Pflichtlektüre für Politik-Verantwortliche: “Kleinräumige Bevölkerungsprognose für Österreich 2030 und 2050” (1)

9 08 2010

Der Titel klingt vielleicht nicht für alle aufregend. Aber immerhin: Für einen Tag war die besagte Studie sogar in den Tageszeitungen präsent (siehe ua Presse oder Kurier). Zu kurz, um ernstgenommen zu werden. Denn das Land wird sich verändern. Und zwar substantiell und vor allem strukturell.
Die Rede ist von einer Publikation, die meiner Meinung eine Pflichtlektüre sein müsste für jeden, der in Österreich Politik macht. Es handelt sich um keine auf Basis medialer Beobachtungen qualitativ oder aus Interviews abgeleitete “Zukunftsforschung”, sondern um statistische Berechnungen, wie sich Österreich demographisch entwickeln wird. The real stuff.

Die “Kleinräumige Bevölkerungsprognose für Österreich 2010-2030 mit Ausblick bis 2050 („ÖROK-Prognosen“)” der Statistik Austria bietet Einblicke in die Entwicklungen Österreichs, die meiner Meinung von höchster Priorität sein müssten für politische Programme der kommenden Jahre und – um zum Punkt zu kommen – für die Weichenstellungen, die mit dem kommenden Budget getroffen werden.
Denn dieses Budget, das spätestens unmittelbar nach den Landtagswahlen in die heiße, öffentliche Verhandlungsphase tritt, ist nicht irgendein Budget. Es ist DAS Krisen-Budget. Auch wenn sich Wirtschaftsdaten und Arbeitslosenzahlen relativ positiv entwickelt haben, die Kosten der Krise (und die Frage, wer sie zahlt) werden sich jetzt erst in Zahlen nieder schlagen.
Wo hier der Link zur kleinräumigen Bevölkerungsprognose ist?
Es gibt mehrere, und auf einige werde ich noch ausführlicher in Follow-Up-Postings eingehen. Es gibt ganz grundlegende ökologische Fragestellungen (Mobilität, Baukultur), soziale Aspekte (wie organisieren wie Pflege für Hochbetagte und unser Gesundheitssystems bzw. das Pensionssystem; wie unsere soziale Infrastruktur für die besten Bildungsvoraussetzungen), die Diskussion rund um Zuwanderung, Finanzthemen (Budgetsituation der Gemeinden) etc.
Aber hier mal nur einige Graphiken und paar Überschriften.

Der große Suburbanisierungsschub
Nun, die Prognose ist im wesentlichen eine Weiterführung aktueller Entwicklungen, aber in der drastischen Ausformung haut´s einen doch um.
Hier die erwartete Bevölkerungsveränderung bis 2030.

Mit Click auf die Graphik kommt man auf die gelungene Animation auf der Statistik-Austria Website, bei der man man den Jahresverlauf genau verfolgen kann. (leider offenbar bei WordPress nicht integrierbar)


Es gibt deutliche Verschiebungen mit klaren “Gewinnern” und “Verlierern”. Bis 2050 verstärkt sich dieser Trend noch weiter.
Kurz gesagt: die meisten Städte legen substantiell an Bevölkerung zu; noch mehr jedoch deren Umland. Ganz extrem vor allem rund um Wien, wo beispielsweise für Schwechat ein Wachstum bis 2030 von + 27,9% bis 2050 von +47,8% vorhergesagt wird. Auch Gänserndorf-Großenzersdorf-Marchegg, Klosterneuburg-Purkersdorf oder Baden-Ebreichsdorf werden bis 2030 um +über 20% wachsen und rund um die 40% bis 2050. Zugleich verlieren jedoch auch Regionen teils massiv an Bevölkerung. Murau, Mürzzuschlag, Gmünd und auch teils große Gebiete Kärntens verlieren rasant Bevölkerung. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Jetzt kann man sagen, dass ist noch weit weg, aber wer die kommenden Jahre in der Graphik verfolgt, wird sehen, dass dieser Trend schon jetzt einsetzt. Außerdem: wenn wir an Infrastrukturmaßnahmen denken (etwa Bahnprojekte) haben diese ja auch eine entsprechende Vorlaufzeit. Aus meiner Sicht heißt das für den öffentlichen Verkehr z.B. nicht nur, dass er attraktiver werden muss, sondern dass es zu einer regelrechten Revolution in der Mobilität kommen muss, um diese eben umweltschonend und zugleich sozial verträglich zu gestalten. Und Generalverkehrsplan etc. stehen eben jetzt zur Disposition. Es geht um nichts weniger als um die Frage, wo investiert Staat und wo gibt er weniger Geld aus.
Die Verstädterung selbst ist durchaus ein Trend, der ökologisch positiv zu bewerten ist (dichte Strukturen, kürzere Wege etc.), entschieden werden die CO2-Bilanzen letztlich aber dabei, wie Stadt und Umland im Wechselspiel funktionieren. Auch die Organisation der sozialen Infrastruktur (Schule, Kinderbetreuung etc.) ist eng damit verknüpft, denn natürlich hat das alles auch eine Altersperspektive:

