Blick über den großen Teich, Teil 2: Shale Economy – Spiel mit falschen Erwartungen

27 03 2014

Etwas später als erhofft folgt nun Teil 2 der Guensblog-Serie zum US Shale Boom. Teil 1 setzt sich vor allem mit der Klimaschutz-Perspektive auseinander und mit der Frage, inwieweit Schiefergas Kohle ersetzt. Im aktuellen Beitrag geht es um einige ökonomische Aspekte in der Bewertung der Schiefergas Entwicklung. Die aktuelle politische Lage rund um die Russland/Ukraine-Krise wird angesichts der enormen Importabhängigkeit vieler europäischer Staaten von Russland die Schiefergas-Debatte in Europa intensivieren. Relevant scheint mir: welche Erwartungshaltungen an die mögliche Shale-Förderung in Europa sind realistisch?

Europa ist abhängig von fossilen Energieimporten. 54% der in Europa genutzen Energie muss importiert werden. Die Kosten dafür steigen deutlich. Nicht, weil die Importmenge in den vergangenen Jahren so dramatisch gestiegen ist, sondern weil die EU-Staaten nach dem enormen Ölpreisanstieg – ich wiederhole mich, aber die möglicherweise wichtigste Veränderung der vergangenen zehn Jahre am Energiemarkt! – jährlich mehr als 500 Milliarden Euro netto für fossile Energieimporte ausgeben. Das sind 200 Milliarden Euro mehr als noch vor wenigen Jahren. Österreich ist übrigens zu rund zwei Drittel von Energieimporten abhängig. Die Kosten dafür liegen bei jährlich netto ca 13 Milliarden Euro. (Brutto – also ohne Einbeziehung des Wertes von Energieexporten – sind es 17 Milliarden Euro gewesen, Stand 2012)

Die Abhängigkeit ist bei Gas, aber noch mehr bei Ölimporten zu spüren. (geredet wird aufgrund der Russland/Ukraine-Krise aber nur über Gas, weil 50% des russischen Erdgas nach Europa durch die Ukraine transportiert wird; deutlich weniger ist es bei Rohöl) 2012 importierte Österreich Gas im Wert von rund 3,5 Milliarden Euro und Rohöl- bzw. Rohölprodukte im Wert von 8,8 Milliarden Euro.  70% der österreichischen Gasimporte kommen dabei aus Russland bzw. – wie der Mineralölbericht ausweist – den GUS-Staaten (bei einer Importquote von 85% ist Österreich damit zu 57% von Russland/GUS-Gas abhängig).

Man hat also guten Grund, über Alternativen nachzudenken. Also z.B. darüber, ob Schiefergas mittels Fracking, eine realistische Option ist. Werfen wir also einen Blick in die USA, wo Shale tatsächlich die Energie-Landschaft massiv verändert hat:

 Shale-Boom = Shale Gas + Light Tight Oil

Ein Blick auf die produzierten Mengen zeigt, dass tatsächlich die vielzitierte Post abgegangen ist.  Hier zwei Graphiken aus der lesenswerten Studie des Geologen David Hughes für das Post Carbon Institute. (Drill, Baby, Drill)

Graphik: Anstieg der US Schiefergas-Mengen zwischen 2000 und Mai 2012

(Quelle: David Hughes, Drill)

http://www.postcarbon.org/drill-baby-drill/

Graphik: Anstieg der nordamerkainsichen Schieferöl-Mengen zwischen 2005 und Anfang 2014  (Quelle: EIA)

Dabei sollte man eine Sache bedenken. Alle reden über Schiefergas. Aber nicht weniger wichtig ist die deutlich erhöhte Ölproduktion aus Shale Feldern. Die Graphik zeigt, dass die USA mittlerweile über 3 Mio Barrel/Tag Light Tight Oil produzieren. Eine beachtliche Menge mit Folgen für den Weltmarkt. Die Menge entspricht über 4 Prozent der Rohölproduktion am Weltmarkt.

Tatsächlich haben die erhöhten Mengen dazu geführt, dass – wie schon in Teil 1 erläutert – die Kluft zwischen Produktion und Verbrauch in den USA zurückgegangen ist. Zur viel zitierten Energieunabhängigkeit wird es zwar nicht reichen, aber die Importkosten konnten dadurch reduziert werden.

Graphik: Entwicklung von US-Gesamtenergieverbrauch und US-Produktion seit 1980 (Daten EIA)

usenergy

Laut dem Buch “Fueling Up” lagen die US-Ausgaben für Energieimporte im Jahr 2012 bei 284 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Im Jahr 2008 lagen sie noch bei 408 Milliarden US-Dollar. (der Höhepunkt bei den Importkosten). Trotz der gestiegenen Eigenproduktion importieren die USA  derzeit ungefähr die gleiche Menge Öl wie vor 20 Jahren. Der Wert dessen ist jedoch sogar inflationsbereinigt drei Mal so hoch wie damals. Eine Reduktion der Importsabhängigkeit ist also für viele ein Gebot der Stunde. Wieder ist aber in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass dies auch der zumindest temporären Energieverbrauchsreduktion zu verdanken ist.

Dennoch ist vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die USA immer noch in beträchtlichem Nettoenergieimporteur sind, das Angebot, verflüssigtes Erdgas nach Europa zu liefern um die Abhängigkeit von Russland zu verringern, kritisch zu sehen. Erstens ist die Option teuer; zweitens um es mit Richard Heinberg zu sagen: “There’s just one tiny problem with all these fervent desires and good intentions. On a net basis, the US has no oil or gas to export.”

 

Boom oder Bubble: die Mär vom billigen Schiefergas

Eines der hartnäckigen Gerüchte, die sich halten, ist, dass Schiefergas günstig sei, was insbesondere mit dem deutlichen Unterschied zwischen US-amerikanischen und europäischem Gas argumentiert wird. Zu den Kosten von Fracking und Schiefergas sei auf diesen sehr interessanten Beitrag von Cornelia Daniel verwiesen, die auch auf die stets lesenswerte Seite des Energieanalysten Steffen Bukold verweist. Bukold verdeutlicht in seinem Global Energy Briefings immer wieder die enormen regionalen Unterschiede innerhalb des US-amerikanischen Gasmarkts hin.

Die enorme Produktionssteigerung aus US-Shale hat dazu beigetragen, dass die Gaspreise relativ gering bleiben. Mehr Angebot bei in den vergangenen Jahren niedrigerer Nachfrage (Krisenjahre nach 2008) sind die simple Ursache. Dazu massive Investments aus dem Kapitalmarkt, die nach dem Finanzcrash neue Zukunftsmärkte aufspüren und eine Öl- und Gasbranche, die zu den finanzstärksten und mächtigsten der Welt gehört.

Unbestritten ist: Der Öl- und Gassektor ist für den Kapitalmarkt nach 2009 noch wichtiger geworden. Zwischen 2009 und 2011 sind 41 Prozent aller gewerblichen Investitionen der USA in den Öl- und Gassektor geflossen. (Quelle: Fueling Up). Auch der britische Aktienindex ist ein Indikator:  Vor etwas mehr als zehn Jahren noch hatten Öl-, Gas- und Kohleunternehmen einen Anteil von rund zehn Prozent. Heute liegt er bei rund einem Drittel. (Quelle: Die Zeit “Bohren bis die Blase platzt“, Carbon Tracker). Hier wird auf Teufel-komm-raus gefracked mit einer klaren Erwartungshaltung: neue Markterschließung, neue Abhängigkeiten und in Zukunft will man auch Rendite sehen. Der Shale-Hype ist die Folge davon. Daher kommt auch der Begriff Bubble. Einerseits gibt es die Carbon Bubble, die platzt, wenn sich die Weltgemeinschaft zur notwendigen Reduktion der CO2-Emissionen verpflichtet und damit viele fossile Investitionen unrentabel macht; andererseits die Shale Bubble:

henryhubDenn hier kommt die nächste Frage: woher kommt die Rendite? Bei den US-Preisen vergangener Jahre ist Schiefergas nicht profitabel. Es ist schwierig, aus den besteheden Untersuchungen standardisierte Werte für den Break-Even rauszufiltern, denn kaum ein Schiefergas-Feld gleicht dem anderen. Manche Quellen sprechen von langfristig 4 $/MMBtu; manche von 7$/MMBtu. (Million British thermal unit) Die Preiskurve der vergangenen beiden Jahre zeigt notwendigerweise auch schon wieder nach oben. Parallel dazu sind laut IHS-Herold Analyse die Investitionen in neue Felder vergangenes Jahr signifikant zurückgegangen (siehe Sueddeutsche). Und strukturell ist relevant zu wissen:

  • 68% der gesamten US-Schiefergasproduktion kommt aus 3 Feldern
  • 74% der gesamten US-Schieferölproduktion kommt aus 2 Feldern  (Quelle: Hughes Präsentation Jänner 2014)

Die sogenannten Low Hanging Fruits werden zuerst abgeschöpft.

Dazu ist auch anzumerken, dass Shale bemerkenswerte Declineraten hat, d.h. es wird gleich zu Beginn der größte Output geschöpft und dann sinken die Förderraten rasch ab. D.h. um die Produktionsmengen aufrecht zu erhalten, wird simpel gesagt, ein Loch nach dem nächsten gebohrt. Die Anzahl der Bohrtürme wird weiter steigen, während die Produktionsraten nicht zwingend mitsteigen werden. Der Input erhöht sich; der Output aber nicht. Wie viele Jahre kann die Party dauern?

Klar ist: die Profitabilität ist bei US Light Tight Oil dank eines Weltmarktpreises rund um 100 US-Dollar/Barrel besser als bei Schiefergas. Man kann gespannt sein, wie sich die Kluft der unterschiedlichen Märkte noch auswirken wird. Der Ölpreis bleibt hoch; aber auch der Gaspreis wird zwangsläufig in den USA steigen müssen.

