Twitter und das Blasen-Problem. Anmerkungen zur Twitterpolitik-Studie

1 04 2012

Vergangenen Donnerstag wurde im MQ die Studie “Twitterpolitik” präsentiert und diskutiert. Diese wirklich äußerst lesenswerte und auseinandersetzungwürdige Untersuchung (siehe Downloads) von Julian Ausserhofer, Axel Maireder und Axel Kittenberger analysiert die Tweets und Beziehungsnetzwerke der österreichischen politischen Twittersphäre. Gemeinsam mit The Gap wurde vor nahezu vollversammelter Polittwittergemeinschaft im Anschluß an die Präsentation mit zentralen Twitter-Akteuren über Twittergewohnheiten uä diskutiert. Die Diskussion war für mich ehrlich gesagt tendentiell etwas zu entertaining, denn die Studie bietet vieles, worüber man sehr inhaltlich aber auch in Sachen Kommunikationskultur intensiv diskutieren kann.

Gratulation jedenfalls den Autoren, denn die Untersuchung ist sowohl in ihrem Design wie auch in der Aufbereitung und der gebotenen Transparenz auf wirklich gutem Niveau und sehr interessant. Artikel dazu sind unter anderem in The Gap, im Standard, in der Presse, Presse Online (zur Diskussion im MQ), im Kurier oder auf DieStandard.at erschienen. Blogbeiträge dazu sind mir bislang von Alexander Stocker, Denkwerkstatt untergekommen. (bin über Hinweise über weitere Blogbeiträge froh) Ein Inteview dazu gibt es auf jetzt.de der SZ.

Mein Interesse daran hat mehrere Hintergründe: Die Tätigkeit als Politik- und Kommunikationsberater, mein Dasein als Twitter-User, aber auch mein eigener politikwissenschaftlicher Background. Im Jahr 1999 habe ich meine Diplomarbeit zum Thema “Elektronische Demokratie: Die politische Dimension des Internets in der sogenannten Informationsgesellschaft” an der Uni Wien verfasst. (Wie man an diesem Ausschnitt der Literaturliste einer Publikation der Österreichischen Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung erkennt, wird man leicht von Prominenz flankiert ;-)

Das war noch einige Jahre vor Twitter, Facebook und den meisten Social Networks. Die Grunderkenntnis war damals, durchaus dem deutschen Politologen Claus Leggewie folgend, dass die neuen Möglichkeiten per se noch nicht die politische Kommunikation und die Demokratie verändern, sehr wohl aber eine Chance für Beteiligung und Partizipation sind, wenn die Mittel der Selbstermächtigung und des mündigen Bürgers ausgeweitet werden. Aber wie gesagt, über 13 Jahre her.

Mich beschäftigt die Frage der Selbstreferentialität der Akteure politischer Kommunikation sehr; ich sehe sie in Österreich als eines der Grundübel im Verhältnis zwischen Medien und Politik. Daher ist auch das Instrument der Netzwerkanalyse für diese Untersuchung tauglich. Die Netzwerkanalyse ist mir aus langjähriger Kooperation mit Harald Katzmair bzw. dem Team von FAS-Research sehr geläufig. Insofern ist die Frage, wie sehr Twitter die Beziehungsnetzwerke erweitert, ändert oder verstärkt, relevant. (hier das Bild der Polittwitter-Netzwerks)

Ist Twitter nur eine Blase in der Blase? Das Problem selbstreferentieller Systeme & Netzwerke

Ein wesentliches Problem politischer Kommunikation ist die teilweise Entkoppelung des Systems der Medienöffentlichkeit von der sozialen Realität vieler BürgerInnen. Das hat weniger mit Reichenweiten oä zu tun, sondern damit, dass immer die selben Muster bedient werden, die andererseits zusehends auf Abstumpfung, Misstrauen und Desinteresse stoßen. Politik und innenpolitische Medien erklären einander Sachverhalte für bedeutsam, ohne dass diese Bedeutsamkeit bei vielen ihrer RezipientInnen geteilt wird. Dazu auch ein Guensblog-Beitrag vor 3 Jahren anlässlich der Wertewandel-Studie. Vor vielen Jahren waren schon beim Politikkongress in Berlin von der “Berliner Blase” die Rede, dem System aus Journalisten, Polit- und Kommunikationsprofis und natürlich Politikern, die einander referentieren, aber den Kontakt zum “außen” verlieren. Die Wiener Blase ist noch ärger wie Strategieberater Lothar Lockl vor einigen Monaten im Club2 richtigerweise ausführte.

