Twitter und das Blasen-Problem. Anmerkungen zur Twitterpolitik-Studie

1 04 2012

Vergangenen Donnerstag wurde im MQ die Studie “Twitterpolitik” präsentiert und diskutiert. Diese wirklich äußerst lesenswerte und auseinandersetzungwürdige Untersuchung (siehe Downloads) von Julian Ausserhofer, Axel Maireder und Axel Kittenberger analysiert die Tweets und Beziehungsnetzwerke der österreichischen politischen Twittersphäre. Gemeinsam mit The Gap wurde vor nahezu vollversammelter Polittwittergemeinschaft im Anschluß an die Präsentation mit zentralen Twitter-Akteuren über Twittergewohnheiten uä diskutiert. Die Diskussion war für mich ehrlich gesagt tendentiell etwas zu entertaining, denn die Studie bietet vieles, worüber man sehr inhaltlich aber auch in Sachen Kommunikationskultur intensiv diskutieren kann.

Gratulation jedenfalls den Autoren, denn die Untersuchung ist sowohl in ihrem Design wie auch in der Aufbereitung und der gebotenen Transparenz auf wirklich gutem Niveau und sehr interessant. Artikel dazu sind unter anderem in The Gap, im Standard, in der Presse, Presse Online (zur Diskussion im MQ), im Kurier oder auf DieStandard.at erschienen. Blogbeiträge dazu sind mir bislang von Alexander Stocker, Denkwerkstatt untergekommen. (bin über Hinweise über weitere Blogbeiträge froh) Ein Inteview dazu gibt es auf jetzt.de der SZ.

Mein Interesse daran hat mehrere Hintergründe: Die Tätigkeit als Politik- und Kommunikationsberater, mein Dasein als Twitter-User, aber auch mein eigener politikwissenschaftlicher Background. Im Jahr 1999 habe ich meine Diplomarbeit zum Thema “Elektronische Demokratie: Die politische Dimension des Internets in der sogenannten Informationsgesellschaft” an der Uni Wien verfasst. (Wie man an diesem Ausschnitt der Literaturliste einer Publikation der Österreichischen Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung erkennt, wird man leicht von Prominenz flankiert 😉

Das war noch einige Jahre vor Twitter, Facebook und den meisten Social Networks. Die Grunderkenntnis war damals, durchaus dem deutschen Politologen Claus Leggewie folgend, dass die neuen Möglichkeiten per se noch nicht die politische Kommunikation und die Demokratie verändern, sehr wohl aber eine Chance für Beteiligung und Partizipation sind, wenn die Mittel der Selbstermächtigung und des mündigen Bürgers ausgeweitet werden. Aber wie gesagt, über 13 Jahre her.

Mich beschäftigt die Frage der Selbstreferentialität der Akteure politischer Kommunikation sehr; ich sehe sie in Österreich als eines der Grundübel im Verhältnis zwischen Medien und Politik. Daher ist auch das Instrument der Netzwerkanalyse für diese Untersuchung tauglich. Die Netzwerkanalyse ist mir aus langjähriger Kooperation mit Harald Katzmair bzw. dem Team von FAS-Research sehr geläufig. Insofern ist die Frage, wie sehr Twitter die Beziehungsnetzwerke erweitert, ändert oder verstärkt, relevant. (hier das Bild der Polittwitter-Netzwerks)

Ist Twitter nur eine Blase in der Blase? Das Problem selbstreferentieller Systeme & Netzwerke

Ein wesentliches Problem politischer Kommunikation ist die teilweise Entkoppelung des Systems der Medienöffentlichkeit von der sozialen Realität vieler BürgerInnen. Das hat weniger mit Reichenweiten oä zu tun, sondern damit, dass immer die selben Muster bedient werden, die andererseits zusehends auf Abstumpfung, Misstrauen und Desinteresse stoßen. Politik und innenpolitische Medien erklären einander Sachverhalte für bedeutsam, ohne dass diese Bedeutsamkeit bei vielen ihrer RezipientInnen geteilt wird. Dazu auch ein Guensblog-Beitrag vor 3 Jahren anlässlich der Wertewandel-Studie. Vor vielen Jahren waren schon beim Politikkongress in Berlin von der “Berliner Blase” die Rede, dem System aus Journalisten, Polit- und Kommunikationsprofis und natürlich Politikern, die einander referentieren, aber den Kontakt zum “außen” verlieren. Die Wiener Blase ist noch ärger wie Strategieberater Lothar Lockl vor einigen Monaten im Club2 richtigerweise ausführte.

