Wienwolltswissen: taktisch erfolgreich, aber mit hohem demokratie-politischem Kollateralschaden

22 02 2010

Nun ist das Ergebnis der Wiener Volksbefragung endlich da. Knapp 36 Prozent (35,9) der stimmberechtigten Wienerinnen und Wiener haben sich daran beteiligt. Eigentlich dachte man ja schon vor einer Woche, es gäbe ein Ergebnis. Allerdings hat sich nun herausgestellt, dass ein Viertel (!!) der Stimmen dieser nun 35,9% noch nicht eingerechnet waren. Denn vergangenen Dienstag lag die Wahlbeteiligung bei 26%. Nur um das kurz zu veranschaulichen, was das bedeutet:
Die Stadt Wien hält eine Volksbefragung ab, die Samstag, den 13.2. um 18:00 offiziell endet. Auf der Website von Wienwillswissen heißt es:

“Am Samstag, den 13. Februar 2010 um 18 Uhr endete die Volksbefragung. Die Beteiligung beträgt bis dato (16.02.2010) 26,04 %. Stimmberechtigt waren rund 1,1 Mio. WienerInnen.”

Am Sonntag, den 21. Februar 2010 gab Stadträtin Sandra Frauenberger das Ergebnis der Wiener Volksbefragung 2010 bekannt. Die Abstimmungsbeteiligung liegt nun bei 35,90 Prozent. In dieser Summe sind sowohl alle Stimmen der Annahmestellen als auch alle bis Sonntag, 14 Uhr, rückgelangten Briefstimmkarten berücksichtigt.

Wie Politikwissenschafter Hubert Sickinger in einem Tweet richtig schreibt, kann die Post zwar langsam sein, aber Samstag nachmittags eingeworfene Briefe sollten innerhalb Österreichs am Dienstag bereits eingelangt sein. Der Verdacht liegt also nahe, dass nach Bekanntgabe des vorläufigen Ergebnisses eine Vielzahl weiterer Wahlkarten abgeschickt wurden.

Bitte, so wird Demokratie ad absurdum geführt. Die Briefwahl ist ein sinnvolles Instrument, aber wenn die Tür zum Mißbrauch derart weit geöffnet wird, braucht man sich nicht wundern, wenn dies auch in Anspruch genommen wird. Die Mutmaßung liegt nahe, dass im nicht-öffentlichen Bereich massiv mobilisiert wurde, doch noch Wahlkarten abzusenden. Hier geht es wohl gar nicht darum, ein bestimmtes Ergebnis zu verstärken, sondern schlicht die Wahlbeteiligung zu erhöhen. Und das ist nun gelungen. Denn die knapp 36% sind ein respektables Ergebnis, mit dem ich selbst ehrlicherweise nicht gerechnet habe. Ich erinnere nur daran, dass wir bei der letzten Wienwahl (immerhin Gemeinderats- und Landtagswahl) nur eine vernichtend geringe Wahlbeteiligung von 60,8% hatten. Und Wahlen sind immer um vieles bedeutsamer als eine Volksbefragung, die durch suggestive Fragestellungen an demokratiepolitischer Ernsthaftigkeit vermissen lässt.

Mein kurzes Resumée dieser Volksbefragung, auch aus wahlstrategischer Sicht:

  • Demokratiepolitsch hat diese Volksbefragung mehrere in nicht nur “westlichen” Demokratien übliche Standards nicht erreichen können. Die suggestive Art der Fragestellung, bei der teils völlig einseitige Argumente vor die Frage gestellt wurden, ist absolut indiskutabel. Die Citymaut-Frage hat gezeigt, dass es überhaupt nicht um Inhalte geht, denn sonst hätte man ein konkretes Modell zur Diskussion gestellt und nicht nur irgendeine Citymaut abgefragt. (siehe auch hier Chorherr) Hier gab es vom Ausrichter der Volksbefragung eindeutiges inhaltliches Interesse. Es ging darum, die Citymaut für lange Zeit wegzudrücken. Die Promotion dieser Abfragen hat viel Geld gekostet, das insbesondere in Boulevard-Medien “investiert” wurde. Deren Dank sei den Verantwortlichen gewiss. (Siehe auch ThinkoutsideyourBox ; Martin Margulies formuliert doch das in seinem Blog noch etwas direkter)
  • Wahlstrategisch hatte die Volksbefragung wenig unmittelbares Mobilisierungspotential. Ein echtes Kampfthema der SPÖ war nicht dabei; es wurde auch nicht wirklich um irgendwas gestritten. Wohl wurde nicht wenig über die einzelnen Themen berichtet, etwa den Hundeführerschein, aber ein echter Stadtdiskurs schaut anders aus. Aber hat die Stadt Wien bzw. die SPÖ hat zu viel Scheu vor dem Konflikt. Die Schlußfolgerung: Anliegen-Mobilisierung (issue campaigning) wird bei der Wien-Wahl über eines der Volksbefragungs-Themen nicht gelingen, aber etwas anderes…
  • … denn wahltaktisch hat die Befragung dennoch Effekte, insbesondere durch die Rolle, welche die SPÖ nun vermittelt. Das ist nun geschickt eingehängt. Die Wiener SPÖ (konkret der SP-Rathausklub)  sogleich, wie schnell der Bürgermeister den Volkeswillen umsetzen wird. Hier wird eine Eigenschaft vermittelt, die für die SP-Regierung auch vor der Wahl wichtig ist: Handlungsfähigkeit. Das ist insofern relevant, weil Regierungen häufig ein Problem haben, ihre Bilanz vor der Wahl effektiv darzustellen. Effektiv im Sinne, dass irgendwas davon beim Wähler hängen bleibt. Man kann den Gratiskinderkarten plakatieren soviel man will. Wenn die Stadt davor nicht breit darüber diskutiert hat, sickert kaum etwas in breiten Teilen der Bevölkerung. Und wer sich an die letzten beiden Wienwahlen erinnern kann, weiß auch, dass diese Wahlen unter Themenarmut gelitten haben.
  • Es bleibt also hängen: Wir haben euch gefragt – nun setzen wir um. Ein populistisches Angebot. Offenbar geht es dabei insbesondere um potentielle FP-Wähler, die für die SP noch erreichbar sind.  Das Instrument gegen die FPÖ muss aus Sicht der SPÖ kurzfristig der Populismus sein. Ein übrigens positiver Mitnahme-Effekt: das “Ausländerthema” ist zumindest kurzzeitig von der politischen Agenda verdrängt worden. Das wird aber bis zur Wahl im Oktober nicht so bleiben.
  • Dass sich die Wiener Opposition mit dieser Vorgangsweise schwer tut, beweist die Wiener ÖVP mit ihren hilflosen Inseraten, in denen kommuniziert wird, dasnn mit dem Nachtbetrieb der U-Bahn eine langjährige VP-Forderung umgesetzt wird, für die es jedoch keine Volksbefragung gebraucht hätte. Ein allzu schwaches Signal. Was soll diese Doppel-Botschaft beim Wähler auslösen?
  • Aber was sind die langfristigen Effekte der kurzfristigen Volksbefragungs-Taktik? Ich behaupte – im Gegensatz zu manch anderen – dass die Volksbefragung aus einer populistischen Regierungslogik kurzfristig durchaus etwas gebracht hat. Allerdings mit hohem demokratiepolitischem Kollateralschaden. Für eine erfolgreiche Strategie im Kampf um FP-Wähler ist diese Taktik jedoch noch zu wenig, denn Wahlen gewinnt man nicht mit Bilanzen, sondern mit Angeboten für die Zukunft. Aber wer weiß, was das noch kommt. Und der kurzfristige, vielleicht auch nur scheinare Erfolg verdeckt noch etwas anderes, nämlich, dass es viel weit gehendere gesellschaftliche Maßnahmen braucht, um mittelfristig wieder WählerInnen-Gruppen aus dem FP-orientierten Rechtspopulismus zu holen. Aber zugegeben: die Fehler der 80er und 90er Jahre insbesondere in der Bildungspolitik sind nicht in paar Monaten wettzumachen.

