Urbanized – eine neue Doku als Wegweiser in Sachen Urban Design

1 11 2011

Ein New-York Aufenthalt hat mir Gelegenheit gegeben, das Opening Screening mit Gary Hustwit zu seiner neuen Doku, Urbanized, zu besuchen. Urbanized beschäftigt sich mit den Kernfragen nachhaltiger Stadtentwicklung und ist Teil 3 einer losen Trilogie des Filmemachers, die sich mit Design in völlig unterschiedlichen Kontexten auseinander setzt. Die vorangegangenen Filme waren Objectified, mit Schwerpunkt Industrial Design, und Helvetica, eine Doku über Typographie und Graphikdesign.

Der Film wird in diesen Wochen in mehreren Städten ausgehend von London und New York vorgestellt. Den Versuch, den Film auch nach Österreich zu holen, wird es geben. Auch Hustwit hat diesbezüglich schon Interesse bekundet. Der Film ist meiner Meinung nach ein äußerst gelungenes, motivierendes, dichtes und kurzweilies Werk über Urban Design & Nachhaltikgeit.
Die Doku bietet großartige Bilder, kurzweilige und verständliche Interviewsequenzen mit sehr gut ausgewählten Gesprächspartnern und konkrete Beispiele, die insbesondere Best-Practice-Beispiele und Geschichten aus vielen Teilen der Welt zeigen.

Hier vorab der Trailer, bevor ich – ich glaube es ein erster deutsprachige Review zum Film überhaupt – einige Anmerkungen ergänze.

Der Film baut nicht auf einer klassischen Struktur – zuerst zeige ich das Problem, dann die Lösung – auf, sondern arbeitet sofort mit Beispielen, angereichert mit einigen Definitionen zu Beginn über Urban Design. Es gibt meiner Meinung nach starke Anlehnungen an das Urban Age-Programm der London School for Economics (LSE) und der Alfred Herrhausen Stiftung der Deutschen Bank, die mit den beiden Endless-Cities Publikationen Standardwerke der Entwicklung der Urbanisierung vorgelegt haben. Urbanized referenziert zeitlos wichtig Persönlichkeiten wie Jane Jacobs, und spricht mit einigen der Big Names wie der brasilianischen Architekturlegende Oscar Niemeyer (in einer kritischen Auseinandersetzung mit Brasilia,) Norman Foster, Bruce Katz, Rem Koolhaas und greift auf erfolgreiche Beispiele wie unter anderem die politischen Erfolge von Enrique Peñalosa in Bogota (leider hat er vergangenes Wochenende die Bürgermeisterwahl in Bogota nicht gewinnen können) oder den chilenischen Architekten Alejandro Aravena, der Häuser für insbesondere einkommensschwache Gruppen errichtet, die sehr günstig angeboten werden können, und durch flexible Gestaltungsmöglichkeiten erweiterbar sind. Oder wie Chorherr in seinem soeben erschienen Buch “Verändert” schreibt, bauen wir wieder Häuser und nicht nur jeweils vereinheitliche Appartments, Büros, Wohnungen ohne flexible Spielräume.
Witzig auch das energiekulturelle Beispiel aus Brighton, The Tidy Street Projekt (siehe Guardian Portrait). Hierbei erhob eine Community-Initative den Energieverbrauch der einzelnen Haushalte eines relativ überschaubauren Straßenzugs und sprayt kontuierlich über einen längeren Zeitraum die Entwicklung des Energieverbrauchs auf: genau… die Fahrbahn.
Im Gegensatz zu den Erfolgen eines Penalosa, der unter anderem durch neue Radverbingungen und eine Neudefinition des öffentlichen Raumes in Bogota nicht nur umwelt- sondern auch sozial relevante Impulse setzen konnte, ist The Tidy Street Projekt natürlich nur ein Mini-Projekterl. Aber allein die Szene wie Penalosa mit dem Fahrrad auf einem Fahrradweg unterwegs ist und ständig in Kontakt mit den Menschen ist, zeigt, wie sehr es auch um Kommunikation geht, wenn wir über Mobilität reden.

Ein schönes Beispiel ist auch die mittlerweile berühmte High Line in New York City.

Die High Line ist einer seit vielen Jahren nicht mehr genutzt Hochbahntrasse im Westen von Manhatten, die dank einer Community-Initiative einzelner Bürger erhalten wurde, und mittlerweile über 2,3km begrünt wurde, eine durchgängige Fußgängerverbindung geschaffen hat und öffentlichen Verweil-Raum ohne Konsumationszwang ermöglicht. Dabei entstehen völlig neue Blicke auf die Stadt, was auch Touristen zu Hauf anlockt. Kein Zufall, dass entlang der High Line mittlerweile jede Menge moderner Wohnbau entsteht. Die Nähe zu den Wohnungen ist zwar fragwürdig, denn sich von tausende Besucher (viele davon Touristen) täglich ins Wohnzimmer schauen zu lassen, ist vielleicht nicht nur anstrebenswert.

Dem Film gelingt es, viele unterschiedliche, durchaus komplexe Themen in nicht einmal 90 Minuten so zu behandeln, dass der Zuseher durch eine klare Struktur, gut erzählte Geschichten und großartige Einstellungen wirklich was mitnehmen kann. Er schafft Bewusstsein für die Bedeutung der Städte, mit all den unterschiedlichen Ausformungen wie den Informal Settlements in Megacities wie Mumbai oder der nahezu überall zentralen Frage urbaner Mobilität.