Mein persönlicher Eindruck war bislang, dass auf Twitter österreichische Journalisten häufig einander referenzieren. Eine Mischung aus Marktbeobachtung, Meinungsaustausch und manchmal auch Selbstbestätigung. Die Studie bestätigt dies jedoch nur zum Teil. Sehr wohl gibt es seitens der MedienvertreterInnen auch Kontakte auch mit InteressentInnen, ExpertInnen und PolitikerInnen. Eigentlich ist der Austausch sogar rege, die Frage ist jedoch, wie weit dies auch einen Mehrwert generiert und als Input  für die eigene Arbeit gesehen wird.

Die Gefahr, dass ein Medium wie Twitter aufgrund des referentiellen Charakters Bedeutsamkeit vermittelt ohne diese in anderen Realitäten zu haben, sehe ich jedoch weiterhin. Klar sind Politiker und Journalisten auf Twitter meist in die Kategorie der Opinion Leader zu zählen; aber wenn man oft ein Re-check außerhalb macht, merkt man, dass dies nicht selten null Impact hat. Dieser Re-check scheint mir jedoch wichtig, denn sonst ist nicht auszuschließen, dass man Twitter aber auch sich selbst als Akteur selbst überschätzt. Einfach, weil es viel Feedback aus dem System gibt.

Ist hohe Kontaktfrequenz eine geeignete Maßzahl? (Oder: die quatschenden Männer!)

Ein Punkt in der Untersuchung, der mich stört, wo jedoch auch mir selbst keine andere Lösung einfällt, ist die Orientierung an der Interaktionsfrequenz. Die Größe der Bubbles in den Netzwerken entspricht der Häufigkeit an Tweets, die sich auf einen Akteur beziehen. Bleibt die Frage, ist das eine geeignete Maßzahl und  wenn ja, dann um was zu erheben?

Um Bezugspunkte und Kommunikationsintensität abzuleiten: ja.

Um Bedeutung abzuleiten: eher nein!

In einer Folie der Untersuchung wird sehr gut unterschieden zwischen Q&A und Chat-Mustern in der Interaktion. Das halte ich für wichtig, denn chatähnliche Kommunikation bietet natürlich sehr hohe Interaktionsfrequenz. Und es wird auf Twitter unglaublich viel gequatscht. Oft belangloses Zeug. Ich bin eher ein Freund dessen, dass man nicht überall und ständig seine Spontanmeinung rauslässt, dafür dann idealerweise gehaltvoll (was nicht heißt, dass ich selbst nicht manchmal in Laune bin; und ich unterstelle auch nicht, dass jene die viel tweeten substanzlos sind! Die zentralen Twitter-Akteure wie Michel Reimon, Armin Wolf oder auch Hubert Sickinger beweisen, dass Quantität und Qualität vereinbar sind.)

Richtigerweise schreiben die Studienautoren, dass die Anzahl der Follower keine entscheiden Kenngröße ist. Ich bin mir aber auch nicht sicher, dass im Sinne eines Bedeutungskontextes die Anzahl der Interaktionen die entscheidende Bezugsgröße sein wird.

Und ganz wichtig. Viel diskutiert wurde der Genderaspekt. Es ist wohl ein nicht unübliches Muster, dass der proaktive Meinungsausdruck und das sich Zutrauen, eine Meinung zu Politik häufig auszudrücken, männlich geprägt ist. Daher auch dieses sehr sehr eindeutige Mann-Frau Verhältnis in der Polittwitteria. Es ist nicht in erster Linie auf die Repräsenatitivität von Frauen und Männern  in Politik & Medieninstitutionen zurückzuführen, sondern meiner Meinung nach auch im genderspezifisch unterschiedlichen Kommunikationsverhalten.

Sehr interessant jedenfalls.

