option teuer; zweitens um es mit Richard Heinberg zu sagen: “There’s just one tiny problem with all these fervent desires and good intentions. On a net basis, the US has no oil or gas to export.”

 

Boom oder Bubble: die Mär vom billigen Schiefergas

Eines der hartnäckigen Gerüchte, die sich halten, ist, dass Schiefergas günstig sei, was insbesondere mit dem deutlichen Unterschied zwischen US-amerikanischen und europäischem Gas argumentiert wird. Zu den Kosten von Fracking und Schiefergas sei auf diesen sehr interessanten Beitrag von Cornelia Daniel verwiesen, die auch auf die stets lesenswerte Seite des Energieanalysten Steffen Bukold verweist. Bukold verdeutlicht in seinem Global Energy Briefings immer wieder die enormen regionalen Unterschiede innerhalb des US-amerikanischen Gasmarkts hin.

Die enorme Produktionssteigerung aus US-Shale hat dazu beigetragen, dass die Gaspreise relativ gering bleiben. Mehr Angebot bei in den vergangenen Jahren niedrigerer Nachfrage (Krisenjahre nach 2008) sind die simple Ursache. Dazu massive Investments aus dem Kapitalmarkt, die nach dem Finanzcrash neue Zukunftsmärkte aufspüren und eine Öl- und Gasbranche, die zu den finanzstärksten und mächtigsten der Welt gehört.

Unbestritten ist: Der Öl- und Gassektor ist für den Kapitalmarkt nach 2009 noch wichtiger geworden. Zwischen 2009 und 2011 sind 41 Prozent aller gewerblichen Investitionen der USA in den Öl- und Gassektor geflossen. (Quelle: Fueling Up). Auch der britische Aktienindex ist ein Indikator:  Vor etwas mehr als zehn Jahren noch hatten Öl-, Gas- und Kohleunternehmen einen Anteil von rund zehn Prozent. Heute liegt er bei rund einem Drittel. (Quelle: Die Zeit “Bohren bis die Blase platzt“, Carbon Tracker). Hier wird auf Teufel-komm-raus gefracked mit einer klaren Erwartungshaltung: neue Markterschließung, neue Abhängigkeiten und in Zukunft will man auch Rendite sehen. Der Shale-Hype ist die Folge davon. Daher kommt auch der Begriff Bubble. Einerseits gibt es die Carbon Bubble, die platzt, wenn sich die Weltgemeinschaft zur notwendigen Reduktion der CO2-Emissionen verpflichtet und damit viele fossile Investitionen unrentabel macht; andererseits die Shale Bubble:

henryhubDenn hier kommt die nächste Frage: woher kommt die Rendite? Bei den US-Preisen vergangener Jahre ist Schiefergas nicht profitabel. Es ist schwierig, aus den besteheden Untersuchungen standardisierte Werte für den Break-Even rauszufiltern, denn kaum ein Schiefergas-Feld gleicht dem anderen. Manche Quellen sprechen von langfristig 4 $/MMBtu; manche von 7$/MMBtu. (Million British thermal unit) Die Preiskurve der vergangenen beiden Jahre zeigt notwendigerweise auch schon wieder nach oben. Parallel dazu sind laut IHS-Herold Analyse die Investitionen in neue Felder vergangenes Jahr signifikant zurückgegangen (siehe Sueddeutsche). Und strukturell ist relevant zu wissen:

  • 68% der gesamten US-Schiefergasproduktion kommt aus 3 Feldern
  • 74% der gesamten US-Schieferölproduktion kommt aus 2 Feldern  (Quelle: Hughes Präsentation Jänner 2014)

Die sogenannten Low Hanging Fruits werden zuerst abgeschöpft.

Dazu ist auch anzumerken, dass Shale bemerkenswerte Declineraten hat, d.h. es wird gleich zu Beginn der größte Output geschöpft und dann sinken die Förderraten rasch ab. D.h. um die Produktionsmengen aufrecht zu erhalten, wird simpel gesagt, ein Loch nach dem nächsten gebohrt. Die Anzahl der Bohrtürme wird weiter steigen, während die Produktionsraten nicht zwingend mitsteigen werden. Der Input erhöht sich; der Output aber nicht. Wie viele Jahre kann die Party dauern?

Klar ist: die Profitabilität ist bei US Light Tight Oil dank eines Weltmarktpreises rund um 100 US-Dollar/Barrel besser als bei Schiefergas. Man kann gespannt sein, wie sich die Kluft der unterschiedlichen Märkte noch auswirken wird. Der Ölpreis bleibt hoch; aber auch der Gaspreis wird zwangsläufig in den USA steigen müssen.

 

Job- und Wirtschaftswunder Schiefergas?

Der Schiefergas-Boom wird in der politischen Diskussion in Europa oft mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der USA in Zusammenhang gebracht und einer möglichen Re-Industrialisierung, die ihre Grundlage in billigem Gas bildet. Auch hier gilt es kritisch zu analysieren.

priceratiogasJa, die Price Disparity zwischen den unterschiedlichen Regionen bei Erdgas-Preisen ist gegeben. Siehe Graphik links aus dem World Energy Outlook 2013 der IEA. Aber wie oben beschrieben: die Gaspreise steigen aktuell in den USA relativ stark an. (nicht nur witterungsbedingt). 2012 hatten wir auch nach Meinung der IEA den Höhepunkt der Preiskluft zwischen Europa und den USA. Ob die Strategie der USA, mit billigem Gas energieintensive Industriezweige wie die Chemie-, Düngemittel- oder die Stahlindustrie anzuwerben, auch mittelfristig aufgeht, kann hinterfragt werden. Während man fälschlicherweise pauschal von der Industrie oder manchmal auch nur der energieintensiven Industrie spricht, ist genaue Differenzierung notwendig (für die in der politischen Debatte meist kein Platz ist) Der World Energy Outlook verweist auf die Unterschiede in den Anteilen der Energiekosten an den Gesamtkosten.

weo278

Wie die aktuelle hervorragende Studie im Rahmen von Climate Strategies zeigt (Mitwirkende ua London School of Economics, DIW Berlin und auch Prof. Stefan Schleicher vom Wegener Zentrum in Graz) auf Daten aus Deutschland basierend zeigt, sind Energiekosten nicht der entscheidende Faktor für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Für 92 Prozent der Industrie machen die Energiekosten nicht mehr als 1,6 Prozent der Kosten aus. Das bedeutet nicht, dass die anderen acht Prozent irrelevant sind, aber es relativiert sich doch einiges, wenn man die enorme Priorität möglichst unambitionierter Klima- und Energieziele auf der Agenda der Industrielobbys sieht. Oder wie ich mir erlaubt habe, in einem Presse-Kommentar zu fragen: wen vertreten eigentlich die Industrievertreter?

Welchen wirtschaftlichen Effekt hat also der Shale-Boom in den USA: Wieder aus Fueling Up: In jenen Gegenden, wo entsprechende Bohraktivitäten erfolgen, ist natürlich der Bedarf an Dienstleistungen und wirtschaftlichen Gütern gestiegen. Aber der US-weite Aufschwung wird viel mehr durch die verbesserte Gesamtsituation, insbesondere durch erhöhte Konsumausgaben getragen.

Was Jobzahlen betrifft, wird relativ willkürlich mit Zahlen herumgeworfen. Die Chemie-Industrie sieht zusätzlich 400.000 Jobs; Wood MacKenzie 1,4 Millionen Jobs bis 2030 durch Öl- und Gasboom (inkl Alaska). Mc Kinsey das Potentzial von 1 bis 1,7 Millionen bis 2020. IHS sieht gar 3,5 Millionen Jobs bis 2036. Alle Zahlen sind brutto zu verstehen; Netto-Effekte sind kaum mitberücksichtigt.

Bei aller gebotenen Vorsicht, zeigt ein Blick in die aktuelle US-Arbeitsmarktstatistik, dass in der industriellen Produktion vergangenes Jahr 77.000 neue Jobs geschaffen wurden, in der Öl- und Gasindustrie 26.000; zugleich aber in der Gastronomie 306.000.