 

Job- und Wirtschaftswunder Schiefergas?

Der Schiefergas-Boom wird in der politischen Diskussion in Europa oft mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der USA in Zusammenhang gebracht und einer möglichen Re-Industrialisierung, die ihre Grundlage in billigem Gas bildet. Auch hier gilt es kritisch zu analysieren.

priceratiogasJa, die Price Disparity zwischen den unterschiedlichen Regionen bei Erdgas-Preisen ist gegeben. Siehe Graphik links aus dem World Energy Outlook 2013 der IEA. Aber wie oben beschrieben: die Gaspreise steigen aktuell in den USA relativ stark an. (nicht nur witterungsbedingt). 2012 hatten wir auch nach Meinung der IEA den Höhepunkt der Preiskluft zwischen Europa und den USA. Ob die Strategie der USA, mit billigem Gas energieintensive Industriezweige wie die Chemie-, Düngemittel- oder die Stahlindustrie anzuwerben, auch mittelfristig aufgeht, kann hinterfragt werden. Während man fälschlicherweise pauschal von der Industrie oder manchmal auch nur der energieintensiven Industrie spricht, ist genaue Differenzierung notwendig (für die in der politischen Debatte meist kein Platz ist) Der World Energy Outlook verweist auf die Unterschiede in den Anteilen der Energiekosten an den Gesamtkosten.

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Wie die aktuelle hervorragende Studie im Rahmen von Climate Strategies zeigt (Mitwirkende ua London School of Economics, DIW Berlin und auch Prof. Stefan Schleicher vom Wegener Zentrum in Graz) auf Daten aus Deutschland basierend zeigt, sind Energiekosten nicht der entscheidende Faktor für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Für 92 Prozent der Industrie machen die Energiekosten nicht mehr als 1,6 Prozent der Kosten aus. Das bedeutet nicht, dass die anderen acht Prozent irrelevant sind, aber es relativiert sich doch einiges, wenn man die enorme Priorität möglichst unambitionierter Klima- und Energieziele auf der Agenda der Industrielobbys sieht. Oder wie ich mir erlaubt habe, in einem Presse-Kommentar zu fragen: wen vertreten eigentlich die Industrievertreter?

Welchen wirtschaftlichen Effekt hat also der Shale-Boom in den USA: Wieder aus Fueling Up: In jenen Gegenden, wo entsprechende Bohraktivitäten erfolgen, ist natürlich der Bedarf an Dienstleistungen und wirtschaftlichen Gütern gestiegen. Aber der US-weite Aufschwung wird viel mehr durch die verbesserte Gesamtsituation, insbesondere durch erhöhte Konsumausgaben getragen.

Was Jobzahlen betrifft, wird relativ willkürlich mit Zahlen herumgeworfen. Die Chemie-Industrie sieht zusätzlich 400.000 Jobs; Wood MacKenzie 1,4 Millionen Jobs bis 2030 durch Öl- und Gasboom (inkl Alaska). Mc Kinsey das Potentzial von 1 bis 1,7 Millionen bis 2020. IHS sieht gar 3,5 Millionen Jobs bis 2036. Alle Zahlen sind brutto zu verstehen; Netto-Effekte sind kaum mitberücksichtigt.

Bei aller gebotenen Vorsicht, zeigt ein Blick in die aktuelle US-Arbeitsmarktstatistik, dass in der industriellen Produktion vergangenes Jahr 77.000 neue Jobs geschaffen wurden, in der Öl- und Gasindustrie 26.000; zugleich aber in der Gastronomie 306.000.

Das Konzept der Reindustrialisierung durch billige Produktionsfaktoren erinnert an ein Zurück in die 60er und 70er Jahre. Im Gegensatz zu anderen Innovationen im Energiesektor hat der Öl und Gasboom keinen transformativen Effekt. Der Wechsel von Holz auf Kohle ermöglichte neue Arten industrieller Aktivitäten, weil der Energiegehalt der Kohle höher war und der Transport leichter. Die Entwicklung der Elektrizität hatte ebenso transformativen Effekt, weil Strom vielseitiger und flexibler ist. Öl ebenso. Aber der neue unkonventionelle Öl- und Gasboom bietet keine neue oder unterschiedliche Form des Wirtschaftens. Er ist nicht vergleichbar mit dem IT-Boom der 90er Jahre,  der komplett neue Anwendungen und Dienstleistungen ermöglichte. Das fossile Comeback kann hilfreich sein, wenn man das alte auf fossiler Energie aufbauende System noch irgendwie durch die Runden bringen will, aber bringt es auch den Strukturwandel, der zukunftsfähig ist? Nach aktuellem Stand muss man sagen: nein!

Und genau hier ist der Punkt, wo meiner Meinung nach eine europäische Energiewende greifen müsste:

 

Quo vadis, Europa?

Die EU ist also eingeklemmt zwischen der Abhängigkeit von russischem Gas (und auch Öl) und den nicht minder von Eigeninteressen geprägten Angeboten, Europa mit us-amerikanischem LNG (Liquified Natural Gas) zu beglücken bzw. die Schiefergas-Exploration voranzutreiben.

Und hier ist der Punkt: es gibt aktuell keinen Hinweis, dass ein Shale-Boom ähnlich den USA in Europa funktionieren könnte.

Ein Beispiel: Die österreichische RAG bohrt seit 2009 in Polen nach Schiefergas. Wie der Standard schreibt, wird aktuell der Rückzug überlegt. Grund: “wirtschaftlich nicht darstellbar”. Wie gesagt, Schiefergasfelder unterscheiden sich stark von einander . Unterschiedliche Geologie aber auch andere Flächennutzungen, höhere Bevölkerungsdichte, Umweltauflagen und die fehlende industrielle Infrastruktur sind Gründe, warum man die Erwartungshaltung an eine europäische Schiefergas-Gewinnung deutlich runterschrauben muss. Das Risiko, hier auf ein falsches Pferd zu setzen, ist auch ökonomisch hoch.

Wie Cornelia Daniel richtig schriebt, fehlt in Europa eine eigenständige Energiestrategie.  Was mit unterschiedlichen inneren (also nationalen bzw. kommerziellen) Eigeninteressen zu tun, aber auch damit, dass die Klarheit bei den Klima- und Energiezielen verloren gegangen ist. Weshalb der laufende 2030-Prozess umso wichtiger ist.

Mein Wunsch wäre, dass Europa sich der Eigenständigkeit und auch der eigenen Stärke besinnt. Eine Strategie, die darauf aufbaut, möglichst billige Produktionsfaktoren bieten zu können, ist ein Schritt zurück. Europa muss auf Effizienz, Innovation, die besten Köpfe und Klarheit bei idealerweise ambitionierten Zielen setzen. Hier hat Europa seine Stärken entwickelt. Man ist gerade dabei, jene zu verspielen.

 

Zusammenfassend:

  • Der US-Shale Boom trägt dazu bei, die Kosten für den Import fossiler Energie deutlich zu reduzieren. Ein zweiter Schlüssel dafür ist die Verringerung des Energieverbrauchs.
  • Wie lange der Boom anhält, ist schwer vorherzusagen. Es gibt ernst zu nehmende Indizien, dass die Party nach wenigen Jahren wieder vorbei sein wird. Es ist davon auszugehen, dass der US-Gaspreis mittelfristig weiter signifikant steigen wird.
  • Bei den positiven Effekten der US-amerikanischen Wirtschaft spielt das fossile Comeback nur eine untergeordnete Rolle im Vergleich zur allgemeinen Konjukturerholung. Achtung auf die Phase, wenn das Zinsniveau wieder steigt.
  • Die US-amerikanische Weg ist keineswegs auf Europa übertragbar. Europa braucht eine eigenständige Strategie, um die fossile Importabhängigkeit zu reduzieren. Der Ausbau erneuerbarer Energieträger und eine Verringerung des Energieverbrauchs sind die sichereren Investitionen zur Reduktion der fossilen Importabhängigkeit  im Vergleich zu übertriebenen Shale Erwartungen. 
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Blick über den großen Teich: wie geht´s dem Shale-Boom? Teil 1: Der Klimaschutz-Effekt.

31 01 2014

Motivation: Häufig ist in der europäischen Energiedebatte zu hören, dass der US-Shale Boom die Grundlage für eine wirtschaftliche Renaissance ist und dabei auch noch einen maßgeblichen Beitrag zum Klimaschutz leistet, weil die die CO2-Emissionen durch den Ersatz von Kohle durch Gas sinken würden. Dieser Beitrag versucht – jetzt wo man nach einigen Jahren des Booms eine erste Zwischenbilanz ziehen kann – einige Pro-Shale Argumente kritisch und sachlich unter die Lupe zu nehmen. Nicht nur die Argumente der Kritiker verfolge ich, sondern insbesondere auch jene der Shale-Promotoren. Drei Beiträge sind vorerst geplant: 1. Zum Klimaschutzaspekt 2. Zu Ökonomischen Effekten in den USA 3. Zu weiteren ökologischen Fragestellungen und europäischen Perspektiven.
Here we go…

Der US-amerikanische Shale Boom ist angesichts der erhöhten Öl- und Gasproduktion tatsächlich eine der bemerkenswertesten Energie-Entwicklungen in den vergangenen Jahren. Der Boom dient auch als Anlass für Akteure aus dem Energiesektor und der energieintensiven Industrie, stark Richtung Shale Optionen für Europa zu pushen und für billigere Energie zu werben. Die sogenannte Reindustrialisierung der USA wird einer möglichen Deindustrialisierung Europas entgegengesetzt. Zudem wird vermittelt, dass Schiefergas die Klimabilanz der USA nachhaltig verbessert, weil die Kohle aus dem Markt gedrängt wird. Zuletzt beschrieb der neue Siemens-Chef Kaeser die USA als Energiewende-Vorbild (siehe Tagesspiegel), ebenso wie in Österreich schon E-Control Vorstand Walter Boltz (siehe USA als besserer Klimaschützer in der Presse) und gerade erst vor wenigen Tagen Standard Redakteur Eric Frey.