Mein persönlicher Eindruck war bislang, dass auf Twitter österreichische Journalisten häufig einander referenzieren. Eine Mischung aus Marktbeobachtung, Meinungsaustausch und manchmal auch Selbstbestätigung. Die Studie bestätigt dies jedoch nur zum Teil. Sehr wohl gibt es seitens der MedienvertreterInnen auch Kontakte auch mit InteressentInnen, ExpertInnen und PolitikerInnen. Eigentlich ist der Austausch sogar rege, die Frage ist jedoch, wie weit dies auch einen Mehrwert generiert und als Input  für die eigene Arbeit gesehen wird.

Die Gefahr, dass ein Medium wie Twitter aufgrund des referentiellen Charakters Bedeutsamkeit vermittelt ohne diese in anderen Realitäten zu haben, sehe ich jedoch weiterhin. Klar sind Politiker und Journalisten auf Twitter meist in die Kategorie der Opinion Leader zu zählen; aber wenn man oft ein Re-check außerhalb macht, merkt man, dass dies nicht selten null Impact hat. Dieser Re-check scheint mir jedoch wichtig, denn sonst ist nicht auszuschließen, dass man Twitter aber auch sich selbst als Akteur selbst überschätzt. Einfach, weil es viel Feedback aus dem System gibt.

Ist hohe Kontaktfrequenz eine geeignete Maßzahl? (Oder: die quatschenden Männer!)

Ein Punkt in der Untersuchung, der mich stört, wo jedoch auch mir selbst keine andere Lösung einfällt, ist die Orientierung an der Interaktionsfrequenz. Die Größe der Bubbles in den Netzwerken entspricht der Häufigkeit an Tweets, die sich auf einen Akteur beziehen. Bleibt die Frage, ist das eine geeignete Maßzahl und  wenn ja, dann um was zu erheben?

Um Bezugspunkte und Kommunikationsintensität abzuleiten: ja.

Um Bedeutung abzuleiten: eher nein!

In einer Folie der Untersuchung wird sehr gut unterschieden zwischen Q&A und Chat-Mustern in der Interaktion. Das halte ich für wichtig, denn chatähnliche Kommunikation bietet natürlich sehr hohe Interaktionsfrequenz. Und es wird auf Twitter unglaublich viel gequatscht. Oft belangloses Zeug. Ich bin eher ein Freund dessen, dass man nicht überall und ständig seine Spontanmeinung rauslässt, dafür dann idealerweise gehaltvoll (was nicht heißt, dass ich selbst nicht manchmal in Laune bin; und ich unterstelle auch nicht, dass jene die viel tweeten substanzlos sind! Die zentralen Twitter-Akteure wie Michel Reimon, Armin Wolf oder auch Hubert Sickinger beweisen, dass Quantität und Qualität vereinbar sind.)

Richtigerweise schreiben die Studienautoren, dass die Anzahl der Follower keine entscheiden Kenngröße ist. Ich bin mir aber auch nicht sicher, dass im Sinne eines Bedeutungskontextes die Anzahl der Interaktionen die entscheidende Bezugsgröße sein wird.