Wer hier eine Annäherung an vermittelbaren Antworten hat, wird möglicherweise das Angebot für progressive Wählerinnen und Wähler haben, denen der demokratiepolitische Kollateralschaden der Populismus-Strategie (wenn es denn so eine gibt) nicht behagt. Denn der Zweck heiligt nicht jedes Mittel.





#unsereuni: eine Würdigung und nüchtern betrachtete Szenarien

2 11 2009

Viel wurde in den vergangenen Tagen über #unsereuni bzw. #unibrennt, also die Besetzung des Audimax und anderer universitäter Einrichtungen, geschrieben und diskutiert. Sowohl in Printmedien (mit klassischer Aufteilung zwischen sympathisierendem Standard und in diesem Fall reaktionär angehauchter, kritischer Presse), noch mehr online. Ich verfolge immer wieder Diskussion auch auf dem Livestream, auch das  was Neues. Für alle jene, die das nicht ohnehin laufend verfolgen und entsprechende Empfehlungen als redundant empfinden, verweise will ich dabei insbesondere auf die sehr lesenswerten Blogs von Tom Schaffer, Martin Blumenau; und in Sachen Politics 2.0. sehr empfehlenswerte Beiträge von Jana Herwig auf digiom, Helge, Luca Hammer, Niko Alm und Philipp Sonderegger.  Auch Misiks aktuelle Standard TV Folge beschreibt vieles richtig.

Da diesbezüglich schon so viel richtiges geschrieben wurde, will ich nur einige Beobachtungen und Gedanken aus den vergangenen Tagen auf guensblog reflektieren und auf Basis dessen den nüchternen Versuch unternehmen, Szenarien durchzudenken, wie denn das alles weitergehen könnte.


Ein anderer Maßstab: #unibrennt ist eine Bewegung, keine Kampagne

In den ersten Tagen des Protests dachte ich mir noch, super, dass sich wieder was tut an der Uni, aber was wollen sie denn erreichen? Ihr Anliegen war mir eigentlich noch nicht ganz klar. Hier kommt natürlich die klassische Denke heraus, der man erliegt, wenn man seit vielen Jahren mit Politikkommunikation und Kampagnen zu tun hat: Was ist das Anliegen? Was ist das Ziel? Wer ist der Gegner, wer die Bündnispartner? Welche Instrumente haben wir? Welche Maßnahmen ergreifen wir? Wer ist der Träger des Anliegens? etc.

Der Punkt ist aber, die AudiMax Besetzung ist eben keine klassische, durchgeplante Aktion oder Kampagne einer Interessensvertretung, die was im Sinne ihrer mission erreichen will, sondern sie ist emergent entstanden. Das hat wohl niemand geplant, sondern auf einmal ist der Funke übergesprungen – genährt durch Emotion (Wut, Ärger, auch Frust), dem Zusammentreffen der StudentInnen zu Semesterbeginn in noch verschärfterer unmittelbarer Uni-Situation,  und unterstützt durch das unglaublich organisationsfähige Web 2.0.

Und nicht zu vergessen: Menschen. Akteuren, die nicht sich selbst in den Vordergrund stellen, sondern das Kollektiv und die diversen Anliegen. Das gehört auch zum Besonderen.

Emergenz statt abgebrühtem, politischen Aktivismus

Bewegungen sind nicht planbar, sondern sie entstehen meist emergent. Emergenz heißt übrigens nicht, dass sie völlig zufällig entstehen. Es ist unglaublich wichtig, das die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zusammenkommen.  Dafür kann man wiederum sorgen und Settings schaffen, allerdings idealerweise ohne Erwartungshaltung, was zu passieren hat. Dieser emergente Ursprung ist übrigens zugleich die Stärke des Protests. Nämlich dass es eben keine klassische Organisationsform gibt, wie etwa eine ÖH. Die macht meiner Meinung nach genau das richtige, indem sie sich solidarisiert, einer von vielen Akteuren ist, aber sich nicht in das Zentrum setzt. Eine ganz schwierige Gratwanderung, weil man für die offizielle Politik sehr wohl Ansprechpartner ist und in die klassische Delegationsfalle getrieben wird. Das letzte, was die Studierenden bzw. die BesetzerInnen brauchen, ist zugleich Vereinnahmung. Weder durch die öH noch durch andere politische Kräfte. Genau deshalb wird die Regierung die ÖH als Gegenüber forcieren, um die innere Spaltung der Protestbewegung voranzutreiben. Puhhh, nicht leicht der Umgang damit.

Zum Thema Emergenz sei noch der Klassiker “Emergence” von Steven Johnson empfohlen (Dank für diesen Hinweis vor einigen Jahren an Netzwerkforscher und Philosoph Harald Katzmair)

Trotz dieser Begeisterung steht natürlich immer die Frage im Raum, wie soll das weitergehen? Was steht am Ende?