Das Konzept der Reindustrialisierung durch billige Produktionsfaktoren erinnert an ein Zurück in die 60er und 70er Jahre. Im Gegensatz zu anderen Innovationen im Energiesektor hat der Öl und Gasboom keinen transformativen Effekt. Der Wechsel von Holz auf Kohle ermöglichte neue Arten industrieller Aktivitäten, weil der Energiegehalt der Kohle höher war und der Transport leichter. Die Entwicklung der Elektrizität hatte ebenso transformativen Effekt, weil Strom vielseitiger und flexibler ist. Öl ebenso. Aber der neue unkonventionelle Öl- und Gasboom bietet keine neue oder unterschiedliche Form des Wirtschaftens. Er ist nicht vergleichbar mit dem IT-Boom der 90er Jahre,  der komplett neue Anwendungen und Dienstleistungen ermöglichte. Das fossile Comeback kann hilfreich sein, wenn man das alte auf fossiler Energie aufbauende System noch irgendwie durch die Runden bringen will, aber bringt es auch den Strukturwandel, der zukunftsfähig ist? Nach aktuellem Stand muss man sagen: nein!

Und genau hier ist der Punkt, wo meiner Meinung nach eine europäische Energiewende greifen müsste:

 

Quo vadis, Europa?

Die EU ist also eingeklemmt zwischen der Abhängigkeit von russischem Gas (und auch Öl) und den nicht minder von Eigeninteressen geprägten Angeboten, Europa mit us-amerikanischem LNG (Liquified Natural Gas) zu beglücken bzw. die Schiefergas-Exploration voranzutreiben.

Und hier ist der Punkt: es gibt aktuell keinen Hinweis, dass ein Shale-Boom ähnlich den USA in Europa funktionieren könnte.

Ein Beispiel: Die österreichische RAG bohrt seit 2009 in Polen nach Schiefergas. Wie der Standard schreibt, wird aktuell der Rückzug überlegt. Grund: “wirtschaftlich nicht darstellbar”. Wie gesagt, Schiefergasfelder unterscheiden sich stark von einander . Unterschiedliche Geologie aber auch andere Flächennutzungen, höhere Bevölkerungsdichte, Umweltauflagen und die fehlende industrielle Infrastruktur sind Gründe, warum man die Erwartungshaltung an eine europäische Schiefergas-Gewinnung deutlich runterschrauben muss. Das Risiko, hier auf ein falsches Pferd zu setzen, ist auch ökonomisch hoch.

Wie Cornelia Daniel richtig schriebt, fehlt in Europa eine eigenständige Energiestrategie.  Was mit unterschiedlichen inneren (also nationalen bzw. kommerziellen) Eigeninteressen zu tun, aber auch damit, dass die Klarheit bei den Klima- und Energiezielen verloren gegangen ist. Weshalb der laufende 2030-Prozess umso wichtiger ist.

Mein Wunsch wäre, dass Europa sich der Eigenständigkeit und auch der eigenen Stärke besinnt. Eine Strategie, die darauf aufbaut, möglichst billige Produktionsfaktoren bieten zu können, ist ein Schritt zurück. Europa muss auf Effizienz, Innovation, die besten Köpfe und Klarheit bei idealerweise ambitionierten Zielen setzen. Hier hat Europa seine Stärken entwickelt. Man ist gerade dabei, jene zu verspielen.

 

Zusammenfassend:

  • Der US-Shale Boom trägt dazu bei, die Kosten für den Import fossiler Energie deutlich zu reduzieren. Ein zweiter Schlüssel dafür ist die Verringerung des Energieverbrauchs.
  • Wie lange der Boom anhält, ist schwer vorherzusagen. Es gibt ernst zu nehmende Indizien, dass die Party nach wenigen Jahren wieder vorbei sein wird. Es ist davon auszugehen, dass der US-Gaspreis mittelfristig weiter signifikant steigen wird.
  • Bei den positiven Effekten der US-amerikanischen Wirtschaft spielt das fossile Comeback nur eine untergeordnete Rolle im Vergleich zur allgemeinen Konjukturerholung. Achtung auf die Phase, wenn das Zinsniveau wieder steigt.
  • Die US-amerikanische Weg ist keineswegs auf Europa übertragbar. Europa braucht eine eigenständige Strategie, um die fossile Importabhängigkeit zu reduzieren. Der Ausbau erneuerbarer Energieträger und eine Verringerung des Energieverbrauchs sind die sichereren Investitionen zur Reduktion der fossilen Importabhängigkeit  im Vergleich zu übertriebenen Shale Erwartungen. 
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Vor dem World Energy Outlook 2013: der Shale Boom wird überschätzt, die Kosten des fossilen Booms ignoriert.

8 11 2013

In wenigen Tagen ist es wieder soweit. Die Energiewelt wird ihre Augen nach London richten, wo wie jedes Jahr der World Energy Outlook (WEO2013) der Internationalen Energieagentur präsentiert werden wird. Der WEO ist wesentlicher Gradmesser für Szenarien und Trends der globalen Energieentwicklung und ein maßgeblicher Einflussfaktor in der energiepolitischen Debatte. Doch mehr noch als der überaus lesenswerten Bericht sind die Kernbotschaften der Präsentation im medialen Fokus. (siehe auch meinen Guensblog Kommentar zum WEO2012).  Im vergangenen Jahr hatte die Präsentation des WEO stark dazu beigetragen, den US-Boom durch die nicht-konventionelle Förderung von Öl und Gas zu etablieren. (Stichwort „Saudi America“ und US-Energieunabhängigkeit) Dies hat die Debatte über die Energiezukunft substanziell beeinflusst. Nicht mehr die erneuerbaren Energieträger gelten für viele als Weg zur Energieunabhängigkeit, sondern die Fossilen auf Basis nicht-konventioneller Fördermethoden wie z.B. für Schiefergas oder Schieferöl. (Tight Oil)

Doch die – auch von massivem internationalen Lobbying begleitete – Welle für die neuen fossilen Energiequellen wird möglicherweise nicht halten, was sie der Öffentlichkeit und den Kapitalmärkten verspricht. Eine Veranstaltung des Klima- und Energiefonds und von Erneuerbare Energie Österreich diskutierte kürzlich die Perspektive des kommenden World Energy Outlook vor dem Hintergrund des aktuellen IPCC-Berichts und die Frage, ob der Shale Hype gerechtfertigt ist. Schliesslich trägt er dazu bei, die Erneuerbaren in der öffentlichen Debatte unter Druck zu bringen.

Boom or Bubble?

Ein Jahr nach dem WEO 2012 werden nun auch die kritischen Stimmen wahrnehmbarer. Viele geologische, ökonomische und ökologische Faktoren wurden beim Shale Hype außer Acht gelassen. Einige Schiefergas-Explorationsversuche wurden mangels Erfolg und nicht darstellbarer Profitabilität wieder eingestellt ( z.B. Polen). Mehrere große Unternehmen verzeichneten zuletzt hohe Abschreibungen, weil sich Shale-Projekte als nicht profitabel herausstellten. Sogar Shell-CEO Peter Voser meinte kürzlich (6. Oktober 2013) in der Financial Times, dass noch negative Überraschungen bei Schiefergas- und Schieferöl Explorationen bevorstünden und die Shale Revolution „overhyped“ sei. “Unconventionals did not exactly play out as planned. We expected higher flow rates and therefore more scalability for a company like Shell” wird Voser in der FT zitiert.

Ein wichtiger Grund für die wachsende Skepsis (sogar bei US-Energy Information Agency wird man vorsichtiger) ist die „Depletion Rate“. So geht etwa die Ausbeute im größten Revier, der Bakken Formation, nach einem Jahr um 69% und nach fünf Jahren um 94% zurück. In Barnett, einer weiteren wichtigen Formation, geht die Ausbeute nach 5 Jahren um 50% zurück. D.h. nicht, dass nicht weiter gefördert wird, aber es wirkt sich auf die Profitabilät aus. David Hughes, Geologe und Autor des Reports „Drill Baby Drill“(Post-Carbon Institute) meinte im Mai dieses Jahres nach einer genauen Feldanalyse: „The cheap price bubble in the US will burst within two-to-four years”.  Zu Bakken ist auch dieser Beitrag von Christoph Senz lesenswert.