Und ganz wichtig. Viel diskutiert wurde der Genderaspekt. Es ist wohl ein nicht unübliches Muster, dass der proaktive Meinungsausdruck und das sich Zutrauen, eine Meinung zu Politik häufig auszudrücken, männlich geprägt ist. Daher auch dieses sehr sehr eindeutige Mann-Frau Verhältnis in der Polittwitteria. Es ist nicht in erster Linie auf die Repräsenatitivität von Frauen und Männern  in Politik & Medieninstitutionen zurückzuführen, sondern meiner Meinung nach auch im genderspezifisch unterschiedlichen Kommunikationsverhalten.

Sehr interessant jedenfalls.

Rollen im Netzwerk: Information Broking

Netzwerkanalytisch ist die Untergliederung in unterschiedliche Gruppen interessant. (Politiker – Journalisten – Experten/Aktivisten – Bürger) Vielleicht wird es gut sein, die Kategorien irgendwann noch weiter zu differenzieren. Aber spezifisch interessant sind die Brückenköpfe. Also, wo gibt es Verbindungen zwischen unterschiedlichen Netzwerken. Und das muss man Twitter lassen, es ist viel leichter, zwischen einzelnen Netzwerkgruppen zu interagieren. Hier ist der Ort übrigens, wo Twitter tatsächlich in der Lage ist, die Landschaft zu ändern. Diesbezüglich sehr interessant übrigens die verknüpfende Rolle von @porrporr. Es hat Kontakte in Netzwerkteile rein, wo sonst kaum ein anderer Zugang hat.

Sehr interessant sind die themenbezogenen Auswertungen, z.B. im Bereich Bildung (siehe Graphik) oder Korruption. Hier erkennt man, dass sich jeweils nach Thema sehr unterschiedliche Akteursnetzwerke herauskristallisieren. Logisch könnte man sagen, aber zugleich ist es das eben nicht zwingend. Hier sind viele Akteure zu finden, die nicht aus der herkömmlichen, institutionell orientierten Akteurslandschaft kommen. Unter anderem DAS macht Twitter interessant.

Agenda: Verstärkung der kurzen Aufmerksamkeitszyklen

Was die Untersuchung auch zeigt, ist, wie kurzfristig die Aufmerksamkeit zu gewissen Themen gegeben ist. Das bezieht sich sowohl auf die klassischen Medien, aber auch auf  Twitter. Die Kurzlebigkeit halte ich in der politischen Kommunikation für ein substantielles Problem, denn vieles wird wieder vergessen. Man brauch nur am Jahresende Menschen fragen, an welche politischen Inhalte und Anlässe sie sich rückblickend erinnern können. Es ist sehr sehr wenig. Was kurzfristig in den diversen Blasen für helle Aufregung, manchmal auch für Hysterie sorgt, ist häufig mittelfristig wieder vergessen.

Themenbezogen mehr Langfristigkeit oder Langlebigkeit über stabile Twitterbeziehungen aufzubauen, halte ich für sehr wichtig. Aber zugleich auch für schwierig. Denn langfristig bedeutet übrigens nicht zwingend langatmig (was wiederum oft mit langweilig gleichgesetzt wird) wie es in der Studie meiner Meinung nach irrtümlich in einem Titel heißt.

Ein Satz noch zum Thema kurz vs lang, unabhängig von der Twitterpolitik-Studie. Generell ist der Druck, sich kurzfristig zu Themen und Inhalten Meinung zu bilden, auf Twitter hoch. Oder anders gesagt: im Buhlen um Deutungshoheit ist eine Neigung zum unreflektierten Schnellschuss erkennbar. Jene (die Schnellschüsse) sind mit Vorsicht zu geniessen, denn in selbstreferentiellen Systemen ist die Gefahr groß, sofort abwehrend oder urteilend zu reagieren. Was nicht immer der Entwicklung eigener Position dienlich ist.