Ich erlaube bei mir eine nüchterne Betrachtung quasi “von außen” und sehe  auf die schnelle fünf Szenarien 5 mögliche Szenarien:


1. Man verhandelt und macht Politik von und für Studierende.

Aber was verhandelt man? Da #unibrennt eben keine Kampage, sondern eine Bewegung darstellt, gehen die Anliegenweit über eigene, klassische Klientel-Anliegen hinaus. Einige der Forderungen sind nicht unmittelbar umsetzbar bzw. auch zu hinterfragen, aber das ist gar nicht der Punkt. Sehr wohl wäre relevant, was wäre dann der Erfolg nach Verhandlungen?

Wenn man was rausholen kann, fein. Aber was bietet man? Rückzug für eine paar Millionen mehr für die Unis und eine symbolische aber wohl bald weitgehend wertlose Faymann-Garantieerklärung, dass keine weiteren Studiengebühren kommen. Die Regierung vermittelt in der aktuellen Situation, hier nicht wirklich was anbieten zu können.

2. Die Ministerlücke als Chance

Jede/r, der oder die sich jetzt auf das Wissenschaftsressort einlässt, ist gut beraten, sich VOR Amtsantritt mit VP-Chef und Finanzminister Pröll, Zusicherungen geben zu lassen. Und zwar weitgehende. Oder anders: wer sich ohne Zusicherungen zum Minister machen lässt, ist eigentlich schon verloren und für dieses Amt politisch wohl ungeeignet. Diese Lücke ist für die BesetzerInnen gut nutzbar, denn die eigentlichen Verhandlungen finden möglicherweise durch die Ministerentscheidung statt und nicht danach.

Die Einschätzung ist vielleicht etwas spekulativ, aber unipolitisch scheint mir das nicht ganz irrelevant.

3. Sie sind gekommen, um zu bleiben

#unibrennt hat viel Energie. So wie vielleicht zuletzt in den Tagen kreativer Protestaktionen gegen schwarz-blau. Doch Vorsicht. Die ÖVP hat während Schwarz-blau eines bewiesen. Dass sie sehr gut im Aussitzen ist. Der Widerstand ist damals erschöpft verebbt. Pröll ist zwar nicht Schüssel. Und der Partner ist auch bissl ein anderer. Aber man müsste möglicherweise lange durchhalten (bis zu den Wahlen 2010?) Den aktuellen Energielevel über lange Zeit aufrecht zu erhalten, ist sehr sehr schwer, insbesondere wenn man nicht das eine Anliegen hat, sondern viele. (ich vergleiche hier mit diversen Besetzungen für Umweltanliegen, die aber meist ein sehr konkretes Projekt pro oder meist contra anvisieren)

4. Eskalation

Ermüdung, Erschöpfung,  Wut. Auch wenn es sich manch Reaktionäre wünschen würden, genau für das Eskalationsszenario wirken die Akteure dieser Bewegung zu vernünftigt. Vernunft und Frechheit schließen einander nicht aus. Die BesetzerInnen vermitteln dankenswerterweise, sie machen das für ihre Zukunft und nicht um den revolutionären “Heldentod” (symbolisch gesprochen) im Kampf gegen die staatliche Hoheit zu erleiden. Dieses starke Kollektiv braucht generell keine Helden.

5. Neue Allianzen und ein Zeichen, an dem die Politik nicht mehr vorbei kann

Das Bildungsthema ist zentral und zugleich komplex. Wenn es ausschließlich um die universitäte Forschung und Bildung ginge, wäre die Sache einfacher. Aber es geht um mehr. Neue Allianzen könnten hier möglicherweise ein wirkliches Zeichen hinterlassen. Eben weil es den BesetzerInnen nicht nur um sich selbst und das eigene Klientel geht, sondern um mehr. Bildung muss ins Zentrum der Politik. Nicht trotz sondern gerade wegen der Finanzkrise, die möglicherweise in den kommenden Jahren noch ihre eigentliche Fratze zeigen wird. (“Apokalypselater”)

Die Schülerdemo vor einigen Monaten hat gezeigt, das was geht. Da war auch Wut und Lust am Protest zu spüren. Die Schüler haben´s nur schwerer, weil sie in den Fängen organisierter Interessensvertretung sind und wenige Orte haben, wo unterschiedliche Gruppen zusammenkommen. Vielleicht sind aber grad deshalb die Studierenden ihre Chance?

Pädagogen aus Schule und Kindergarten, die ohnehin grad Anlaß zum Protest haben, könnten sich erheben und mehrere andere Gruppen aus Bildungsinstitutionen. Aber warum nicht auch Eltern, die ein Zeichen setzen wollen? Ein gemeinsames Zeichen, von ähnlicher symbolischer Kraft wie das Lichtermeer damals. Eines, an das man sich viele viele Jahre erinnern wird, und an dem die Politik einfach nicht mehr vorbeikommt um endlich die Bildungspolitik ins Zentrum zu rücken…das könnte so ein Ziel ein. Mehrere Beiträge haben das schon angedeutet, zuletzt etwa Doris Knecht in ihrer Kurier-Kolumne. Die Demo war vorige Woche schon ein sehr gutes Zeichen. Auch wenn es nicht 50.000 TeilnehmerInnen waren, aber mehr als 10.000 alle mal.

Was auch immer passieren wird. Es knistert wieder mal in Österreich. Und das ist in einer oft erstarrten österreichischen Politkultur nur gut so.





Der Unterschied zwischen Strategie und Taktik am Beispiel Faymann/Pröll

20 10 2009

Der Unterschied zwischen Strategie und Taktik ist nicht nur in der Kriegsführung, im Schach und diversen (Sport-)spielen von Relevanz, sondern insbesondere auch in der Politik. Ich kann mich an eine Keynote Speech des großen Schachmeisters Gary Kasparow beim Politikkongress vor einigen Jahren in Berlin erinnern, wo er insbesondere darauf hingewiesen hat, dass diese beiden Zugänge nicht ausreichend differenziert werden. Da hatte er völlig recht. Und die österreichische Innenpolitik ist ein gutes Beispiel. Generell kann konstatiert werden: es gibt kaum Strategie, aber sehr sehr viel Taktik, meist gar nur taktisches Geplänkel. Ich gehe sogar einen Schritt weiter: die Konzentration darauf ist einer der Gründe dafür, dass sich viele Menschen angewiedert von der Innenpolitik und der Berichterstattung darüber abwenden.

