Obama und wir

20 01 2009

Irgendwie kann er einem schon leid tun. Die Erwartungshaltungen, die alle Richtung Barack Obama strömen, sind derartig vielfältig und hoch, dass wohl kein Mensch der Welt dem gerecht werden kann. Erwartungshaltungsmanagement wird – wie so oft in der Politik – an der Tagesordnung stehen. Bin schon sehr gespannt, wie es Obama heute anlegt. Und bin mir sicher, dass viele Kommentare und Schlagzeilen in den kommenden Tage lauten werden: “The party´s over”.

Sehr interessant ja das Interview im heutigen Standard Online mit Rhetoriktrainer Stefan Gössler, der die Sprachmusters in den Reden Baracks Obamas analysiert hat. Und der Mann schaut genau:

“Was an Obama so neu ist, ist seine Gabe, verschiedene Kommunikationsmuster zu kombinieren wie kein anderer vor ihm. Wenn man sich seine Reden genauer ansieht, findet man sofort eine Anapher (Wortwiederholung am Satzanfang, Anm.) gefolgt von einer Brevitas (eine plötzliche Verkürzung, Anm.). Und so eine Verkürzung wirkt wie ein Katapult, das die Botschaft nach Hause bringt. Diese Kombination verstärkt die Aussage und bringt die Botschaft viel besser ans Publikum. “

Man kann viel lernen von Obama – von seiner Sprache, seinen Methoden, auch den vermittelten Werten und dem Kampagnenmanagement. Thomas Hofer schreibt heute im Standard richtigerweise  (leider nicht online) , dass ein blindes Kopieren von Obama jedoch peinlich werden kann. Die deutschsprachigen Abwandlungen auf “Ja, wir können´s” holpern sehr. Der hessische SPD Kandidat Thorsten Schäfer-Gümbel ist ein gutes Beispiel. Er wollte auch mit derartigen Sprüchen den Karren aus dem Dreck ziehen, aber da braucht´s eben mehr als paar Obama-angelehnte Sprüche und Youtube Videos.

Dennoch ua. über

  • Sprache,
  • der klaren Vermittlung von Botschaften & Werten,
  • Teilhabe an einer Kampagne,
  • Aktivisten & Freiwilligen-Management,
  • Empowerment,
  • neuen Kommunikationsstrukturen fernab des klassischen Parteien-Bottom-Up,
  • authentischen Politikerpersönlichkeiten
  • die Tag-nach-der-Wahl-Strategie
  • und den Einsatz von Web 2.0 Anwendungen

müssen die Parteien nachdenken. Insbesondere in Sachen Web gibt es derzeit nahezu keine öffentliche Diskussion darüber, welche Bedeutung es einnehmen kann. Und das, obwohl auch wir ein Superwahljahr haben. In Deutschland, wo die Politikkommunikation ebenso desaströs weit weg von US-amerikanischen Verhältnissen ist, wird zumindest ansatzweise diskutiert. Dennoch hab ich den Eindruck, dass Deutschland keinen Schritt weiter ist als Österreich.

Man kann insbesondere gespannt sein, wie sehr die Europawahl im Juni  eine gemeinsame (also über nationale Grenzen hinausgehende) Webstrategie der jeweiligen Parteien bringt. Eine Riesenherausforderung, weil die Voraussetzungen in den einzelnen Mitgliedsstaaten total unterschiedlich sind. Aber es wär ein wichtiges Projekt: Denn nachdem die klassischen Medien daran scheitern, eine europäische Öffentlichkeit zu schaffen, wäre das Web eigentlich prädestiniert dafür – wissend, dass dies vorerst nur einige Zielgruppen erreicht. Aber es wäre ein Beginn. Nicht einer Obama Look-alike-Campaign, sondern eines identitätsstiftenden Projekts mit konkreten, wichtigem Anlaß: der Wahl zum Europäischen Parlament.

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Warum die Grünen noch eine Chance haben…

22 09 2008

In vielen Gesprächen und Kommentaren hört und liest man derzeit, dass die Chancen der Grünen schwinden, bei der kommenden Nationalratswahl zuzulegen. Platz 3 wird ihnen nicht mehr zugetraut. Auch die Umfragen sehen die FPÖ weit vor den GRÜNEN.