Ein konkreter Blick:

Ersetzt Schiefergas die Kohle?
Tatsächlich zeigen die US-amerikanischen Energieverbrauchsdaten einen Rückgang der Kohlenutzung von 2008 bis 2012 (bei gleichzeitigem Anstieg des Kohleexports – insbesondere nach Europa und auch nach Österreich).
Ein Grund dafür ist der in diesem Zeitraum geringer gewordene Preisunterschied zwischen Kohle und Gas in den USA. Dazu hat einerseits die erhöhte Gasproduktion bei zugleicher schwächelnder Energienachfrage (Krisenjahre post 2008) und andererseits ein Anstieg des Kohlepreises geführt.
houser6567Vor wenigen Wochen wurde vom Peterson-Institutes for International Economics das sehr lesenswerte Buch “Fueling Up” präsentiert, in dem sich – übrigens mitfinanziert von Unternehmen aus der Öl- und Gasindustrie und dadurch definitiv nicht dem üblichen Kritikerlager zuzurechnen – die Autoren Trevor Houser und Shashank Mohan intensiv mit den Folgen des neuen Öl- und Gasbooms beschäftigt. Sie erläutern die Entwicklung am Beispiel Stromproduktion folgendermaßen: Zwischen 2000 und 2007 lag der Kohlepreis bei durchschnittlich 1,42 US-$ pro MMBtu (Million British thermal Units), während Erdgas $ 5,81/MMBtu kostete. 2010 und 2011 änderten sich die Preise schon auf $ 2,30 für Kohle, während Gas auf $ 4,90 fiel. Und 2012 lag das Niveau bei durchschnittlich $ 2,41 für Kohle und $3,43 für Gas. Also innerhalb von 5 Jahren änderte sich das Verhältnis von 1:4 auf 1:1,4. 2012 bot den geringsten Spread seit Anfang der 70er Jahre, wie die Autoren erläutern.
Der Anteil der Kohle an der Stromproduktion fiel in diesem Zeitraum von 48 Prozent auf 32,6 Prozent im April 2012, während der Erdgas-Anteil von 21 auf 32,3 Prozent stieg.

Jedoch zeigen die ganz aktuellen Daten der EIA, dass dieser Trend möglicherweise gestoppt ist. 2013 ist der Kohleverbrauch auf ähnlichem Niveau wie 2012.

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Und auch die preisbezogene Grundlage für den Trend dürfte sich ändern, denn der Erdgaspreis zieht aktuell – weitgehend unbemerkt in Europa – wieder stark an. Das ist teilweise witterungsbedingt (kalter Winter), aber nicht nur. Nach Einschätzung vieler Experten wird die Förderung von Schiefergas auf dem geringen Preisniveau der vergangenen zwei Jahre nicht profitabel sein. (dazu mehr in Teil 2)

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Entwicklung der US-Treibhausgasemissionen
2012 lagen die US Treibhausgas-Emissionen – nach gängiger Berechnungsmethode (siehe später) – 12 Prozent unter dem Niveau von 2005. Zum Vergleich: jene der EU-Staaten waren 10 Prozent niedriger als 2005. Im Vergleich zum Kyoto Basisjahr 1990 sieht die Bilanz der EU jedoch deutlich besser aus als jene der USA. Im Gegensatz zu Europa sind die USA-amerikanischen Emissionen immer noch höher als 1990,  obwohl die USA generell einen deutlich höheren pro Kopf Ausstoß verzeichnet.
usenergyInteressant ist die Analyse, warum die Emissionen in den USA in den vergangenen Jahren zurückgegangen sind. Im Vergleich der CO2-Emissionsverringerung mit den ursprünglich angenommenen Szenarien stellt die Studie „Fueling Up“ fest, dass zwei Drittel des Emissionsrückgangs 2012 der deutlich geringeren Wirtschaftsleistung nach 2008 zu verdanken ist. Der Energieverbrauch ist zurückgegangen. (siehe Graphik/Datenquelle EIA) Der Wechsel von Kohle zu Gas hatte zwar einen signifikanten Effekt bei der Stromproduktion, wo er laut Hochrechnung zu 65 Prozent des Emissionsrückgangs zwischen 2005 und 2012 beiträgt. Bemerkenswerte 30 Prozent werden übrigens dem ebenso stark gestiegenen Windkraftanteil zugerechnet. Ein Faktor, der in der europäischen Debatte über den US-Weg häufig vergessen wird.
Aber auch hier zeigt sich. Der Trend wurde 2013 gestoppt. Die Treibhausgasemissionen sind nach aktuellem Berechnungsstand um zwei Prozent gestiegen. Der Grund ist klar: die Konjunktur springt wieder an; der Kohleverbrauch ist nicht weiter gesunken.

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(Graphik: US Treibhausgasemissionen sind 2013 wieder gestiegen)

Blick in die Zukunft
Bei allen Unwägbarkeiten, die in der Entwicklung von Szenarien bestehen, können sie doch aufschlussreiche Fingerzeige liefern sein. Während in unseren Breiten mancherorts kommuniziert wird, dass der US-amerikanische Weg dank Schiefergas Boom das Klimaproblem gleich mitlöst, sind fundierte US-amerikanische Einschätzungen vorsichtiger. Langfristig sehen etwa die Autoren von “Fueling Up” nur einen bescheidenen Klimaschutz-Effekt, was bei der Präsentation der Studie für einige enttäuschte Reaktionen sorgte. Alle drei Szenarien der Studie gehen von einem Anstieg der Treibhausgasemissonen Richtung 2030 aus. Zwar dürfte das Niveau unter jenem von 2005 bleiben, aber zugleich über jenem von 1990. Dass die Emissionen übrigens nur leicht steigen werden ist insbesondere dem Umstand zu verdanken, dass in den USA Effizienzstandards insbesondere im Transportsektor greifen werden. Ein Umstand, auf den schon die Internationale Energie Agentur verwiesen hat. Eine Folge von – hört hört – entsprechenden Regulativen und des kontinuierlich über 100 US-$ liegenden Öl-Weltmarktpreises.
Der Kern der Aussage ist, dass der Energieverbrauch weiter ansteigen wird, insbesondere wenn Energiepreise niedrig bleiben (was man anzweifeln kann). Es gibt sozusagen auch hier den viel zitierten Reboundeffekt. Die einzige Variante, in der die Autoren eine signifikante Reduktion der Treibgasemissionen errechneten, ist jene in der ein eine CO2-Steuer bzw. ein Preis von 15 US-$ pro Tonne CO2 in den Markt einwirkt. Nicht unähnlich übrigens den Annahmen des World Energy Outlook, nur dass das Preisniveau noch deutlich höher angesetzt wird, um die aus Klimaschutzgründen notwendige Reduktion zu erreichen.
Was das bedeutet, ist aus meiner Sicht klar: will man die Treibhausgase reduzieren, braucht es einen entsprechende Preis für fossile Energie. Die Verfügbarkeitsgrenzen wurden durch den Schiefergasboom temporär ausgedehnt, aber das Konzept Billige Energie ist hauptverantwortlich dafür, dass wir am Klimaschutz scheitern werden.

Höhere Treibhausgasemissonen durch Leakage
Kurz zu einem Aspekt, der möglicherweise ebenso unterschätzt wird und Gegestand von mittlerweile einer Reihe von Analysen mit unterschiedlichen Ergebnissen ist. Denn nicht einberechnet in die Treibhausgasbilanzen ist, dass die Schiefergasförderung möglicherweise mit deutlich höheren Methanemissionen einhergeht. Methan ist für 9% der Gesamttreibhausgasemsisionen der USA verantwortlich) Laut US-Umweltagentur EPA trägt die Produktion, Umwandlung und der Transport von Erdgas 25% der US-Amerikanischen Methanemissionen bei. Der Verlust durch Leakage wird mit 1,5% Leakage angenommen.
Wie auch der deutsche Energieexperte Werner Zittel (Ludwig Bölkow Systemtechnik) kürzlich als Gast des Klima- und Energiefonds und des EEÖ in Wien ausführte, ist diese Annahme deutlich optimistischer als Studien etwa der Cornell University. Mehrere Quellen gehen von durchschnittlich über 3% Leakage aus. Siehe auch diesen Nature Artikel. Insofern sind jedoch die oben dargestellten Emissionsdaten mit Vorsicht zu genießen. Entweicht mehr Methan durch die ausgedehnte Schiefergas-Förderung, zeigt die Kurve wieder stärker nach oben.

Die Autoren von “Fueling Up” schliessen aus ihren Analysen:„On balance, the oil and gas boom is neither the environmental saviour that industry proponents claim nor the existential threat that many in the environmental community see.”

Meine Rückschlüsse daraus:

  • Ein Rückgang der US-Treibhausemissionen kann zwischen 2008 und 2012 konstatiert werden. Gestiegene Methanemissionen aus der Schiefergas-Förderung sind  dabei jedoch ein Unsicherheitsfaktor.
  • Haupttreiber des Emissionsrückgangs war die Wirtschaftskrise, die den Energieverbrauch drosselte. Seit 2013 zeigt die Emissionskurve leider wieder nach oben.
  • Schiefergas löst das Klimaproblem nicht. Es kann unter Voraussetzungen wie in den USA ein temporäre Alternative zur Kohle sein, wird aber nicht wirken, wenn nicht unabhängig davon regulative oder preissteigende Maßnahmen für die CO2-Schleuder Kohle ergriffen werden.
  • Jede Strategie, die darauf abzielt, fossile Energie möglichst billig anzubieten, wird letztlich zu einem Anstieg des Energieverbrauchs und der Treibhausgasemissionen führen – auch wenn das die Lobbies einzelner Branchen nicht gerne hören.