An den beiden Regierungparteien kann man den Unterschied aktuell gut fest machen.

Einerseits: Werner Faymann und die Bundes-SPÖ (auf die beziehe ich mich; in Wien und im Burgenland schaut die Sache etwas anders aus).

Hier soll´s nicht um Bashing gehen. Sich über den Niedergang der SPÖ herzumachen, ist derzeit leichtes Spiel (ich verweise auch auf ältere Beiträge zur SPÖ auf guensblog),  aber die insbesondere strategische Schwäche ist meiner Meinung nach ein Kernpunkt.  Es dürfte schlicht und ergreifend keine Strategie geben. Also eine Strategie im Sinne eines “längerfristig ausgerichtetes planvolles Anstreben eines Ziels unter Berücksichtigung der verfügbaren Mittel und Ressourcen” (Wikipedia). Es gibt auch keinen Feldherrn, wenn man schon die martialischen Vergleiche heranziehen will. Jemand, wo man Vertrauen haben könnte, der oder die weiß, was er/sie will, geschweige denn den Weg dorthin kennt. Gut, wie hieß das Gusenbauer-Buch: Die Wege entstehen im Gehen.

Taktik ist der Strategie unterzuordnen. Sie bezieht sich auf die Anwendung der einzelnen Elemente (Angriff, Verteidigung, Überraschung, neue Flanken etc.). Aber auch hier geht es um die Erreichung eines konkretes Ziels.

Was ist das Ziel der Bundes-SPÖ und ihres Vorsitzenden? Mit welchen Mitteln will man es erreichen? Wofür brennt dieser Mann eigentlich? Man muss das nicht alles gleich zu Beginn einer Karriere oder eines Funktionsantritts wissen, aber irgendwann wäre das insbesondere in Krisenzeiten gut. Auch weil Vertrauen nicht kurzfristig aufgebaut werden kann.

Während es also keine erkennbare Strategie gibt, versucht man sich in taktischen Spielen. Das aktuelle Beispiel: die Frage, welche ÖsterreicherIn Mitglied der EU-Kommission sein soll. Inhaltlich ist diese Frage weitgehend irrelevant, denn um Qualifikation gings in der Debatte noch nie (den Karas und grüne Vorschläge ausgenommen)

In der Konkurrenz zur ÖVP hatte die SPÖ schon durch das Bekenntnis, es soll ein ÖVP´ler werden, schon verloren. Es war der SPÖ auch einfach nicht wichtig. Und ich seh das jetzt anders als viele Kommentatoren: hätte man es elegant gemacht, wäre das kein Problem gewesen. Warum muss jede Partei immer um einen Posten kämpfen? Inhaltliche Kriterien wären relevant gewesen, aber nicht die Parteizugehörigkeit.

Der Einsatz für Ferrero-Waldern ist in erster Linie eine Provokation an die ÖVP. Pure Taktik, aber null Strategie!

Es ist ein kleines Gefecht, das aber mit der langfristigen Zielerreichung gar nichts zu tun hat. Ein Nebenschauplatz, mit der man nichts gewinnen kann, aber versucht, dass der Konkurrent was verliert. Und wenn am Ende Ferrero-Waldner Kommissarin wird, wird niemand sagen: toll gemacht, Herr Kanzler.

Um wiederum auf Kasparow zurückzugreifen: “Die Frage WARUM macht aus dem Taktiker einen Strategen. Diese Frage muss man sich immer wieder stellen, um die eigene Strategie zu durchschauen, zu entwickeln und zu befolgen. Warum diesen Zug? Was möchte ich erreichen, und was spielt dieser Zug dabei für eine Rolle?”

Ich gestehe, ich kann diese Frage in der Faymann-Taktik nicht beantworten.

Der Konflikt verstärkt einerseits das Bild, das es in Österreich eh nur um die Pöstchen gehe; andererseits lenkt er – auch das ein taktisches Manöver – von der inhaltlichen Auseinandersetzung nach der Pröll-Rede vergangene Woche ab. Ein sehr kurzfristiger Effekt aber, der auch keine Antwort auf das Warum gibt.

Und das Szenario, dass Ferrero-Waldner jetzt doch nicht Kommisarin wird, sondern Molterer, will ich für Faymann gar nicht durchdenken. Welcher Mensch hat ihm das eingeredet??

Damit noch kurz zur ÖVP. Ich halte ihre Performance für überschätzt, aber dennoch strategisch relevant. Sie vermitteln, eine Strategie zu haben. Das Ziel scheint auch klar: Kanzler werden (daher jetzt schon Schattenkanzler sein) und als jene Partei über die Rampe kommen, die am ehesten krisenfest ist. Wer die Unterstreichungen in der Rede Prölls im Download ansieht, erkennt die Werteebene, die angesprochen werden soll. Er holt weit aus, versucht Zielgruppen in mehreren Bereichen anzusprechen. Dass dies nicht unbedingt mit aktuellen politischen Initiativen wie der Fremdenrechts-Novelle im Einklang steht, wird nicht ihm angelastet, sondern der Fachministerin.

Ob schon alle Elemente einer erfolgsbringenden Strategie der ÖVP vorliegen ist noch nicht absehbar, aber die Eckpfeiler sind da und dank der Wahlerfolge zuletzt auch der Zug zum Tor. Aber Achtung: Wahlen in Wien, Burgenland und der Steiermarkt sind wahrlich kein Heimspiel für die ÖVP. Hier könnten aufgrund kurzfristiger taktischer Entscheidungen ganze Strategien auch wieder ruiniert werden.





Der Absturz der SPÖ ist mehr als die Krise einer einzelnen Partei

29 07 2009

Die im heutigen Standard präsentierte Umfrage zur Einschätzung der Regierungsparteien (n=500/CATI-Umfrage/market) zeigt die tiefgehende Krise der SPÖ auf. Und nicht nur das. Die SPÖ ist in gewisser Weise das Symbol für die strukturellen und kulturellen Defizite der österreichischen Politik generell. Sie spürt wohl erst jetzt – durch kurzfristige Wahlerfolge und regionale Stärkefelder wie Wien aufgeschoben – Versäumnisse aus Vergangenheit und Gegenwart.