Starke regionale Unterschiede in der Altersverteilung

Siehe dazu diese Graphik:
Hier der Anteil der Über 65-Jährigen im Jahr 2009 (je dünkler, desto höher – siehe Legende):

Und hier im Jahr 2030:

Und klar, wir alle werden älter. Das Jahr 2050:


(alle Graphiken aus Kleinräumige Bevölkerungsprognose für Österreich 2010-2030 mit Ausblick bis 2050 („ÖROK-Prognosen“); entnommen der interaktiven Landkarte der Statistik Austria Website
Klar. Wir werden alle im Alter supercool und modern sein und das “Alter” an sich wird sich weiter verändern, aber wenn wir die Bevölkerungskarte und die Alterskarte übereinander gelegt vorstellen, zeigt es doch eine relevante strukturelle Veränderung Österreichs, die nicht ohne Konsequenzen bleiben kann.

Keine Sorge um die Städte. Die werden durch Zuwanderung weiter jung bleiben. Sie werden Motor der Ökologisierung und Technologieentwicklung sein (sehr optimistisch betrachtet). Aber die strukturschwachen Regionen, wo junge Menschen wegziehen, ältere bleiben und teils deutlich älter werden (siehe im Bericht die 85+ Berechnungen)… wie schaut dort das Leben aus.Ist dieser Trend verhinderbar? Wie schaut die soziale Infrastruktur in diesen Regionen aus? Wie ist sie finanzierbar? Wie kann Mobilität gewährleistet werden?

Diese und noch einige Fragen mehr, sollten uns politisch JETZT beschäftigen. Am besten gleich in den heutge beginnenden ORF-Sommergesprächen.
Denn wenn wir die Gesellschaft ökologisch und sozial nachhaltig gestalten wollen, müssen wir strukturell und kulturell Veränderungen herbeiführen. Technologie allein wird uns nicht helfen.





Nachhaltigkeit in Österreichs Politik: Fremdwort & Phrase

25 01 2010

Ein heutiger Artikel von Martin Stuhlpfarrer in “Die Presse” sorgt für Irritation. Er titelt: “Rechnungshofbericht: Drei Länder als Umweltsünder”
Dabei geht es um einen – wie immer – vertraulichen Rohbericht, der die Implementierung von Nachhaltigkeitsstrategien überprüft. Ein lobenswertes Unterfangen, denn wie Stuhlpfarrer richtig schreibt, wird der Begriff “Nachhaltigkeit” gerne von Politikern als Phrase für alles Mögliche verwendet. Das reicht von Umweltthemen über nachhaltiger Budgetpolitik (unabhängig davon, was mit dem Geld finanziert wird) bis hin zu allen möglichen teils sinnentleerten Formulierungen, die sich zwecks Attributzuweisung ebenso der “Nachhaltigkeit” bemächtigen.

Überprüft wurden drei Bundesländer: Wien, Oberösterreich, Kärnten. Und zwar nur diese Bundesländer.
Richtigerweise wird festgestellt, dass es in allen drei Bundesländern eine halb- bis gar nicht herzige Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien gibt. Jedoch passieren hier meines Erachtens im Artikel oder im Rohbericht ein paar Missverständnisse, die genau das Problem darstellen:

“Drei Länder als Umweltsünder”. Die Formel Nachhaltigkeit=Umwelt ist falsch
Nachhaltigkeit ist aber nicht nur eine ökologische Frage. Die drei Bundesländer sind durch die genannten Sachverhalte nicht spezifisch als Umweltsünder zu sehen. Klar hat Nachhaltigkeit auch mit Umwelt zu tun, aber Öko ist neben Sozial und Demokatie eine von drei Säulen. Die drei spezifisch als Umweltsünder zu bezeichnen, ist schlicht falsch.