Teil 2 folgt demnächst.





WEO 2013 or The Art of Reframing the Energy Challenge (part 1)

15 11 2013

Preface: this blogpost has been written in collaboration with Austrian energy experts Michael Cerveny and Andreas Veigl. Thanks for their substantial contributions!

A few days ago the new World Energy Outlook has been released by the International Energy Agency (IEA). For many experts, consultants, stakeholders it is like an annual “bible” providing tons of informations, scenarios, graphics, and analysis on a high level. And indeed it is worth reading. But even more important than the 700+ pager itself are the summaries and the presentations to press. There is intense media coverage of the report and statements by IEA chief economist Fatih Birol. The question of media focus is decisive for the energy debate in many countries. Vienna again had the privilege to host a presentation of the World Energy Outlook only one day after the worldwide release in London. Again OMV invited to magnificent Hofburg for the WEO presentation and a panel discussion with Birol, OMV CEO Gerhard Roiss and Fabrizio Barbaso, who represents the EU-Commission. A webcast of the event can be watched online.

Why is that important? As the WEO provides so many different information the question is what do decision makers and stakeholders take with them? In 2012 the public message was clear: shale revolution, Saudi America, new geopolitical situation, enormous importance of China. It left traces in the public energy debate. Everybody believed the shale boom, substantial critics were overheard for a long time.

So what message can be picked this year? WEO2013 provides a variety of possibilities.

weo_carbonIn Fatih Birol´s presentation it became very obvious that the challenge of tackling climate change is substantial and – according to the “New Policy Scenario” (the central one of the WEO) – we are now on track to a global warming of 3,6 degree C. A real disaster remembering the messages of the recently published IPCC-report. In his chart Birol very clearly pointed out that after 2035 we have nearly burned up our carbon budget to keep the 2 degree C target. Until 2035 a further increase of energy demand and fossil energy supply is projected with only a weak decrease of the fossil energy share.  (82 percent now to 74 percent in 2035) The increase will primarily come from non-OECD countries. (source: World Energy Outlook: Presentation to press)

So what have the main stories been in European media?

Has it been the climate disaster we are facing? Has it been the message that the shale revolution looks like a temporary phenomenon as Birol stated too? No, a new disaster has been identified. Some examples:

Guardian: US’s cheap energy pricing out UK industry

Neue Zürcher Zeitung claims Europe to become the loser on energy markets “Europa ist der Verlierer am Energiemarkt

Der Spiegel focuses on shale gas, price and competitiveness: “Fracking verschafft US-Industrie Vorteile gegenüber Europa

Sueddeutsche Zeitung “Quellen der Angst“ (mentioning at least some critical aspects on this sort of industrial panic)

See also FAZ here (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/welt-energiebericht-amerika-wird-groesster-erdoelproduzent-der-welt-12660919.html) or Austrian “Die Presse” and “Kurier” and many others.

So the focus has been lead from climate change to competitiveness powered by this chart taken from the presentation to press. It shows a scenario for the development of market shares for energy intense goods between 2011 and 2035:

share_energyintenseindustry(source: World Energy Outlook: Presentation to press)

The inability to understand the implications of exponential growth

The media attendance to WEO2013 highlights the relation between energy and competitiveness. Disparities in energy prices between countries and regions, especially for natural gas and electricity, have widened significantly and will – according to the IEA – not vanish completely in the next two decades. Especially the fact that the US-industry enjoys gas and electricity prices that are two to three times lower than in Europe has fueled the “hype” for “cheap” shale gas around the world. Industry leaders in Europe are pushing governments clearly into the direction of making fracking possible and of reducing the “market-distorting” subsidies for renewables. Fatih Birol himself stated several times that he is not optimistic that the US shale boom can be transferred to Europe and China. (eg this interview a few days ago)

The slide above is a major reference for industry representatives like Georg Kapsch, who is President of the Federation of Austrian Industries. In his opening speech in Hofburg he interpreted it as “a nightmare for us” to lose one third of our energy intensive industries exports till 2035.

BUT!

Is Europe’s energy-intensive industry[1] really going to lose one third of its exports according to the IEA’s World Energy Outlook? Does it lose anything?

No, not at all! Austrian energy experts Michael Cerveny and Andreas Veigl allowed themselves to calculate the growth based on the data in the WEO: Having a closer look at the growth rates in this scenario Europe’s exports of energy-intensive goods will grow by 2.2 percent per year!

annualgrowthrates
How did they calculate this figure? On page 33 the IEA reveals the underlying assumptions for their scenario. The growth rate for world GDP is assumed with 3.6 % per year (from the base year 2011) through to 2035. As the IEA does not reveal which growth rate for the exports of the energy-intensive industry they assumed,  above mentioned annual growth rate of 3.6 % for world GDP has been taken into account. (a plausibel assumption in our view) The graph shows the result of applying the IEA’s assumption of exponential growth to the export volume.
Within the 24 years period between 2011 and 2035 the global volume of exports of energy-intensive goods grows by a staggering 134 %. As usual the implications of (exponential) growth over a longer period are ignored by most people.
exportmarketintensivegoods
Europe’s loss of ten percent-POINTS of the market-SHARE does not mean that the European exports are set to shrink. In fact they are going to grow by more than two percent per year. As even higher growth rates for other countries or regions (e.g. 5.2 to 6.6 % per year for China, India and Middle East) are predicted by the IEA the logical result is the loss of Europe’s market SHARE. By the way, China’s natural gas and electricity price levels are and will be in the same range as those in Europe. So there might be other reasons for the “low” growth rates of Europe’s export industry than just the price of energy.

Talking about disaster… and the industrial spin.

So the interpretation of the WEO2013 chart is really misleading as it indicates that the European energy-intensive industry is about  to shrink.  Despite scepticism that the assumed growth rates in the WEO scenario will be possible (talking about “Limits to Growth”) the WEO2013 data is not a substantial reason to panic for European industry. Expect possibly one: the fact that if the IEA-scenario will come true, our climate will collapse and this might be the real disaster of our and coming generations. But that is not part of a spin succesfully placed by industry represenatives.

Postface: This blog post is an invitation for further discussion. Do not hesitate to comment (and criticize) our assumptions and interpretations.

Another interesting blog post on the WEO2013 has been written by Andreas Lindinger.

A different German language FactSheet on the messages of WEO2013 can be found here: Klima- und Energiefonds


[0] Wikipedia:  Framing in the social sciences refers to a set of concepts and theoretical perspectives on how individuals, groups, and societies organize, perceive, and communicate about reality. Framing is commonly used in media studies, sociology, psychology, and political science.

[1] The energy-intensive industry employs almost 10 % of all industry jobs and comprises the following industries: Chemicals, Aluminium, Cement, Iron and steel, Pulp and paper, Glass, Refining





Der Shale Hype: Das Imperium schlägt zurück

29 01 2013

Wer die internationalen Medien zur Entwicklung der Energiemärkte verfolgt, wird signifikante Änderungen in der Schwerpunktsetzung festgestellt haben. Die Debatte rund um die Energiezukunft dreht sich in eine völlig andere Richtung. Schiefergas (Shale Gas) und Schieferöl (Tight Oil) geben nun den Ton an. Auch vor Österreich wird diese Trend nicht Halt machen. In diesem Beitrag geht es nicht nur um hochbrisante inhaltliche Dimension der nicht-konventionellen Gewinnung von Öl und Gas, sondern auch darum, wie sehr sie die medienöffentliche energiepolitische Diskussion beeinflusst und von den Proponenten der Energiewende keineswegs unterschätzt werden darf. Denn justament in Zeiten, wo es um massive Investitionen in die Energieinfrastruktur der Zukunft geht, ist das kein Zufall.

Terry Macalister, seit vielen Jahren beim Guardian verantwortlicher Redakteur für Energie, schrieb in einem Tweet im Dezember 2012:

“In two decades I have never come across such heavy lobbying than for shale gas. What a pity renewables cant get that financial muscle.

Und tatsächlich ist dies kein britisches Spezifikum. Shale ist international das große Energiethema. Erst vor wenigen Tagen – am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos – haben die Ukraine und Shell einen 10Mrd US-D Deal zur Gewinnung von Schiefergas präsentiert, der das Land mit dem drittgrößtem Schiefergaspotenzial in Europa erschließen soll. Die Fragezeichen, die dahinter stehen  – es beginnt ja erst die Exploration – sind nicht mehr öffentliches Thema. Shell Generaldirektor Peter Voser sagt in diesem BBC-Interview, dass man erst nach der Exploration entscheiden könne, ob die Kosten der Gewinnung überhaupt marktkompatibel seien. Ein entscheidender Punkt: denn ua durch unterschiedlichen geologische Voraussetzungen variieren die Kosten der Shale Gas Gewinnung enorm.

Die Rolle des IEA World Energy Outlook

Der World Energy Outlook 2012 der Internationalen Energie Agentur (siehe ua eine Analyse auf Guensblog) hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Zug in diese Richtung abfährt. Die Kernbotschaft wurde in die ganze Welt gespinnt: Die USA werden dank unkonventioneller Öl- und Gasgewinnung “energieunabhängig”! Dass dies bei genauer Betrachtungsweise zwar nur dank des signifikant sinkenden Energieverbrauchs zu bewerkstelligen ist, wurde kaum mehr kommuniziert. Aber dennoch sei auch an dieser Stelle festgehalten: die Trendwende in den USA ist tatsächlich bemerkenswert. Auch wenn noch nicht abschätzbar ist, wie lange diese Entwicklung anhält, so denke ich auch, dass er von Peak Oil Experten unterschätzt wurde. Hier eine Graphik der US Energy Administration zur Shale Gas Entwicklung der vergangenen Jahre:

USShaleGasProd

Die Implikation des Booms sind weitreichend. Kommuniziert werden 600.000 neue Jobs in den USA; mit Ziel 3 Millionen bis 2020. Da Erdgas in den USA billig ist, der Strompreis für die Industrie ebenso, werden energieintensive Branchen in die USA gelockt (die Voest folgt diesem Ruf); insbesondere die chemische Industrie feiert ein US-Revival, was sich auch in Anlage- und Investmentstrategien niederschlägt (siehe Welt Artikel)

Der World Energy Outlook, mit Fatih Birol als Chief Economist als wichtigsten Kommunikator, der nun wochenlang schon mit dieser Botschaft auf Welttour ist, gibt der Öffentlichkeit die Sicherheit, dass sich dieser Trend durchsetzt. Dankenswerterweise vergisst Birol nicht darauf zu erwähnen, dass wir alle Klimaziele verpassen, aber dieser redundanten Botschaft fehlt wohl die mediale Attraktivität.

