Strategische Fehlkalkulationen und manch Déjà-Vu

12 10 2010

Mit terminbedingter leichter Verspätung folgt heute meine Nachbetrachtung der Wien-Wahl. Ich gestehe, dass mein Tipp signifikant vom Ergebnis abgewichen ist, insbesondere die FP liegt einige Prozentpunkte über meiner Prognose; die anderen Parteien leicht darunter.
Das Ergebnis wird sich noch etwas ändern mit den Wahlkarten; insbesondere in einigen Bezirken ist es noch sehr knapp; in der Josefstadt liegen z.B. SP und Grüne bei Platz 2 um nur zwei Stimmen auseinander.

Was kann man aus der Gemeinderats-Wahl (nur darauf beziehe ich mich) mitnehmen:

SP: The wrong battleground
Wie schon andere Blogs und Zeitungsanalysen erläutert haben, hat die SP-Strategie nicht gegriffen. Auf den “Kampf um Wien” mit Strache einzusteigen hat zumindest in dieser Form massive Verluste in den großen Bezirken Favoriten, Simmering, Floridsdorf und Donaustadt gebracht – bei zugleich massiven Zugewinnen der FPÖ. Hingegen konnte die SP in kleineren Bezirken – va innerhalb ders Gürtels bei der GR-Wahl sogar leicht zulegen. Auf Kosten der GRÜNEN übrigens. Quantitativ gedacht müssten die Stimmenanteile in den großen Bezirken der SP jedoch mehr wert sein. Sie hat sich mit ihrer Strategie das falsche Schlachtfeld ausgesucht – oder schlicht verkalkuliert.
In der Graphik (zum vergrößern klicken) sieht man, wie groß die Unterschiede sind. Das hat natürlich viel mit Milieus und sozialen Gruppen zu tun. Aber nur zum Vergleich und den Prioritäten: die rund 4.500 Stimmen, die die SPÖ mit ihren derzeit rund 38% in Wieden (4. Bezirk) insgesamt holen wird, entsprechen in absoluten Stimmen ungefähr dem Verlust, den sie im Simmering von 2005 auf 2010 (-12,78%) eingefahren hat.
Auch das Stimmensplitting zwischen Gemeinde und Bezirk ist interessant, wiewohl nicht neu. Nochmal Wieden. Dort haben 37,98% (+3,47%) nach aktuellem Stand die SPÖ für den Gemeinderat die Stimme gegeben; aber auf Bezirksebene nur 29,01% (-0,34). Die WählerInnen differenzieren also insbesondere in den inneren Bezirken sehr genau. (und sind für taktisches Wählen anfällig)

Jetzt ist es natürlich so, dass die SP diese Prioritätensetzung nicht absichtlich vollzogen hat. Die gesamte Strategie mit Volksbefragung, Gemeindebau-Mediation etc. hat aber zu spät gegriffen, und ist bei weitem nicht ausreichend, um die große Schnittmenge SP-FP zu eigenen Gunsten zu beeinflussen. Letztlich geht es auch um politische Versäumnisse und nicht nur um politische Kampagnenfehler.

ÖVP: “catch all” geht nicht
Dass die Wiener ÖVP nach ihrem Wahlkampf nicht zulegt, war absehbar. Dass sie derart runtersackt ist jedoch dennoch erstaunlich. Da Wolfgang Schüssel im Jahr 2002 bei der Nationalratswahl im Wien über 30% erzielt hatte, geh ich davon aus, dass dies dem erweiterten Potential entspricht. Dass die VP in Wien unter 15% fällt, schien mir nachgerade unmöglich. Auch mit Wahlkarten wird sie wohl drunter bleiben. Schüssel war der einzige, der -die Schwäche seines Koalitionspartners nutzend – die Kluft zwischen rechter Flanke und urban-liberal kurzzeitig (!) überbrücken konnte. Das konnte davor lange keiner, und danach ebenso. Einer Wiener Stadtpartei ist diese Strategie absolut abzuraten. Marek zwischen Fekter und ich sag mal Busek zu positionieren, konnte nicht gut gehen.
Über Fehler und Pannen im VP-Wahlkampf wurde schon andernorts genug geschrieben. Aber nehmen wir die Plakate: Sie sind nicht entscheidend, aber Ausdruck einer gesamtstrategischen Aufstellung und Fokussierung. Und daran hat es eben gemangelt.