Ich glaube, dass die GRÜNEN sehr wohl noch Chancen auf einen Erfolg haben. 3 Gründe und ein Bild dafür:

1. Das Parteienspektrum: Die meisten fischen im anderen Teich

Die Grundthese, die ich schon in den letzten Beiträgen zur Wahl kurz angesprochen habe, lautet, dass sich nahezu alle Parteien um die potentiellen FP-WählerInnen kümmern wollen.

  • Die SPÖ, indem sie die Krone Achse geschmiedet hat, seitdem intensiv pflegt und ihre EU-Position entsprechend angepasst hat.
  • Die ÖVP, die seit 2002 glaubt, ohne FP-PotentialwählerInnen keine Wahlen gewinnen zu können, daher wird Deutschkurse vor Zuwanderung plakatiert etc.
  • Das mit Haider als Spitzenkandidat stärker werdende BZÖ, das ohnehin auf diese WählerInnen abzielt.
  • Und natürlich die Strache-FPÖ selbst.

Es gibt natürlich viele WählerInnensegmente, aber ganz grob kann man sie als Abgrenzung in zwei Bereiche differenzieren.

  • WählerInnen, die sich vorstellen können, die FPÖ zu wählen (FP-Potential), und
  • WählerInnen, die sich vorstellen können, die GRÜNEN zu wählen (Grün-Potential)

Hier gibt es nahezu keine Überschneidungen. So schaut derzeit meines Erachtens der Wahlkampf aus:

(Anklicken zum vergrößern; vielen Dank an Jutta für die Illustration)

Klar, alle Parteien haben in unterschiedlichem Ausmaß StammwählerInnen (insb. SPÖ und ÖVP), nach denen man nicht extra fischen muss (die aber dennoch mobilisiert werden müssen)

Da sich SPÖ und ÖVP auf den rechten Teich konzentrieren, müsste sich für die Angler im bildbezogen linken Teich mehr Möglichkeiten für den Stimmenfang bieten. Denn auf die Köder für rechts beißen die Fische im anderen Teich meist nicht an – ganz im Gegenteil. Und ob die Botschaften derart differenziert werden können? Da hab ich meine Zweifel.

2. Der verunsicherte Wähler und die Wahlbeteiligung

These 2 ist, dass viele WählerInnen maximal verunsichert sind. Der Grad der Unentschlossenen ist hoch wie selten zuvor. Und viele Menschen sind ang´fressen auf die Politik – und gehen vielleicht gar nicht zur Wahl. Genau deshalb entscheidet die Mobilisierungsfähigkeit der Parteien.

Generell gilt: Je geringer die Wahlbeteiligung, desto höher der Anteil der GRÜNEN und Liberalen am Stimmenanteil, da deren WählerInnenschaft tendentiell eher schon zu einer Wahl geht als das klassisch rot-blaue Soziomilieu.

Demokratiepolitisch ist das zwar nicht gut, aber meines Erachtens gibt es da eine Korrelation.

3. Platz 1 dürfte entschieden sein.

Nicht nur bei den Wettquoten wird klar. Wenn es nicht noch ein großes Momentum für die ÖVP gibt, in dem sich die Stimmung dreht, wird die SPÖ Erster. Es könnte sich daher die Richtungsentscheidung auf Platz 3 konzentrieren. Und da kämpfen Grüne gegen Blaue.  Bei der letzten Wahl war das ein entscheidendes Mobilisierungsargument für grüne WählerInnen. Meist leiden die GRÜNEN darunter, dass sie im Rennen um Platz 1 nicht mehr vorkommen. Es entscheiden die kommenden Tage, welches Rennen wichtiger ist.

Klar, möglicherweise liegt das alles völlig daneben. Denn letztlich wird entscheiden, wer zur Wahl hingeht. Aber genau aus diesem Grund seh ich die aktuellen Umfragewerte mit Skepsis. Mehr als allgemeiner Trend ist da nicht rauszulesen. Und wie sagte Josef Broukal schon einmal bei einer Hochrechnung: Meine Damen und Herren, eines kann ich jetzt schon sagen, es bleibt kein Stein auf dem anderen…