Die Shale Diskussion in Europa – ist der US Boom transferierbar?

Die Schiefergasdebatte ist schon länger in Europa angekommen; es gibt in einzelnen Staaten (etwa Frankreich) Förderverbote aufgrund von Umweltbedenken (Grundwasserverschmutzung); andere wie Polen wollen bei Non-Conventionals einsteigen. Die Kommission berät heuer gemeinschaftliche Strategien.

Es wird medial großer Druck aufgebaut. Europa würde Terrain verlieren, wenn es sich den Non-Conventional verschliesst. (siehe FT-Artikel va zur Petrochemie oder Europe must be sold on shale´s merits) Auch in Österreich wird diese Meinung mittlerweile stark vertreten. (siehe ua OÖN “Österreich kann auf Schiefergas nicht verzichten oder Presse Interview mit OMV Roiss und Huijskes “In Österreich ist nicht mal Nachdenken erlaubt)” Es war kein Zufall, dass die OMV den World Energy Outlook 2012 in Wien präsentiert hat, sondern der perfekte Anlass den Shale Boom in Österreich zu platzieren.

Der Spin hat sich tatsächlich in den vergangenen Monaten gedreht. War vor einem Jahr noch von “Energieunabhängigkeit” die Rede, meinte man energieunabängig auf Basis Erneuerbare Energie. Jetzt ist dieser Begriff international vom Shale Boom vereinnahmt worden. Angesichts der gigantischen Summen, die für Energieimporte drauf gehen, kein Wunder, dass großes Thema ist. Wie ProPellets kürzlich aufgezeigt hat, importierte die Europäische Union nach Angaben der DG Energy im Jahr 2005 4.510 Milliarden Barrel Rohöl. im Jahr 2011 waren es durch Einsparungen und den Umstieg auf erneuerbare Energie nur mehr 3.870 Milliarden Barrel. Trotz der gesunkenen Menge stieg in diesem Zeitraum der finanzielle Aufwand der EU für Rohölimporte von 232 Milliarden $ auf 427 Milliarden $, ein Plus von fast 200 Milliarden $. Grund: der gestiegene Preis.

Nun ist die Shale Situation in Europa in vielerlei Hinsicht anders als in den USA. Exxon Mobile ist in Polen mit der Shale Exploration gescheitert (“no demonstrated sustained commercial hydrocarbon flow rates”/siehe FT-Artikel); die Umweltauflagen sind dankenswerterweise höher. Die Besiedelung ist meist dichter – auch in Nähe der vermuteten Shale Vorkommen. Auch die Preiszusammensetzung ist in Europa anders als in den USA. Dies alles ist sowohl in der Strategieentwicklung wie auch in der öffentlichen Debatte zu berücksichtigen. Diese Strategie braucht es auf politischer Ebene, denn was aktuell passiert, ist, dass die fossilen Multis schnell agieren und ihre Reviere sichern. (“We go where the resources are”  Peter Voser/Shell im oben erwähnten BBC Interview) Und angesichts der Tatsache, dass sich die Liste der gewinnstärksten Unternehmen der Welt wie ein Who is Who der Öl- und Gaskonzerne liest, ist klar, wie voll die Kassen gefüllt sind, um weitere Eroberungen abzuschließen. Doch wie schaut unsere Antwort darauf aus?

Was jetzt wichtig wäre:

  1. Don´t simply trust the hype! Dass der US-Shale Boom wie eine Blase zerplatzt (wie manche Experten meinen) glaube ich mittlerweile nicht. Es wird in einigen Regionen auf Teufel-komm-raus gefracked. Die Perspektive einer neuen Industrialisierungswelle ist in den USA zu verheissungsvoll. Aber dieser Weg ist nicht 1:1 transferierbar. Geologische, ökonomische aber auch politische Gründe sprechen dagegen und sind in der Analyse aber auch Berichterstattung zu berücksichtigen. Würde sich jeder industriell intendierte Medienhype schnell realisieren, müssten wir alle schon superflockigen Elektroautos rumkurven. Also: Ball flach halten.
  2. Es gibt Klarheit: Peak Oil wird das Klima nicht retten. Angesichts einer versagenden Klimapolitik war die Hoffnung da, dass die Implikationen des Peak Oil das Problem quasi von selbst lösen. Und tatsächlich ist der Peak Conventional Oil evident, ebenso wie das 4-fache Niveau des Ölpreises im Vergleich zu den Jahren vor 2008.  Aber dennoch: es ist noch genug gebundender Kohlenstoff in der Erde da, mit dem wir das Klima völlig ins Kippen bringen können. Ergo:
  3. Es braucht eine klare Priorität der Politik: Klimaschutz! Nicholas Stern, der im Jahr 2006 den weltberühmten Stern-Report zum Klimaproblem herausgegeben hat, meinte kürzlich sinngemäß: Ich hab mich damals geirrt beim Klimawandel. Es ist noch viel schlimmer als gedacht. Stern erläutert (siehe Guardian), dass wir aktuell Richtung 4Grad C globale Temperaturerwärmung hinarbeiten, was dramatische Konsequenzen mit sich bringt. Die internationalen Instrumente des Klimaschutzes versagen völlig. Der Shale Boom darf jedenfalls nicht losgelöst von der Klimafrage eingeschätzt werden. Wir haben es schlicht mit einem öffentlichen Comeback der Fossilen zu tun. (Real waren sie nie weg)
  4. Kommt es zum alten Konfliktmuster Umwelt gegen Wirtschaft? In gewisser Weise ja: viele der unkonventionellen Fördermethoden gehen mit massiven Umweltauswirkungen (neben dem Klimawandel) einher. Sei es durch den Einsatz von Chemikalien, gigantischem Wasserverbrauch aber auch durch die Erschließung neuer Gebiete – Stichwort Antarktis. Es braucht eine klare Trennlinie und NoGo´s, die Natur- und Umweltschutz voranstellen. An dieser Stelle sei auch auf den sehr gut aufbereiteten Greenpeace Bericht “Point Of No Return” verwiesen.
  5. Dem medialen Zerrbild etwas entgegen setzen: Was kostet welche Energiewende? Schiefergas billig – Erneuerbare teuer. So ist zur Zeit das mediale Abbild. Und es ist falsch. Wie der World Energy Outlook 2012 gezeigt hat, sind 2011 88 Milliarden US-D an öffentlichen Subventionen in Erneuerbare Energie gegangen (+24% im Vgl zu 2010) und 523 Milliarden US-D an öffentlichen Förderungen in fossile Energie (+30% im Vgl zu 2010). Auch die Diskussion zur Energiewende in Deutschland ist stark davon geprägt, dass die Ökostromumlage weitgehend dem Haushalt überantwortet wird. Es braucht Kostentransparenz. Es sind die fossilen Energieträger und eine verschwenderische Energiekultur, die Energiearmut forciert und zu hohen Kosten führt.
  6. Die Energiewende als kulturelles Projekt: Die Energiewende ist  mehr als der einfache Austausch von Energieträgern im selben System. Es geht auch um einen kulturellen Wandel, der den Verbrauch wieder stärker ins Zentrum rückt und der dezentralen Produktion mehr Bedeutung einräumt. Die Energiewende ist nicht von oben verordnet; sie geht von den Menschen selbst aus, die ihrerseites unabhängiger werden wollen und einen Beitrag für eine saubere zukünftige Energieversorgung leisten wollen.  Die vielen BürgerInnen-Beteiligungsprojekte sind ein gutes Beispiel dafür.
  7. Capacity Building: Österreich ist zwar in einer privilegierten Situation, weil die Erneuerbaren nicht nur das Rückgrat der Stromversorgung bilden, sondern auch auf hohe Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen. Dennoch hat man zur Zeit den Eindruck, dass es kaum eine politische wie auch Kommunikationsstrategie gibt, wie man auf internationaler Ebene der enormen Dynamik am Energiemarkt gerecht werden kann. Es ist wichtig, dem aktuellen Medienhype auch kritische Analyse entgegen zu halten. Sei es aus den konventionellen Institutionen heraus oder auch durch neue Akteure.
  8. Es braucht eine Strategie zur enormen Dynamik am Energiemarkt. Shale Hype, Ökostrom Boom, geopolitische Verschiebungen, Klimakrise. Man hat den Eindruck, dass die Politik diesen Trends, die tatsächlch viel Veränderbarkeit mit sich bringen, ohne klare Strategie gegenüber stehen. Dabei haben die Erneuerbaren in den vergangenen Jahren enorm viel erreicht. Auch in Österreich. Die Vorteile der erneuerbaren Energiewende liegen auf der Hand: Klimaschutz, regionale Wertschöpfung, Beschäftigungspotenzial, mehr Unabhängigkeit.Es wird jedoch noch mehr Dynamik kommen. Innovative Speichertechnologien, effizientere Verfahren, Siedlungsentwicklung, neue Marktmodelle – durch eine Fortschreibung der gängigen Konzepte werden wir den Weg in eine nachhaltige Energieversorgung verpassen. Wir müssen schneller und in der Analyse besser werden. Das ist Aufgabe der Politik, aber auch der öffentlich agierenden Institutionen. Sonst haben andere das Heft in der Hand. Mit Eigeninteressen. Die Energiefrage ist aber viel zu wichtig, um sie Eigeninteressen anderer zu überlassen.