Rollen im Netzwerk: Information Broking

Netzwerkanalytisch ist die Untergliederung in unterschiedliche Gruppen interessant. (Politiker – Journalisten – Experten/Aktivisten – Bürger) Vielleicht wird es gut sein, die Kategorien irgendwann noch weiter zu differenzieren. Aber spezifisch interessant sind die Brückenköpfe. Also, wo gibt es Verbindungen zwischen unterschiedlichen Netzwerken. Und das muss man Twitter lassen, es ist viel leichter, zwischen einzelnen Netzwerkgruppen zu interagieren. Hier ist der Ort übrigens, wo Twitter tatsächlich in der Lage ist, die Landschaft zu ändern. Diesbezüglich sehr interessant übrigens die verknüpfende Rolle von @porrporr. Es hat Kontakte in Netzwerkteile rein, wo sonst kaum ein anderer Zugang hat.

Sehr interessant sind die themenbezogenen Auswertungen, z.B. im Bereich Bildung (siehe Graphik) oder Korruption. Hier erkennt man, dass sich jeweils nach Thema sehr unterschiedliche Akteursnetzwerke herauskristallisieren. Logisch könnte man sagen, aber zugleich ist es das eben nicht zwingend. Hier sind viele Akteure zu finden, die nicht aus der herkömmlichen, institutionell orientierten Akteurslandschaft kommen. Unter anderem DAS macht Twitter interessant.

Agenda: Verstärkung der kurzen Aufmerksamkeitszyklen

Was die Untersuchung auch zeigt, ist, wie kurzfristig die Aufmerksamkeit zu gewissen Themen gegeben ist. Das bezieht sich sowohl auf die klassischen Medien, aber auch auf  Twitter. Die Kurzlebigkeit halte ich in der politischen Kommunikation für ein substantielles Problem, denn vieles wird wieder vergessen. Man brauch nur am Jahresende Menschen fragen, an welche politischen Inhalte und Anlässe sie sich rückblickend erinnern können. Es ist sehr sehr wenig. Was kurzfristig in den diversen Blasen für helle Aufregung, manchmal auch für Hysterie sorgt, ist häufig mittelfristig wieder vergessen.

Themenbezogen mehr Langfristigkeit oder Langlebigkeit über stabile Twitterbeziehungen aufzubauen, halte ich für sehr wichtig. Aber zugleich auch für schwierig. Denn langfristig bedeutet übrigens nicht zwingend langatmig (was wiederum oft mit langweilig gleichgesetzt wird) wie es in der Studie meiner Meinung nach irrtümlich in einem Titel heißt.

Ein Satz noch zum Thema kurz vs lang, unabhängig von der Twitterpolitik-Studie. Generell ist der Druck, sich kurzfristig zu Themen und Inhalten Meinung zu bilden, auf Twitter hoch. Oder anders gesagt: im Buhlen um Deutungshoheit ist eine Neigung zum unreflektierten Schnellschuss erkennbar. Jene (die Schnellschüsse) sind mit Vorsicht zu geniessen, denn in selbstreferentiellen Systemen ist die Gefahr groß, sofort abwehrend oder urteilend zu reagieren. Was nicht immer der Entwicklung eigener Position dienlich ist.

Abschließend: Trotz meiner Sichtweise, dass Twitter selbstreferentielle Tendenzen hat, bin ich der Meinung, dass Twitter in der politischen Kommunikation durchaus realen Mehrwert bringt. Als Informationsquelle, im Meinungsaustausch, als Mittel zur politischen Organisation und auch als Entertainment-Faktor. Bei letztgenanntem muss man aber im politischen Kontext vorsichtig sein. Denn wie die Diskussion im MQ gezeigt hat, ist alles sehr schnell unterhaltsam und hihihaha. Schon ok so. Ich hab auch kein Problem damit, wenn Politiker wie Stefan Petzner via Twitter Sympathie rüberbringen, aber in der Verführung des Entertainmentfaktors Politik kann auch die Substanz der politischen Diskurses leicht verloren gehen.

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#unsereuni: eine Würdigung und nüchtern betrachtete Szenarien

2 11 2009

Viel wurde in den vergangenen Tagen über #unsereuni bzw. #unibrennt, also die Besetzung des Audimax und anderer universitäter Einrichtungen, geschrieben und diskutiert. Sowohl in Printmedien (mit klassischer Aufteilung zwischen sympathisierendem Standard und in diesem Fall reaktionär angehauchter, kritischer Presse), noch mehr online. Ich verfolge immer wieder Diskussion auch auf dem Livestream, auch das  was Neues. Für alle jene, die das nicht ohnehin laufend verfolgen und entsprechende Empfehlungen als redundant empfinden, verweise will ich dabei insbesondere auf die sehr lesenswerten Blogs von Tom Schaffer, Martin Blumenau; und in Sachen Politics 2.0. sehr empfehlenswerte Beiträge von Jana Herwig auf digiom, Helge, Luca Hammer, Niko Alm und Philipp Sonderegger.  Auch Misiks aktuelle Standard TV Folge beschreibt vieles richtig.