Ehrlich gesagt verfolge ich zwar Umfragen mit einem derart geringen Sample mit gewisser Skepsis, dennoch sind die Daten so signifikant, dass Rückschlüsse möglich sind. Im Gegensatz zum Titel der Standard-Geschichte (“Umfrage: ÖVP besser organisiert als die SPÖ“) sehe ich die eigentlich bemerkswerten Daten woanders, denn die Organisationsfähigkeit einer Partei kann abgesehen von einem Eindruck durch die Wählerschaft nur bedingt eingeschätzt werden.

1246619329563Während die ÖVP in den meisten Eigenschaften eigentlich sehr positive Werte bei der eigenen Wählerschaft hat (im Gegensatz zur Gesamtheit), sind bei der SPÖ sogar bei den eigenen Wählern die Daten extrem schlecht. Im folgende jene Punkte, die aus meiner Sicht relevant sind, und ehrlicherweise zeigen, dass die Krise der SPÖ kurzfristig nicht bewältigbar ist. Aller Voraussicht wird nach der Oberösterreich-Wahl am 27.9. eine gröbere Neuaufstellung zu erwarten sein (Graphik Standard 29.07.)

  • Nur 55 % der SP-Wähler meinen, dass die Wählerschaft genau wisse, wofür die Partei stehe. (ÖVP 84%). Ebenso 55% halten die Partei für glaubwürdig (ÖVP 85%). Bitte, dieser Wert ist eine Katastrophe. Wenn das de facto nur jeder zweite SP-Wähler behauptet,  gibt es entweder ein massives Politikvermittlungsproblem oder noch schlimmer: es gibt ein tiefgehendes Identitätsproblem. Ich behaupte zweiteres.
  • 35% meinen, dass in der Partei jederzeit jemand bereit sei, die Führung zu übernehmen. Es wird also nicht nur der Führung selbst unterstellt, ein Problem zu haben, sondern man sieht auch niemanden, der das übernehmen könnte. (im Vergleich ÖVP 75%)
  • Nur 43% meinen, dass die Partei in keine Skandale verwickelt sei. Angesichts dessen, dass dies bei der ÖVP 80% sind, ist das ein Indiz für massives Misstrauen. Das ist insbesondere in Zeiten des Vertrauensverlustes in politische Institutionen mehr als problematisch. Und wenn man sich die Skandale des Landes ansieht, ist eigentlich keine überproportionale SP-Lastigkeit im Vergleich zur ÖVP erkennbar. Hier hätte ich in der medialen Rezeption beide gleichauf gesehen. (möglicherweise wirkt die BAWAG noch nach?)
  • Ebenso problematisch ist, dass nur 34% sehen, dass es ausreichend gute Nachwuchskräfte gäbe. (ÖVP 68%). Offenbar greift es nicht, wenn junge Funktionäre wie Laura Rudas entsprechende Präsenz und Bedeutung haben; das Nachwuchsproblem erstreckt sich über weite Teile der Organisation.

Das Problem dabei ist, dass nicht nur die Mobilisierungsfähigkeit einer Partei mit derartigen Werten stark eingeschränkt ist, sondern dass die Krise tief geht und damit auch das generelle Demokratiedefizit erreicht. Parteien haben in der Vermittlung von Politik immer noch die zentralste Rolle. Leider, muss man sagen, aber es ist so. Zugleich sind Parteien, Medien und auch Politikberatung häufig nahezu ausschließlich am kurzfristigen Wahlerfolg als relevanteste Meßgröße orientiert. Das ist verständlich, aber falsch. Oder wie Peter Filzmaier zuletzt in den OÖ-Nachrichten geschrieben hat (via Martin Blumenau´s Post: Der Experte und die De-Nationalisierung) : “Im Sommerloch gibt es keine Wahlen. Das bedeutet insofern eine demokratiepolitische Flaute, weil Österreich die Qualität seiner Demokratie gerne anhand von Wahlergebnissen definiert.” oder auch “Rechte und Linke beschäftigen sich unabhängig vom Wahlkampfgegröle ständig nur mit dem Tagesgeschäft.” Blumenau spricht von Resultats-Fetischismus.

Auch mein gestriges Posting zu Martin Grafs Südtirol-Vorschlag sollte zeigen, dass nahezu alle Akteure im politischen Geschäft eine extrem kurzfristige Perspektive in ihrer Kommunikationsstrategie haben. Immer mehr Menschen entkoppeln sich aber von dieser Art der Politik. Im Freibad diskutiert niemand die Südtirol-Frage, um es etwas banal auszudrücken.

Was die SPÖ aber mit den oben genannten Werten offenbart, ist nicht mit dem Tagesgeschäft zu lösen. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich hier auf Guensblog versucht, das strategische Dilemma der SPÖ zu beschreiben. Aufgerieben zwischen sehr unterschiedlichen Milieus, inhaltlichen Polen und Zielgruppen reicht ein Day-to-Day Vorhanteln nicht . Es hat sich seit damals nichts verbessert, sondern im Gegenteil: Die Sozialdemokratie hat mehr denn je ein grundlegendes Strategiedefizit und eigentlich eine substantielle Identitätskrise. In Zeiten der Wirtschaftskrise und steigender sozialer Spannungen ist das ein Problem. Nicht nur für die SPÖ.

Sie kann kurzfristig nicht gerettet werden, sondern braucht ein längerfristiges Szenario, das zumindest folgende Fragen beantworten musstee:

  • Was sind die 2-3 Leitprojekte und Kernanliegen, die in der Regierung umgesetzt werden? (die sich abzeichende Niederlage bei der Mindestsicherung zeigt, wie wenig geht derzeit)
  • Was sind längerfristige Leitprojekte, die die SPÖ als Zukunftsansage lanciert? (Wahlen gewinnt man nie mit Bilanzen, sondern nur mit dem Blick nach vorne)
  • Was ist die Identität 2010 und sind die Werte der SPÖ, hinter denen sich nahezu alle ihrer Wähler stellen können? Derzeit vermittelt die SPÖ den Eindruck einer wertfreien Politzone.
  • Welche Personen vertreten diese Werte glaubwürdig an der Spitze aber auch in der zweiten Reihe am besten? (Faymann´s Performance ist einer der Hauptgründe für die Profillosigkeit der Partei)
  • Bridging the Gaps: Wie erreichen man die verloren gegangenen, aber noch nicht verlorenen Milieus, um sie für Politik und die SPÖ interessiert zu werden? Insbesondere das Abdriften junger Menschen an die Rechte ist nicht mit netten Aktiönchen zu bewältigen. Der gesamte Apparat muss dafür auf Vordermann gebracht werden.
  • Wie schon an anderer Stelle erwähnt, hier geht es nicht um Politik-PR und schöne Kampagnen; hier geht es um politische Kommunikation und Politikkompetenz. Idealerweise geht es sogar um Politik!