Die Fehleinschätzung mit Promi-Kandidaten
Bleiben wir bei der VP. Die vorläufige Zählung der Vorzugsstimmen zeigt auch, dass das Kalkül mit den Promi-Kandidaten bei der VP nicht aufgegangen ist. Wie so oft, muss man anmerken. Promi-Kandidaten bringen nur dann was, wenn sie ihre Profil auf breiter medialer Ebene in ausreichend Zeit wirklich über die Rampe bringen können. Oder wenn sie Zielgruppen und Communites gezielt und mit entsprechenden Mitteln ansprechen können.
Wenn Schwimmer Dinko Jukic derzeit 217 Stimmen für den Stadtwahlvorschlag und 112 für den seinen Wahlkreis Meidling aufweist, ist was ordentlich schief gegangen. Er konnte offenbar weder Communities erreichen noch allgemein überzeuen. Der Promi-Bonus allein bringt´s nicht. Netzwerken ist Arbeit, die Ressourcen, Zeit und die richtigen Personen dafür braucht.
Auch Gerhard Tötschinger kommt nur auf 130 bzw. 116 Vorzugsstimmen derzeit. Wenn man dieses bekannte Gesicht aufstellt, muss man ihn gezielt platzieren, d.h. jeden Tag in einem Seniorenheim, in konservativen Bezirken oder wo auch immer er wen ansprechen sollte, auftreten lassen. Dies wurde offenbar verabsäumt.
Ob es sich gelohnt hat, die als kompetent geltende türkei-stämmige Sirvan Ekici durch Jukic zu ersetzen, kann angezweifelt werden. Es braucht Zeit, bis man sich in der Politik etablieren kann und Netzwerke aufgebaut hat.
Andere Community-Kandidaten waren übrigens durchaus erfolgreich, va bei der SPÖ.

Die grüne Schwäche in den Flächenbezirken
Bei den GRÜNEN ist auffällig, dass auch sie ihre große Schwäche weiterhin in den Flächenbezirken haben. Ich habe daher die Zuwächse von 2001 auf 2005 mit den weiteren Trends zwischen 2005 und 2010 verglichen, ausgehend davon, dass man die längerfristige Entwicklung im Auge haben muss.
Zwischen 2001 und 2005 hat es in allen Bezirken bei der GR-Wahl ein Plus gegeben. Die geringsten Zuwächse in den Bezirken Favoriten (+0,64%), Simmering (+1,03%), Floridsdorf (+0,52%) und Donaustadt (+0,86) – also justament in den bevölkerungsreichsten Bezirken.
Nach aktuellem Stand hat es von 2005 auf 2010 in allen Bezirken bei der GR-Wahl Verluste gegeben. Aber in den meisten Bezirken sind diese signifikant geringer ausgefallen als die Zugewinne bei der letzten Wahl. Mit einigen Ausnahmen. Genau: Favoriten (-2,19%), Simmering (-1,88%), Floridsdorf (-2,14%), Donaustadt (-2,59%). (Anm. leichte Änderungen durch die Wahlkarten möglich)
Nun hat das natürlich auch mit der gestiegenen Wahlbeteiligung durch – in diesen Bezirken starken – FPÖ-Wähler zu tun, aber es zeigt – wie schon in vielen anderen Wahlgängen – die Probleme der GRÜNEN mit ihrer Wählerstruktur. Wie damit umgegangen wird, wird noch spannend.

Der Gender Gap bei den Jungen
Sehr interessant auch der Gender Gap bei den jüngeren WählerInnen-Gruppen. Zuerst kann man sehen, dass die FPÖ bei der Wien-Wahl einen doch deutlich geringeren Anteil bei den Unter-30Jährigen hat als bei der letzten Nationalratswahl. Damals waren es laut Fessel-Gfk Wahltagsbefragung 33% (siehe Beitrag auf guensblog); diesmal sind es laut SORA/ISA-Wahltagsbefragung 23%. Deutlich stärker in Wien ist die SPÖ, aber auch die GRÜNEN haben in Wien einen höheren Anteil bei den Jungen.