Da diesbezüglich schon so viel richtiges geschrieben wurde, will ich nur einige Beobachtungen und Gedanken aus den vergangenen Tagen auf guensblog reflektieren und auf Basis dessen den nüchternen Versuch unternehmen, Szenarien durchzudenken, wie denn das alles weitergehen könnte.


Ein anderer Maßstab: #unibrennt ist eine Bewegung, keine Kampagne

In den ersten Tagen des Protests dachte ich mir noch, super, dass sich wieder was tut an der Uni, aber was wollen sie denn erreichen? Ihr Anliegen war mir eigentlich noch nicht ganz klar. Hier kommt natürlich die klassische Denke heraus, der man erliegt, wenn man seit vielen Jahren mit Politikkommunikation und Kampagnen zu tun hat: Was ist das Anliegen? Was ist das Ziel? Wer ist der Gegner, wer die Bündnispartner? Welche Instrumente haben wir? Welche Maßnahmen ergreifen wir? Wer ist der Träger des Anliegens? etc.

Der Punkt ist aber, die AudiMax Besetzung ist eben keine klassische, durchgeplante Aktion oder Kampagne einer Interessensvertretung, die was im Sinne ihrer mission erreichen will, sondern sie ist emergent entstanden. Das hat wohl niemand geplant, sondern auf einmal ist der Funke übergesprungen – genährt durch Emotion (Wut, Ärger, auch Frust), dem Zusammentreffen der StudentInnen zu Semesterbeginn in noch verschärfterer unmittelbarer Uni-Situation,  und unterstützt durch das unglaublich organisationsfähige Web 2.0.

Und nicht zu vergessen: Menschen. Akteuren, die nicht sich selbst in den Vordergrund stellen, sondern das Kollektiv und die diversen Anliegen. Das gehört auch zum Besonderen.

Emergenz statt abgebrühtem, politischen Aktivismus

Bewegungen sind nicht planbar, sondern sie entstehen meist emergent. Emergenz heißt übrigens nicht, dass sie völlig zufällig entstehen. Es ist unglaublich wichtig, das die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zusammenkommen.  Dafür kann man wiederum sorgen und Settings schaffen, allerdings idealerweise ohne Erwartungshaltung, was zu passieren hat. Dieser emergente Ursprung ist übrigens zugleich die Stärke des Protests. Nämlich dass es eben keine klassische Organisationsform gibt, wie etwa eine ÖH. Die macht meiner Meinung nach genau das richtige, indem sie sich solidarisiert, einer von vielen Akteuren ist, aber sich nicht in das Zentrum setzt. Eine ganz schwierige Gratwanderung, weil man für die offizielle Politik sehr wohl Ansprechpartner ist und in die klassische Delegationsfalle getrieben wird. Das letzte, was die Studierenden bzw. die BesetzerInnen brauchen, ist zugleich Vereinnahmung. Weder durch die öH noch durch andere politische Kräfte. Genau deshalb wird die Regierung die ÖH als Gegenüber forcieren, um die innere Spaltung der Protestbewegung voranzutreiben. Puhhh, nicht leicht der Umgang damit.

Zum Thema Emergenz sei noch der Klassiker “Emergence” von Steven Johnson empfohlen (Dank für diesen Hinweis vor einigen Jahren an Netzwerkforscher und Philosoph Harald Katzmair)

Trotz dieser Begeisterung steht natürlich immer die Frage im Raum, wie soll das weitergehen? Was steht am Ende?

Ich erlaube bei mir eine nüchterne Betrachtung quasi “von außen” und sehe  auf die schnelle fünf Szenarien 5 mögliche Szenarien:


1. Man verhandelt und macht Politik von und für Studierende.

Aber was verhandelt man? Da #unibrennt eben keine Kampage, sondern eine Bewegung darstellt, gehen die Anliegenweit über eigene, klassische Klientel-Anliegen hinaus. Einige der Forderungen sind nicht unmittelbar umsetzbar bzw. auch zu hinterfragen, aber das ist gar nicht der Punkt. Sehr wohl wäre relevant, was wäre dann der Erfolg nach Verhandlungen?