Die Liste ist natürlich noch erweiterbar. Aber in diesen Fragen steckt auch viel mehr als lediglich die aktuelle Orientierungslosigkeit einer einzigen Partei.





Wie man Krieg spielt

28 07 2009

“Jetzt ist schon wieder etwas passiert.” Aber nein, nicht der Start eines neuen Brenner-Krimis, sondern wieder mal schweift Martin Graf als 3. Nationalratspräsident mit einer neuen Ansage zur “Südtirol-Frage” aus. Das von ihm gewählte Medium war die “Presse am Sonntag”, die dem Lancieren einer kantigen Ansage des dritten Nationalratspräsidenten verständlicherweise nicht widerstehen konnte (so richtig zufällig gewählt war die Einstiegsfrage “Wie österreichisch ist das heutige Südtirol für Sie?” ja nicht.)

Aber eigentlich ist gar nichts passiert. Die FPÖ ist einfach zum x-ten male nach medien- und kommunikationsstrategischen Gesichtspunkten gezielt vorgegangen und auch das ö1-Abendjournal am Montag danach beginnt mit der Erläuterung, dass Grafs Vorstoss das bestimmende innenpolitische Thema sei.

Damit hat Österreich eine neue Debatte. Die Empörung war ihm gewiss. Die Rücktrittsaufforderung ebenso. More of the same, und politisch dennoch nicht ignorierbar. Oder doch? Ein paar politische und kommunikationsstrategische Gedanken dazu.

Das Spiel mit dem Feuer – nicht immer ein Spiel

Vorweg muss man positiv anmerken, dass es beruhigend ist, in einer Republik zu leben, in der alle maßgeblichen Kräfte fernab der FPÖ, die Forderung Grafs nach einer Volksabstimmung über die Rückkehr Südtirols zu Österreich, entweder zurückweisen oder nicht ernst nehmen. Zugleich ist es so, dass man hinterfragen muss, was für ein Muster dahinter steht. Graf macht mit der Südtirol-Frage eine Kiste auf, die zu Recht verschlossen geblieben ist: Die Frage territorialer Ansprüche und Grenzziehungen Österreichs. Es gibt kaum heiklere Angelegenheiten wenn es um eine der zentralsten des Daseins geht: Krieg & Frieden. Martin Graf bedient mit seiner Konfliktstrategie genau jene Elemente, die kriegerischen Auseinandersetzungen zugrunde liegen können. Den Konsens hinterfragen, polarisieren, nationalistische Gedanken lancieren und stacheln.

Das alles ist kein Problem in der weitgehenden Wohlstandsphase der Jetztzeit. Denn trotz Wirtschaftskrise, steigender Arbeitslosigkeit und sich verschärfender sozialer Probleme kann man konstatieren, dass wir immer noch eine Gesellschaft mit hohem Wohlstand sind. Meine Meinung ist aber, dass dies keine Selbstverständlichkeit für die Zukunft ist. Möglicherweise geht sich das mit dem Wohlstand (insbesondere wie er jetzt verteilt ist) irgendwann nicht aus. Aber was passiert, wenn wir wirklich mal breite, ernsthafte soziale Spannungen haben, noch mehr Menschen nach einem Führer rufen und die politischen Institutionen komplett das Vertrauen verlieren?(siehe Wertewandel-Studie und der ignorante Umgang damit) Dann wird aus dem Spiel möglicherweise ernst. Flächenbrände entstehen ganz schnell.

Niemand dankt für Prävention

Noch sind wir weit entfernt. Es gehört jedoch zu den ungerechtesten Facetten von Politik, dass präventive Maßnahmen meist ungedankt bleiben. Katastrophen und Konflikte geniessen größte Aufmerksamkeit, der Heldentod ebenso und auch der unmittelbare Retter vor einer Katastrophe. Der Pilotenheld vom Hudson River ist verdientermaßen der große Hero, aber all jene, die in anderen Fällen vielleicht frühzeitig schon erkannt haben, dass eine Katastrophe passieren konnte, werden es immer nur zur Randnotiz schaffen.

Die Bedeutung von guter, vorausschauender Diplomatie, Konfliktprävention, Wertschätzung von Minderheiten-Rechte, Investition in Beziehungen etc. wird daher medial immer völlig unter ihrem Wert geschlagen werden; das ist Teil des medialen und wohl auch menschlichen Aufmerksamkeits-Musters.

Stichwort Aufmerksamkeits-Muster:

Agenda Setting und das Öffnen neuer Flanken

Die FPÖ hat damit wieder einmal das gemacht, was sie seit Jahren gut kann: Agenda Setting. Es machen ja ohnehin immer alle mit. Die Formel ist einfach. Man nehme einen polarisierenden Repräsentanten, schnüre ein historisch beladene, konfliktträchtige Debatte mit einer Dissens-Position (je radikaler, desto besser) auf und setzt noch paar markige Sprüche für die Stammklientel rein. (Beispiel aus dem Presseinterview: “Ich lebe unter dem Eindruck, dass man der deutschen Bevölkerung in Europa aus politischen Überlegungen heraus weniger Rechte zugestehen möchte als anderen Völkern” – aha. Das sind also die Sorgen eines 3. Nationalratspräsidenten)

Der Kommunikatoren der FPÖ wissen, dass man mit der Südtirol-Frage österreichweit nicht viel gewinnen kann. Aber man gewinnt was anderes: Aufmerksamkeit und damit auch Ablenkung von einer Sache, die für die FPÖ derzeit sehr unangenehm ist, nämlich die Umkehrung des “Spitzel-Agenda”, die statt zu ihrem kommunikativen Vorteil zu Beginn gerade zu ihrem kommunikativen Nachteil gereicht. Wenn man an Strategie denkt, fallen einem meist diverse Sportarten, Schach oder Krieg ein. Um beim Martialischen zu bleiben: Graf öffnet mit der Südtirol-Frage eine neue Flanke, um die Kräfte des Gegners von der eigenen Schwachstelle abzulenken. Das funktioniert auch – vorerst! So verschafft man sich kurzfristig Luft. Diese Kriegsvergleiche mag ich selbst übrigens auch nicht; aber das ist leider die Denke, in der wir leben.