Die drei Länder sind nicht schlimmer als die anderen
Der Artikel (insb. der Titel) suggiert, die drei Länder wären besonders schlecht im Vergleich zu anderen Bundesländern. Die anderen dürften aber nicht Gegenstand des Rohberichts sein. Insbesondere bei der genannten Treibhausreduktion zeigen die Zahlen der vergangenen Jahre in der Entwicklung keinen signikanten Unterschied zwischen den Bundesländern. Im Text wird zwar richtiger weise gesagt, dass sich die Klimadaten österreichweit nicht verbessern, aber wie gesagt: der Gesamtspin ist, dass die drei Länder spezifisch schlecht seien. (siehe die aktuellen Daten aus 2006)
Und da der Wiener VP-Klubobmann Matthias Tschirf als einziger Politiker zitiert wird, womit man nicht viel spekulieren muss, wo der Quell der Information zu finden ist, geht es dabei spezifisch um die Stadt Wien.
Dabei ist die Kritik an Kärnten deutlich schärfer.
Oberösterreich tut man meines Erachtens ein wenig unrecht mit der umweltpolitischen Kritik. Auch hier greift Nachhaltigkeit ebenso nicht quer durch alle Politikmaterien (siehe Verkehr); in den klassischen Umweltbereichen ist in den vergangenen Jahren aber viel passiert, was sich derzeit noch kaum in der Klimabilanz auswirken wird (Bundesländer-Daten gibt es aktuell nur bis zum Jahr 2006) Im Energiebereich gibt es z.B. ein sehr genaues Monitoring der einzelnen Maßnahmen.

Damit kommen wie zum Kern. Der Rohbericht geht natürlich prinzipiell in die richtige Richtung, weil er aufdeckt, dass Nachhaltigkeit ein leere Hülse ist. Aber das hat eigentlich nicht in erster Linie mit diesen Bundesländern zu tun, sondern gilt wohl für Gesamtösterreich: Nachhaltigkeit als Wert, als eine Art Prinzip, das quer durch alle Politikbereiche greift, wird noch in keinster Weise ernst genommen. Dabei gibt es Nachhaltigkeitsstrategien, -prozesse etc. Doch zwischen Deklaration und ernsthafter Implementierung klafft die berühmte Lücke.
Ich hab schon vor einigen Monaten in Zusammenhang mit der ÖBB auf Nachhaltigkeit als Wert verwiesen. Welchen Werten ist ein öffentliches Unternehmen, eine Gebietskörperschaft etc. verpfichtet? Wäre es nicht an der Zeit, Managerboni in öffentichen Unternehmen an Nachhaltigkeitskriterien statt an Einsparungs bzw. Jahresbilanzzielen zu binden. Würde man Nachhaltigkeit ernst nehmen, wären riskante Finanzspekulationen öffentlicher Institutionen nie und nimmer passiert, da langfristige Effekte und Risiken automatisch mitberücksichtigt werden würden. Nachhaltigkeit ist ein Fremdwort hierzuland. Und das hat nichts mit “drei Bundesländern als Umweltsünder” zu tun, sondern damit, dass Politik im Kern zur wertfreien Zone wird.

Und da es doch ambitionierte Initiativen zum Diskurs nachhaltiger Fragestellungen gibt, zum Schluß noch ein Veranstaltungshinweis. Die Konferenz “Wachstum im Wandel” stellt sich kommenden Donnerstag und Freitag genau einer Kernfrage: welches Wachstum ist nachhaltig?





Die ÖBB ist klima:aktiv…und verlagert den Güterverkehr auf die Straße

4 10 2009

Bad Timing kann man da nur sagen.

Als ich am heutigen Sonntag die seltene Gelegenheit hatte, die Tagesillustrierte “Österreich” durchzublättern (ich habe dafür auch gezahlt… jaja, ich bin das) ist mir ein doppelseitiges Inserat der ÖBB aufgefallen, das zudem noch das klima:aktiv Logo des sog. Lebensministeriums trägt.

oebb_inserat (click thumbnail to enlarge)

Mein naiver Optimismus ließ mich denken: Gut, wenn die ÖBB erkennt, dass Klimaschutz ein wesentlicher Aspekt ihres Daseins ist. Auch die erwähnten Maßnahmen sind vernünftig und viele davon entsprechen genau der Rolle, mit der sich die ÖBB in Zukunft positionieren könnte. Als moderner Dienstleister, der sich dem Klimaschutz und seinen Kunden verschreibt. Auch das klima:aktiv Programm des Umweltministerium halte ich für eine durchaus gelungene Sache, die sogar noch mehr Aufmerksamkeit verdient.