World Energy Outlook 2012: The difference between scenario and forecast

16 11 2012

The IEA World Energy Outlook 2012, recently released in London and presented by Fatih Birol at an OMV event in Vienna last Wednesday, is a kind of shock for many environmentalists. The rise of non-conventional oil and gas, especially the radical shift in the US energy landscape is massively affecting future energy scenarios. The reaction in media has been intense; a key message  is very clear: a comeback of fossil energy. The US will become energy sufficient based on developments of non-conventional oil and gas, especially shale gas and tight oil.

It is obvious that this message adresses the political playfield, too. Europe will have to react, playing a less important role in future. And of course the impact on climate politics is obvious. Fatih Birol, Chief Economist of IEA, emphazises the importance of energy efficiency and the focus on climate strategies, but it is clear that the market development goes in a opposite direction. The IEA says: “Taking all new developments and policies into account, the world is still failing to put the global energy system onto a more sustainable path.”  Some key points:

* “Global energy demand increases by over one‐third in the period to 2035. Energy‐related CO2 emissions rise from an estimated 31.2 Gt in 2011 to 37.0 Gt in 2035, pointing to a long‐term average temperature increase of 3.6 °C.

* Demand for oil, gas and coal grows in absolute terms through 2035, but their combined share of the global energy mix falls from 81% to 75% during that period.

* The United States, which currently imports around 20% of its total energy needs, becomes all but self‐sufficient in net terms by 2035 thanks to rising production of oil, shale gas and bioenergy, and improved fuel efficiency in transport.
Falling US oil imports mean that North America becomes a net oil exporter by around 2030.”

From a climate politics perspective one could say: “We´ve lost”

But wait…

The World Energy Outlook is really a great source of information providing excellent statistics and tons of scenarios. It´s one of the most important annual documents for international energy policy. But the great misunderstanding in media and politics is that the future projections are scenarios not forecasts. That´s why IEA offers different scenarios. The report clearly states that WEO 2012 projections “are subject  to a wide range of uncertainties” (page 38) Especially the link between economic growth and energy demand are the biggest source of uncertainity in the medium term.

So, the annual World Energy Outlook sometimes had to fail with its scenarios.

Example 1: One of the major shift in the last decade has been a dramatic change of the oil price which is 3 to 4 times higher than 10 years ago. It has not been foreseen by IEA. I collected the data of some old WOE reports just to show the difference:

Of course no one did foresee this price explosion a few years before, except some of the Peak Oilers who were critized for an “apocalyptic view”

I did the same graph with nominal price projections that of course looks more extreme. (see  chart on the left) You can see that former price assumptions by the IEA World Energy Outlook were signficantly wrong for many years. It mostly projects the current price niveau with some increase but high stability. But the dramatic change which might be linked very much to Peak Conventional Oil has not been anticipated until it has been there. (WEO 2008)

Another less dramatic example are the scenarios on  wind energy.

  • WEO 2002 projected wind power to increase by 10% a year over the 30-year projection period, to reach 539 TWh in 2030.
  • WEO 2008 projected global wind power output is to increase from 130 TWh in 2006 to more than 660 TWh in 2015 (not that much difference to the WEO 2002 projection for 2030) and 1.490 TWh in 2030. Its share in total electricity generation has been asumed to rises from less than 1% in 2006 to 2.7% in 2015 and 4.5% in 2030.
  • WEO 2012 now is based on  342 TwH in 2010 and projects 2.680 TWh in 2035 pushing up its share in total electricity generation from 1,6 to 7,3%.

So within 10 years the World Energy Outlook scenarios changed the assumption for wind energy to a number 4-5 x higher.

But what will be the projection of the World Energy Outlook in 2015? Maybe it will again be significantly different due to technological developments, political priorities etc. There is no one to blame but it´s important to be aware of the change of scenarios.

There are a lot of uncertainties in future energy scenarios.  E.g.

The history of tight oil and shale gas is very young and they are very much linked to each other (see the excellent analysis by Fiona Harvey in the Guardian points that out “Shale offers freedom and security – but it could be a trap”) or Gail Tverberg´s analysis on shale future projections) The exploitation of non-conventional oil and gas is not cheap. It is based on the rise of energy prices and benefits from the current situation. Decline rates are not promising for industry and the trend that it will be fracked as hell in the US might create severe conflicts.  So I am still sceptic on the development of non-conventionals although it is obvious that most of us have underestimated their potential. The ASPO2012 conference I have co-organized provided a lot of expertise on that very matter. (especially Arthur Berman´s video presentation)

Another example: The role of Irak providing enormous amounts of crude oil is highlighted in WEO 2012, too. A good example how important the geopolitical perspective is. But how will the geopolitical playfield change in future? Will China really grow the same way as projected? Revolutions, environmental and other catastrophes, conflicts never have been part of these projections. It´s the “above ground factors” that offer most of the uncertainties for a future prognosis.

Birol clearly stated in Vienna that the role of politics is crucial. The following  numbers really show the current priorities:

In 2011, global subsidies for renewable energy reached $88 billion, an increase of 24% compared to 2010.

In 2011, global subsidies for fossil-fuel consumption totalled $523 billion, almost 30% higher than in 2010

(source International Energy Agency, World Energy Outlook 2012)

So, it´s about politics. The World Energy Outlook 2012 gives enough reason to be sceptic for the future. But it´s not hopeless. For a conclusion I just want to quote WEO 2008:

But many of the key policy drivers (not to mention other, external factors) remain in doubt. It is within the power of all governments, of producing and consuming countries alike, acting alone or together, to steer the world towards a cleaner, cleverer and more competitive energy system. Time is running out and the time to act is now.”





Boom or doom? Oder irgendwas dazwischen… Teil 1 der ASPO-Nachlese

6 07 2012

5 Wochen nach der ASPO-International Konferenz in Wien, dem weltweit größten Treffen von Peak Oil ExpertInnen im heurigen Jahr, ist es Zeit für eine Nachlese. Denn in den vergangenen Wochen hat sich die Diskussion um das Maximum der Ölförderung noch einmal verschärft; man könnte sogar konstatieren, sie ist in der Bewertung von Peak Oil und der zukünftig förderbaren Ölmengen in einer entscheidenden Phase.

Neben der medialen Berichterstattung zur Konferenz (einige Beispiele sind hier zu finden) sei voran noch eine Übersicht zu Blogbeiträgen gestellt, die sich mit der Konferenz auseinander gesetzt haben. Erfreulich, dass der kritische Diskurs durchaus weitergeht.

Steht ein neuer Ölboom bevor?

Diverse Berichte und Beiträge vermitteln derzeit, Peak Oil sei eine These gewesen, die sich als unrichtig herausgestellt hätte. Eine Steigerung der Kapazitäten (die auch eine entsprechende Nachfrage abzudecken hätte) sei ohne weiteres möglich sei.

George Monbiot meint im Guardian überhaupt “We were wrong on peak oil. There’s enough to fry us all”. (Eine deutschsprachige Übersetzung gibt es dazu auf www.freitag.de) Er bezieht sich dabei auf einen Bericht “Oil – The Next Revolution” von Leonardo Maugeri, Senior Fellow der Harvard University (John Kennedy School, Belfer Center for Science and International Affairs) und langjährigen ENI-Manager. Demnach sei es kein Problem, die heutige Ölfördermenge von knapp über 90 Millionen Barrel Tagesproduktion auf über 110 Millionen Barrel Tagesproduktion bis 2020 zu steigern. Voraussetzung dafür sei ein Ölpreis von 70 US$ pro Barrel. Es sei nur eine Frage von Technologie und Politik. Aus Sicht Maugeris hätten die Beschränkungen der vergangenen zehn Jahre mehr finanzielle als geologische Gründe gehabt.  Aber die hohen Preise der vergangene paar Jahre hätten die Investitionsbereitschaft erhöht und damit neue Potentiale erschlossen. Neben dem Irak wird insbesondere in den USA ein neuer Ölboom beschrieben, der auf den unkonventionellem Öl, vor allem Schieferöl basiert. Monbiots Schlußfolgerung: “Es befindet sich genügend Öl unter der Erdoberfläche, um uns alle zu frittieren, und es gibt kein Mittel, um Regierungen und Industrie davon abzuhalten, es dort rauszuholen.

…oder ist es nur der neue Spin des fossilen “Technology will fix-it” Mainstreams?

Dem stehen viele kritische Stimmen entgegen. Richard Heinberg schreibt etwa über den Peak Denial. Einige Fakten seien schlicht nicht zu leugnen. Etwa die deutlich gestiegenen Preise für die Ölexploration und Rohöl selbst. Die größten Ölfelder, die immer noch 60% der weltweiten Rohölproduktion ausmachen, sind alt und eine Verringerung ihrer Produktionskapazität unausweichlich. Die neu entdeckten Ölfelder sind bei weitem nicht in der Lage, einen entsprechenden Rückgang zu kompensieren. Eine gute Zusammenfassung über diese Peak Oil Kernargumente bieten die ASPO-Vorträge der ersten Session von Kjell Aleklett und ex-BP Petroleum Ingenieur, Jeremy Gilbert. Siehe links eine der Illustrationen von Olle Qvennerstedt aus dem Aleklett Buch.

