Nabucco-Day statt Peak Oil-Day?

13 07 2009

Manche wollten ihn gleich als Jubiläumstag sehen. Der  11. Juli soll als Peak Oil Day in die Geschichte eingehen, hatte Richard Heinberg vom Post Carbon Institute ausgegeben. An diesem erreichte der Rohölpreis (Durchschnitt mehrerer Sorten) genau vor einem Jahr mit über 147 US-$  einen Rekordwert. Aus seiner und Sicht vieler anderer Experten war im Juli 2008 Peak Oil erreicht, also der Höhepunkt der Ölförderung; das Maximum dessen, was an täglichem Volumen rauszuholen ist. Verbunden mit Peak Oil und dem – aufgrund der angenommenen steigenden Nachfrage –  steigendem Ölpreis waren und sind massive Rückwirkungen auf die Weltwirtschaft, die nach noch mehr fossiler Energie schreit.

peakoilday

Nun, ich bin angesichts der Unzahl an Whatever-Days kein großer Freund von Jubiläen dieser Art; auch die Petition für eine Peak Oil Day hat noch nicht ausnehmend viel Unterstützung erhalten. Aber die Erinnerung an die Preiskurve vor einem Jahr ist wichtig. Denn wenn das Wirtschaftswachstum wieder greift, wird der Preis wohl in neue Höhen schnellen und somit zum Bremsklotz werden. Das Spiel Wirtschaftswachstum-Ölpreis-Energiekrise ist mittlerweile keine besonders erbauliche Interdependenz in der wachstumsgetriebenen, fossilen Industriegesellschaft.

rohoel6Klar, der Ölpreis ist aufgrund der Rezession seit vergangenem Jahr stark gesunken, in der Zwischenzeit – nach ersten Anzeichen auf Erholung der Konjunktur – wieder gestiegen (auf über 70 US-$) und zuletzt wieder gefallen. (heute bei knapp 60 US-$)

(Graphik: http://www.tecson.de/prohoel.htm )

Wer über Peak-Oil mehr wissen will, dem sei dieser Vortrag von Michael Cerveny von der ÖGUT sehr ans Herz gelegt. Siehe ÖGUT Youtube Channel und diverse Vorträge.

Aber heut wird ohnehin in Österreich etwas anderes gefeiert. Nämlich Nabucco-Day!  Die Regierungschefs  aus Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Türkei unterzeichnen in Ankara ein Regierungsabkommen , das für die nächsten 50 Jahre einen stabilen Vertragsrahmen für das Nabucco-Pipelinesystem schaffen soll. Die 3300 km lange Pipeline soll 31 Mrd m3 Erdgas pro Jahr transportieren. Das Projekt wurde 2002 – maßgeblich von der OMV getragen – gestartet und kostet rund acht Milliarden Euro kosten. Für 2014 ist die Fertigstellung geplant. Während die Transitfragen also nun geklärt sind, ist die Frage, wer denn überhaupt soviel Gas liefern könne, noch spärlich beantwortet. Klar, die OMV versucht mit dem Verweis zu beruhigen, dass Azerbaidjan über entsprechende Kapazitäten verfüge; über den Iran spricht man nur derzeit nicht so gerne. Aber letztlich scheint diese Frage weitgehend ungeklärt, was bei einem derartigen Megaprojekt interessant ist.

Alle Experten sind sich einig, nach Peak Oil kommt Peak Gas. Interessante Unterlagen gibt es dazu von Dr. Werner Zittel von der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH in Deutschland auf der IG Windkraft Website. Seiner profuneden Einschätzung nach können wir Peak Gas im Jahr 2020 erwarten.

Dass Nabucco damit kein energiepolitisch besonders nachhaltiges Investment scheint, ist offensichtlich. Denn es setzt den Schwerpunkt weiter auf die fossile Abhängigkeit. Es lindert zwar jene von Russland ein wenig; aber ob der Iran letztlich der wünschenswerte Partner sein wird, ist zumindest politisch mehr als hinterfragenswürdig.

An vielen anderen Ecken und Enden, wo es um die Investition in die erneuerbare Energiezukunft, fehlt es derzeit an Geld.