Der einzige Punkt, der mir fehlt, ist der unmittelbare Bezug zur Energiefrage. Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass die Dominanz des Autos einer der maßgeblichsten Einflussfaktoren für die Stadtplanung der letzten Jahrzehnte gewesen ist. Jene war aber nur deshalb möglich, weil das fossil-industrielle Zeitalter auf einem Faktor aufbaute: billige Energie. In erster Linie Erdöl. Als die Ölpreise knapp vor der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 (möglicherweise kein Zufall) so rasant stiegen, hat relativ schnell ein Reurbanisierungsaschub im den weitgehend zersiedelten USA gegeben. Klar, die Mortgage Krise und der Schuldendruck der Haushalten waren auch ein relevanter Faktor. Aber dennoch: der als normal angesehen Lebensstil, jede Strecke mit dem Auto zurückzulegen und motorisiert individuell hin und her zu commuten geht sich als Standardmodell nur aus, wenn der Treibstoff billig ist. Und diese Zeiten sind ehrlich gesagt vorbei. Meiner Meinung nach eine Chance für Städtebau.
Urbanized hat jedenfalls die richtigen, zeitgemäßen Botschaften, ist inspirierend und zeigt eines: Partizipation und Engagement im kommunalen Bereich (vielleicht nicht nur GEGEN ein Projekt wie hierzustadt, sondern auch mal FÜR eine neue Idee), aber auch eine verantwortungsvolle Politik (und entsprechende Politiker) sind die Grundsäulen, um Nachhaltigkeit im Urban Design zu ermöglichen.
Sonst wird sich das alles in einer Welt, in der mehr als 50% der rund 7 Milliarden Menschen in Städten leben (Tendenz weiter stark steigend), schlicht nicht ausgehen.

Dazu passend noch folgende Links, die nicht in den Text integriert wurden:
Twitter Account von Gary Hustwit (über 130.000 Follower)
Guardian Review zu Urbanized
NY Times Review zu Urbanized
In diesem Artikel von Ute Woltron im Presse Spectrum von Juni 2011 gibt es mehrere Referenzpunkte, die auch im Film angesprochen werden. (Urban Age, Penalosa, Mumbai etc.)

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Neue USA-Studie zeigt: Klimawirksamkeit des Urban Sprawl ist evident.

9 05 2008

Neu ist die Erkenntnis nicht, aber offenbar braucht es manchmal Beweise. Kürzlich wurde eine der umfassendsten Studien zum Thema Urban Sprawl in den USA als Buch veröffentlicht.

Growing Cooler: The Evidence on Urban Development and Climate Change

bietet nicht nur Zusammenhänge, Strategien und Beobachtungen, sondern auch Zahlen und Fakten. Das Buch wurde von führenden Autor Reid Ewing bei der Ecocity Konferenz präsentiert und wird derzeit in den USA diskutiert.

Kurz zusammengefasst belegt die Studie den Zusammenhang zwischen Zersiedelung, urban sprawl und erhöhter durchschnittlicher Fahrleistung, erhöhtem CO2-Ausstoß und zeigt Strategien auf, wie man bei den aktuelle Wachstumsszenarien durch Stadtplanungsmaßnahmen konkret Emissionen einsparen kann. Ein paar Zahlen:

Bewohner einer eher zersiedelten Stadt wie Atlanta fahren im Schnitt mehr als 30 Meilen, während BewohnerInnen in kompakteren Städten wie Bosten oder Portland mit weniger als 24 Meilen täglich auskommen. Je nachdem, wie Städte in den vergangenen 25 Jahren entwickelt wurden (kompakt vs. zersiedelt), hat sich auch die durchschnittliche km-Anzahl um 20-40 % entwickelt.

Insgesamt ist die km/Meilen-Leistung in den USA drei mal mehr gewachsen als die Bevölkerungszahl.

Bei einer Entwicklung wie derzeit wird erwartet, dass die gesamte durchschnittliche km bis 2030 um 59% steigt. Der Hauptgrund: die Siedlungsentwicklung. Jegliche Bemühungen in Richtung effizientere Fahrzeuge, neue Treibstoffe etc. würde damit den Einsparungseffekt jedenfalls in die falsche Richtung überkompensieren. Daher ist klar, dass es strukturell greifende Maßnahmen braucht.

Die Autoren des Berichts haben kalkuliert, dass eine kompatkere Siedlungsentwicklung in der Zukunft die zurückgelegten Fahrleistung um 12 – 18 Prozent und die CO2-Emissionen um 7-10 Prozent reduzieren könnte. Das Potential ist enorm, der zwei Drittel der Immobilien für das Jahr 2050 sind noch nicht errichtet worden.

Es ist jedenfalls erfreulich, dass angesichts der Klimadebatte und der Ölpreisentwicklung auch in den USA über strukturelle Fragen der Stadtentwicklung diskutiert wird. Das Problem des Urban Sprawl ist aber kein spezifisch nord-amerikanisches Problem, sondern eigentlich ein weltweites. Städte (sofern diese Bezeichnung gerechtfertigt ist) wie Los Angeles sind aber symbolisch für die klassische Siedlungsentwicklung in vielen Regionen der USA. Aber: es gibt einen anderen Weg und dafür steigt derzeit das Bewußtsein.

Hier eine Videodokumentation von Reid Ewings Rede.

Einige seiner Folien, die auch Methode und den sog. Sprawlometer erklärt, ist hier zu finden.