Steffen Bukold, Keynote-Speaker bei der Veranstaltung, erläuterte, warum Shale Gas in Europa keine relevante Option in naher Zukunft sein wird:

  • Die Mengen in Europa sind zu gering, um die Importabhängigkeit nennenswert abzubauen
  • Weltweit gibt es noch über Jahrzehnte hinweg mehr als genug konventionelles Gas
  • Shale Gas ist in Europa nicht billiger als konventionelles Erdgas
  • Die Gewinnung ist ein industrieller Produktionsprozess; es braucht tausende von Bohrungen – ein großer Unterschied zur konventionellen Öl- und Gasgewinnung
  • Hohe Umweltrisiken (Große Fracjobs benätigen in den USA: 50.000 t Sand; 1 Mio. Tonnen Wasser; 30.000 Tonnen Chemikalien)
  • Klimabelastung durch Methanemissionen

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Die Folie aus dem Vortrag von Steffen Bukold zeigt, dass auch Shale Oil keinen maßgeblichen Anteil an Weltölversorgung beitragen wird. Die konventionell förderbaren Mengen gehen jedoch zurück – im Sinne dessen, dass die Förderrate zurückgehen wird. Um die Steigerbarkeit der Öl-Fördermenge zu erreichen, muss also der gesamte Mix an nicht-konventionellen Öl Methoden herhalten. Das wird jedenfalls teuer und auch riskant im Sinne massiver Umweltzerstörung.

Es wird Zeit über die Kosten fossiler Energie zu reden.

Neben dem wichtigsten Aspekt, der Klimafrage, ist auch eine ökonomische Bewertung der fossilen Energiezukunft notwendig. Während Teile von Politik und Industrie nach billiger Energie rufen, steigen die jährlichen Kosten für fossile Energieimporte um Milliarden. War ein Barrel Öl vor einigen Jahren $25-30 wert, ist der Preis mittlerweile konstant bei rund $100. Die Verfügbarkeit von billigem Öl ist deutlich zurückgegangen.  Die gängigen Szenarien gehen jedoch von einer weiteren Steigerung der Nachfrage aus.

bukold_kostenfossiledeBukold hat in einer Studie für die Grüne Fraktion im Deutschen Bundestag die Kosten der fossilen Energieimporte berechnet und für die Zukunft projeziert. Die Graphik zeigt den enormen Anstieg der Kosten für fossile Energieimporte. 2012 waren es 94 Milliarden Euro. Zehn Jahre davor waren es noch 33 Milliarden Euro. Bei den Regierungsverhanldungen ist dies jedoch kein Thema. Sehr wohl die Kosten für den im Land selbst produzierten Ökostrom. Es ist offensichtlich, dass die Politik hier die fossile Seite ignoriert und im aktuellen Machtkampf der deutschen Energiepolitik die Erneuerbaren gezielt unter Beschuss steht. Ungeachtet notwendiger Adaptionen im deutschen und auch europäischen Strommarkt, ist dies ein Ungleichgewicht in der Debatte, das sich ändern sollte. Wir müssen über die Kostenbelastung durch fossile Energie reden!

Auch Fatih Birol warnt vor überzogenen Shale Erwartungen!

Die Erwartungshaltungen an Shale sind – insbesondere fernab der USA- deutlich übertrieben, eine Transferierbarkeit des US-Shale Booms auf Europa oder China ist aktuell nahezu unmöglich und die Ära billigen Öls ist definitiv vorbei. Sagt das eine der Peak Oil Forscher? ASPO? Nein, das sagte Fatih Birol, Chiefeconomist der IEA und Hauptverantwortlich für den World Energy Outlook, vor wenigen Tagen. Ein Indiz dafür, dass die IEA den Spin, der im vergangenen Jahr aus dem WEO2012 herausgelöst wurde, heuer relativieren wird. Man beachte dieses Interview, das vor wenigen Tagen in Channel NewsAsia gegeben hat. Mögen auch die europäischen Medien diese Differenzierung wahrnehmen:

birol(picture link to ChannelNewsAsia)

Es wird Zeit, den massiven, heftig lobbyierten fossilen Spin der vergangenen Jahre wieder zurechtzurücken.





Replik auf den Presse-Gastkommentar von Walter Boltz zu Europas Klima- und Energiepolitik

21 08 2013

Walter Boltz, Vorstandsmitglied der Regulierungsbehörde E-Control, veröffentlichte in der „Presse“ am 17.8. einen Gastkommentar als  Plädoyer für eine Neuausrichtung der europäischen Klima- und Energiepolitik. Runter mit den Förderungen für erneuerbare Energie und weg mit alleinigen Klimaschutzbestrebungen, so sein Credo. Jedoch sind die von Boltz angeführten Argumente zumindest irreführend. Daher der Versuch einer sachlichen Zurechtrückung. Eine gekürzte Version dieses Beitrags wurde dankenswerterweise von der Presse am 22. August ebenso als Gastkommentar veröffentlicht.

Klimahero USA?

Die Euphorie von Boltz über den – dank Schiefergas – „besseren Klimaschützer USA“ ist unangebracht. Die Treibgasemissionen in der Europäischen Union sind seit 1990 um rund 15% gesunken; in den USA jedoch im selben Zeitraum um ca. 15% gestiegen. Erst in den vergangenen fünf Jahren ist eine leichte Trendwende in den USA zu erkennen. Zudem kann nicht außer Acht gelassen werden, dass die Treibhausgas-Emissionen pro Kopf in den USA nahezu doppelt so hoch sind wie in Europa. Von derart hohem Niveau ist es bei vergleichbaren ökonomischen Bedingungen auch leichter hinunter zu steigen.

Hauptverantwortlich für das erwähnte US-Szenario „Energieimportunabhängigkeit“ ist jedoch neben dem Schiefergas-Boom ein anderer Faktor. Wie die von Internationale Energie Agentur (IEA) vorrechnet, wird der prognostizierte Wandel noch mehr der Reduktion des Energieverbrauchs geschuldet sein, die ab 2020 durch die neuen Treibstoff-Effizienzbestimmungen in den USA greifen wird. Dieser Effekt ist nicht das Ergebnis ambitionierter Marktkräfte, sondern Folge von Politik, nämlich Klimapolitik der Obama-Administration. Ein wesentlicher Antrieb für diese Effizienzmaßnahmen waren übrigens die stark  gestiegenen Öl- und Treibstoffpreise.

Alles im Öl? Eine Preisfrage.

Walter Boltz schreibt fälschlicherweise in seinem Beitrag von in den USA „runter prasselnden Öl- und Gaspreisen“. Davon kann zumindest bei Öl keine Rede sein. Auch die größere Spanne zwischen den Roholsorten WTI (US) und Brent in den vergangenen Jahren ändert nichts an der Tatsache, dass der Ölpreis mit rund 100 US-Dollar/Barrel um das 3-4fache über dem Niveau von vor zehn Jahren. Der Hype rund um die nicht-konventionelle Förderung von Öl und Gas hat auch ökonomisch einen schalen Beigeschmack: sie liefert deutlich häufiger als erwartet keine Gewinne ab ist jedoch vollgepumpt mit Milliarden der Ölkonzerne und des Kapitalmarkts, der den Verheißungen der Shale Industrie folgt.  Mehrere große Unternehmen verzeichneten zuletzt hohe Abschreibungen, weil sich Schieferöl Projekte als nicht profitabel herausstellten. Shell war davon – wie die Financial Times kürzlich berichtete – stark betroffen. Folglich ist trotz des deutlich gestiegenen Ölpreises Profitabilität nicht in jenem Maß gegeben ist wie meist angenommen. Dies ist auch ein entscheidender Faktor für die Einschätzung der Ölvorkommen („proven reserves). Die von Boltz genannte mehr als Verdopplung bezieht sich ausschließlich auf sogenannte 1P Öl-Reserven. Diese Angaben sind als Teil des politischen Spiels der Ölkonzerne mehr als zweifelhaft. Mehrere wissenschaftliche Publikationen weisen auf einen signifikanten Rückgang bei sog. 2P Öl-Reserven aus. (proven and probable reserves). Die langfristig mangelnde Profitabilität ist ein Grund dafür. Die Endlichkeit von fossilen Reserven definiert sich nicht dadurch, dass keine Öl- und Gasgewinnung mehr möglich ist, sondern dadurch, dass ihre Gewinnung bei stets wachsender Nachfrage und entsprechender Wirtschaftsleistung ökonomisch nicht mehr darstellbar ist. Wir gelangen an Grenzen, auch wenn diese durch einen höheren Preis leicht verschiebbar sind.

Subventionen für Fossile dominieren den Weltmarkt

Eine Anmerkung zur der von Walter Boltz häufig kritisieren Höhe der Förderung erneuerbarer Energie im Strommarkt. Erstens sollten die Relationen gewahrt werden: Wie der World Energy Outlook 2012 der IEA gezeigt hat, sind 2011 rund 88 Milliarden US-Dollar an öffentlichen Subventionen in Erneuerbare Energie geflossen. Und in fossile Energie?  523 Milliarden US-Dollar!  Übrigens ein Plus von 30% bei den Fossilen im Vergleich zum Vorjahr.