Jeremy Leggett, Mitglied der UK Industry Taskforce on Peak Oil and Energy Security, argumentiert in einem Guardian Gegenbeitrag zu Monbiot, dass es ein grundsätzliches Missverständnis sei, zu glauben, dass es bei Peak Oil in erster Linie um die Gesamtmenge ginge, die noch in einem Ölfeld zu vermuten sei. Viel mehr ist die Durchflußmenge, die aus den Ölfeldern gewinnbar sei, entscheidend. Wie hoch kann die tägliche förderbare Menge gehalten bzw. erweitert werden? Und zu welchem Preis? Er argumentiert, dass die Akteure im ASPO-Netzwerk selbst ja meist aus der Ölindustrie kommen und nun offener über die Problemlage sprechen könnten. Der Zugang zu gesicherter Information ist im Ölmarkt schwierig und Misstrauen höchst angebracht. Also kein Grund zu Optimismus für die Öl- und Gasindustrie.

Offensichtlich sind übrigens auch die Preisverschiebungen und eine deutlich gestiegene Volatilität. Vor 10 Jahren war die Weltwirtschaft 20-25 US-Dollar pro Barrel Rohöl gewohnt. Jetzt schreiben schon viele Medien von einem beispiellosen Sinkflug, wenn wir mal  unter 90 US-Dollar landen. Vielleicht ist dies aber auch nur ein Beispiel für die Kurzfristigkeit des Markt- und Mediendenkens. Aber dieser Shift ist nicht zu leugnen.

“All numbers are wrong: that much we know…

The question is: how wrong?” Diese ältere Zitat von Colin Campbell zeigt auf welchen unsicheren Boden sich auch Experten bewegen. Insofern geht es auch nicht darum, wer nun recht hätte. Die Welt und damit auch die Information über sie entwickelt sich ständig weiter. Es ist kein Wunder, dass sich die Prognosen auf allen Seiten laufend verschieben. Insofern ist das Duell zwischen Leggett und Monbiot eigentlich nicht derKern. Dennis Meadows hatte bei der ASPO-Konferenz völlig recht, als er sagte, dass jeder zur Bestätigung seiner These immer neue Daten finden könne, aber dass es darum nicht ginge. Es geht nicht mehr darum, vor Peak Oil zu warnen, sondern zu einem besseren Verständnis beizutragen, um Gegenstrategien -und maßnahmen zu entwickeln. Hier das Video der bemerkenswerten Diskussion bei der ASPO-Konferenz zwischen Kjell Aleklett, Jeremy Gilbert, Dennis Meadows und Nebosja Nakicenovic (IIASA, TU-Wien, Global Energy Assessment)

Es ist genug unter der Erde…

Eine realistische Einschätzung der Non-Conventionals ist nicht leicht, weil mit sehr unterschiedlichen Annahmen gerechnet wird. Wer die  Präsentation des schottischen Energieexperten und Oildrum Autoren Euan Mearns sieht, kommt zum Schluß: es ist genug fossiles Material in der Erde, das grundsätzlich für die energetische Nutzung gewinnbar ist.

Aber der fundamentale Wandel ist, dass nicht-konventionelle Quelle wie Ölschiefer, Schiefergas, Teersande etc. ökonomisch aber auch in ihrer geologischen Charakteristik völlig anders zu beurteilen sind als konventionelles Erdöl und Erdgas. Die Gewinnung selbst ist deutlich teurer, die Förderkurve ist unterschiedlich (sie fällt bei Shale Gas teilweise rapide ab nach dem Fördermaximum), der Energy Return On Investment (EROI) ist deutlich schlechter, was bedeutet: Wir werden immer mehr Energie brauchen, um neue Energie zu produzieren.

Der “große Goldrausch” in den USA (siehe den äußerst sehens- und hörenswerten Vortrag von Arthur Berman) aber auch Teilen Europas zu Shalegas, der zur aktuellen Euphorie führt, ist geblendet vom Wunsch nach kurzfristigem Profit. Aber langfristige Versorgungssicherheit ist dadurch noch nicht absehbar. Dass dabei über Umweltinteressen hinweg gefahren wird, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

…aber das Problem liegt oberhalb.

Auf die Frage, ob die Non-Conventionals letztlich ein Gamechanger sein können, meint Mearns: “Peak cheap oil was the game changer. Unconventional oil and gas production is the system response to the new game.”

Daher ist es verantwortungslos, dem Mainstream der Öl- und Gascompanies blind zu folgen. Auf den bestehenden Daten über nicht-konventionelles Öl- und Gas kann aktuell noch keine langfristige Strategie aufgebaut werden. Wie Nebojsa Nakicenovic ausführt, braucht es in der aktuellen Transformationsphase politisch notwendige Langzeitentscheidungen, was bei der enormen Preisvolatität der auf Fossilen aufgebauten Energiemärkte extrem schwierig ist. Es geht nicht um ein bisschen hier und bisschen dort, sondern um echte Transformation. Denn richtigerweise sieht er in erster Linie den Klimawandel als Kernargument, den es zu bekämpfen gilt (was manche im ASPO-Netzwerk anders sehen)

Unser Planet ist kein Spielplatz.

Wie ich schon im Posting vor der ASPO-Konferenz beschrieben habe, ist es Michael Cerveny (ÖGUT) und mir bei der Organisation der Konferenz nicht darum gegangen, auf die  Frage nach dem “WANN kommt Peak Oil” zu fokussieren, sondern viel mehr die Struktur der Energieversorgung noch besser verständlich zu machen, die Unwägbarkeiten und Risiken zu thematisieren, und mögliche  Strategien und Wege zu beschreiben.

Die hohen Öl- und Gaspreise der vergangenen Jahre haben stark zu einem Bewusstseinswandel beigetragen, der letztlich auch den politischen Wunsch bestärkt hat, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern  zu reduzieren. Es braucht ohne Zweifel Strategien, die eine signifikante Reduktion des Ölanteils und letztlich ein nahezu Phase-Out von Öl bewirken. (siehe Nakicenovic) Der Klimawandel ist der wichtigste Grund dafür, aber nicht der einzige. Die Unsicherheiten der Öl- und Gasversorgung mit allen umweltbezogenen Konsequenzen (Fracking etc.) gehören weiterhin dazu genauso wie die geopolitischen Facetten (siehe nächster Teil der ASPO-Nachlese)

Oder wir Richard Heinberg in seinem Beitrag “Peak Denial” so schön geschrieben hat:

The Peak Oil debate is not a sporting event. What matters is not which side wins, but what reality awaits us.”





Schiefergas in Österreich: eingezwängt zwischen mehreren Zielkonflikten

23 11 2011

Nun ist es also soweit. Mehrere Zeitungen (der KURIER online lieferte den ersten Beitrag) berichten von einem “gewaltigen Gasfeld” in Niederösterreich. Dieses “Gasfeld” ist jedoch kein herkömmliches Erdgasfeld, sondern gewonnen werden soll sog. Schiefergas (Shale Gas wie der internationale Begriff heißt; ich verwende einfach beide). In Poysdorf bei Mistelbach startet ein entsprechendes Pilotprojekt der OMV. Damit kommt eine Debatte nach Österreich, die in vielen anderen Staaten schon seit Jahren intensiv geführt wird. Vor allem in den USA, die an der Spitze der Shale Gas Exploration stehen, aber auch in einigen europäischen Staaten wie Frankreich, Deutschland oder Polen, wo gigantische Vorkommen bestehen sollen. Ich will diesen Beitrag nutzen, um eher nüchtern die mögliche Schiefergas Exploration in Österreich einzuschätzen, wissend, dass noch ein Begriff hinter Shale Gas steht, der Emotionen hervorruft: Fracking. Eine aufwendige Methode, das Gas zu gewinnen, die mit einigen relevanten Umweltrisiken und relativ hohen Kosten verbunden ist.

Die internationale Bedeutung von Shale Gas

Ganz kurz zur Erläuterung. Kaum ein Faktor hat die Prognosen des Erdgasmarktes in den vergangenen Jahren derart beeinflusst wie Shale Gas. Ähnlich wie bei Peak Oil hatten viele Staaten auch schon ihren Peak Gas. Wobei man konkret ergänzen muss, sie hatten ihren Peak Conventional Gas. Der Höhepunkt der neu entdeckten Gasfelder war weltweit bereits in den 60er bzw. 70er Jahren. Ähnlich wie bei Rohöl ging dann die Anzahl bzw. Gesamtkapazität der neuen Erdgasfelder zurück. Dies betrifft auch solche Staaten, die von Erdgas stark abhängig sind, wie etwa der größte Verbraucher, die USA (siehe Graphik) Die enormen Potentiale durch Schiefergas haben jedoch die Prognosen vor einigen völlig durcheinander gewirbelt. (im Link eine  Übersicht über die großen Shale Gas Gebiete in den USA)


Quelle: http://www.cleanbreak.ca/2011/06/13/natural-gas-climate-friend-or-enemy-depends-on-how-much-heat-youre-willing-to-tolerate/

Ähnlich wie bei Öl hängen die Zukunftsprognosen auch bei Erdgas von der Gewinnung von Unconventional Gas ab. Wobei das Unkonventionelle daran nicht das Gas selbst, sondern eben die Förderung ist. Zum Unconventional Gas gehört neben Schiefergas auch Kohleflözgas und sog. Tight-Gas, wo das Gas in Sandstein zu finden ist. In den USA macht Unconventional Gas bereits mindestens 40% der Erdgas-Gesamtproduktion aus. (inkl Kohleflözgas müssten es sogar 50% sein)
In Österreich werden derzeit rund 1,3 Mrd Kubikmeter Erdgas produziert (Ende der 70er Jahre waren es knapp 2 Mrd Kubikmeter) Der Verbrauch liegt in Österreich hingegen bei 8,5 Mrd  Kubikmeter (2008). Man sieht gleich, wie sich die Abhängigkeit Österreichs bei Erdgas ergibt. Daher ist die Überlegung, die Importabhängigkeit zu reduzieren prinzipiell nicht falsch.