Kurzlebigkeit der Nachricht & die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Erst vor wenigen Tagen war im ARD-Radio (hr2-Kultur) ein hörenswerter Beitrag über einige Muster der Medienlandschaft zu hören. “Das Gebabbel von heute – die Fakten von morgen: Die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Es geht darum, wie etwas zur Nachricht wird, obwohl es eigentlich keine ist. Meines Erachtens hat das auch etwas mit Themenkonjunkturen zu tun. Zwischen “Draufbleiben” auf einer Geschichte gibt es auch noch den Bedarf nach etwas Neuem. Das Verhältnis zwischen Innovation und Redundanz ist eines der spannendes Themen der Themenentwicklung bzw. des Medienmachens. (mehr dazu ein ander mal). Von der Ökonomie der Aufmerksamkeit ist in der Kommunikationsforschung oft zu lesen. Klarerweise verstärkt  und ändert auch die Internetkommunikation unser Nutzungsverhalten. Interessant z.B. dieser Artikel “Wie der Rhythmus der Nachrichten entsteht” im  Spiegel Online zum Verlauf von Meldungen in Blogs und Medien anhand von Zitaten (leider ein kleines methodisches Manko für wirkliche Rückschlüsse). Offensichtlich wird jedenfalls die unglaubliche Kurzlebigkeit von Nachrichten und Meldungen. Keine Überraschung, aber seien wir uns dann auch bewusst, dass die Südttiroldiskussion in wenigen Tagen wieder vom Tisch ist. Das Thema sollte für einen zyklischen Verlauf kein Potential haben, sondern nur für einen kurzfristigen News-Peak.

Ist Martin Graf ein schlechter Österreicher?

Wie kann man nun mit der FPÖ -Strategie umgehen. Ignorieren wär richtig, geht aber aus politischen Gründen nicht. Die Empörungsreaktion greift nicht immer, weil sie in sehr kurzen Abständen repetitiv ist.

Aber man kann sich die Frage stellen, ob ein führender Repräsentant des Staates diesem Land eigentlich wirklich dient, wenn er Äußerungen wie zur Südtirol-Frage macht. Viele Menschen sind in Österreich in schwierigen Situationen; das Land hat zunehmende Probleme und was macht der hohe Staatsrepräsentant? Er versucht das Land noch weiter zu spalten. Damit schwächt er es aber auch. Österreich und Europa müssen sich auf die eigentlichen Probleme konzentrieren, derer es genug gibt. Neue zu erfinden dient nicht den Menschen in diesem Land, sondern nur dem Eigeninteresse.  Gute oder schlechte Ausländer, gute und schlechte Österreicher – das kennen wir aus der FP-Argumentation. Vielleicht muss man die umdrehen. Muss sich jemand, der das Land schwächen will, indem er den politischen Konflikt zum Eigennutze bedient, nicht auch die Frage stellen lassen, selbst ein “schlechter Österreicher” zu sein? Muss er sich vor seinen eigenen Wählern nicht der eigenen Rhetorik stellen?

Auch die Vorarlberger Freiheitlichen werden sich im Wahlkampf möglicherweise noch die Frage gefallen lassen, was das Engagement des 3. NR-Präsidenten für das “gewaltlose Selbstbestimmungsrecht der Völker” und folgende Aussage bedeutet. “Wenn sich dadurch Grenzverschiebungen ergeben, weil es die Bevölkerung will, dann sehe ich in Zeiten wie diesen keine Veranlassung, dem nicht nachzukommen.” Nur zur Information: in Vorarlberg ergeben Umfragen immer wieder, dass jeder Zweite, vielleicht gar eine knappe Mehrheit, eigentlich zur Schweiz gehören will. (siehe Tagesanzeiger Artikel aus 2008)

Vielleicht diskutieren wir ja kommende Woche – ausgelöst von Grafs “Selbstbestimmungsrecht” statt der Südtirol-Frage die Vorarlberg-Frage, schließlich sind dort ja die Freiheitlichen auch in der Regierung und im  September Landtagswahlen. Martin Graf will nicht nur Grenzen überschreiten, er will sie ja gleich neu ziehen.

Man kann diesen Krieg spielen, aber ehrlich gesagt: eigentlich haben wir genug andere Sorgen auf diesem Planeten.





Schulbudget: wenn jeder gewinnt und alle verlieren

21 04 2009

Der aktuelle “Kompromiß” zum Bildungsbudget zeigt das Dilemma der österreichischen Politik und das Paradoxon in Sachen politischer Strategie. Das mich beschäftigt mich sehr, weil man einerseits strategisch konkrete Auftraggeber berät (nicht in diesme Fall), und zugleich ja will, dass politisch etwas weiter geht. Gerade in der Schulpolitik, dem wichtigsten öffentlichen Hort sozialer Entwicklung.

Das Ergebnis der Marathon-Verhandlungen und des mehrmonatigen öffentlichen Konflikts zwischen Claudia Schmied, Lehrergewerkschaft und letztlich Regierung, ist z.B. hier im Standard Online oder bei Ö1 nachzulesen. Dass dies nur eine Interimslösung ist, und mit Reform nichts zu tun hat darauf verweist richtigerweise  PISA-Koordinatorin Christa Könne im Morgenjournal.

Als Strategieberater könnte man jetzt aber auch argumentieren, es haben alle gewonnen mit dem Kompromiß.