Doch dann kam DAS: “ÖBB will Fracht von Schiene auf Straße verlagern“, titelt der morgige Standard einen Artikel. Die in Sachen ÖBB wie immer topinformierte Standard-Redakteurin Luise Ungerböck  berichtet über ein Sanierungskonzept des Beratungsunternehmes Roland Berger, das die Verlagerung des Transports von Stückgut von der Schiene auf die Straße forciert. Ab Jänner 2010 sollen in der Steiermark Güter nicht mehr mit ÖBB-Zügen transportiert werden.Ein eklatanter Widerspruch zur Kommunikation der ÖBB in Sachen Klimaschutz, denn genau im abgebildeten Inserat steht:

“…Hauptansatzpunkte der ÖBB-Klimaschutz-Charta umfassen zum Beispiel die Bereitstellung von “nachhaltiger” Mobilität für Menschen und Güter. Die Mobilitätsdienstleistungen des ÖBB-Konzerns sollen noch stärker auf ihre Energieeffizienz und ihr ökologisches Potenzial optimiert werden.”

Politisch entschieden ist die Sache übrigens noch nicht. (Reaktion Bures ebenfalls im Standard)

Das Thema ist auch nicht neu. Schon seit einigen Jahren ist es immer wieder so, dass Güter, die man mittels ÖBB verfrachten will, keinen einzigen Waggon erleben. Das hat schon meine Nachfrage anlaßbezogen vor einigen Jahren ergeben. Wie auch im Berger-Konzept lautet das wohl nicht ganz falsche Argument: Kostengründe. Es ist schlicht billiger.

Dies zeigt nicht nur, dass die Straße offenbar im Vergleich zur Schiene immer noch zu günstig ist, sondern wirft eine viel prinzipiellere Frage auf:  Welchen Werten folgt ein Unternehmen wie die ÖBB? Welches Leitbild gibt es, von dem man eine Strategie ableiten kann? Ist die richtig argumentierte Klimaschutz-Charta Teil der Strategie oder nur Teil des Marketing? Eine ganz wichtige Frage übrigens für alle Unternehmen, die sich mit Corporate Social Responsibility (CSR) auseinandersetzen.

Die Roland Berger Strategie folgt dem Prinzip der Kosteneffizienz. Das ist legitim, aber das kann nicht einziges Kriterium sein. Es reicht nicht für ein Unternehmen in öffentlicher Hand, das jährlich mit x Milliarden aus Steuergeldern finanziert wird. Es braucht für Unternehmen wie die ÖBB, den ORF aber eigentlich auch eigentlich für die Arbeit der gesamten Verwaltung eine neue Werteorientierung. Ein Bild davon, wo man hin will.

Was dieser Wert sein kann? Na zum Beispiel Nachhaltigkeit.

Hätten wir Nachhaltigkeit ernsthaft als zentrales Leitmotiv und Grundwert, wäre es unmöglich, dass Steuermittel in hochriskanten Toprendite Fonds veranlagt würden, sondern in nachhaltige, ethische Investments.

Hätten wie Nachhaltigkeit als zentrales Leitmotiv, würde der ORF seine Identität über den öffentlichen Auftrag definieren und nicht über kommerziellen Erfolg, weil in der Nachhaltigkeit ist Demokratie eine wesentliche Säule. (wissend, dass der ORF ein nicht einfaches Zwitterdasein leben muss)

Hätten wir Nachhaltigkeit als zentralen Wert, würden ÖBB und das zuständige Ministerium BMVIT, dieses Unternehmen tatsächlich als zentralen Motor im Klimaschutz positionieren, das der Umwelt dient, faire aber nicht privilegierte Arbeitsmöglichkeiten bietet und sich dem Kunden verpflichtet fühlt.

Dieser Wert wäre uns dann als Steuerzahler und ÖBB-Kunden auch tatsächlich etwas wert, oder?