Es ist unbestritten, dass es neue Kraftwerkskapazitäten braucht. Wo investiert wird, ist die entscheidende Frage. Billig wird es jedenfalls nicht. Schon gar nicht, wenn man plant, in Europa Schiefergas lukrativ gewinnen zu können, wie kürzlich eine Studie der TU-Delft konstatierte.  Ist es schon aufgefallen, dass seit 2001 kaum mehr größere Kraftwerke in Österreich errichtet wurden? Wirklich schuld der Energiewende? Oder vielleicht doch der Folge der Liberalisierung selbst? Ohne öffentliche Finanzierungsmechanismen (in Deutschland das EEG; in Österreich das Ökostromgesetz) wären in den vergangenen Jahren kaum neue Stromerzeugungskapazitäten hierzuland ans Netz gegangen. Sie sind eine Notwendigkeit – auch wenn gewisser Adaptionsbedarf im Strommarktdesign nicht zu leugnen ist.  (etwa um die Verdrängung von Gas durch Kohle zu verhindern, was insbesondere wiederum mit dem versagenden Emissionshandel zu tun hat)

Energiepolitische Prioritäten

Folgt man den Ausführungen von Walter Boltz wäre die Anforderung an die europäische Klima- und Energiepolitik, den Klimawandel weitgehend zu ignorieren und sich völlig einem Wettbewerbsfaktor „Billigenergie“ unterzuordnen. Es ist ein Irrglaube, dass der Wettbewerb um „Billigenergie“ der spezifische industriepolitische Vorteil Europas sein wird. Bildung, Innovationsfähigkeit und eine auf eigenen Stärken aufbauende Energiestrategie sind die Zukunft.  Neben der von Boltz zu Recht erwähnten Energieeffizienz, wird die Erneuerbare Energie dabei eine zentrale Rolle des europäischen Weges spielen. Die beiden Ansätze sind letztlich die einzigen leistbaren Mittel, um die Energieimportabhängigkeit Europas zu reduzieren.  Mehr als 1 Milliarde Euro täglich (!) beträgt der Wert der Öl- und Gasimporte der EU-Staaten. Die Energieimportrate liegt EU-weit bei 54% (in Österreich bei 69%). Allein innerhalb von drei Jahren sind die Ausgaben Europas für Energieimporte um mehr als 200 Milliarden Euro jährlich gestiegen. Grund: der höhere Öl- und Gaspreis. Ist das nicht im Gegensatz zur strategisch platzierten Erregung über die Förderung von erneuerbaren Stromerzeugungsanlagen die eigentlich relevante Bedrohung für den Wirtschaftsraum Europa?





Geht es wirklich um “Climate Crimes”? Eine Kritik zur laufenden Doku

12 02 2013

Aktuell ist im deutschprachigem Raum die Doku „Climate Crimes“ des Umwelt- und Naturschützers Ulrich Eichelmann zu sehen (vergangene Woche auch im ORF/„Kreuz & Quer“). Der Film beleuchtet einige Beispiele  von Umwelt- und Naturzerstörung, die – wie er suggeriert – im Namen des Klimaschutzes erfolgen. „Climate Crimes“ wird teils intensiv diskutiert und hinterlässt manch verstörten Besucher. Das regt zum Nachdenken an, kann aber meiner Meinung auch eine falsche Botschaft hinterlassen.

Ohne mich als Dokumentarfilmkritiker zu sehen, erlaube ich mir wie beim Film Bulb-Fiction einige inhaltliche Anmerkungen. Denn der Film ist inhaltlich im Kern hochinteressant, bringt richtige Fakten und starke, emotionalisierende Bilder, aber meiner Meinung nach kontextualisiert er falsch, indem Klimaschutz pauschal mit Umweltzerstörung gleich setzt. Das ist natürlich eine PR-technisch interessante Botschaft, aber die Pauschalisierung ist angefangen beim Titel mehr als heikel. Denn meiner Meinung ist der Antrieb der meisten genannten Projekt nicht der Klimaschutz, sondern schlicht und ergreifend Profitinteressen in massiv wachsenden Ökonomien und aufstrebenden Industriezweigen. Und das hat viel weniger mit der teils berechtigen Kritik an Green Growth Konzepten zu tun als im Film resumiert wird.

Vorweg zum Film, damit klar ist, worum es geht:

Die “Reise zu den Tatorten der grünen Energie” begibt sich auf folgende Stationen:

  • Brasilien im Amazonas Regenwald, wo der gigantische Belo-Monte-Staudamm (unglaubliche 11.000 MW) am Xingu-Fluss eine Waldfläche größer als der Bodensee überschwemmen soll und damit viele Arten bedroht und 20.000 Menschen zum Umsiedeln zwingt.
  • In die Türkei, wo der Ilisu-Damm durch die Umleitung des Tigris nicht nur eine der ältesten Städte Anatoliens, Hasankeyf, zerstört, sondern südlich im Irak auch zur Austrocknung der mesopotamischen Sümpfe führen wird, die Lebensgrundlage für viele Menschen ist.
  • Nach Deutschland, wo riesige Mais-Anbauflächen Grundlage für die Gewinnung von Biogas sind.
  • Indonesien, wo in Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo, der Regenwald riesigen Palmölplantagen Platz machen muss und die letzten Orang Utans ihren natürlich Lebensraum verlieren.

Um es gleich vorweg zu sagen: jedes der genannten Projekte ist kritikwürdig.  Aber es ist nicht der Klimaschutz, der dafür verantwortlich zu machen ist. Konkreter:

Sind es wirklich Climate Crimes?

Im Standard-Interview erläutert Eichelmann, “warum der derzeitige Klimaschutz Mensch und Natur mehr schadet als der Klimawandel“. Und hier passiert der Fehler, denn die genannten Projekte stehen meiner Meinung nach nicht für den “derzeitigen Klimaschutz”. Der Klimaschutz, der sich ja international politisch eben nicht durchsetzt, sondern dramatischerweise massiv opponiert wird, hat nur bedingt mit der Entstehungsgeschichte der genannten Projekte zu tun, wiewohl er manchmal missbräuchlich als Argument eingesetzt wird. Diese Differenzierung ist aber wichtig. Inhaltlich verweist der Film richtigerweise auf einen relativ hohen Treibhausgas-Impact der Projekte (z.B. durch die Methanfreisetzung der zuvor gefluteten Stauseen und die Abholzung der Regenwälder).

Als Anlaß zur Beweisführung nutzt Eichelmann die Klimakonferenz in Cancun und spricht mit einzelnen Teilnehmern. Die sind aber auch nicht repräsentativ für Klimaschutz. Man muss dazu sagen, dass bei diesen Konferenzen mehr als 10.000 TeilnehmerInnen dabei sind, von denen viele als NGOs gewertet werden, die aber nur teilweise zivilgesellschaftliche Organisationen sind. Auch Interessens-Vereinigungen aus dem Businessbereich sind zu Tausenden dabei. Die stehen für Eigeninteressen und Business-Repräsentanz, aber nicht für echte Klimaschutzinteressen. Das ist auch eine Lobbyingveranstaltung. Es wär fair, dies auch nicht anders wirken zu lassen.

Wachstum als “major drive”

Was ist der Treiber für die genannten Projekte?

Es sind wirtschaftliche Interessen und meist der Energiehunger aufstrebender Regionen und Staaten, die neue Energiequellen erschliessen. In Brasilien ganz spezifisch auch durch den enormen Energieverbrauch im Bergbau und insbesondere durch die stark wachsende Aluminiumindustrie. Es wird prognostiziert, dass in den kommenden Jahren der brasilianische Stromverbrauch um mehr als 500 Terawattstunden (Twh) bis 2020 ansteigen wird. Brasilien ist ja nicht ein kleines, unbedeutendes Land, sondern wir reden von der weltweit sechstgrößten Wirtschaftskraft, die enorm hohes Wirtschaftswachstum (meist über 4% jährlich) aufweist, starke  Exportzuwächse verzeichnet und seine Leistungsbilanz in den vergangenen zehn Jahren deutlich verbessert hat. Siehe unter anderem einige beeindruckende Zahlen im Länderprofil “Brasilien” der Wirtschaftskammer.

Es geht um Wachstum für ganz konventionelle Industriezweige und nicht um nette Klimaschutzprojekte. Es geht auch nicht einmal um das im Film angesprochene Green Growth. Es geht nur um economic Growth!