Im Konjunkurpaket der Bundesregieurung waren einige Ansätze, z.B. die Sonderförderung zur thermischen Sanierung des Bundes. Doch jene ist für Privathaushalte nach wenigen Wochen ausgelaufen (Budget lediglich 50 Mio €)  – eine Prolongierung ist nicht in Sicht. Laut am Freitag präsentierter Wifo-Studie beträgt der „grüne“, sprich klimarelevante Anteil an den österreichischen Konjunkturpaketen elf Prozent. Allerdings sind auch die thermischen Sanierungsmaßnahmen der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) im Ausmaß von 120 Mill. Euro eingerechnet. Und diese Kalkulation ist mit Vorsicht zu geniessen. Ohne das BIG-Paket liegt der „grüne“ Anteil nur bei rund fünf Prozent. Zum Vergleich: In den USA beträgt der entsprechende Wert zwölf, in Deutschland 13, in Frankreich 21 und in Südkorea 81 Prozent. (Quelle: Salzburger Nachrichten 11.7.)

Keine Frage: diese Jahre sind entscheidend für die energiepolitischen Weichenstellungen. Aber der heutige Tag gibt in Sachen nachhaltiger Energiezukunft wenig Anlaß zum Feiern.





Eine Frage der Begriffsdeutung: Anmerkungen zur Energie-Autarkie

12 01 2009

Die gestrige “Im Zentrum” Diskussion “ÖSTERREICH IN DER ENERGIEFALLE?”, bei der Vertreter der großen Energiewirtschaftsunternehmen (OMV, Verbund), der Industrie (Voest) gemeinsam mit Eva Glawischnig, Wirtschaftsminister Mitterlehner und Experten Franz Wirl von der TU diskutierten, zeigte wieder die Wichtigheit von Begrifflichkeiten und ihrer Deutung. Prinzipiell ist vorauszuschicken, dass in der Diskussion einzig Glawischnig die Meinung vertreten hatte, dass die Gaskrise ein weiterer Anlaß für einen sehr weitgehenden, durchaus visionären Wandel in der Energieversorung sein muss. Die anderen Herrschaften haben eher die sehr konventionelle energiepolitsche Haltung vertreten. Ein strategisch entscheidender Moment in der Diskussion war meiner Meinung nach der Begriff  “Autarkie”. An jenem haben sich – nach einem Glawischnig Statement – gleich mehrere Diskutanten aufgehängt (Wirl, Eder, Mitterlehner etc.), um dagegen  zu argumentieren. Man kann sich nicht abschotten, ist Teil internationaler Netze etc. sind die Argumente. (“Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass… also wirklich…nein, das geht ja gar nicht”, wird dann milde lächelnd gestreut)

Technisch stimmen diese Argumente alle, aber der Punkt ist, sie wurden rein taktisch verwendet, um das eigentliche Ansinnen, nämlich Österreich von den Gas- und Ölimporten unabhängiger zu machen, von der Agenda zu bringen. Diese Unabhängigkeit war dann nämlich nicht mehr im Zentrum der Debatte, was angesichts der Tatsache, dass rund 63% des in Österreich genutzten Erdgas aus Russland kommt, schade ist. Beim Öl schaut die Bilanz noch schlimmer aus.

Ein einfaches Beispiel. So hat sich das Burgenland zum Ziel gesetzt, 100 Prozent der Haushalte mit Ökostrom zu versorgen und damit das Land in der Stromversorgung bis 2013 möglichst unabhängig zu machen.”  (Zitat Niessl 2007). Der damalige Umweltlandesrat und jetzige Umweltminister Niki Berlakovich nannte bei einer PK 2007 als langfristiges Ziel die 100 %ige Versorgung des Burgenlands mit erneuerbarer Energie – bei Strom, Wärme und Treibstoffen. Niemand glaubt bitte, dass die Burgenländer ihre Stromleitungen an der Grenze kappen werden. Strom ist genauso Handelsgut wie bislang . Es geht um den Eigen- und den erneuerbaren Anteil im Verhältnis Produktion – Verbrauch. Und nicht um Autarkie im Sinne technischer Selbstversorgung.