Nicht minder interessant der Gender Gap, der bei den ganz Jungen zu sehen ist. SORA hat 1000 Jugendliche zwischen 16 und 20 knapp vor der Wahl befragt und man sieht den enormen Unterschied zwischen jungen Frauen und Männern bei der FPÖ und den GRÜNEN. 30% der jungen Frauen wählen grün, aber nur 14% dieser Gruppe die FPÖ. Anders bei jungen Männern. Hier wählen 25% die FPÖ und 15% die GRÜNEN. Bei den anderen Gruppen ist die Verteilung eher unentschieden.
Dass die FPÖ tendentiell eine Männerpartei ist, und die GRÜNEN eine Frauenpartei, war schon früher so; das Muster hatte sich aber zwischenzeitlich aufgelöst.
(Weitere Ergebnisse der Wahltagsbefragung und der SORA-Studie sind online zur Verfügung)

Kampagnen wie die “Schwarz macht geil”-Linie der ÖVP samt Geil-O-Mobil bringen also offenbar wenig bis nichts. Den unterschiedlichen jugendlichen Wähler-Gruppen geht es wohl weniger um jugendliche Kandidaten und derartige “Ich bin einer von Euch”-Sonderprogramme als darum, Bezugspunkte zu den Spitzenkandidaten der einzelnen Parteien und ihrer Politik herzustellen.

Der heutige Tag wird übrigens spannend. Zwischen geschätzt 80.000 und 90.000 Wahlkarten werden ausgezählt. Es ist noch einiges in Bewegung.

Advertisements




Wahlberechtige nach Altersgruppen am Beispiel OÖ

26 09 2009

Ich finde ja dieses Bild schon sehr aussagekräftig. Es bezieht sich auf die Altersentwicklung der Wahlberechtigen in OÖ. (click to enlarge)

wahlberechtigte_ooe_81_2030Quelle: Land Oberösterreich

Begriffe wie “Überalterung” halte ich für falsch. “Über 60 jährige” sind auch nicht gleich alte Menschen, denn unser gesellschaftliches Verhältnis zu Alter hat sich geändert bzw. wird sich noch weiter ändern. Aber es gibt schon einleuchtende Argumente, die z.B. für (geregelte) Zuwanderung sprechen.

Auch die Bevökerungspyramide (1997-2009-2020) in OÖ ist einen Blick wert: (click to enlarge)

ooe_pyramideQuelle: Land Oberösterreich





Faszinierend! Der Electoral Explorer der NY Times

8 05 2009

Ein ganz wunderbares Instrument für US-Wahlanalysen ist auf der Website der NY Times zu finden. Der Electoral Explorer, der eine Reihe von statistischen Daten US-amerikanischer Counties mit den Wahlergebnissen matched. Mit einem Schieberegler kann man die einzelnen Parameter verfolgen; die Übergange sind exzellent dargestellt, sodass auch differenzierte Analysen möglich sind.

electoral_explorer

Ein paar Eindrücke auf die schnelle:

  • Ganz signifikant und relevant: je höher die Bevölkerungsdichte, also städtischer das Gebiet, desto besser schneiden die Demokraten ab. Dies war schon bei den letzten Wahlen zu beobachten. Meines Erachtens wird das Stadt/Land Gefälle bei uns immer noch in der Wahlanalyse unterschätzt.
  • Klar: Je höher der Anteil der “black population”, desto eindeutiger das Ergebnis für Barack Obama. Ähnlich – wenn auch in etwas geringerem Verhältnis ist es bei der “hispanic population”
  • Durchwachsen ist das Ergebnis bei den unterschiedlichen Anteilen katholischer Wähler. Hier gibt es regionale Unterschiede. Sehr grob könnte man sagen, bei vergleichsweise sehr geringem und sehr hohem katholischen Anteil ist jeweils McCain stärker gewesen; im mittleren Bereich jedoch Obama.
  • Deutlich klarer ist der Trend natürlich bei den Southern Baptists. Je höher der Anteil, desto klarer die Präferenz für die Republikaner.
  • povertyIn den von Armut stark betroffenen Counties gibt es klare Präferenz für die Demokraten. Interessanterweise sehr ausgeglichen ist der Anteil bei den unterschiedlichen Einkommensstufen. Im obersten Segment also Counties mit hohem Prozentsatz von Spitzenverdienern ist Obama etwas stärker, aber insgesamt gibt es vergleichs wenig Unterschiede, abgesehen von sehr unterschiedlichen Zahlen in einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen.
  • hoher_anteil65plusAuch altersmässig interessant. In jenen Wahlkreisen mit einem hohem Anteil der 65+ Generaton, ist Mc Cain stärker, jedoch nicht so deutlich, wie ich es vermutet hätte.