Wenn man was rausholen kann, fein. Aber was bietet man? Rückzug für eine paar Millionen mehr für die Unis und eine symbolische aber wohl bald weitgehend wertlose Faymann-Garantieerklärung, dass keine weiteren Studiengebühren kommen. Die Regierung vermittelt in der aktuellen Situation, hier nicht wirklich was anbieten zu können.

2. Die Ministerlücke als Chance

Jede/r, der oder die sich jetzt auf das Wissenschaftsressort einlässt, ist gut beraten, sich VOR Amtsantritt mit VP-Chef und Finanzminister Pröll, Zusicherungen geben zu lassen. Und zwar weitgehende. Oder anders: wer sich ohne Zusicherungen zum Minister machen lässt, ist eigentlich schon verloren und für dieses Amt politisch wohl ungeeignet. Diese Lücke ist für die BesetzerInnen gut nutzbar, denn die eigentlichen Verhandlungen finden möglicherweise durch die Ministerentscheidung statt und nicht danach.

Die Einschätzung ist vielleicht etwas spekulativ, aber unipolitisch scheint mir das nicht ganz irrelevant.

3. Sie sind gekommen, um zu bleiben

#unibrennt hat viel Energie. So wie vielleicht zuletzt in den Tagen kreativer Protestaktionen gegen schwarz-blau. Doch Vorsicht. Die ÖVP hat während Schwarz-blau eines bewiesen. Dass sie sehr gut im Aussitzen ist. Der Widerstand ist damals erschöpft verebbt. Pröll ist zwar nicht Schüssel. Und der Partner ist auch bissl ein anderer. Aber man müsste möglicherweise lange durchhalten (bis zu den Wahlen 2010?) Den aktuellen Energielevel über lange Zeit aufrecht zu erhalten, ist sehr sehr schwer, insbesondere wenn man nicht das eine Anliegen hat, sondern viele. (ich vergleiche hier mit diversen Besetzungen für Umweltanliegen, die aber meist ein sehr konkretes Projekt pro oder meist contra anvisieren)

4. Eskalation

Ermüdung, Erschöpfung,  Wut. Auch wenn es sich manch Reaktionäre wünschen würden, genau für das Eskalationsszenario wirken die Akteure dieser Bewegung zu vernünftigt. Vernunft und Frechheit schließen einander nicht aus. Die BesetzerInnen vermitteln dankenswerterweise, sie machen das für ihre Zukunft und nicht um den revolutionären “Heldentod” (symbolisch gesprochen) im Kampf gegen die staatliche Hoheit zu erleiden. Dieses starke Kollektiv braucht generell keine Helden.

5. Neue Allianzen und ein Zeichen, an dem die Politik nicht mehr vorbei kann

Das Bildungsthema ist zentral und zugleich komplex. Wenn es ausschließlich um die universitäte Forschung und Bildung ginge, wäre die Sache einfacher. Aber es geht um mehr. Neue Allianzen könnten hier möglicherweise ein wirkliches Zeichen hinterlassen. Eben weil es den BesetzerInnen nicht nur um sich selbst und das eigene Klientel geht, sondern um mehr. Bildung muss ins Zentrum der Politik. Nicht trotz sondern gerade wegen der Finanzkrise, die möglicherweise in den kommenden Jahren noch ihre eigentliche Fratze zeigen wird. (“Apokalypselater”)

Die Schülerdemo vor einigen Monaten hat gezeigt, das was geht. Da war auch Wut und Lust am Protest zu spüren. Die Schüler haben´s nur schwerer, weil sie in den Fängen organisierter Interessensvertretung sind und wenige Orte haben, wo unterschiedliche Gruppen zusammenkommen. Vielleicht sind aber grad deshalb die Studierenden ihre Chance?

Pädagogen aus Schule und Kindergarten, die ohnehin grad Anlaß zum Protest haben, könnten sich erheben und mehrere andere Gruppen aus Bildungsinstitutionen. Aber warum nicht auch Eltern, die ein Zeichen setzen wollen? Ein gemeinsames Zeichen, von ähnlicher symbolischer Kraft wie das Lichtermeer damals. Eines, an das man sich viele viele Jahre erinnern wird, und an dem die Politik einfach nicht mehr vorbeikommt um endlich die Bildungspolitik ins Zentrum zu rücken…das könnte so ein Ziel ein. Mehrere Beiträge haben das schon angedeutet, zuletzt etwa Doris Knecht in ihrer Kurier-Kolumne. Die Demo war vorige Woche schon ein sehr gutes Zeichen. Auch wenn es nicht 50.000 TeilnehmerInnen waren, aber mehr als 10.000 alle mal.