Das Konzept der technischen Energieautarkie gibt es zwar auch, ist aber primär im lokalen bzw. regionalen Maßstab umsetzbar und attraktiv. Alles andere ist eine Frage der Bilanzierung. Doch genau jene ist entscheidend, wenn wir über Österreichs bzw. Europas Energieversorgung reden.





Gaskrise – Wirtschaftskrise: Jetzt muss der Staat investieren

8 01 2009

Wieviele Krisen braucht es eigentlich noch, um genau jetzt einen wirklichen Schub Richtung Clean Tech zu schaffen? Ölkrise (nur scheinbar in Griff) – die Gaskrise (nur scheinbar tempörär) – Weltwirtschaftskrise  – und leider immer öfter vergessen: die Klimakrise. Gerade weil private Investitionen derzeit schwieriger werden, braucht es vermehrt investive staatliche Anreize um in die richtige Richtung zu lenken. Keynes wird derzeit öfter herbeibeschworen und wird quasi common sense. Aber es geht nicht nur um das ob, sondern vielmehr um das wie investieren? Und nicht, dass ich irgendwem eine kalte Wohnung wünsche (auch nicht in Bulgarien, Ungarn oder der Slowakei, die arg von Gas-Stopp betroffen sind), aber wenn nicht diese wiederholte Krise die völlig unangemessene Abhängigkeit vom russischen Gas zeigt, was dann? Insofern hat sie ihren Sinn, nämlich den des Augenöffnens.

Günter Strobl von Raiffeisen-Leasing stellt im heutigen ÖkoEnergie-Blogposting die richtigen Fragen. Kein Experte soll behaupten, er hätte nicht gewusst,  dass sich die 2006er Krise wiederholen kann. Die Gaskrise ist insbesondere ein europäisches Problem mit übrigens worldfamous Wien Baumgarten als einer der Gas-Knotenpunkte im verteiltechnischen Zentrum.

Auch Rudolf Titz fordert zu Recht – unabhängig von der Gaskrise –  im Ökocenter-Blog der BEWAG eine längerfristige Investitionsperspektive für die Photovoltaik. Warum sollen nur die dirty industries mit dem Argument, sie müssen langfristig investieren können und brauchen daher viele Gratiszertifikate für den Emissionshandel, dieses Recht für sich in Anspruch nehmen? Es sind zwei Beispiele, die zeigen worum es geht. Angemessene Rahmenbedingungen für die Zukunftsbranchen, die eine nachhaltige Energieversorgung, Wachstum und Beschäftigung bringen.

In Sachen Clean Tech finde ich den gestrigen Freakonomics Blogbeitrag von Stephen Dubner sehr interessant.  Er frage Experten: How Will the Recession Affect Clean Technology?

Während der Phase der stark steigenden Preise für fossile Energie und der sinkenden Kosten für Erneuerbare war klar, dass ein massiver Investitionseffekt für Clean Tech eingesetzt hat und die Ablöse der Energieträge anvisiert wird. Der ist auch nicht völlig weg seitdem der Ölpreis wieder abgesunken ist. Es bleibt schon was, hängen aber dennoch ist der Druck größer und es gibt schlicht weniger privates Kapital, das derzeit für Investitionen eingesetzt wird.  Oder wie Ethan Zindler meint: “For clean energy firms looking to scale up, raising capital over the public markets via I.P.O.’s has become virtually impossible in the last few quarters.”  Dank Obama´s Ökoansagen und teils anspruchsvoller Ziele wird dennoch davon ausgegangen, dass der Trend in Richtung Ökologisierung nicht abbricht. Denn believe it or not, der hat in den USA schon massiv eingesetzt.

Alle drei Experten beziehen im Freakonomics Post auf staatliche Anreize und entsprechende Rahmenbedingungen. Die sind jetzt wichtiger als je zuvor. Und das heißt mM nicht nur Gebäudesanierung, sondern auch massive Investitionsanreize für Erneuerbare im Wärme- und Stromsektor; Mittel für F&E und Marktdurchdringung intelligenter, ökologischer Produkte (Stichwort: LED, Smart Metering und und und), neue Jobs generierende Dienstleistungen im Energiebereich.