Dass eine Sprecherin von Electrobas wie im Film am Rande des Klimakonferenz in Cancun die brasilianische Wasserkraft Projekt als sauber und grün verkauft, mag sein, aber das ist weder der Kern noch der Antrieb für das Projekt. Oder anders: auch ohne jegliches Klimaschutz-Comittment gäbe es die Riesenstaudamm-Projektpläne.

Nicht viel anders ist es bei Ilisu. Der Stromverbrauch der Türkei steigt um über 7% jährlich. (siehe auch steigender pro Kopf Energievebrauch) Die Kosten für Energieimporte werden ebenso immer höher. Erklärtes Ziel der Projektbetreiber ist mehr Wachstum, Infrastruktur, weniger Energieimporte. Klimaschutz ist weitgehendst kein Thema.

Insofern ist es irreführend, wenn im Film reißerische Textpassagen kommen wie:

Ist das der Preis für den Schutz des Klimas?”, “Todesursache: Klimaschutz.”, “Menschen würden verdursten, in Folge grüner Energie

Dass sich die letzten Minuten der TV-Fassung noch mit Wachstumskritik und den ökologischen Grenzen auseinander setzen, ist OK, aber es ändert nichts am gesamten Klimaschutz-fokussierten Frame des Filmes.

Ähnlich aber doch anders verhält es sich bei den anderen Beispielen. Tatsächlich hat es in Deutschland einen enormen Biogas-Boom gegeben, der jedoch 2012 nach einer Beschränkung für Mais im deutschen EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) deutlich abflachte. (siehe Zahlen der deutschen Biogasvereinigung) Dies wird möglicherweise für die Verarbeitung im Film ein zu aktueller Trend gewesen sein, ist aber wichtig, weil nun verstärkt Kriterien berücksichtigt werden. Weiters wird meiner Erinnerung nach im Film nicht erwähnt, dass der Anteil der energetischen Nutzung im Vergleich zur Futtermittel-Produktion immer noch relativ gering ist. Schauen wir uns die Zahlen des absoluten Boomjahress 2011 an: Die Gesamt-Ackerfläche für Silo- und Körnermais machte deutschlandweit insgesamt 2,5 Mio. Hektar aus. 1,8 Mio. Hektar dienen der Futtermittelgewinnung. Energiemais für die Biogasproduktion macht 2011 ca. 0,7 Mio. Hektar aus. (Quelle: Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe) Wie gesagt, aufgrund der Kritik und der mittlerweile tatsächlich bestehenden Flächenkonkurrenz wurde das Wachstum nun begrenzt.

Unerwähnt bleibt auch, dass Energiemais nur eine Form der Biogas-Nutzung darstellt. Die z.B.sinnvolle Verwertung landwirtschaftlicher Abfälle (oder sonstiger biogener Abfälle – etwa in Kommunen) zur Produktion von Strom und Wärme bleibt völlig unerwähnt. Diese Form der Pauschalisierung ist kontraproduktiv.

Berechtigt ist die Kritik an der Palmöl-Gewinnung in Indonesien. Aber es ist auch hier anzumerken, dass der größte Teil des Palmöls von der Nahrungsmittelindustrie verbraucht wird. Zu finden ist es als “pflanzliche Öle” in Backwaren, Fertiggerichten (z.B. Pizza, Suppen), Chips, Aufstrichen, Schokoware, Margarine etc. Auch in der chemischen Industrie spielt Palmöl eine wichtige Rolle. Ja, die energetische Nutzung ist zusätzlich hinzukommen und sie ist klimapolitisch kritisch zu sehen. Die Treibhausbilanz ist immer sehr stark von der Art der Flächennutzung abhängig und von der Gesamtenergiebilanz. Das im Film portraitierte Indonesien ist mit rund 23 Millionen Tonnen pro Jahr zum weltweit größten Hersteller von Palmöl geworden. Die Motivation der Regierung:  Motor für wirtschaftliche Entwicklung in ländlichen Gebieten (3 Millionen Beschäftigte), Steigerung der Exportquote (Hauptabnehmer EU und Indien), konkrete Business-Interessen etc.

Kein zentraler Motor: Klimaschutz.

Fossile reiben sich die Hände

Bei aller persönlicher und inhaltlicher Wertschätzung für den ausgewiesenen Experten und Aktivisten Ulrich Eichelmann, scheint mir diese Form der Pauschalierung und des Framings informativ, aber kontraproduktiv. Nicht der Klimaschutz zerstört die Natur, sondern – wie zuletzt im Film angemerkt – das ungebremste Wachstum und Profitinteressen,  wobei wir als westliche Industriewelt der Intention insbesondere in Schwellenländern ja auch schlecht entgegen treten können. Der Konflikt Öko gegen Öko ist nicht das zentrale Gefecht, wiewohl sich schon einige der Klimaskeptiker des Filmes mit Vergnügen annehmen. Siehe etwas das Posting zum Film der Global Warming Policy Foundation oder auch des Blogs NoTricksZone. Jetzt darf man deren Rolle nicht zu ernst nehmen. Aber es ist schon schräg, dass die fossile Industrie nach und nach ihr Schiefergas- und Tight Oil Revier erobert, die mediale Landschaft vereinnahmt (siehe Das Imperium schlägt zurück), ganz spitz ist auf die Ausbeutung des Amazonas (siehe Amazonas Beitrag im Oil & Gas Journal oder die Potenzialkarte in der Welt) und wir führen den Öko vs. Öko-Konflikt. Dass die inhaltlich in “Climate Crimes” aufgeworfenen Fragen relevant sind, ist keine Frage. Dass es eine Grenzziehung geben muss, ebenso:

Antworten auf bestehende Zielkonflikte

Dieser Blogbeitrag soll keinen Wischi-Waschi Kompromiss abbilden, sondern letztlich geht es wie häufig auf Guensblog um ein Plädoyer für Differenzierung. Wie mehrmals erläutert sind viele Umweltfragen höchst komplex. Wer auf einfache Antworten auf komplizierte Probleme hofft, wird scheitern. Es braucht Lösungen und einen Diskurs, der fähig ist, zu differenzieren und das eigentliche Problem benennt. Und das ist nicht der angewandte Klimaschutz, sondern der fehlende Klimaschutz.

Daher ist es auch nicht zu verschweigen, dass die sogenannte Energiewende tatsächlich Zielkonflikte mit sich bringt. Der Ausbau der Wasserkraft ist ein Teil davon. Fragen der Flächennutzung ein anderer. Für viele zählen z.B. auch Landschaftsbildfragen dazu. Bei dieser letztgenannten Frage bin ich ehrlich gesagt relativ Hardcore auf Seiten der Erneuerbaren. Grenzziehung muss manchmal auch manchmal Grenzerweiterung.

Daher ist es wichtig, den Weg zu skizzieren, wie der Weg raus aus der fossilen Energienutzung aussieht. Dazu gehört einerseits die deutliche Reduktion des Energieverbrauchs aber auch ein massiver Ausbau erneuerbarer Energie. Dort wo es Interessenskonflikte etwa mit dem Naturschutz gibt, braucht es klare Kriterien, an denen sich die Energiewirtschaft orientieren muss. Ich bin auch nicht der Meinung, dass man in Österreich jedes Fließgewässer zubauen muss, sehe aber sehr wohl noch Potenzial für den weiteren Ausbau.

Viel gäbe es dazu noch zu sagen, aber der Beitrag ist eh schon zu lang.

Letztlich und wiederholt: Die Energiewende ist viel mehr als eine technische Frage. Er ist ein kulturelles Projekt, das auch in unser Konsumverhalten eingreifen wird. Das Schwarzenegger Modell – “Klimaschutz ist nur super, wenn ich mit meinem Pflanzenöl-betriebenem Hummer weiterfahren darf” – wird ebenso scheitern. Denn genau hier greifen die Ressourcengrenzen.

Dieser Diskurs ist zu führen. Aber bitte nicht, indem der Klimaschutz pauschal für etwas verantwortlich gemacht hat, was er nicht zu verantworten hat.

(Eine weitere Auseinandersetzung mit dem Film ist auf klimaretter.info zu lesen.)





Preistreiber Energiewende?

26 06 2012

Einer der beiden E-Control Geschäftsführer, Walter Boltz, hat im heutigen Wirtschaftsblatt ein Interview gegeben, indem er der Energiewende für angesagte +25% Strompreis in den nächsten Jahren die Schuld gibt. Da dieses Interview in vielen online Medien übernommen wurde (sehr groß auf orf.at “Energiewende verteuert Strom“, auch news.at “Preistreiber Energiewende”) möchte ich einige Gegen- bzw. Zusatzbetrachungen einbringen.