Was auch immer passieren wird. Es knistert wieder mal in Österreich. Und das ist in einer oft erstarrten österreichischen Politkultur nur gut so.





Oberflächentauchen – Nachbetrachtung mobilefuturetalk´09

22 10 2009

Gestern nutzte ich die Möglichkeit, beim mobile future talk´09 der mobilkom dabei zu sein, und den Vorträgen und anschließender Diskussion von Facebook-Mitbegründer und Obama-Berater Chris Hughes und Gehirnforscherin und Susanne Greenfield zu lauschen. “The Power of We” lautet das Motto der Veranstaltung, die in den vergangenen Jahren Persönlichkeiten wie Esther Dyson, Al Gore oder Kofi Annan zu Gast hatte. Die riesige, beeindruckende Ankerbrot Fabrikshalle wurde laut Veranstalter erstmals für einen derartigen Event mit rund 800 Gästen  genutzt und das wahrlich nicht schlecht.

Aber kommen wir zum Inhaltlichen. Mit Hughes und Greenfield sind zwei Welten aufeinander getroffen, die unterschiedlicher nicht sein können. Da der 25jährige Facebook Co-founder Chris Hughes. Sehr jung, schon mit 20 erfolgreich, klassisch us-amerikanisch positiv eingestellt, eloquent, sauber gestyled, und auch bei kritischen Fragen nicht abwehrend, sondern souverän darauf eingehend. Schon beeindruckend.

Auf der anderer Seite Susanne Greenfield, Ende 50, renommierte Neurowissenschafterin, Direktorin der Royal Institution of Great Britain,  laut Guardian eine der einflußreichsten Frauen Großbritanniens, wunderbarer britischer Akzent, Hang zum sarkastischen Humor, ebenso lockeres Auftreten auf der Bühne.

mobile.futuretalk2009Während Hughes die Chancen und Möglichkeiten von Facebook und Social Media generell natürlich promotet, warnt Greenfield vor den möglichen Rückwirkungen auf unser Hirn. Auf eine Diskusson der beiden konnte man gespannt sein; aber leider redete man an einigen wesentlichen Fragen vorbei.Kurz zusammengefasst: Wer sich mit Facebook und dem Obama-Wahlkampf auseinander gesetzt hat, hat kaum Neues von Hughes über Social Media erfahren. Aber das war auch nicht der Anspruch. Wesentlich erscheint mir, dass Hughes bei den Online-Wahlkampfaktivitäten zwei Aspekte hervor gehoben hat. Erstens die Nutzung von Social Media als Organisationstool.  Zweitens die Möglichkeiten von Online-Fundraising im Rahmen der Kampagne. Online-Fundraising ist wahrlich nichts Neues, aber nicht nur die Summe (500 Mio US-D ausschließlich online) ist beeindruckend, sondern auch die Tatsache, dass es insbesondere kleine Spenden sind, die das Gros ausgemacht haben.

(Fotos: Mobilkom Austria)

mobile.futuretalk2009Susan Greenfield warnte vor den Folgen von Social Media insbesondere für Kinder und Jugendliche.  Das Gehirn ist sensibel und reagiert stark auf die Außenwelt. Es verändert sich durch Außeneinflüsse. Durchaus beeindruckende Zahlen: Britische Kinder verbringen etwa 900 Stunden pro Jahr in der Schule, 1.300 Stunden mit der Familie, und 2.000 Stunden pro Jahr sitzen sie vor dem Bildschirm. Die Tätigkeiten vor dem Bildschirm verlangen rasche Reaktionen, weil ständig neue Bilder auf dem Screen erscheinen. Das Gehirn gewöhnt sich an die hohe Geschwindigkeit, in der es stimuliert wird, allerdings reduziert sich dadurch die Aufmerksamkeitsspanne. Wie sie im ORF Futurezone Interview erläutert, könnte das auch die Zunahme der Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS) erklären.  Ihre Befürchtung ist weiters, dass insb. Kinder aber auch Erwachsene meinen könnten, dass Social Media Friends, insb. bei großer Anzahl, echte Freundschaften ersetzen könnten. Wichtig ist auch ihre Auseinandersetzung mit Identität. Wer bin ich und wie definiere ich mich. Welche Rolle spielen Facebook und Co dabei.  Leider ist dieses Kapitel etwas zu kurz kommen, wobei Greenfield diesbezüglich ein spannend klingendes Buch publiziert hat.