Abschließend: Trotz meiner Sichtweise, dass Twitter selbstreferentielle Tendenzen hat, bin ich der Meinung, dass Twitter in der politischen Kommunikation durchaus realen Mehrwert bringt. Als Informationsquelle, im Meinungsaustausch, als Mittel zur politischen Organisation und auch als Entertainment-Faktor. Bei letztgenanntem muss man aber im politischen Kontext vorsichtig sein. Denn wie die Diskussion im MQ gezeigt hat, ist alles sehr schnell unterhaltsam und hihihaha. Schon ok so. Ich hab auch kein Problem damit, wenn Politiker wie Stefan Petzner via Twitter Sympathie rüberbringen, aber in der Verführung des Entertainmentfaktors Politik kann auch die Substanz der politischen Diskurses leicht verloren gehen.





Politikkongress 09 in Berlin: #unibrennt ist internationales Vorzeigebeispiel einer politischen Bewegung

26 11 2009

Wie schon in den vergangenen Jahren bin ich auch heuer wieder beim Politikkongress in Berlin, einem der der Szenetreffs für Politikberater und politische Kommunikatoren – mit starkem Bezug zwar zur deutschen Innenpolitik, aber eben nicht nur.

Ein kurzes, schnelles Posting zur diesmal bereichernden Keynote Speech von Prof. Peter Kruse, während diverse Auslandskorrespondenten Erwartungshaltungen an die deutsche Regierung diskutieren (was mich nicht soooo interessiert)

Prof. Peter Kruse ist geschäftsführender Gesellschafter der nextpractice GmbH in Bremen und  Honorarprofessor für Allgemeine und Organisationspsychologie an der Universität Bremen. Der Titel seines Vortrags lautet “Die Magie emotionaler Resonanz: Agenda Setting durch kollektive Akteure”.

Klar, das Web ist Thema und wie es politische Organisation und Kommunikation massiv verändert und verändert hat. Ein paar kurze Streiflichter – subjektiv aus meiner Sicht ausgewählt und kontextualiert (wie alles im Leben)

  • Eh klar: massives und extrem rasches Wachstum der Beteiligungsmedien wie Facebook, Twitter und co. Es wird differenziert zwischen dem ersten Zugangsboom (erinnere “Bin ich drin?” von Boris Becker) zwsichen 98 und 2003 und dem Beteiligungsboom in den vergangenen 3-4 Jahren.
  • Was 1999 im Cluetrain Manifesto proklamiert wurde, wird jetzt Realität
  • Viele deutsche Politiker sind sehr weit weg vom Internet.  siehe
  • Kruse bringt viele Beispiele. Wie Jack Wolfskin,  Obama´s Mobilisierungsspot, das nicht funktionierende Plagiat von Guido Westerwelle etc. Einige wenige Beispiele sind nicht ganz gut gewählt. So meine ich, dass z.B. Susan Boyle kein Produkt der sozialen  Netzwerke ist, sondern des Fernsehens. Aber Kruse hat den absolut entscheidenden Punkt für Politikkommunikation identfiziert:
  • Es geht um die Resonanzfähigkeit und emotionale Anbindung eines Themas. Empathie wird zur Schlüsselkompetenz. (dazu ein ander mal mehr)
  • Politische Bewegungen im Netz sind nicht nur eine Jugendbewegung, sondern greifen über viele Altersrgruppen hinweg.
  • #unibrennt ist DAS Paradebeispiel für eine erfolgreiche politische Bewegung. Kruse hat die Entwicklung nachskizziert, inkl. dem Übergreifen auf Universitäten in ganz Europa. Man kann sagen was man will, die Bewegung ist von Wien ausgegangen und z.B. in Deutschland nicht ohne politischen Erfolg geblieben.
  • Die repräsentative Demokratie und ihre herkömmlichen institutionellen Vertreter stecken in einer Krise. Die Machtmuster ändert sich derzeit. Neue Macht formiert sich. Im und durch das Netz.
  • Trasparenz wird zur faktischen, selbstverständlichen Notwendigkeit, nicht zum Luxus. Taktisches Kommunizieren kann zum Bumerang werden.
  • Partizipation ist DAs große Thema der Zeit
  • Kenntnis der emotionalen Resonanz wird zum entscheidenden Faktor

So weit, so kurz.








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