Nun, in der prinzipiell Aussage, dass Strom teurer werden wird, ist Boltz gar nicht zu widersprechen und auch, dass die Transformation in die erneuerbare Energiezukunft dafür mitverantwortlich sein wird, ist korrekt. Dennoch ist die Argumentation von Boltz sehr einseitig und unpräzise, denn wesentliche Faktoren blieben dabei unberücksichtigt.


Vorweg: die Kosten für Ökostrom sind 2011 gesunken!

Ja, das mag gleich einige überraschen. Aber der Finanzierungsbeitrag aus dem Ökostromgesetz, der sich aus der Differenz der festgelegten Einspeisetarife für Ökostromanlagen und dem Marktpreis ergibt, hat sich 2011 reduziert. Und zwar von 348 Millionen Euro auf 297 Millionen Euro. Der Grund dafür ist in erster Linie der höhere Strommarktpreis gewesen, der eben die Differenz zum Finanzierungsbedarf verringert. Vergleicht man die vergangenen 5 Jahre, sieht man, dass die eingespeiste Mengen relativ konstant geblieben ist, die Schwankungen beim Förderbedarf jedoch unterschiedlich ausfallen. Grund dafür ist wie gesagt die Abhängigkeit vom Marktpreis.

Ökostrom inkl Kleinwasserkraft/Jahr 2007 2008 2009 2010 2011
Marktpreis ct/kWh 5,1 6,4 5,9 4,6 5,3
Unterstützungsvolumen Mio/a 315 252 280 348 297
Ökostrom-Einspeisemenge in TWh 5,7 5,4 5,1 5,9 5,4
Datenquelle: E-Control

Insofern ist es richtig, dass aufgrund der neuen Ökostromgesetzes und des damit einsetzenden Ausbaubooms insbesondere in der Windkraft die Finanzierungskosten steigen werden. Auch die 350 bis 400 Millionen Euro/a in den kommenden Jahren klingen plausibel.

Worauf ich jedoch hinaus will, ist, dass dies nicht so unglaublich viel ist und weit weg von +25% des Gesamtstrompreises.
Nun entspricht die ins Netz eingespeiste Ökostrommenge rund 10% der Gesamtabgabemenge in Österreich (2011 knapp 59.000 GWh)
Wenn ich mir nur zum Vergleich den Marktpreis (5,5 ct/kWh) für 59.000 GWh ansehe, komme ich schon auf eine Summe von jährlich über 3,2 Milliarden Euro. Sorry, aber da beeindrucken mich die Zusatzkosten der Ökostromproduktion, die in den kommenden Jahren einen deutlich höheren Anteil der produzierten Strommenge ausmachen werden, wenig. Sollte der Strompreis steigen, hält sich der Förderbeitrag ohnehin in Grenzen.

Neue Kraftwerke werden mehr kosten – aber welche werden errichtet?

Was Boltz zudem ausblendet, ist, dass es jedenfalls neue Kraftwerke in Österreich geben wird. Auch europaweit ist die Kraftwerksinfrastruktur veraltet. Die Frage ist, welche Kraftwerke werden errichtet werden? In welchen Energieträger wird für die nächsten 30,40, 50 Jahre auf Basis welcher Kostenannahme investiert? Und diesen Vergleich scheut Boltz. Denn es ist Unsinn, die wahrscheinlichste Alternative, nämlich Gaskraftwerke, als kostengünstige Option zu rechnen. Im Vergleich zu den Entwicklungen am Gasmarkt, sind die Erneuerbaren ja ein Hort der Stabilität.

Die Erhöhung der Preise für fossile Energieträger hat deutlich mehr zum Anstieg des Strompreises gesorgt als die Erneuerbaren. Hier nur ein Blick auf die indexierte Entwicklung des durchschnittlichen Erdgasimportpreises (Quelle: E-Control)

Warum kritisiert Boltz nicht angesichts dieser strompreissteigenden Gaspreisentwicklung die Eröffnung des mit 830MW leistungsstärksten Gaskraftwerks Mellach? Wirtschaftlich ist diese KWK-Anlage trotz höchstmoderner Anlagentechnik kaum darstellbar. Nicht, weil Gaskraftwerke generell keine Zukunft haben, aber weil diese enorme Kapazität wirklich schwer argumentierbar ist, wiewohl ein Teil davon die Kohlekraftwerke ersetzen soll. Taktisch interessant war ja, dass bei der Eröffnung von Mellach darauf hingewiesen wurde, dass es das Kraftwerk auch brauche, um die Schwankungen von Wind und PV auszugleichen. Nur zum Vergleich: aktuell sind in der Steiermark 53 MW Windkraft installiert. Positiv gesprochen könnte man es als Ansporn sehen, nun tatsächlich einige hundert MW in der Steiermark zu errichten. Jetzt, wo man schon das kleine Ausgleichskraftwerk errichtet hat…

Notwendiger Infrastrukturausbau

Dass die erneuerbare Energiezukunft insbesondere in ihrer internationalen Dimension mit Investitionen in die Infrastruktur verbunden sein werden, ist klar. Dass es Kraftwerke (etwa Windparks) geben wird, die zusätzliche Netze notwendig machen, ebenso. Die argumentative Strategie von E-Wirtschaft und in diesem Falle Boltz, die gesamten Mehrkosten des Netzausbau nur den Erneuerbaren anzurechnen, ist jedoch zynsich. Seit jeher fordern E-Wirtschaft und insbesondere Netzbetreiber zusätzliche Kapazitäten. Jahrelang lag hier lagen hier Pläne in der Schublade, wurden Forderungspapiere zwar geschrieben, wurde auch für den Netzausbau lobbyiert, aber es kommt wohl manchen nun zupass, dass man Windkraft und Photovoltaik als argumentatives Schutzschild und im Falle Boltz als argumentative Waffe vor sich her tragen kann?

Es wäre wichtig, präzise, unabhängige Informationen darüber zu haben, welchen Netzausbau es für welches Szenario genau brauchen wird. Als unabhängig sehe ich dabei aber nicht die Netzbetreiber und auch die E-Control fällt aufgrund einer derart einseitigen politischen Positionierung eher aus. Die Effekte der Dezentralisierung sind in der Analyse übrigens ebenso zu berücksichtigen.

Viel gäbe es noch zu sagen zur kostenminierenden Rolle der Erneuerbaren, aber ein vorläufiges Fazit: ja, die Energiezukunft wird Geld kosten, was unter anderem daran liegt, dass keine Kostenwahrheit in der Energieproduktion gegeben ist und Strom in den vergangenen Jahrzehnten nahezu unglaublich billig gewesen ist. Eine Verteuerung ist unausweichlich. Aber es läuft etwas falsch, wenn in der öffentlichen Debatte nur den Erneuerbaren alle Kosten umgehängt werden, während man fossile Energieträger (und in europäischem Kontext Nuklearenergie) als normalen, kostengünstigen Weg betrachtet. Die Notwendigkeit einer Transformation Richtung Erneuerbare ergibt sich nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern auch daraus, dass das Zeitalter von billigem, konventionellen Öl und Gas vorbei ist. (siehe www.aspo2012.at) Dies sollte endlich strukturell begriffen werden.





Erste Analyse des neuen Ökostromgesetzes – ein großer Schritt in die richtige Richtung

7 07 2011

Heute wurde im Nationalrat das Ökostromgesetz beschlossen. Nach langen, intensiven Verhandlungen zwischen den Regierungsparteien und GRÜNEN konnte eine Einigung erzielt werden. Am Rande war ich in den Prozess eingebunden. Ich will hier kurz einzelne Aspekte des Gesetzes beleuchten und erläutern, warum dieses Gesetz ein maßgeblicher Schritt in die richtige Richtung ist.