Die Graphiken mit dem wunderbaren Schieberegler sind übrigens auch unabhängig von der Rot- oder Blaufärbung faszinierend.

Das und viel mehr ist wie auf der NY Times Election Results  Website zu verfolgen.

Dank an Alex Ostleitner für den Facebook-Link.





Misstrauen in den Vertrauensindex

19 04 2009

Beim wochenendlichen Durchlesen einiger ausgerissener Artikel dieser Woche, fällt mir noch die Berichterstattung über den APA OGM-Vertrauensindex Wiener Politiker auf. (siehe auch Standard online oder Presse online)

wien20090417184527Das Prinzip der Vertrauensindices für Politiker ist einfach und wird auch oft bundespolitisch angewandt. Diesmal gehts aber um Wien. Für diesen aktuellen Vertrauensindex wurden rund 400 Wienerinnen und Wiener ab 16 Jahren telefonisch mit dieser Frage konfrontiert: “Vertrauen Sie xy oder vertrauen sie xy nicht oder kennen Sie xy nicht?” Aus den Werten wird dann der Saldo gebildet, der für das Ranking herangezogen wird. Die Schwankungsbreite liegt laut OGM bei fünf Prozent.

In diesem Fall sieht man also, dass Häupl deutlich führt, aber seit 2005 verloren hat; Renate Brauner deutlich an Vertrauen zulegen konnte. Und Strache mehrheitlich kein Vertrauen geniesst.

(Quelle: APA/Die Presse)

Eines der Probleme dabei: der Bekanntheitsgrad wird nicht angegeben. Klar, Häupl und Strache kennen fast alle. Aber wer kennt Isabella Leeb? (Stadträtin VP) Und wer Siegi Lindenmayr? (neuer SP-Klubobmann)

Kaum jemand außer Journalisten und Polit-Insider, behaupte ich mal  – ohne großen Mut für diese These aufbringen zu müssen.

Gehen wir davon aus, dass ca. 5 Prozent der WienerInnen Stadträtin Leeb kennen? Das sind bei einem sample von 400 dann also 20 Personen.  Bei Lindenmayr sind es vielleicht 10 Prozent und 40 Personen. Ein völlig irrelevantes Sample für eine ansatzweise angemessen Beurteilung.

Wobei generell zu hinterfragen ist, welche Rückschlüsse man aus einem Vertrauensindex zieht. Zu Strache haben im Saldo 34 Prozent der Befragten kein Vertrauen. Interessanter wäre das Bruttoverhältnis, also wieviel vertrauen ihm, wieviele nicht. Das Ergebnis wäre wohl eine hohe Polarisiserungswirkung. Also viel Zustimmung und zugleich noch höhere Ablehnung. Aber erkennen kann man das nicht auf Basis der veröffentlichten Daten.

Ein anderes Beispiel: Wenn bei den GRÜNEN, Vana, Vassilakou und Ellensohn, z.B. Werte von -1 bis -5 stehen: heisst das, dass sie

  • entweder kein Mensch kennt, oder
  • sie gekannt werden, aber den Befragten egal sind, oder
  • viele Menschen sie kennen, und sie geliebt und zugleich gehasst werden, was netto wiederum Werte rund um Null ergibt?