Die Kehrseite der unkonventionellen Gasgewinnung: Was ist Fracking?

Das Problem ist, dass all diese unkonventionellen Vorkommen nur sehr aufwendig zu fördern sind. Bleiben wir beim Schiefergas. Es befindet ich in tiefen Gesteinslagen (4.000 – 10.000 m Tiefe) und wird mit Hilfe von künstlichem Druck aufgesprengt, sodass Risse im Gestein entstehen, damit das Gas entweichen kann. Im wesentlichen werden dafür viel Wasser, Sand und Chemikalien verwendet.
Diese Methode nennt man Hydraulic Fracturing (kurz Fracking). Die Schieferplatten sind sehr hart (härter als bei Tight Gas im Sandstein, wo Hydraulic Fracturing auch schon eingesetzt wird), was auch einen enormen Energieinput und eben diese Methode bedarf.
Der Sand und die Chemikalien sind u.a. deshalb notwendig, damit die Risse nicht zufallen bzw. später verstopfen. Das Verfahren ist übrigens gar nicht neu; jedoch hat es sich bislang nicht gelohnt, es in großem Stil für Schiefergas einzusetzen.
Schätzungen sagen, dass pro Bohrloch ca 35 Tonnen Chemikalien (darunter Toluol, Benzol und Xylol) genutzt werden, wovon viele davon toxische Eigenschaften haben. Das sog. Frack-Wasser fällt in die Kategorie Sondermüll. In den USA gab es schon eine Vielzahl an Grundwasserbeeinträchtigungen.
Und hier noch ein relevanter Punkt. Denn es ist nicht so, dass man – wie der Kurier-Titel vermittelt – ein großes Gasfeld hat, in das man eben einfach reinbohrt, sondern es sind sehr sehr viele Bohrungen notwendig. (abhängig von der Flächengröße)
Hier liegt auch eine der wesentlichen Unterschiede zu Tight Gas. Die Gesteinsschichten für Schiefergas erstrecken sich über große Gebiete, sodass auch horizontal angebohrt werden muss. Technisch machbar, aber aufwendig.

Insbesondere die Gefährung des Trinkwasser durch Chemikalien aber auch die lokalen Auswirkungen durch die aufwendigen Bohrungen führten zu Widerstand. In Frankreich hat das Parlament Ende Juni dieses Jahres Fracking verboten; erst vor wenigen Wochen wurden neue Anträge von TOTAL und anderen Unternehmen auf neue Förderstandorte für Schiefergas von Umweltministerin Kosciusko-Morizet nicht genehmigt werden.

Der Film Gasland von Josh Foy hat in den USA diesbezüglich viel zur Bewusstseinbildung beitragen. Berühmt ist die Szene, bei der durch entweichendes Gas in der Wasserleitung Feuer entzündet werden konnte. Empfehlenswert ist übrigens auch diese NANO-Sendung auf 3sat: ?101109_gasrau_nano.rm

Nun, was bedeutet die Schiefergas-Perspektive für Österreich? Vorweg: meine persönlichen Einschätzung ist, dass es noch lange dauern wird, bis es tatsächlich dazu kommt. Denn

  • erstens ist eine gewinnbringende Förderung bei den aktuellen Preisen noch schwer darstellbar;
  • zweitens hat die OMV angekündigt, auf Hydraulic Fracking wie oben geschrieben zu verzichten, sondern Schiefergas umweltfreundlich zu fördern, was aktuell meines Wissens nicht möglich ist;
  • drittens wird die Genehmigung der Förderung im großen Stil nicht konfliktfrei ablaufen.

Was schon wichtig ist, ist die Auseinandersetzung mit der österreichischen Shale Gas Perspektive. Und hier orte ich drei wesentliche Zielkonflikte:

Zielkonflikt 1 Klimaschutz: die schlechte Treibhausbilanz von Schiefergas

  Der Zufall will es, dass das Thema eine Woche vor der nächsten Klimakonferenz hoch kommt. Wenn sich niemand verzählt hat, ist es COP 17. Und zugegeben, von einer substanziellen Annäherung an eine Problemlösung ist man aktuell weit entfernt als.
Auch Österreichs Treibhausgasbilanz ist verheerend. Vom Kyoto-Ziel ist man meilenweit entfernt.

(Foto c © The Ice Bear Project Ltd)

Doch was bedeutet es für die heimische Klimabilanz, wenn Schiefergas in diesen großen Mengen gefördert wird? (präzise quantifiziert wurde ja die förderbare Menge noch nicht, außer “riiiiieeesengroß”)
Bei der ASPO US-Konferenz in Washington hörte ich kürzlich zwei interessante Experten. Robert W. Howarth und Anthony Ingraffea von der Cornell University. Sie analysierten die Schiefergas-Förderung und bilanzierten derenTreibhausrelevanz. Denn: Obwohl Schiefergas auch nur Erdgas ist, hat es aufgrund der Fördermethode deutlich höhere Emissionen, weil viel Methan entweicht. Die Autoren, die ihre Erkenntnisse in der September-Ausgabe von Nature publiziert haben, raten von einer offensiven Shale Gas Strategie ab. Die Umweltrisken seien zu hoch und die Treibhausgasrelevanz deutlich höher als bei anderen fossilen Energieträgern. Im Papier heißt es: <a href=”Methane is a major component of this footprint, and we estimate that 3.6–7.9% of the lifetime production of a shale gas well (compared with 1.7–6% for conventional gas wells) is vented or leaked to the atmosphere from the well head, pipelines and storage facilities.”
The Atlantic hatte schon im April die Daten der Studie von Howarth, Ingraffea, Engleder veröffentlicht. Sie sind für einen 20-Jahres Zyklus berechnet. Sie sind insofern erstaunlich, weil auch der herkömmlichen Erdgasförderung ein entsprechender Anteil entweichendes Methan zugeschrieben wird, was aber auch mit den in den USA verbreiteten Fördermethoden zu tun haben könnte. Bei Shale Gas ist dieser Anteil nochmals signifikant höher. Leider habe ich die Graphik für denn 100-Jahre Periode nicht. Hier ist Kohle deutlich über Erdgas; aber Shale Gas auf vergleichbarem Wert. (mit Kohle)

Ein interessanter Vortrag der beiden Wissenschafter ist auf Youtube zu finden.

Zu beantworten ist also die Frage, ob man angesichts der schlechten Treibhausbilanz Österreichs tatsächlich diese zusätzliche Emissionen in Kauf nehmen will?

Zielkonflikt 2 Energieautarkie: das war eigentlich anders gemeint

Energieautarkie ist ein zentrales Motiv für viele energiepolitischen Programme in Österreich. Umweltminister Berlakovich propagiert das Ziel, dass Österreich bis 2050 „energieautark“ sein soll. Zur Zeit liegen wir knapp über 30 Prozent. Auch viele Bundesländer setzen aktuell auf Energieautarkie-Szenarien, wobei das immer nur eine bilanztechnische Frage ist – es geht nicht um technische Autarkie, also der infrastrukturellen Unabhängigkeit vom Rest der Welt. Niederösterreich beschloss vergangene Woche den Energiefahrplan 2030. Bis 2015 will man hier 100% Erneuererbare beim Strom und bis 2020 erreichen und den Anteil der Erneuerbaren am Gesamtenergiebedarf von 30 auf 50% steigern. Burgenland wird bis 2014 100% Erneuerbare im Strombereich haben; bei der Wärme dauert es natürlich auch etwas länger. Für Salzburg präsentierte gestern der für Raumplanung verantwortliche Abteilungsleiter Friedrich Mayr den Plan, ebenso 50% Erneuerbaren Anteil bis 2020 anzuvisieren.

Und hier kommt der Punkt. Energieautarkie ist in Österreich mit dem Gedanken verknüpft den Anteil der Erneuerbaren Richtung 100% zu erhöhen. Wie passt da eine proaktive Schiefergas-Vorgehensweise ins Konzept? Man könnte natürlich argumentieren, dass Energieautarkie nicht zwingend erneuerbar sein muss. Aber war das die Idee? Ich glaube nicht.

Zielkonflikt 3 Wo investitieren: Schiefergas & Nabucco? Too much, guys.

Nun, ehrlicherweise ist das kein unmittelbarer Zielkonflikt, denn im Sinne der oben beschriebenen Ziele ist wahrscheinlich weder das eine noch das andere anstrebenswert. Aber es mag schon einen guten Grund haben, warum die – lange vermuteten Schiefergas-Vorkommen in Niederösterreich – bislang in dieser erahnten Dimension nicht an die große kommunikative Glocke  gehängt wurden. Es ist schlicht schwer zu erklären, dass man einerseits massiv in eigene Schiefergas-Vorkommen investiert, die sich nur rentieren, wenn Gas entsprechend teuer ist, und andererseits 8 Milliarden Eur in die 3300 km lange Pipeline investiert. Logisch, Nabucco dient ohnehin nicht primär dem österreichischen Markt, aber dennoch wird die Argumentation für beide Unterfangen nicht ganz widerspruchsfrei sein.

Eines beweist die aktuelle, am Beginn stehende Diskussion jedenfalls. Derartige Projekte sind nur möglich, wenn der Gaspreis entsprechend hoch ist. Damit ist zu rechnen, denn die konventionellen fossilen Energieträger werden dem steigenden weltweiten Bedarf nich folgen können und damit teurer werden.  Diese Zielekonflikte zu klären, wird entscheidend sein für die Zukunft von Schiefergas bzw. der gesamten Energieversorgung in Österreich. Es geht tatsächlich um strategische Weichenstellungen mit langfristigen Folgen.

Am Ende noch einige Medienhinweise:

Ö1-Beitrag vom 2.11.  Riskanter Rohstoffrausch. Der Streit um das Erdgas aus Schiefergestein

ORF Weltjournal, heute 23.11. zu Schiefergas