Deutliche Erhöhung des Unterstützungsvolumens
Nun, ein Finanzierungsdeckel für Neuanlagen bleibt. Er wird jedoch von aktuell 21 Millionen Euro auf 50 Millionen Euro angehoben. (Stand Entwurf Ende März 30 Millionen; Ministerrat vor ca 3 Wochen 40 Millionen Euro, nun eben 50 Millonen) Was bedeutet diese Summe? Die 50 Millionen beziehen sich auf das sog kontrahierbare Unterstützungsvolumen. Dieses soll die Differenz zwischen Marktpreis (der schwankt) und den verordneten höheren Einspeisetarife für Strom aus Erneuerbaren abdecken. Je nachdem wie hoch der Marktpreis ist, sind entsprechend viele Anlagen jährlich finanzierbar.
Wieviele Anlagen damit finanzierbar sind, wird also jedes Jahr neu auf Basis des Marktpreises berechnet.
Die Summe bedeutet, dass für die Finanzierung von neuen Ökostromanlagen jährlich ein zusätzliches Volumen von 50 Millionen Euro zur Verfügung steht. Wenn also 2012 neue Anlagen mit Fördervolumen von 50 Mio Euro kontrahiert werden, werden die in den Folgejahren (13 bzw. 15 Jahren) weiterhin Fördermittel (Differenz Marktpreis – Einspeisetarif) in Anspruch nehmen. Grob könnte man sagen, 2013 sind es dann insgesamt 100 Mio, 2014 150 Mio usw., die bereit stehen. Selbstverständlich neben den Fördersummen, die auf Basis der gültigen Förderregimes weiterfinanziert werden. (aktuelles jährliches Volumen rund 300 Mio Euro)
Über die Jahre gerechnet ist das umgesetzte Fördervolumen also milliardenschwer.

Dies ist ja das wesentliche Argument der Gegner einer Anhebung des Fördervolumens, denn diese Kosten werden über einen Zuschlag auf der Stromrechnung vom Konsumenten auf allen Ebenen getragen. Wichtig ist jedoch, zu sehen, dass diese Milliarden wiederum nur einen kleinen Anteil der Gesamtstromkosten (ohne Steuern) ausmachen. Jede Schwankung um ein paar cent beim Marktpreis bewegt in ganz Österreich ebenfalls jährlich Milliardensummen. Und wie Stefan Schleicher im heutigen Ö1-Morgenjournal richtig sagt, Energie wird nicht mehr billig sein. Wir müssen ohnehin mit steigenden Strompreisen rechnen. Die Frage ist, wo werden die Mittel, die in Bewegung hingelenkt. Und da ist es wesentlich sinnvoller, kalkulierbare Größen (aber eben Größen) in Richtung Strom aus erneuerbarer Energie zu bewegen.
Dass eine Lösung ohne Förderdeckel, die von vielen Umweltbewegten gewünscht wurde, in der aktuellen Regierungskonstellation nicht möglich ist, ist aber klar. Weder SPÖ (im Hintergrund AK) noch ÖVP (im Hintergrund IV) stimmen einer Lösung zu, die Kosten nicht kalkulerbar erscheinen lässt. Es gibt zwar durch die jährlich neu zu verordnenen Höhe der Einspeisetarife für jeweiligen Neuanlagen noch ein wesentliches Steuerungsinstrument, um Kosten zu minimieren, aber die Konzentration darauf ist politisch derzeit nicht drin.

Abbau der Warteschlange
Die Warteschlange betrifft insbesondere die Windkraft und Photovoltaik und ist deshalb entstanden, weil wir jahrelang einen Förderdeckel in der Höhe von 21 Millionen hatten und aufgrund geringer Einspeisetarife kaum neue Ökostromanlagen errichtet wurden. In der Windkraft ist es z.B. 5 Jahre lang zu einem nahezu völligen Ausbaustopp gekommen. Als dann im letzten Jahr die Einspeisetarife erhöht wurden, kam es zu einem “aufgestauten” Projekt-Boom und auf einmal griff der Förderdeckel ganz schnell zu. Daher ist es gerecht, wenn nun einmalig ein Einspeisetarifvolumen zur Verfügung gestellt wird, mit dem die fix fertig eingereichten, projektierten Anlagen in den kommenden Jahren auch tatsächlich errichtet werden. Hier würde – durchaus positiv überraschend – erreicht, dass anstatt der vorgesehenen 60 Millionen für die Windkraft nun 80 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Damit sollte der vollständige Abbau der Warteschlange bei der Windkraft gewährleistet sein. Für die schon eingereichten Photovoltaik stehen zusätzlich 28 Millionen an Fördervolumen zur Verfügung.
Ein Streitpunkt der letzten Wochen war hierbei, wieweit diese Anlagen Tarifabschläge hinnehmen müssen. Insbesondere die Windkraft hatte Widerstand gegen die geplanten Tarifabschläge von 9,7 auf 9,3 ct/kWh geleistet. Einigung ist nun, dass es für 2012 und 2013 gar keine Abschläge gibt und dann 9,5 ct/kWH gelten. Ich denke, dass damit alle Anlagen, die bislang eingereicht haben, durchkommen sollten.

Fixe Kontingente für einzelne Energieträger

In den bisherigen ENtwürfen zum Ökostromgesetz war die Photovoltaik in gewisser Weise noch auf der Verliererseite. Das vorgesehene fixe Kontingent war mit 3,8 Millionen eher gering. (wohl auch weil keine Zwischenziele vorgesehen waren) Die Anhebung jetzt auf 8 Millionen ist eine, mit der man agieren kann. Zudem gibt es in einem sog. Resttopf (der größte Anteil), auf den vor allem auch Windkraft und Wasserkraftprojekte zugreifen werden, die Möglichkeit Projekte zu finanzieren, die Photovoltaik zur sogenannten Netzparität (18 ct/kWH) einspeisen. Ich nehme an, dass relativ viele Projekte darauf zurückgreifen werden. Insbesondere wenn es hier noch weitere Investitionsanreize gibt. Leider nicht erreicht wurde eine Verlängerung des Förderzeitraums bei der PV auf 20 Jahre, ähnlich wie in Deutschland.

Definierte Mindestziele
Sehr relevant ist, dass es nun einen Ökostrom-Ausbaupfad bis 2020 gibt. Bislang hat es die Ziele nur bis 2015 gegolten und im Mitterlehner-Entwurf Ende März, blieb es auch bei diesen Zielen. Das wurde nun geändert. Und die Ziele für 2020 sind weitgehend ambitioniert. Zusätzlicher 2000 MW bei der Windkraft zwischen 2010 und 2020 entspricht einer VErdreifachung des Status Quo (1000 MW). Auch bei der Photovoltaik wurde das Ziel von 1.000 auf 1.200 MW angehoben. Angesichts von derzeit rund 100 MW installierter PV-Leistung kommt also gewisse Dynamik rein. Im Rahmen der Einigung im Parlament wurde nun auch für die PV ein Zwischenziel für 2015 eingezogen. Mit 500 MW Zubau zwischen 2010 und 2015. Manchen, die der großen Preisverfall bei der Photovoltaik prophezeien, wird das zu wenig sein, aber hier ist auf einen wichtigen Passus im Gesetz zu achten. Nämlich, dass diese Ziele bei entsprechender Marktentwicklung entsprechend nach oben hinaufgesetzt werden können. Die Ziele sind also Mindestziele und sie werden alle zwei Jahre überprüft, um die Erreichung zu gewährleisten.
Hier ist nun eine kleine Neuigkeit im Gesetz enthalten, die ich sehr positiv bewerte. Nämlich, dass die E-Control jährlich nicht nur dem Wirtschaftsministerium, sondern auch dem Nationalrat Bericht zu legen hat. Dies ist eine Chance, die Grundlagen zum weiteren Okostrom-Ausbau auch öffentlicher und transparenter zu behandeln. In den vergangenen Jahren war es durchaus nicht unproblematisch, wie die Höhe der Tarife und der Kosten kalkuliert wurde.

Ein Schritt Richtung Planungssicherheit
Wichtig sind auch noch abwicklungstechnische Details, die insbesondere im Vergleich zum März-Entwurf weg sind. Das betrifft vor allem die Pläne, eine Art Callsystem für die Einreichung vorzuschreiben, das für noch weniger Planungssicherheit gesorgt hätte. Dieser Punkt wurde dankenswerterweise schon mit dem Ministerrats-Entwurf entfernt. Die ursprünglich geplanten automatischen Tarifabschläge bei Überschreiten des jährlichen Kontingents sind nun mit den Schlussverhandlungen rausgeflogen. Gut so, denn so wären Projektplanungen deutlich erschwert gewesen.

Wichtig wird nun sein, auch die einzelnen Instrumente entsprechend zu begleiten, also die Weiterentwicklung der Einspeisetarife. Und allen voran, dass dieses Gesetz auch EU-rechtlich rasch durchgewunken wird.