Alles ist möglich. Mit den medial preisgegebene Informationen ist also wenig anzufangen. Allein bei jenen Politikern, die seit 2005 (letzte derartige Umfrage) sehr bekannt sind, sind Vergleiche und Trends abzulesen, also bei Häupl (signifikantes Minus) oder Brauner (signifikantes Plus).

Große Erkenntnisse aus diesen Daten sind jedoch jedenfalls Spekulation. Schade drum eigentlich.





Feine Animation. Zur Darstellung von Umfragen…

17 02 2009

In Österreich wird a meiner Meinung nach recht schlampig mit Umfragen umgegangen. Insbesondere die recht kurzfristigen Abfragen mit bspw. 400er samples sind – im gewählten Design – meist kaum aussagekräftig. Die Ausweisung von Samples erfolgt in manchen Medien oft gar nicht; die Auswertung von Subgruppen bzw. gekreuzten Auswertungen wird meist nicht mehr mit den Erhebungsdaten (Anzahl der Personen) versehen. Der teils gezielten Fehlinterpretation wird Tür und Tor geöffnet, was natürlich nicht pauschal gelten soll.

Sehr gut gefällt mir hingegen die Flashanimation der Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland. Hier sind z.B. die Sonntagsfrage-Daten von Anfang Februar (n=2000) dynamisch ausgewertet. D.h. ich sehe extrem übersichtlich und spielerisch z.B. die demographische Verteilung der einzelnen Wählergruppen nach Parteien, oder auch berufliche Segmentierung, Ost/West Gefälle etc. Fein ist, dass man bei jeder Anwendung gleich die Gruppengrösse erfährt. Wenn ich z.B. sehe, dass 20% der grünen WählerInnen über 60 Jahre als sind, habe ich gleich die Information mitgeliefert, dass es sich um 30 Personen handelt, die in diese Gruppe reinfallen, was natürlich die Repräsentativität beeinflusst. Auch die Differenzierung zwischen “allen Befragten” und “Befragte mit Parteipräferenz” ist relevant, sodass auf Nichtwähler und Unentschlossene Rückschlüsse gezogen werden können.

bpb_infratest2Fein auch, dass man alle Daten direkt mit den Bundestagswahlen 1998, 2002 und 2005 vergleichen kann. Interessant z.B., wie sehr “Die Linke” immer mehr zur Männerpartei wird. (derzeit über 60% Männeranteil), während Grüne konstant leicht überproportional mehr weibliche WählerInnen haben.

“Wer wählt was” ist eine Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung mit infratest dimap/ARD DeutschlandTREND und der Köln International School of Design

Gut wäre noch, wenn man die einzelnen Gruppen nach Parteipräferenz darstellen könnte, also nicht nur, wieviele Prozent der Grünen sind über 60 Jahre alt, sondern wieviele der über 60jährigen wählen Grün.

Wäre schön, wenn es so ein Projekt auch in Österreich gäbe. SORA macht zwar die Flashanimationen für die Wählerstromanalysen, aber für die Entwicklung der Sonntagsfrage habe ich vergleichbares im Netz noch nicht gesehen. Falls es das doch gibt, wäre ich für Information dankbar.

via Netzpolitik.org






Neuwahlen = höhere Wahlbeteiligung?

10 10 2008

Dem Motto folgend, dass fachliche Selbstgeißelung nicht nur Übel bringt, will ich kurz einen meiner großen Irrtümer vor dieser Wahl reflektieren. Die Annahme, dass die Wahlbeteiligung signifikant sinken würde, war total falsch. Ich hatte damit gerechnet, dass eine Art Politikverdrossenheit und die Unsicherheit vieler Wähler, dazu führt, dass viele einfach nicht zur Wahl gehen.