  • Bildungsministerin Schmied: ihr ging es nie darum, mit dem Konflikt eine neue Reform zu starten, sondern die bestehenden Reformschritte weiterzufinanzieren. Der Konflikt ging ausschließlich um das Budget. Die Strategie, den Konflikt mit den Lehrern zu suchen, war riskant aber richtig, da nur so öffentliche Aufmerksamkeit auf das budgetäre Anliegen gerichtet werden konnten. Budgetär hat sich – scheinbar! – gewonnen. Der Preis war aber hoch.
  • Die Lehrergewerkschaft: sie wird argumentieren, dass sie die Mehrstunden verhindert hat und damit ihr Lobbying-Ziel erreicht hat. Auch sie wird meinen, strategisch richtig vorgegangen zu sein. Der imagemäßige Kollateralschaden wird aber langfristig wirken. Denn die Gewerkschaft steht nun endgültig  als Symbol für Klientelpolitik, da sie zu wenig zur grundlegenden Bildungsdebatte beiträgt. Außerdem gab es öffentlich einige arge Fehltritte.
  • Finanzminister Pröll: er hatte zu Beginn des Konflikts gesagt: keine zusätzliche Budheterhöhung. Um Gesichtsverlust zu vermeiden, muss nun die BIG Mieten vorläufig stunden. Kurzfristig gedacht wird Pröll meinen, so hätte er Wort gehalten und dennoch eine Lösung erzielt. Dass die Probleme damit nur aufgeschoben werden und die BIG, die wesentliche öffentliche Investitionen im Rahmen des Konjunkturpakets tragen soll, keine Freude haben wird, steht auf einem anderen Papier.

De facto ist die strategische Siegerargumentation nur von kurzfristiger Qualität. Es ist ein typischer Kompromiß: alle sehen sich als Sieger; aber die Bildungspolitik – eine der grundlegendsten aller Bereiche – hat damit nicht gewonnen. Denn die Lösung ist keineswegs nachhaltig; Konflikte werden kurzfristig zugedeckt; Strukturreformen verschoben. Genau jene braucht es aber. Insofern haben alle taktisch agiert, aber kaum jemand strategisch. Nämlich strategisch im Sinne einer langfristigen Positionierung und Erreichung eines Kernanliegens. Und genau das sollte die Schul- und Bildungspolitik für alle politischen Akteure sein.

Wer sich jetzt in diesem Bereich glaubwürdig positioniert und echte Reformbereitschaft zeigt, kann viel gewinnen. Aber dafür braucht es einen Diskurs, der neue Strukturen der Kommunikation, neue Allianzen und damit neue Lösungen schafft.  Dem aktuellen Akteurssetting wird wenig Glaubwürdigkeit geschenkt werden.





Warum Web 2.0. nicht nur was für Jugendkampagnen ist…

30 01 2009

“Mutter hat dich als FreundIn auf Facebook hinzugefügt.
Wir benötigen deine Bestätigung, dass du Mutter kennst, damit ihr Freunde auf Facebook sein könnt.
Mutter sagt, “…ach mein Kleiner, endlich weiß ich, was du den ganzen Tag  so treibst…”
Um die Freundschaftsanfrage zu bestätigen, klicke auf den untenstehenden Link:
… Danke, Das Facebook-Team”

Wer hätte das für möglich gehalten? Die Elterngenerationen erobern Facebook. Gut, die Meldung oben ist ein Fake und mir selbst nicht passiert, aber jetzt, wo die Social Webplattformen immer stärker Mainstream werden, gilt es zu hinterfragen, ob Web 2.0. wirklich ausschließlich für “jugendliche” Zielgruppen geeignet sind. Denn oft höre ich, “ja und für die Jugend, da mach´ma was im Internet” – und für den Rest nicht?

Kürzlich war ich in einer Expertenrunde für ein Kampagnenbrainstorming im Umweltbereich eingeladen. Natürlich kamen wir – wie derzeit alle politischen
Kommunikationsmenschen – auf die Sogwirkung der Obamakampagne zu sprechen. All roads lead to Obama, könnte man meinen.
Kommunikations- und Werbeexperte Harald Betke (lesens- bzw. sehenswert übrigens auch sein Blog) liess in einem Nebensatz etwas fallen, was mich noch weiter
beschäftigte. Er meinte sinngemäß, dass es ein Irrtum sei, dass das Internet nur die Jugend erreiche. Rein quantitativ sei die Gruppe der 55+ stärker im Web vertreten als Jugendliche, was schlicht und einfach mit der Gruppengröße zu tun hat.

Jetzt ist vor wenigen Tagen via Blogpiloten die Meldung über eine Pew Internet Studie reingekommen, in der die Nutzung von Social Networking Sites durch Erwachsene in den USA untersucht worden ist.
Demnach hat sich die Zahl der erwachsenen Internetnutzer, die ein Profil bei einem der Social Networks pflegen von 2005 bis 2008 mehr als vervierfacht – von
8 Prozent auf jetzt 35 Prozent.  18-24 Jährige sind weitergin am stärksten vertreten , was wenig überraschend ist. Ein Blick in die Studie zeigt jedoch, dass sich die Nutzung von Web 2.0 bei weitem nicht nur auf diese Gruppe beschränkt.

“Young people are much more likely than older adults to use social networks.

  • 75% of online adults 18-24 have a profile on a social network site
  • 57% of online adults 25-34 have a profile on a social network
  • 30% of online adults 35-44 have one
  • 19% of online 45 to 54 year olds have a profile
  • 10% of online 55 to 64 year olds have a profile
  • 7% of online adults 65 and older have a profile”

Klar, die Studie erfasst ausschließlich Personen, die schon online sind (was aber mittlerweile doch eine Mehrheit ist) und die USA ist nicht ganz mit Europa vergleichbar. Facebook, MySpace etc. haben hier sicher früher den Mainstream erfasst. Ebenso eindeutig ersichtlich ist, dass die Kurve pro Altersgruppe signifikant fällt, aber dennoch:  jeder fünfte Onlinenutzer zwischen 40 und 54 und fast jeder Dritte zwischen 35 und 44 hat ein Social Networking Profil. Das ist viel!
Meine Schlußfolgerung: Da diese Gruppen quantitativ eindeutig größer sind als die Jugendgruppen, wäre es falsch, strategische Kampagnenaktivitäten im Web 2.0 ausschließlich auf Jugendzielgruppen zu beschränken. Außer natürlich, es geht prinzipiell bei der Kampagne nur um jene. Aber die 3 Millionen Obama Freunde auf Facebook und 15 Millionen auf allen Plattformen waren auch nicht alle Teenager.

Vielleicht ist der Schlüssel ja ein anderer, nämlich dass die Zielgruppendefinition nach Altersklassen nur bedingt hilfreich ist – es geht viel mehr um soziokulturelle Aspekte,  Milieus und Medienaffinitäten.

Dass rein quantitativ die jungen Altersgruppen in Österreich noch kleiner sind als ältere zeigt ein Blick auf die aktuelle Bevölkerungspyramide Österreichs der Statistik Austria:
023106

Oder es ist eine andere Binsenweisheit, nämlich: Wir werden halt auch nicht jünger…