Kosten oder Investition? Die entscheidende Frage zur “Photovoltaik in Österreich”

29 11 2010

Vergangene Woche hatte ich die Gelegenheit, eine Veranstaltung zur “Photovoltaik als Chance für Österreich” im Rahmen der Energiegespräche-Reihe zu moderieren. Leider komme ich erst jetzt dazu, einige meiner Eindrücke auf Guensblog zu schildern. Hierbei handelt es sich um eine subjektive Zusammenfassung der Diskussion. Und jahrelange Erfahrung zeigt, dass die Photovoltaik noch mehr als andere Themen mit Leidenschaft und polarisierend diskutiert wird. Im Gegensatz zu vergangenen Veranstaltungen war mein Eindruck aber, dass die Phase des reinen Lamentierens über die schlechten Rahmenbedingungen einem gewissen Maß an Selbstbewusstsein der Branche gewichen ist. Die internationalen Marktentwicklung hat auch in Österreich Spuren hinterlassen.

Alle Vorträge sind übrigens auf der Website des Technischen Museums bzw. der Energy Economics Group an der TU-Wien als Audiofiles und/oder PDF zum Download bereit.

Ich will nur einige der nennenswerten Punkten der Vorträge & Diskussion erwähnen:

  • Seit über 20 Jahren diskutieren wir die Photovoltaik, ihre Perspektive und politische Forderungen. Man kann festhalten, dass diese Technologie nun nicht mehr Zukunftsmusik ist, sondern in der Gegenwart angekommen ist. Hubert Fechner hat den Vergleich gebracht, dass 1992 68MW weltweit installiert wuerden. Heuer werden es wohl ca 17.000 MW sein.
    Wie die Folie von Reinhard Haas zeigt, ist Deutschland als Markt sehr dominant und das, obwohl im Rahmen des Erneuerbare Energien Gesetz der Fördertarif für PV degressiv angelegt ist. Seine These ist übrigens, dass eben genau das ein Anreiz ist, damit investiert wird.
  • Der Vergleich mit Deutschland wird in Österreich immer wieder herangezogen. Nur ein paar Zahlen zur Marktentwicklung. Die war in Österreich 2009 im Vergleich zum Vorjahr gar nicht so schlecht. Laut Markstatistik 2009 waren im Vorjahr insgesamt 52,6 MWpeak in A installiert. (davon letztes Jahr rund 20 MWp – vier mal so viel wie 2008) Mit den 3,9 Gigawatt die in Bayern mittlerweile am Netz sind (allein 1,5 GW letztes Jahr), kann man das natürlich nicht vergleichen. Wäre die Leistung der 2010 installierten deutschen PV-Anlagen in Tirol und Salzburg installiert worden, wäre die Jahres-Stromversorgung in diesen beiden Bundesländern gedeckt. Theoretisch. Aber nur als Modell: 9 Gigawatt würden in Ö 10.000 GWh/a produzieren. Der Stromverbrauch liegt in Salzburg bei ca. 4.000 GWh und in Tirol bei ca. 6.000 GWh. (Beispiel Fechner)
  • Österreichs produzierende Photovoltaik Unternehmen sind am Weltmarkt erfolgreich und sehen enorme Chancen. Österreich hat bereits heute ab der Solarzelle alle Teile der Photovoltaik Wertschöpfungskette im Land. Unternehmen sind unter anderem Blue Chip-Energy, Cellstrom, Energetica, Ertex-Solar, Fronius, Isovoltaic, Kioto Photovoltaics oder Hilber Solar. Im Bereich der Photovoltaik-Module liegt die Exportquote bei 91 Prozent. Die spezifischen Kosten bei netzgekoppelten PV-Anlagen konnten übrigens gegenüber dem Vorjahr um 14 Prozent gesenkt werden. Das Potential für Wachstum & Beschäftigung ist enorm. Was es jedoch braucht, ist ein Heimmarkt mit klar kalkulierbaren Rahmenbedingungen. Und zwar Rahmenbedingungen, die unterstützend wirken.
  • Was von der Branche gefordert wird, sind klare energiepolitische Rahmenbedingungen und Ziele, ein innovationsförderndes Umfeld, qualifizierte Arbeitskräfte und ein Heimmarkt. In einem Business-as-usual Szenario liegt der Anteil der PV an der Stromproduktion deutlich unter 1% im Jahr 2020. Die Photovoltaik Roadmap 2020 zeigt jedoch Wege, diesen Anteil massiv zu erhöhen (5 oder 8% Szeanrio)  und hat die Kosten errechnet. Die kumulierte Gesamtbelastung für alle Strom-Endkonsumenten liegt zwischen 130 und 489 Mio € im Zeitraum 2010 bis 2020. Dies bei einem Gesamtumsatz aufgrund der zu installierenden PV-Anlagen von 7,6 (im 5% Szenario) bzw.12,2 Milliarden im 8% Szenario. Insofern ist es naheliegend von Investitionen statt von Kosten zu reden.

Ebenso lang wie die Photovoltaik selbst wird auch die angestrebte Kostenreduktion und Annäherung an den Marktpreis diskutiert. Die lange diskutierte Kostensenkung dürfte vor einigen Jahren tatsächlich eingesetzt haben. Je nachdem wie sehr der Strompreis weitersteigt, wird die sogenannte Netzparität in wenigen Jahren erreicht sein. (siehe Kurve) Netzparität heißt, dass der von Endverbraucher durch PV selbst produzierte Strom dieselben Kosten je kWh verursacht wie der Bezug von einem Anbieter. (Endkundenpreis) Das heißt aber nicht, dass man einfach paar Jahre zuwarten kann, nach dem Motto “Der Weltmarkt wird´s schon richten”. Irgendwann ist man nämlich als Markt nicht nur nicht vorne dabei, sondern hat den Zug verpasst.

  • Klarerweise ist in so einer Diskussion die am Podium durch Cristina Kramer (statt dem erkrankten Stephan Schwarzer) vertretene Wirtschaftskammer Österreich in einer schwierigen Position. Innerhalb der Kammer gibt es unterschiedliche Interessen, die einerseits von der wachsenden PV-Branche noch mehr jedoch von der vor Kosten warnenden Industrie geprägt ist. Entsprechend gibt es von der WKÖ ein Comittment  zur Photovoltaik, aber große Zurückhaltung, wenn es um die Ziele für Erneuerbare Energie und Instrumente geht. Konsens gibt es jedoch auf zwei Ebenen. Erstens zur Analyse der Energiestrategie, wo sich auch laut WKÖ die Regierung bisher zu keiner systematischen und integralen Umsetzung der im März 2010 präsentierten Strategie entschlossen hat. Zweitens in der Forderung nach einem Ende der Stop & Go-Förderpolitik und dem Wunsch nach klaren Rahmenbedingungen. Die Kritik mehrere Experten, dass das 34% Ziel (Anteil erneuerbare Energie am Energieverbrauch bis 2020 ) angesichts der mitterweile erreichten knapp 30% nicht gerade ambitioniert ist, ist jedoch durchaus nachvollziehbar.

Was die Kosten betrifft, wird zu Recht darauf hingewiesen, dass sich selbstverständlich auch die anderen, weitgehend abgeschriebenen Kraftwerke wie die Großwasserkraftwerke im Preis niedergeschlagen hatten und von bezahlt wurden, nämlich ebenso vom Konsumenten. Die Folie von Reinhard Haas zeigt die Entwicklung der Stromproduktion in Österreich inkl Import und Exportquote. Das Umlagesystem, das den Ökostromzuschlag auf der Rechnung ausweist bzw. jedes mal AK und IV hochrechnen lässt, wieviel denn nun für die Ökostromanlagen “zusätzlich” zu zahlen seien, schafft nicht mehr Transparenz, sondern einseitige Argumentationshilfe. Vielleicht ist es in der aktuellen Form auch zu hinterfragen. Denn viele Preis- bzw Kosteneffekte bzw. Rückwirkungen mit dem Markt (Windfall Profits CO2-Zertifikate – siehe Haas Vortrag) sind nicht berücksichtigt und auch kaum unmittelbar berücksichtigbar.

  • Interessant ist die Auseinandersetzung mit dem Fördersystem. Reinhard Haas definierte Krierien für ein gut funktionierendes Fördersystem. Die Maximierung der Zahlungsbereitschaft, die Berücksichtigung von „Technologischem Lernen“ über dynamische Förderkomponente. Überhöhte Förderungen schaden der Akzeptanz und der Effektivität der PV-Verbreitung! Von Effizienz kann dann kaum die Rede sein. Es gibt international erprobte Förder-Strategien, die funktionieren und aus gesellschaftlicher Sicht optimale Lösungen liefern! Der breite Konsens am Podium war: “Die österreichische ist nicht dabei …” (Zitat Haas)