So blieb es dann eine der großen Überraschungen, dass die Wahlbeteiligung diesmal nicht gesunken ist. Ein interessantes Phänomen: Ein Blick auf die Nationalratswahlen der letzten Jahrzehnte zeigt, dass es sogar meist so ist, dass bei Neuwahlen – also vorgezogenen Wahlgängen – die Wahlbeteiligung höher war als davor. Bei der Wiederwahl 1995 war das frappant der Fall (damals sind auch die Grünen arg abgestürzt); 2002 war das so und jetzt – in schwächerem Ausmaß – wieder. Der generelle Trend zeigt natürlich abwärts, aber dennoch gibts eben Brüche (siehe rote Linien)

(click auf´s bild für volle größe)

Folgende Erklärungen könnte es geben:

1. Neuwahlen geht meist ein schwerwiegender politischer Konflikt voraus – das hilft den beteiligten Parteien bei der Mobilisierung.

2. Wahlkämpfe werden dadurch emotionaler. Es ist leichter vermittelbar, dass es “diesmal” (aber ganz wirklich) um was geht. Politik ist was emotionales – auch wenn das nicht alle Parteien immer vermitteln können.

3. Wenn es ein Auffangbecken für Proteststimmen gibt, wird die allgemeine Zufriedenheit mit der Politik eben dort ausgedrückt – siehe NR-Wahl 2008. Geht auch leichter, wenn eine Regierung krachen gegangen ist.

4. Die Briefwahl stellt natürlich ein zusätzliches Instrument dar, doch zu wählen. Ob es wirklich signifkant dazu beiträgt, dass die Wahlbeteiligung nicht sinkt, ist schwer zu sagen. Aber zumindest ein kleiner Teil dürfte 2008 drinnen stecken.

Ob der Zusammenhang Neuwahl = höhere Wahlbeteiligung auch für die Zukunft gilt, lässt sich daraus kaum ableiten. Aber die Annahme Neuwahl = geringe Wahlbeteiligung war definitiv falsch. Interessant übrigens ist zu sehen, wie selten die volle Legistlaturperiode ausgeschöpft wird. (umso skurriler wirkt die Ausdehnung auf 5 Jahre…)





Jugend wählt blau! Bedauerlich, aber nicht neu.

3 10 2008

Viel wird derzeit darüber diskutiert, wie es passieren kann, dass so viele Jugendliche bei der Nationalratswahl FPÖ gewählt haben. Sowohl die SORA-Wahlanalyse wie auch Gfk haben die FPÖ bei den Werten der “Unter 30-jährigen” vorne. Für viele ist das ein Schock. Ua.  Standard Online und die aktuelle Ausgabe der Zeit halte ich für lesenswert.

WIe immer, empfehle ich jedoch einen Blick auf die längerfristigen Entwicklungen der Stimmenanteile. Die Erkenntnis daraus: So neu ist das nicht! Schon bei Haider´s über 20% Ergebnissen in der 90er Jahren war das so. Damals hatte die FPÖ in dieser Altersgruppe 35%. Neu ist hingegen, dass BZÖ und FPÖ gemeinsam noch mehr rausholen.

Für Vollansicht Graphik anklicken! (Quelle: Gfk Wahltagsbefragungen: Daten 86-06: Plasser/Ulram: Wechselwahlen. Analysen zur Nationalratswahl 2006; Daten 2008: Presse 30.9.)

Ein mehr als betrübliches Signal ist das Ergebnis hingegen für SPÖ und Grüne.

  • Für die SPÖ, weil sie einen deutlichen Schwerpunkt auf den Jugendwahlkampf mit Laura Rudas an der Spitze gesetzt hat. Hier ist es nicht gelungen, die Zielgruppe zu überzeugen. Offenbar war es viel leichter, in der Opposition bei der letzten Wahl zu punkten.
  • Für die GRÜNEN, weil sie in dieser Gruppe zuletzt signifikant bessere Werte hatte (bei der letzten Wahl über 20%) als in allen anderen Altersgruppen. Und diesmal hat sie anteilsmäßig deutlich mehr bei unter 30-Jährigen verloren als in den anderen Alterskategorien. Ein Zeichen dafür, dass die GRÜNEN neue Wege, Kommunikationskanäle und auch Personen brauchen, um die Zielgruppe zu erreichen. Ein Nachdenken muss insbesondere darüber einsetzen, wie man diese Altersgruppe in Milieus erreicht, die nicht von vornherein grün-affin sind. Also nicht nur Alternatives und Indies.