Schade ist jedoch, dass es zur Untersuchung von Social Media und der Wirkung auf das Hirn eigentlich noch keine Neuro-Forschung gibt. Greenfield hat auf Studien zu Außeneinflüssen und dem Hirn verwiesen, sie hat auch Querverweise zu PC-Spielen, Techno und anderen teilweise stereotypen Generationsbildern verwiesen, aber nicht zur Wirkung von Social Media.

Die Vermischung der unterschiedlichen Einflüsse (Musik, Spiele, Facebook, PC, Social Media) ist eine Schwäche ihrer Ausführungen. Auch eine gewisse konservative Grundhaltung kann konstatiert werden. Leider wurde in der Diskussion der beiden Experten mit mobilkom-Vorstandsvorsitzenden Hannes Ametsreiter, professionell moderiert von Sandra Maischberger, der Kern einiger Fragen ausgelassen, so wichtig angesprochenen Themen wie Privacy, Transparency etc. auch sein mögen.

Wo man tiefer tauchen müsste…

Aber dennoch knüpfen sich an Greenfield einige Fragestellungen, denen wir Aufmerksamkeit schenken sollten.

– Social Media wird meist laufend über den Tag genutzt. Wir alle werden Multitasker. Immer mehr Reize, immer mehr Informationen sind zu verarbeiten. Was heißt das jedoch in unserem Wirken? Was bleibt davon, was hat nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und wird gar nicht bewusst gespeichert?

– Wie umgehen mit der ständigen Ablenkung durch Social Media. Ich gestehe, auch für mich als 36-jährigen ein Thema, aber bei Kindern sind die Reflexionsmechanismen vielleicht noch nicht gar nicht so ausgeprägt, unterstelle ich mal. Die Differenzierung ,welche Information wichtig ist und wirklich Aufmerksamkeit und Konzentration verlangt und welche irrelevant, ist nicht leicht, aber entscheidend.

– Verlieren wir nicht leichter die Fähigkeit, wirklich konzentriert und vertieft in Materien zu arbeiten, weil wir mit viel mehr oberflächlicher Information konfrontiert werden. Die Menge an zuverarbeitender Information ist unglaublich gewachsen. Wer nicht täglich auf Twitter ist, könnte vermeintlich viel versäumen. Aber versäumt man wirklich was?

Wer jetzt sagt, selber schuld, wenn man die Konzentrationsfähigkeit verliert, dann stimmt das. Aber wie gesagt, im Umgang mit Kindern und Jugendlichen ist etwas anderes, weil die Eigenverantwortlichkeit für das eigene Handeln einfach noch teildelegiert wird an zB. die Eltern.

Ich glaub auch, dass diese Diskussion zu ein einem Gut/Böse-Schema führen kann. Wie Ametsreiter richtig gesagt hat, Social Media ist, die Applikationen entwickeln sich weiter und das kann ohnehin niemand verhindern. Aber insbesondere im pädagogischen Bereich halte ich die Auseinandersetzung für wichtig. Es geht um Medienkompetenz, also Kompetenz im Ungang mit Medien – und auch der gehört erlernt.

Sabine Gretner spricht in ihrem Blog heute die Frage der gesellschaftlichen Entwicklung an, der Entsolidarisierung und ob uns Facebook & Co weiterbringen. Auch wenn ich ihre Bedenken nicht unbedingt in dieser Form teile, aber der Reflexionsraum für unser verändertes soziales Verhalten fehlt weitgehend.  Denn eines ist sicher nicht der Fall: dass alles so wie früher ist, nur durch paar Technologien ergänzt. Unser Kommunikations- und soziales Verhalten ist durchaus massiven Veränderungen unterworfen. Mit gesellschaftlichen Chancen und Gefahren.

Insofern eigentlich positiv, dass man gestern sehr unterschiedliche Zugänge präsentieren und diskutieren ließ.





Twittern von der Tour de France – following Lance Armstrong

3 07 2009

Ich gestehe es vorweg. Ich gehöre zu denjenigen, die Jahr für Jahr es nicht lassen können. Die – obwohl so oft der Naivität überführt – wieder mal reinkippen werden. Die – wiewohl laufend betrogen – sich der Faszination einfach nicht entziehen können. Die – wissend, dass die Spitze unter aller gebotener Wahrscheinlichkeit  dopt – süchtig danach sein werden, im Büro die diversen Live-ticker zu aktivieren und sich fragen, warum es kein TdF-Public Viewing in irgendeinem frankophilen Lokal in Wien gibt.

Auch diesmal war ich wild entschlossen. Nein, ich werde die Tour verweigern, dachte ich mir. Ich lass mich doch nicht wieder verarschen. Schon gar nicht werde ich den Werde- und Bergegang von Lance Armstrong folgen. So der wohl naive Gedankengang.

Wiewohl…naja, eim Giro, das war schon nicht übel von Lance.

Und was passiert dann? Aus völlig anderen Gründen, Motiven und von mehreren Freunden und Kollegen aufgefordert, endlich auch zu zwitschern, registriere ich mich tatsächlich  http://twitter.com/georguensberg

Die gute Nachricht, im Gegensatz zur Annahme in Falter, werde ich nicht gleich süchtig. Mein Bedürfnis, laufend 140 Zeichen Botschaften abzusondern, hält sich in Grenzen.

Aber es passiert was anderes. Ich entdecke die Accounts von Leuten wie Robbie Mc Ewen, Levi Leipheimer, George Hincapie, Allen Davis, Manuel Quinziato und eben… Lance Armstrong. Die großen Stars auf zwei Rädern also!

Nach zwei Tagen Twitter und wenige Stunde vor Start des Einzelzeitfahrens in Monaco ist klar: ich werde wieder in die Tour reinkippen. Und ich werde nicht nur den Ticker aktivieren, sondern auch die Tweets der Radstars am Abend verfolgen. Denn man muss ihnen eines zu gute halten: Twittern können sie. Und da geht´s nicht um die Dopingfrage. Zugleich stimmt das auch wieder nicht, denn misstrauisch wie ich nunmal bin, könnte es ja auch Teil der Kommunikationsstrategie sein, durch die Twitterei den Fans das Gefühl zu vermitteln, hey Leute, wir sind ja ständig präsent, wann sollen wir denn uns die EPO Ampullen reinziehen?

Sei´s drum. Die Tweets sind faszinierend und Lance hat wieder mal die Nase vorn. Er kommuniziert viel über Twitter, auch mit seinen Kollegen. Und promotet dabei seine Stiftung Livestrong. So schaut das dann aus:

twitter_lance

http://twitter.com/lancearmstrong

Er nutzt das Medium real-time, wirkt authentisch, ist ziemlich witzig und kommt mit 140 Zeichen offenbar hervorragend zu Recht. Außerdem integriert Armstrong laufend Fotos und Videos. Etwa hier beim Besuch von Laurent Fignon, ehemaligerTdf-Sieger und derzeit auch im Kampf gegen Krebs. Das liest sich dann so:

  1. French cycling legend Laurent Fignon just stopped by. A fellow survivor who’s truly living strong. http://yfrog.com/0uaq4j about 4 hours ago from Tweetie

Außerdem interagiert er mit anderen Tourteilnehmern wie Levi Leipheimer.

“RT @LeviLeipheimer: Got a few ?’s about our team & everything surrounding us. Don’t worry, we are here to race, this stuff doesn’t faze about 7 hours ago from UberTwitter”

In anderen Worten: Lance Armstrong beherrscht dieses Medium. Er wird sich während der Tour vor Journalisten zieren, aber wir können gespannt sein, wie er mit Twitter umgeht und mit seinen Fans kommuniziert. So wie in diesem Video; der Mann versteh es, Fans an sich zu binden. Der Mann macht das, was Politiker so langsam lernen. Bezug herstellen, Emotionen schüren, witzig sein. Auch dieses Video auf dem Livestrong Portal, auf das er immer wieder verweist, ist ziemlich ok: (embedding klappt leider nicht; daher click auf bild und mann kommt zu livestrong)

video_lance

In paar Stunden geht´s los.  Ich bin wieder dabei. And yes Lance, thanks to Twitter: I´ll follow you again!